Skip to main content

Full text of "Die Musik 04Jg, 3Q, Bd.15, 1904-1905"

See other formats


DIEMUSIK 

ILLUSTRIERTE HALBMONATSSCHRIFT 

HERAUSGEGEBEN VON KAPELLMEISTER 

BERNHARD SCHUSTER 



VIERTER JAHRGANG 

DRITTER QUARTALSBAND 

BAND XV 



T'flVWlff' 



VERLEGT BEI SCHUSTER & LOEFFLER 
BERLIN UND LEIPZIG 

1904—1905 



Digitized by 



Google 



Mus 13.34 




Digitized by 



Google 



INHALT 



Scire 

Paul Mars op, Die soziale Lage der deutschen Orchestermusiker 3. 83. 352 

Frledrich Kerst, Beethoven im eigeoen Wort 14 

Dr. Hermann Stephani, Der Stimmungscharakter der Tonarten 20 

E. van der Straeten, Streiflichter auf Mendelssohns und Schumanns Beziehungen zu zeit- 

genOssischen Musikern 25. 105 

Rudolf M. Breithaupt, Sub specie aeternitatis. Ein Schiller- Prologos zur Wiedergeburt 

des klassischen Geistes in der deutschen Musik 147 

Wolfgang Golther, Schiller und Wagner. Bayreuther Betrachtungen 156 

Dr. Maximilian Runze, Schiller und die Balladenmusik 175 

Dr. Richard Hohenemser, Schiller als Musikftsthetiker 192 

Henry T. Finck, Bedeutende amerikanische Komponistcn 227 

Arthur Laser, Musikleben In Amerika 244 

Felix Weingartner, Amerika. Eine zwanglose Plauderei 257 

Dr. Martin Darkow, Stephen C. Foster und das amerikanische Volkslied 268 

Zum 41. Tonkflnstler-Fest des Allgemeinen Deutschen Musik-Vereins in Graz 307 

C. Fr. Glasenapp, Richard Wagner als Jyrischer* Dichter 337. 387 

Ernst Challier, Die Wirkung des Urheberrechts vom 10. Junl 1001. Eine statistische 

Skizze 400 

Hugo Con rat, Georges Bizet als Lehrer. I. 406 

Wilhelm Tappert, Die ftsterreichische Nationalhymne . . . . 415 

Hermann Erler, Robert Franz zum 00. Geburtstag 417 

Erich Kloss, Julius Kniese f 426 




Besprechungen (Bflcher und Musikalien) 

Revue der Revueen 

Umschau 

Eingelaufene Neuheiten 

Anmerkungen 



. . 35. 114. 204. 281. 427 
. . 42. 118. 208. 285. 432 
. . 45. 120. 210. 287. 435 

462 

80. 144. 224. 304. 384. 464 



Digitized by 



Google 



INHALT 



Seite 

Antwerpen 49 

Berlin . 49. 216. 292. 440 

Bern 440 

Braunschweig .... 292 

Bremen 49. 217 

Breslau 125 

Brflnn .... 125. 379 

Brflssel 50 

Budapest 50 

Charlottenburg ... 50 

Chemnitz 125 

Darmstsdt 293 

Dessau 125 

Dortmund 125 

Dresden 51. 126 

Dflsseldorf 52 

Elberfeld ... 126. 440 

Erfurt 441 

Essen 126 



Kritik (Oper) 

Selte 
Frankfurt a. M. 52. 1 26. 293. 379 

Freiburg i. B 126 

Graz 217 

Haag 52 

Hamburg 126 

Hannover 52 

Johannesburg .... 293 

Karlsruhe 52 

Kassel 52 

Kftln . . 52. 127. 293. 379 
Kftnigsberg i. Pr. . . 53. 441 
Kopenhagen .... 441 

Leipzig . . . . . . 218 

London ...... 53 

LObeck 441 

Luzern 53 

Magdeburg 127 

Mainz 293 



Selte 
Mannheim . . . .53. 442 

MOnster i. W 442 

New York . . . . 54. 127 
Paris .... 54. 128. 442 

Petersburg 443 

Posen 128 

Prag . . . .128. 379. 443 

Reval 443 

Rosario 54 

Rostock 129 

Schwerin i. M. ... 219 

Stettin 129 

Strassburg i. E. . . . 55. 379 
Stuttgart .... 55. 444 

Warschau 444 

Weimar 129 

Wien 55. 219 

Wflrzburg 129 

ZOrich 294 



Seite 

Antwerpen . . • .56. 444 

Baltimore 294 

Barmen 130 

Bayreuth 380 

Berlin . 56. 130. 220. 380 

Bern 444 

Boston 59 

Braunschweig .... 444 

Bremen 60. 445 

Breslau 133 

Brieg 134 

Brflnn .... 134. 445 

Brflssel 60. 445 

Budapest 61 

Chemnitz ... 134. 446 

Chicago 295 

Cincinnati 61 

Coburg 446 

Coethen ...... 446 

Danzig 135 

Darmsudt 447 

Dessau 135 

Dortmund 135 

Dresden 62. 136 

Dflsseldorf 63 

Eisenach 447 

Elberfeld . . . 136. 448 

Erfurt 448 

Essen 136 

Frankfurt a. M. 63. 136. 449 



Kritik (Konzert) 

Seite 

Freiburg i. B 137 

Genf 137 

Giessen 449 

Glssgow 138 

Goslar 64 

Haag 64. 450 

Hamburg 138 

Hannover . . . . 65. 451 

Heidelberg 139 

Jena 65 

Johannesburg .... 295 

Karlsbad 451 

Karlsruhe 66 

Kassel 67 

Kftln .... 67. 139. 451 
Kftnigsberg i. Pr. . . 68. 452 
Kopenhagen .... 452 

Krakau 139 

Leipzig ... 68. 139. 382 

Liverpool 140 

London 69. 296 

LQbeck 453 

Luzern 70 

Madrid 453 

Mainz 453 

Manchester 70 

Mannheim . . . .70 454 

Melbourne 296 

Milwaukee 299 

Moskau 454 

Mflhlheim a. R. . . . 454 



Seite 

Mflnchen . . 71. 140. 383 

Mflnster i. W 454 

New York .... 71. 300 

NOrn berg 455 

Paris .... 73. 222. 455 

Petersburg . . . .75. 456 

Pforzheim 457 

Philadelphia .... 75 

Posen .... 141. 457 

Prag 141. 457 

Rheydt 457 

Riga 458 

Rosario 76 

Rostock 141 

Rotterdam 458 

Schwerin i. M. ... 458 

Sonderburg 458 

Stettin 142 

Stockholm 77 

Strassburg i. E. . . 77. 458 

Stuttgart 78. 460 

Teplitz-SchOnau ... 142 

Warschau 460 

Weimar 142 

Wien 78. 143 

Wiesbaden .... 79. 460 

Wflrzburg . . . 143. 461 

York 303 

Zabern i. E. .... 461 

ZOrich 461 



Reproduktionen im Text 



Schiller- Portrit v. J. V. Cissarz , 



Selte 
174 



Digitized by 



Google 





DIE MUSIK 



^F 



^□£ 




Was soil nicht sites Mcinc Ssche seinl Vor tllem die 
gute Ssche, dann die Sache Gottes, die Ssche der Mensch- 
heit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanirat, der Ge- 
rechtigkeit; ferncr die Ssche Meines Volkes, Meines 
Fursten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Ssche des 
Geistes und tausend andere Sachen, Nur M e i n e Sache 
soil niemals Meine Ssche sein. .Pfiu iiber den Egoisten, 
der nur an sich denkt!* OOOOOOOOOO 

Ms* Stimer 
(Der Einzife und tela Eicentum) 



<^= 



^? 



sag 



^ 




IV. JAHR 1904/1905 HEFT 13 

Erstes Aprilheft 

Herausgegeben von Kapellmeister Bern bard Schuster 

Verlegt bei Schuster & Loeffler 
Berlin und Leipzig 



saeiag: 




Digitized by 



Google 




Paul Marsop 
Die soziale Lage der deutschen Orchestermusiker. I. 

Friedrich Kerst 

Beethoven im eigenen Wort 

Dr. Hermann Stephani 
Der Stimmungscharakter der Tonarten 

E. van der Straeten 

Streiflichter auf Mendelssohns und Schumanns 
Beziehungen zu zeitgenossischen Musikern. I. 

Besprechungen (Bucher und Musikalien) 

Revue der Revueen 

Umschau (Neue Opera, Aus dem Opernrepertoire, 
Konzerte, Tageschronik, Totenschau) 

Kritik (Oper und Konzert) 




Digitized by 



Google 





I. 

[n einem Kreise von Munchner Burgern — samtlich gereiften, 
besonnenen, angesehenen Minnern — wurde fiber Wohl und 
Wehe der deutschen Orchestermusiker gesprochen. Ein Ver- 
treter dieses Standes war nicht zugegen. Der AltersprMsident 
der Gesellschaft verhielt sich lange schweigend. Von verschiedenen Seiten 
gedringt, seine Meinung nicht in sich zu verschliessen, sagte er endlich: 
,Ich will euch ein vom Generalmusikdirektor Lachner stammendes Wort 
ins GedSchtnis zuruckrufen: ,Hungrige Hunde jagen gut*!* Uns alien schoss 
das Blut in die Wangen, und heftige Ausrufe der Empdrung wurden laut. 
,Auch wirklich keine Anekdote?" warf jemand ein. Der ehrenfeste Herr 
sah ihn mit einem Blick an, vor dem jeder Zweifel erstarb. Damals fasste 
ich den Vorsatz, der gerechten Sache der Orchestermusiker zu dienen, so 
gut ich es irgend vermochte. So schickte ich mich zu dem Versuch an, 
vor der breiten Offentlichkeit ein Bild der sozialen Lage dieser weit- 
verzweigten Kunstlerscharen zu entwerfen, in getreuer Wiedergabe der 
Linien, in denen es sich heute dem Kundigeren darstellt. Nicht die Be- 
muhungen Einzelner: nur der unwiderstehliche Druck der grossen dffent- 
lichen, wahrheitsgemiss unterrichteten, in klar ausgesprochenem Willen 



Anmerkung. Was ich bier darstelle, 1st erlebt, nicht zuaammengeklittert 
Auch hab' ich fur empflndende Menachen geachrieben, nicht f&r ganz- oder halb- 
wissenscbaftlich ausstafflerte Spftbneklauber. Aus Not und Elend drecbselt man keine 
Doktorfragen. 

Insgleichen bedingte es die RQcksicht auf den beachr&nkten Raum, den eine 
mannigfacben Intereaaen dienende Zeitschrift ffir die Erdrterung einer Materie allein 
znr Verffigung atellen kann, daaa ich mich vorertt auf ein Zuaammenfasaen des 
acblecbterdinga Uoentbehrlichen beachrinkte. In Obereinatimmong mit der verehr- 
lichen Redaktion der w Muaik M werde ich spiter, analog der in dieser Zeitschrift ge- 
gebenen Bebandluog des Tbemaa .Vom Muaikaaal der Zukunft", auch unter der obigen 
Oberacbrift freie periodiacbe Fortaetzungen der vorliegenden Arbeit bringen, in denen 
mancbe AoafSbrungen und Folgerungen nacbzutragen — und in denen hoffentlich 
viele erfreulicbe Botacbaften mitzuteilen, entacbeidende Wendongen zum Guten zu 
verzeichnen aein werden! Der Verfasaer 



Digitized by 



Google 




4 
DIE MUSIK IV. 13. 




nicht zu beugenden offentlichen Meinung kann auf diesem Gebiet Wandel 
schaffen. Darum gilt es in weiten Kreisen das Bewusstsein zu wecken, 
dass hier eine bedeutsame soziale Pflicht zu erfullen 1st. 

Ein mir nahestehender Freund, der selbst auf dem Felde sozialer Fur- 
sorge viele Jahre hindurch eifrig und hdchst erfolgreich tatig war, brachte 
schwerwiegende Bedenken vor, als ich ihm yon meinem Vorhaben sprach. 
Es sei doch recht ernstlich zu erwSgen, ob solche f&r eine weite Ver- 
breitung bestimmten, wenn auch mit peinlicher Strenge im Bereich des Tat- 
sichlichen festgehaltenen Erdrterungen nicht mehr Schaden stiften als 
Nutzen bringen wurden. Ob auch, das tief Beklagenswerte aller unstreitig 
yorhandenen Missstande und Ungerechtigkeiten zugegeben, in Anbetracht 
der nicht ubermSssig gunstigen wirtschaftlichen Verhiltnisse unserer Tage, 
im Hinblick auf den Sondercharakter nicht weniger mit finanziellen Schwierig- 
keiten kimpfender BGhnen, Konzertinstitute und Vergniigungsanstalten gegen- 
w§rtig die zur Herbeifuhrung einer durchgreifenden Besserung erforderlichen 
materiellen Mittel aufgebracht, zur Verf&gung gestellt werden kdnnten. 
Und ob, wenn sich derartige Mittel zurzeit nicht flussig machen liessen, 
die einmal angefachte, mit Naturnotwendigkeit sich rasch uberallhin fort- 
pflanzende Diskussion nicht das unerwunschte Ergebnis zeitigen mdchte, 
dass eine betrichtliche Anzahl sich seither kummerlich aber resigniert 
durchs Dasein schlagender Musiker den unheilbar verbitterten, in offenem 
oder heimlichem Kampf gegen die bestehende Staats- und Gesellschafts- 
ordnung anstQrmenden Elementen zugetrieben wurde. 

Diese Bedenken waren keineswegs leicht zu nehmen. Wer wihrend 
der letzten zwanzig Jahre aufmerksam den mannigfachen Bestrebungen 
folgte, die darauf abzielten, das Los der wirtschaftlich Schwachen zu ver- 
bessern, der musste mit Bedauern wahrnehmen, dass hier in bester, dort 
in nicht immer loblicher Absicht auch folgenschwere Fehlgriffe begangen 
wurden. Nur ein typisches Beispiel: junge, ehrgeizige Privatdozenten der 
Volkswirtschaftslehre, die sich schnell einen Namen machen wollen, ent- 
decken uber Nacht in sich eine warme Neigung zu einer sonderlich 
bedruckten und hilfsbedurftigen Berufsklasse. Sie wissen sich nichts 
Besseres, als an alle erreichbaren Mitglieder dieses Standes riesige, mit 
eittem hochst verwickelten Schema yon Fragen bedeckte Bogen herum- 
zuschicken — Fragen, die nach lnhalt und Ausdrucksweise derartig zurecht- 
gestutzt sind, dass sie in ihrer Tragweite just von wenigen hellsichtigen, 
ganz speziell vorgebildeten Fachgenossen des Fragestellers begriffen werden 
kdnnen. Das Ergebnis: bei vielen Halb- und Viertelsgebildeten, in deren 
Hfinde jene Bogen gelangen, wird eine unleidliche Verwirrung angerichtet. 
Zii der legitimen, aus unanfechtbaren Voraussetzungen, aus einer klaren 
iirkenntnis von Ursachen und Wirkungen hervorgehenden Unzufriedenheit 



Digitized by 



Google 





MARSOP: SOZIALE LAGE D. DEUTSCH. ORCHESTERMUSIKER 

gesellen sicb ruhelos auf der Lauer liegende Gereiztheit, Arbeitsscheu, 
Neid gegen jeden Bessergestellten und jene dumpfe, sinnlose, durch keinen 
verstindigen Zuspruch mebr zu beschwichtigende Wut, die nur noch vom 
allgemeinen Kebraus mit dem Acbtstundentag der Guillotine and un- 
beschrinktem Plunderungsrecht eine Besserung der eigenen Lage erwartet 
Scbaden angericbtet baben mitunter sogar die Bestrebungen besonnener, 
selbstloser Manner, in hart arbeitenden and ungenugend entlohnten sozialen 
Scbicbten alle reichen Segnungen der AufkMrung auf eine dem Fassungs* 
vermogen der zu Unterrichtenden zweckmftssig angepasste Weise zu ver* 
breiten — insofern nlmlicb auch Fiille des Wissens und der Erkenntnis 
nur dann yon rechtem Segen 1st, wenn sie gemfiss der allgemeinen wirt- 
scbaftlichen Lage und der fur ein bestimmtes Arbeits-, beziiglich Pro- 
duktionsgebiet zurzeit in Betracht kommenden Verhtttnisse auch praktische 
Anwendung flnden kann. 1st das nicbt der Fall, so lfisst das geklfirte Be- 
wusstsein erhdbter Tuchtigkeit und LeistungsfSbigkeit das Widrige einer 
gedruckten Stellung und eines karglichen Erwerbs nur um so scbmerzlicher 
empflnden. 

Jeder, der auf sozialem Gebiet Anregungen geben will, muss also 
dessen eingedenk sein und bleiben, dass er keine geringe Verantwortung 
auf sicb nimmt. Und sich davor huten, Forderungen zu stellen, die, so 
gerecbtfertigt sie in vielen Teilen oder selbst im ganzen sein mdgen, docb 
in Ansehung der noch nicbt hinMnglich gefdrderten Einsicht oder der hart- 
gesottenen, fiusserst scbwer zu bekimpfenden Eigensucbt massgebender 
Faktoren noch auf unabsehbare J ah re hinaus nicht zu verwirklichen sirfd. 
Aller Wahrscheinlichkeit nach werde ich somit bei solchen schlechten Dank 
ernten, die sich von meinem seit etlicher Zeit kundgegebenen Vorhaben 
gleich goldene Berge versprachen. Sei's drum. Die Paraderolle des 
gespreizten, mit unerfullbaren Verheissungen sich einschmeichelnden Volks- 
tribunen mdgen Andere spielen. Auch insofern muss ich manche Ent- 
t&uschung hervorrufen, als ich uber die besonderen VerhUtnisse bestimmter 
Orchesterinstitute nur hier und da mich verbreiten kann. Aus wohlerwogenen 
Grunden. Nicht nur die Leiter dieses und jenes Hoftheaters, sondern auch 
verschiedentliche scheinbar stark demokratisch geffirbte, mit der Sorge fiir 
einen InstrumentalkSrper betraute Stadtvertretungen sind heute noch von 
altMnkischer Korporalsgesinnung beseelt Was nicht im Gehirn jener 
Herren selbst aufkeimt, dunkt ihnen im vornherein verwerflich. Jede nicht 
rosarot angestrichene Schilderung in Betracht kommender Zustlnde wird 
als parteiisch, als hetzerisch verdachtigt. Auch mit massvollen, im ver- 
bindlichsten Ton gemachten VorschlSgen bewirkt man bei solchen selbst* 
herrlichen Leuten nicbt selten das Gegenteil. Nicht allein, dass das „nun 
gerade nicht 44 , oder vie wir in Suddeutschland sagen, .der Herr Justa* 



Digitized by 



Google 




6 
DIB MUSIK IV. 13. 




mentndt" sich alsbald straff in Positur stellt: es kommt dann womdglich 
zu Repressalien gegen die ohnedies leidende Partei. Denn also spricht der 
Gewaltige: „Die ganze Schererei kommt mir doch nur deshalb fiber den 
Hals, well die S . . . bande den verdammten Schreibern die Notizen zu- 
gesteckt hat!" Es gilt daher, aus der Fulle des vorliegenden Materials 
das besonders Beweiskrfiftige mit allem Bedacht herauszuheben, damit die, 
denen geholfen werden soil, nicht erst recht ins GedrMnge geraten. Ge- 
langen die Tausende und Abertausende, die in dffentlichen Musikauf- 
fuhrungen Anregung, Auffrischung, Erhebung finden, erst einmal zur Klar- 
heit darfiber, dass fur all diese Genfisse bisher nicht selten sorgenbedrfickte, 
ja mit Hunger und Elend kimpf^nde Mitmenschen einstehen mussten, dann 
wird die obne Zweifel losbrechende allgemeine Bewegung sich bis in die ent- 
legensten Flecken deutscher Lande fortpflanzen, und auch die verstocktesten, 
keiner Regung humaner Empfindung, keinen sachlichen Grunden, keinen 
gfitlichen Vorstellungen zuganglichen Bureauseelen und Kunstspekulanten 
dazu zwingen, Gerechtigkeit walten zu lassen und Wandel zu schaffen. 
Auch werden in den nachfolgenden Darlegungen die Zahlen als solche 
keinen Vorzugsplatz erhalten. Die schulmeisterliche Floskel .Zahlen be- 
weisen" stammt aus den Kinderjahren der Statistik. Mit ein wenig Ge- 
schick und Obung kann man Ziffern in beliebigen Gruppierungen aus- 
tauschcn, wie man Kartenkunststucke macht, wie man in unseren 
Parlamentskomodien sogenannte Finanzexpos€s improvisiert. Nichts ist so 
vieldeutig wie die Ziffer. Im Besitz eines Einkommens, das dem Kala- 
bresen Oder Sizilianer ein behagliches Leben sichert, fristet man in 
Deutschland schlecht und recht sein Dasein, nagt man in den Metropolen 
der Vereinigten Staaten von Nordamerika beinahe am Hungertuche. Stellen 
wir zwei Orchestermusiker mit ungefahr gleichem Gehalt einander gegen- 
fiber, von denen der eine in einem Zentrum des deutschen Nordens Oder 
Westens, der andere in einer behaglichen badischen oder wiirttembergischen 
Landstadt tatig sei: der letztere ist ertrfiglich gut, der erstere schlecht be- 
soldet. Sonderart und durchschnittliche Dauer der Gesamtbeschiftigung, 
der dienstlichen Inanspruchnahme, Wohnungsverhaltnisse, Lebensmittel- 
preise, Schulgeldnormen, Gelegenheit zu Nebenerwerb durch Privatstunden, 
Kunstsinn und Unterhaltungsbedfirfnis einer im allgemeinen massig oder 
ansehnlich begfiterten Ortsbfirgerschaft: all das und manches andere ist 
hier und dort ausserordentlich verschieden und mindert den Wert ver- 
gleichender Gehaltstabellen, deren man ja als Vorstudien keineswegs 
entraten kann, im Rahmen einer zusammenfassenden Darstellung betricht- 
lich. Darum soil hier die Zahl nur an besonders „exponierten Stellen* 
ins Feld rficken. Desgleichen, wenn sic wichtige Durchschnittsergebnisse 
leidlich einwandsfrei kennzeichnen mag. Vielleicht ist in dieser Welt 



Digitized by 



Google 




MARSOP: SOZIALE LAGE D. DEUTSCH. ORCHESTERMUSIKER 



m&SSD 



durch eine schlichte Zusammenreihung ungeschminkter Tatsachen, durch 
Logik, die nicht mit abstrakten Formeln, sondern mit gemeinverstindlichen 
Grfinden spricht — und durch einen Appell an das doch auch im 
modernen Menschen noch nicht ganz ertdtete Billigkeits- und Gerechtigkeits- 
gefuhl immerhin einiges zu erreichen. 

II. 

Als mlchtiger Paktor wirkt die Musik im Leben der Gegenwart. 
Als allzu mSchtiger, wie auch der Musiker zugestehen muss, wenn er 
einen weheren Blick hat und ehrlich sein will. Im Ubermass gepflegt und 
genossen, drfingt sie den fur eine harmonische Geistes- und Gemfitsbildung 
gleich wichtigen erzieherischen Einfiuss der anderen Kunste fiber Gebfihr 
zuruck — bei jedem, in dem sich eine triebkrfiftige Phantasie regt, ins- 
besondere bei denen, deren Wille noch ungefestigt ist. Wfihrend sie den 
asthetischen Charakter verweichlicht, unterspfilt sie allgemach auch eine 
straffere Geistesdisziplin, wie sie vor altera einem Volke vonnoten ist, das 
nur mit eiserner Anspannung aller Energieen sich im kriegerischen 
und friedlichen Wettkampf der Nationen seine Zukunft sichern kann. 
Mancherlei hat dieses ,Zuviel" an Musik aufkommen lassen. Der Urn- 
stand, dass wfihrend des neunzehnten Jahrhunderts in fast ununterbrochener 
Folge Meister der Tonkunst scbufen, denen auf den Gebieten der Dicht- 
kunst, der Malerei, der Architektur nach dem Tode Goethes nur wenige 
oder gar keine ebenburtige Begabungen gegenubertraten. Die schamlosen 
Treibereien der Musikagenten, die das Konzertwesen von Jahr zu Jahr 
mehr in die Breite streckten und ventasserlichten, um es geschlftlich 
urn so besser ausbeuten zu kdnnen. Die ausserordentliche Entwicklung 
der Klavierbau-lndustrie. Das Oberhandnehmen der allzuleicht zuging- 
lichen Konservatorien und Akademieen der Tonkunst und mit ihm das ver- 
hfingnisvolle Anwachsen eines Proletariates yon stellenlosen oder zu einem 
Sklavendienst gezwungenen ausQbenden Musikern, von Lehrern und Lehre- 
rinnen, die ihre FShigkeiten fflr einen Hungerlohn feilboten. Endlich die 
Gewerbefreiheit, die der ungemessenen Ausbreitung der nichtsnutzigen 
Biergarten-Unterhaltungsware wie der Gassenhauermusik des Tingeltangels 
Tur und Tor dffnete, und auf die oft bedenkliche, mitunter geradezu ver- 
brecherische Ausnutzung des musikalischen Lehrlingswesens gleichsam 
einen Preis setzte. 1 ) Es steht dahin, ob es in absehbarer Zeit gelingen 

■) Ich weiss wohl, dass fiber jeden, der nur mit dem kleinen Finger an die 
Gewerbefreiheit rfihrt, in tf liberalen M Kreisen von simtlichen Prinzipienpfaffen der 
grosse Bann verhlngt wird. Die erstaunliche politische Unreife und Unselbttindigkeit 
unserer behandschuhten und unbehandschuhten Demokraten zeigt sich vornehmlich 
auch darin, dass sie jede Materie in Bausch und Bogen beschworen und erledigt 



Digitized by 



Google 




8 
DIE MUSIK IV. 13. 



iS3D 



wird, das schier uferlose, in truben Fluten fiber endlose Untiefen fort- 
strudelnde Gew&ser einzudSmmen und zu regeln. Geboten ist es, jede 
Bestrebung fest im Auge zu halten und zu unterstutzen, von der man sich 
eine vernunftige, der Kunst dienliche Einschrinkung des Un- und Uber- 
segens zu versprechen hat. Zugleich mfissen wir uns innerhalb desein- 
mal Bestehenden derart einrichten, dass wir einstweilen den Musiker tun- 
lichst wirtschaftlich und damit aucb moralisch stErken. Der ohne scbwere 
Sorgen in seinem Beruf t&tige Musiker von freierem geistigen Horizont 
wird der beste K&mpfer im Streit gegen Handwerkerei, Trugkunst, oden 
Dilettantismus und skrupellose Gesch&ftsmache sein. Keiner wird dann 
so gut wie er dazu helfen kdnnen, dass die ausgefibte Musik nicht nur in 
seltenen, durch bervorragende fuhrende Begabungen inspirierten Einzel- 
leistungen, sondern auch in ibrer Gesamtheit wiederum QualitEts- 
kunst werde. 

Vom Wohl des Instrumentalisten h&ngt die Zukunft unseres Musik- 
lebens ab. 

Im Mittelpunkt des vielgestaltigen Konzert- und Opernwesens unserer 
Tage, im Mittelpunkt der neueren Entwicklungsgeschichte der deutschen 
Tonkunst stebt das Orchester. Das unwirtlicb lichtarme nordiscbe KHma, 
das den musikaliscb Begabten starker zum Insichhineintriumen als zum 
Sichaussingen bestimmt, die Reflexwirkungen der mit tiefgrundiger Philo- 
sophic gen&hrten, der Tonkunst auf Fortschrittsbahnen fast stets voran- 
scbreitenden nationalen Dichtung, die Freude an reicbgegliederter 
Polyphonie, die auch durch den von einem krfftigen Individualismus ge- 
nShrten produktiven Widerstreit der Stimmen in Stammesgegensltzen, 
inneren wirtschaftlichen Reibungen, wissenschaftlichen Tournieren, wechsel- 
seitigen Befehdungen in hunderterlei Ssthetischen Richtungen hindurch- 
scbeint: sie haben den Deutschen zum ersten Orchesterdenker und 

wissen wollen. Es gibt doch wahrlich grand verschiedene Arten von Gewerbe! Dem 
ehrlichen Gewerbe, dem rechtschaffenen Handwerk heutigestags durch bidden mittel- 
alterlichen Zunftzwang Loft und Licbt zu verschritaken, das wire allerdings unslglich 
tdricht Aberein unehrliches Gewerbe, in der Art des unbehinderten skrupellosen 
Ausschlachtens der musikalischen Lehrlingsarbeit und des, weits der Himmel warum, 
von unseren Behftrdeo mit grenzenloser Gfite und Nachsicht behandelten Cafe" 
Chantant-Unwesens: das sollte vom Polizeibuttel schonungslos zu Tode geknebelt 
werden. Suprema lex ist die Volksgesundheit! 

Beiliufig gesagt: es ist hoch an der Zeit, dass just die, welche die ernste 
Kunst von der albernen Bevormundung des Zensors und seiner Handlanger erlftst 
zu sehen wunscben, einen krlftigen Vorstoss gegen die Variety und Tingeltangel- 
Schandwirtschaft unternehmen! Der schlimmste Feind des freien Geistes ist die Ge- 
meinheit. Wie war's, wenn die Goethebfindler zur Feier des Schillertages einen 
frischfrOhlichen Kampf gegen das Chantant eriflfaeten? Schiller wfirde dafflr dank- 
barer sein als far alle gereimten und ungereimttn Festreden. 



Digitized by 



Google 





MARSOP: SOZIALE LAGE D. DEUTSCH. ORCHESTERMUSIKER 

Orchesterbeherrscher der Welt heranreifen lassen. Das nicht sonderlich 
formgerechte , in seinen realistischen Versuchen meist - herzlich unge- 
schickte deutsche Drama zieht seine besten NEhrsMfte aus dem dEmmerigen 
Traumleben der Seele — und gleicherweise die deutsche Musik die ihrigen 
aus dem Vermdgen des Orchesters, in die rEtselvollen, von keiner Ge- 
dankenleucbte aufzubellenden Tiefen der Empflndung hinabzutauchen. Mit 
der deutschen Symphonie, als einer der gewaltigsten Offenbarungen des 
germanischen Geistes, ist das deutsche Orchester gross geworden; mit ibr 
bereitete es dem neueren musikalischen Drama Formen und Farben vor. 
Hans von Bulow, der Grossmeister der nachschaffenden Kunst, hat vor 
dem Orchester sein Genie entdeckt; mit dem Orchester haben sich seine 
ergebenen und seine weniger dankbaren Schuler, seine glucklichen Nach- 
ahmer und selbst seine frauenzimmerlichen Antipoden ihren Namen und ihre 
Siege gewonnen. Hier der zuverlEssigste Burge fur das Gelingen der 
Festspiele unserer Zeit, dort das Wesen der Klassiker widerspiegelnd, 
wie es eine historisch gelfiuterte, der Geistreichelei und der parteimEssigen 
Zustutzung gleich abholde Auffassung erkennen soil, dort den Absichten 
kuhner Programmatiker als (reuer Dolmetsch dienend: uberall redet unser 
deutsches Orchester seine bedeutsame, eindringliche Sprache. Wie das ge- 
sprochene Schauspiel, so sind auch das symphonische Werk und das 
Musikdrama noch keineswegs *fertig", wenn der Tonsetzer unter die letzte 
Seite sein „ finis* geschrieben hat; erst in der nachschdpferischen Tfitigkeit 
homogener ausfuhrender KrEfte reifen sie zur Vollendung aus. An solchem 
Nachschaffen nimmt das Orchester vollauf teil, und zwar in um so hdherem 
Grade, als die von ungefEhr mit der Mozartischen Oper beginnende scharfe 
Individualisierung der Gruppen und der einzelnen Instrumente bei dem 
gerade zur Wiedergabe gelangenden Werke sich in gesteigert moderner 
Behandlung kundgibt. Mit der suggestiven Macht des stilkundigen und 
gewandten Dirigenten allein ist es nicht getan. Man kdnnte die Rolle, die 
das Orchester heute spielt, mit der der parlamentarischen Faktoren in 
einem konstitutionellen Idealstaat vergleichen, wEhrend dem Kapellmeister 
die des fuhrenden, verantworlichen, sein Amt unter sorgffltiger Respek- 
tierung des souverEnen Komponistenwillens verwaltenden Ministers zu- 
gefallen ist. 

Die Instrumentalisten stehen, wenn wir den Durchschnitt Ziehen, so- 
wohl nach Seite -der Technik als auch nach Seite des Vortrages auf der 
Hdhe der Anforderungen unserer Zeit, wogegen die Singer, alles in allem 
genommen, hinter ihr zuruckgeblieben sind. Wenn Wagner von den 
Orchesterleistungen bei den ersten Bayreuther Festspielen oder von ihm 
im wesentlichen geniigenden Operndarstellungen spricht, denen er im letzteii 
Dezennium seines Lebens beiwohnte, so klingt sein Lob stets tiberzeugend — 



Digitized by 



Google 




10 
DIE MUSIK IV. 13. 




den Kunstlern der Buhne gegenfiber muss er sich dfters mit der An* 
erkennung des besten Wollens, mit gewundenen Komplimenten, mit der 
Versicherung seiner persdnlichen Dankbarkeit and freundschaftlichen Ge- 
sinnung helfen. Man nehme ein Dutzend aufs Geratewohl herausgegriffener 
Berichte fachkundiger, ehrlicber Wiener und Munchner, Berliner und 
Hamburger Kritiker uber Neueinstudierungen Mozartischer, Weberischer, 
Wagneriscber Partituren, uber Erstauffuhrungen eines Musikdramas von 
Richard Strauss, Pfitzner, Schillings zur Hand: in elf, wenn nicht in alien 
zwdlf Fallen wird man finden, dass das Orchester seiner Aufgabe, sei sie 
auch noch so schwierig, vollkommen oder doch nahezu gewachsen war, die 
Gesangssolisten aber trotz redlicber offensichtlicher Bemuhungen uber die 
mehr oder weniger gewissenhafte Ausfullung hergebrachter Schablonen 
nicht recht hinauskamen. Es ist hier nicht der Ort, des eingehenderen 
darzulegen, wie es geschah, dass die deutschen BuhnensEnger arg ins Hinter- 
treffen gerieten — durch Unfleiss und blinde Erwerbsgier, durch das Ver- 
schulden ungenugend vorgebildeter oder wenig pfiichtgetreuer LehrkrEfte, 
auch nicht zum mindesten deshalb, weil ihnen die uberraschend schnell 
sich vollziehende Entwicklung des musikalischen Dramas gewissermassen 
fiber den Kopf wuchs. Fur den vorliegenden Zweck muss die Feststellung 
genugen, dass in den ebenso tiefgreifenden als umfangreichen, das Wesen 
und den Arbeitskreis des ausubenden Musikers innerlich und Eusserlich 
umgestaltenden fortschrittlichen Bewegungen der letzten funfzig bis sechzig 
Jahre neben dem Dirigenten allein das Orchester als zuverlissiger, im besten 
Sinne wandlungsfihiger, seine kunstlerische Intelligenz vie seine Schlag- 
fertigkeit von Tag zu Tag steigernder Hauptfaktor sich erwies. An diesem 
grandiosen Aufschwung des Kdnnens, der sich naturgemiss in den Leistungen 
der grossen Hoftheater- und einiger weniger altangesehener stldtischer 
Orchester am augenfilligsten kundgibt, haben auch die kleineren In- 
strumentalkorperschaften, bis herab zu den bescheidensten Vereinigungen, 
nach VerhEltnis ihren Anteil — und ebenso an der untrennbar damit ver- 
bundenen riesigen Erhdhung der geistigen und der physischen Anstrengung. 
Uberall erscheinen die zu bewMltigenden Aufgaben im Vergleich mit friiheren, 
venngleich noch nicht so lange zuruckliegenden Zeiten, hdher gestellt und 
vervielfBltigt. Die Anzahl der Opernvorstellungen, und vornehmlich solcher 
von mehrstundiger Dauer, nimmt an den Buhneninstituten der Residenzen 
wie an denen selbst missig bevolkerter Provinzorte progressiv zu. Stldte 
von funfzig- und vierzigtausend Einwohnern, in denen ehedem hochstens 
einmal Dilettanten mit Unterstutzung etlicher MilitMrmusiker sich zur Aus- 
fuhrung einer Haydnschen Symphonie und einer Mendelssohnschen Ouver- 
ture in einem Hotel- oder Kasinosaal zusammenfanden, haben gegenwSrtig 
ihr stattliches KonzertgebSude und ihren stftndigen winterlichen Zyklus 



Digitized by 



Google 




SSD 



MARSOP: SOZIALE LAGE j). DEUTSCH. ORCHESTERMUS1KER 

symphonischer Konzerte, bei denen Franz Liszt und Richard Strauss in 
ausreichend starker Besetzung alier Stimmen zu Wort kommen. Die Militir- 
kapellen machen sich, seitdem von einer Anzahl ibrer Mitglieder auch die 
Beherrschung der Tecbnik eines Streichinstrumentes beansprucbt wird, bei 
offentlichen Veranstaltungen so ziemlich mit jeder Sparte der musikalischen 
Literatur zu schaffen. Selbst die allerbescbeidensten Gasthaus- und Garten- 
orchester haben in der Wiedergabe von Ouvertfiren und M&rschen, TSnzen 
und Potpourris, wie sie in unseren Tagen ihre Brotgeber und ihr Publikum 
verlangen, sicb urn ein gut Teil starker anzuspannen, als dies in vormfirz- 
lichen Zeiten an gleicber Stelle erforderlich van 

Am augenfalligsten offenbart sich das schreiende Missverh&ltnis zwischen 
hochgesteigerten Ansprfichen und einer karglichen, ginzlicb unzureichenden, 
trotz leidlicher, bier und da vorgenommener Aufbesserungen im wesent- 
lichen nocb den m&ssigen Arbeitsverh&ltnissen l&ngst fiberwundener Perioden 
entsprecbenden Entlohnung, wenn man in Berficksichtigung heutiger Ge- 
gebenbeiten die Tfitigkeit eines Bfihnensftngers mit der eines massgebenden 
Orchestermitgliedes, des Fubrers einer Streichergruppe oder eines Bl&ser- 
solisten, vergleicht — eine Parallele, die allerdings nur ann&herungsweise 
durchzuffihren ist. Der Aufgabenkreis hat sicb freilich auch fur den Ersteren 
betrachtlich erweitert. Er muss das schier Unmdgliche wenigstens ver- 
suchen, sich in die vSllig heterogenen Rollen des italienischen, des fran- 
zosischen Repertoires, der Mlteren einheimiscben Spi eloper, des Musik- 
dramas der Neuen und Neuesten zu gleicber Zeit einzuleben. Er 
muss seine Darstellung erheblich mehr im einzelnen ausfeilen, wMbrend 
er sich zuvor vielfach mit summarischen Geberden helfen konnte. Er 
muss grundlichere Studien in der Harmonielehre machen, um sich in der 
modernen Chromatik gut zurechtzuflnden und sich schwierige Intervallschritte 
sicher einzuprdgen. Doch er nimmt es mit all dem nicht allzu ernst. 
Und er wird nicht nur von den Direktoren, sondern auch von den Kapell- 
meistern fiber Gebiihr geschont — von diesen, weil sie sich in fiber- 
wiegender Zahl einseitig als Orchestertechniker schulen und selbst vom 
Gesang wenig verstehen; von jenen, weil sie sich zumeist in die HMnde 
von Agenten gegeben baben, die bei jedem schlechterdings unvermeidlichen 
Neuengagement die Bezfige der Kfinstler und damit ihre Gebuhren und 
Prozente wieder um ein erkleckliches Stuck hinauftreiben. So ist denn 
bei einem nicht geringen Bruchteil der BfibnensXnger das Einkommen im 
nmgekehrten VerhMltnis zur Leistungsffthigkeit gestiegen. Was massen es 
aber den Intendanten und Dirigenten zur zweiten Natur geworden ist, die 
teuren Vdgel Sngstlicb zu hegen, ihnen eine fast unbegrenzte Nachsicht 
entgegenzubringen und den bier und da bezeigten guten Willen schon als 
etwas Besonderes anzurechnen, haben sie sicb daran gewdhnt, an das, was 



Digitized by 



Google 




12 
DIB MUSIK IV. 13. 



m 



der Sfinger, und an das, was der Instrumentalist bietet, wider Recht und 
Billigkeit einen grundverscbiedenen kritischen Massstab anzulegen. Rein 
objektiv gen om men wird heute von den Vorgesetzten im allgemeinen dem 
Bfthnenkunstler das Mittelmissige als *gut* oder gar .vortrefflich*, dem 
OrchesterkQnstler das mit bestem Fleiss Vorbereitete, in der Ausfuhrung 
oft Tadellose als „eben gerade befriedigend" angeschrieben. Auch das 
erklErt die sich in den uberbescheidenen und uberhohen Gehaltsummen 
ausdruckende praktische Bewertung des Gebotenen im einen und im 
anderen Falle. Wobei noch mitspricht, dass der Sanger, dessen allgemeine 
Bildung im Durchschnitt nicht viel fiber der seines Kollegen im Orchester 
steht, uber glattere Manieren verffigt, sicherer auftritt und somit seine 
Ansprfiche geschickter oder mit grdsserem Aplomb gelten zu machen 
versteht, als der mit der sogenannten „guten Gesellschaft" erst seit kurzerer 
Zeit in Beruhrung getretene, in seinen Umgangsformen und seiner Rede- 
weise oft noch recht ungewandte Instrumentalist. Nur wer das Leben hinter 
den Kulissen nicht kennt, mag sich daruber wundern, dass es in einer 
Scheinwelt, in der man doch mit jeder Art von Komddiespielen vertraut 1st, 
dessen ungeachtet auf das Imponieren-KSnnen verzweifelt viel ankommt. 
Alles in allem genommen: der Hochstgebietende, der Intendant, der 
den SSnger leutselig, wenn nicht mit fiberstrdmender Liebenswfirdigkeit 
empfingt und womdglich in jeder Tasche eine Gehalts-, Rollen- oder 
Urlaubskonzession fur ihn bereit halt, erwidert den Gruss des Orchester- 
mitgliedes mit knapper Hdflichkeit und nimmt jede von ihm uberreichte 
Eingabe vornweg mit gerunzelter Stirn entgegen. Zu seiner Entschuldigung 
ist zu sagen, dass er selten etwas von Musik versteht, und dass die 
Kapellmeister und Regisseure in der Regel zu furchtsam oder zu bequem 
sind, um ihn daruber aufzukliren, dass dem Instrumentalisten heutigestags 
im Gesamtorganismus der Auffuhrung eine ungleich anstrengendere, be* 
deutungsvollere und verantwortlichere Aufgabe zufailt, als in den jetzt 
uberwundenen Perioden der oft zu einem guten Teil aus Pausen be- 
stehenden Nummernoper, der Balletfeerie und des gemfitlichen Singspiels. 
Den Leitern unserer Theaterorchester, vornehmlich denen der grdsseren, 
kann der Vorwurf nicht erspart werden, dass sie die Interessen ihrer 
Untergebenen an den entscheidenden Stellen bisher nicht mit genugendem 
Nachdruck vertreten haben. Besser wie irgend Jemand wissen ja sie 
daruber Bescheid, dass von einem ersten Oboisten, Klarinettisten oder 
Hornisten heutzutage in der BetMtigung von Schlagfertigkeit, rhythmischer 
Sicherheit, musikalischem Architekturgefuhl, in beseeltem und eindringlich 
deklamatorisch gesteigertem Vortrage ungleich mehr verlangt wird als von 
den Buhnenkunstlern, die auf dem mittleren und hinteren Plan stehen, 
wie vom zweiten Bariton und Bass, vom Spieltenor, dessen Repertoire aus 



Digitized by 



Google 





13 
MARSOP: SOZIALE LAGE D. DEUTSCH. ORCHESTERMUSIKER 

einem halb Dutzend Rollen sich zusammensetzt, von der Koloraturslngerin, 
die zwei bis dreimtl im Monat auftritt und im Sinne einer ernsten deutschen 
Theaterfuhrung eigentlich nur noch fur die „K5nigin der Nacht" in Betracht 
kommt. Wobei zugunsten der Erstgenannten noch ein weiteres anzumerken 
1st: sie werden jenen hochgespannten Anforderungen unter erschwerenden 
Umst&nden gerecht, umstfirmt vom Gewoge hier und dort rhythmisch ver- 
scbieden gefuhrter, durch alle Lagen, Harmonieen und Disharmonieen 
gehender anderer Instrumentalstiromen, die dicht vor, neben, hinter ihnen 
erklingen, oft bei einer unzureichenden, die notige Bewegungsfreiheit des 
Einzelnen verkfimmernden riumlichen Einrichtung und bei unglficklicher 
Disposition der Pulte, die dem Spieler das erforderliche Einvernehmen mit 
dem Dirigenten nur venndge eines anbaltenden krampfhaften Ausreckens 
des Kopfes gestattet — w&hrend der Singer frei fiber dem vieltdnigen 
Gebrause dasteht, nach alien Seiten „Luft* hat, und von Aug©, Hand und 
Stimme des ihm direkt gegenfibersitzenden Kapellmeisters bequem jede 
Hilfe entgegenzunehmen vennag. 

Dies alles wohl erwogen, stelle man nun den Gehalt, den ein solch 
ausgezeichneter, nicht weniger um seiner moralischen Energie als urn 
seines Konnens willen bewunderungswerter Kfinstler heute noch bezieht, 
dem acht- bis zehnfach hdheren einer windigen Koloraturprinzessin oder 
eines ausgesungenen, fur ein 5des Grimassieren kaum mehr noch vom 
Galeriepublikum beklatschten Buffos entgegen, und frage sich, wo denn in 
aller Welt hier Recht und Gerechtigkeit bleiben! Aber freilich: der 
Orchestermusiker hat, wie es nach wie vor in unzihligen amtlichen Schrift- 
stficken und Verordnungen heisst, .Dienst zu tun," ist also, wie es scheint, 
in seiner sozialen Stellung fiber den dem Gesinde gleich gehaltenen 
streichenden oder blasenden Lakai der Haydn- und Mozart-Epoche noch 
nicht allzu hoch hinausgewachsen. Das in vielen Fallen uberreich ent- 
fohnte, mit alien erdenklichen Rficksichten geh&tschelte Theaterdftmchen 
spielt dagegen zu Beginn des* zwanzigsten Jahrhunderts, zwei Dezennien 
nach Richard Wagners Tode, geruhig die Rolle der Serenissima der Bretter 
weiter, die sie bereits spielte, als die opera seria noch eine hSflsche 
Sondervergnuglichkeit war. 

Wer nicht sieht, nicht fuhlt, dass hier baldigst ein zureichender 
Ausgleich hergestellt und grfindlich Wandel geschafft werden muss, der ist 
schwachsinnig oder bdsen Willens, der hat keine Ahnung davon, dass er 
in einer Zeit lebt, in der die Kunst fur das Volk geschaffen, nach- 
geschaifen und vom Volk gewfirdigt wird, in der die bedeutungsvolle Losung 
fflr alle Tuchtigen, Aufstrebenden und billig Denkenden ausgleichende 
soziale Gerechtigkeit heisst 

Ein zweiter Artikel folgt im nichsten Heft 



Digitized by 



Google 




Urteile fiber andere 

Nicht entreisse Handel, Haydn, Mozart ihren Lorbeerkranz ; ihnen 
gebdrt er zu, mir noch nicht. 

Teplitz, 17. Jul! 1812 an die ltyihrige Emilie M. in H., die ibm eine selbstge- 
fertigte Brieftasche geschickt batte. 

Reine Kirchenmusik musste nur von Singstimmen vorgetragen werden, 
ausgenommen ein .Gloria* oder ein anderer dem ihnlicher Text. Des- 
wegen bevorzuge ich Palestrina; doch ist es Unsinn, ihn nachzuahmen 
ohne seinen Geist und religidse Anschauung zu besitzen; auch diirfte es 
den jetzigen SMngern unmdglich sein, die langgehaltenen Noten tragend 
and rein zu singen. 

1824 in Baden zu Organist Freudenberg aus Breslau. 

Handel ist der unerreichte Meister aller Meister. Gehet bin und 
lemt, mit wenig Mitteln so grosse Wirkungen hervorzurufen. 

Oberliefert von Seyfried. Auf dem Sterbebette, Mine Februar 1827 sagte Beet- 
hoven zu dem kleinen Gerhard von Breuning, ale er Hindels Werke (siehe die nlcbste 
Bemerkung) erhielt: „Hindel ist der grftsste, der tiichtigste Kompositeur; von dem 
kann ich noch lernen. Bring mir die Bucher mal her!" 

H Sn del ist der grdsste Komponist, der je gelebt hat. — Ich wurde 
mein Haupt entblossen und auf seinem Grabe knieen. 

Herbst 1823 in Baden zu dem Londoner Harfenfabrikanten J. A. Stumpff, der 
sich in Beethovens letzten Tagen sehr edelmfitig zeigte. Er erfreute ihn in der Sterbe- 
woche durch Zasendung der vierzigbindigen Ausgabe von Hindels Werken. — Potter,, 
einem engliscbem Besucber, sagte er: „Ich habe immer Mozart fur den grftssten 
Meister gehalten, aber seitdem ich Hindel kenne, stelle ich ihn an die Spitze * 

Der Himmel bewahre, dass es heissen sollte, dass ich auch ein 
Journal halte, wo den Manen eines solch Ehrwurdigen mitgespielt wird. 
Konversationsbeft 1825; bezieht sich auf eine Kritik uberHftndel. 

') Vielfachen WSnschen aus unserem Leserkreise entsprechend bringen wir ein 
weiteres Kapitel aus dem Buche .Beethoven im eigenen Wort" von Friedricb Kerst 
(Verlag Schuster & Loeffler; das Buch ist zurzeit vergriffen), von dem wir bereits im 
6. Heft des IV. Jabrgangs zwei Kapitel verOffentlicbten. 

Anmerkung der Redaktion 



Digitized by 



Google 




15 
KERST: BEETHOVEN IM EIGENEN WORT 




Dass Sie Sebastian Bachs Werke herausgeben wollen, ist etwas, 
was meinem Herzen, das ganz fur die hobe grosse Kunst dieses Urvaters 
der Harmonie schligt, recht wohl tut und ich bald in vollem Laufe zu 
sehen wunsche. 

Jtnuar 1801. An Kapellmeister Hofmeister in Leipzig. Verlag Hofmeister und 
Kubnel .Bureau de Musique". 

Von Emanuel Bachs Klavierwerken babe ich nur einige Sachen, 
und doch raussen einige jedem wahren Kunstler gewiss nicht allein zum 
hohen Genuss, sondern auch zum Studium dienen, und mein grosstes Ver- 
gnugen ist es, Werke, die ich nie oder nur selten gesehen, bei einigen 
wahren Kunstfreunden zu spielen. 

26. Juli 1809 an Gottfried Hftrtel in Leipzig, von dem er sich alle Partituren 
von Haydn, Mozart und den beiden Bachs erbittet. 

Sieh, lieber Hummel, das Geburtshaus von Haydn; heute habe ich 
es zum Geschenk erhalten, es macht mir grosse Freude; eine schlechte 
Bauernhutte, in der ein so grosser Mann geboren wurde. 

Auf dem Totenbette gesagt zu seinem Freunde Hummel. 

Allzeit habe ich mich zu den grdssten Verehrern Mozarts gerechnet 
und werde es sein bis zum letzten Lebenshauch. 

6. Februar 1826 an Abbfe Maximilian Stadler, der ihm seine Schrift fiber Mozarts 
Requiem geschickt hatte. 

Cramer, Cramer! Wir werden niemals imstande sein, etwas Ahn- 
liches zu machen! 

Zu Cramer geiussert, als beide in einem Augartenkonzert das c-moll Konzert 
von Mozart hdrten. 

Mozarts grdsstes Werk bleibt die „Zauberflote"; denn hier erst zeigt 
er sich als deutscher Meister. Don Juan hat noch ganz den italienischen 
Zuschnitt, und uberdies sollte die heilige Kunst nie zur Folie eines so 
skandalSsen Sujets sich entwurdigen lassen. 

Von Seyfried uberlieferter Aussprucb. — Aucb im Gesprich mit Baronin Bora 
1820 oder 1821 stellte Beethoven die „Zauberfl6te" als Mozarts Hdcbstes bin, klatschte 
dann in die Hinde, hob seine Augen auf und rief: ,0 Mozart!" 

Cherubini sagen Sie alles erdenkliche Schdne, dass ich nichts so 
sehnlich wunsche, als dass wir bald wieder eine neue Oper von ihm er- 
hielten, dass ich ubrigens ffir ihn von alien unsern Zeitgenossen die 
hdchste Achtung habe. 

6. Mai 1823 an Louis Schlftsser, spSter Hofkapellmeister in Darmstadt, der nach 
Paris reiste. 

Cherubini ist mir unter alien lebenden Opernkomponisten der 
achtungswerteste. Auch mit seiner Auffassung des Requiems bin ich ganz 



Digitized by 



Google 




16 
DIE MUSIK IV. 13 



— Wn 



einverstanden und will mir, korame ich nur einmal dazu, setbst ernes zu 
schreiben, manches ad notam nehmen. 

Von Seyfried fiberlieferte Bemerkung. — Ahnlich aucb efoe Aussenmg zu dem 
Englinder Potter. 

Wer Clementi grundlich durchstudiert, hat zu gleicher Zeit Mozart 
und andere Autoren mit gelernt, aber umgekehrt ist dies ja nicht der Fall. 
Bericbt von Scbindler. 

Spontini hat viel Gutes, den Theatereffekt und musikalischeii 
Kriegsllrm versteht er prSchtig. 

Spohr ist so dissonanzenreich, durch seine chromatische Metodik 
wird das Wohlgefallen an seiner Musik beeintrfchtigt 

Nicbt Bach, sondern Meer sollte er heissen wegen seines unendlichen 
unausschopfbaren Reichtums von Tonkombinationen und Harmonieen. Bach 
ist das Ideal eines Organisten. 

1824 in Baden zu Organist Preudenberg aus Breslau. 

Das sonst weiche MEnnel, ich hEtt's ihm nimmermehr zugetraut. Nun 
muss der Weber gerade Opera schreiben, eine uber die andere, und ohne 
viel daran zu knaupeln! Der Kaspar, das Under, steht da wie ein Haus; 
Gberall, wo der Teufel die Tatzen hineinsteckt, da fuhlt man sie auch. 

Sommer 1822 in Baden zu Rocblitz. 

Da bist du ja, du Kerl, du bist ein Teufelskerl. Gruss dich Gott! 
Weber, Sie sind allezeit ein tuchtiger Kerl gewesen. 

In Baden begrfisste Beethoven so Karl Maria von Weber Oktober 1823 aufe 
herzlichste. 

K. M.Weber hat zu spit angefangen zu lernen; die Kunst konnte 
sich Dimmer recht naturlich entfalten, und sein sichtliches, einziges 
Streben ging dahin, fur genial zu gel ten." 

Von Seyfried fiberlieferte Ausserung 

Die „Euryanthe« ist ein Akkumulat von venninderten Septimen- 
akkorden, lauter Hinterturchen. 

Gelegentliche Ausserung gegen Scbindler fiber Webers Oper. 
Wahrlich in dem Schubert wohnt ein gottlicher Funke! 

Bericbtet von Scbindler, als dieser Beethoven mit Ossians GesSngen, „Die Junge 
Nonne," „Die Bfirgscbaft," „Grenzen der Menscbheit" u. a. bekannt macbte. 

Es ist nichts mit Meyerbeer, er hat keinen Mut zur rechten Zeit 
drein zu schlagen. 

Zu Tomascbek ira Oktober 1814, als von der Auffuhrung der „Scblacht bei 
Vittoria* Dezember 1813 die Rede war, wobei Meyerbeer die gros e Trommel bediente. 

Rossini ist ein Talent und melodienvoller Komponist, seine Musik 



Digitized by 



Google 





IV. 13 



beethoven-bOste von fritz zadow 



Copyright 1904 be! Heuer & Kirmse, Halensee-Bcrlln 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 




ROBERT VOLKMANN 
* 6. APRIL 1815 




IV. 13 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 





17 
KERST: BEETHOVEN IM EIGENEN WORT 

passt fur den frivolen sinnlichen Zeitgeist, und seine Produktivitat braucht 
zur Komposition einer Oper soviet Wochen, wie die Deutschen Jahre. 
1824 in Baden zu dem Besucber Organist Freudenberg aua Breslau. 

Dieser Wicht von Rossini von keinem wahren Meister der Kunst 
geachtett 

Konveraationsheft 1825. 

Rossini ware ein grosser Komponist geworden, wenn ihm sein 
Lebrer dfters einen Schilling [Hieb] ad posteriora appliziert h&tte.* 

Bericbt von Schindler. Beethoven hatte die Partitur dea ,Barbier von Scvilla" 
durchgeaehen. 

Der Bdhme ist ein geborner Mtisiker. Daran sollten die Italiener 
sich spiegeln. Was haben die denn aufzuweisen aus ihren renommierten 
Konservatorien ? — Da, ihr Abgott, der Rossini! Hitte ihm Fortuna 
nicbt ein hubsches Talent und verliebte Melodien schockweise beschert, 
von dem, was er aus der Schule mitbrachte, wfirde er seinen Wanst 
hochstens mit Kartoffeln abfiittern kdnnen. 

In aufgezeichneten Konversationen in Haslingers Mnsikladen im Paternoster- 
giaschen, wo Beethoven oft verkehrte. 

Goethe hat den Klopstock bei mir tot gemacht. Sie wundern sich? 
Nun lachen Sie ? — Aha, dass ich den Klopstock gelesen habe ! Ich habe 
mich jahrelang mit ihm getragen, wenn ich spazieren ging, und sonst? Ei 
nun, verstanden hab ich ihn freilich nicht uberall. Er springt so herum; 
er fingt auch immer gar zu weit von oben herunter an; immer maestoso! 
Des-Dur! Nicht? Aber er ist doch gross und hebt die Seele. Wo ich 
ihn nicht verstand, da riet ich doch, — so ungefahr . . . 

1822 zu Rochlitz. 

Was mich angeht, so will ich lieber selbst Homer, Klopstock, 
Schiller in Musik setzen; wenigstens wenn man auch Schwierigkeiten zu 
besiegen hat, so verdienen es diese unsterblichen Dichter. 

An die „Direktion der Geaellschaft der Musikfreunde" in Wien. 23. Januar 1824. 
Fur sie sollte er nach Bernards Text ein Oratorium ,Sieg des Kreuzes" achreiben. 

Goethe und Schiller sind meine^Lieblingsdichter, sowie Ossian, 
Homer, welch letztere ich leider nur in Obersetzungen lesen kann. 
8. August 1800 an Breitkopf und Hlrtel. 

Wer kann einem grossen Dichter genug danken, dem ko&tbarsten 
Kleinod einer Nation! 

10. Febniar 181 1 an Bettina von Arnim. Mit Bezug auf Goethe geaagt. 

An Goethe, wenn Sie ihm von mir schreiben, suchen Sie alle die 
Worte aus, die ihm meine innigste Verehrung und Bewunderung aus- 
drucken, ich bin eben im Begriff, ihm selbst zu schreiben wegen Egmont, 

IV. 13. 2 



Digitized by 



Google 




18 
DIE MUSIK )V. 13. 




wozu icb die Musik gesetzt, und zwar Moss aus Liebe zu seinen Dich- 
tungen, die mich glucklich machen. 

10. Februar 1811 an Bettina von Arnim. 

Totschlagen h&tte icb mich fur Goethe lassen, und zehnmal. Damals, 
als icb so recht im Feuer sass, hab icb mir auch meine Musik zu seinem 
„Egmont" ausgesonnen. — Der Goethe, der lebt, und wir alle sollen mit- 
leben. Darum llsst er sicb aucb komponieren. Es lflsst sich keiner so 
gut komponieren wie en Ich scbreibe nur nicht gem Lieder. 

Zu Rochlitz 1822, als Beethoven sicb der Freundlichtceit Goetbes gegen ihn in 
Tepliti erinnerte. 

Goetbe bebagt die Hofluft zu sehr, mehr als es einem Dichter 
ziemt. Es ist nicht viel mehr fiber die LIcherlichkeiten der Virtuosen hier 
zu reden, wenn Dicbter, die als die ersten Lebrer der Nation angeseben 
sein sollten, fiber diesem Scbimmer alles andere vergessen kdnnen. 

Franzensbruna, 9. August 1812 an Gottfried Hlrtel in Leipzig. 

Wenn so zwei zusammenkommen wie ich und der Goetbe, da 
mussen diese grossen Herren merken, was bei unser einem als gross 
gelten kann. 

15. August 1812 an Bettina von Arnim. Anscbliessend an obige Worte die 
Schilderung, wie Goetbe in Teplitz ebrerbietig, er aber geringschitzig die kaiserlichen 
Herrschaften behandelt babe. 

Seit dem Karlsbader Sommer lese icb im Goethe alle Tage — wenn 
icb nftmlich fiberbaupt lese. 
Ausserung gegen Rochlitz. 

Goethe sollte nicht mehr schreiben, es wird ihm wie den Singern 
gehen. Doch bleibt er der erste Dichter Deutschlands. 
Konversationsbeft 1818. 

Kdnnen Sie mir die Farbenlebre auf einige Wochen leihen ? Es ist 
ein wichtiges Werk. Seine letzten Sachen sind fad. 
Konversationsbeft 1820. 

Der Kerl schreibt doch bloss furs Geld. 

Berichtet von Schindler. Mit diesen Worten warf Beethoven auf seinem Sterbe- 
lager die Werke Walter Scotts mit Erbitterung von sicb. 

Ist der auch nicht anders wie ein gewShnlicber Mensch! Nun wird 
er auch alle Menschenrecbte mit Ffissen treten, nur seinem Ehrgeiz fronen; 
er wird sich nun hdher wie alle anderen stellen, ein Tyrann werden! 

Wie Ries als Augenzeuge berichtete, riss Beethoven mit diesen Worten das 
Titelblatt 1 ) von derPartitur der.Eroica* (mit derWidmung an Bonaparte), als er die 
Nacbricht erbielt, Napoleon babe sich zum Kaiser gemacht. 



l ) Eine Wiedergabe dieses Titelblatts brachte „Die Musik* Jahrgang III, Heft 12. 



Digitized by 



Google 




19 
KERST: BEETHOVEN IM EIGENEN WORT 




Ich glaube, solange der Osterreicher noch braun's Bier und Wiirstel 
hat, revoltiert er nicht. 

An Verleger Simrock in Bonn. 2. August 1794. 

Warum verkauft Ihr auch nichts als eitle Musikalien ? Warum befolgt 
Ihr nicht schon l&ngst meinen woblgemeinten Rat ? — Werdet doch einmal 
klug und kommt zur Raison. Verschreibt anstatt der Zentner von Papier- 
ballen echtes ungewissertes Regensburger, lasst diesen beliebten Handels- 
artikel auf der Donau herunterschwimmen, verabfolgt ihn mass-, balbe- 
und seidelweise zu billigen Preisen, kredenzt abwechselnd geselchte Wfirstel, 
Kipfel, Rettig, Butter und Kase, ladet die Hungrigen und Durstigen ein mit 
den ellenlangen Lettern eures AushMngeschildes : „Musikalisches Bier- 
hausl" und Ihr werdet zu alien Stunden des Tages so viele Giste haben, 
dass einer dem andern die Ture in die Hand gibt und euer Bureau nie 
leer wird. 

Zum Musikalienhlndler Haslinger, alt dieter tich fiber Interettenlosigkeit der 
Wiener in musikalischen Dingen beklagt. 




Digitized by 



Google 





ermutungen fiber Vermutungen sind ausgesprocben worden, so oft 
man sich der Frage zuwandte: haben unsere beutigen Tonarten, 
vom Gegensatz der Dur- und Mollsysteme abgesehen, einen 
verschiedenen Geffihlscharakter? Und, ist dies der Fall, in 
welcher Weise unterscheiden sie sich voneinander? 

Hatte der eine diese Kennzeichen gefunden, so grfibelte ein anderer 
jene heraus; und gar bald stellte sich ein dritter ein: der machte sich 
fiber die Widersprfiche der beiden ersten lustig und sagte — es gibt gar 
keinen Unterschied, jedwede Geffiblsdeuterei ist sinnlos, die Stimmungs- 
werte sind einander vdllig gleichgeartet. 

Andere waren jedoch vorsichtiger. Sie fragten nicht: welcfyss ist der 
Charakter des Es-, welches der des H-dur; sie forschten zun&chst nur: 
gesetzt, es gibt eine Verschiedenheit — worauf mfisste sie zurfickzu- 
ffihren sein? 

Spricht C. G. Krause in seinem Buche von der musikalischen Poesie 
1752 die Ansicht aus, die verschiedenartige Bewertung rfihre von dem 
Verhiltnis vollkommener Obereinstimmung her, in dem bei gewissen 
Tonen die Luftbewegung zur Spannung unserer Nerven stfinde, und macht 
Rich. Hennig l ) die Sonderstellung einer grdsseren Reihe von merkwfirdigen 
Tonen im Obre, die zuweilen sogar als Halluzinationen auftreten kdnnten, 
verantwortlich, so betont gegenfiber diesem physiologischen Standpunkte 
Helmholtz*) die (wennschon er damit den moglichen Einfluss der Eigentone 



Bs' 



& 9 



as"" nicht ausser acht lisst) physikalische Tatsache, dass 



der Charakter der verschiedenen Instrumente mit den verschiedenen Ton- 
arten seine F&rbung wechsle und somit zugleich neben den Ungleichmissig- 
keiten der Einstimmung wohl ffir unsere Frage in Betracht kommen mfisse. 
Nun bleibt aber eins seltsam. Von jeher ist die Tonart pastoraler 
Tongebilde F-dur gewesen, und doch hat der Kammerton im Laufe der 
Zeiten so stark geschwankt, dass zu Glucks Zeit statt eines F unser 
heutiges E, zu Lully's Zeit aber gar unser D erklang. Woher dann doch 

l ) „Die Charakteristik der Tonarten 41 1897, S. 126. 

*) Helmholtz, „Die Lehre von den Tonempfindangen", 1862, 5. Aufl., S. 502 ff. 



Digitized by 



Google 





21 
STEPHANI: STIMMUNGSCHARAKTER PER TONARTEN 

diese stets gleiche Notierung in F? Andererseits wird auch niemand, 
der einmal auf zwei verschieden gestimmten Instrumenten phantasiert hat, 
sich die eigentumliche und ubereinstimmende Gefuhlsbestimmtheit etwa 
beider Des abstreiten lassen, mogen sie sich nun als ein akustisches C 
oder D herausstellen. 

Wir durfen vermuten: hier kann es sich nur urn ein rein psycho- 
logisches Problem handeln. 

Wer aber findet den Schlussel zu solchem Problem? Gewiss nur 
einer, der die ganz uberaus feinen Tonbeziehungen, die hier vorliegen, 
noch lebhaft zu empfinden vermagl Nun, einem ist es gegluckt, und das 
ist — Beethoven. 1 ) Mit dem sicheren Instinkt, durch den der echte 
Musiker allem Scharfsinn blosser Theoretiker von vornberein urn ein Unein- 
bringliches voraus ist, erklirt er, dass: „derMittelpunktdesTonsystemes 
seine wenn auch nicht unverruckbare Stelle babe"; daher er denn 
jede Tonart erkenne, die Stimmung moge sein, welche sie wolle. 

Welches ist aber dieser Mittel- oder Indifferenzpunkt des Tonsystems, 
nach dem sich alle ubrigen Tonarten orientieren? 

Unser G-dur. Daher sein klarer, alle Gefuhlsschatten im hellen 
Tageslicht aufldsender, daher andererseits sein relativ uninteressanter, dem 
Trivialen sich nihernder Toncharakter. — Die Lage seiner Mittonarten, 
die Art, wie sie sich urn seine Mittellage herum gruppieren, ist damit von 
vornherein klar. Wir versehen eine gewisse Gruppe von Tonarten mit 
dem Abzeichen eines oder mehrerer Kreuze und scheiden sie hierdurch 
oifenbar absichtlich von einer anderen Gruppe, der wir das Kennzeichen t? 
anheften. Mag sich solche Scheidung auch einst aus rein praktischen 
Grunden, die uns in diesem Zusammenhange gleichgultig sind, heraus- 
gebildet haben, sicher ist, dass die nun einmal entstandenen Tonsysteme 
fur uns heute einen gewissen Geffihlston an sich tragen, der, wie schwach 
er auch sein mag, unvertauschbar ist. Nun kdnnen wir die ft- und p -Ton- 
arten auch verstehen als die Tonsysteme der potenzierten Ober- oder Unter- 
quint von C, oder, was dasselbe besagt, als die Tonsysteme, die sich fiber 
den beiden Zieltonen g' und f der Tonschritte c'g' und c'f, fiber den Ziel- 
tonen d" und B, der Schritte g'd" und fB, und immer so fort, aufbauen. 
Und da Quintschritte nach oben zu Quintschritten nach unten sich ver- 
halten wie 2:3 zu 3:2, so kdnnen wir zunflchst einmal feststellen, dass 
Kreuz- und b-Tonarten mathematisch einander gegensdtzlich sind, dass die 
Kreuz-Tonsysteme von C aus sich umgekehrt potenzieren wie die mit dem 
Kennzeichen b. 

Allein dabei bleibt es nicht. Wir haben Grund, zu vermuten, diese 



') Vgl. Schindlers Beethoven-Biographic, 3. AuflL, II, 166. 



Digitized by 



Google 



3BS._ DIE MUSIK IV. 13. ^S^K 

fundamentale Gegens&tzlichkeit im Aufbau miisse einen tiefinneren Unter- 
schied auch der Auffassungsweise, der begleitenden Gefuhle zur Folge 
haben. Hier bietet sich uns nun eine Theorie, die in die Beziehungen, 
die wir uns deutlich machen wollen, das erste Licht bringt, als ein sehr 
willkommener Fuhrer an; es ist dieselbe Theorie, der das Verdienst ge- 
buhrt, der gesamten Musik-Asthetik ihren endlicben exakten psycholo- 
gischen Unterbau geliefert zu haben. 

Unter alien Gliederungen, so sagt die Tb. Lippssche Tonrhythmen- 
theorie, 1 ) ist die Zusammenfassung von je zwei Elementen zur Einheit 
und wiederum die Zusammenfassung von je zwei solchen Einheiten zur 
Einheit fur uns die naturlichste; die auf der Zweizahl basierenden 
Gliederungen sind die in sich relativ gegensatzlosen. Anders die Drei- 
und die potenzierte Drei- und noch mehr die Fiinf- und Siebengliederung. 
Eignet der Zweigliederung ein Cbarakter des in sich Beruhenden, des Gleich- 
gewichtes, so finden wir hier in wachsendem Masse ein Moment aus- 
gesprochener Gegensfltzlichkeit, relativer Unruhe, aufgehobenen Gleich- 
gewichtes. — Ganz anders ist der Cbarakter des Tonscbrittes GC (3:4, 
mit 4 = 2* als Zielton) als der des Schrittes C G (2 : 3, mit dem Zieltone 3), 
ganz anders die Stellung der Quinte zur Tonika als die der Quarte; und 
am bedeutsamsten zeigt sich die entgegengesetzte Dilferenzierung des Tonika- 
grundrhythmus in den nun auf Quint und Quart aufgebauten Stammakkorden. 
Diese aber prflgen wiederum dem ganzen zugehorigen Tonsystem ihren 
Charakter auf. Daher muss sich ohne Zweifel jene entgegengesetzte 
Dilferenzierung in der Gefuhlsbestimmtheit der entsprechenden einfachen 
oder potenzierten Ober- oder Unterquinttonarten in irgendwelchem Grade 
widerspiegeln. 

Es ist kein Zufall, dass das zweite Hauptthema eines Satzes von 
Sonatenform so gut wie nie in der Tonart der Quarte, in der fiberwiegenden 
Zahl der Ffllle aber in der Oberquinte anzutreffen ist. Ganz unverkennbar 
gibt sich im Verlaufe eines Tonstuckes beim Herausbilden und Entfalten 
der mannigfachen Tongestalten aus dem Urgrunde des tonischen Rhythmus 
eine Neigung kund, sich der reicher differenzierten Rbythmen der Ober- 
quinttonarten als Basis dieser reicheren Gestaltungen zu bemflchtigen. Da- 
gegen findet ein Umgekehrtes statt am Ende eines Tonstuckes. Hier weicht 



*) Nlheret am beaten in der Abhandlung „PsychoIogische Studien", 1885> oder 
v Zur Theorie der Melodie", 1901, Zeitschr. f. Psychol, u. Phytiolog. d. Sinnesorgane, 
Bd. 27. Eine Verbiodung dieser Theorie mit dem Prinzip der psychodyoamlschen 
Okonomie, und ihre Anwendung auf die Grundprinzipien des musikalischen Schaffens 
(der »Musiktheorie") siehe in des Verfassers „Das Erhabene, insonderhelt in der Ton- 
ktinst, und das Problem der Form im Musikalisch-Schdnen und -Erbabencn* S. 40 If., 
Leipzig 1903, Herm. Seemann Nachf. 



Digitized by 



Google 





23 
STEPHANI: STIMMUNGSCHARAKTERfDER TONARTEN 

die Harmonie in der bedeutsamsten Weise zurfick, hinaus noch fiber den 
tonikalen Grttndrhythmus, zurfick bis gleichsam ins Innerste, urn nach 
wiedererlangtem Gleichgewicht des Sich-Ausgebens und des Sich-in-sich- 
Zurficknehmens das fisthetische Lebensbild abzuschliessen. 

Ein ahnliches Verh&ltnis nun waltet zwischen den Beziehungen der 
#-Tonarten einerseits und andererseits der t>-Tonarten zu dem in ihrer 
Mitte liegenden C-dur ob. Aus dem grellen und doch farblosen, lflrmenden 
und doch reizlosen C-dur Ziehen wir uns zurfick in die beschauliche 
Ruhe der Unterdominantsphfre (von 3 zu 2*, wie uns die Zahlen trivial 
aufkiaren), wo wir weitab vom krlfteerregenden Tatendrang unserm Inneren 
uns nSher ffihlen: wir Ziehen uns zurfick in die „pastoralen" Gefilde des 
F-dur. Schreiten wir jedoch von C-dur aus hinfiber ins Gebiet der 
ft-Tonarten, so wird solcher Schritt getragen von einem Drange nach Ent- 
wickelung: wir gehen, wie wir sagen, aus uns heraus. (So ist es z~ B. 
recht schwer, sich bei sehr leidenschaftlichem Phantasieren ohne die Hilfe 
enharmonischer Verwechslungen zur Ausgangstonart zurfickzufinden; staunen 
wfirden wir fiber die Zahl der vorwirts durcheilten Tonsysteme, wollten 
wir versuchen, die Zahl dieser unbewusst von uns vorgenommenen Ver- 
wechslungen einmal festzustellen.) 

Folgendes werden wir nun endgfiltig behaupten dfirfen: 

Die Tonarten G-dur, D-dur, A-dur, E-dur, Cis-dur tragen vermoge 
ihres potenzierten Oberdominantcharakters, auf den freilich allm&hlich 
die verschiedenen Terzen- und Sekundenverh&ltnisse zu benachbarten Ton- 
systemen einzuwirken beginnen, simtlich im Vergleiche mit C-dur den 
Charakter eines reicher entfalteten Lebens; — D-dur in noch ver- 
stirktem Masse als G-dur; A-dur, die Tonart der grossen Sext (3 : 5), verrlt 
bereits einen leisen Einfiuss von A als Hauptvertreter der Unterdominante 
von C; E-dur verhfllt sich zu G-dur wie E (4:5) zu G (2:3), es zeigt 
das reichere Leben der Oberquinttonarten im intensivsten Grade; H-dur 
mit seinem potenzierten Oberdominantcharakter erleidet darin starke Ein- 
busse als Unterstufe von C-dur im Halbtonsabstand; eine umgekehrte 
Stellung endlich zeichnet Cis-dur aus, vermoge deren sich sein d'urch seine 
Stellung im Quintenzirkel bereits verwischender Oberdominantcharakter 
wieder bedeutend kritftigt. 

Hingegen eignet den Tonsystemen der einfachen oder potenzierten 
Unterdominant, vermoge des entgegengesetzten Verhaitnisses zu C-dur, im 
Vergleich zu diesem der Charakter einer ausgesprochenen Zu rfickgezo gen- 
fa eit, eines In-sich-Beruhens, einer eigentfimlichen Zartheit, Innerlichkeit. 
Die so oft zu pastoralen Tonbildern verwendete Eigenart des F-dur ver- 
stflrkt sich in B-dur, obwohl die Terz D ein leichtes Moment ihrer freieren 
Oberdominantsphlre mit einmischt; As-dur stellt das genaue Gegenbild ztt 



Digitized by 



Google 




24 
DIE MUSIK IV. 13. 



J| 



E-dur dar; der edel-heroische Charakter des Es-dur erklirt sicb als Dur- 
fortschritt gegeniiber dem ihm parallelen Tonsystem des zentralen c-moll. 
Einem H-, Fis- und Cis-dur ist die Eigenart der Kreuztonarten noch ganz 
besonders zuzusprechen, vergleichen wir sie mit Ces-, Ges- und Des-dur. 
In diesen letzteren Tonarten verdichtet sich der Gefuhlsgehalt der Unter- 
dominanttonarten in ansserordentlichem Masse. Es ist kein Zufall, dass 
solch exponierte Tonregionen nur im Gegensatze zu anderen Gemuts- 
zustMnden, nicht aber als Lebenselement fiir die Schilderung umfassenderer 
Seelenvorggnge gewihlt zu werden pflegen. 

Auf eine Darlegung der Verhiltnisse im Mollgeschlecht, wo die Dinge 
sofort recht viel komplizierter liegen, verzichten wir. Leicbt wird sich 
nach den gegebenen Fingerzeigen auch hier vieles aufhellen. Bei c-moll 
wird man die Eigentumlichkeit des C-dur, bei g-moll die Terz B mit ihrer 
Unterquintbedeutung fur C-dur, bei a-moll sein ParallelverhBltnis zu C-dur, 
bei e-moll seinen Anteil am E und G des C-dur-Akkordes, bei d-, h-, cis-, 
bei f-, b-, as-, und ganz verschwindend auch bei es-moll den einstigen Dur- 
charakter in seiner Trubung durch Moll, bei fis-moll endlich seine Ober- 
quinttonart-Bestandteile ins Auge zu fassen haben. 

Wir schliessen damit unsere Untersuchung. Wir betonen noch einmal: 
der Stimmungscharakter der meisten dieser Tonarten ist von ganz ausser- 
ordentlicher, leicht zu iibert&ubender Zartheit, der eben nur ein Andeuten 
der Hauptrichtung der in ihm enthaltenen Gefuhle, und damit eine nahezu 
unbegrenzte Fiille von Ausnahmen zulflsst. Wer sich aber auch diesen 
feinen Verschiedenheiten der einzelnen Tonarten verschliessen mag — zu 
der einen Erkenntnis wird er doch mit uns vorgedrungen sein: dass bereits 
in diesem so primitiven Organismus, wie ihn die beiden urn C-dur sich 
gruppierenden Tonartensysteme darstellen, leise jenes Gegenspiel von 
Kriftewirkungen sich ankundigt, das in den grossen Formen der Tonkunst 
zu einem so bedeutsamen und unendlich gestaltenreichen Abbild und Aus- 
druck unserer eigenen Lebenstfitigkeit wird: jenes Gegenspiel eines Sich- 
Entfaltens und Sich-Verschliessens, eines Sich-Ausgebens und Sich-in-sich- 
Zurucknehmens unserer seelischen Kraft. 




Digitized by 



Google 



STREIFLICHTER AUF MENDELSSOHNS UND 
SCHUMANNS BEZIEHUNGEN ZU 

zeitgenOssischen MUSIKERN 

AUS UNVERGFFENTLICHTEN BRIEFEN M1TGETE1LT 

von E. van der Straeten-London ^^.*- A 




ie nachfolgenden Briefe entdeckte der englische Musikscbriftsteller 
J. S. Shedlock bei seinen Nachforschungen uber die bereits 
friiher mitgeteilte Korrespondenz Mendelssohns und Schumanns 
mit J. H. Liibeck und Johann J. H. Verhulst. 1 ) Sie werden 
urn so willkommener sein, als sie interessante Personlichkeiten und Episoden 
aus Mendelssohns Zeit betreffen. 

Im Friibjahr 1832 war Mendelssohn in London auf Veranlassung der 
„ Philharmonic Society , die ihn um die Erstauffuhrung eines neuen Werkes 
gebeten hatte. Zu diesem Zwecke hatte er die Hebriden-Ouverture gew&hlt. 
Wie er bei dieser Gelegenheit gefeiert wurde, und wie glucklich er sich 
fublte, erfahren wir aus den Briefen, die er jeden Freitag an seine Familie 
schrieb. Am 27. April schreibt er: „Ich wollte, ich kdnnte beschreiben, 
wie froh ich bin hier zu sein; wie mir alles so lieb ist; wie ich uber die 
Freundlichkeit der alten Freunde vergnugt bin." 

Am 11. Mai schreibt er, dass vorigen Sonnabend Probe fur das 
Philharmonic-Konzert gewesen sei, in dem seine Hebriden-Ouverture ihre 
erste Aufffihrung erfahren sollte. Da jedoch die Stimmen noch nicht fertig 
ausgeschrieben waren, konnte das Werk bei der Gelegenheit nicht probiert 
werden. 

Mendelssohn war aber bei jener Probe anwesend und als er aus seiner 
Loge in den Saal kam, um einige alte Freunde zu begriissen, wurde ihm 
von den Mitgliedern des Orchesters eine derartige Ovation gebracht, dass 
er aufs Orchesterpodium klettern musste, um sich zu bedanken. „Seht, das 
werde ich nicht vergessen" — schreibt er im Verlauf des Briefes — ,denn 
es war mir lieber, als jede Auszeicbnung; es zeigte, dass die Musiker 
mich lieb batten und sich freuten, dass ich kam, und es. war mir ein 
froheres Gefiihl, als ich sagen kann." 

Eine Woche sp&ter schreibt er an seinen Vater fiber die Aufffihrung 
selbst, die am 14. Mai stattgefunden: 9 . . . es ging prdchtig und machte 
sich ganz seltsam zwischen mancherlei Rossini; die Leute haben aber mich 



l ) Im III. Jabrgang der „Musik«, Heft 1 und 2. 



Digitized by 



Google 




26 
DIE MUSIK IV. 13. 




und das Stuck ungemein freundlich aufgenommen . . .« Das Programm war 
folgendes : 

Tcil I. 

Symphonic No. 7 Beethoven 

Arte Mr. Phillips „Qui Sdegno" (Die Zauberfldte) Mozart 

Konzertstfick, Pianoforte (Mademoiselle Blahetka-Blahetka) 

Arie Madame Cinti Damoreau „Una voce poco fa* Rossini 

Ouverture v The Isles of Fingal" (Ms.) F. Mendelssohn-Bartholdy 

Teil 11. 

Symphonie g-moll Mozart 

Arie, Signor Doozelli, „Taqui allor* Donizetti 

Quintett (2 Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass) Onslow 

Messrs. Bohrer, Watts, Moralt, Lindley and Dragonettl 
Ouverture B. Romberg 

Am 15. Mai starb der alte Zelter. Mendelssohn empfing die Nach- 
richt etwa eine Woche darauf. Am 25. schreibt er von Norwood, Surrey 
(in der Nibe des spftter erbauten Krystall-Palastes) wo er in einem Land- 
hause auf einige Tage Ruhe und Erholung suchte: „Die Nachricht empfing 
ich morgens, als ich eben an ihn schreiben wollte; dann kam die Probe 
meines neuen Klavierstuckes [das in Munchen komponierte g-moll Konzert] 
mit seiner tollen Lustigkeit, und wie die Musiker nun klatschten und 
Komplimente machten, da war mir es wieder recbt als ob ich in der Fremde 
sei.« — Am 28. erlebte das Klavierkonzert seine erste Auffuhrung und 
zwar wiederum im „Philharmonic a -Konzert. Das Programm war: 

Teil 1. 

Jupiter-Symphonie . ^ Mozart 

Arie aus ,Euryanthe" (Herr Haitzinger) Weber 

Konzert (Ms.) Mendelssohn-Bartholdy 

Szene (Miss Inveraritz) aus Azor und Zemire Spohr 

Ouverture „Euryanthe" * Weber 

Teil II. 

Symphonie .letfer V« Haydn 

Arie (Signor Pellegrini) ,Figaros Hochzeit* Mozart 

Phantasie fur Fldte (Mr. Nicholson) Nicholson 

Arie (Herr Haitzinger): Dies Bildnis (Zauberfldte) Mozart 

Ouverture .Proserpina* Winter 

Der Dirigent war bei dieser Gelegenheit Cipriano Potter, der zur 
Zeit seines Wiener Aufenthaltes mit Beethoven in Beruhrung kam. 

Am 11. Juni fand das letzte Philharmonische Konzert jener Saison 
statt, in dem Mendelssohn nochmals sein Klavierkonzert spielte und die 



Digitized by 



Google 



WL 



27 
STRAETEN: MENDELSSOHNS U. SCHUMANNS BEZIEHUNGEN 




,Sommernachtstraum a -Ouverture dirigierte. Das Programm dieses denk- 
wurdigen Konzertes (unter der Direktion von J. B. Cramer) war: 

Tcil I. 
Symphooie (der ^Philharmonic Society* gewidmet, erste Auffubrung) . . Onslow 
Aric, Madame Schrdder-Devrient „Parto; ma tu ben mio" La Clemenza 

di Tito Mozart 

Concertante fur Fldte, Oboe, Klarinette, Fagott, Horn, Trompete and Kontra- 

bass Chevalier Neukomm 

(Kontrabass: Dragonetti) 

Aria, Signor Tamburini „lnveir col sesso imbelle" . . . . Pacini 

Konzert fur Pianoforte Mendelssohn 

Teil II. 

Symphonie No. 8 Beethoven 

Duett, Madame Cinti Damoreau und Signor Tamburini ,Di Capriccy" 

(Conradino) Rossini 

Concertante ffir 4 Violinen Maurer 

Messrs. Mori, Seymour, Tolbeque, Griesbach 
Arte Madame Cinti Damoreau „Entendez-vous" (Le Concert s la Cour) . Aubert 
Ouverture „Sommernachtstraum" Mendelssohn 

Bald nach diesem Konzert kehrte Mendelssohn nach Berlin zuriick. 
Vorher aber schrieb er folgende Zeilen an Sir George Smart, der zurzeit 
an der Spitze der Gesellschaft stand: 

Norwood, Surrey. 
My dear Sir 
Ihe treat which 1 owe to the Philharmonic Society during my residence in Eng- 
land this season, and the Kindness I met with at their concerts calls forth my sincerest 
thanks. May 1 ask you to express to the Directors how much indebted I feel to them, 
and to offer to the Society the score of my overture to the Isles of Fingal as a sign 
of my deep & heartfelt gratitude for the indulgence and kindness they have shown 
me during my second stay in this country. 
Believe me to remain 

my dear Sir 

Very truly yours 

Felix Mendelssohn-Bartholdy 
to Sir George Smart 
91 Great Portland St. 
Portland Place. 

Gewisse kleine Unbebolfenheiten in der Konstruktion, die sich drollig 
genug ausnehmen, weisen darauf bin, dass der Brief von Mendelssohn selbst 
verfasst war, der sich im ubrigen mit der englischen Sprache sehr vertraut 
gemacht hatte. In der Obersetzttng lautet er folgendermassen: 



Digitized by 



Google 




28 
DIE MUS1K IV. 13. 




Norwood, Surrey. 
Werter Hcrr! 
Der Genuss, den Ich der Gesellschaft wlhrend meines Aufenthaltes in England 
wlhrend dieser Saison verdanke und dat Wohlwollen, dat mir in deren Konzerten 
entgegengebracht wurde, erffillen mien mit aufrichtigster Dankbarkeit. Darf Ich Sie 
bitten, den Direktoren zu sagen, wie sehr ich mich ihnen verpflichtet ffihle, und der 
Gesellschaft die Partitur meiner Ouverture zu den Fingals-Inseln [zu fiberrelchen] als 
Zeichen meiner herzlichen und tiefgeffihlten Dankbarkeit ffir die Gunst und Gfite, 
die Sie mir wlhrend meines zweiten Aufenthaltes in diesem Lande erwiesen haben. 

Ich verbleibe, werter Herr, Ihr aufrich tiger 
An Sir George Smart Felix Mendelssohn-Bartholdy 

91 Great Portland St. 
Portland Place 

Das* Mendelssohn in England der Liebling und gefeierte Held der 
dortigen musikalischen Kreise war, ist bekannt. Hervorragende Personlich- 
keiten bewarben sich urn seine Gunst. So finden wir einen Brief von 
ihm an Geo Hogarth, den Autor noch heute geschatzter Werke fiber 
Musik und Musiker, dessen Tochter Catharine mit Charles Dickens ver- 
mfthlt war. 

Hogarth hatte Mendelssohn um ein Gutachten fiber seine musik- 
schriftstellerischen Arbeiten gebeten und erhielt folgende Antwort: 

To Geo Hogarth Esquire Berlin, Jul! 38. 

10 Powis Place 
Gt Ormonde St. 

(Obersetzung des englischen Originals.) 
Werter Herr! 
Es 1st sebr gfitig von Ihnen, mich um ein Gutachten fiber etwas zu bitten, 
was so anerkannt und geschltzt ist als lhre musikalischen Flhigkeiten [attainments], 
und ich wfirde es mir in der Tat zur Ebre rechnen, wenn es Ihnen auch nur 
im geringsten von Nutzen sein kdnnte. Ich furchte, dass dies nicht der Fall ist, 
schreibe es aber dennoch, um dadurch zu beweisen, welche Genugtuung ich durch 
Ihren liebenswfirdigen Brief empfand, und warum sollte ich nicht ebensowohl in 
jener Form sagen, was ich fiber Sie denke, als in irgendeiner anderen? Aber der 
englische Stil ist nicht mein forte — mein pianissimo ist er und darum bin ich 
nicht ganz sicher, ob Sie meine Meinung verstehen werden; wenn sie diese aber 
erraten, so bitte ich zu indent, was Sie ffir gut halten, und es so englisch wie m6g- 
lich zu machen, damit es auch von anderen verstanden werde. Ich bitte unsern 
gemeinschaftllchen Freund Moscheles, an den ich diese Zeilen einschliesse, dasselbe 
zu tun, und alle schlechten Klauseln aus meiner .bill* auszustreichen, und wenn sie 
durch zwei solche Komittls gegangen ist, bin ich fiberzeugt, dass sie nfitzlicher 
sein wird, als in der ursprfinglichen Form. Nochmals wunsche ich Ihnen jeglichen 
Erfolg, den Sie verdienen, und hoffe alsdann auch davon zu hdren. Wenigstens 
kann keiner von alien mehr Interesse daran nehmen, als ich es tue. 

Ich verbleibe stets Ihr getreuer 

Felix Mendelssohn-Bartholdy 



Digitized by 



Google 





29 
STRAETEN: MENDELSSOHNS U. SCHUMANNS BEZ1EHUNGEN 

Moglicherweise beabsichtigte Hogarth dieses Gutachten bei der Be-* 
werbung urn die Stellung als Musikkritiker an einer der Hauptzeitungen 
zu verwenden. Am „ Morning Chronicle" versah er diese Stelle bereits 
im Jahre 1834 und in spiteren Jabren an verschiedenen anderen leitenden 
Organen. 

Mendelssohns Begeisterung fur Handel reifte in ihm den Plan zu 
einer neuen Ausgabe von mehreren Oratorien dieses Meisters. Den Plan 
scheint er mit den Londoner Verlegern und Klavierfabrikanten D'Almayne 
& Co. bei seinem ersten Aufenthalt dort im Jahre 1820 besprochen zu 
haben, wie aus dem folgenden Briefe hervorgeht: 

(Obersetzung.) Leipzig, 16. MIrz 1843. 

Meine Hen-en! 
In Beantwortung Ihres Geehrteo vom 10. erlaube ich mir zu bemerken, dais 
ich f&r den Augenblick die Idee, die ich vor einigen Jahren hatte, mehrere Hlndeltche 
Oratorien herauszugeben, aufgegeben babe, und data et nicht meine Absicht 1st, tie 
jetzt oder in der nlcbsten Zukunft autzuf&hren. 

Ich verbleibe, meine Herren, 

Ihr gehorsamer Diener 
To D'Almalne & Co. Felix Mendeltsohn-Bartholdy 

20 Soho Square 
London 

Ein anderer Brief, der keine Adresse enthait, war mutmasslich an 
Mssrs. Ewer & Co., seine Verleger fur England, gerichtet. Das Gesch&ft 
wurde im Jahre 1867 mit dem von Novello zu der jetzigen Firma Novello, 
Ewer & Co. verschmolzen. Der Brief lautet: 

Meine Herren! 

Obwohl Sie mir in Ihrem geehrten letzten Schreiben versprachen, die Ober- 
tetzung meiner techs Lieder mit nlchtter Pott zu senden, habe ich diete bit jetzt 
noch ojcht erhalten; ich beeile mien, Sie davon in Kenntnit zu tetzen, dast die 
Vertffeotlichung dietet Werkes yon den deuttchen und franzdsischen Verlegern 
nunmehr auf den 2. Oktober festgesetzt ist, an welchem Tage ich Sie bitten mutt, 
die Autgabe auch in Ihrem Lande fertig zu haben. Icb hoffe, dast ein Brief an 
Mr. Macfarren, den ich die Freibeit nahm an Ihr Haut zu senden, richtig abge- 
liefert 1st 

Er enthielt die Nachricht unterer ersten Konzertprobe, bei der eine seiner 
Ouvcrtfiren allgemeinen und wohlverdienten Erfolg hatte, was ihm hoffentlich eben- 
soviel Freude bereitet alt mir und all unteren Musikern und Liebhabern. 

Ihr ergebener Diener 

Leipzig, 11. Sept. 1843. F. M.-B. 

Aus dem folgenden Jahre besitzen wir auch einen Brief des Meisters 
an Vincenz Novello, den Vater der grossen Sflngerin Clara Novello und 



Digitized by 



Google 




30 
DIB MUSIK IV. 13. 



m 



Begrunder der obengenannten Firma. Letzterer war ein geschickter Organist 
und Kirchen-Komponist. Der Brief lautet: 

(Obersetzung.) 3 Hobart Place, Eaton Square 

June 21. 1844 
Werter Heir! 
Empmngen Sie viclen Dank fur Ihren gfitigen Brief und die Musikalien, deren 
Studium mir gewiss einen groasen Genuaa bereiten wird. Sobald ich mich grfindlich 
damit bekannt gemacht, werde ich nicht verfehlen, sie persdnlich zuriickzubringen, 
urn ale mit Ihnen zu besprechen und Ihnen nochmala fur den Band zu danken, den 
Sie mir g&tigst aandten. Ich bedaure sehr, nlchaten Sonntag nicht mit Ihnen gehen 
zu kdnnen, um Ihren Freund die Orgel spielen zu hdren; alle die [Sonntage] melnea 
jeweiligen Aufenthaltea in dieaem Lande sind durch vielseitige Verpfiichtungen [engage- 
menta] in Anapruch genommen, und ich muss Sie daher bitten, mich zu entschul- 
digen, wenn ich nicht das tun kann, was ich gewiss selbst zu tun wQnsche. 

Ich verbleibe, geehrter Herr, 

Ihr sehr getreuer 
An Herrn V. Novello F. M.-B. 

9 Craven Hill 
Bayawater 

Auch an den Besitzer der Firma Ewer & Co., Mr. E. Buxton, schrieb 
er bereits vor seiner Abreise nach London bezuglich Schumanns „ Paradies 
und Peri a folgendes: 

Berlin, 27. Januar 44. 
Werter Herr! 
Mein Freund Dr. Schumann aucht eine Gelegenheit, aein neues Werk ,Paradies 
und Peri* in Ihrem Lande zu verdffentlichen, und hat mich gebeten, Ihnen die Ein- 
drficke mitzuteilen, die es auf mich gemacht, wihrend er selbst, wie ich glaube, 
vorhat, fiber die Publikation mit Ihnen zu verhandeln. 

Ich muss Ihnen daher sagen, dass ich dieses neue Werk von Dr. Schumann 
mit dem grdssten Vergnugen gelesen und gehdrt habe, dass es mir einen Genuss 
bereltet hat, der es mir leicht machte, den einstimmigen Beifall vorauazusagen, den 
es bel den beiden Auffuhrungen in Leipzig und Dresden (die vorigen Monat statt- 
gefunden) geerntet hat, und dass ich es fur ein hochbedeutendes, edles Werk voller 
hervorragenden Schdnheiten halte. In Tiefe des Ausdrucks und poetischem Gefuhl 
steht es sehr hoch, die Chdre sind ebenso effektvoll und gut geschrieben als die 
Solopartieen melodisch und einnehmend sind. Kurz, es 1st eine wfirdige musikalische 
Wiedergabe jener achdnen Inapiration Ibres Dichters Moore, und ich glaube das Ge- 
fuhl, Jenem Dichter verpflichtet zu sein ffir den Zauber, der die ganze Musik durch- 
weht, hat 1m Komponiaten den Wunsch erweckt, dass Ihre Landsleute mit seinem 
Werke bekannt gemacht werden mdchten. 

Er beabaichtigt England nlchstes Jahr zu besuchen und ich bin gewiss, dass 
sowohl er, wie sein Werk alsdann so empmngen werden, wie sie es verdienen. 

Ich verbleibe, werter Herr, 

Ihr getreuer 
Felix Mendelssohn-Bartholdy 



Digitized by 



Google 





31 
STRAETEN; MENDELSSOHNS U. SCHUMANNS BEZIEHUNGEN 

W&hrend seines Londoner Aufenthaltes in jener Saison scheint er 
auch einer Parlamentssitzung beigewohnt zu haben, wie er sich denn als 
Weltmann auch fur die Institutionen des sozialen und difentlichen Lebens 
seiner Zeit stets lebhaft interessierte. Folgender Brief aus Manchester 
nimmt Bezug auf jenen Besuch: 

Manchester, 1& Juni 1832. 
Mein Heber Mr. H awes I 

Sie hatten die Gfite, mir eine Eintrittskarte fur das Unterhaus [House of 
Commons] zu verschaffen. Ich Rode nun, dass ich einen Tag eher, als ich ver- 
mutet, nach der Stadt zurfickkommen werde (nlmlich nlchsten Freitag) und habe 
folglich kein Engagement irgendwelcher Art, weder den Abend, noch den Nachmittag, 
was an keinem Tag der folgenden Woche, noch, wie ich furchte, wlhrend der ganzen 
Zeit meines Aufenthaltes in diesem Lande wieder der Fall sein wird. Wollen Sie 
daher entschuldigen, wenn ich an f rage, ob Sie mir den Zutritt fur nlchsten Freitag 
verschaffen kdnnen? Und warden Sie mir gestatten, im Laufe des Morgens an jenem 
Tage in Ihr Haus zu senden, urn ihnen die Mfihe des Antwortens zu ersparen? 
Sollte Freitag nicht genehm sein, so lassen Sie mich vielleicht wissen, welcher Tag 
der folgenden oder nlchstfolgenden Woche Ihnen am beaten passt 

Bitte entschuldigen Sie, dass ich Ihre wertvolle Zeit in Anspruch nehme; 
ich verbleibe stets Ihr getreuer 

F. M.-B. 

Im Jahre 1836 befand sich Ignaz Tedesco, der „ Hannibal der Oktaven", 
auf einer Kunstreise in Deutschland and sollte am 1. Dezember im Gewand- 
haus-Konzert zu Leipzig spielen. Folgender Brief Mendelssohns gibt uns 
Anskunft fiber den Ausgang der Verhandlung: 

Hochgeehrter Heir! 

Da ich bis heute keine bestimmte Antwort yon Ihnen auf meinen Brief erhalten 
habe, und sich im Repertoire dnserer Konzerte mehrere notwendigen Verlnderungen 
ergeben haben, so bedauere ich, dass wir im nlchsten Konzerte am 1. Dezember 
nicht auf das Vergntigen rechnen kdnnen, Sie zu hdren, und da bereits morgen das 
Programm In Dryuck gegeben wird, es auf eine spltere Zeit verschoben bleiben muss. 
Da es nun in dem nlchstfolgenden Konzerte nicht gut angeht, so soil ich Sie im 
Namen der Herren Direktoren ergebenst fragen, ob es Ihnen mdglich wire, zu einem 
der Konzerte vor ') Neujahr z. B. in dem am 15. oder am 8. Januar hier zu sein ? 
Natfirlich hlngt dies ganz von Ihren Reisepllnen ab, und ich muss Sie nur bitten, 
mir gefllligst eine setar baldige Antwort zukommen zu lassen, da ich mich in diesem 
Augenblicke wegen des Ausbleibens lhrer Antwort wirklich in Verlegenhelt beflnde* 
Mit vollkommener Hochachtung ergebenst 

Felix Mendelssohn-Bartholdy 

Leipzig, den 25. November 1836. 

Herrn Ignace Tedesco 
Pianists 

Dresden (In der goldenen Krone). 

*) Soil doch wohl augenscheinlich nach Neujahr heissen. 



Digitized by 



Google 




32 
DIE MUS1K IV. 13. 




Auf dem Briefumschlag steht eine Randbemerkung: „gegn. mundl. 
Paganini". Ob die Antwort mundlich durch Paganini gegeben worden, 
oder welch andere Beziehungen zwischen diesem Briefe und Paganini 
existieren, ist leider nicht festzustellen. 

Der folgende Brief ruft ein jetzt wenig mehr gekanntes Instrument, 
die Clash arm on ika, in Erinnerung. Es wurde bekanntlich von Dussek und 
anderen virtuos behandelt und hatte gewisse itherische Klangwirkungen, 
die in unserer Zeit durch die von Tschaikowsky in seiner „Nussknacker- 
Suite" angewandte Celesta — ein kleines Klavier mit Metallstfiben — in 
dbnlicher Weise erzielt worden sind. 

Der Adressat war Organist und Klavierlehrer in Leipzig: 

Ew. Wohlgeboren 
besitzen, wie mir der Herr Advokat Schleinitz sagte, eine Glasharmonika, welche im 
Orchesterton gestimmt sein soli. Durft' ich mir die Freibeit nehmen Sie zu fragen, 
ob sich das wirklich so verhilt, uod ob Sie in diesem Falle wohl die Gefftiligkeit 
haben wurden, una bei dem Armenkonzert, in welchem wir ein aolches Inatrumen 
brauchen (am 6. Februar) mit Ihrer Mitwirkung zu unterstutzen? Es bedarf nur einiger 
weniger Akkorde, die aber unentbefarlich bei der Kom position sind, welche wir auf- 
uhren wollen. 

Mit vollkommener Hochachtung 

Ew. Wohlgeboren 

ergebenster 
Felix Mendelssohn-Bartholdy 
Leipzig, 24. 1. 1837. 

Herrn Musiklehrer Helwig 

Wohlgeboren 

Der oben erw&hnte Advokat, nacbmals Justizrat, Schleinitz wurde 
nach Mendelssohns Tode dessen Nachfolger als Direktor des Leipziger 
Konservatoriums und starb 1881. 

Im Jahre 1838 wurde der mit Schumann befreundete Dr. Julius 
Becker Mitarbeiter an der „Neuen Zeitschrift fiir Musik tt . Er war auch 
Liederkomponist und in einer oder der anderen Eigenschaft beabsichtigte 
Schumann ihn mit Mendelssohn bekannt zu machen, was wohl die Erklarung 
fiir folgende Zeilen gibt: 

Lieber Schumann I 

Der Oberbringer lores Briefea war fort, ebe icb antworten konnte. Venn Sie 

mir heut zwischen 2 und 4 das VergnGgen lores Besuchs und die Bekanntschaft des 

Herrn Becker 1 ) verschaffen wollen, so erfreuen Sie mich sebr. Leider kann ich Ihnen 

nur diese zwei Stunden im Laufe des heutigen Tages bestimmen, da ich noch viele 



*) Aller Wahrscheinlichkeit nach C. J. Becker, Mitarbeiter an der Neuen Zeit- 
schrift, da Dr. Julius Becker damals wohl kaum schon mit Schumann bekannt war. 



Digitized by 



Google 




Q 
Z 

< 

o 

z 

z 
z 

O 

> 

H 
B 
UJ 
00 

O 

K 



> 




Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 













3 3*s 



* 



z 


Z 


o 


z 


> 


-< 




s 


o 


« 


z 


_> 


D 


o 


CO 


> 


CO 

-< 


H 
OS 




w 




OQ 


z 

OS 


o 

OS 


w 


z 


SB 


o 


O 


> 


OB! 


* 


IK* 




H 


OS 


^ 


Cti 


H 


z 


CO 


w 


< 




> 


m 




H 


OS 


CO 


D 


£ 


X 




u 


OS 


CO 


tt 


OS 


CO 


< 


D 


2 


Z 




< 

as 


CO 

a 

OS 




< 


Eti 


X 


& 


o 


ft! 


OS 


W 


II 




Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 



I 



8Rs 




33 
STRAETEN: MENDELSSOHNS U. SCHUMANNS BEZ1EHUNGEN 

Rfickkebrebescblftigungen habe, doch hoffe ich, dass Sie Ihnen passen. Wo nicbt, 
so bitte ich Sie an jedem anderen Tagc eine Zeit zu bestimmen, welche Sic wollen. 
Entschuldigen Sie die Eile 

Ihr ergebener 

Felix Mendelssohn-Bartholdy 
Spnnabend, 25. August 1838. 

| Der nachfolgende Brief Mendelssohns ist leider ohne Adresse. Moglich 

' wire es, dass er an Rochlitz gerichtet war, der ja spaterhin das Oratorium 

B Die letzten Dinge* schrieb, das Spohr annahm unter der Bedingung, dass 
Mendelssohn den Text nicht zu benutzen wunsche. 

In dem Briefe handelt sich's urn einen Text, der fur eine Auffuhrung 
gegen Ende Januar 1839 zum Besten des Leipziger Theater-Pensionsfonds 
bestimmt war. Dieser Text sollte der Weberschen Preziosa-Musik unter- 
geschoben werden. Es scheint aber, dass dieser Plan nicht zur Ausfuhrung 
kam; denn Mendelssohn schreibt am 18. Marz 1839 an seine Mutter (siehe 
Briefe I. Teil, Seite 119), dass bei der Gelegenheit B Ruy Bias 41 zur Auf- 
fuhrung gekommen sei, und dass er auf Bitten der betreffenden Theater- 
behdrden eine Romanze und Ouverture zu dem Stuck geschrieben habe, 
,das so ganz abscheulich und unter aller Wurde ist*. 

Leipzig, d. 8. Dezember 1838. 
Ew. Woblgeboren 

geebrtes Schreiben bat mir eine grosse Freude gemacbt und ich weiss nicht 
woffir ich Ihnen mchr Dank schuldig bin, fur die Bereitwilligkeit, mit der Sie unsern 
Wfinschen entgegengekommen, oder fur die Gfite und Freundlichkeit, mit der Sie 
meinen Brief aufgenommen und beantwortet baben. Sein Sie versicbert, dass ich 
beide wohl zu wurdigen weiss, und micb herzlich fiber die Gelegenheit freue mit 
Ihnen eine scbriftliche Bekanntschaft anzuknfipfen, da mir eine persdnliche zu machen 
bis jettt leider versagt ist. Ich teilte Ihr Schreiben sogleich den Herren, in deren 
Auftrag ich schrieb und von denen die Idee eigentlich ausgegangen ist, mit und auch 
sie bitten, ihren besten Dank ffir Ihre woblwollende Gefilligkeit anzunebmen. Da 
Sie mir erlauben, Ihnen meine Gedanken fiber den Gegenstand selbst zu sagen, so 
will ich's unverhohlen tun, Sie mdgen sie nun brauchen kdnnen oder nicht. In alien 
Punkten, die Sie berfihren scheint es, dass Sie die Sache ganz durchscbauen und ich 
freue mich desbalb scbon im voraus auf das Gedicht, das nicht anders als vortrefflicb 
werden kann. Gewiss wire ein Lob der Tonkunst gar nicht am Orte; gewiss wire 
jeder gescbicbtlicbe Stoff zu einengend; aber sollte irgendein Stoff sich dazu fiber- 
haupt passender flnden lassen als Preciosa selbst? Cervantes lieblicbe Zigeunerin hat 
den Stoff zu so mancher Bearbeitung, denn zu Webers Musik gegeben, sollte sie sich 
nicbt auch zu einem Gedicht eignen und Ihnen zusagen kfinnen? Es liegt so viel 
Poetiscbes, Reizendes darin. Nur kommt dazu, dass ohne Zigeunerwesen die Musik 
nie ihre rechte Wirkung tun kfinnte! Der Chor „im Wald*, der Chor die Sonne 
i lacbt in ihrer Pracht*, der immer wiederkehrende Marsch — das mfissen Zigeuner 

I sein, denen das gilt — und im Wald muss die Szene spielen, sonst kann ich mir 

| nicbt denken, dass Weber damit zufrieden sein wurde. Und noch ein nicht unwich- 

r IV. 13. 3 



Digitized by 



Google 




34 
DIE MUSIK IV. 13. 



m 



tiger Grand scheint mir, class ebcn als Preciosa-Musik diese Musik jetzt ins Volk 
gegangen 1st, dort lcbt, und dass jeder Hdrer diesen Gegenstand gegen einen indent 
zu vertauschen sich sttluben wird — er will eternal die Waldnacht, and die nette 
Zigeunerin sich bei all den scbdnen TOnen denken. Ein Gedicht, welches den Kern 
der Cervanteschen Preciost gibe, welches uns in dies lustige zierliche Leben unter 
freier Luft, ntch Spsnien vor alien Dingen, zu den Improvisationen, zur Guitarre und 
der F16te und den Hdrnern des Liedes der Preciosa versetzte, das uns ihr Wesen 
und Treiben anschaulich macbte und alles dies beslnge — damit dachte ich mir, 
wfirde die Weberische Musik am innigsten sich verbinden kdnnen. Wie das zu 
machen ist, weiss ich freilich nun wohl nicbt, aber wozu brauchte ich es auch, Ihnen 
gegenfiber? Sie werden meine Idee trotz meines scbnellen Ausdrucks gleich heraus- 
flnden und wenn sie zu brauchen ist, sie besser brauchen als ich's mir trlumen lasse. 

Auch darin, dass den Chdren anderer Text untergelegt werde, stimme ich 
natfirlich mit Ihnen ganz fiberein; nur bei den zwei obenerwlhnten »im Wald" und 
die Sonne lacht" schiene es mir nicht tunlich, eben aus dem Grande, well sie zu 
sehr mit den Worten verwebt, und zu sehr mit ihnen ins Volk fibergegangen sind. 
Aber dass die Worte Heil Preciosen* usw. in den anderen Chdren yerlndert werden 
mfissten scheint mir unwidersprecblich. 

Noch soil ich Sie fragen (wenn Sie wie ich nun urn so fester hoffe die Dichtung 
fibernehmen wollen), ob Sie in diesem und dem nlchsten Monat so vicl freie Zeit 
flnden wfirden, dass wir das Konzert, worin es zur Auffuhrung kommen soil, zu Ende 
Januar bestimmen kdnnten? Es ist das Konzert fur den Musikerfonds, woffir wir e s 
wfinscben, da wir dasselbe immer so brillant als mdglich zu machen suchen. Auch 
soil ich fragen, welch ein Honorar Sie bestimmen, urn uns das Gedicht fur die beiden 
ersten Aufffihrangen desselben zu uberlassen. 

Die Konzertfrage bleibt endlich, was Sie fiber das Ganze denken und fiber 
meine unzusammenhlngenden Begriffe davon. Kdnnten Sie mir recht bald hierfiber 
Antwort geben, so wfirde ich Ihnen sehr verbunden sein, wie ich es schon jetzt ffir 
Ihren liebenswfirdigen ersten Brief bin; haben Sie meinen besten Dank und ge- 
nebmigen Sie die vollkommene Hochachtung 

Ihres ergebenen 

Felix Mendelssohn-Bartholdy 

Ein Brieflein, das sich auf einen Oratorientext und zwar hochst 
wahrscheinlich auf w Die letzten Dinge* bezieht, ist das folgende, an 
Rochlitz gerichtete: 

Hocbgeebrter Herr Professor! 

Ffir die freundliche Obersendung des beiliegend zurfickerfolgenden Textes danke 

ich Ihnen besteae* Ich habe ibn mit Interesse gelesen und bedaure recht sehr, dass 

ich, wie ich Ihnen schon mundlich sagte, durch eine angefangene Arbeit ihnlicher 

Art verhindert bin etwas Neues zu unternebmen. Mit vollkommener Hochachtung 

ergebenst Felix Mendelssohn Bartholdy 

Berlin, den 27. November 1S45. 

Mendelssohn war zurzeit bekanntlich mit der Komposition des „Elias* 
beschaftigt. 

Schluss folgt 



Digitized by 



Google 




bOcher 

128. Rudolf Louis: Anton Bruckner. Verlag: Georg Mailer, Mfinchen u. Leipzig. 
Ein hocbverdienstlicbes Buch, eingegeben von lauterer Hingtbe an den *er- 
kanntesten der Meister deutscber Tonwelt, verfasst in voller Geisterschlrfe istbetiscben 
Tiefblickes. Hicr redet ein Berufener, der an sich erfahren, dass Bruckner nicht er- 
measen, sondern nur erf&hlt werden kann, dem daber zunlchst am Herzen Iiegt, die 
Eigenart des Menacben Bruckner dem Leser aufzudecken, — bier forscbt endlich ein 
Wiasender nicbt nacb dem Soil geaicbter Kunstgesetze, wic aie vermeintlicbe Kritik atets 
wiederzukiuen liebt, sondern wigt im Begreifen der Liebe die Bedeutung des unbesorgten 
genialen Muss, das uns im Scbaffen des grossen OberSsterreichers so berrlich Neues 
gewann. Im ersten Telle des Lebens- und Scbaffens-Bildes: „InderHeimat" werden die 
Abhandlungen fiber St Florian und Biscbof Rudigier, als bisber den Bruckner-Freunden 
in dieser Ausdebnung wobl unbekannt, besonders willkommen geheissen werden. Wenn 
man Bruckner nabegestanden ist, das heisst sich die Mfifae gegeben hat, zu aeinem von der 
jeweiligen Umgebung losgelSsten, inneren Menschen so vorzudringen, dass man in Geduld 
die lusserlicben Absonderlichkeiten dagegen fiberseben konnte, durfte man erkennen, 
dass der Meister gebildeter und unterrichteter gewesen, als der Verfasser manchmal 
voraussetzt, und dass Brunner in seiner ersten Bruckner-Zeicbnung ihn diesbezfiglich 
nicht fiberscbltzt bat. VorzQglicb gelungen sind die Beleuchtungen Simon Sechters, 
Otto Kitzlers und Job. Herbecks die einen besonders lesenswerten Abschnitt 
des Bucbes bilden. Doch war es keineswega der erstere, der Bruckner in die Kunst 
des wunderbaren Thomaskantors erst eingeffihrt bitte. Auch hat der verehrungswfirdige 
und hochverdiente, beute nocb schaffende Otto Kitzler nicht allein und nicbt zunlchst 
Bruckner die Neuerungen Wagners erscblossen. Die musikalischen Verhiltnisse von 
Linz zur Zeit, als Bruckner dort wirkte, waren nacb vorhandenen Belegen doch etwas 
bessere, als Louis annebmen zu mfissen meint Die Nlhe von Wien bat dabei be- 
stimmt zur Erweiterung des kfinstlerischen Horizontes des Werdenden beigetragen, der 
auch im Alter nocb entgegen der ublichen Mir seine Kenntnis in musikalischen Dingen 
zu erweitern suchte, wo er nur konnte und unstillbaren Wissensdrang immerdar sein 
Eigen nannte, wenn es ihm auch an Zeit gebrach, ihm zu folgen, wie er woilte. Wer 
die schon beute unglaublicb erscheinenden Zustinde des Wiener musikalischen Lebens 
zur Zeit der Gppigsten Hanslick-Regentscbaft miterlebt bat, wird wissen y dass die Ver- 
folgungen Bruckners durcbaus nicht, wie Louis im 2. Kapitel „In Wien" meint, durch 
den grellen Parteifanatismus seiner Freunde hervorgerufen worden waren, denn Bruckner 
hatte lange, lange uberbaupt nur ein paar glnzlicb einflusslose, mundtot gemachte Jflng- 
Iinge zu Anbingern und viele, die sich spiter als „erste Vorklmpfer des Meisters* 
preisen liessen, geruhten damals hdchst eigensinnig in der Anschauung zu ver barren: 
Bruckner sei ein Trottel M . — Den meisterlichsten Abschnitt bietet Louis in der dritten 
Abhandlung seines Werkes: »Der Kfinstler und der Mensch", in der sich der 
Verfasser auf der Hocowarte des allumspannenden Forschers zeigt Namentlich die 
Gegenstellungen Liszt und Bruckner sind von beute seltenstem Peinsinne eingegeben 

3* 



Digitized by 



Google 




36 
DIB MUS1K IV. 13. 



M 



und wirken nacb dem von Andern bisher einzig abgeleierten Thcma: Wagner uod 
Bruckner wahrhaft erfrischend. Besonders verdienstlicb ist, was Louis fiber Bruckners 
Unterrich t sagt, dam it — wie es den Tatsachen enlspricbt — die von Ganz-Gescbeiten gem 
verbreitete Kunde zersterend, Bruckner sei ein hdchst mittelmlssiger L eh re r gewesen, eine 
Behauptung, die eines Tages sogar in Porm eincr Beschwerde eines Schfiiers des Konser- 
vatoriums bei Hellmesberger eingegangen war, in der Hoffaung, die „Direktion" werde 
offlzielle Ordnung und ihrem Lehrer die notweftdig eracbtete Bedeutung schaffen. — Bei 
der „Gewissenhaftigkeit* der Klavier-Auszfigler der Brucknerschen Symphonien 
bleibt anzuffigen, dass stellenweise die zweiblndigen Auszuge August Stradals getreuer 
den Originalpartituren folgen, als die vierhlndigen, in denen Auslassungen beliebt 
wurden. Einrichtungen fur zwei Klaviere zu vier HInden, wie sie nacb dem Muster der 
Li8zt8cben sympboniscben Dicbtungen bei der Siebenten H. Bebn getroffen, wlren 
beute auf diesem Gebiete das Dankenswerteste. Bezuglich der Sch filer Bruckners 
mScbte icb bemerken, dass Gustav Mabler mir ausdrfickHch versichert, er sei nicbt 
zu den Schfilern des Meisters zu rechnen, so treu er ibm auch einige Zeit Gefolgschaft 
leistete und so sebr er vielleicht von ibm sonst angeregt worden sein mag. Fried rich 
Kloses Wfirdigung, als eines freudigen Bekenners Bruckners und als aussicbtsreicbsten 
Komponisten seiner Scbule behalte icb mir vor. Ober Bruckners Werke, die Louis 
in den letzten Kapiteln: „Kirchen- und Chormusik" und »Die Brucknersche 
Symphonie* bespricht, wird erst recbt geurteilt werden kflnnen, wenn sein Werden als 
Komponist, und der Umfang seines Scbaffens vollstfindig aufgedeckt sein werden — eine 
Aufgabe, der icb seit vielen Jahren meine ganze freie Zeit widme. Mancher bltte viel- 
leicht eine eingehendere Wfirdigung der Messen und anderen Kirchen- Werke Bruckners 
erwartet, in denen er ebenso ureigenartig erscbeint, wie in seinen Symphonieen. Auch 
bier, bei Besprecbung seiner religidsen Schfipferkraft fallen — namentlich bei Parallelen 
mit Liszt, die sich Bruckner zwar nicbt als Lob angerechnet haben wurde — geistvolle 
Worte. Bezuglich der Mlnnerchflre unseres Meisters ist zu bemerken, dass die poesie- 
vollsten und eigenartigsten von ihnen noch nicbt bekannt sind. — H5chst interessant ist 
die Gruppierung, in der Louis die Brucknerschen Symphonieen erschaut, scblagend 
der Vergleich der Zweiten und Sechsten mit Beethovens Vierter und Achter. Bezuglich der 
ersten Symphonie Bruckners, auf die Louis das Goethe- Wort vom »ganz absurd 
sich gebirdenden" Moste angewendet wissen will, glaube icb, dass der geschfttzte Verfasser 
selbst noch anderer Meinung werden wird. Die Umarbeitung des „kecken Beserl* war 
fibrigens keine so grfindliche, wie Louis sich vorzustellen scheint. Das wird die Heraus- 
gabe der Urgestalt zeigen, die Ferdinand Lowe ebenso dankenswert plant, wie die 
Verdffentlichung des Volksfesles M in der ersten Formung der Vierten. Was Louis fiber 
die letzten Sltze der Symphonieen sagr, gehdrt zum Tiefst-Erschauten, das fiber Bruckners 
Eigenart fiberhaupt bisher gesagt worden und stimmt oft fiberein mit dem, was Bruckner 
selbst vom Inhalte seiner Schlusssfttze gedacht hat. In betrefF der Anschauung, die 
Louis von der Architektur Bruckners kundgibt, werden ibm vielleicht nicbt alle Kenner 
beipflichten. Aber gerade die persdnlichen Urteile des Verfassers erregen hohes Interesse, 
weil sie stets als Ausstrahlungen ruhiger Objektivitit sich zeigen und deshalb allgemein 
klftrend wirken. Wenn der Verfasser auch stellenweise irrt — wie z. B. bei dem Adagio 
der Siebenten, das Bruckner wirklich in Vorabnung des Scheidens Wagners ein- 
gegeben worden war und im Web der eingetretenen Katastrophe vollendet wurde — 
so ist dies bei dem Material, wie es bis jetzt vorgelegen, begreiflich und raubt dem 
Buche nicbts von seinem bleibend-hohen Werte, der es jedem Nftherzusehenden lieb und 
teuer macbt, umsomehr als der Verlag ffir angemessenen Rahmen und durch Beigabe 
von Bildern und Handschriften des Meisters (darunter ein bisher der Allgemeinbeit 



Digitized by 



Google 




37 
BESPRECHUNGEN (BOCHER) 




unbekannt gebliebenes Portrlt aus mittleren Jahren und der Beginn eines verworfenen 
Trios des Scherzos der „Neunten"), sowie Aosichten seiner Wirkungsstltten fir zeH- 
gemlsse Ausstattuog gesorgt hat. M5ge das 230 Seiten starke Werk, das das Hen 
eingegeben und strenge Wissenschaftlichkeit geprlgt bat, Segen stiften und Denkende 
an ei fern, furderbin Grosses zu hegen, so lange es unter uns weilt, Eigenartigem bin- 
gebend voiles Ausleben zu gestatten, wo es uns begegnet. August G Slier ich 

129. Moriz von Schwind: Die „Lachnerrolle". Verlag: Franz Hanfstaeng1,Mfinchen. 
So gut wie in der Musik sondern sich in den bildenden Kfinsten die Meister der 
Suite von denen der Sonatenfonn. Die Suitenmeister baben das Talent der acht Takte; 
die kleinen, liebenswfirdigen Gedanken und Einfille versagen lhnen nie, und darin sind 
sie entschieden den Sonatenmeistem fiberlegen, die schwerfillig und ungewandt im 
eigentlichen „Erflnden" sind. Handelt sich's aber darum, aus einem kleinen Tbema etwas 
zu gestalten, um das, was der Musiker die Durchffihrung nennt, dann triumpbiert der 
Sonatenmeister, und der von der Suite steht unscheinbar neben ihm. — Soil ich vor einem 
musikalischen Publikum kurz auf das hinweisen, was die Kunst Moriz' v. Schwind 
charakterisiert, so wfisste ich kein besseres Wort als dieses: er war ein Meister der 
Suite, er hatte das Talent der acht Takte rait all seinen VorzGgen und all seinen Nach- 
teilen. Das grosszfigig Geniale der Kunst etwa eines BOcklin, der im Grande nur wenig 
Themen erfand, der diese Themafa aber in seinem prachtvoll einheitlichen Lebenswerk 
auf eine so wunderbare Art zu steigern wusste, das fehlt Moriz v. Schwind durchaus. 
Aber welche Fulle der Erflndung im Kleinen! Wie das sprudelt von immer neuen Ein- 
fallen! Und mit welcher leichten Sicherheit Schwinds schnell gestaltende Hand das alles 
in Bilder umsetzte! — Eines dieser Werke, der bezeichnendsten eines, wollen wir uns heute 
rlher ansehen: die „Lachnerrolle". Als Lachner anfangs 1862 sein 25jfthriges Jubillum 
als Mfinchener Hofkapellraeister feierte, kam unter den Gratulanten auch sein alter 
Hausfreund Schwind. Schwind kam mit einer mysteridsen Papierrolle, die der H6he 
nach kaum grdsser war als ein gewdhnlicher Taktstock. Aber als man sie aufrollte, da 
war sie lang, sehr lang, fiber 12 Meter. Und diese lange Rolle war fiber und fiber mit 
Zeichnungen bedeckt, und die Zeichnungen erzlhlten beredt und aus'ffihrlich, wie es 
dem beruhmten Hofkapellmeister Franz Lachner bienieden ergangen war. Wir sehen 
seine Wiege im Stldtchen Rain, sehen den gestrengen Herrn Vater ihn im Klavierspiel 
unterrichten, folgen ihm in seinen Lehr- und Wanderjahren, wo er so manche Irrungen 
und Wirrungen durchzumacben hat, und erleben endlich einen Triumphzug vom kleinen 
Organisten bis zum weltberuhmten Hofkapellmeister und Kompositeur. — Das erste, 
was den aufmerksamen Betrachter fiberrascht, ist die fabelbafte Leichtigkeit, mit der 
Schwind auch die nucbternsten Dinge Bild werden llsst Scbwerlich gibt es etwas 
Trockeneres als den Bericht: Lachner wurde geboren im Jabre 1803 zu Rain am Lech, 
einem Nebenfluss der Donau. Und nun sehe man, wie das Schwind erzlblt. 1803 ist das 
Entstehungsjahr der Eroica. Unter einer alten Eiche hockt Beethoven fiber einem Noten- 
buche, ganz versunken in seine Arbeit. Ihm zu Ffissen lagert die Gdttin der Donau, 
und da Gdttinnen auch das nur Gedachte verstehen kdnnen, begreift es sich wohl, wie 
sie so verzfickt daliegen kann, indes die Wellen ihres Stromes sich durch das Land 
ergiessen, weitbin, wo die Tfirme des alten Wien aufragen. Da pldtzlich wird sie auf- 
geschreckt. Gevatter Lech klopft ihr auf die Schulter. Er ist nur ein bescheidener 
Bauersmann, er bat kein Wien in seinem Bereicb und auch keinen Beethoven. Aber da, 
da soil sie nur hinsehen. Da liegt Rain, und das sei auch etwas. Und in dem kleinen 
Rain gebe es ein kleines Haus mit einer Musikantenfamilie drin, und der Musikanten- 
familie sei eben ein kleines Menscbenkind geboren worden, und von dem werde auch 
noch mal die Rede sein. Wir sehen binein in die Wochenstube. Mutter Lachner bebt 



Digitized by 



Google 




38 
DIE MUS1K IV. 13. 




mfihsam den Kopf tus den Kissen, etwas ingstlich fiber die gar zu heftige Freude von 
Vater Lachner, der mit dem Iinken Fuss den Kleinen wiegt und dazu wie nlrrisch auf 
einer Fiedel drauflos streicbt — Schwind hat etwas vom Ton des Mlrchenerzlblers auch 
In seiner Lacbnerrolle. Venn er etwa die Grossherzogin Stephanie zeigt, die mit Lachner 
Billard spielt, dann gibt er die Mlrchenprinzessin, die ihren Purpur vor dem Spiel ablegt 
wie eine andere Sterbliche das Strickzeug. Nichts Feierliches, nichts Patbetisches start 
in diesen Erzihlungen. Lachner 1st ganz und gar nicht der Held, den die Biographen 
sonst gern aus ihrer Hanptflgur machen. Im Gegenteil, ein kleines nnecheinbares Kerlchen, 
aber ein Tausendsassa. Wie alle Meister der Suite ist Lachner gross im Episodiscben. 
Bild ffir Bild Iiessen sich die lustigsten Episoden zeigen. Aber ich mdcbte dem Leser 
das Vergnfigen nicht vorwegnehmen. Kindern darf man nicht zeigen, wo die Ostereier 
versteckt liegen. Als Kinder aber will Schwind una haben, wenn wir una in sein Werk 
versenken. Willy Pastor 

130. L. Wuthmann: Der Musiker. Ein Ffihrer and Berater bei der Berufewahl. 

(Das Bach der Berufe, X.) Verlag: Gebrfider Jlnecke, Hannover. 
Dieses sehr hfibscb ausgestattete, sich schmuck und bandlich prisentierende Bfichlein 
zerfillt in zwei Telle, einen theoretischen und einen praktischen. Aber auch der'erste 
dieser beiden Telle ist praktisch geflrbt: er enthllt einen Abriss der Musikgeschichte 
auf ungeflhr funfzig, und eine Zusammenstellung der Grundzfige der musikalischen 
Theorie — Harmonie und Kontrapunkt, Formenlehre, Instrumentationslehre — auf etwa 
ffinfzehn Seiten. Selbstverstlndlich ist hier nur alles das zu flnden, was in seiner 
Gesamtheit dem werdenden Musiker unentbehrlich ist. Es orientiert also der erste Tell 
fiber Geschichte und Wesen der Musik, der zweite fiber den Beruf des Musikers — in- 
sofern ist der letztere der ausscbliesslich praktische und auch somit eigentlich der 
Hauptteil des Buches. Ganz prichtig ist da zunlchst das knappe, aber inhaltsschwere 
ersto Kapitel: „Soll ich Musiker werden?* Daran schliessen sich weitere ffinf Abschnitte, 
in denen die einzelnen Flcher dee Musikerberufes, namentlich der Beruf des Orchester- 
musikers, ferner die soziale Stellung des Musikers, der Studiengang des Musikers und 
endlich der Beruf des Musikle brers genau und ergebnisreich besprocben werden. Der 
Vermsser beleuchtet sein Thema wahrheitsliebend und strong objektiv und gerade durch 
diese Schlichtheit und Offenbeit, die durch praktische Hinweise auf einschligige Literatur 
und durch stete Anknfipfung an das Leben unterstutzt wird, gewinnt das Buch wirklich 
den Charakter eines wertvollen Ratgebers, der voiles Vertrauen verdient. 

Dr. Egon v. Komorzynski 

MUSIKALIEN 

131. Musik am s&chsischen Hofe. Band 6. Ausgewlblte Werke der Instrumental- 

musik von Joh. Chr. Schmidt, Ghr. Petzold, Job. Dismas Zalenka, 

Joh. D. Heinichen, J. A. Hasse, Chr. S. Binder und J. G. Nau- 

mann ffir Klavier bearbeitet von O. Sch mid -Dresden. Verlag: Breitkopf 

& Hlrtel, Leipzig. 

Die Bearbeitung spielt sich in den meisten Flllen gut, einige scbwierige Takte 

muss der Spieler schon mit in den Kauf nehmen, da es dem gewissenhaft arbeitenden 

Herausgeber in enter Linie darauf ankommen musste, die Stimmfuhrung der Partitur 

durch das Klavierarrangement nicht zu verderben. Den Stficken gehen kurze ein- 

loitende Worte fiber die Komponisten vorauf, die wesentlich auf Ffirstenaus und 

Eitners Angaben beruhen. Solche kleine musikhistorische Schnitzel sind ja recht gut 

gemeint, aber eine tiefere Bedeutung haben sie doch nicht, zumal sio nichts enthalten, 



Digitized by 



Google 




39 
BESPRECHUNGEN (MUSIKALIEN) 




was fiber den Musikgeist der in den Werken selbst praktisch vorgeffihrten Zeit unter- 
richtete. 

132. Ausgew&hlte Madrigale und mehrstimmige Geslnge berfihmter Meister 

des 16. Jahrbunderts. In Partitur gebractat von W. Bt relay- Squire. 

Band II. Verlag: Breitkopf & Hlrtel, Leipzig. 
Der zweite Band dieses uberaus sorgflltig angelegten Sammelwerkes wild hoffent- 
lich wie der erste von den gemischten Cbftren allgemein beachtet werden. Es stebt 
eine Ffille schOner und charakteristiscber Musik in ibm. Die beigegebene Klavier- 
bearbeitung wird roancbem beim Einstudieren erwfinscht sein. Auch fur kleine Vereine 
mit tfichtigen S&ngern sind die Werke in ibrer grossen Mebrzabl Uberaus geeignet Die 
deutscben Obersetzungen von J. Bernboff sind vortrefflich. 

133. DenkmAler deutscher Tonkunst Erste Polge. 12. und 13. Band. Arien 

▼on Heinr. Albert I. Abteilung. II. Abteilung. Verlag: Breitkopf 

& Hlrtel, Leipzig, 1903/4. 
Unsere Kenntnis H. Alberts war bisber eine recbt beschrinkte. Neben gelegent- 
lichen Bemerkungen besassen wir zwar eine Biograpbie von L. H. Fischer und eine 
durch Eitner berausgegebene Auswabl von Musikbeilagen zu den Gedicbten des Kftnigs- 
berger Dichterkreises (Halle, Nieroayer 1884). Aber Eitners Auswabl, obwobl gut ge- 
troffen, konnte docb, zumal ihr ein ausffibrllches historisches Geleitwort fehlte, nicbt 
genfigen, Albert kennen zu lernen. Dem Mangel 1st nun durch diese Neuausgabe ein 
Ende bereitet. Sie 1st durch Eduard Bernoulli besorgt worden. H. Kretzschmar 
hat der Arbeit eine musterhafte Einleitung voraufgeschickt, die die Stellung Alberts in 
der Gescbicbte erschdpfend zeichnet, Bernoulli hat dem 2. Bande einen sorgsamen 
Revisionsbericht beigegeben. Da Albert der erste Meister 1st, den die Gescbicbte des 
begleiteten Sololiedes als einen zu nennen hat, der wesentlich mit seiner Arbeit ihm 
und der deutschen Hausmusik gedient hat, so wird dem Werke bei der Wichtigkeit 
dieses Kunstzweiges allgemeinere Teilnahme nicht fehlen, und es steht zu boffen, dass 
die eine Oder andere der „Arien* sich an der Stelle, ffir die sie ursprfinglich bestimmt 
waxen, wieder Freunde erwerben werde. 

134. DenkmAler deutscher Tonkunst. Zweite Folge. Denkmller der Ton- 

kunst in Bayer n. 4. Jahrgang, II. Band. Ausgewlhlte Werke von 
Christian Erbacb. 1. Tell. Werke H. L. Hasslers. 1. Teil. Verlag: 
Breitkopf & Hlrtel, Leipzig 1903. 
Die Arbeit an diesen Neuausgaben wurde durch Ernst von Werra in der ge- 
wohnten gewissenhaften Weise vorgenommen. In beiden Abschnitten handelt es sich 
um Werke fur Orgel und Klavier. Auch diese Arbeit ffillt eine empfindliche Lficke in 
der Kenntnis der Musikliteratur aus; dasselbe tut die Vorrede, die, well Werra eine 
biographische Arbeit fiber Hassler erst vorbereitet, sich in bezug auf das Biographische 
wesentlich mit Christian Erbach befasst. Die ganze Bedeurung dieser Publikation 
Iisst sich mit einem Male begreifen, wenn man mit ihr die wenigen Notizen, die sich in 
Max Seifferts „Geschichte der Klaviermusik" fiber die beiden Meister flnden, zu- 
sammenbllt Ffinf Orgelstficke der beiden genannten Meister hat Werra einer Bearbeitung 
fur die moderne Orgel unterzogen. Sie 1st ausgezeichnet gelungen und bildet den An- 
hang zum Bande. Wahre Prachtsltze, die jeden Orgelspieler entzficken mfissen! Ins- 
besondere mdchte ich auf No. 1, Erbachs Ricercare II. Toni Canzona cromatica und die 
uberaus einnehmende Canzon H. L. Hasslers (No. 5) hinweisen. 

Dr. Wilibald Nagel 

135. Carl Mollerhartung: 25 Kirchengeslnge zu den christlichen Festzeiten ffir 

vier-, sechs- und achtstimmigen gemischten Chor. Verlag: Ries & Erler, Berlin. 



Digitized by 



Google 




40 
DIE MUSIK IV. 13. 




Die vorllegenden Geslnge werden, ohne aufregend zu sein, ihrcn Zwcck erffillen. 
Etwas Neues bringen sie nicht. 

136. Alwin Schumann: Altdeutsche Lieder nach Melodieen des Munchener 

Liederbucbes (1462—1467) ftir vierstimmigen Minnerchor (a cappella) frci 
bearbeitet Verlag: Georg Plothow, Berlin. 
Feine Sachen, die detn SpGrsinn wie der Satzkunst des Bearbeitere alle Ehre mactaen. 
Nur in der fleisaigen Eracbliessung der Schltze frfiherer Musikperioden kann ein Gegen- 
gewicht f&r den uferlosen Impressionisms unserer Zeit gefunden werden, und nament- 
lich den Mlnnergesangvereinen aei diese urgesunde and krlftige Kost a!s lusserst be- 
kftmmlich aufs dringendste empfoblen. 

137. August Sftdermann: Eine Bauernbocbzeit fur vierstimmigen Minnerchor. 

Verlag: Carl Simon, Berlin. 
Seinem allbekannten „Brdlloxsmarsch" bat Sddermann noch drei Lieder hinzuge- 
fugt, die nunmehr das Bild der schwedischen Bauernbocbzeit vervollstlndigen. Nament- 
lich das letzte „Im Hochzeitshause" zeigt urwGchsige Kraft und Humor und reiht sich 
wurdig dem ersten an. No. 2 und 3 stehen nicht auf gleicher Hdhe. 

138. James Rothstein: Das Grab im Busento fur vierstimmigen Minnerchor, 

Tenorsolo und grosses Orchester. Verlag: Chr. Fr. Vieweg, Gross-Lichterfelde. 

Fingt gar nicht Gbel an. Flrbung ist da. Dann werde ich bei dem Tenorsolo 

unruhig, das fingt mit seiner monotonen Rhythmik an bedenklich zu werden, einzelne 

Betonungen sebr bedenklich, da kommt im nlchsten Chorsatze auf die Worte .Wuchsen 

aus dem Heldengrabe* eine ganz entsetzlich triviale Wendung. Und nun verfolgt einen 



das ewige 



I h h fc h b I I- 



fortwlhrend, denn der Schluss Wllze bin 



Busentowelle* bringt denselben Rhythmus nur in der Vergr5sserung in einem gebrochenen 
Dreiklangsmotiv, was mir nicht eben sebr in die Situation zu passen scbeint Daa 
Orchester scheint mit grosser Liebe ausgearbeitet zu sein, aber Farben allein geben kein 
Gemllde. Paul Hielscher 

139. Albert Fuchs: Streichquartett e-moll op. 40. Verlag: C. F. Kahnt Nacbf. Leipzig. 
Der Komponist dieses empfehlenswerten Werkes ist gewissermassen ein 

moderner Mendelssohn. Er versteht es, klangvoll fur die Instrumente zu schreiben und 
seine hubscben melodischen Einfille schSn zu verarbeiten. Am besten ist ihm der erste 
Satz geraten. Pikant ist das Scherzo, abgesehen von dem Fugatoteil. Der an sich schftne 
langsame Satz fillt etwas aus dem Quartettstil, da er im wesentlichen ein Solostuck f&r 
die erste Geige ist. Das feurige Finale ist auch in rbythmischer Hinsicht von Interesse. 

140. Otto Mailing: Quartett (c-moll) fur Pianoforte, Violine, Viola und Violoncell. 

op. 80. Verlag: Fr. Kistner, Leipzig. 
Durch schdne lussere Formen und melodischen Reichtum ausgezeichnet, vor allem 
fur Dilettanten, aber auch zum Konzertgebrauch geelgnet Der Komponist wandelt mit- 
unter auf den Spuren Friedrich Kiels, dessen herrliche Kammermusikwerke leider heme 
vie! zu wenig beachtet werden. Am wertvollsten ist der erste Satz und das Scherzo, 
der langsame Satz erfordert besonders feine Ausfuhrung; schwungvoll ist das Finale. 

141. Bruno Mugellini: Quintett f&r Pianoforte, 2 Violinen, Viola und Violoncell. 

Verlag: Breitkopf & Hlrtel, Leipzig. 
Beachtenswert und interessant, vorwiegend elegischen Inhalts; an schSnen melo- 
dischen Einfillen bat der Komponist keinen Mangel, auch versteht er es, sie trefflich 
zu verwerten. Auch in harmonischer und namentlich rbythmischer Hinsicht ist das Verk 
nicht ohne EigentGmlichkeiten; etwas weniger Tempowechsel wurde es vielleicbt einheit- 
licher erscheinen lassen. Zu rfihmen ist auch des Komponisten Geschick fur Klang- 



Digitized by 



Google 




41 
BESPRECHUNGEN (MUSiKALIEN) 



Ji 



wirkungen; sehr schSn macht sich in dieser Hinsicbt z. B. das gegen Ende des Finale 
von den Streicbinstrumenten allein vorgetragene Andante elegiaco. 

142. Franz Bftlsche: Zweites Quartett fBr 2 Violinen, Bratsche und Violoncell, 

op. 27. Verlag: N. Simrock, Berlin. 
Ein recht gehaltvolles Wcrk eincs offenbar der Brahmsschen Richtnng angehdrigen 
Komponisten, dessen Gedanken durchweg fesseln und der auch meist klangvoll zu 
scbreiben verstebt Von einem Komponisten, der so etwas Schdnes wie die 5. Variation 
ana zu scbenken versteht, darf man nocb vicl erwarten. 

143. Vitezslav Novak: Quintett fur Pianoforte, 2 Violinen, Bratscbe und Violoncell, 

op. 12. Verlag: N. Simrock, Berlin. 
Sebr beacbtenswert. Der offenbar nocb junge Komponist scbdpft wie DvoHk 
vielfach aus dem reicben Schatze slawiscber Volksmusik. Sein Quintett ist voll packender 
Melodieen, gllnzend und effektvoll konzipiert, bocbst dankbar zu spielen. Besonders 
gilt dies von dem ersten Satze. Der zweite Satz bringt eine Anzabl feiner, bdcfast ab- 
wecbslungsreicber Variationen Gber ein altbdbmisches Minnelied aus dem 15. Jahr- 
hundert; eine dieser Variationen vertritt gleicbzeitig die Stelle des Scherzos. Der 
Schlusssatz, der auf slowakischen Tanzmelodieen berubt, Qberscbreitet freilich die Grenzen 
eines Kammermusikwerkes. Dr. Wilh. Altmann 

144. E. Jaques-Dalcroze: a) Les Chansons du „Coeur qui vole*, b) Les 

Propos du Pfcre David la Jeunesse. Verlag: W. Sandoz, Neuchatel. 
Der junge Genfer Tonsetzer ist ein ganz ausgezeichnetes Talent. Gleicbviel ob 
er mit umfangreicben symphonischen Werken, Kinderliedern, Kammermusikwerken, 
KlavierstGcken usw. vor die Offentlichkeit tritt, stets bleibt er in seiner von romantischem 
Geist beeinflussten Phantasie eigenartig und in der techniscben Ausarbeitung von grossem 
Interesse. Auch die vorliegenden kleinen Liebeslieder und die „Erzlblungen Vater 
Davids an die Jugend", in denen sich Jaques-Dalcroze auch als Dichter zeigt, sind 
MeisterstGcke der .Chanson*. Mit ganz geringen harmonischen Mitteln weiss er, ohne 
nur im geringsten dem Volksliedcharakter zu schaden, entz&ckende Klangwirkungen 
innerhalb der oft nur wenige Takte umfassenden Liedcben zu erzielen. 

145. Louis R6e: Acbt Lieder von Max Kalbeck fur eine Singstimme mit Begleituog 

des Pianoforte. Op. 12. — Suite in altem Styl fur Pianoforte. Op. 17. 

Verlag: Hermann Protze, Leipzig. 
Die Lieder baben formal mancbe Vorzuge, inhaltlich schwimmt alles sehr an der 
Oberfllche. Ungleich gl&cklicher zeigt sich der Komponist in seiner Klaviersuite. An 
Ideengehalt gibt sie zwar durcbaus keine Ritsel auf, bietet aber, namentlich in den Mittel- 
sltzen, viel gutes. Pianisten, die mebr fur das zierlich Rbythmisierte neigen, ist das 
funfteilige knappe Work unbedingt zu empfehlen. 

146. Eugen Hildach: Fur die singende Kinderwelt. Eine Sammlung von 16 Liedern 

nacb Texten von Victor Blutbgcn, Johannes Trojan, G. Chr. Dieffenbach u. A. 

Op. 29. Verlag: Heinrichsbofen, Magdeburg. 
Dass Hildach den ricbtigen Ton fur das Kindergemut treffen wurde, war im voraus 
anzunehmen. Seine musikalische Phantasie besitzt den leichten Humor, urn fQr den 
volkstumlichen Charakter das Ricbtige zu treffen. Und in der Tat, es sind ihm da einige 
allerliebste Liedcben geglfickt, die neben cinem leichtfasslichen melodiscben Reiz eine 
genQgende Grazie der Rhytbmik entfalten. Unsere Kleinen dQrfen sich freuen und 
der Sangeslust Lottcbens — Hildachs kleiner Nichte — dankbar sein, dass sie die Ent- 
stehungsursache dieser Liedcben war. MSge sich die kleine Gesellschaft dem Komponisten 
dankbar erweisen und sich tfichtig mit diesen kleinen Geslngen beschlftigen. 

Adolf GSttmann 



Digitized by 



Google 




SIGNALEIFOr;DIE MUSIKALISCHE WELT (Leipzig) 1905, No. 15-20. - 
August Sptnuth liefert in seinem Bericht „Oper und Konzert in New York" 
den Beweis, dass die Parsifal-Manie keineswegs durch die Lobhudeleien der 
araerikanischen Presse beraufbeachworen wurde, und betont die vorzugliche 
Auffubmog in New York. Zur Bacb-Bewegung ergreift Detlef Schultz das 
Wort und spricht die Hoffnung aus, Philipp Wolfrum werde aicb um die Bach- 
Sacbe durch Auffubrungen Verdienste erwerben. — Aus einer Besprechung von 
Karl Grunsky „Hektor Berlioz' Werke" sei die nacbstebende cbarakteristisebe 
Stelle hervorgeboben: „Im Vergleich mit Wagner und auch Liszt war Berlioz* 
Schaffen am wenigsten einbeitlicb, am unmittelbarsten von der beweglichen 
Einbildungskraft des Sudllnders eingegeben. Jedenfalls kann er nicht als ein 
bewusster Fortscbrittler in Ansprucb genommen werden: diesen unangenebmen 
Typus haben wir erst in Richard Strauss kennen gelernt Eines der vielen 
Zeicben des urgezeugten Scbaffens, das Berlioz eigen war, erblicken wir in 
der Mannigfaltigkeit der kGnstlerischen Mittel, die nicht bios den Ausf&brenden, 
sondern ebenso dem ordnenden Gelebrten unbequem ist." — - Der Artikel w Neue 
Konzerte* von Eugen Schmitz bebandelt Kompositionen von Dohnanyi, Woyrsch, 
Aulin und Stojanowits. — Eugen Schmitz' Bericht „Das M&nchener Bruckner- 
fest« und Joseph B lochs Studie „Violinunterricbt und Anatomie" seien besonders 
erwlbnt — in letzterer heisst es am Schlusse: ,Nach alledem kfinnen wir ganz 
k&hn behaupten, dass in Zukunft ein tfichtiger Violinlehrer ohne tucbtige ana- 
tomische Kenntnisse kaum denkbar ist". 

TAGESPOST (Graz) 1005, No. 44. — Ober Wilhelm Kienzls .Don Quixote" handelt 
Ernst Decsey ausf&hrlich und mit interessanten stoff- und musikgeschichtlichen 
Exkursen. Er lobt insbesondere, dass es Kienzl mebr um den tragiscben Gehalt 
als um die Satire des Stoffes zu tun war. 

HAMBURGISCHER KORRESPONDENT 1005, 12. 2. - Julius Spengels Cba- 
rakterstudie „Hans von Bfilow als Diligent in Hamburg* gibt eine knappe, ab- 
gerundete Obersicbt fiber Billows Wesen und Wirksamkeit; es heisst da auch: 
v Er trat f&r alles ein, was er als gut und recht erkannt hatte, und wusste ihm den 
rechten Platz zu geben. Er war ein nie erm&dender Interpret des unantastbar 
Schftnen, ein sprfihender Obermittler des Geistreichen, ein Freund und Beschfitzer 
des Talentvollen, Tfichtigen und Aufstrebenden." 

BEILAGE ZUR ALLGEMEINEN ZEITUNG (M finch en) 1005, No. 32/3. -Ausser- 
ordentlich interessant 1st die Abbandlung: „Wer war Siegfried ?" von Georg Siefert. 
Der Verfasser Idst mit sorgsamer Hand den Knoten der verschlungenen Gfttter- 
sagen und Historien; er betrachtet Siegfried frei von der Verbindung seiner Gestalt 
mit den Schicksalen des Burgundenhauses und ffihrt die Siegfriedgescbichte auf 
ibre Urmotive — reine Mlrchenelemente — zurfick, scbliesst endlich mit dem 
Hinweis auf die ffirder unlftsbaren Rfttsel, die uns der ganze Nibelungenstoff aufgibt. 

DIE ZEIT (Wien) 1005, 18. 2. — Richard Wallaschek richtet („Der Parsifal und 
Bayreuth") warnende und eindringliche Worte an die, welche den „Parsital" durch- 



Digitized by 



Google 




43 
REVUE DER REVUEEN 




aus auf Bayreutb beschrlnkt wissen wollen. Er weist darauf hin, dass Bayreuth 
niche] das ideale Publlkum besitzt, das Wagner verlangte, dass der Genuss des 
Werkes dem ganzen Volk ebenso nfitzen wfirde wie Bacbs und anderer Werke 
nfitzen, well sie nicbt an bestimmte Zeiten und One gekettet sind. Er sagt, die 
Zeiten bitten sicb geftndert; der Wille Wagners kfime durcb die Befolgung nach 
dem Wort vielleicht doch nicbt zum wfinschenswerten Ausdruck! 

BERLINER BORSEN-COURIER 1905, No. 73. - Ein kleiner Artikel von Erich 
KIoss beschiftigt sicb mit ^Schiller und Wagner*. Es wird da gezeigt, wie Wagner 
sich an Schillers Humor ergStzte, wie ihn die LektQre von Scbillers Briefwechsel 
mit Lotte, die Drastik der Rluber und des alten Miller, der Humor von „Wallen- 
steins Lager 41 erfreute — wie sebr er aber aucb Ernst und Begeisterung an Schiller 
zu schltzen°wusste; Dramen wie die Jungfrau von Orleans* stimmten ihn sogar 
ganz ausnehmend musikalisch. 

FINSK MUSIKREVY (Helsingfors) 1905, No. 1—3. — Mit einem sehr scbftnen 
Programm und reicbem Inhalt tritt diese neue finllndische Zeitschrift vor die 
dffentlichkeit. Es bericbtet Otto Andersson fiber den in Helsingfors von 1&28 
bis 1835 bestandenen „Akademiska Musikslllskapet* ; der Beginn einer Artikel- 
serie B Var moderns vokalmusik ur sangteknisk synpunkt* von Axel von Kotben 
befasst sich mit einheimischen Vokalkompositionen. Erik Furubjelms Analyse 
.Sibelius tondikt ,En Saga 4 *, die Biographie Jakob Tcngstrdm*, Jalmari Hah Is 
Artikel „Min fdrsta [lektion bos Raoul. Pugno*, der '„Nagra bidrag till Runeberg 
— kompositionernas historik*, die Analyse .Symphonic No. 2 af Erkki Melanin* 
von Melartin selbst und der Aufsate „Erkki Melartin's musik till Prinsessan 
TSrnrosa* [= Dornr6schen] von A. v. Kotben; ausserdem ein paar sehr hfibsche 
Analysen von Beethovenschen'Symphonieen (darunter , Beethoven s VII. Symphonie* 
von Ilmari Krohn) vervollstlndigen den Inhalt der bisher erschienenen Nummern. 

NEUE MUSIK-ZEITUNG (Stuttgart-Wien) 1905, No. 9. — Ober .Shakespeare und 
die Musik in seinen Dramen* spricht C. Witting. Er tut dar, dass „die sanfte 
und ruhige Musik jener Zeit mit ihrer scbdnen und geistvollen Ebenmlssigkeit die 
edle und vornehm empflndende Natur, die Seele des Dichters in Stimmung bielt 
und ihn in seinem Schaffen begeisterte*; Beispiele aus Shakespeare's Dramen 
werden als Beweise angeffihrt. In die Przemyslidenzeit f&hrt Richard Batkas 
Studie „Altbdhmische Musik*, die durch interessante Notenbeispiele gekennzeichnet 
ist. Georg Capellen llsst sich zu dem Tnema »Felix Weingartner und die ,Laien- 
partitur'* vernehmen; an .Sophie Charlotte, die erste Kdnigin von Preussen*, er- 
innert anlisslicb ihres 200. Todestages Julius Blaschke. Ausserdem: „Das 
Leipziger Soloquartett ffir evangelischen Kirchengesang" von Marie Boltz und 
.Rubinsteins Melodic in F* von Karl Zuschneid. — No. 10: Der Aufsatz Die 
Musik auf dem Lande* von Ludwig Riemann befasst sich mit volkstfimlicher 
Musik, er redet der .Gitarre* das Wort im Gegensatz zum Klavier; Josephine 
Lang*, der Freundin Mendelssobns, gilt eine Studie von Elsbetb Fried richs; 
fiber .Don Juan in Paris* bericbtet K. Grunsky, fiber „Gustav Mahlers neue 
Lieder* E.v. Komorzynski, fiber den ,Kdnigl. Domchor zu Berlin, seine Geschicbte 
und Einrichtungen* Richard Scheumann. 

DER KUNSTWART (Leipzig) 1905, No. 8 und 9. - Eugen Thar is Artikel ,Warum 
es der Operette so schlecht geht" stellt die Ursachen ffir den gegcnwirtigen Tief- 
stand der Operette zusammen und verweist zugleich auf den Weg zur Erhebung 
dieses Kunstzweiges; er verlangt, dass die Operette auf „Zirkusulk und Rfihrselig- 



Digitized by 



Google 



n_ 



44 
DIE MUSIK IV. 13. 




keit" verzichte und wleder danach strebe, ein Bfibnenwerk zu sein. — Eine vor- 
zuglictae Cbarakteristik „Gustav Mabler" bat E. O. Nodnagel geliefert. 

BEETHOVENBLATTER FUR TONKUNST UND DICHTUNG (Olmutz) 1905, 
No. 1. — Eine von jugendlichem Sturm getragene neue Zeitschrift, die in einem 
ftKinipfe und Ziele" betitelten Aufsatz (von Raimer) einleitend den Kampf ffir den 
Idealismus als Zweck feststellt. Heinricb Lerses Artikel ,Beetbovens Jugend" 
stellt am Verhlltnis Beethovens zu seinem Vater fest: die atrenge Auffassung 
seiner Pflicbten seinen Blutsverwandten gegenuber, und zeigt den Weg, auf dem 
Beethoven in die Stadt kam, in der seine grosse Bahn, zugleich aber auch sein 
Leidensweg begann. Die Mangel des Mittelschulunterrichts beleucbtet Hans Incl 
in einem Aufsatz, betitelt „Erziebung und Ton kunst". 

TOONKUNST (Amsterdam) 1905, No. 1-7. — Das neue w Weckblad gcwijd van de 
belangen van bet muziekleven", durcb das sicb die Zabl der hollSndischen Musik- 
zeitscbriften urn ein wertvolles Organ vermehrt, nennt sicb in dem einf&brenden 
Aufsatz „ter lnleiding" eia Organ des ersten einmutigen Zusammenwirkens der 
niederllndischen Tonkunstler. Aus dem Inbalt der Hefte seien hervorgeboben : 
die Arbeit „Wagnerdom, Wagnerianen en moderne Fransche toon kunst* von 
M. C. van Rovaart, die mehrfacb interessante moderne Gesicbtspunkte einnimmt; 
H. E. Greve's Aufsatz „De toonkunst en toonkunstenaars in de karikatur"; der 
Artikel „De muziek en ons volk" von Ary Belinfante, worin der Anteil des 
niederlftndiscben Volkes an der Musik bebandelt wird; ferner „Decadentie in de 
muziek* von Peter van Anrooy — bier wird verlangt, eine ^Renaissance" mSge 
die moderne Musik vor weiterem Ruckgang retten; die Programmusik unserer Tage 
babe nur Interesse fur Professoren und Gelebrte; fiber Richard Strauss wird 
interessant gehandelt; „Kunst is geen regeeringszaak* — hier wird dargetan, 
dass der Ausspruch: „Kunst sei keine Sacbe der Regierung", nicht von dem 
Minister Thorbecke getan worden sei; Ary Belinfante bebandelt in dem Artikel 
„De hervorming van bet Strijkkwartet" Hermann Ritters Neueinricbtung des 
Streichquartetts. 

NORDDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG 1905, No. 2. 3. - Die Vorwurfe, die 
Paul Bekker in dem Artikel „Gustav Mahler* dem Wiener Hofoperndirektor macbt, 
sind wohl fast alle vollig aus der Luft gegriffen. Es beisst da u. a., Mahler hStte 
in Hamburg einmal, urn Angriffen aus dem Weg zu geben, erst lange nacb einer 
Probe durcb einen sonst nicht benutzten Ausgang das Theater verlassen mussen. 
Es wird gesagt: „Der Mangel an einem feststehenden idealen Ziel treibt ihn aus 
einem Gegensatz in den andern und lisst ihn nirgends Rube und Befriedigung 
flnden" und den Schluss bildet der Satz: „Nur die Kunst, sicb Herzen zu ge- 
winnen, ist ihm versagt geblieben.* 

DAS NEUE MAGAZIN (Berlin) 1905, No. 4. - Camilie Saint-Sa€ns' Abbandlung 
w Die Musik der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft* siebt das Wesen der zu- 
kunftigen Musik in dem Unterscbeidungsverm6gen der bisber bloss von den Chinesen 
entdeckten und genau fixierten und berechneten „Halbt0ne" — w Wir haben", beisst 
es, „nur eine ungefihre Tonbdbe und vielleicht kommt einmal die Zeit, wo unser 
feiner entwickeltes Ohr sicb damit nicht begnGgt. Dann wird eine neue Kunst 
erstehn; die jetzige wird eine tote Sprache erscheinen, die grosse Meisterwerke 
aufzuweisen hat, aber nicht mehr gesprocben wird. Welcher Art die neue Kunst 
sein wird, ist unmdglich vorauszus&gen \ m 



Digitized by 



Google 




NEUE OPERN 

Felix Draeseke: n Fischer and Kalif" ist von Direktor Angelo Neumann in 

Prag zur Urauffuhrung angenommen worden. 
Gottfried Grunewald: »Der from me K6nig", Musikdrama in einemAkt von 

Albert Eisert, wird am Stadttheater in Magdeburg seine Urauffuhrung er- 

erleben. 
Halvorseii: „Fos8egrimen", eine Legendenoper, ging Ende Januar in Christiania 

als Neuheit in Szene. 
J. H. Schaeken: ,Jean de Weert", dreiaktige historische Oper, wurde in Brussel 

erstmals aufgefuhrt. 

AUS DEM OPERNREPERTOIRE 

Wiesbaden: Fur die diesjfthrigen Mai-Festspiele sind der 17., 18., 19. und 
20. Mai in Aussicht genommen worden. 

KONZERTE 

Brfkssel: Jan Blockx hat eine grosse historische Kantate zum 75. Jahrestage 
der Unabhftngigkeitserkllrung Belgiens geschrieben. Das Verk wird bei 
einem Festkonzert im Herbst dieses Jahres aufgefuhrt werden unter Mit- 
wirkung von nicht weniger als 2000 Personen. 

Cftthen: Anfang Mai flndet das diesjlhrlge Anhaltische Musikfest unter 
Leitung des Hofkapellmeisters M iko re y- Dessau statt. 

Graz: Der Allgemeine deutsche Musikverein in Berlin hat fur das Grazer 
Tonkfinstlerfest 1005 folgendes Programm beschlossen, das wir der 
Offentlichkeit mit dem Bemerken ubergebeo, dass Anderungen im einzelnen 
noch vorbehalten bleiben. — 21. Mai abends: Hauptprobe fur die kirchen- 
musikalische Auffuhrung. — 22. Mai vormittags: Kirchenmusikalische Auf- 
funning in der Sradtpfarrkirche: 1. Zwei Sltze aus dem Requiem von Josef 
Reiter. 2. Die Seligkeiten aus dem „Christus" von Liszt. 3. Das Te Deum 
von Bruckner. — Nach dem Kirchenkonzert flndet im landschaftlichen 
Rittersaale der Festakt (feierliche Begrfissung) statt. — Abends Opern- 
vorsteliung im Grazer Stadttheater („Don Quixote" von Dr. Wilhelm 
Kienzl). — 23. Mai vormittags: Hauptprobe fur das erste Orchester- 
konzert. — Abends: Erstes Orchesterkonzert: PrSludium und Fuge 
fur grosses Orchester und Orgel von Paul Ertel. Zwei Sltze aus der zweiten 
Symphonie (e-moll) von Guido Peters. w Fingerhfitchen" 9 Gedicht von 
C. F. Meyer, fQr Bariton, Frauenchor und Orchester von Julius Weissmann. 
»Appalachia", symphonische Dichtung fur Orchester und MSnnerstimmen 
von Frederik Deli us. — Lieder der Liebe (mit Orchester) von Siegmund 
von Hausegger. Drei MSnnerchdre mit Blasorchester von Theodor 
Streicher. .Odysseus' Heimkehr* (aus „vier Episoden") fur grosses 
Orchester, op. 6, von Ernst Boehe. — 24. Mai vormittags: Erstes 



Digitized by 



Google 




46 
DIE MUSIK IV. 13. 




Kammerkonzert: Variationen (Thema yon Bach) ffir KUfier yon Max 
Reger. Zwei Mlnnerch5re (a cappella) yon Rudolf Buck. Serenade fGr 
Streictaquartett op. 61 yon E. Jaques-Dalcroze. Lieder yon Otto Taub- 
mann. Variationen (Thema yon Beethoven) ffir zwei Klaviere yon Max 
Reger. — (Neben der Kammermutik Hauptprobe fur das zweite Orchester- 
konzert) — Abends: Zweites Orchesterkonzert: »Der Tod und die 
Matter" ffir Soli, Chor und Orchester yon -Otto Ntumtnn. „Die Ideate", 
symphonische Dichtung yon Liszt ,Dem Verklirten", hymnischer Gesang 
nach Worten Fr. Schillers fur gemischten Chor, Baritonsolo und Orchester, 
op. 21, yon Max Schillings. — Nach dem Konzert Souper. — 25. Mai vor- 
mittags: Vorstandssitzung und Hauptyersammlung; nachmittags: Ausflug; 
abends: Orchesterprobe. — 26. Mai yormittags: Zweites Kammerkonzert: 
Streichquintett yon Felix Drftseke, 10 Lieder yon Hugo Wolf, Streich- 
quartett yon Hans Pfitzner. — (Neben der Kammermusik Hauptprobe fur 
das dritte Orchesterkonzert) — Abends: Drittes Orchesterkonzert: 
„Also sprach Zarathustra" yon Richard Strauss. Gesftnge mit Orchester 
yon Gustav Mahler. ,Kaisermarsch" yon Richard Wagner. — - Fur den 
27. und 28. Mai sind yon Direktor Mahler in Wien zwei Festvorstellungen 
im Hofoperntheater zugetagt worden, u. zwar: „Die heilige Elisabeth" 
yon Liszt, „Die Feuersnot" yon Richard Strauss. — Zum Festdirigenten 
wurde Prof. Ferdinand L5we, Leiter des Wiener Konzert-Vereins, berufen. 

Paris: Nach dem Vorbild anderer Stidte hat sich eine grosse Konzertvereinigung 
gebildet, deren Zweck es ist, die Werke Joh. Seb. Bach 8 in tadelloser 
Wiedergabe dem Publikum vorzufuhren und das Andenken des grossen 
Meisters zu ehren. Die neue Pariser Bach-Gesellschaft, derdieersten 
franzSsischen Kfinstlerkreise angeh5ren, wird im kommenden Winter ins 
Leben treten. Sie wird alljihrlich in der Zeit yom Dezember bis zum Mai 
zwSlf grosse Orchester- und Chorkonzerte yeranstalten; sechsweitere 
Konzerte fur Orgel- und Kammermusik werden sich ihnen anschliessen. 
NatGrlich werden die Werke Bachs in erster Reihe stehen, doch sollen auch 
andere Klassiker yon der neuen Konzertvereinigung zu Geh5r gebracht 
werden, und selbst die moderne Produktion wird man, allerdings in peinlich 
stronger Auswahl, berucksichtigen. Die neuen Konzerte der Bach-Gesellschaft 
yersprechen das Ereignis der kommenden Pariser Saison zu werden. 

Rom: Das Joacbim-Quartett wird an funf oder sechs Abenden in Rom spielen 
und alle Quartette yon Beethoven zu Geh5r bringen. Die Konzerte, die im 
Palazzo Farnese stattflnden, sind von dem franzftsischen Botschafter Barr&re 
und von dem Kunstkritiker Graf Valetta angeregt worden. 

TAGESCHRONIK 

Zur Frage der Ausdehnung der Gewerbeordnung auf den Musiker- 
stand hat der Allgemeine deutsche Musikerverband an den Reichskanzler 
sowie an den Minister ffir Handel und Gewerbe eine ausfuhrlicb begrCindete Denk- 
s c h r i f t gerichtet Seitens der Staatsregierung wurde diese Eingabe den h5heren Ver- 
waltungsbehSrden behufs Einholung von Gutachten ubersandt Die Handworks- 
kammer zu Insterburg lusserte sich kfirzlich, wie wir der ,Ostpreuss. Handwerks- 
zeltung" (Insterburg) yom 1. Mirz entnehmen, zur beregten Frage wie folgt: »Das Ge- 
such des Allgemeinen deutschen Musikerverbandes urn Ausdehnung der Gewerbe- 
ordnung auf den Musikerstand kdnnen wir mit Rucksicht auf die in diesem Berufe 



Digitized by 



Google 




47 
UMSCHAU 




herrscbenden Lehrlingsverbftltnisse nur befurworten. Die Rechtsverhlltnisse dieses 
Standes sind schon lange die denkbar ungunstigsten. Weder die gewerbliche Aus- 
und Fortbildung des Nacfawucfases der Musiker noch die sonstigen Arbeitsverhllt- 
nisse der Musikergebilfen sind gesetzlicb geregelt. Die frutaere Zunftverfassung 
betracbtete die Musiker (Trommler, Pfeifer, Blftser usw.) regelmftssig als Hand- 
werker. Sie waren derselben ,Gerechtsame' unterworfen, wie die ubrigen Ge- 
werksbrfider. In einem Dresdner ,General-Innungs-Articul fur KfinstJer, Pro- 
fessionisten und Handwerker' vom J ah re 1780 wird der Rechtsverhftltnisse der 
Musiker nocfa besonders Erwfthnung getan. Mit der Beseitigung der Zunftschran- 
ken und nach Einfuhrung der Gewerbefreiheit wurde sodann das Gewerbe der 
Musiker in gewissem Sinne rechtlos. Der sachliche Geltungsbereicb der Reichs- 
gewerbeordnung vom Jahre 1860 ist mit Bezug auf den Musikerstand leider nlcht 
klar und systematisch abgegrenzt. Es erscheint daher ratsam, dem Vunsche dieses 
Standes Recbnung zu tragen und die gewerblichen Verhlltnisse der Musiker wieder 
zu regeln. Die neue Rechtsprechung bietet hierbei mancherlei wertvolle Merkmale 
fur die Definition ,Musikgewerbe'. Nach einer Entscheidung des Oberlandes- 
gerichts, HI. Zivilsenat, zu Naumburg a. S. vom 0. Dezember 1807 ist die Musik- 
titigkeit regelmlssig dann als gewerbliche anzusehen, wenn die Gesamtleistungen 
der Musikkapelle ein kGnstlerisches Bestreben nicht erkennen ltssen, sich also fiber 
das Niveau des Handwerksmftssigen nicht erheben. Wo die Kapelle durch tecb- 
nische TQchtigkeit, durch ausgewlhlt gute Programme und hShere Auffassung der 
musikalischen Komposition den Anforderungen eines musikalischen Publikums 
nicht zu entsprechen vermag, tritt das Kunstinteresse in den Hintergrund und 
macht einer regelrechten Gewerbetechnik Platz. Nach einer Entscheidung des 
Kammergerichts vom 24. Februar 1002 ist die gewerbsmftssige Veranstaltung von 
Musikauffuhrungen auch dann als Gewerbe anzusehen, wenn bei den Aufffihrungen 
ein h5heres Interesse der Kunst obwaltet. Aber nicht alle dabei beschlfiigten 
Personen sind gewerbliche Arbciter, sondern nur diejenigen, welche eine gewerb- 
liche Tfttigkeit entfalten. Diese sind auch zum Besuche der gewerblichen Fort- 
bildungsschule verpflichtet Die Mitglieder einer Musikkapelle, die sowohl Kon- 
zerte gibt, als auch bei Tanzmusiken, 5ffentlichen Aufzugen, Hochzeiten usw. 
aufspiclt, sind daher auch — wie aus zahlreichen Entscfaeidungen von Verwaltungs- 
beh5rden hervorgeht — krankenversicherungspflichtig. Dabei ist es unerheblicb, 
ob die Besch&ftigung ausschliesslich oder nur zum Teil in dem die Versicherungs- 
pflicht begritndenden Gewerbetriebe stattfindet. Die Ausdehnung der Gewerbe- 
ordnung, insbesondere der Novelle vom 26. Juli 1807 auf den gewerblichen Musiker- 
stand (Musik- und Kapellmeister, Gehilfe und Lending) halten wir aus diesen 
Grunden nicht nur fur zweckmlssig, sondern sogar fur notwendig. Die vom AU- 
gemeinen deutschen Musikerverbande aufgestellten Grundsitze fur die Begriffs- 
bestimmung ,Kunst' und .Gewerbe* im Musikerberuf dfirften im ubrigen bei 
Regelung der Frage und besonders bei der Organisation der Lehrlingsverhiltnisse 
fur ausreichend zu erachten sein." 

Letzten Sommer wurde aus Paris gemeldet, dass der dortige Musikalien- 
verlag E. Astruc et Cie. ein musikalisches Preisausschreiben mit 
100000 Francs Preisen erlassen wolle. Vor einiger Zeit sind die Bedingungen 
dieses Preisausschreibens verdffentlicht worden. Wir entnehmen ihnen, dass die 
Gesamtpreise nur 55000 Francs betragen, dass aber die Verringerung der Preise 
durch die Internationalisierung des Preisausschreibens, das urtpriinglich f&r 
dramatische Kompositionen nur fQr Franzosen offen sein sollte, wieder wettgemacht 



Digitized by 



Google 




48 
DIE MUS1K IV. 13. 



m 



wird. Der internationale Wettbewerb unter dcm Titel ,Concours Gtntral dc 
Musique", dessen Anmeldefrist am 31. Oktober 1906 ablftuft, umfasst Oper Oder 
lyrisches Drama (30000 Francs), komiscbe Oper (12000 Francs), Ballet oder Ballet- 
pantomime (8000 Francs), Trio fur Klavier, Violine, Cello (3000 Francs) und Sonate 
fur Klavier und Violine (2000 Francs). Die preisgekrdnten Werke flnden ihre 
Auffuhrung auf dem ,Grand-Tb6atre de Monte-Carlo* oder auf einer grftsseren 
Pariser Buhne. Der Jury gehdren an: Saint-Saens, Jules Massenet, Ernest Reyer, 
Albert Carrt, Victor Capoul, Vincent d'Indy, Charles Lecocq und Catullc Mend&s. 
Die preisgekrdnten Komponisten bleiben Mitbesitzer ihrer Verke, die allerdings 
bei der Firma C. Astruc et Cie verlegt werden mussen. 

Das Johann Strauss-Denkmal-Komitee (Wien I, Giselastrasse 12, 
Musikvereins-Geblude) erlisst einen Aufruf und bittet um Einsendung von Gabon 
an obige Adresse. 

Felix Weingartner, der um seine Entlassung von der Leitung der Sym- 
phoniekonzerte der Kgl. Kapelle in Berlin ersucht batte, bat dieses Gesucb zuruck- 
gezogen und bleibt somit nacb wie vor der kunstlerische Leiter der Symphonie- 
Abende der Kgl. Kapelle. 

Ericb Band, zur Zeit Diligent am Rostocker Stadtttaeater, wurde ab 
1. September d. J. als Hofkapellmeister fur funf Jabre an das Kgl. Theater in 
Stuttgart verpflichtet. 

Regisseur Alois Hofmann vom Stadttheater in Essen wurde als Regisseur 
ftir die Kgl. Oper in Dresden engagiert. 

Kammers&ngerin Berta More n a in Munchen erbielt vom Herzog von Anbalt 
die grosse goldene Medaille fur Kunst und Wissenschaft. 

Hofpianist Sally Liebling in Berlin erbielt das Ritterkreuz des rumftnischen 
Kronenordens. 

Prof. Arthur Nikisch erbielt vom Kaiser von Russland den St. Annen- 
orden II. Klasse. 

Dem beruhmten Gesangsmeister und Erfinder des Kehlkoprspiegels Manuel 
Garcia in London bat der deutsche Kaiser in Wurdigung der Bedeutung seiner 
Erfindung fur die laryngologiscbe Vissenschaft zu seinem hundertsten Geburtstag 
am 17. M&rz die grosse goldene Medaille fur Vissenschaft verliehen. 

Dr. Theodor von Frimmel in Vien veranstaltete Ende Mftrz einen Privat- 
kurs „Ausgewihlte Abschnitte aus Beethovens Leben und Schaffen". 

TOTENSCHAU 

59 Jahre alt starb am 8. Februar in Stockholm der geschfttzte Musikschrift- 
steller Dr. Adolf Lindgren. 

Der ausgezeichnete Violinvirtuose Vincent Paul Marie Sighicelli ist am 
15. Februar in Paris gestorben. 

Am 6. Mirz starb in Weimar die durch ihre Verdienste um das Musikleben 
bekannte Frau Dr. Merian-Genast, Tochter des alten beruhmten Schauspielers 
Genast, eine einst vielgefeierte Sangerin, die zum Kreise der neuweimarischen 
Kunst gehdrte und eine Freundin Franz Liszts wie Eduard Lassens gewesen ist. 

Bruno Zwintscher, frfiher Lehrer am K5nigl. Konservatorium zu Leipzig, 
ist nacb l&ngeren Leiden im 67. Jahre seines Lebens gestorben. 

Musikdirektor Otto Dienel, Organist an St Marien zu Berlin, der hoch- 
verdiente Leiter der von ihm zuerst eingeftihrten freien Orgelkonzerte, ist nach 
lftngerem Leiden am 10. Mftrz in Steglitz verschieden. 



Digitized by 



Google 




GIOVANNI BATTISTA RUBINI 
* 7. APRIL 1785 




IV. 13 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 





IV. 13 



JOSEPH UND HENRI WIENIAWSKl 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 



OPER 

ANTWERPEN: Ermutigt durcb ihren vorjihrigen Erfolg der „Meistersinger" wagte die 
,VllmischeOper" mit ihren bescheidenen Mitteln sich an eine strichlose Auf- 
fuhrung der „Walkure". Nun, die Aufaahme des Werkes krdnte die Muhe und den 
Fleiss des Kapellmeisters Keurvels, des Regisseurs Engelen und der strebsamen jfingern 
Elemente der K&nstlerscfaar, unter denen S wolfs (Siegmund), Collignon (Hunding) und 
De Backer (Wotan) stimmlicb Hervorragendes leisteten. A. Honigsheim 

BERLIN: K5nigl. Opernhaus: „Undine«. Ein Gastspiel- Abend. Marga Burchardt 
vom Scbweriner Theater sang die Undine. Sie weckte keine Begeisterung, weckte 
keine Entrfistung — es war das juste milieu, das wir von so vielen Sftngern und 
Slngerinnen unserer Oper her kennen („Opern-Beamten* nennt Harden diesen Typus). 
Die Stimme ist gut geschult, das Spiel fieissig studiert, nur die Seele feblt, das Persdn- 
liche, und es gibt Leute, die das eigentlich als das Wesentliche ansehen. Immerhin, die 
Berliner Oper hat dieselbe Art Sftngerin, immer unter anderem Namen, so lange schon 
gehabt: warum soil sie zur Abwechslung nicbt einmal Marga Burchardt heissen? — Die 
Vorstellung war im ubrigen kraftlos. ,Abgespielt" heisst es ja wohl in der Bfihnen- 
sprache. Viele Proben kdnnen der Auffuhrung nicht voraufgegangen sein, und starke 
Begeisterung setzte der Kapellmeister, Herr von Strauss, nicht ein. Willy Pastor 

BREMEN: Nach der pflichtmlssigen, einmaligen Absolvierung des Nibelungenringes 
— eine Wiederholung gestatten die immer noch hoch im Kurse stehenden welschen 
Ganz- und Halbweltdamen, wie die Jfidin, die Afrikanerin, Aida, Regimentstochter, Mignon, 
Carmen usw. nicht — verflel unsere Opernleitung auf die musikpldagogische Idee, einen 
historischen Spielopernzyklus zu geben und kundigte als erste Nummer .Die J agd« 
von Adam Hiller an. Statt der naiv-kindlichen Musik Hillers von 1770 mit seiner vor- 
mozartlichen Instrumentation ohne Klarinette und Trompeten kam aber die von Lortzing 
1830 ganz uminstrumentierte und, wie schon ein Blick in den Kleinmichelschen Klavier- 
auszug zeigt, neumelodisierte und von Grund aus mit neuer Ouvertfire und Zwischen- 
spielen versehene Partitur heraus, die zwar dem modernen Ohr miner liegt, aber dafQr 
das historische Interesse skrupellos beiseite schiebt. Als zweite Lektion wurde die 
,Ent fun rung" von Mozart serviert; was an diesem heute wie am ersten Tage frischen 
Verk historisch ist, mScbte ich wissen; hSchstens die Koloraturen der Konstanzearien, 
das liegt aber auf einem anderen Felde. Wenn nun noch die ^Meistersinger" mit 
zur historischen Spieloper herangezogen werden, ist der Kursus fertig, aber historisch 
war er sicher nicht. — Inzwischen ist man dabei, das Ensemble und das Repertoire 
durch endlose Engagementsgastspiele und andere zu verwildern; eine planmlssige Ent- 
wicklung des Repertoires und eine ruhige einheitliche Schulung des Ensembles ist dabei 
ausgeschlossen. Leo Blechs liebenswfirdigen, aber zu eklektischen „Alpenk5nig" 
bekamen wir auch zu hdren. Interessant war nur das Gastspiel Frl. Valentins 
(Gaertner), einer geborenen Bremerin, die von der Senta zur Grftfin (Figaro), Aida und 
Fidelio ein kunstlerisch so stark und konsequent aufsteigendes K5nnen erwies, dass 
nicht nur ihre frflheren Schulkameradinnen, sondern auch weitgereiste, von transatlan- 
tischen Vorurteilen schwer zu kurierende Gross-Hanseaten auf einige Tage an so etwas 
wie ernstes, echtes Kfinstlertum glaubten. Lange dauert es ja nicht, dann herrscht die 
IV. 13, 4 



Digitized by 



Google 




56 
DIE MUSIK IV. 13. 



M 



koloraturklingelnde Virtuosin wieder In dem internatiolen Kunst-chambre sepsree. Docta 
1st es immer nutzlicb, wcnn ihm einmal ein Kunstler, dem die Kunst oicht bloss prak- 
tisches Kdnnen, sondern auch innerstes seelisches Erleben heisst, und ein solcher 
Kunstler lit Frl. Gacrtner, imponiert. Dr. Gerh. Hellmers 

BROSSEL: Im Mo nnaie -Theater bat man wieder einmal die Oper „Herodias« von 
Massenet hervorgeholt Vor ungeflbr 20 Jahren einer der grdssten Opernerfolge, 
kam sie bei spftteren Wiederholungen infolge des Wagner-Enthusiasmus in starken 
Misskredit and war seit langem ganz vom Repertoire verschwunden. Jetzt auf einmal 
erfreut sie sich wieder der Gunst des Publikums, das an den relzvollen Melodieen, der 
gllnzenden Orchestration grosses Gefallen finder. — Viel Anziehungskraft Qben die 
Gastspiele des famosen Pariser Tenors Clement aus. Seine Glanzrollen sind Gerald 
in Lakml, and Jose" in Carmen. In letzterer Oper debfitierte auch die bekannte Konzert- 
singerin Maria Gay als Carmen ohne besonderen Erfolg. — Ein lyrisches Drama 
,Martille" von dem hiesigen Kritiker E. Cattier, Musik von dem jungen Lfitticher 
Komponisten A. Da puis erlebte seine Uraaff&hrang. Nach seiner vor zwei Jahren mit 
so allgemeiner Anerkennung aufgenommenen Oper „Jean Michel" war man auf die Ent- 
wicklung des talentvollen Komponisten sehr gespannt In seinem neuen Werk beweist 
er vor allem wieder sein Geschick, ffir die BQhne zu schreiben. Den Episoden des schnell 
in einem Tage sich abspielenden Dramas folgt er in charakteristischer Weise Schritt fur 
Schritt, hier mit einer einfachen melodischen Phrase eine Stelle im Dialog unterstreicfaend, 
dort mit einem markanten Motiv eine Person zeichnend. Chor und Orchester sind fiber- 
gewandt behandelt. Der Musik fefalt eben nur das Originelle. Die Handlung, ein 
Liebesdrama, spielt in den belgischen Ardennen. Felix Velcker 

BUDAPEST: Das interessanteste kfinstlerische Ereignis der letzten Wochen war die 
ErstauffBhrung der dreiaktigen original-ungarischen Oper „M aria* der Herren Geza 
Be"ri, B61a Szabados und Arpid Szendy, simtlich wohlbestallte Professoren der 
kdniglich-ungarischen Landesmusikakademie. Der Text des Herrn Biri (Moravcsik) be- 
handelt eine Episode aus der Urgeschichte Ungarns, ein Liebesidyll inmitten der Klmpfe 
zwischen Christentum und Heidentum. Der schdnen Maria gelingt es, den Ritter Tarjin 
von seinem heidnischen Glauben und seiner Braut abtriinnig zu machen, ein Frevel, den 
der Freund besagter Braut mit der Ermordung Tarjins sQhnt. Ein Dolchstoss, den die 
verlassene Geliebte gegen die christllche Nebenbuhlerin fuhrt, geht fehl, und so gibt sich 
denn die Heidin selbst den Tod. Zu diesem dramatisch-ausserlich wirksamen Libretto 
haben die Herren Szabados und Szendy in sonderbarer Vereinigung ihrer individuell 
vdllig verschiedenen Begabung vier Stunden tuchtiger, stellenweise sogar interessanter 
Musik komponiert. Vohlt fehlt es dieser Musik fast vdllig an OriginalitSt, aber man 
muss heutigen Tages schon froh sein, wenn der landlftufige Eklektizismus zumindest 
durch kQnstlerisches Vermdgen, durch Bildung und Geschmack bestimmt erscheint Die 
sorgflltig vorbereitete Auff&hrung, um die sich nebst dem Dirigenten Herrn Kerner 
die Damen Krammer und Di6sy, die Herren Bochnicek, Tarits und Ney muhten, 
brachte den Autoren reichste Ehren. Dr. B61a Di6sy 

CHARLOTTENBURG: Theater des w*estens. Die dreiaktige Operette „Dle Liebes 
festung" von Hans Brennert und Erich Urban, Musik von Bogumil Zepler 
(Kapellmeister: Max Roth) bedeutet jedenfalls keine Sprosse auf der Letter, die una aus 
der gegenwftrtigen Operetten-Misere nach oben fuhren soil. ZunSchst sei dem Regisseur 
eine unbarmherzige Handhabung des wohltfttigen Buntstifts dringend ans Herz gelegt; 
wenn das Stuck dann start dreieinhalb Stunden etwa die Hilfte spielte, erlitte es an 
kunstlerischem Wert keine sonderliche Einbnsse. Die ziemlich verwlckelten ehellchen 
Vtrhftltnisse des Maupassantbegeisterten franzdsiscben Festungskommandanten (Reinbold 



Digitized by 



Google 




Si 
KRITIK: OPER 




Wellhof), speziell seine Abenteuer in der Hochzeitsnacht (Mary Hagen die geschiedene, 
Lina Doninger die sich scheiden lassen wollende Gattin, neben denen noch haupt- 
slchlich die vortreffliche Luddy Gaston als „Stiefschwiegermutter" zu nennen 1st), 
bilden den Kern der Handlung, die mit allerhand Episodenwerk uberreicblich ausgestattet 
ist. Die Fignr des koreaniscben Admirals (Adolf Ziegler), eines ausgemacbten Trottels, 
wlrkt angesicbts der weltbewegenden Ereignisse in Ostasien zum mindesten deplaciert; 
im tibrigen ist diese Rolle ein stark verwisserter Aufguss Sullivanscben Tees. Bunt- 
scbeckig wie die Vorglnge auf der BQbne ist aucb die Musik Zeplers. Es klingt alles 
ganz h&bsch, vor allem macht sich aucb eine lobenswerte Zuruckbaltung in der zuweilen 
pikanten und witzigen Orcbesterbehandlung angenebm bemerkbar. Von der Scbnellpolka 
bis zum Cake-walk ist so ziemlich das gesamte Rfistzeug des modernen Operetten- 
komponisten mit routinierter Hand yerwendet — den sentimentalen Einscblag im Walzer- 
rhythmus nicbt zu vergessen — was wir aber scbmerzlich vermissen, ist das Fehlen 
Jeder pers5nlicben Note. Es ist alles Musik aus zweiter und dritter Hand. Hieran ist 
nun gerade in unseren Tagen auf keinem Gebiet der musikalischen Produktion nennens- 
werter Mangel, und somit betracbten wir aucb ,Die Liebesfestung* als ein Sperrfort fOr 
die aus vielen Grunden anzustrebende Wiedergesundung der Operette und dar&ber binaus 
des Slngspiels. Die Novititt, zu der sich das gesamte cabaretliche Berlin ein Stelldichein 
gegeben zu baben schien, erfreute sich lauten Beifalls. Willy Renz 

DRESDEN: Nach langer Tatenlosigkeit kam am 11. Mftrz endlich wieder einmal eine 
Neubeit in der Hofoper zur Auff&hrung und zwar handelte es sich um die Oper 
„Barffissele" von Richard Heuberger. Den Text hat Viktor L6on nach der be- 
kannten stisslichen Dorfgeschichte Berthold Auerbachs verfasst Ist diese scbon ohne 
echte bluerlicbe Bodenstlndigkeit und Kraft, so mangelt es dem danach gefertigten 
Opernbucb erst recbt an diesen Eigenschafcen und ausserdem noch an einer ge- 
schlossenen, wirksam gesteigerten Handiung. Es ist Pflicht, gerade in einer auf Richard 
Wagners Kunstanscbauungen beruhenden Zeitschrift dagegen Verwahrung einzulegen, 
daas die Lebren des Meisters derail verachtet werden, wie das bei dem Text zum 
„Barf&ssele" der Fall ist. Handlung ist darin so gut als gar nicbt und aucb das Venige 
ist noch dsdurcb in zwei Telle zerrissen, daas das Vorspiel 12 Jahre vor den beiden 
Akten des eigentlicben St&ckes spielt. Von einer Charakterisierung der Personen ist 
koine Rede. Zu diesem Textbuch hitte naturlich aucb der beste Komponist keine 
wirklich dramatiscbe Musik schreiben kdnnen, well eben das dramatiscbe Element zu 
schwach ist Heuberger hilft sicb mit Valzern und Utndlern, gibt sein Bestes in einer 
Liebesszene am Scbluss des ersten Bildes, schreibt h&bsch klingende, in Kontrapunktik 
und Harmonik ziemlich einfache, aber ohrenfillige Musik, die immer dann am beaten 
ist, wenn sie operettenbaften Anstricb hat. Wenn der Komponist sich zum Opernstil 
emporschwingen will, ist er weit weniger gl&cklich, denn seinem Ernst fehlt Tiefe und 
lnnigkeit und seiner Lustigkeit der dionysische Zug. Das Verk ist nach Text und Musik 
eine Damenoper, d. h. die Frauen werden sie „relzend" und „ruhrend* flnden, wlhrend 
sie hSheren Anspr&chen kaum standhftlt, obwohl sich in der Partitur manche bfibsche 
Wendung flndet und die Arbeit eines guten Musikers nicbt zu verkennen ist Der Er- 
folg, der sebr Iebbafk war, ist der glanzenden Auff&hrung unter Schuchs Leitung zu 
verdanken. Von den Mitwirkenden zeichnete sich in erster Linie Frl. Nast als Ver- 
treterin der Titelrolle aus; neben ibr die Damen v. d. Oaten, EibenschQtz, 
t. Chavanne, Jelinek und Schftfer, sowie die Herren Burrian und Kiess. Ein 
Gastspiel Heinrich Betels, der seinen unvermeidlichen Postilion sang, sei noch hervor- 
gehoben. F. A. Geissler 



Digitized by 



Google 




52 
DIE MUS1K IV. 13. 




DOSSELDORF: Die Erstauffuhrung der MSrcheooper w Liane" von Kapellmeister 
Dr. Rabl erfuhr, glSnzend ausgestattet, unter des Autors Leitung eine wohlvorbereitete 
Wiedergabe. Trotzdem das Libretto mit alien denkbaren Buhneneffekten uberladen 1st, 
vermochten weder der undramatische Stoff, noch die allziisehr an Wagner erinnernde, 
nicht im gertngsten individuell geftrbte, aber mit grosser Routine und vornebm ge- 
schriebene Musik andauernd zu interessieren. Josefioe von Hfibbenet (Liane), William 
Miller (Dagmar), Heinrich Glrtner (Steuermann), Clara Bellwidt (Meerhexe) batten 
die ersten Rollen inne. — Die „Afrikanerin* ging frisch gesungen und gut gespielt in 
Szene. Frdhlich dirigierte. Ernests Delsarta, Hermine Fdrster, Rob. Hutt, Passy- 
Cornet taten sich hervor. A. Eccarius-Sieber 

FRANKFURT a. M.: In wohlgelungener Auffuhrung, an derFrau Hensel-Schweitzer 
und Herr Breitenfeld die Hauptanteile batten, zog eine einaktige Novitlt „Das 
Glfick", dessen Textdichter Dr. Th. Kirchner und dessen Komponist Rudolf von 
ProchAzka ist, fiber das hiesige Operntheater. Sie ward gesehen, freundlich bewill- 
kommnet und wird wahrscbeinlich bald vergessen seio. Wohl birgt sich in der Handlung 
dieses „Tonmircbens a ein ernster, poesievoll ausgedrfickter Sinn, wohl ist in der Musik 
namentlich das Orchester geschickt behandelt, aber auf das Erfindertalent des Kom- 
ponisten lftsst sicb nach dieser Probe wenig Glauben setzen. Es lebt von Vorbildern 
und weiss selbst unter diesen nicht immer geschmackvoll Wahl zu treffen. 

Hans Pfeilschmidt 

HAAG: Hier wurde juogst Botto's „Mefistofele" gegeben. Ich muss gestehen, 
dass das Werk keinen grossen Eindruck auf mich zu machen vermochte, obgleich 
die Auffuhrung durch die italienische Oper zufriedenstellend und Herr Dado ein ganz 
ausgezeichneter Mephisto war. Eine Repertoire-Oper wird „Mefistofele" wohl niemals 
werden. Otto Wernicke 

HANNOVER: Die Kdnigl. Oper brachte als NovitSt Offenbachs , Hoffmanns Er- 
zShlungen*. Die von Kapellmeister Do ebb er ftusserst sorgsam vorbereitete und 
trefflich vor sich gehende Auffuhrung fand eine freundliche Aufnahme. In den Haupt- 
rollen waren die Herren Battisti, Moest, Gillmeister, Meyer sowie Frau Mac-Grew 
mit hervorragendem Gelingen tltig. Ferner beendete die Kdnigl. Oper den zweiten dies- 
jfthrigen „Ring«-Zyklus. L. Wuthmann 

KARLSRUHE: Neues hat die Hofoper in den letzten Wochen gerade nicht heraus- 
gebracht — wenn man von dem uns s. Zt. schon von dem Ensemble der benach- 
barten Mannheimer Buhne vorgemimten phantastischen Tanzbild A. Steinmanns 
„Phantasieen im Bremer Ratskeller" absehen will, das nunmehr mit seiner 
Quodlibet-Musik auf unserem Hoftheater in fi otter Auffuhrung neu erstand. Im ubrigen 
begnugte man sich mit Wiederholungen, die allerdings in den Wiedergaben der „Meister- 
singer*, der Kloseschen M llsebill a , des „Freischutz", 9 Bajazzo M , „Samson und Dalila a usw. 
sowie der hier gleichsam Ehrenrechte geniessenden w Fledermaus M vortrefflichen Eindruck 
machten. Aber das tiuscht schliesslich doch nicht fiber eine gewisse Einformigkeit des 
Spielplans hinweg, die freilich zum Teil auch in Personalverhiltnissen ihren Grund 
haben mag. Albert Herzpg 

KASSEL: Das liebenswfirdige musikalische Lustspiel Wolf-Ferrari's 9 Die neugierigen 
Frauen" fand auch hier eine sehr warme Aufnahme. Die durch Dr. Zulauf sorg- 
fftltigst vorbereite Aufffihrung zeigte die Leistungsflhigkeit unserer Hofoper, insbesondere 
der Damen Kallensee, Morny, Porst, Mothes-J&ger wie der Herren Bertram, 
Wuz61, Ulrici, Kase, Liebeskind in vorteilhaftestem Licht. Dr. Brede 

KOLN: Arthur Friedheims dreiaktige Oper ,Die TSnzerin M , deren Uraufffihrung 
dem anwesenden Autor einen lebhaften Erfolg vermittelte, ist trotz unleugbarer 



Digitized by 



Google 



wl 



53 
KRITIK: OPER 




dramatischer Schwachen als ein interessantes und sehr beachtenswertes Werk zu be- 
zcichnen. Die zur Zeit des griechischen Bundes zu Korinth spielende Handlung hat 
zum Hauptgegenstand Alexanders des Grossen Liebeswerben urn die schdne Artemis- 
tanzerin Thais, und hierbei bildet der Eid, den das Midchen der Gdttin geschworen bat 
und obne weiteres bricfat, den allzu leicht gelSsten Konfiikt. Der sprachlicb scbdn be- 
handelte Text, dessen Milieu nicht obne Reiz ist, hat zu wenig dramatischen Nerv, um 
der Komposition eine wirksame Unterlage bieten zu kdnnen. Friedfaeims moderne 
Orchesterspracbe zeigt bei viel hubscher Erfindung die weitreichende Technik eines uber- 
aus gediegenen, vornebmen Musikers. Die im Deklamationsstil gehaltenen, sehr an- 
streogenden Gesangspartieen bringen manches durch Leidenschaft fesselnde und auch 
geistreiche Moment, aber der grosse Zug und dramatisches Leben fehlen dem Ganzen. 
Die Auffuhrung unter Otto Lohse war eine hervorragend gute. Paul Hiller 

KONIGSBERG i. Pr.: Vor Neuheiten oder besonderen Neueinstudierungen hutet sich 
unsere Oper, da die Geschlfte auch ohnedies glftnzend gehen. Dagegen mussen 
wir ihr fur interessante Gastspiele dankbar sein. Raoul Walter brillierte als „Postillon" 
und „Tamino". Nach ihm kam die herrliche Berta Morena; sie sang und spielte in 
ungewdhnlich grosser Art .Elisabeth", „Senta" und „Elsa"; ibrBestes, und in gewissem 
Sinne etwas ganz Aussergewdhnliches, offenbarte sie als „Sieglinde" (eine wirkliche 
Wftlsungentochter und Siegfriedsmutter !) und als „Fidelio". In „Lohengrin" war der 
Zwiegesang zwischen der Morena und unserer einheimischen Altistin Schrdter (Ortrud) 
ein ungewdhnlicher Genuss. Paul Ehlers 

LONDON: Die entente cordiale ist auch auf dem Gebiet der Kunst das Zeichen des 
Tages. Franzosische Operetten tauchen aller Orten in London auf, nachdem fast ein 
voiles Jahrzehnt die sogenannte „musical comedy" ein englisch-amerikanisches Zwitter- 
ding, bei dem es bauptsachlich auf den Skirt dance ankommt, unumschrankt geherrscht 
hat. Wer am meisten von dieser Wendung profitiert, ist Andr6 Message r, der kiinst- 
lerische Berater der Covent Garden Oper, der seit Monaten einen enormen Erfolg mit 
seiner nicht ublen Operette ,Veronique« einbeimst und dessen „petites Michus" in dieser 
Woche in Mr. Edward's Hauptdepot, das Daly Theatre, einziehen. Wahrscheinlich wird 
auch die kommende Opernsaison die Spuren des Messagerschen Einflusses mehr als sonst 
zeigen, was ein weiteres Zuruckdrftngen der deutschen vor der welschen Kunst bedeutet 
Allerdlngs gibt es ein starkes Bollwerk dagegen und das ist die Tatsache, dass unsere 
deutschen Musikdramen, namentlich Wagners Schdpfungen, noch immer am besten v Kasse M 
machen. Und das blelbt doch das Entscheidende auf unserem Kunstmarkt, gewiss leider 
aber auch anderswo. A. R. 

LUZERN: Die durch den Brand des Basler Stadttheaters im Oktober letzten Jahres 
obdachlos gewordene Basler Oper ist bekanntlich vom Muihausener Stadttbeater 
fibernommen worden. Diese Mulhausener-Basler Oper hat im hiesigen Stadt- 
tbeater einige sehr stark besuchte und kunstlerisch recht annehmbar verlaufene 
Ensemble-Gastspiele, beispielsweise mit Lortzings v Zar und Zimmermann" und 
Rossini's ^Barbier", absolviert. Die Solisten leisten, wenn man von der ungeldsten Tenor- 
frage absieht, recht Anerkennenswertes, und sogar der ziemlich starke Chor singt ver- 
hlltnismSssig sauber und rein. Das Orchester wird jeweilig vom hiesigen st&dtischen 
Orchester gestellt. Schmid 

MANNHEIM: Unsere Hofoper brachte in sieben Tagen die zweite zykliscbe »Ring*- 
auffuhrung heraus. Ernst Kraus sang unter jubelndem Beifall die beiden Sieg- 
friedpartieen, Frau Greeff-Andriessen gab eine grosszugige Brfinnhilde in der 
v Gdtterdimmerung M . Webers 9 Silvana M (in der Bearbeitung von Pasqu6-Langer) 
uad w Euryanthe" (in der Mahlerschen Einrichtung) gingen unter W. Kfthler sebr 



Digitized by 



Google 




54 
DIE MUSIK IV. 13. 




erfolgreich in Szenc und wurden nach mehrjahriger Pause fur den Spielplan wieder 
gewonnen. K. Eschmann 

NEW YORK: Das Repertoire ging den alten, taier schon bekannten Weg. Neueinstudiert 
wurde Verdi's ,Maskenball" gegeben mit Eames, Homer, Alten, Caruso, 
Scotti, Plancon, dann die .Hugenotten" (italienisch) mit Nordica, Sembricb, 
Walker, Caruso, Scotti, Plancon, Journet, Begue unter Leitung von Vigna. 
Das .Ereignis* der Saison war eine Auffuhrung der .Fledermaus" zum Benefiz von 
Heinrich Conried. Musikalisch war die Auffuhrung brillant, aber Operettengeist hatte 
sie nicht. Marcella Sembricb (Rosalinde) war die echte Opera pri madonna, Editb 
Walker (Orlofeky) schwerflllig. VorzGglicb waren dagegen Dip pel (Eisenstein), Bella 
Alten (Adele), Goritz (Frank), Greder (Dr. Falke), Reiss (Alfred), Hftnseler (Froscb). 
In der Ballszene waren Gesangseinlagen von Nordica, Eames, de Macchi, Acktl, 
Fremstad, Homer, Burgstaller, van Rooy, Blass, Pollock, Nuibo, Caruso, 
Plancon, Giraldoni usw. Es war der reine Zirkus! Naban Franko dlrigierte. 

Arthur Laser 

PARIS: Die „Oper" und die .Komische Opei" haben im Februar bauptslchlich von 
ihren letzten Wagner-Errungenschaften gezehrt, von .Tristan" und .Hollander". 
Eine relative Neuheit war bloss, dass die Komi sc he Oper dem .Orpheus" Glucks eine 
neue Umformung zu geben wagte, urn die Titelpartie dem Sopran von Rose Caron zu- 
teilen zu kdnnen. Die Wiedergabe durch den Alt hat noch einen gewissen Sinn, da die 
tiefe Lage hinllnglich mit dem Sopran der Eurydice, des Amor und der Seligen kon- 
trastiert. Singt aber auch Orpheus Sopran, so wird die Sache doch zu monoton. Dass 
Frau Caron, die eine unvergessliche Iphigenie war, auch diesmal Gluck kongenial inter- 
pretiert hat, soil fibrigens nicht geleugnet werden. — Ein Werk, das sehr wobl in der 
.Komischen Oper* hatte erscheinen kdnnen, ist die letzte Neuheit der Variltls, die 
zur Hochburg und letzten Festung der Operette geworden sind. .Les Dragons de l'Im- 
ptratrice" von Andr6 Messager (Text von Duval und Vanloo) halten sehr wohl den 
Vergleich aus mit seiner .Basoche", die zum festen Bestand der .Komischen Oper" 
gehdrt. Die verraterischen Irrfahrten eines F&chers der Ksiserin Eugenie und die Rivalitat 
zweier adligen OfHzierskorps bilden den Gegenstand der leicht geschfirzten Handlung, 
die im gllnzenden Rahmen des zweiten Kaiserreichs spielt. In den zwei sehr dankbaren, 
wirkliche Sangerinnen verlangenden weiblichen Hauptrollen zeichneten sich die Damen 
Sully und Gallois nicht bloss durch ihr munteres Spiel aus. Auch der Bariton 
Alberthal hatte eine musikalisch interessante Aufgabe zu losen und selbst der ruchtige 
Komiker Prince verriet in den Ensembles eine anerkennenswerte Sicherheit 

Felix Vogt 

ROSARIO: .Rosario? Ja, wo liegt denn das?*, so hSre ich die meisten Leser fragen. 
Ein Schulmann im hellen Sachsen schrieb einem hiesigen deutschen Kind, das 
vorubergehend seine Schule besuchte, ins Zeugnis: Eltern in Rosario, Brasilien. Der 
gute Mann befand sich leider in einem peinlichen Irrtum. Man schlage eine Karte von 
Sfid-Amerika auf, fahre mit dem Zeigeflnger der rechten Hand den Silberstrom und 
Parana hinauf, und man gelangt Qberraschend schnell zu dem geheimnisvollen Ort, der 
nichts weniger als die zweite Hauptstadt Argentiniens darstellt und unter seinen 100000 
Einwohnern eine ansehnliche deutsche Kolonie blrgt. In musikalischen Dingen stent er 
zwar nicht auf der Hdhe, doch ist er immerhin beachtenswert. Er leistete sich im Vor- 
Jahre zwei nagelneue grosse Opernhauser, trotzdem kleinere in genugender Zahl vor- 
handen sind. Es war ein verfehltes Unternehmen, da hier — um nur einen Umstand 
anzufQhren — der Prozentsatz der kunstgeniessenden Bevdlkerung bedeutend geringer 
ist wie drfiben. — Im .Colon" kam es zu einer achtungswerten .Lohengrin*-Voi* 



Digitized by 



Google 




55 ■ 
KRITIK: OPER 




stellung, bei der man um dcr scfadnen Leistungen der Hauptdarsteller und des Orchesters 
willeo gem die schlechten Stimmmittel des Chores und die Mangel der Ausstattung 
ubersab. Der durchschlagende Erfolg fuhrte metarere Wiederholungen taerbei. In gleich- 
guter Darbietung h5rte ich noch Saint-Sa«ns' .Samson und D alii a*; das Werk liess 
einen jedocta nicht recht warm werden. Die andere Gesellschaft im Teatro de la 
Opera lernte ich leider nur bei einem Misserfolg kennen. Der Kapellmeister war zu 
einer unfertigen „Tannh&user"-Aufffihrung gedringt worden, von der zu schweigen 
Gold ist. Nur so viel will ich sagen, dass sich die Entrusting der zahlreich anwesenden 
Deutschen schlieaslich in allgemeine Heiterkeit aufl5ste. Es war aber auch ein Schau- 
spiel ffir GStter: Tannhftuser, eine komische Oper von Wagner! Dieser Abend war 
allerdings eine Ausnahme; die anderen Darbietungen („Tosca*, »Boh6me*, »Aida", 
„Rigoletto", „Chopin" usw.) wurden gelobt. Zweimal spielten Operettengesellschaften, 
von denen die eine fiber einige vorzfigliche Krifte verffigte. Hermann Kieslich 

STRASSBURG: Die Opernverhlltnisse sind zur Zeit ziemlich unerfreulich. Die Auf- 
ffihrungen, selbst im Mozartzyklus, glichen manchen schlechten Generalproben. Was 
halfen Fleiss und Eifer der Beteiligten, wenn die kfinstlerische Gewissenhaftigkeit im 
Herausbringen der Werke soviel zu wfinschen ubrig lisst? Von der .Regie* will ich 
lieber schweigen; was sie nicht ist, merkt der Strassburger Kunstfreund so recht, wenn 
er zum Trost manchmal nach Karlsruhe fthrt — Daffir aber kriegen wir Sigrid A mold son 
und die Schlierseer Bauern! Dr. G. Altmann 

STUTTGART: Endlich ist das Versprechen der Corneliusfeier eingeldst: der kSstliche 
,Barbier" eine der ganz wenigen komischen Opera, die Unsterblichkeit verheissen, 
wurde von Pohlig tadellos neueinstudiert und gleich bei der ersten AurYQhrung mit 
Jubel aufgenommen. Mottls Bearbeitung dfinkt una kein Verbrechen an der Kunst! 
Es war ein Glfickseligkeitsabend, ein erfrischendes Musikbad: denn unmittelbar vorher 
erschien auch wieder die wunderherrliche „MaienkSnigin*. Dass Gluck franzdsische 
Lleder darin verwertete, wusste Iftngst jeder, der sich die Mfihe nahm, Favarts Textbuch 
aufzuschlagen. Hat nicht auch der ,Barbler" etwas von franzSsisch edlem Mass? 
Schade, dass der vortrefflich singende Holm keinerlei behaglichen Humor besitzt; FrL 
Wiborg als Margiana, P. Millie r als Nureddin leisteten Ausgezeichnetes. In der 
unflbertrefflich fein gegebenen „MaienkSnigin* zwang Pohlig alle Mitwirkenden in den 
Stil des Rokoko; doch schienen manche Zeitmasse zu ruhig. Zweimal tauchte Glucks 
„Orpheus" auf; wie dieae Musik wohltut! Frl. SchCnbergcr, von der sonst wenig 
Gutes mehr zu sagen ist, raffte sich zu der Titelpartie erfolgreich auf. Von Mozart 
kam »Don Giovanni", von Weber „Freischutz", von Wagner .Tannhluser* und w Sieg- 
fried* wieder an die Reihe. Ernst Kraus bildete neben dem einheimischen Decken 
(Mime) den Glanzpunkt des Abends. Leider waren die Leistungen der Damen Zinck 
und SchSnberger (Brunnhilde und Erda) und des Herrn NeudSrffer unterhalb der 
ZulSasigkeit. Dieaem Wotan zulieb werden seit neueatem an die 40 Partiturseiten 
gestrichen, nachdem Obrist Strichlosigkeit erkimpft hatte. Und wie drollig: angesichts 
dieser gekGrzten Auftuhrung verlangte ein ahnungaloser Kritiker — Kfirzungen* 

Dr. Karl Grunsky 

WIEN: Nach vielen Monaten wurden in der Hofoper zwei einaktige Opera als Neu- 
heiten gegeben. Das BedGrmia nach Leichtem und Lelsem im Betrieb eines tig- 
lich splelenden Operatheaters ist sicher vorhanden. Seine Befriedigung aber erfordert 
einen engeren Rahmen, intimere Rlume, als unser ffir die grosse Oper wohlberecfaneter 
Theatersaal sie bietet Seit 38 Jahren macht er die Versuche, die kleine Oper und das 
Singspiel zur Geltung zu bringen, zu nichte. Des Prager Kapellmeisters, Leo Blech, 
Dorfldylle „Das war ich" gleicht einem mit NSgeln beschlagenen Tanzschuh. Der feder- 



Digitized by 



Google 




56 
DIE MUSIK IV. 13. 




leichte Witz einer diesmal von Richard Batka gescbickt bearbeiteten, schon von grie- 
chiachcn Romandichtern erfandenen Situation wird von einer dickBussigen, kontrapunkt- 
geschwlngerten, harmonlsch prltentiftsen, blechgepanierten Musik fdrmlich zerquetscht. 
Allerwlrts wutet der furor cbaracteristicus. Der Dicbter bietet ein leicbtes Gespinst — 
der Musiker mtctat Kabeldrlhte daraus. Alle diese Fehler vermeidet d'Albert in seiner 
v Abreise* nicht nur, er verrit im Gegenteil das feinste Stilgef&bl und trifft den 
Ton des Lustsplels so sicher, hilt die Linie der Hftfllchkeit des Herzens, des er- 
zogenen GefQbls und liebenswurdigen Leichtsinns so sicber inne, dass der Zu-. 
hdrer in lichter und angenehmer Reizung bis rum Scbluss behaglich festgehalten 
wird. Wenn auch nicht uberoriginell in der Eritadung (der Text vertrfige eine solche 
kaum), ist d' Alberts Musik in ibrer feinen, grazidsen Fuhrung meisterhaft zu nennen. 
Beide Opera, namentlich aber die ,Abreise* wurden unter Direktor Mahlers Leitung 
vorz&glich aufgefQbrt. Frau Gutheil-Schoder schuf mit der Louise eine der reiz- 
vollsten Gestalten des Wilhelm Meister-Mllieus. Die Herren We idem an n und Fritz 
Schrddter trafen, jeder nach seiner Rolle, meisterhaft den Ton zur&ckhaltender Dis- 
kretion und durch Grazie versdbncnder Begebrlicbkelt. Gustav Schoenaich 

KONZERT 

ANTWERPEN: Urn die Karnevalszeit herrscht im allgemeinen im Konzertsaal Ruhe. 
Die Gesellschaft ,Nouveaux Concerts* bescherte uns einen Abend des ,B6h- 
mischen Streichquartetts*. An Stelle Mortis, der durch seine M&ncbener Tltigkeit ver- 
bindert, leitete das letzte der grossen Abonnementskonzerte der in jungster Zeit viel genannte 
Amsterdamer Wagnerdirigent Dr. Viotta, der ziemlich enttihischte. Die Wiedergabe der 
c-moll Symphonic Beethovens entbehrte des tiefem und grossen Zuges, die Direktion der 
Hollinder-Ouvert&re und namentlich des Karfreitagszaubers irgendwelcber besonderer, 
eigenartiger Momente. Die an Stelle von Frau Mottl eingetretene, mit prichtigen Stimm- 
mitteln begabte spanische Altistin Maria Gay konnte einen kunstlerischen Erfolg mit 
Arien von Handel und Gluck nicht erzielen. A. Honigsheim 

BERLIN: Weingartner, welcher der K5niglicben Kapelle nun doch wohl ebenso zu 
ibrer wie der Abonnenten Befriedigung als Dirigent erhalten bleibt, hatte fGr das 
letzte Konzert die Symphonieen in C-dur von Haydn, in F-dur von Brahms und in c-inoll 
von Beethoven aufs Programm gesetzt, die er mit der ihm eigenen geistigen Lebendigkeit 
ausfQhrte. — Auch Nikisch begann den letzten Konzertabend ebenfalls mit einer C-dur 
Symphonic von Haydn, einer der secbs franzdsischen mit dem Beinamen .Pours*. Dann 
spielte Fre'de'ric Lamond das Brahmssche Klavierkonzert in B-dur, ohne indessen dem 
bedeutenden Werk voll gerecbt zu werden ; sein Anscblag klang etwas trocken, namentlich 
im ersten Satz fehlte es an Grdsse der Auffassung. Zum Scbluss gab es einige durch* 
einander geworfene Stucke aus der dramatischen Sympbonie .Romeo und Julia* von 
Berlioz: die Balkonszene, das Scherzo von der Fee Mab, das Fest bei Capulet. 
Dass unsere Philbarmoniker diese Musik ganz meisterhaft gespielt baben, soil gern 
anerkannt werden, aber wunderlich muss diese Anordnung der Reihenfolge doch ge- 
nannt werden; wire es wohl denkbar, in einer Auffuhrung der Shakespeareschen 
Tragddie den dritten Akt vor dem ersten zu bringen? — Unvollkommen in Tech- 
oik wie in der Auffassung klang das meiste, was Genrud Ruscheweyh spielte; den 
s /a Takt in d'Alberts Walzer hat wohl schwerlich jemand heraus gehdrt. — GQnther 
Freud enberg zeigte sich im Vortrag dreier Klavierkonzerte von Tschaikowsky als ein 
wahrer Klavierathlet, sich seiner Kraft, seiner glinzenden Tecbnik freuend. Zeit wire 
es aber doch fur den jungen Pianisten, seinen Anscblag zu verfeinern, den Ausdruck 
geschmeidiger zu bilden. — Auch Margaret King, von der ich die Schumannsche 



Digitized by 



Google 




57 
KRITIK: KONZERT 



m 



Phantasle in C-dur und einige Stuckc von Brahms bftrte, tut noch zti viel des Guten in 
Hinsicht der Kraftiusserung, aber ihr Anschlag ist nicht hart, sie lisst sich nur von 
dcm feurlgen Temperament gar zu ungeztigelt fortreissen. — Eine junge Singerin Gracia 
Ricardo zeigte ein welches, sympathised anklingendes Organ; sie bat auch mancherlei 
gelernt, nur sollte sie nichts Franzdsisches singen; sie hat keine Ahnung von der 
ricbtigen Aussprache; selbst das Deutsche klang recht englisch. E. E. Taubert 

Die Kammermusik-Vereinigung der ersten Bliser der Kdnigl. Kapelle Prill, 
Bundfuss, Esberger, Gutter, Littmann hat jetzt in Vera Maurina eine aus- 
gezeichnete pianistische Kraft gewonnen; trotz vorzuglicher Auff&hrung errang ein noch 
ungedrucktes Trio fur Klavier, Oboe und Horn von Max Laurischkus nur einen 
Achtungserfolg. — Das Bdhmische Streichquartett brachte zwischen Quartetten von 
Schubert (d-moll) und Beethoven (C-dur) C6sar Francks eigenartiges? Klavlerquintett 
mit Ferruccio Busoni vollendet zur Auffuhrung. — Das Dessau-Quartett erzielte mit 
dem von mir Bd. XIII S. 348 bereits besprochenen a-moll Quartett von Sinding einen 
grossen Erfolg; eh renvoll behauptete sich das Klavierquintett von Konstantin Burgel, 
dessen Klavierpart Ansorge wundervoll spielte. — Das Klaviertrio der Scbwestern 
Chaigneau aus Paris, von denen die Pianistin die beste ist, spielte wie vor drei Jahren 
u. a. Saint-Signs' F-dur Trio und wurde in Schumanns Klavierquartett von Joachim an 
der Bratsche unterst&tzt. — Henri Marteau trug mit Max Reger, Henri Fevrier und 
Volkmar Andreae je eine Violinsonate dieser Komponisten vor; auf Rogers neue fls- 
moll Sonate op. 84, deren Mittelsatz wiederholt werden musste, an anderer Stelle ein- 
zugehen bebalte ich mir vor. — In dem Kammermusik- Abend der Geschwister Margarete 
und Karl Schaeffer erwies sich der Pianist der Geigerin durchaus uberlegen; eine 
Sonate von Kiel (op. 16) stand erfreulicherweise auf dem Programm. Die mitwirkende 
Singerin Erna Zarnack-Trentzsch sang mit kleiner, aber sympathischer heller Sopran- 
stimme u. a. Lieder von CI. Schultze-Biesantz. — Der von Frl. Hermann geleitete 
Anna Schultze-von Asten-Chor hatte sich wie im Vorjahre der UnterstQtzung des 
Joachim-Quartetts zu erfSreuen, das mit Dechert Schuberts Streichquintett vortrug. 
Herrliches hot der Cbor in Canons von Cberubini und den Romanzen op. 44 von Brahms; 
Fran Grumbacher und Anna Stephan sangen sehr erfblgreich Duette von Handel. — 
Mit Orcbester Hess sich Henri Marteau, dieser eminente Geiger, wieder hdren. Schuberts 
Pbantasie, ein bier bisher unbekanntes Konzertst&ck von Schubert, und das Brabmssche 
Konzert spielte er vollendet; das Orcbester leitete der hier schon sehr vorteilhaft be- 
kannte Lausanner Diligent Heinrich Hammer, dem zuliebe in Berlioz' Harold-Symphonie 
Marteau die Solobratscbe spielte.— Dessen Sch&lerin Clotilde Scam on i erwies sich in 
ihrem Konzert mit Orcbester als ein vielversprechendes Talent. — Alice Stadler 
dokumentierte sich als tuchtige Violinistin, doch genugt dies bei der heutigen Konkurrenz 
nicht. — Die Pianistin Elise Engels, die von Jacques van Lier auf dem Violoncello 
unterst&tzt wurde, hat entscbieden Talent, ist aber vorliuflg noch nicht konzertreif. 

Dr. Wilh. Altmann 

Douglas Bertram spielte bdehst indifferent, in echt nordiscber Monotonie und 
rhythmiscber Langweiligkeit Schumanns „Phantasie". Das war durchaus nicht »phan- 
taatisch und leidenschaftlich vorgetragen" und durchaus nicht energisch. — Auch Erna 
Klein besitzt herzlich wenig innerliche Reife. Am Methodischen, Gemachten, Vorge- 
schriebenen haftend, zeugt ihr Spiel von jener peinlichen Unbescheidenheit und nach- 
lisaigen Oberfllchlicbkeit, die Verwdhnung und Einbildung auf Kosten des Kfinstlerischen 
grosszuziehen pflegen. Auch im Technischen bapert's noch fiberall. Da heissf s, schwer 
und ernst arbeiten, an sich arbeiten, will sie der dilettantischen Schwlchon Herr werden 
— Alfred Sormann erinnere ich an Rubinsteins gutes Scherzwort: »SpieIe ich in der 



Digitized by 



Google 



88 



58 
DIE MUS1K IV. 13. 




Offentlichkeit besser tls zu Hause, spiele ich; spiele ich aber zu Haute besser wie in 
der Offentlichkeit, hdre ich auf.« —Lola Land* Hess aua Grfinden eines fiberspielten 
oder verrenkten Armes den letzten Toil Ihres Programms ausfallen. Das ist gewiss be- 
dauerlich, Indert aber nichts an der Tatsache, diss eigentlich Alexander Heinemann 
den Abend gab und sic zur „Mitwirkung« verurteilte. — Hedwig Wiszwianski wucha 
das Programm fiber den Kopf. Technisch gewandt und von lebhaftem musikalischen 
Empflnden, bedarf sie — die Fehler und Schnitzer nicht mitgerechnet — noch sehr der 
Einfachheit und grdsseien Ruhe. — Harold Bauer, hier viel zu wenig gewfirdigt, ent- 
zfickte wiederum durch die weiche pastose Art seiner celloartigen Kantilene und den 
ausserordentlichen instrumentellen Schliff wie Reichtum an dynamischen Farben und 
Akzenten. — Ober Irene von Brennerberg lasst sich Neuea nicht sagen. Ihr Spiel 
ist gediegen, klar, flfissig, und ihre Kantilene nicht ohne Innerlichkeit, aber es fehlt 
an Wurf, Inspiration und jenem undeflnierbaren ,Etwas«, das in jeglicber Kunst den 
Ausschlag gibt. — Kite Ravoth war unvorsichtig und unklug, mit luaserlichen Mittefo 
den Geist von Beethovens stolzem: „Ah perfldo* meistern zu wollen. Rein stimmlich 
war manches, so in der H5he, mit Fleiss erfasst und durchgearbeitet, aber schon die 
grossen Legati deckten das Unzulingllche ihres technischen und musikalischen Aus- 
drucksvermdgens deutlicb auf. — Elisabeth Ohlhoff ist eine zweifcllos musikaliscbe 
Natur, die mit ihren in der H5he ausgezeichnet klingenden Formen weit mehr leisten 
w&rde, haperte es nicht an der Atempresse, der Mittellage und Tiefe. — Maria Kl ages' 
monotoner, nastier, vSllig resonanzloser Sopran und tote Seele ist in diesem Stadium 
der Entwicklung nicht diskutabel. Oberrascht hat mich Eugen Brieger, da er nach Seite 
des musikalischen Ausdrucks und der Charakteristik einen positiven Fortscbritt aufzuweisen 
hat. Dcm Organ baften allerdings noch vielerlei Schlacken an, auch der Timbre ist 
nicht durchweg edel, zumal die Formen klingen oft rasselnd-hohl, aber die Hdbe hat an 
Glanz gewonnen. Er sang neue und fein gearbeltete Lieder von Georg Stolzenberg, Levy, 
Rothstein, Kaun u. a. — Den grdssten Elndruck hinterliess Max Roger mit seinen 
neuen „Variationen und Fuge fiber ein Thema von J. S. Bach* op. 81, sowie fiber ein 
Thema von Beethoven op. 86 fur zwei Klaviere. Ich stehe nicht an, an eine Wendung 
zum Guten zu glauben. Die Energie Regers liess immer Grosses erhoffen. Diese beiden 
Werke kdnnen ffir die Entwicklung der absoluten Musik von entscheidender Bedeutung 
werden; denn nicht allein die stupende technlsche Meisterschaft, die unerschftpfliche 
Kraft in der Erfindung origineller Formen und Formmittel, die klanglichen Kombinadonen 
interessieren hier, tie vielmehr der Wille und das Ringen nach einem grossen Aus- 
druck. Es sind Partieen in op. 81 von schumannischer Weichheit und Tiefe, so das 
^Gfave* 18/16 H-dur oder das w Andante sostenuto* 6/8, und tristanischer Mystik (cf. die 
Adagio-Fuge und die geistreiche Behandlung von Wagners Englischem Hornmotiv a. d. 
»Tristan«). Die Kfihnheit der Harmonik, besonders aber die ungeheure Gewalt der dyna- 
mischen Mittel und Gradationen (vergl. die orgelgewaltigen Fugenschlfisse in ihrem 
dynamisch-grandiosen Aufbau und der Pracht organistischer Klangwirrnisse) reissen auch 
den Widerstrebenden hin. Das sind grosse Momente, die fiber die chromatischen Hirten 
und Ecken und den Wirrwarr der Enharmonik und komplizierterDurchgangskonstruktionen 
wenn nicht hinwegtluschen, so sie doch in milderem Lichte als Mittel zu hdheren Zwecken 
erscbeinen lassen. Gewinnt Reger die Kraft, im Kampf wider seine eigene technlsche 
Natur dem Ausdruck, der ,Idee«, zum Siege zu verhelfen, so glaube ich, haben wir 
eineneueKunst. Das bedingt allerdings cine : ein stilles Warten auf die grossen Augen- 
blicke der Eingebung, Einfachheit der Form, Ldeung von der Sucht komplikatorischer En- 
harmonik und Chromatik, weniger Arbeit und Vielschreiberei und ein tiefes Eingehen 
und Uuschen>uf die Kllnge des Jenseits, JRudoIf M. Breithaupt 



Digitized by 



Google 




59 
KR1T1K: KONZERT 




Signe von Rappe ist eine grazidse Vortragskunstlerin. Als solche habe ich sie 
wiederholt kcnnen gelernt. Ihr Liederabend enttiuschte einigermassen. Sowobl technisch 
als musikalisch hatte ich besseres erwartet. — Helene Staegemann bot reife Kunst 
Auch ihre Programmauswahl (u. a. 6 Lieder von Hans Pfltzner) beruhrte angenehm. — 
Alexander Heinemann riss seine grosse Verehrerschar zu begeisterten Huldigungen 
bin. Es wire erfreulicb, wenn der treffiiche KGnstler seiner Pflicbt, Wege ins HShen- 
Neuland zu ebnen, bei seinen Programmen mehr eingedenk wire. — Martha Kleresahl 
hat seit ihrem letzten Auftreten in Berlin viel gelernt. Mein Rat ist: weiter Energie 
und Ausdauer zu bewabren. Die Violinistin Inks von Linprun erschien verfrfiht. — 
Der Blochsche Gesangverein bot einen unterhaltsamen musikalischen Sonntagabend, 
ohne indessen kunatlerisch tiefer zu interessieren. — Die Berliner Liedertafel 
(Chormeister Max Werner) erschien unter ihrem neuen Dirigenten mit neuen Zielen 
und Aufgaben. Das Programm wies den Weg aufwirts und vorwirts. Der Abend be- 
deutet fur diesen Minnerchor einen vollen Erfolg. Walter Fischer 

BOSTON: Das Symphonie-Orchester wurde in seinen letzten vier Konzerten von 
Johanna Gadski, Fanny Bloomfield-Zeisler, Eugene Ysaye und Carlo 
Buonamici unterstutzt. Nur der letzte ist in Deutschland unbekannt. Er ist ein fein- 
sinniger Pianist, der in Tecbnik und Vortrag Ausgezeichnetes leistet. Zu besonderem 
Dank sind wir ihm dafur verpflichtet, dass er uns das fflr Boston neue f-moll Konzert 
op. 1 von Serge Rachmaninoff brachte, das interessant gearbeitet eine gute Bereicherung 
der Klavierliteratur bildet. Das Orchester brachte Brahms' F-dur Symphonie und Wolfs 
.Pentbesilea", die nur wenig Anklang fand, Saint-SaSns' erste Symphonie Ea-dur, op. 2, 
die als Jugendwerk zwar nicht bedeutend, aber immerhin wert ist, gekannt zu werden, 
Liszts Hunnenschlacht und Goldmarks Ouverture .Sappho", Berlioz' „Lear"-Ouverture, 
Liszts »Der beil. Franciscus v. Assisi predigt den V6geln«, inatrum. von Felix Mottl, eine 
jener Orchester-Etuden, die nur aufs Verbliiffen zugeschnitten sind und ihren Zweck voll 
erfullen , ferner Schumanns Ea-dur Symphonie, die vollendet zu Gehdr kam, Mozarts 
dreisitzige C-dur Symphonie (K. 338), Faurfs Suite „Pelleas und Melisande", drei lang- 
weilige nichtssagende langsame Sitze, und die tf Hollander"- Ouverture. Die Leistungen 
des Orchester unter Gericke waren ausgezeichnet. — Der Caecilien-Verein hatte 
Edouard Colonne eingeladen, urn Berlioz* „ Damnation de Faust* aufzufuhren, die Chdre 
und das Orchester — aus Musikern des Symphonie-Orchesters zusammengestellt — 
klangen vorzGglich. Mile, de Montjau sang die Marguerite ergreifend, E. Darmaud 
war ein guter Brander. E. P. Johnson als Faust und Hans Schroeder als Mephisto 
befriedigten weniger. Bei der Wiederholung des Konzerts war Colonne, der inzwiscben 
nach New York gefahren war, im Schnee stecken geblieben, so dass der Direktor des 
Vereins B. J. Lang dirigieren musste. — Das Kneisel-Quartett spielte ein neues 
Quartett von F. S. Converse op. 18 a-moll, das gut gemacht, wenn auch nicht reich an 
Ideen ist, ferner Haydn op. 76 No. 5 D-dur und Brahms C-dur Trio op. 87, mit Arthur 
Whiting am Khmer, ferner Bachs Ouverture in g-moll, die eigentlich fur mehrfache 
Besetzung geschrieben ist, Beethovens op. 50 No. 3 C-dur und Brahms' f-moll Quintett, 
dessen Klavierpart Josef Hofmann besonders im Adagio recht poesielos herunter- 
hackte. Er war abends 6 Uhr von Montreal bier angelangt. Unmittelbar nach 7 Stunden 
Eisenbahnfehrt kann kein Mensch Brahms spielen. Damit musste ein KGnstler rechnen. 

— Das Hess-Quartett spielte mit grossem Erfolg Tschaikowsky's F-dur Quartett, ferner 
eine Sonate fur Violine, Viola und Continuo, letzterer von David fur Klavier umgeschrieben, 
und schloss mit Fanny Bloomfield-Zeisler am Klavier mit Schumanns Klavierquartett 

— Vom Eaton-Hadley Trio (Klav.: Mrs. Eaton, Viol.: Mr. Eaton, Viol one: Mr. Had ley) 
htirte ich eine Karikatur von Brahms' C-dur Trio op. 87, ! die nachfder glinzenden Aus- 



Digitized by 



Google 




60 
DIE MUSIK IV. 13. 




ffihrung durch Kneisel um so komiscber wirktc, ferner ein Trio op. 8 d-moll von Rach- 
maninoff. Es ist sklavisch auf dts Tscbtikowsky-Trio modelliert, dabei ist es gedanken- 
arm, aosprucbsvoll und sebr scbwierig in der Aus fub rung. Ein Tenor, Mr. Deane, 
sang mit schSner Stimme und all den Unarten, die das Speziflkum des Tenors bllden, 
sechs interessante neue Lieder von Clutsam „Songs from the Turkish hills*. Die Lieder 
sind wert, weitere Verbreitung zu flnden. Dr. George S. Schwarz 

BREMEN: Die letzten Wochen haben unsere musikalische Winterernte verhlltnismlssig 
wenig bereichert. Das neunte Philharmonische bot in Beethovens D-dur und 
dem Vorspiel und Liebestod aus .Tristan* ecbt Panznersche Gaben. Hingegen wurden 
die hoben Erwartungen, die das Auftreten Rislers erweckt hatte, nur zum Teil erfullt 
Sowohl in Beethovens G-dur Konzert, wie in den Solonummern lift das Spiel des be- 
rubmten Gastes unter dem Streben nacb Kraftentfaltung entschiedene Einbusse an Schdn- 
beit und poetischem Duft. Ini nlchsten Konzert hatte, wie schon einmal, Panzners 
amerikaniscbe Kunstfahrt ein Gastspiel Max Fiedlers veranlasst, unter dessen Leitung 
insbesondere der hundertj&hrige Geburtstag der Eroica eine wurdige Feier fand. Eine 
Neubeit war fur uns der ausgezeichnet vorgefuhrte Pizzicato-Satz aus Tschaikowsky's 
f-moll Symphonie, ein h&bscher, wenn auch in reichlich anspruchsvoller Breite ausge- 
sponnener Scherz. Zugleich machten wir die Bekanntschaft von Ottilie Metzger- 
Froitzheim, die durch ibre schfae, allerdigs wohl etwas in die H5he getriebene Stimme 
und trefflicbe Vortragskunst einen grossen Erfolg errang. Gustav Kis sling 

BROSSEL: Fur den noch immer abwesenden Ysaye werden in jedem seiner Konzerte 
fremde Dirigenten berangezogen. Im 3. Konzert wurde Mengelberg aus Amster- 
dam sebr gefeiert. Unter seiner temperamentvollen und energischen Leitung wurden die 
Symphonie patbttique von Tschaikowsky, Don Juan von Strauss und 3. Leonoren Ouverture 
prichtig ausgefuhrt Solist war Mark Hambourg, der von neuem bewies, dass er einer 
der grSssten Techniker der Jetztzeit ist Auch in einem eigenen Konzert erntete er 
enthusiastiscbe Anerkennung. Fflr das 4. Konzert Ysaye war Steinbach aus Koln 
berufen, der hier sehr beliebt ist. Sein straffer Rhythmus und seine uberlegene geistige 
Beherrschung wirkten Wunder in Beethovens Siebenter, Brandenburgischem Konzert von 
Bach und Meistersinger- Vorspiel. Ala interessante S&ngerin mit warmer, gut geschulter 
Stimme fuhrte sich Frau Dalcroze ausGenf ein. — Den Nouveaux concerts unter De- 
lune bringt man viel Interesse entgegen. Im 2. Konzert wurde die Schumannsche Es-dur 
Symphonie ausgezeichnet gespielt. Der Geiger Mar si k gl&nzte durch schdnen Ton und 
bedeutende Technik. Das 3. Konzert zum Besten des Orchesterfonds brachte eine Wieder- 
holung der Schumannschen Symphonie, die 3. Leonoren Ouvertfire und R6k6czi-Marsch 
von Berlioz. Der hiesige Klavierprofessor de Greef erntete reichen Beifall mit der 
feinsinnigen Wiedergabe der Konzerte d-moll von Bach und c-moll von Mozart — Im 
3. Concert populaire wurde die bier lange nicht mehr gehdrte 2. Symphonie von 
Borodin, sowie „Waldweben" aus Siegfried und Holllnder-Ouverture in bekannter guter 
Weise ausgefuhrt. Neu war ein symphonisches Praludium von Gaetani, das aber wenig 
geflel. Die sympathische Pianistin Kleeberg entzuckte mit dem Beethovenschen c-moll 
Konzert und symphonischen Variationen von C. Franck. — Das letzte Konservatoriums- 
konzert unter Meister Gevaert interessierte namentlich durch Vorfuhrung des Concerto 
fQr Geigen, Bratschen und Bftsse von Bach. Dieses, sowie Beethovens Secbste 
und klelnere Stucke von Rameau in mustergultiger Darbietung. — Unter den vielen 
Kfinstler-Konzerten sind die Abonnements- Konzerte des hiesigen bedeutenden Geigers 
Crickboom in erster Reihe zu nennen. Frau Mysz-Gmeiner bewies in einem Lieder- 
abend wieder, dass sie eine der besten lebenden Slngerinnen ist. 

Felix Welcker 



Digitized by 



Google 






61 
KR1TIK: KONZERT 




BUDAPEST: Der Fruhling lockt, und Geige und Klavier verstummen. Noch wenige 
Wochen, und im Konzertsaal herrscht die Harmonle sussen Scbweigens. Da gilt 
es denn also rasch abzustossen, was man fur die Saison noch versprochen Oder angedrobt 
hatte. Bei den Philharmonikern, die heuer ein sehr anregungsreiches Programm 
geboten batten, gab es in den, letzten zwei Konzerten vier grosse Novitlten: Richard 
Strauss' ,Symphonia domestical die auch hier bewundernden Unwillen weckte, Paul 
Dukas' geistvolle Tonfrivolit&t „Der Zauberlehrling*, das Wildenbruch-Schillings- 
sche „Hexenlied*, dessen musikscheue Dichtung weit mehr geflel, als die poetisierende 
Komposition, endlich ein neues Violinkonzert Eugen Hubay's: die in drei Sitze gedehnte 
Geistlosigkeit. — Freudig wurde eine von Bell o vies vortrefflich gefuhrte Reprise von 
Beethovens „Missa solemnis" begrusst, und mit vielem Vergnugen begegnete man im 
Konzertsaal wieder dem ewig-jungen Sarasate und unserem genialen Ernst Dohnftnyi, 
der uns nur vorubergehend mit einigen seiner neuen Rhapsodieen verstimmte. — Mit dem 
pikanten Reiz der Deplaziertheit wirkte ein ,historischer* Chansonabend der Yvette 
Guilbert, die mit ihren dramatisch-pantomimischen Virtuosenstuckchen, zu denen sie 
auch sang, das kunslfromme Konzertpodium ebenso schndde wie amusant entweihte. 
Durch die Vortrige der die Divette begleitenden Damen und Herren der Pariser Konzert- 
gesellschaft ,des anciens instruments* wurde indes die schmollende Muse rasch wieder 
versdhnt. Man hdrte da auf einem Clavecin, einem Quinton, einer Viola d'amour, Viola 
da Gamba und einem Gontrabasso alte, verstaubte, Ungst verklungene Musik und konnte 
sich nicht satt horen an dem duftigen Tonzauber, der einem Ohr und Phantasie um- 
gaukelte. So lernt man Kulturgeschichte in T5nen. Mit Grauen nur denkt man daran, 
welches Bild sich unsere Nachfahren nach zwei Jabrhunderten von unserer Kultur 
machen werden, da man in den Klangmaschinen des Straussschen Orchesters „anciens 
instruments" erkennen wird. Dr. B61a Di6sy 

CINCINNATI: Im Mittelpunkt des hiesigen Musiklebens stehen die von Frank van 
der Stucken geleiteten Symphonie-Konzerte. Seit ihrer Begrundung, vor etwa 
zehn Jahren, haben diese von Saison zu Saison ein grdsseres Publikum angezogen und 
es heisst nur der Wahrheit die Ehre zu geben, wenn man die Behauptung aufetellt, dass 
die Art und Weise, wie unser Dirigent es verstanden hat, aus geringen Anflngen ein 
Orchester zu schaffen, das jetzt mit den ersten des Landes erfolgreich konkurrieren kann, 
an das Gebiet des Fabelhaften grenzt, Wlhrend vor etwa 15 Jahren der bekannte Dirigent 
Walter Damrosch einmal zum Schreiber dieser Zeilen sagen konnte, dass Cincinnati zu 
den Stidten gehdre, die man gern „um*reiste auf seinen Tourneen, sieht das Bild heute 
vdllig anders aus; alle beruhmten KQnstler besuchen die 9 K6nigin des Westens*; dieser 
ehemals nur vom kommerziellen Standpunkt verdiente stolze Beiname der Stadt 1st es 
nunmehr auch vom musikalischen Gesichtspunkt; Cincinnati 1st jetzt mit vollem Recht 
zu den grossen Muslk-Zentren der Welt zu zihlen. In der Kunst, Programme zusammen- 
zustellen, 1st Herr van der Stucken ein besonders glucklicher Meister. Von jeher hat er 
alle Geschmacksrichtungen und Stile benicksichtigt, und fast jedes Konzert bringt eine 
anziehende Novitit. Dank des Kontraktes, den van der Stucken mit der hiesigen Orchester- 
Gesellschart eingegangen 1st, bleibt ihm fast die HaMfte des J ah res frei, um sich in 
Europa aufzuhalten, den TonkQnstlerversammlungen in Deutschland beizuwohnen und 
Qberall in der Alten Welt Umschau zu halten im Reiche der Musik, um im Herbst die 
europiische Atmosphire mit seiner Person zugleich in die Stadt seines aktiven profes- 
sionellen Wirkens zu tragen und deren Einwohnern diese in den von ihm meisterhaft 
geleiteten Konzerten kunstlerisch zu vermitteln. Die diesjihrige Saison brachte bisher 
an Orchesterwerken I. dieSymphonieen: w Eroica M : Beethoven, w Neue Welt*: DvoMk, 
zweiten Teil der w Romeo und Julie*: Berlioz, C-dur: Haydn, Vierte: Brahms, .Manfred*: 



Digitized by 



Google 




62 
DIE MUSIK IV. 13. 



JBB 



Tschaikowsky, D-dur: Svendsen; II. die symphonlschen Dichtungen: .Sarka": 
Smetana, ,Der Zauberlehrling": Dukas, .Donjuan": Richard Strauss; 111. die sympho- 
oischen Prologe: „Maria Magdalena": Kaun, „L'apres-midi d'un Faun": Debussy, die 
Ouvertfiren: .Husitzka": Dvorak, „Der Fliegende Hollander": Wagner; von andern 
OrchesterstQcken: die .Zosahayda-Legende" von Svendsen, .Louisiana Marsch" von 
van der Stucken, „Einzug der Gdtter in Walhall" von Wagner, .Festival of Pan*, eine 
Romanze fur Orchester von Converse, Siegfrieds Rheinfahrt von Wagner, das vierte 
Brandenburg-Koniert von Job. S. Bach; ferner an Arien und Konzerten mit 
Orchesterbegleitung: Reiitativ und Arie aus Figaros Hochzeit, „Dich teure Halle" 
aus Tannhluser (Johanna Gadski), f-moll Konzert von Chopin (de Pachmann), 
Arie aus Iphigenie in Tauris von Gluck und Arie aus Coal fan tutte von Mozart 
(Campanari), a-moll Konzert fur Cello von Saint-SaSns (Hekking), G-dur Konzert 
von Beethoven (Hofmann), La Fiancee du Timbalier von Saint-Saens, „Seebilder" 
von Edward Elgar (Muriel Foster). Fur die nichsten Konzerte sind u. a. in Aussicht 
genommen: Symphonie fantastique Berlioz, Faustsymphonie Liszt, funfte Symphonic 
Gustav Mahler und symphonische Phantasie von Volkmar Andreae. — Nach den 
Symphoniekonzerten ist in gebuh render Weise der Tltigkeit zu gedenken, welche die 
beiden grossen Musikschulen Cincinnatis: das College of Music, fiber das van der 
Stucken das Ehrenprlsidium fuhrt, und das von Miss Clara Baur geleitete Cincinnati 
ConcervatoryofMusic, in einer fur das Musikleben der Stadt segensreichen Art 
und Weise, entfalten. In beiden Anstalten wird die Kammermusik Beissig gepflegt. 
Im College ist es das unter der Ffihrerschaft von Jos* Maricu stehende Streichquartett, 
das alljihrlich eine Reihe von Kammermusikabenden veranstaltet, und diese Saison u. a. 
eine hervorragend gelungene Auffuhrung des grossen B-dur Trios von Beethoven unter 
pianistischer Mitwirkung von Dr. N. Elsenheimer zu verzeichnen hat und noch eine 
Reihe hochst interessanter Programme fur die nichste Zukunft in Aussicht stellt; wihrend 
das Konservatorium [das wihrend der letzten Jahre u. a. simtliche Beethovensche, simt- 
liche Brahmssche, sowie einen historisch-internationalen Zyklus von Sonaten- fur Violine 
und Klavier, gespielt von den Herren P. A. Tirindelli (Violine) und Th. Bohlmann 
(Klavier), nebst einem Trio-Zyklus ihnllcher Tendenz zur Auffuhrung brachte] in diesem 
Jahre eine Reihe von Konzerten mit dem zur Anstalt gehdrigen Tirindelli-Quartett 
veranstaltet, deren erstes unter Mitwirkung des englischen Pianisten Douglas Boxall 
als Hauptnummer das Cesar Francksche f-moll Quintett aufzuweisen hatte. Von aus- 
wirtigen Kfinstlern gaben eigene Konzerte: Vladimir de Pachmann in einem Chopin 
gewidmeten Rezital, der sympathische Bariton David Bispham, und der geniale 
Pianist J. Paderewski, und mit der grdssten Spannung wird Eugen d* Albert er- 
wartet — Man sieht, selbst, wenn man in Cincinnati lebt, braucht man musikalisch noch 
nicht zu verhungern; besonders, wenn man bedenkt, dass zwei Gesellschaften demnichst, 
um ihren Reklame-Ausdruck zu gebrauchen, Bayreuth nach Cincinnati zu transponieren 
gedenken; die Savage-Company wird uns Parsifal in englischer Sprache, die Conried- 
Company Parsifal in deutscher Sprache in allernlchster Zeit bescheren. Jedenfalls 
leben wir im Lande der unbegrenzten Mdglichkeiten, auch was das Gebiet der Tonkunst 
betriffi Theodor Bohlmann 

DRESDEN: Das diesjihrige Aschermittwochskonzert im Opernhause gewann dadurch 
einen starken Reiz, dass Richard Strauss seine .Domestics", die wir bereits zu 
Anfang der laufenden Saison unter Schuch gehort batten, selbst dirigierte. Der Erfolg 
war durchschlagend und manchem Hdrer dfirfte das Werk nunmehr persSnlich nahe- 
gebracht sein. Strauss vermied bei der Direktion jede Effekthascherei und verlieh 
ihm eine grosse Ruhe und Klarhelt, besonders eindringlich und breit arbeitete 



Digitized by 



Google 




63 
KR1TIK: KONZERT 




er die Kandlenen der Streicher heraus. Vor der Symphonie htttc Strauss bereits zwci 
seiner Getfnge mit Orchester dirigiert (,Hynfnus" von Schiller and ,Pilgers Morgen- 
Hed« too Goethe), die Karl Scheidemantel mit grdsster Wirkung vortrug. Der 
Komponist behandelt hier den Orchesterteil durchaus selbstindig, so dsss sich der Singer 
ror eine grosse Aufgabe gestellt sieht; im ubrigen hslte icb mcine kfinstlerischen 
Bedenken gegen diese Art der Gesangskomposition aufrecht, wie icb sie vor kurzem 
sehon einmal an dieser Stelle dargelegt babe. — In einem Koniert des „Dresdner 
Orpheus" kam das Chorwerk „Die Messe von Marienburg" (Dichtung von Felix Dahn) 
von Oskar Wermann mit starkem Erfolg unter Leitung von Albert Kluge iu Gehor. 

— In einem Kammermnsikabend des Lewinger-Quartette hSrte man iwei kurze 
Neuheiten von L. SinigagUa, nimlich ein stimmungsvolles Dtmpferstfick, das sjch 
,Regenta£« betitelt und eine Konzertettide far Strelchquartett, die als Pr&fstein fur das 
Ensemblespiel gelten kann. — Mit Max Rogers Kompositionen wurden wlr in diesen 
Tagen niher bekannt. Sanna van Rhyn veranstaltete unter Mitwirkung des Komponisten, 
der Pianistin Henriette Schelle (K51n) und des Violinisten Karl Wendling (Stuttgart) 
einen Reger-Abend, in dessen Verlauf man eine Reibe Lieder, eine Violinsonate C-dur 
und Variadonen mit Fuge fiber ein den Beethovenschen Bagatellen entnommenes Tbema 
kennen lernte. Im Musiksalon Bertrand Roth wurde am folgenden Tage das game 
Programm vor einem geladenen Publikum wlederholt, so dass man Gelegenheit hatte, 
mit dem zwar meist absonderlichen und oft harten und kandgen, aber doch grossen 
und reichen Talent Regers sich vertraut zu machen. Ferner spielte das Petriquartett 
Rogers hochbedeutendes Streichquartett d-moll und zwar mit einem so starken Erfolg, 
dass man angesichts der Schwerverstindlichkeit des Werkes in der Tat uberrascht sein 
musste. Mag man auch hier die unruhige, in jedem Takte wechselnde Harmonik Regers, 
seine differenzierte Chromadk und Polyphonic und seine Scheu vor melodischen Kon- 
zessionen nlcht verkennen, so gibt er doch in seinen Werken so viel Neues und Eigenartiges, 
dass die Bekanntschaft mit ihm hdchst lohnend und anregend war. F. A. Geissler 

DOSSELDORF: Der Musikverein bracbte zur ersten deutschen AuffQhrung ein 
sehr interessantes Requiem von Charles Villiers Stanford. In Form undAus- 
druck nicht allzu modern, vornehm gearbeitet, besonders in den CbSren von grossem 
Reiz, erzielte das Work einen guten Erfolg. Prof. Buths hatte die Wiedergabe sorg- 
samst vorbereitet, das bekannte Berliner Vokalquartett Grumbacher de Jong — Behr 

— Hess — van Eweyk sang die Soli und Quartette, Prof. F. W. Franke besorgte die 
Orgel. Haydns hubscbe e-moll Symphonie erschien nach der Novitit deplaziert und nach 
bereits zweistfindiger Konzertdauer fiberflussig. — Das vortreffliche Brusseler Streich* 
quartett erfreute durch die klangschdne, feinabgetSnte Wiedergabe und objective Auf* 
lassung des Beethovenschen e-moll Quartettes (op. 50), des gediegenen a-moll (op. 64) 
von Glazounow und die Neubelebung des alten Dittersdorfschen Es-dur Quartettes. — 
Elly Ney erregte als aufgehender Stern am Pianistenhimmel anllsslich ihrer Mitwirkung 
in einem Liederabend von Maria Klages durch ihren temperamentvollen Vortrag Aufsehen. 

— Risler gab wieder einmal einen genussreichen Klavierabend. —Jan Kubeli k wurde sehr 
gefeiert — Sven Scholander war mit seiner Spezialitit als nicht sdmmbegabter Singer 
und virtuoser Lautenist im Konzertsaal an unrechter Stelle. A. Eccarius-Sieber 

FRANKFURT a. M.: Hauptereignis der Berichtszeit war die AuffQhrung von Beethoyens 
achter und neunter Symphonie, die zusammen das Programm des 10. Museums* 
Freitagakonzerts bildeten und in einem Sonntagskonzert wiederholt wurden. Indessen 
hat man wohl beide Werke bei frfiheren Gelegenheiten noch vollkommener gehdrt, aus- 
genommen etwa die zwei letzten Sitze der „Neunten", die vorzGglich gerieten. Die Chftre 
leisteten unleugbar SchCnes; das Soloquartett, aus so treff lichen Elementen wie den Herren 



Digitized by 



Google 




64 
DIE MUS1K IV. 13. 




Dr. F. v. Kraus and Forchhammer sowie den Damen Hcdwig Kaufmann and Fraa 
Kraus-Osborne geblldet, nabm sicbim Zuaammenwirken nicbt inmer gunstig aus, and 
vor tllcm wollten vertcbiedene Tempoauflassungen des dirigirenden Herrn v. Hausegger 
dem Humor der 8. wie auch dem erbabenen Ernst der 9. Sympbonie nicbt recht ent- 
tprecben. — lm letzten vom .Museum" arrangierten Kammermusikabend trat wieder elnma! 
mit schftnstem Erfolge das B6bmiscbe Quartett auf; es bestand a. a. die bedeutende 
Probe, die Beetbovens letztes Quartett an geistige Aaslegung sowie an technische Aus- 
f&hrung stellt, in hoben Ebren. In andern biesigen Kammermusikproduktionen etabliert 
sicb immer mebr der Brauch, ,beliebten Wechsels" balber aucb Singer auftreten zu lassen 
and dabei wool auch Neubeiten der Gesangsliteratur einzuf&bren. Bei solchen Gelegen- 
beiten hdrte man jungst neue Lieder Siegmunds von Hausegger and einen Liebeslieder- 
Zyklus von B. Sekles, der auch in diesem op. 13 seine Vorliebe fur slawiscbe Inspirationen 
kundgibt, dabei aber auf eine reicbe Ausgestaltung des Klavierparts bilt E. Porch- 
hammers Heldentenor sorgte in dem kleinen Konzertraum unseres Saalbaues daf&r, dass 
die Konkarrenz des Klaviers nicbt ubermlchtig ward. Hans Pfeilschmidt 

GOSLAR: Das hiesige musikalische Leben gipfelt in den acht Konzerten des 
JMusikalischenVereins*, die Solisten (Carreno, Wedekind, Glrardy uaw.), 
Kammermusik und Chorwerken mit Orchester gewidmet sind. Diesen Winter gab es sogar 
zwei Urauff&hrungen, die einer „Dramatischen Ouverture* von Julius Witt, Herzogl. 
braunscbweigischem Kammermusiker, und der „Frohen Ernte" fur gemiscbten Chor, 
zwei Solostimmen und Orchester von Ludwig Hess. Die Lieder des hier lebenden 
Dicbters Franz Evers eignen sicb ganz vortrefflich zur Vertonung, denn sie geben in 
edler, oft schwungvoller Sprache der Freude fiber Naturschdnheiten kSstlichen Ausdrack; 
eingeflochtene Szenen aus dem Menschenleben: badende Knaben, Liebespaar, Ernte- und 
Winzerfest wirken wie Figuren im Gemllde und verieiben dem Ganzen erhfthtes Interesse. 
Auffasaung und Ausdrucksweise verlangen einen modern empflndenden Komponistea. 
Hess, der bekannte Tenorist, erweist sicb hier als ein Kunstler, der mit Berger, Schillings 
und Reger erfolgreich in die Schranken treten kann. Er beherrscht die gewihlten 
Mittel leicht, behandelt den Chor aber wie Solostimmen, denn er mutet ihm Schwierig- 
keiten zu, die nur grosse Vereine bewlltigen kdnnen. Phantasle und Gefuhl leiden noch 
an der Oberschwenglichkeit der ersten Jugend; viele Stellen zeigen dagegen schon die 
beginnende Gesundung, die noch schdnere und reifere Friichte verspricht Bemerkens- 
wert 1st die Beweglichkeit der Empflndung und das technische Kftnnen, das sich sowohl in 
der geschickten thematiscben Arbeit, als auch in der geistreichen Instrumentation offen- 
batt. Die hiesige Auffuhrung verlief glinzend, die Solopartieen liessen sich gar nicbt 
besser als durch Lula Mysz-Gmeiner und den Komponisten besetzen. Prof. Ciuntu 
hatte die schwierigen Chdre mit augenscbeinlicber Liebe vorbereitet und leltete das 
Werk iusserst gewandt Das Publikum feierte die Solisten, den Dichter, Komponisten 
und Dirigenten in begeisterter Weise. Aucb die beiden vorhergehenden Werke: Rhap- 
sodie aus Goethes 9 Harzreise im Winter" von Brahms und Preislied aus den „Meister- 
singern" erfuhren eine treffliche Wiedergabe. Ernst Stier 

HAAG: Von grossem Interesse war die erste Auffuhrung des Oratoriums „Das jfingate 
Gericht* von Lorenzo Perosi. Der erste Teil hat auf mich einen tieferen Ein- 
drack gemacht als der zweite; die „Seligpreisungen" mdchte ich als die schdnsten Momente 
des Werkes bezeicbnen. Von den Solisten kann nur der hiesige Tenor W. Renaut 
genannt warden, der noch im letzten Augenblick die Christuspartie ubernommen 
hatte. Die italienischen Singerinnen waren unbedeutend und nicbt der Aufgabe ge- 
wachsen. Perosi diriglerte ausgezeicbnet. Vor dem Oratorium wurden noch einige 
kleinere Orchesterwerke des Komponisten aufgef&hrt, mit denen Perosi alle Ehre eln- 



Digitized by 



Google 




KARIKATUR AUF DEN TENORISTEN KARL ADAM BADER ALS MASAN1ELLO 




IV. 13 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 




(Ebraer 4. 12) 



zum Bibelfeste 



flir vier Mannerstimmen 



von 



CARL LOEWE 



Brste Ver6ff entiiohung 





UlLjIlUyCI by v^JVJ 



Tenor I. II. 



Bass I. II. 




m 



f^ 



£=ppp 



^^ 



^^ 



Denn das Wort 

tMJ J J 



enn das Wort Got-tes 1st le - ben-dig and kraf-tig and scbar-i 



r r r r 

har-fer denn kei 



kein 




P 



Got-tes 1st le - 

J- 



M 



ben - dig and 

J J t 



kraf-tig and 



schar-fer denn kein 



«n 



enn das Wort 
zwei - schnei-dii 



chnei-dig 



p 



* EE FF E 



^ r ■ ■ * r r 

zwei - schnei-dig Schwert, and schar-fer, 



f 



oni 



id schar-fer denn kein zwei - schnei-dig 



jr m r 



zk 



Denn das Wort Got - tes ist le 

Mi A A J J J J 



i 



r r « r 



r r > r 



r i i 



P¥=e 



ufer 



Got-tes ist le • 
Schwert, das Wort 

i J J 



ben- dig and 



kraf-tig and 
ist le - 



schar-fer denn kein 
ben - dig and 




zwei - schnei-dig 
schar-fer, and 

J J i 



Schwert, and schar - fer denn kein zwei - schnei 



dig 



ben - dig and kraf-tig and schar-fer denn kein zwei - 

j j i J , j 7 i J , J =±=± 



schnei - dig 




Schwert, le- ben -dig and kraf-tig 



and schar-fer denn kein zwei ■ 



schnei-dig 



Schwert,. 



and schar-fer denn kein zwei 




r — r 

Schwert, and schar-fer 



Schwert, . 



1 ' t Lf T > LT tr*r ' r jr r r 



- schnei-dig 



Schwert,. 
and schar-fer 



i J J J 



denn kein zwei 



§m 



3f3p 



^ 



Schwert, and schar-fer denn kein zwei - - schnei-dig Schwert,. 



Digitized by 



Google 



schnei-dig Sohwert, 




schnei-dig 



»"] J J 



£ denn das Wort 
Schwert, 



Got -tes 1st le 



denn das Wort 

J J J 



ben -dig und 

Got -tes 1st le 

J J J J 



kraf-tig nnd 
ben - 



i r r r i °r r ^ 



^ 



denn das Wort Got -tee 1st le - 



denn das Wort Got-tes 1st le - ben - dig, 



schar-fer dennkeln 
dig, 



^ 



=£=*= 



swel - schnel-dig 
denn das Wort 



Schwert,denn das Wort 



Got - tes 1st le 



i 



denn das Wort Got-tes 1st le 

. J J J ■ J 




Got - tes 
ben - dig und 



i 



zJ: 



1st le 



krai - tig nnd 



zt 



£ 



r r i r 



^ 



£ 



^ 



X 



> 



ben - dig nnd kraf • 



nnd schar - fer denn kein 



ben- dig nnd kraf-tig nnd schar-fer denn keln zwei-schnei-dlg Schwert unddnreh 

^ ' ' > J ■ J i ■ J ■ J ■ J J ■ fa ■ .-■ .. J J 




ben - dig und 
schar - fer, nnd 



kraf - tig und 
schar - fer 



schar-fer denn kein 
denn kein 




zwei-schnel- 
zwei-schnei-dig 



Schwertund durch 
Schwert 



* zwei - schnei-dig Schwert, und schar-fer denn kein zwei-schnei-dlg Schwert 



drln - get, 




— und durch -drin - get, 



bis dass es schei - dot See - le und Leib, See • 



*=A 



denn das Wort 




- le und Leib, 



denn das Wort Got - tes 1st le 

Digitized by 



Google 



4 



Got-tes 1st le - ben -dig nnd kraf-tig und mharfer denn keln zwel -sehnel- dig 

ti i tj i i „l s ! »J I J , i j J * J , J«J J 



kraf - tig nnd 
denn das Wort 



J J J 



schar - fer 
Got-tes 1st le 

j. 



denn keln 
ben -dig nnd 



zwel - 
kraf-tig nnd 



scnnei - dig 
schar - fer 




ben - dig nnd kraf - tig nnd schar - fer denn keln 



zwel - sehnel-dlg 



j Schwert, 




Schwert, nnd schar- fer denn keln zwel - scnnei -dig Schwert nnd 1st eta Rich - ter 




Rich - ter 

J J i 



der Ge - 



dan - ken 



J= F=t= |J .. J j 



nnd Sin-ne des 



i ii i j > 



* 



Her - zens, 

,1 J i 



£ 



i \' r 



r i m *r r ^ 



? 



^^^ 



T 



^ 



der Ge - dan - ken 



nnd Sin-ne des Her - sens, 



nnd 1st ein 



nnd 1st ein Rich - ter 

i J J J ■ J J i 




Rich - ter 



der Ge - dan - ken, 



und 1st ein Rich - ter 



und Sin-ne des Her - zens, 



nnd Sin-ne des 




Rich - ter 



der Ge 



dan - ken 




nnd Sin-ne des 



Her - zens. 
Her - zens, 



der Ge - dan - ken 



nnd Sin-ne des Her - zens, nnd Sin-ne des 

Digitized by } 



Google 



Her - - sens, 



m 



3^ 



und Sin - ne des Her - zens. 

/ J J j b i J J 



mid Sio-ne des 

JUJ — J Jl J> 



*t 



Her- 



:=aL 



* 



Deim das Wort 

*HJ J J 



m 



r$ r r ir r ^^ 



Her 



zens. Demi das Wort Oot-tes 1st le 



das Wort 



Denn das Wort 
Oot-tes 1st le • 



Got -tee 1st le - 
-ben- -dig und 




Demi das Wo: 

m J • J 




ben -dig 



und sehar - 



kraf - - tig und 



sehar- 



fer 
■fer 



ben- -dig 



tig und sehar -fer denn kein swei - schnei-dig 



Got- tes ist le - ben -dig 



and kraf - tig, le - ben - dig 



un< 



and 




denn kein swei - schnei - dig Sehwert, und 




i char - - fer 



> Sehwert, und sehar - fer denn kein swei - schnei-dig Sohwert, sehar - fer 



sehar-fer denn kein swei-sohneidig Sehwert 




denn kein swei - 




- schnei-dig Sehwert. Br - halt' uns, Herr, be! 



i 



m 



feE 



i 



mm 



del - nem 



*M 



^ 



denn kein swei - - schnei-dig Sehwert, 



denn das Wort Got-tes ist le - 




ben-dig und kraf -tig und sehar-fer, und sehar -fer denn kein ■wei-schneidig 



Digitized by 



Google 




Hort, 



\^tm 



A A 



i J J 



^ 4 J Ji Jl 



' f r r nn- r m r r ^ 



J- J j 



*t 



Scbwertund durch-drin - get, 



bis dass es schei-det See - le und Geist,auch Mark und 



fN^ 



i 



i 



Peln- . de 



E 



del - lies 



Soh - 



. nes 



^ 



U^i 



i 1 i k y i s ii h 



**ni 



^ 



^^ 



Beta, und 1st eln Rich-ter der Ge - dan -ken und Sin - ne des Her -sens, und 



r^fl 




- 


zn 

-J 1 


4 


3tur - 


- zen 

J 1 


inn 


von 


drofah 


zu 


Btiir - 


- zen 




ihn 


== 


^■«f- ■ — 


von 


J K 






»H J j j j ^~-# — 






ad* 








^ ^ 





















1st ein Rich-ter der Ge- dan -ken und Sin - ne des Her-zens, 



eln Rich-ter 



sei - nem 



ThrontDenn das Wort Got-tes 1st le - ben-dig und kraf-tig und 

i i i A IIJ J , J J t J .J j t j 




f— T 

sei - nem 



Thron! Denn 



^ 



I'l'l',,!,' |l|' 



das Wort Got - tes 



#=* 



j j j 



ist le - 

J , 1 



f=f 



r r r t =f 



^ 



der Ge-dan-ken und Sin - ne des Her - zens. Denn das Wort Got • tes 



sch&rfer, raid 

Jh J J I 




1st le - - ben - dig und schar-fer denn kein zwei-schnei - dig 



Stich u. Drack. Berliner Musikallen Dmckerei G.m.b. H. Charlottenburg 




65 
KRITIK: KONZERT 




legte. Das zweite Konxert von ,Toonkunst* brachte Vincent d'Indy's ,Legende 
dramatique", „Le Chant de la Cloche", elne interessante Komposltion, in der der 
Einfluss Wagners nicht zu verkennen ist. Der Glanzpunkt des Werkes 1st unzweifelhaft 
„Leonorens Traum* und das Liebesduett Die Auffuhrung trug dem Dirigenten von 
,Toonkunsr* Anton Verhey reichen Beifall ein. Cbor und Orchester (Viotta's Resldende 
Orkest) waren ganz vortrefflich. Von den Sollsten hatte der Pariser Tenor Emile 
Cazeneuve den grdssten Erfolg. — In der neunten Matinee von Viotta's Residenz- 
Orchester wurden u. a. vier Fragmente aus den Meistersingern gespielt. Viotta bewies 
damit, welch ein eminenter Wagnerdirigent er ist Otto Wernicke 

HANNOVER: Im 7. Abonnementskonzert der Kgl. Kapelle wurde Beethovens „Tripel- 
konzert* aufgeffihrt. Zu seiner Verwirklichung batten sich die Herren Kapellmeister 
Doebber (Klavier), Konzertmeister Riller (Violine) and Kammervirtuos Blame (Violon- 
cello) zu einem Ensemble verelnigt, das neben dem mustergultlg begleitenden Orchester 
seine nicht leichte Aufgabe gllnzend Idste. Mozarts kleine D-dur Symphonie und Liszts 
„Hungaria" bildeten neben den hervorragenden Gesangsvortrlgen von Ottilie Metzger- 
Froitzheim die ubrigen bestens gelungenen Nummern des Konzerts. — Unsere „Musik- 
akademie" f&hrte Beethovens „Missa solemnls" unter Frischens sorgsamer und an- 
feuernder Leitung mit schdnstem, nur durch geringe Unebenheiten gestdrtem Erfolg auf; 
das Soloqnartett bildeten die Damen Mohr, Philippi, die Herren J ungblut und Mo est — 
Von interessanten Solistenkonzerten sind zu nennen ein Klavierabend E. Rislers, mit 
der fur Klavier bearbeiteten Tondichtung .Till Eulenspiegel" als Hauptclou, dann ein von 
den Herren Professoren Joachim und Lutter veranstalteter Beethoven-Abend, ferner 
ein „Stimmen der Vdlker" benannter Volkslieder-Vortrag des Ebepaars von Wolzogen 
(hftchst interessant und eigenartig!), sowie ein Volkslieder-Abend von Robert Kothe. 
Sodann wlren noch namhaft zu machen ein Konzert des Ktinstlerpaares Sarasate- 
Goldschmldt, der dritte Quartettabend unseres Riller-Quartetts (Beethoven-Abend), 
sowie das Auftreten des trefflichen Pianisten Dr. Otto Neitzel. L.Wuthmann 

JENA: Die Konzertsaison ist bei uns bereits am 27. Februar abgescblossen worden. 
Was hier Jetzt nach dem Semesterschluss noch an Mustk geboten wird, kann auf 
allgemeineres Interesse keinen Anspruch machen. Die in Frage kommenden Konzerte 
des Winters sind nicht zahlreicb, uberragen aber sowohl durch ihre Programme wie 
durch die Mitwtrkung namhafter Kunstler urn ein betrlcbtliches das, was in Orten von 
der gleicben Grdsse wie Jena durcbschnittlich geboten wird. Im Mittelpunkt standen 
wie immer die von der akademiscben Konzertkommission, deren Vorsitzender Geh. 
Med.-Rat Prof. Stietzing ist, veranstalteten grossen Abonnementskonzerte und 
Kammermusikabende. Von den ersteren, sechs an der Zahl, sind das zweite und 
funfte von auswlrtigen Kapellen bestritten worden. Am 20. November spielten die 
Meininger nach mehrjlbrigem Ausbleiben zum ersten Male unter der Leitung ihres 
neuen Kapellmeisters. An Kraft und Glanz bat ibr Spiel nichts eingeb&sst, was aber 
Wilbelm Berger mit weit weniger lusseren Mitteln erreicht als Fritz Steinbach. Am 
30. Januar bdrten wir die Weimarische Hofkapelle unter Krzyzanowsky, der trotz 
aller MGbe, die er sich gab, nicht den Eindruck verwischen konnte, dass seine Leistungen 
mehr von grosser Routine als von spontanem musikalischen Empflnden getragen werden. 
Wir dankten diesem Konzert die Bekanntscbaft zweier modernen Werke: „Der Zauber- 
lehrling" von P. Dukas und .Till Eulenspiegel" von Richard Strauss. Bei dem 
Meininger- Abend spielte das Blftserensemble unter MGhlfelds Filbrung drei Sltze aus 
Mozarts B-dur Serenade, bei den Weimaranern wirkte Leopold Godowsky mit In 
drei weiteren Konzerten leitete Prof. Naumann das aus der hiesigen Stadtkapelle und 
Mitgliedern der Weimarischen Hofkapelle kombinierte Orchester, das ausser Begleitungcn 
IV. 13. 5 



Digitized by 



Google 




66 
DIE MUSIK IV. 13. 




folgende Werke spielte: Schumann op. 52, dritte Symphonic von Mendelssohn und Mozart 
Sympbonie D-dur. Als Solisten waren gewonnen worden fQr das erste Konzert Mary 
Munchhoff (Berlin), deren weicbe Stimme sebr gefiel, und Karl Wendling (Stuttgart), 
fur das dritte Fran Normann-Neruda, deren bier zum erstenmal gehdrtes abgekllrtes 
Spiel einen defen Eindruck macbte und Heinrich Bruns, und fur das vierte Helene 
Staegemann und Hugo Becker, der nun scbon seit langem bier alle zwei Jabre mit 
stets gleicbem Jubel begrusst wird. Den Kern des letzten Programme bildeten Vortrlge 
des Berliner Vokalquartetts. Ausserdem wirkten mit Hinze-Reinhold (Klavier) 
und Konzertmeister Krasselt (Weimar). Die Glanznummer des Abends waren die 
Liebeslieder von Brabms. In alien Konzerten fuhrte Prof. Biedermann die erforder- 
licbe Klavierbegleitung aus. Unser neuer grosser Konzertsaal, den wir der von dem 
kurzllch verstorbenen Prof. Abbe gegrundeten Karl Zeiss-Stiftung verdanken, bildete 
aucb Jetzt wieder das Entzucken aller K&nstler. — Von den Kammermusiken spielte 
die erste das Kftlner Quartett der Herren Bram-Eldering, Grutzmacber und Ge- 
nossen, die wir zum ersten Male bei una saben, die zweite das bOhmiscbe Streicn- 
quartett, seit 1806 regelmftssig wiederkebrende freudig begrfisste Gftste, und die dritte 
die Herren Artur Schnabel, A. Wittenberg und H. Rfidel aus Berlin mit Brahms' 
Horntrio als Hauptnummer. Diese Abende finden bier stets dieselbe kleine, erlesene 
Gemeinde von Musikfreunden. — Eigene Konzerte auswlrtiger Kunstler gab es zwei, 
zuerst ein Sonatenabend von Stavenbagen und Berber. Das ursprunglich moderner 
gebaltene Programm musste gelndert werden (statt Wolf-Ferrari wurde Mozart ge- 
spielt) wegen des schlechten Kartenverkaufe. Diese Abneigung unseres Publikums gegen 
moderne Musik trat aucb bei dem oben erwlhnten Konzert der Weimarer bervor, an 
das sich noch cine Kontroverse in einem Lokalblatt anschloss. Ferner gab der Violon- 
cellist Hugo Fischer (Dessau) ein Konzert zusammen mit seiner Schwester und 
Rudolf v. Milde. — Von den Vereinskonzerten sind zu erw&hnen zuerst eins des 
burgerlichen Gesangvereins (Mannerchor) unter Leitung von Hendrik de Grote. 
Es wirkten dabei mit die Gerasche Kapelle und die Altistin Agnes Leydhecker, die 
den Erfolg ihres Auftretens im Jabre zuvor noch steigerte. Dieser Cbor wie der 
Kirchenchor unter Leitung des Kantors Haubold, der am Totensonntag wie allj&hr- 
lich sein einziges grosses Konzert gab, sind durchaus leistungsMbige Kdrper. An Mit- 
gliederzahl schwlcher, aber durch gutes Stimmenmaterial manches ausgleicbend ver- 
anstaltete der Machtssche Musikverein zwei Auffuhrungen, deren erste im November 
noch der Grander des Vereins, Musikdirektor L. Machts, selber leitete. Verhftltnis- 
mftssig Jung nocb starb er kurz darauf am 25. Dezember, allgemein betrauert von seinen 
zahlreicben Schulern und Freunden. An seiner Stelle dirigierte Musikdirektor Schmid 
Max Bruchs „Glocke", eine Vorfeier von Schillers 100 stem Todestage. Bei der „Glocke" 
stellten die Rudolstldter das Orcbester. Dass die erw&bnten Konzerte dem Bedurfnis 
nacb besserer Musik nocb nicht genugen, zeigt der immer lebhafte Besuch der Veran- 
staltungen des Vereins der Musi kf round e, bei dem sich einige ausserst ruhrige und 
sachkundige Dilettanten besonders bet&tigen. Seine Mitglieder wirkten auch mit bei 
einem recht gut gelungenen Volksabend mit klassischem Programm, den Stadtmusik- 
direktor Seidel Jr. leitete, der seinem Vater im letzten Herbst im Amt folgte. Die 
Stadtkapelle alleln kann einem solchen Programm nicht gerecht werden. Der Mangel 
eines eigenen leistungsfihigen Orcbesters macht sich in unserem Musikleben uberall 
bemerkbar. Es wird nachgerade Zeit, dass die massgebenden Faktoren auf Mittel und 
w*ege sinnen, bier Wandel zu schaffen. M. Meier* Wdhrden 

KARLSRUHE: Die letzten Konzertwochen bescherten una zwei grdssere Kirchen- 
konzerte, von denen das eine unter Leitung von M. Brauer eine wurdige AuffQhrung 



Digitized by 



Google 




67 
KRITIK: KONZERT 




des bier seit langen Jahren nicht metar gegebenen Hindelschen Oratorlums „Samson' 
bracbte. Bei mdglicbster Wahrung des Originals und bei einer Wiedergabe, in der aller- 
dings Hr. Kobmann (Frankfurt) fur die Titelpartie erst im letzten Augenblick einsprang, 
Hr. Buttner, Frl. Etbofer, Frau von Westhoven, Frl. Angerer und Hr. Keller — 
s&mtlicb Mitglieder unserer Hofoper — das Beste leisteten, bot der Abend ein erbdbtes 
musikaliscbes und musikbistoriscbes Interesse. Mit dem anderen Kircbenkonzert beging 
der biesige Verein fur evang. Kirchenmusik die Feier seines 25)lhrigen Bestebens und 
zeigte unter Leitung von Karl Br&uninger aucb in diesem gemiscbten Programm, welche 
Anerkennung ibm fur seine Bestrebungen auf dem Gebiete der Kircbenmusik zu zollen 
ist — Das Hoforcbester fubrte inzwiscben in selnem letzten Abonnementskonzert 
erfolgreicb Xaver Scharwenka's Konzert in b-moll fur Klavier und Orchester unter 
Leitung des Komponisten und mit seinem begabten ebemaligen Scb&ler Walter Petzet 
am Klavier vor. Im gleicben Konzert folgte unter Lorentz Ricbard Strauss' „Don 
Quixote*, aber obne sonderlicb Gnade zu finden, so viel Interessantes darin aucb ge- 
wurdigt wurde. Als Solistin nabm Charlotte Hubn mit Rezitatlon und Arte aus Glucks 
»Alceste" und Scbuberts „AUmacht" an den Ebren des Abends teil. — An .Kilnstler- 
konzerten* ist nocb eine Veranstaltung Hans Schmidts zu erw&hnen: die Liedervortr&ge des 
Ebepaares Kraus-Osborne; die „Bfthmen" bracbten diesmal in licbtvoller Ausffihrung 
Mozarts Quartett in d-moll, Beethovens e-moll Quartett und das F-dur Quartett von DvoHk. 
— Der bier neu vor die Offentlicbkeit tretende „Zweigverein der Richard Wagner Stipendlen- 
stiftung" fubrte sich an selnem ersten Abend mit einer gl&nzenden Ansprache von Henry 
Thode uber die Bedeutung Bayreuths fur die nationale Kultur und den unter Balling aus- 
gezeichnet wiedergegebenen Vorspielen zu .Parsifal* und den .Meistersingern" gleich sehr 
wurdig ein, um dann an einem Beethoven* Abend den Grafen Carl PGckler sich als guten 
Interpreten der As-dur, f-moll und c-moll Sonate bewlbren zu las sen. Albert Herzog 

KASSEL: Im funften Abonnementskonzert bot die Kgl. Kapelle unter Dr. Beier 
in wohlgelungener Ausf&hrung die e-moll Symphonie von Brahms und zwei Episoden 
aus Lenaus Faust von F. Liszt Letztere gewlbnen mehr Interesse als Genuss. Frau 
Metzger-Froltzheim gewann sich durch eine Arie aus .Achilleus" von Bruch und 
Liedervortrilge die Herzen der Hftrer. — Die letzte Kammermusik der Herren Hop pen 
und Genossen vermittelte uns in zugvoller Darbietung das prlcbtige Quartett op. 106 
von Dvottk und frischte die Bekanntschaft mit Svendsens Quintett op. 5 auf. — Ein 
Konzert der Meininger unter W. Berger Hess die Kapelle auf ihrer alten H5he 
erscbeinen und erweckte Begeisterung. — Von interessanten Solistenkonzerten sind zu 
erwlhnen ein Beethoven-Abend unseres heimiscben Tonkunstlers R. Franck, ein Lieder- 
abend L. W&llners und Konzerte Kubeliks und Rislers. Dr. Brede 

KOLK: Beim siebenten Kammermusik-Abend der Konzert-Gesellschaft hatte 
man zur Abwecbslung einmal von der Auff&brung elnes neuen Werkes ebenso wie 
von der Einfubrung irgendeines ortsunbekannten Gastes abgeseben und die Hdrer 
schienen sicb bei diesem Ausnabmsmodus sehr wobl zu befinden. Dazu batten sie aller- 
dlngs Grand, denn eine vortrefflicbe Wiedergabe von Haydn's C-dur Quartett undSchumanns 
a-moll Quartett durch Bram Eldering, Carl Kftrner, Jo^ef Schwartz und Friedrich 
Gr&tzmacher, dazwiscben eine reizvolle AusfQbrung des Brahmsschen Klarinetten-Trios 
mit Richard Friede (Klarinette), Friedrich GrQtzmacber (Cello) und Fritz Stein bach 
Klavl er) durfen auch verwfibnte Kammermusikfreunde als Programm gutbeissen. — Helene 
Fere bland (Berlin) trug Lalo's F-dur Konzert und die hiibsch modulierenden Robert Kahn- 
schen Tonbilder furVioline und Klavier in gediegenerForm vor, wlhrend Melanie Michael is 
(Wiesbaden) mit dem Brabmsschen Konzert und den Variationen von Paganini-Wilbelm) 
den erfreulichen Beweis dafilr erbrachte, dass man mit ihr in naher Zukunft zu rechnen 

5* 



Digitized by 



Google 



3BL 



68 
DIE MUSIK IV. 13. 




taaben wird. Fritz Steinbach verstand es, mit dem Orchester der Gesellschaft Saint- 
Saens' zweiter (a-moll) Symphonic faervorragende Eindruckskraft zu sicbern. — Nachdem 
das acbte Gfirzenich-Konzert Schumanns „Manfred" mit Ludwig Wfillner als Titel- 
helden und Karl Mayer als Erzlhler, ferner Bruckners f&nfce Symphonie gebracht batte, 
hdrte man im neunten Konzert als orchestrates Hauptwerk Mozarts Jupiter-Sympbonie. 
Dieser wie aucb Georg Schumanns witzig-interessanten Variationen und Doppelfuge fiber 
ein lustiges Thema war Fritz Steinbach ein temperamentvoller und geistreicher Interpret 
Der Chor sang mit Verve die von Flitner bearbeiteten Schubertschen Deutschen Tlnze, 
Therese Behr wirkte mit italienischen und deutschen Gestagen vornehm, allerdings zeit- 
weise zu zart und intim f&r die Saalverhlltnisse, wlhrend Friedrich Grfitzmacher in fiber- 
legenem Stil Volkmanns Violoncellokonzert a-moll vermittelte. Paul Hiller 

KONIGSBERG i. Pr.: Das Hauptereignis der letzten Wochen war die Auff&hrung 
von Straus s' ,Heldenleben" in einem Symphoniekonzert unter Prof. Brode; obachon 
die Ausf&hrung nicht tadellos war — dem Orchester sind solche Aufgaben noch zu 
ungewfihnlich — so verdient die Absicht, Strauss in Brahmsopolis einzuschmuggeln, 
doch alles Lob. Die mit grossem, fast demonstrativem Beifall aufgenommene Auffuhrung 
des Werkes empfing noch dadurch besonderes Interesse, dass Leopold von Auer, der 
Solist des Abends, der vorher Tschaikowsky's Violinkonzert bewundernswert elegsnt gespielt 
hatte, die Solovioline im „Heldenleben" fibernahm, weil Konzertmeister Becker erkrankt 
war. Zur Mfihlen, Reisenauer (nicht zum beaten disponiert), Jacques Thibaud 
sind die Kfinstler, die KOnigsberg letzthin beehrt haben. — In seinem letzten Konzert 
bot das Brodesche Quartett einen geistig bedeutend angelegten Vortrag des cis-moll 
Quartettes von Beethoven. — Eine Auffuhrung von Schumanns „Paradies und Peri* 
durch die Singakademie ist um des prlchtigen Solos von Emilie Herzog willen zu 
nennen. Paul Ehlers 

LEIPZIG: Nach Siegmund von Hausegger haben nun auch Richard Strauss, Max 
Schillings und Max Reger die preisgegebene ehemalige Hochburg des musi- 
kallschen Konservativismus mit neuerlichem Besuche beehrt Strauss futarte im 
neunten Philharmonischen Konzert mit dem w*inderstein-Orchester die „Symphonia 
domestics" und „Ein Heldenleben" vor, wobei denn Pauline Strauss de Ahna noch 
einige Geslnge ihres Gatten als freudig aufgenommene Entremets einffigte, und eine 
ungeheuere Menge von Hfirern frohlockte ob allem Veratlndlich-Schdnen und be- 
geisterungsvoll tobte ob allem Unverst&ndlichen. Schillings f&hrte mit vollem Achtungs- 
erfolg seinen rhetorischen „Symphonischen Prolog zu Sophoklea' Kdnig Oedipus" und 
aein wesentlich winner empfundenes .Hexenlied" mit Ernst von Possart im 19. Ge- 
wandhauskonzert vor, das ausserdem noch zwei fiberkfihn intentionierte Geslnge: 
.Traumnacbt* und „Sturmhymnus" fUr achtstimmigen Chor und Orchester von Felix 
w*eingartner und das Triumphlied von Brahms brachte. Dann aber erhielt Reger 
das Wort, und zwar im Konzert des vortreffiichen Organ isten Karl Straube fur »Ein- 
leitung, Variationen und Fuge fiber ein eigenes Thema op. 73% welches Werk gleich 
zweimal — als Urauff&hrung und als crate Wiederholung — auf dem Program m prangte, 
die meisten H5rer aber — und gewiss nicht nur die Unverstlndigeren — scbon beim 
ersten Male endgfiltig degoutieten musste — und tags darauf in einem unter scbltzens- 
wertester Mitwirkung von Henriette Schelle aus Kdln <Klavier), und dem Waldemar 
Meyer- Quartett veranstalteten Kammermuslkabend ffir aein etwas abstruses, ein 
wirksam pikantes Scherzo und interesaante Variationen enthaltendes d-moll Streich- 
quartett op. 74, f&r die in Bachschem Geiate kernig gestaltete Ciaconna aus der Solo- 
Violin son ate op. 42, ffir ein ganz prlchtiges, gesund-musikalisches a-moll Streicbtrio 
op. 77 b, und ffir ein kunstreich-achdnes, wahrhaft Beetboven-wfirdiges op. 86 „ Variationen 



Digitized by 



Google 




69 
KRITIK: KONZERT 




and Fuge fiber ein Thema (op. 119 No. 11) von Beethoven*. Max Reger wurde lebhaft 
gefeiert; und wahrlich, oach dem Trio und nach dem Variationenwerke bat man ibn 
unbedingt den grossen and liebenswerten Meistern beizuzfthlen, wobei es denn allerdings 
verwunderlich bleiben muss, dass demselben Geist die delirierende Musik des furcht- 
baren Orgelopus 73 entstrdmen konnte. — Im 20. Gewandhauskonzert gab es nach 
kleineren OrcbesterstOcken und dem verfrfihten Debut der noch ganz dilettantisch 
singenden Ernests Delsarta eine geistig und klanglicb ganz wunderbar gelingende 
Auffuhrung von Liszts .Faust-Symphonic", um derenwilien Arthur Nikisch begeisterte 
Ovationen bereitet wurden. — Unbedeutend verlief das zebnte Eulenburg-Konzert, in dem 
Richard Sahla mit der Chemnitzer Kapelle Schuberts C-dur Symphonie entgSttlichte 
und die Tannhftuserouverture entsinnlichte, Susanne Dessoir sich mit sehr anmutigen 
Liedervortrigen vielen Beifall ersang und Bruno Hinze-Reinhold dem Lisztschen 
A-dur Konzert nur in techniscber Hinsicht gerecbt wurde. — Edelsten Kunstgenuss boten 
die ,B6hmen" mit meisterhaften Vortrftgen vom Smetanas e-moll Quartett und Schuberts 
C-dur Quintett (zweites Violoncello: Wilbelm En gel aus Hamburg), zwischen denen 
Adrienne von Kraus-Osborne in dankenswerter Weise Brahms' opus 91 und 
schottische Lieder von Beethoven sang. — Volksliederabende in der weiten Alberthalle 
veranstalten Ludwig Wullner und Helene Staegemann, wfthrend die k&nstlerisch 
reifer gewordene Mezzosopranistin Elly Schellenberg und der sympathische Konzert- 
bariton Martin Oberdorffer in kleineren Riumen freundliche Erfolge erzielten. Von 
Frl. Schellenberg, die im Verein mit dem gediegenen Pianisten Voldemar Sacks kon- 
zertiert, 1st zu rfihmen, dass sie mit Vorliebe fur unbekanntere Lieder Mterer und 
neuerer Komponisten eintritt. — Ein von der Berliner Konzertagentur Jules Sachs hier 
extemporiertes „Elite-Konzert", das durch Absagen von Moriz Rosenthal und von 
Bernhard Dessau eingeleitet worden war, ffihrte bei etwas sp&rlichem Besuch zu leb- 
haften Beifallskundgebungen ffir den unverwfistlichen Schdnsftnger Francesco d'Andrade, 
fur die adlige Klavierspielerin Clotilde Kleeberg, ffir die vornehme Gesangsmeisterin 
Lilli Lehmann und schliesslich auch fur den Konzertmeister Alfred Wittenberg, der 
ein bedeu tender Geigenkfinstler zu werden verspricht. — Wanda von Trzaska, die 
einen Klavierabend lediglich mit Verken von Chopin und Liszt ausf&llte, fand sich technisch 
selbst mit Liszts h-moll Sonate ganz respektabel ab, Hess aber im Anschlag und in der 
Auffassung noch allzusehr Feinheit und Grdsse vermissen. Arthur Smolian 

LONDON: Von dem weitaus wichtigsten Ereignis, dem hundertsten Geburtstag 
Garcia's haben Sie schon geziemend Kenntnis genommen. Hier wird natfirlich 
eine grosse gesellschaftliche Sensation daraus gemacht, bei der am Ende der Gefeierte 
am allerwenigsten zu seinem Rechte kommt Er dfirfte heilfroh sein, wenn er den 
Sturm, der ihm droht, fiberwunden hat — Das Konzertleben steht gegenwlrtig noch 
immer unter dem Zeichen Elgar's, oder Sir Edwards, wie man Jetzt f&glich den Kom- 
ponisten betiteln muss. Am letzten Mittwoch gab es in Queens Hall ein ausschliessliches 
Elgarprogramm und an demselben Abend in Albert Hall eine Auff&hrung der „Aposter*. 
In Queens Hall dirigierte der Tondichter selbst und bot auch zwei Neuheiten, eine dritte 
Folge von „Pomp and Circumstance*, und eine ^Introduction and Allegro" ffir 
Streichmusik. Der neue Marsch macht keinen Anspruch an Gedankenarbeit, aber sein 
Name schfitzt ibn am Ende schon vor diesem Ehrgeiz. Es 1st dekorative Musik und 
will nicbt mehr sein. Die zweite Neuheit grfindet sich auf eine wallisische alte Melodie, 
es 1st zum Teil sehr feine Arbeit, namentlich interessiert eine sehr sauber modulierte 
Fuge. Aber zu seinem kunstleriscben Vermdgen dfirfte auch diese Schftpfung Herrn 
Elgar nichts binzubringen. — Die Symphoniekonzerte unter Woods' Leitung mit 
trefflichen Solisten behaupten ihren gefesteten Platz in dem Konzertleben der Hauptstadt. 
Besonders bemerkenswerte Hdbepunkte bot die letzte Bericbtsperiode nicht A. R. 



Digitized by 



Google 




70 
DIE MUSIK IV. 13. 



m 



LUZERN: Unsere Stadt ist einer der wenigen Plfttze, wo es eigentlich das ganze Jahr 
keine Konzert- and Theaterferien gibt Sofort nach Schluss der Wintersaison setzt 
die Internationale Sommersalson ein, bis sie im Oktober wieder durch die neue Vinter- 
spielzeit abgeldst wird. Die feste Struktur geben der musikaliscben Winterperiode die 
Abonnementskonzerte. Sie stehen unter dem Protektorat der Theater- and Musik- 
liebhaber-Gesellschsft von Luzera, die nftchstes Jahr die Hundertjahrfeier ihrer Grfindung 
begehen wird. Geleitet werden diese Konxerte vom stiddschen Masikdirektor Peter 
Fassbaender, der zugleich aach Dirigent der zwei grossen Mlnnergesangvereine 
.Liedertafel Luzera* und .Mftnnerchor Luzera* and des gemischten Chores .Stftddscher 
Konzertverein Luzern* ist. Die beiden letztgenannten Vereine ffihrten gemeinsam in 
Verbindung mit dem stiddschen Orchester Hindels .Messias* aaf. Von den Solisten 
zeigte sich die Altistin L. Burgmeler als eine vortreffliche Interpretin des Hftndelschen 
Stils. Die erstgenannte .Liedertafel Luzern" bracbte neben einer Reihe neuer a cappella- 
Chdre, wie .Unsere Berge* des Basler Kapellmeisters Suter und .Seliger Tod* von 
Isenmann, und zwei orchesterbegleiteten Kantaten, wie .Germanenzug* von Anton 
Bruckner und .Mahomets Gesang* von L. Kempter einen neuen, sehr wirkungsvoll 
durchkomponierten a cappella-Chor .Nacht am Rheinfall* von Peter Fassbaender 
zur Uraufffihrung. — Im ersten Abonnementskonzert trug das auf 55 Musiker ge- 
brachte Orchester hier zum erstenmal die Richard Strausssche Tondichtung .Tod und 
Verkllrung* vor, ferner die .Festklftnge* von Liszt und Vorspiel und Gralszene aus 
.Parsifal*. Im Spiele des Pianisten E. Blanchet vereinigen sich in schdnster Weise 
deutsche Akkuratesse mit franzdsischer Eleganz. In noch hdherem Grade gilt dies von 
Nina Faliero-Dalcroze, einer geborenen Italienerin, die im zweiten Abonnements- 
konzert italienische Mozart-Arien, deutsche Gesftnge und franzdsische Lieder mit fast 
gleichmftssiger Meisterschaft vortrug. Das Orchester spielte Mozarts Jupiter-Symphonie, 
Haydns neu entdeckte D-dur Ouverture und die Egmont-Ouverture. Im folgenden 
Abonnementskonzert interpretierte das Marteau-Quartett u. a. hier zum erstenmal mit 
grdsstem Erfolg das neue A-dur Quartett von Peter Fassbaender, ein Werk von defer 
Empflndung und reizvollem Wohllaut im echten Kammermusik-Charakter. Einen schdnen 
Erfolg hatte auch die deutsch-amerikanische Slngerin Mary M finch hoff. Dem sozialen 
Programm-Vort .Die Kunst dem Volke* sollen einige sogenannte popul&reSymphonie- 
konzerte gerecht werden, in denen zu minimalen Eintrittspreisen Haydn-Symphonieen 
und volkstumliche Ouverturen sowie gute Solovortrige hiesiger Slngerinnen und In- 
8trumentalisten gehdrt werden kSnnen. — Vom April bis Oktober finden im Kursaal 
jeden Donnerstag grosse Solisten-Konzerte statt. Das Orchester stammt grdssten- 
teils aus dem Orchester der Maillnder Scala und wird von Angelo Fumagalli, 
zweitem Kapellmeister der Scala, dirigiert. Schmid 

MANCHESTER: Der Schwerpunkt in den Hallt-Konzerten unter Hans Richter 
lag, seit meinem letzten Bericht, in Chor-Abenden : Brahms' Requiem, Mendelssobns 
Elias (alljlhrlich) und Elgar's .Traum des Gerontius*. An Symphonieen batten wir: 
Mendelssohns .Schotdsche*, Sibelius' No. 2 in D und eine .Oriental Rhapsody* von Percy 
Pitt. Strauss' .Till Eulenspiegel* wurde fiber alle Kritik erhaben gespielt; ebenso 
DvoHk's prSchtige .Karneval-Ouvertfire*. L. Borwick trug Brahms' d-moll Konzert 
und Rlsler Beethovens G-dur vor. Die Orchester-Vsriationen von Elgar wurden ausge- 
zeichnet wiedergegeben. Risler spielte in einem Konzert des deutschen Klubs unter 
der Leitung des Violoncellisten Karl Fuchs in hervorragender Veise Beethovens op. 106. 

Ed. Sachs 

MANNHEIM: Die 6. und 7. Akademie brachte als NovltiU die .Symphonia 
domestics* von R. Strauss, sodann eine sehr gute Wiedergabe der 5. Symphonic 



Digitized by 



Google 




71 
KRITIK: KONZERT 




von Bruckner unter Kfthler. Ein Zwischensplel aus Hugo Wolfe „Corregidor" inter- 
essierte lebhafter als der Totentanz von Saint-Saens. Fr. Lam on d spielte Tschaikowsky 
und andere, leider nicht Beethoven; H. Marteau erschien mit dem Brahmsachen 
Konzert und mit einem selbat herausgegebenen Konzertstfick in D-dur von Schubert 
— Die Hochschule ffir Musik gab ein unentgeltliches Volkskonzert, in dem nur 
Werke von Beethoven geapielt wurden, und in dem Kapellmeister Arthur Blass popular 
liber des Meisters Leben und Schaffen sprach. — Auch das Hoftheaterorchester gab ein 
Volkskonzert, das von etwa 3000 Personen besucht war. — In Fritz Hlckel hat die 
Hochschule fUr Musik einen trefflichen Pianisten gewonnen; zur Zeit spielt er an 10 
Abenden slmtliche Sonaten Beeth ovens frei aus dem Gedftchtnis. — Im Philbarmo- 
nischen Verein Hess sich das Brfisseler Streichquartett mit Glazounow und 
Beethoven hSren; das Quartett Schuster brachte als Novit&t ein nicht sehr tiefgriindiges 
und wenig einheitliches Klavierquintett von Konrad Heubner. K. Eschmann 

MONCHEN: In den letzten Wochen des Faschings gab die russische „National- 
Vokalkapelle* der Nadina Slaviansky einen kostfimierten Vortragsabend, der mehr 
Beifall fand als er eigentlich verdiente. Sind auch die Gesangsdarbietungen teilweise 
recht interessant und namentlich durch die prachtvollen Basse, die vergnfigt bis zum 
Kontra-B hinuntersteigen, nicht ohne aparten Reiz, so nimmt ihnen doch das sehr fiber- 
flfissige Scharwenzeln mit Opera- und Operettenmusik vielfach jeden Schimmer von 
originaler Volkstfimlichkeit. Ein „Balalaika-Orcbester*, das aus ca. 30 Balalaika-, zwei 
Mandolinen-Spielern und einem „Nakri"-schlagenden Knabcn bestand, machte vollends 
den Eindruck einer besseren exotischen Restaurantkapelle. — Mehrere Kammermusik- 
abende, die gut besucht waren, zeigten, dass die ernste Kunst auch in der sogenannten 
lustigen Zeit gedeihen kann. Die Brfisseler brachten mit der Pianlstin Hofmann- 
Mennacher das Klavierquintett von C6sar Franck zu Gehfir, ein in der energischen 
Bundigkeit des Ausdrucks fast an die spltbeethovenschen Schdpfungen gemahnendes 
Werk. Zwei Sonatenabende, den die Herren Berber und Stavenhagen, sowie Herr 
Ondricek mit der Pianistin Barth veranstalteten, brachte erlesene Genusse; eine 
neue Sonate von Hermann Grldener op. 35, mit der una Ondricek bekannt machte, 
ist in den Teilen, in denen sie brahmselt, am gehaltvollsten. Endlich sei noch ein Duetten- 
abend erwlhnt, in dem AgnesStavenhagen undjosef Loritz u.a. den gemischten Alexander 
Ritterschen Zyklus ,Liebesnlchte" zum Vortrag brachten. Dr. Theodor Kroyer 

NEW YORK: Die meisten der in dieser Saison hier stattflndenden Konzerte haben 
einen etwas sensationellen Charakter. Die Reklame treibt wieder einmal schfinste 
Blfiten und erweist sich oft recht erfolgreich. Aber ebenso oft trftgt doch der natfirliche 
Instinkt der Amerikaner den Sieg davon, und nicht alles und jedes, das mit grossen 
Geldopfern angepriesen wird, wird ffir das gehalten, was es nach der Ankfindigung sein 
solh Der Amerikaner verlangt ffir sein Geld vollwertige Ware, er kauft keine Knospe, 
fur deren Entwicklung er keine Garantie hat, er kauft auch keine verwelkte Blume, deren 
Duft andere schon voll ausgesogen haben. In der Kunst verlangt er den auf der Hfihe 
seines Kfinnens stehenden Kfinstler; ob Jung oder alt, ob berfihmt oder unbekannt, er 
muss tadellose Leistungen bieten, dann kann er seines Erfolges in der neuen Welt sicher 
sein! — Daa Auftreten des kleinen, begsbten Violinisten Franz von Vecsey war ein 
entschiedener Misserfolg. Beim ersten Debfit hatte man Carnegie Hall durch Ausgeben 
unzfthliger Freikarten mit Mfihe und Not zur Hilfte geffillt, bei den drei fibrigen Rezitals 
war der Besuch auch nicht stSrker. Manchen trieb die Neugierde hin, hauptslchlich 
waren es aber Kinder, die mit ihren Mfittern die Nachmittags-Konzerte besuchten, um 
einen Altersgenossen zu sehen, der ihnen fiberlegen sei I Das kunstverstlndige Publikum, 
die Kfinstler und die Presse nahmen von Vecsey wenig Notiz, d. h. sie gaben ihm, was 



Digitized by 



Google 




72 
DIE MUSIK IV. 13. 



m 



er ebrlich beansprucben konnte: sein ausserordentliches Talent, besonders fur Tecbnik, 
wurde bereitwillig anerkannt Von einem ecbten Genuss durcb seine Vortrftge zu 
sprecben, 1st UnsinnI Allgemein 1st bier das Bedauern, ein Kind, das Aussicbt bat, mal 
ein Kunstler zu werden, nur aus Geldgier durcb die Welt zu scbleppen. Origens wurde 
sein Name bier nur sebr selten genannt — Um so mebr geniesst man mit vollen 
Zugen die Darbietungen zweier anderen Geiger, Kreisler und Ysaye, jeder gross in 
seiner Art, ein ganzer Meister, beide in ibren Leistungen ganz verschieden. Sie uben 
grosse Anziehungskraft aus; obgleich sie scbon oft aufgetreten, sind ibre Rezitals glftnzend 
besucht. Sie uberbieten sicb in ibren Repertoires, die beinabe endlos sind. Fast die 
gesamte Violin-Literatur ziebt an una in dieser einen Saison vorfiber. Ysaye spielt nur 
mit Orcbester, Kreisler oft mit Klavier. Nftchstens werden beide zusammen in einem 
Konzert auftreten. Gemeinsame Rezitals beruhmter Kunstler sind bier jetzt Mode ge- 
worden und baben den Vorzug, dass die Programme nicbt so entsetzlicb einfdrmig sind, 
wie es bei Solo-Rezitals der Fall zu sein pflegt. So gaben Josef Hofmann und Fritz 
Kreisler ein Rezital in Carnegie Hall vor einer riesigen Zuhorerscbaft. Sie spielten 
Sonaten von Grieg und Beethoven und ausserdem eine Anzahl von Einzelnummern. — - 
Unangenebm sensationell aufgebauscbt war das gemeinschaftlicbe Konzert von Ysaye 
und Eugen d 'Albert mit Orcbester, in dem beide Kunstler aucb als Dirigenten bier 
debutierten. d'Albert dirigierte sein Vorspiel zum .Rubin* und die bier scbon bekannte 
Ouvertfire zum .Improvisator*, die einen sebr gunstigen Eindruck hervorriefen. Einen 
kolossalen Erfolg erspielte er sicb mit dem Es-dur Konzert von Beetboven, das aber 
unter der mebr als mittelmissigen Orcbesterbegleitung unter Leitung von Ysaye sebr zu 
leiden batte. Ysaye dirigierte ausserdem die Egmont-Ouverture mit nicbt zu verteidigender 
Auffassung und „La Jeunesse d'Hercule" von Saint-SaSns. Hierin brachte er einige 
hfibscbe Effekte, konnte aber nicbt uberzeugen, dass die Orcbesterdirektion sein eigent- 
licbes Feld sei. Zum Scblusse spielten sie Beetbovens Kreutzer-Sonate beide auswendig, 
d'Albert als Kunstler, Ysaye als Solist! Das Publikum johlte vor Vergnugen bei dieser 
Zirkusvorstellung. Sogar auf dem Podium waren mebrere bundert Stiihle binter und zu 
beiden Seiten des Orcbesters aufgestellt, da sicb die Schaulustigen zu Tausenden dritagten. — 
d'Albert gab endlicb aucb ein eigenes Rezital in Mendelssohn Hall. Er spielte Bach, 
Beethoven, Chopin, Schumann, d'Albert, Schubert-Liszt und Liszt Seine hohe Meister- 
schaft fand die gebQhrende Anerkennung. Seitdem schweigt er sicb wieder aus. — Aucb 
Jos6 Vianna da Motta Hess sich, nach seinem vorzuglichen Debut mit der Wanderer- 
Phantasie im Pbilharmonischen Konzert, in Mendelssohn Hall bdren. Er batte ein sebr 
interessantes, ungewdhnliches Programm: Bach-Busoni, Scarlatti, Schubert-Liszt, Weber, 
Beethoven (Var. und Fuge op. 35), die zwei Legenden und das Propheten-Scherzo von 
Liszt. Besonders seine feine Technik und sein scbSner Anschlag machen sein Spiel 
sympathisch. Er ist ein trefflicher Kunstler. — Walter Damrosch setzt seine Symphonie- 
konzerte gleicb falls sensationell fort. So brachte er in seinem letzten Beethovens 
.Wellington's Sieg" Oder .Die Schlacht bei Victoria* zur ersten Auffuhrung in New York. 
Das Werk weist auch nicbt einen Gedanken, nicht eine Melodie auf. Es darf ruhig der 
Vergessenheit anheimfallen. — In Sam Franko's zweitem Konzert gab es ein Konzert 
Kir Streichorchester von Vivaldi, eine Kantate fur Altsolo von J. S. Bach, eine Symphonie 
in g-moll von J. Christian Bach und Musik aus .Pyramus und Thisbe* von Hasse. — 
Zur Zeit 1st Felix Weingartner bier. Er spielte mit dem Kneisel-Quartett sein 
Sextett op. 33, das aber ebensowenig wie die von ihm in der Philharmonic aufgefuhrte 
zweite Symphonie in Es-dur den Beweis erbrachte, dass er als Komponist von Bedeutung 
zu gelten hat. Die Kneiselianer spielten ganz wundervoll das a-moll Quartett op. 51 von 
Brahms und zwei nicht originelle, aber pikante Sltze aus dem Quartett op. 10 von Debussy. — 



Digitized by 



Google 




73 
KRITIK: KONZERT 




w*eingartner leitete in der Philharmonie ausserdem drei OuvertQren von Gluck, Mozart 
und Weber, Liszts Hunnenschlacht, und in einem Extrakonzert der Philharmonischen 
Gesellscbaft .Harold in Italien" von Berlioz und Beethovens „Neunte". In techniscber 
Hinsicht ist w*eingartner sicherlich einer der ersten Dirigenten, mit seiner Auffassung, 
speziell der Beethovens, kann ich mich nun einmal nicht befreunden. Nur der Schluss- 
satz konnte mir imponieren, in dem Weingartners Feldherrntalent einen Triumph feierte. 
Daa Violasolo in der Harold-Symphonie spielte Jos. Kovarik, ein Mitglied des Orchesters, 
vollendet scbdn. — Fur den ersten der mir bekannten zeitgendssischen Dirigenten halte 
ich V. Safonoff (Moskau), der im funften Philharmonischen Konzert Beethovens zweite 
Sympbonie und Tscbaikowsky's sechste leitete. In der Wiedergabe von Tscbaikowsky's 
Musik ist sein Ruhm ja l&ngst allgemein verbreitet, aber er ist als Beethoven-Dirigent 
mindestens so bedeutend. Vie er die D-dur Symphonie vortrug, so muss m. E. Beethoven 
gespielt werdenl — In den Triokonzerten von Adele Mar guiles, Leopold Lichtenberg 
und Leo Schulz spielte der letztere eine sehr interessante Cello-Sonate op. 19 von Georg 
Schumann mit viel Erfolg. — Als treffliche Kammermusikspielerin futarte sich Carrie 
Hirschman, eine fr&here ScbQlerin von Xaver Scharwenka, im letzten Konzert des 
Kaltenborn-Quartetts ein. — Ein Fiasko war das Debut der Pianistin Olga Samaroff 
mit dem Damrosch-Orchester. Sie war weder dem Konzert von Schumann noch dem in 
Es-dur von Liszt gewachsen. Arthur Laser 

PARIS: Es ist in Paris immer noch nicbt gelungen, grosse Orchesterkonzerte regel- 
m&ssig und mit Erfolg am Abend mit den Theatern konkurrieren zu lassen. Immerhin 
scheint Alfred Cortot, der dieses Problem neuerdings in Angriff genommen, einen kleinen 
Schritt vorw&rts gemacht zu haben. Er ist vorsichtig genug, nur einmal des Monats seine 
Orchester- und Cborkrlfte dem Publikum im gleichen Nouveau-Th£&tre vorzufuhren, wo 
jeden Sonntag nachmittag Chevillard seine Konzerte zu geben pflegt, und hat am 23. Februar 
sein viertes Konzert einem ziemlich anspruchsvollen, in Paris wenig bekannten und vor 
zehn Jahren geradezu abgelehnten Werke zu widmen vermocht, ohne seine Stellung zu 
geRhrden. Es handelt sich urn Liszt s „Heilige Elisabeth 11 , der diesmal auch das letzte 
der sechs Bilder, die feierliche Bestattung durch den Kaiser Friedrich, erbalten blieb, die 
bei der Auffuhruog im Trocadero vor zehn Jahren weggefallen war. Chor und Orchester 
genilgten und von den Solisten zeichnete sich Daraux als Vertreter der beiden Land- 
grafen und dea Kaisers ruhmlich aus. Eleonora Blanc mftsaigte als Elisabeth ihr von 
Natur etwas scbarfes Organ, soviel sie konnte, und die ruhrende Sterbeszene gelang ihr 
nicht Qbel. Diese wurde vom Publikum ebenso beifallig aufgenommen, wle das Rosen- 
wunder, wfthrend es die Kreuzfahrer ziemlich kalt liessen. Es schien auch, als ob die 
Bestattungsszene mit ihrem allzu frdhlichen Marsch den Eindruck des Ganzen abschwlche. 
Die ungarische Landsmannschaft, die Liszt mit seiner frommen Heldin teilte, hat ihn 
nicht nur hier, sondern im ganzen w*erk zu Stilwidrigkeiten verleitet, die seine Elisabeth 
unter seinen w Christus" hinabdrGcken. — Das Publikum des Konzerts Colonne wider- 
sprach sich von einem Sonntag zum andern in merkwurdiger Weise. Am 12. Februar 
nahm es das Klavierkonzert von Brahms in d-moll, das Mark Hambourg durchaus 
nicht schlecht spielte, sehr kalt auf und protestierte nur schwach gegen die drei Oder 
vier „prinzipiellen" Gegner der Solistenmusik auf der obern Galerie. Am 19. Februar 
dagegen bereitete es Hugo Heermann einen denkwtirdigen Triumph fur den Vortrag 
des Geigenkonzerts des gleichen Tonsetzers. — Durch den Erfolg von Piernl's Kinder- 
kreuzzug ermutigt, hat Colonne sofort ein anderes modernes Chorwerk folgen lassen und 
zwar Charpentier's „Vie du Poete". — Das Konservatoriumskonzert genoss in 
aller Stille die Ehre, die neueste Neuheit von Saint-SaSns, ein Cellokonzert, das der 
altbew&hrte J. Hollmann vortrug, in die Offentlichkeit zu bringen. Die Aufhahme war 



Digitized by 



Google 




74 
DIE MUSIK IV. 13. 




leider so reserviert, dass es wohl nicht so bald fiber den Abonnentenkreis der Socitte' 
des Concerts hinausdringen wird. — Die Virtuosen unserer Zeit haben fast alle die 
Eigentiimlichkeit, dass ibnen Bacb weit besser zusagt, als Beethoven. Besonders auf- 
fallend war das im sechsten Konzert der Socittt Philharmonique. Da spielten Pablo 
Casals und Wanda Landowska zuerst die Cellosonate in G-dur von Beethoven. Nachher 
spielte die bereits zu Ruhm und Ansehen gelangte „Bachantin a ihr Leibstfick, die englische 
Suite in E-dur, in seltener Vollkommenheit. Casals folgte mit Bachs Cellosuite in Es 
und erwies sich nicht weniger als Meister des Stils. Selbst auf einen Meister des 
Klaviers, wie Ferruccio Busoni, lftsst sich obige Bemerkung anwenden. Er entzfickte 
im neunten Konzert der Philharmonique mit einer von ihm selbst transkribierten Toccata 
Bachs und liess relativ kalt mit Beethovens E-dur Sonate, deren Andante er zu langsam 
und schmachtend nahm. Besonders gl&nzend war aber seln Vortrag der sechs Paganini- 
Etuden Liszts. Eine Ausnahme von der Regel bildet immerhin Frederic Lamond. Im 
siebenten Konzert begleitete er zuerst den ausgezeichneten Fldtenspieler Gaubert in 
Bachs funfter Sonate und erzielte nachher mit Beethovens op. HI noch intensiveren 
Applaus. Emil Sauer, der Held des achten Konzerts, spielte nur eine Fuge von Bach- 
d'Albert und Chopin's Sonate mit dem Trauermarsch, beides als Meister ersten Ranges, 
aber bei Chevillard war er mit Beethovens Es-dur Konzert nicht ganz so gl&cklich. Das 
einheimische, aber auch in Berlin vorteilhaft bekannte Streichquartett Hayot brachte das 
etwas zu launenhafte Quartett von Debussy zu unerwartetem Erfolg. Die Gesangssolisten 
der Philharmonique waren Johannes Messchaert, der Schumanns Dichterliebe geradezu 
vollendet vortrug, Frdlich, dem Brahms und Wolf besser gelangen, als H&ndels 
Koloratur-Arie aus Orlando, und Maria Gay, die aus den Alien der lltesten Italiener 
eine gl&ckliche Spezialitlt gemacht hat. — Neben der Philharmonique gibt auch das 
Quartett Parent wdchentliche Ensemble-Konzerte, wo die Gattung des Streichquartetts 
mehr zur Geltung kommt. Als Novit&t wurde ein Quartett von Maurice Ravel, einem Nach- 
ahmer Debussy's, gespielt, das so geflel, dass es noch einmal aufe Programm gesetzt wurde. 
Veniger g&nstig wurde eine neue Geigensonate Vincent d'Indy's aufgenommen, obschon, 
Oder auch weil der Komponist selbst den Klavierpart durchf&hrte. Gute Aufhahme fand im 
dritten Ensemble-Konzert Fert6's die relativ neue Geigensonate von Henry Ftvrier, der 
etwas zu sehr dramatisiert und speziell tristanisiert. Eine Neuheit fur Paris war merk- 
wurdigerweise Beethovens letzte Cellosonate, die Frau Schmitt-Barnard und Casals 
unter grossem Beifall vortrugen. — Unter den reinen Klavierabenden zeichneten sich die 
von Wanda Landowska durch das originellste Programm aus. Sie spielte teils auf dem 
Flugel, teils auf einem Spinett mit zwei Klaviaturen, teils auf einem Pianoforte von 1820 
zuerst die alleriltesten Werke deutscher, franzdsischer und italienischer Schule und dann 
eine illustrierte Geschichte der Volten und Walzer von Byrd (1546—1623) bis auf Chopin. 
Die einfachen und melodischen Valzer und Lindler Schuberts, auf einem Instrument 
seiner Zeit gespielt, gefielen besonders. Sapellnikow machte uns mit einem reizenden 
St&ck von Liadow .Musikdose* bekannt, Gabrilowitsch mit einer gerftuschvollen 
neuen b-moll Sonate Glazounows, die an Schumannschen und Cbopin'schen Reminiszenzen 
keinen Mangel hat, der jugendliche Arthur Rubinstein, dessen glanzende Anlagen noch 
der Ausreifung bedurfen, mit den interessanten Rameau-Variationen von Paul Dukas, 
Harold Bauer mit Ravels pikanten ajeux d'Eau*, David Blitz, der auch der Es-dur 
Sonate Beethovens ziemlich gerecht wurde, mit Debussy's anziehendem ajardin sous la 
pluie". Auch die Virtuosen fangen an, das Bedfirfnis zu empflnden, ihre Programme 
ein wenig aufzufrischen. — Erw&hnen wir noch, dass der Name Gustav Mahlers endlich 
auch nach Paris gedrungen 1st. Im letzten Konzert Chevlllard's sang Frau Falitro- 
Dal croze drei Lieder mit Orchesterbegleitung. Der Erfolg war gross genug, um auch 
die Einruhrung von Mahlers Symphonieen zu rechtfertigen. Felix Vogt 



Digitized by 



Google 




75 
KRITIK: KONZERT 




ST. PETERSBURG: Ober Novititenmangel in den Symphoniekonzerten der kaiserl. 
russ. Musikgesellschaft dfirfen wir uns nicht beklagen. Auch in jedem der drei 
letzten Konzerte nahm man darauf Bedacht, etwas Neues zu bringen. In einem war es 
die espritvolle Suite aus der Oper „w*eihnachtsnacht" von Rimsky-Korssakow, im 
andern eine .Dramatische Ouverture" von Tscherepnin. Dazu gesellten sich an 
sonstigen Orchesterwerken ,Orestie" von Tanejew, „ Winter*, I. Teil aus den „Vier Jahres- 
zeiten" von Glazounow, die selten aufgeffihrte Musik von Beetbovens .Die Ruinen von 
Athen a . Als Solisten des siebenten Konzerts begrfissten wir bier zum erstenmal 
Leopold Godowsky. Er spielte Beetbovens Es-dur Konzert. Das Publikum bereitete 
dem Kunstler sowohl im Symphoniekonzert als auch in seinen beiden Rezitals im grossen 
Adelssaale einen jubelnden Empfang. — Alexander Cbessin bereicberte das Programm 
des achten Symphoniekonzerts mit mehreren bier noch nicht gehftrten Verken. Ffir die 
Bekanntschaft von Berlioz' „Flucht aus Agypten" brauchte man ihm allerdings nicht 
ubermlssig dankbar zu sein. Das Werk erregte nur historiscbes Interesse. Aber sehr 
verbunden war man dem Dirigenten f&r die Vorf&hrung der d-moll Symphonic von Cesar 
Franck and besonders f&r die ausgezeichnete Viedergabe der c-moll Messe von Mozart 
unter Mitwirkung des Archangelski-Chor und einheimischer hervorragender Solisten. Am 
selben Abend trat Leopold Auer mit dem ihm von Glazounow zugeeigneten Violinkonzert 
vor das Publikum. Das neue Werk 1st als eines der besten f&r das Instrument zu bezeichnen. 
Bemerkenswerte Solistenkonzerte aus letzter Zeit waren: ein Lieder- Abend von Raimund 
von Zur Mfihlen und ein Konzert von Mischa Elman. Bernhard Wendel 

PHILADELPHIA: Unsere Konzertsaison hat mit einem Misston begonnen. Gegen 
den Dirigenten unseres pbilharmoniscfaen Orchesters wurde nlmlich aus nati- 
vistischen Gr&nden eine Pressfehde erdffnet, deren Zweck dahin ging, einen ameri- 
kanischen Dirigenten an die Spitze des Orchesters zu stellen. Fritz Scheel hat das 
Missfallen dieser nationalen Heisssporne erregt, weil er „die englische Spracbe nicht 
bemeistert, weil das Defizit nicht enden wollte und weil er mit seinem Orchestermaterial 
hftuflge Verinderungen vornimmt". Sie begn&gten sich aber nicht damit, sondern suchten 
auch Scheels k&nstlerische Eignung zur Leitung eines grossen Orchesters herabzusetzen. 
ihre in dieser Beziehung unbegr&ndeten Ausfille verfehlten ihren Zweck* Die ver- 
nunftige Presse trat f&r ihn in die Scbranken. Herr Scheel wurde fur eine weitere 
Saison gewonnen und der glftnzende Besuch der Konzerte der neuen Saison legt Zeugnis 
daf&r ab, dass unser Publikum die Leistungen des Orchesters und seines fleisslgen 
Dirigenten immer mebr zu wurdigen versteht Das Defizit dfirfte sich in dieser Saison 
sehr gering gestalten und der Fortbestand des Orchesters scheint gesichert Da wir 
autochthone Dirigenten von Bedeutung nicht besitzen und ein Richard Strauss, ein Vein- 
gartner Oder Mottl f&r uns dauernd nicht zu haben sind, ist die erwlhnte L&sung der 
Dirigentenfrage sicberlich die beste. — Das Orchester brachte uns bisher nicht viele 
Novitlten. Der Kern der Programme besteht aus den Symphonieen von Beethoven, 
Brahms, Schubert und Schumann sowie der unvermeidlichen pathetischen von Tscbai- 
kowsky. Wildenbmcbs „Hexenlied", in einer guten englischen Obersetzung von Herrn 
Bispbam rezitiert mit der begleitenden Musik von Schillings, fand bier Beifall, obwohl 
man sich nicht verheblte, dass der Musiker den Stimmungsgehalt der Ballade nicht 
ganz erscfaftpft hat. Auch der erste Teil des .Odysseus Heimkehr'-Zyklus von Boehe 
fand Anerkennung trotz des fiberaus matten Schlusses. Ernflchternd wirkten hingegen 
die Variationen fiber ein Originalthema von El gar op. 36. Ein Srmlicbes Tbema, eine 
Art musikalischen Tragelaphs, halb Moll und halb Dur, wird da in innerlich leerer Veise, 
wenngleicb technisch gewandt mebr paraphrasiert als variiert Welt fiber alien diesen 
Novitlten stand die zweite Symphonie von Vincent d'Indy, ein durcbaus ernstes und 



Digitized by 



Google 




76 
DIE MUSIK IV. 13. 



m 



trotz aller Rafflniertheit der Mache and Wlllkurlichkeit in der Durchfuhrung bedeut- 
sames Werk, das -frellich einem bei erstmaligem Anhdren nicbt ganz eingeht Eine 
Wiederholung des Werkes 1st jedoch kaum zu erwarten, da unser Publikum, dem die 
Entwirrung des tbematischen Materials der Sympbonie offenbar zu viel Mfibe verur- 
sachte, sicb recht kuhl verbielt und Heir Scbeel in solchen Fallen von einer Wieder- 
holung abzuseben pflegt, ein arger Missgriff, der nur dem Flachen zugute kommt. 
Besser als mit den Novitftten erging es uns bisber mil den Solisten, die bei den Orchester- 
konzerten mitwirkten. Frau Bloomfield-Zeisler, Vladimir de Pachmann, Josef 
Hofmann liessen sicb nacb einander bdren, letzterer aucb in einem eigenen Konzert, 
das den Beweis erbracbte, dass es dem einstigen Wunderkind, trotz der Universalitlt 
seines Kdnnens, das ibn selbst Beetboven nabe bringt, docb an einer ausgesprochenen 
kunstlerischen Individualitlt gebricht. Hingegen verdarb sicb Pachmann die Wirkung 
seines Vortrags des Lisztscben Es-dur Konzertes durch eine gar zu aufdringliche 
Zurschautragung seiner Persdnlichkeit. Sie alle wurden durch Eugen d' Albert 
weit in den Schatten gestellt, der das G-dur Konzert von Beethoven nicbt bloss 
technisch meisterbaft, sondern mit einer Beherrschung des Gedankengehalts spielte, 
wie man es hier seit Jahren nicbt mehr gehfirt hatte. Unser Publikum fand fur 
diese Hdbenkunst williges und begeistertes Verstlndnis. — Von Geigern hdrten 
wir bisber ausser einigen „dii minorum gentium" Willy Hess und Eugene Ysaye. 
Jener, der im Konzert des .Fortnightly-Club , eines angesehenen englischen M&nner- 
cbors, mitwirkte, der unter Leitung des feinfuhligen Musikers Maurits Lee f 8 on stent, 
imponierte uns mehr durch sein Temperament als durch seine Technik, die sicb mit 
dem Schwersten etwas leicht abzufinden pflegt. Ysaye, der ein Bach- und das Beethoven- 
konzert spielte, hat hier seinen Ruf als des grdssten lebenden Geigers noch befestigt 
— Von unseren Gesangvereinen ist nicbt viel Neues zu berichten. Das erste Konzert 
des Mendelssohn-Club war in musikalischer Beziehung ohne Bedeutung, ebenso die 
beiden Konzerte, die der deutsche Gesangverein .Harmonic* zur Feier seines flnfzig- 
jlhrigen Bestehens veranstaltete. Mme. Blauvelt, die sich hier durch ihre reizvolle 
Persdnlichkeit grosser Beliebtheit erfreut, die ihre an der Oberfiiche haftende Kunst 
kaum verdienen wurde, wirkte in diesen Konzerten mit, sowie in einem Konzert des 
Philadelphia-Orchesters. Bei dieser letzteren Gelegenheit sang sie ein Spinnerlied von 
Liza Lehmann, der bekannten Komponistin der klassischen Strophen des Omar Khajam. 
Das originelle Liedchen mit der nicbt minder originellen Begleitung dfirfte sich auch 
druben Freunde erwerben. — Die Choral Society, der stirkste unter den hiesigen 
englischen Chorvereinen , bracbte uns die regelmftssige Weihnachts-Auffuhrung von 
Hlndels „Messias", die nur wegen der Mitwirkung von Anita Rio in der Sopranpartie 
Erw&hnung verdient, einer S&ngerin, die, was rein sinnliche Schdnheit des Organs an- 
belangt, einzig dasteht. Es wird allgemein bedauert, dass die Slngerin, deren Stimme 
tatsftchlich ein PhSnomen ist und die aucb in der Gesangskunst weit vorgeschritten ist, 
sich nicht entschliessen kann, sich der Buhne zuzuwenden. — Mme. Melba gab hier mit 
der Harfenspielerin Sassoli und dem Baritonisten Gilibert ein Konzert, das keinen 
rechten Erfolg hatte, weil es nur ein Abklatsch des vorjlbrigen Konzertes der gleichen 
Gesellschaft war. Dr. Martin Darkow 

ROSARIO: Ein wichtiges Glied in unserm Musikleben ist die ,Polizeikapelle", 
ein stlndiges Orchester (Harmon i em usik), dessen Mitglieder zwar nicht Musiker von 
Fach sind, aber unter den Hfinden ihres tucbtigen Leiters bdchst Erfreuliches leisten. 
Bei dem Gartenkonzert, das der Deutsche Verein den Offlzieren des Kreuzers .Falke" 
gab, zeigte die Kapelle ihr ganzes Kdnnen. TannhSuser- und Tell-Ouverture erfubren eine 
tadellose Wiedergabe, die Auffassung „unserer" Nationalhymne .Deutschland, Deutsch- 



Digitized by 



Google 




77 
KRITIK: KONZERT 




land fiber alles" war vollendet und musste jedes deutsche Gem&t ergreifen. — Nambafte 
fremde KQnstler liessen sich diesmal wenig sehen. Saint-SaSns fullte eincn Abend 
init eignen Werken; er zeigte sicb als ein immer noch bedeutender Meister des Klaviers 
and als felnsinniger Begleiter. Der Tonsetzer bot uns in der Violin- and Cello-Sonate, 
dem Trio und in verschiedenen Klavierstucken viel des Geistreichen, Interessanten, 
Scbdnen, docb bei mangelnder starker Eigenart konnte er uns Neues bald nicht mehr 
sagen. — Einen schlechtbesuchten Klavierabend gab Gustav Loeser aus Berlin und 
versetzte durch eine fabelhafte Tecbnik die Zuhdrer in einen Rauscb des Entzfickens. 
Sein Spielplan schien fur Sfid-Amerika besonders berecbnet zu sein, denn er wies nur 
»brillante* Sacben auf, ausgenommen die Scbumannsche Trftumerei und das Chopinsche 
G-dur Nocturno, aber bier blieb uns der Pianist aucb den seelenvollen Vortrag schuldig. Mit 
dem Herausstechen der Melodie und dem Auseinanderzerren ist*s nicbt getan. — Die 
Deutscben unterhalten bier einen Mlnnergesangverein und einen Gemiscbten 
Chor. Der erste zebrt von dem Ruhm vergangener Tage und siecht langsam dabin. 
Dem zweiten mangelt es auch an dem rechten Leben und einer genugenden Slngerzahl, 
er weist desbalb nur m&ssige Leistungen auf. Der Unterzeicbnete ubernabm im vorigen 
Jabre die Leitung des Chores und bracbte es glficklich zu einem Konzert, dessen Pro- 
gramm (ChSre und Einzelvortrftge) eine wahre Musterkarte darstellte. Eingeleitet wurden 
die beiden Telle des Konzerts durcb .Motive aus Lohengrin" Mir grosses Harmonium 
und dem Meistersinger-Vorspiel fur Klavier zu vier H&nden. Fur das zweite Konzert 
war in Angriff genommen worden „KUrchen auf Eberstein", Ballade f&r Chor, Soli und 
Orchester von Rheinberger; widrige Umstlnde verhinderten jedoch sein Zustandekommen. 
— Wir hoffen von diesem Jabre Gunstigeres berichten zu kftnnen. 

Hermann Kieslich 

STOCKHOLM: Im 5. Abonnementskonzert des Konzert vereins wurde nicht nur 
Sindings d-moll Symphonic, sondern auch Herr Sin ding selbst unserem Publikum 
Torgefuhrt Der eingeladene Komponist leitete nlmlich persdnlich die Ausfuhrung seines 
gross angelegten, wuchtigen und massiv instrumentierten Werkes und wurde aufs leb- 
hafteste gefeiert. In einem eigenem Konzert liess er ein neues Streichquartett in a-moll 
durch das „Aulinquartett* zu Gehdr bringen; diese Arbeit erwies sich aber bei 
weitem nicht so wirkungskrlftig wie das beruhmte, bei derselben Gelegenheit gespielte 
Klavierquintett in e-moll. — Grossere Romanskonzerte — in dieser Vortverbindung 
liegt eine gewisse Kritik der Sache --r wurden von Maikki Jirnefelt mit gutem k&nst- 
lerischen Erfolg gegeben. V. Peterson-Berger 

STRASSBURG: Mit das Beste der Saison war Beethovens 9 Missa solemnis" — unter 
Stockhausen — besonders durch das geradezu ideale Soloquartett (A. Cap pel, 
M. Altmann, R. Fischer, G. Zalsman). In unsagbarer Langeweile dagegen 
gllnzte das VI. Abonnements-Konzert durch eine Serie fast vdllig stimmungsgleicher 
franzdsischer Werke (wir macben uberhaupt im Franzdseln hierorts gute Fortschritte!) 
von C. Franck, St. Saens und Guz Ropartz (Nancy); der hoffoungslose Weltschmerz des 
Abends wurde nur durch den Zorn unterbrochen, den eine Pariser Konservatoristin mit 
4er uoglaublicben Verhunzung einer Sebum annnovelette erregte. Auch Rislers etwas 
pedantisches Spiel vermochte keine Begeisterung zu erwecken, sowenig wie sein ewig 
gleiches Repertoire. — Momente reinsten Kunstgenusses vermittelte das Br&sseler 
Quartett, vielleicht das tonschdnste der Gegenwart. Unsere Triovereinigung 
(Walter, Schmidt, Stennebruggen) nabm sich wacker eines Wolf-Ferrari an, dessen 
Program m leider aus den Klageliedern Jeremil zu stammen schien; der Schluss des 
4reialtzigen Werkes, ein frischer Kanon, schrie nach einem wirklichen Finale. — Karl 
•Straube (Leipzig) entzfickte durch seine eminente Orgelkunst Mdge ihm sein Reger- 



Digitized by 



Google 




78 
DIE MUSIK IV. 13. 




enthusiasmus nicht zum Verderben wcrdcn. Denn das Regerproblem itt meines Er- 
achtens eher ein psycho-pbysiologiscbes, als ein musikalisches. Der zweifellos geniale 
Mfincbener ist ein Tonpblnomen, wie es Zahlenpblnomene und Ibnlicbe gibt Er hat 
besondere Leitungsbabnen im Gchirn, die ibm Harmoniefolgen and polypbone Gebilde 
vermitteln, die dem sonstigen Musikerhirn oft so fremdartig erscheinen, wie einem Ritt- 
meister das Sanskrit. Ob es mdglicb, vor allem aber, ob es beilsam f&r die Kunst 
und ibre J finger ist, diesen Bahnen zu folgen — diese Frage mag die Zukunft ent- 
scheiden! — Mit seltener Einm&tigkeit und Uneingeschrinktbeit wurde der Liederabend 
der hiesigen Altistin Margaretbe Altmann-Kuntz von der Kritik gefeiert; das persdn- 
licbe Moment verbietet mir leider, an dieser Stelle selbst auf die Bedeutung der Kunst- 
lerin f&r das ailgemeine Musikleben nlber einzugehen. Dr. G. Altmann 

STUTTGART: Das Ereignis der letzten Zeit war ein Konzert zu Gunsten der Wagner- 
Stipendienstiftung. Tbode hielt die Anspracbe; Poblig leitete mit genialer Inner- 
lichkeit die Ausfubrung eines kfinstlerisch entworfenen Wagnerprogramms. Der Festsaal 
der Liederballe war ausverkauft; es berrscbte wirkliche Stimmung. Wagnerkonzerte gibt 
es jetzt auch in der Provinz (Esslingen, Nagel). — Der Orcbestenrerein unter Ruckbeil 
bietet ausnabmslos etwas Anregendes; bald kommt die F-dur Sympbonie von Gdtz, die 
man so selten bdrt. Wendling fuhrte ein neues gutgearbeitetes Quartett von S. de Lange 
(No. 3, in G-dur) und Mozarts reizendes Divertimento in D (K. V. 334) auf. Sonst ist 
wenig Eigenartiges aus der Stuttgarter Cbronik zu vermelden. — Die Bdbmen erledigten 
wieder eins ibrer prlcbtigen Konzerte; Uederabende gaben Frau Mysz-Gmeiner, Frau 
Ehrenbacher-Edenfeld, Heir Mubr. — In einem Liederkranz- und Abonnement- 
konzert traten der Violinist Oliveira, Frl. Ettinger, Frau Kaulbacb-Scotta und 
Frl. Koenen auf. Dr. K. Grunsky 

WIEN: Unsere pbilbarmoniscben Konzerte, jene Institution, die Wiens musika* 
lische Art, sein Kdnnen und Streben seit langem am reinsten und frei von 
Unzullnglicbkeiten verkdrpert, baben den Zyklus ibrer Abonnementskonzerte in diesem 
Jabre mit besonderem Gluck abgeschlossen. Durcb zwei Jabre nacb dem Abgang Gustav 
Mablers entbehrte die ausgezeichnete Vereinigung des ricbiigen Ffi brers. In Felix Mottl, 
der in dieser Saison secbs Konzerte dirigierte, war der lang Gesucbte gefunden. Von 
Dr. Carl Muck, der sicb in zwei Konzerten ganz ausgezeicbnet bewlbrte, bestens unter- 
stfitzt, vermocbten die Pbilbarmoniker in Programmen und Ausfubrung das Hdcbste zu 
leisten und ibren alten Rubm in neuem Glanze erstrablen zu lassen. Als Neubeit bracbte 
Muck im vorletzten Konzert Cbr. Sindings d-moll Sympbonie, die, obne eine starke 
Originalitit, eine zwingende Persdnlichkeit zu verraten, in ibren gelungenen Teilen, wie 
in dem Scherzo, lebbaft interessierte. Richard Wagners .Domestics* — das .Siegfried* 
idyll" — erfubr eine zauberhafte Ausf&brung. Im Scblusskonzert bracbte Mottl Edw. 
El gars Ouverture „lm Suden* als Neubeit. Sie spricbt wirklicb eine englisch-imperia- 
listische Sprache, und Elgars Stammesgenossen dfirften nicht mit Unrecht aus seiner 
Musik nationale Laute vernebmen. Die weitausgesponnene Ouvertfire zwang das Publikum 
zu gespanntem Hdren. In Seb. Bachs Brandenburgerkonzert (F dur) und Beetbovens 
Pastoralsympbonie vereinigten sicb die Virtuositftt der Ausf&hrenden und der charakter- 
volle und poetiscbe Geist des Dirigenten zu selten gebotenen Leistungen. — Im Konzert 
der Gesellschaft der Musikfreunde fuhrte Franz Scbalk den in Wien noch 
unbekannten Komponisten Oscar Fried mit seinem „Trunknen Lied" ein. Frieds be- 
deutendes Cborwerk errang einen starken, nur von wenigen Dissidenten bestrittenen Erfolg. 
Es klingt ein reicher musikaliscber Geist aus dieser Kom position. Die enorme Tecbnik 
des Komponisten tritt nur an wenigen Stellen mit einer gewissen Selbstgefllligkeit 
schldigend hervor. Im ganzen herrschen Phantasie, Empfindung und eine grosse Gewalt 



Digitized by 



Google 




70 
KRITIK: KONZERT 




des Ausdrucks. Die Melodik ist durchaus von scbdner Vornehmheit, sowohl die vokalen 
als die instrumentalen Klangwirkungen vielfach von bezaubernder Wirkung. Der 
Dirigent Schalk und der Singverein batten sicta in das Werk mit Liebe eingelebt und 
braditen eine durchaus wfirdige, schwungvolle und verdeutlicbende AuffQhrung zustande. 
Die Soli wurden von unserm vortrefflichen Bassisten Richard Maier, den Damen 
Kittel und Kiurina vorzuglich gesungen. — Der akademiscbe Gesangverein, 
dessen Dirigent Hans Wagner einen unerm&dlichen Eifer entwickelt, brachte in seinem 
letzten Konzert Liszt's 1853 komponierten Cbor ,An die Kfinstler" in Wien als Neuheit 
zur Auffuhrung Der Sang von ecbt Lisztisch-idealistischem Geprlge wirkte begeisternd. 
Frau Gisella G611erich-v. Paszthory spielte Beethovens Chorpbantasie echt musika- 
lisch und ibre Tochter, Palma v. Paszthory, Mozarts Violinkonzert in D-dur mit 
absoluter Reinheit, scbdnem Ton und in edlem Stil. — Im Konzert des Mlnner* 
gesangvereins hdrten wir ein neues, heiteres Werk „Fasching" fQr Soli und Chor 
von Wilhelm Kienzl, Dicbtung von O.J. Bierbaum. Temperamentvoll, nicht ohne 
Erfindung und harmlos wirkten die hfibschen Gesftnge in der virtuosen Ausfuhrung 
anmutig und belebend. — Der „Verein der scbaffenden Tonkunstler" brachte 
eine recht unerfreulicbe, jeden Genuss durch harmonische und rhythmische Stachelgitter 
absicbtlich abwehrende C-dur Violinsonate von Max Reger und ein klangschdnes, durch* 
aus interessantes und melodiscb glucklicbes fis-moll Klavierquintett von Bruno Walter. 

Gustav Schoenaich 

WIESBADEN: Unser „Clcilien-Verein« brachte in seinem II. Konzert E. Tinels 
Oratorium .Franziskus" zur Auffuhrung. Das Werk war hier noch unbekannt. 
Mancherlei opernhafte, mehr nur lusserlich effektvolle Zfige lassen zwar den Zusatz 
„Oratorium" etwas problematiscb erscheinen; aber die farbenprlchtige melodidse Musik 
hot docb viel Bestecbendes und fesselte die Anteilnahme des Hdrers fast unausgesetzt 
Ejnar Forchbammer sang die Tenorpartie und brachte die drei — merkwurdigerweise 
sich unmittelbar folgenden — Franziskus-Hymnen zu schdner Wirkung. Kogel dirigierte 
temperamentvoll. — Dass unser stldtiscber Kapellmeister L. Lustner nacb fast 30jlbriger 
Tltigkeit demnlchst vom Amte scbeiden wird, erregt die musikalischen Kreise nicht 
wenig. In den letzten Konzerten des Kurhauses brachte Lustner noch eine ganze 
Anzabl seltner gehdrter Orchester-Werke: Tschaikowsky's f-moll Sympbonie hinterliess 
einen sehr glftnzenden Eindruck; Heinrich Urbansmeisterwiirdiggearbeitete .Scheherazade", 
Otto Doras „Nlrodal-Vorspiel", und die feingestimmten v Slawisclien Intermezzi" des 
Wiesbadener Komponisten E. Ubl erzielten lebbafcen Beifall. Unter den Solisten nenne 
icb Mark Hambourg, der namentlicb in seinen v Variationen" eigner Faktur eine alles 
Qberstrahlende Bravour auflodern Hess, und den talentvollen Solo-Cellisten der Kurkapelle 
Herrn Schildbach, der uns mit d'Alberts Gello-Konzert (C-dur) bekannt machte: eine 
sehr angenebme Bekanntscbaft! Otto Dorn 




Digitized by 



Google 




ANMERKUNGEN ZU 
UNSEREN BEILAGEN 




Zur Verrollatlndigung ihrer Beethovenbllder bieten wir unsern Lesern die Wieder- 
gabe einer neuen lebenswahren Beethoven-Bfiste, einer ausgezeichneten Arbeit von 
Fritz Zadow (Nurnberg). Die prichtige Vorlage stammt aus dem Kunstverlag von 
Heuer & Kirmse in Halensee. 

Zur Erlnnerung an den 90. Geburtstag (6. April) Robert Volkmanns briogen wir 
▼erscbiedene auf den Komponisten bezugliche Abbildungen: ein Portrlt dea Meistera, 
die Wiedergabe einer Handzeichnung seines Freundes Gusttv Heckenaat „Volkmann 
am Klarier, der Konzertsftngerin Emilie Wigand die ,Sappho* einatudierend" und im 
Fa k simile die erste Manuskriptaeite einer frfiheren Fassung von .Richards Marsch 
zur Walstatt* (IV. Zwiscbenakt zu Shakespeare's „Kftnig Richard III.*). Wir en tn eh men 
diese lllustrationen der Biograpbie Robert Volkmanns von Hans Volkmann, einem 
Neffen dea Komponisten. 

* Es folgt das Portrlt des beruhmten Tenoristen Giovanni Battista Rubini (geb. 
7. April 1795) nach einem Kriehuberschen Stich aus dem Jahre 1828. 

Der 12. April ist der 25jlbrige Todestag des hervorragenden Geigers Henri 
Wieniawski. Unaer Bild (ein Stich von Grosae nach Morin) zeigt ibn zusammen mit 
aeinem urn zwei Jahre jungeren Bruder Joseph, der als Pianist ein ebenso bedeutender 
Kunstler war, wie Henri als Violinist 

Das folgende amusante Portrlt stellt einen ehemaligen Liebling des Berliner 
Opernpublikums dar, den beruhmten Tenor Karl Adam Bader (gest 14. April 1870). 
1789 in Bamberg geboren wurde er 1807 Nachfolger seines Vaters als Domorganist dort, 
ging aber 1811 zur Buhne fiber. E. T. A. Hoffmann, damals Musikdirektor am Bamberger 
Stadttheater, liess sich Baders weitere Ausbildung sebr angelegen sein und fand an ihm 
einen ausserordentlich begabten Schuler. 1812 wurde Bader nach Mflnchen berufen, 
wirkte dann in Bremen, Hamburg und Braunschweig, bis er 1820 als erster Heldentenor 
an die Berliner Hofoper engagiert wurde, deren gefeierte Zierde er 20 Jahre hlndurch 
war. 1849 nabm er Abschied vom Publikum und war nachher noch Ungere Zeit 
als Musikdirektor der katholiscben Hedwigskirche tltig. Er gllnzte namentlich in 
Spontiniscben Opera, ferner als Adolar, Othello, Robert und nicht zuletzt als Masaniello 
in Auber's v Die Stumme von Portici*. Auf diese Rolle beziebt sich aucb unser Bild, das 
die Tatsache persifliert, dass Bader noch in hohem Alter als B&bnenslnger tltig wan 
Die „Stumme von Portici*, 5. Akt. Masaniello: „Gebt mir Waffen!" Seine Enkel: 
„Hier Grosspapa!" 

Die Musikbeilage, eine krafcvoll-balladeake Motette Carl Lo ewes, die die Eigenart 
dea Meiaters als Kirch enkomponisten aufs treffendste wtderspiegelt, erscheint biermit 
zum erstenmal im Druck. (Vgl. darfiber den Aufsatz „Carl Loewe als Kirchenkomponist* 
von Dr. Hirschberg in „Die Musik« Jahrg. IV, Heft 12.) 

Ntchdruck nur mit tusdrGcklicher ErUubnU des Verities gesttttet. 

Allc Recbte, insbeaondere das der Obersetzung, vorbeh&lten. 

FQr die Zur&cktendung unverltngter oder nicht angemeldeter Mtnuskripte, falls Ihnen nicht genQgend 

Porto beiliegt, Qbernimmt die Redsktion keioe Garsntie. Schwer leserliche Msnuskripte verden ungeprttft 

xurQckgesandt. 

Verantwortlicher Schriftleiter: Kapellmeister Bernhard Schuster 
Berlin SW. 11, Luckenwalderstr. 1. HI. 



Digitized by 



Google 




DIE MUSIK 




Ein Leben ohne Arbeit 1st sundhaft, 

aber Arbeit ohne Kunst ist brutal. 

John Ruskin 



£2= 



^ 




^D£ 



=^ 



IV. JAHR 1904/1905 HEFT 14 

Zwettes Aprilheft 

Herausgegeben von Kapellmeister Bemhard Schuster 

Verlegt bei Schuster & Loeffler 
Berlin und Leipzig 




Digitized by 



Google 




Paul Marsop 
Die soziale Lage der deutschen Orchestermusiker. II. 

E. van der Straeten 

Streiflichter auf Mendelssohns und Schumanns 
Beziehungen zu zeitgendssischen Musikern (Schluss) 

Register zum 14. Band der MUSIK 

Titel zum 14. Band der MUSIK 

Besprechungen (Bucher und Musikalien) 

Revue der Revueen 

Umschau (Neue Opera, Aus dem Opernrepertoire, 
Konzerte, Tageschronik, Totenschau) 

Kritik (Oper und Konzert) 

Anmerkungen zu unseren Beilagen 

Kunstbeilagen 

Anzeigen 



DIE MUSIK erschelnt monatlich zwei Mai. Abonncments- 
prela flkr das Quartal 4 Mark. Abonnementspreis flir den 

Jahrgang 15 Mark. Preis dcs einzelncn Heftes 1 Mark. 
Vlerteliahraelnbanddecken a 1 Mark. Samroelkasten fUr die 
Kunstbeilagen des ganzen Jahrgangs 2,50 Mark. Abonnementa 
durch jcde Buch- und Musikalienhandlung, flir kleine Platze 
ohne Buchbandler Bczug durch die Post. 



Digitized by 



Google 





I III. 

[norm gesteigerte Anspruche an die Leistungs- 
ffthigkeit auf der einen Seite — auf der anderen 
eine kfimmerliche, neuerdings im Durchschnitt 
urn ein Geringes gestiegene, doch nach wie vor 
vollig unzu reichende Entlohnung, die demgemUss weder 
mit jenen erhohten Anforderungen, noch mit der allge- 
meinenstarkenVerteuerung allerLebensbedfirfnisse auch 
nur ganz obenbin im Einklang steht: das is t die Signatur 
der unbaltbaren Lage der Orchesterm usi ke r. 

Fast alle grosseren und mittleren deutscben Orcbestervereinigungen 
haben seit Jabren an die ihnen vorgesetzten Stellen Petitionen gerichtet, 
in denen nicht sowohl ein wirklicb gerechter Ausgleich zwiscben Leistung 
und Entgelt, als vielmebr nur eine mSssige, eine anstfindig bescbeidene 
Lebensfuhrung eben gerade ermoglichende Aufbesserung der Gehaltsver- 

Anmerkung. Allen, die mich durcb Zusendung von Material unterstfi tzten : 
den Behdrden, den ausfibenden Kfinstlern, den werten Kollegen sage ich herzlichen 
Dank! Viel gutes Vertrauen ist mir zuteil geworden: icb babe mich bestrebt, es zu 
rechtfertigen, so gut icb es vermocbte. — Auf einen Hagel von Angriffen, Quasi- 
Berichtigungen, Recbtfertigungen bin ich vorbcrcitct Scbon die AnkQndigung meines 
Vorhabens hat meine Sammlung von anonymen Schm&hbriefen um eioige Pracht* 
exemplare bereichert Ffir die Folge bemerke icb, dass mir die unfrankterten von 
dieser Gattung sympathischer sind als die frankierten. Wie ich denn such einem 
ganzen Lausbuben vor einem halben den Vorzug gebe. In schicklicher Form ge- 
haltenen Entgegnungen, die dem Herausgeber der „Musik" oder mir zukommen 
sollten, werde ich in den letzthin fur spiter angekfiodigten freien „Fortsetzungen" 
Rechnung tragen. Sondererwiderungen auf einzelne Eiosendungen zu bnngen, ist 
leider unmdglicb; mein verehrter Freund, Kapellmeister Schuster, muss sein Papier 
zu Rate halten, und ich habe nur ein Gebirn und nur eine Schreibhand. — Im 
flbrigen wiederbole icb, dass Raumrficksicbten mir hier eine selbst nur einigermassen 
erscbdpfende Behandlung des Themas verbieten. Auch sehe icb mich bei der 
Oberf&lle des Stoffes gezwungen, Erdrterungen fiber Pensionsrerhftltnitse, Witwen- 
und Walsenkassen fur diesmal autzuschetden, um diesen wichtigen Mateiien im 
Rahmen der Fonseuungen ein eigenes Kapuel widmen zu kdnnen. P. M. 

6* 



Digitized by 



Google 




84 
DIE MUSIK IV. 14. 




haitnisse angestrebt wurde. Das Herz krampft sich einem zusammen, 
wenn man in diesen Eingaben liest, wie echte und rechte Kiinstler einen 
Landtag, eine Behorde, eine preisliche, aus grossmachtigen Industriellen und 
Geldfursten sich zusammensetzende Biihnenkommission anno domini 1901 
oder 1903 „untertanigst a urn einige hundert Mark angehen, um mit den 
Ihrigen vor dem Hunger geschutzt zu sein. Die Mitglieder des Haupt- 
orchesters eines reichen mitteldeutschen Handelsemporiums ersuchen um 
eine Neuregelung ihrer Bezuge, die erforderlich sei, wenn sie nicht „der 
Gefahr ausgesetzt werden sollen, in Not zu geraten". Im Gesuch eines 
vortreff lichen rheinischen Hoforchesters ist von einem „in dem grossten 
Teil der Familien vorhandenen Notstand" die Rede. Ein der Direktion 
des Stadttheaters einer grossen, norddeutschen, mit vielen Millionaren 
gesegneten Hafenstadt flbermitteltes Aktenstuck beginnt mit den Worten: 
,Wenn wir . . . Ihnen . . . heute die ergebenste Bitte ans Herz legen, unsere 
Verhaitnisse einer Priifung unterziehen . . . zu wollen, so ist es nur die bittere 
N o t und dieverzweifelte Lage der meisten unserer Mitglieder, die uns 
dazu treibt." Der Erfolg solcher Bemuhungen war, alles in allem genommen, 
recht klSglich. Verlegenheitsauskiinfte, rissige Pflasterstreifchen und kleine 
Beschwichtigungsmittel, Tropfen auf den heissen Stein: kaum nennenswerte 
Zulagen; da und dort, nach einer Periode aussergewohnlich starker Kraft- 
anspannung, eine nicht sehr ansehnliche, mit viel schonen Worten verbrMmte 
Extragratifikation. Einige wenige Lichtblicke: das „goldene" Mainz erwies 
sich auch als eine Stadt des goldenen Herzens; dem einsichtigen, tat- 
krMftigen Oberburgermeister Dr. Gassner gebuhrt in erster Linie das Ver- 
dienst, dort bemerkenswerte, in mancher Beziehung vorbildliche Reformen 
durchgesetzt zu haben. Ebenso wurden beispielsweise in Aachen, Freiburg, 
Essen a. Ruhr nach Massgabe der iiberhaupt fliissig zu machenden Mittel 
immerhin annehmbare ZustMnde geschaffen; in Leipzig, Koln und ander- 
warts bekundete man bei allerdings noch unzureichenden Reformmassregeln 
doch das richtige Verstandnis fur die Sachlage. Hingegen ware es ein 
schweres Stuck gewesen, die Verwiinschungen zu zahlen, die begreiflicher- 
weise dem Hofrat Pollini in die Grube nachprasselten. Hat doch dieser 
Mann, der mit seinen sattsam bekannten Finanzkiinsten aus dem seiner 
Leitung anvertrauten Institut Hunderttausende zog, bis an seinen letzten 
Lebenstag alien an ihn gerichteten Vorstellungen seines jammervoil be- 
soldeten Orchesters gegenuber sich hartnackig taub verhalten . . . Aus 
Braunschweig wird berichtet, dass die Gehaiter der dortigen Hofkapelle 
von 1873 bis 1. Januar 1905, der den Musikern endlich wieder eine ge- 
linde Aufbesserung brachte, nur ein einzigesmal eine minimale Erhohung 
erfuhren . . . Uber die Zulagen, die dem koburg-gothaischen Hoforchester 
wahrend des letzten Dezenniums zuteil wurden, hatte Gustav Freytag, der 



Digitized by 



Google 





85 
MARSOP: SOZIALE LAGE P. PEUTSCH. ORCHESTERMUSIKER 

ja von seinem Landsitz Siebleben aus das Herzogtum ofters durchstreifte, 
in einem „Bild aus der deutschen Vergangenheit" eine recht anschauliche 
Schilderung entworfen. Als Engender komponiert der jetzige Landesherr 
vermutlich keine Opern — was sein deutscher VorgSnger in seinen Musse- 
stunden mit Vorliebe tat. Somit fehlen dem Ersteren auch wohl die direkten 
Beziehungen zum Theater. 

Warum gerade den berechtigten Forderungen des Musikers gegenuber 
dieses schwerfallige Begreifenwollen, dieses ratselhafte, misstrauische 
Zdgern? Was fiir Vorstellungen spuken da noch in hochfeudalen Ge- 
hirnen, aber ebenso noch in sonst ganz aufgeklarten, auf ihre freisinnige 
Denkart nicht wenig stolzen K6pfen? Die vom fahrenden Spielmann, wie 
er einst fiedelnd und bettelnd auf eigene Gefahr oder im Gefolge heimat- 
loser Komodianten umherzog und froh war, wenn er beim Einsamtneln 
nicht einen Stockschlag mit in den Kauf nehmen musste? Die vom Poeten, 
der bei der Teilung der Erde von Rechts wegen zu kurz gekommen wire, 
da ihm doch Vater Zeus ein ' Freiquartier im Himmel^angeboten hitte? 
Die vom Sanger, dem das Lied, das aus der Kehle dringt, Lohn sei, der 
reichlich lohne? Jedem bietet man die Mittel, sich in der Gegenwart, in 
der n Zeit der schweren Not", auskdmmlich einzurichten; uberall beginnen 
Milch und Honig der sozialen Praxis zu fliessen: weshalb allein auf dem 
einen Gebiete diese kleinliche Zuriickhaltung, die sich nur Schritt fur 
Schritt durftige Zugestandnisse abringen lasst? In Riicksicht auf das 
Sinken des Geldwertes, auf die Erhohung der Lebensmittelpreise, der 
Wohnungsmieten, der heute auch bei bescheidensten Daseinsgewohnheiten 
unvermeidlichen Mehrausgaben ist man den Wiinschen aller moglictien 
Berufsklassen nach und nach in ausreichender Weise entgegengekommen: 
Staats- und Privatbeamte jeder Kategorie, Handlungsangestellte, in den 
verschiedenartigsten Betrieben beschMftigte Arbeiter sind in den Stand 
gesetzt worden, sich den Gegebenheiten unseres Jahrhunderts anzupassen. 
Sogar die Volksschullehrer, die, nachdem sie als die Sieger von Kdniggritz 
gefeiert waren, eine Zeit lang von bildungsfeindlichen Parlamentariern auf 
den Aussterbeetat gesetzt schienen, werden jetzt wieder vor dem langsamen 
Verhungern geschutzt. Einzig der Orchestermusiker soil sich, mit alten 
und neuen Sorgen belastet, schwer atmend durchs Dasein weiter kflmpfen! 
Dabei ist noch in Rechnung zu Ziehen, dass wohl der Kaufmann, der 
hohere und niedere Kanzlist, der Sekretir am Schalter, der Tag fur Tag 
Gleichartiges zu erledigen hat, der Handwerker auch bei ungunstiger Dis- 
position und im Bezwingen qualender Gedanken ihr Tagewerk leidlich 
verrichten kdnnen. Dass jedoch der ausiibende Kunstler, der sich stets 
fiber das Mass der allgemeinen burgerlichen Pflichtbetatigung hinaus an- 
zuspannen hat, um seinem Vortrage fortreissenden Schwung und fiber- 



Digitized by 



Google 




86 
DIE MUSIK IV. 14. 




zeugende Wfirme mitzuteilen, be! schlechter, getrubter Stimmung ein ver- 
lorener Mann ist. Wer sicb an einem sonderlich beweiskrfiftigen Beispiel 
recbt klar machen will, was der deutsche Idealismus vermag, der muss 
sich das Bild des stets wieder seine peinigenden Sorgen in der begeisterten 
Hingabe an die Werke der grossen Meister fiberwindenden Orchestermusikers 
vor das innere Auge rucken. 



Recbt wenige unter den Laien, in deren Hand ja noch zumeist die 
Entscheidung fiber Wohl und Wehe des Orchestermusikers gegeben ist, 
kSnnen sich bisher eine bedeutungsschwere Frage vorgelegt haben: wie 
denn der Lebenslauf eines bef&higten, strebsamen Cellisten oder Klarinettisten 
sich bis zu dem Zeitpunkt gestalte, wo sich der junge Kunstler fur einen 
ausgeschriebenen Posten in einem besseren gefestigten Orchesterverband 
melde und sich den Ffihrnissen und Zufilligkeiten des ublichen Probespiels 
aussetze. Anderenfalls wire schlechterdings keine Erklflrung fur den be- 
fremdlichen Umstand zu finden, dass gerade der Instrumentalist, der fur 
seine Ausbildung verh&ltnism&ssig mehr Opfer zu bringen hat als die 
Vertreter vieler anderer Berufsarten, sich so ziemlich alien nachgesetzt 
sieht, die in unseren Tagen eine Verbesserung ihres Loses erfahren. 
Denn schon frfih, urn das zehnte Jahr herum, muss bei ausgesprochener 
allgemein musikalischer Begabung und bei einer Anlage zur Entwicklung 
bestimmter technischer Fertigkeiten mit einem, wenn nutzbringenden, so 
selten kostenlos oder um geringes Entgelt zu erlangenden Unterricht be- 
gonnen werden. Hat dieser die erwunschten Frfichte getragen, so folgt 
einstweilen noch eine lange, fur die Erwerbung der notigen .Spielroutine" 
unumgingliche Vorbereitungszeit in der Ausnutzung von kleinen Gelegen- 
heits-Engagements, wflhrend deren Dauer der angehende Tonkunstler in 
der Regel Schulden machen muss, nur um nicht Hunger zu leiden und 
sich schicklich kleiden zu kSnnen. Dazu eine bei leerem Beutel sich meist 
lange nachschleppende Belastung: „Kostet doch schon ailein", heisst es in 
einer Eingabe der Mainzer Musiker, w die Anschaffung der Instrumente je 
nach deren Beschaffenheit drei- bis achthundert Mark — und sie ist durch 
mindestens sechsjfthrige Tfttigkeit ohne jede Bezahlung erschwert.* „Bis 
zwdlfhundert Kronen und oft noch hdher" wird diese schwer empfundene 
Ausgabe in einem Gesuch des Prager Orchesters angeschlagen. Nur 
wenige Institute, wie beispielsweise die Darmstfidter Hofbuhne, liefern den 
Musikern die Instrumente und stehen auch fur die Unterhaltungskosten ein. 

Nach allem Hoflfen und Harren erscheint der ersehnte Tag des Probe- 
spieles. Ein Ezamen, genau so zweckwidrig, wie die mundlichen Priifungen, 
durch die sich der Oberprimaner, der mit dem Universitfttsstudium fertige 
Jurist oder Philologe zu winden hat: die Zukunft eines Menschen wird 



Digitized by 



Google 





87 
MARSOPt SOZIVLE LAGE D. OEUTSCH. ORC^ESTERMUSIKFR 

darauf gestellt, ob er an einem drei Wochen vorher festgesetzten Tage 
zufSllig mit oder ohne Kopfweh aufgewacht ist. Liesse man wenigstens 
den Kandidaten gleich zu Beginn der Tortur ein paar charakteristische 
Takte aus einer Opern-Instrumentalstimme blasen oder geigen, anstatt 
einer Kadenz aus einem muhsam eingetrichterten, reichlich verschimmelten 
Konzert von Birmann, Goltermann oder einem anderen Etudenfabrikanten 
der Biedermannszeit, bei deren vorletztem Takt der Aufgeregte unter zehn 
Ffillen neunmal unstreitig danebenfMhrt! Ist er aber zwischen der Scylla 
des Lampenfiebers und der Charybdis der Intendantenlaunen gliicklich ans 
Ziel gelangt, was winkt ihm dann? Ein „Durchschnittsgehalt* von 1800, 
2000, 2400, ja, bei ganz wenigen, an den Fingern einer Hand abzuzahlen- 
den Instituten, einschliesslich Wohnungszuschussen, Vergutung fur Mit- 
wirkung bei Kirchenmusik, eventuell Anteil aus dem Reingewinn, den ein 
Zyklus symphonischer Winterkonzerte abwirft, von — wirklich und wahr- 
haftig — gegen 3000 Mark oder noch ein wenig mehr. Nur die Konzert- 
meister, die Halbgdtter des Orchesters, die von den Dirigenten sogar in 
Gedanken mit „Sie" angesprochen werden, und die Harfenisten stehen sich 
besser. Ein mehr oder minder verzwickt ausgeklugeltes, alle, die ohne 
Anlage fur hohere Mathematik auf die Welt kamen, oft schier chaldiisch 
anmutendes System von „Aktivitats-", „Funktions-* oder .Anciennitflts- 
zulagen" — arme deutsche Sprachel — bringt dann hier und dort noch 
eine fortschreitende bescheidene Erhdhung der genannten Betrage zuwege 
und fuhrt schliesslich zu einem „H5chstgehalt", das indessen fur 90 bis 
95°/ der Mitglieder der in'Frage stehenden Orchester ein unerreichbares 
Phantasiebild bleibt. Fast alle werden pensioniert, ehe sie zu dieser Stufe 
emporklimmen konnen. Unter diesen UmstMnden hat das Hdchstgehalt 
eine unleugbare Ahnlichkeit mit dem von jenem Knecht bei Fritz Reuter 
so geruhmten Rindfleisch und Pflaumen: v sehr schones Gericht, aber man 
bekommt es nicht!* 

Nehmen wir an, es handle sich um ein Einkommen von dreitausend 
und vielleicht einigen hundert Mark. Das geniessen gegenwMrtig eine be- 
schrftnkte Anzahl Mitglieder der Hoforchester von Wien, Berlin, M&nchen, 
Dresden und des Leipziger stidtischen Orchesters — meist nur die hervor- 
ragenden Solisten. In Ansehung der 5rtlichen TeuerungsverhMltnisse dieser 
Zentren entspricht das einer Gehaltssumme von 2100 — 2400 Mark, wie 
sie die besser gestellten Kunstler des stidtischen oder vom Theater unter- 
haltenen Orchesterkdrpers einer wohlhabenden Provinzhaupt- oder Industrie- 
stadt beziehen. 1st das eine auch nur halbwegs geniigende Entlohnung 
einer Arbeit, die bei hSchster Anspannung des gesamten Organismus 
eminente geistige Werte erzeugt, Werte, denen eine ausserordentliche 
volksbildnerische Bedeutung beizulegen ist? Wobei ich wiederholt 



Digitized by 



Google 




88 
DIE MUSTK IV. 14. 




mit Nachdruck betonen muss, dass ich noch von den „Meistbegunstigten" 
spreche. Man balte mir nicht entgegen, dass aucb Vertreter anderer idealer 
Berufe, Lehrer, Offiziere der unteren Chargen, Arzte sich mehrfach mit 
einem ungeflhr gleichen Einkommen schlecbt und recht durchschlagen 
miissen. Ihre Titigkeit ist denn doch keine so aufreibende, nerven- 
zerriittende wie die des Orchestermusikers. Sie brauchen nicht, wenn sie 
ihre Pflichten erfullen, Stunde fur Stunde das Hochstmass seelischer 
Spannkraft einzusetzen. Sie sind imstande, wenn sie sich auch vom 
Morgen ab weidlich geplagt haben, sich abends erquickende Raststunden, 
auffrischende Zerstreuungen zu gdnnen; der Orchestermusiker muss um 
die Zeit sein Bestes geben, wo die Natur nach der Kraftausgabe, welche 
die Tagestatigkeit bedingt, dem Ausruhen entgegenstrebt. Jene haben 
endlich die Moglichkeit, erheblich rascher vorwarts zu kommen, und, sofern 
sie gliickliche Anlagen eifrig fSrdern, bereits auf der Scheitelhohe des 
Lebens sich's wohl sein zu lassen. Davon nicht zu reden, dass sie oft 
durch Heirat zur Wohlhabenheit gelangen — was fur den Orchester- 
musiker einstweilen noch so gut wie ausgeschlossen ist, da er, wie der 
Kunstler uberhaupt und gleicherweise der Schriftsteller, in vielen begiiter- 
ten, sich sonst gern als vorurteilslos aufspielenden burgerlichen Familien 
noch als bohemien angesehen wird, und da er auch, andauernd von 
Nahrungssorgen in Anspruch genommen, vorlaufig noch keine Zeit dazu 
findet, sich die Scheinbildung anzuschminken, die in den gesellschaftlichen 
Ausstattungsstucken und Vaudevilles unserer Bourgeoisie als das unent- 
behrlichste Requisit gilt. 

Was es besagen will, sich in Wien oder Berlin als Familienvorstand 
mit 3000 Mark einzurichten, laufende und ausserordentliche Ausgaben zu 
bestreiten, und dabei, wie das die Vorgesetzten verlangen, nach aussen zu 
in Erscheinung und Auftreten, im Gehaben von Frau und Kind den Kaiser- 
lichen und Kdniglichen Beamten, den Koniglichen Kammermusikus zu repra- 
sentieren: das brauche ich des Nftheren wohl nicht auseinanderzusetzen. 

Es gibt jedoch StMdte, in denen heutigestags alle unentbehrlichen 
Lebensbedurfnisse ebenso viel verschlingen, als in den grossen Residenzen, 
in denen aber das Durchschnittseinkommen des dem Hauptorchesterver- 
band des Ortes angehorigen Mitgliedes ein betrMchtlich kleineres ist. 
Im Folgenden stelle ich zwei Haushaltungspline zusammen, die ich Ein- 
gaben des Frankfurter und des Hamburger Theaterorchesters entnehme. 
Die Sachlage hat sich, was Frankfurt betrifft, dadurch nicht wesentlich 
veritadert, das dort seit November 1904, mit Ruckwirkung bis auf den 
1. April 1904, eine Aufbesserung in Kraft getreten ist, die — nicht einmal 
alien — Mitgliedern eine Steigerung der Beztige um einige hundert Mark 
bracbte. Zur Deckung der hierdurch entstandenen Mehrausgaben erhoht 



Digitized by 



Google 




89 
MARSOP: SOZIALE L/VGE D. DEUTSCH. ORCHESTERMUSIKER 




von jetzt ab die Stadtverwaltung die Subvention fur die Theater-Aktien- 
gesellschaft im Bedarfsfalle bis auf 20000 Mark. Mit Verlaub, das ist 
verteufelt wenig! Der Gemeinsinn muss in Deutschland noch bedeutend 
erstarken! Lfige eine golduberflutete Stadt wie Frankfurt in Amerika, so 
wSren von grossherzigen Burgern bereits einige Stiftungen gemacht 
worden, deren Zinsertrag es ermoglichte, die Orchestermitglieder als das, 
was sie sind, als Kunstler, nicht als bessere Handwerker zu besolden. 
Hier der Plan: 



FRANKFURT 



HAMBURG 



Aufetellung vom 



HAUSHALTUNGSPLAN 



Januar 1003 



Mark 



November 1003 



Mark 



Wobnungsmiete 

Holz und Kohleo 

Beleuchtung 

Kleidung fur Mann und Frau 

Scbubwerk fur Mann und Frau 

Wlscbe (Reinigung, Reparatur und Anscbaffuog) 
Kleider, Scbube, Schulgeld, Bucber fur zwei Kinder 

Steuern 

Beitrflge ffir Pensions-, Kranken-, Witwenkassen 

Zeitungen (Tages- und Facbblatt) 

Dienstmldcben, hluslicbe Hilfe 

Erbolung, Ferienmehrverbraucb 

Tascbengeld fur Mann und Frau 

Krankbeiten, UnflUIe in der Familie 

Musiker-Verbandsbeitrag 

Kollekten und Ebrungen 

Freibilletsteuer und Botenlobn 

Scbornsteinfeger 



600,- 
60,- 
30,- 

240,— 
50,-^ 

120- 

250,- 
80- 

176,— 
15- 



13,20 
10- 
25,- 

8- 



450,- 
60,- 
30,- 

240,- 
30,- 

100,- 

160,- 
10,- 
80,- 
15,- 



SUMMA : 



1677,20 



1175,— 



Durcbschnitts-Gesamteinkommen 

Einmalige Sommerbeibilfe 


2327,- 


1287,23 
175 — 


Zusammen: 


2327,- 


1462,23 



Davon ab obige Ausgabe 



ll 



1677,20 



1175,- 



Bleiben fur Lebensmittel: pro Jatar 
Oder pro Tag (fflr vier Kdpfe) . . . 



649,80 

!| 1,78 



287,23 
-78 



Schlimm genug, dass der in der vorstebenden Tabelle gekennzeichnete 
Zustand in der Goethestadt bis zum Jabre 1904 angedauert bat! Dem 



Digitized by 



Google 



n 



90 
DTE MUSIK IV. 14. 




Scharfeinn und der volkswirtschaftlichen Einsicht des Lesers bleibe es 
uberlassen, eine Zubusse von 100, 200, in zwei Fallen sogar von 500 Mk. 
auf die Einzelposten des Planes recht sinngemSss zu verteilen. Es sei 
nocb bemerkt, dass die Frankfurter Musiker sicb redlich zu plagen haben, 
urn ibren Bissen Brot zu verdienen. Das Gewandhaus-Orchester zu 
Leipzig, wo man bisweilen auch noch die Musik, ihnlich wie ein duftiges 
brflunlicbes sichsisches Nationalgetrank, nach der Quantitat abschMtzt, war 
vom 1. Oktober 1902 bis 1. April 1903 in 130 Buhnenauffiihrungen be- 
schiftigt, die Frankfurter Korporation innerhalb der gleichen Zeitspanne an 
180 beteiligt. Dazu Konzerte und Proben. Das weitere verschweig 9 ich. 

Zur Hamburger Paralleltabelle ist der Vollstandigkeit balber noch zu 
bemerken, dass die Sommerbeihilfe im vergangenen Jahr von 175 auf 
200 Mk. gestiegen ist, so dass imjahre 1904 das Durchschnittseinkommen 
sich auf 1497,23 Mk. belief. Jene Unterstutzung wurde bewilligt, da das 
Orcbester ein Engagement in einem Biergarten, das ihm friiher wsihrend 
der Theaterferien vom 1. Juni bis 31. August die materielle Basis gegeben 
hatte, infolge Besitzwechsels verlor. An seine Stelle trat dort eine MilitSr- 
kapelle. Eine weitere Erliuterung zu dies em Haushaltungsplan ist nicht 
von ndten. 1 ) 

Recht lebrreicbe, recbt betrubende Aufschlusse gewahrt auch ein 
Gesuch der Orchestermitglieder des Deutschen Landestheaters zu Prag, das 
sie Ende September 1904 Herrn Direktor Angelo Neumann einreichten. 
Es heisst da: „Derzeit beziehen von 55 Mitgliedern 52 ein Gehalt von 
720 bis 1680 Kronen j&hrlich, darunter mehrere mit fiber 20 Dienstjahren. 
Wenn man von diesem Einkommen in Abzug bringt: Wohnung Kr. 400, 
Kleidung, Wfische und Schuhe Kr. 300, Steuer, Agent, Krankenkasse und 
Pensionsfonds Kr. 150, Heizung und Beleuchtung Kr. 100, Instandhaltung 
des Instrumentes Kr. 60, Arzt, Musikalien und Fachzeitschrift Kr. 50 — 
zusammen Kr. 1060: so bleiben den zwei Hochstbezahlten (1680 Kr.) 
620 Kr., das ist pro Tag ca. 1 Kr. 70 Heller; den mit 1560 Kr. bleibt pro 
Tag ca. 1 Kr. 36 Heller; den mit 1320 Kr. pro Tag 72 Heller; den mit 
1200 Kr. pro Tag 40 Heller; den mit 1080 Kr. pro Tag 6 Heller fur den 



') Nach dem Tode Hans von Bulows wurde mir die Ebre zuteil, die Angelegen- 
heiten eioes Komitees zu besorgen, das sich die Errichtung eines Denkmals fur den 
dahingeschiedenen Meister in Hamburg zur Aufgabe gesetzt hatte. Das Denkmal hat 
auf dem Ohlsdorfer Friedbofe seioen Platz gefunden; es ist ein Werk Adolf Hilde- 
brandts, also schlicht, wurdig, vornehm. Hltte ich damals gewusst, wie es urn die 
Hamburger Musiker stand, so wfirde ich den Vorscblag gemacht haben, an Stelle eines 
Monumentes, im Sinne und zum Gedlchtnis Billows, jenem Orcbester, mit dem er 
kameradschaftlich zusammengewirkt hatte und das er schltzte, eine Ehrengabe zu 
stiffen. Fraglos wlren f&r diesen Zweck von alien Seiten noch ansebnlicb hdhere 
Beitrige eingegangeo, als die, welche sich zum Denkmalfonds rundeten. 



Digitized by 



Google 




K 



91 
MARSOP: SOZ1ALE LAGE D. DEUTSCH. ORCHESTERMUSIKER 

fibrigen Lebensbedarf." Vergleicht man diesen Haushaltungsplan mit den 
beiden vom Frankfurter und Hamburger Theaterorchester vorgelegten, so 
fragt man sicb unter anderem, was wobl die Prager Musiker, sofern sie 
Familie haben, mit ibren Kindern anfangen mogen. Sollten diese bei 
den an der Moldau und auswfirts veranstalteten „Maifestspielen" in der 
Statisterie beschflftigt werden? Herr Direktor Angelo Neumann bezeichnet 
sicb mit Vorliebe als einen Apostel Richard Wagners. Als solcher bat er 
zweifelsohne des Meisters Abbandlung v Entwurf zur Organisation eines 
deutschen Nationaltheaters fur das Konigreicb Sacbsen a zu wiederholten 
Malen mit aller Aufmerksamkeit gelesen. Wagner, der bei allem hoch- 
gemuten Idealismus eine starke praktische . Ader in sicb hatte und aus 
eigener Kapellmeister-Erfahrung mit dem Leben und Leiden der Instru- 
mentalisten jedweder Leistungsstufe grundlicb Bescbeid wusste, bat fur 
die OrcbesterkrMfte einer Buhne von Rang und Ansehen im Jabre 1849 
hohere Gehaltssummen gefordert, als sie zu Prag im Jabre 1904 bezahlt 
wurden. ErwMgt man, wieviel gute Sacben sich vor einem halben 
Sfikulum allerorten noch fur einen Taler kaufen liessen, wie insbesondere 
Dresden dazumal der Billigkeit aller .Verbrauchsguter" wegen gepriesen 
wurde, wie die Anforderungen an das Konnen, an die pbysische und 
geistige Arbeitsflhigkeit der Spieler sich inzwischen derart steigerten, dass 
nicht einmal Wagner mit seiner, zukunftigen Entwicklungen so rasch und 
treffsicher voraneilenden Phantasie eine Abnung davon hatte: so muss 
man es dreifach bedauern, dass Neumann es sich allein auf diesem Ge- 
biete fur die spitere Zeit seiner Direktionsfuhrung aufgespart hat, seine 
Anschauungen mit denen des von ihm hochverehrten Meisters in Einklang 
zu bringen. 



Allerhand Banausen, die mit dem schwunghaften, vorurteilslosen 
Betrieb eines Holz- oder Nihmaschinen-Handels ihr Schiflein bei Zeiten 
geschoren oder ins Trockene gebracht haben, auch allerhand Geheimrite, 
die unentwegt auf dem grunen Tisch die graue Tbeorie kreiseln lassen, 
pflegen einen roten Kopf zu bekommen und aufzubegehren, wenn man 
von der unzureichenden Besoldung der Orchestermusiker spricht: es feble 
diesen wahrlich nicht an Gelegenheit zu reichlichem Nebenerwerb! 
Was doch die Leute gescheit daherreden! Vorerst einmal: es gibt zahl- 
reiche Gruppen von Orchestermusikern, die beim besten Willen, Privat- 
stunden zu geben, nach Lage der Dinge keine Schuler finden konnen. Wer 
will, abgesehen von den aus bescheidensten Verhflltnissen hervorgehenden 
Knaben oder Halbwuchsigen, die sich bei einer Stadtpfeiferei verdingen, 
wer will im Bratschen- und Kontrabassstreichen, im Trompeten-, Posaunen-, 



Digitized by 



Google 



WL 



92 
DIE MUSIK IV. 14. 




Fagottblasen, im Paukenschlagen Unterricht n eh men? Ehemals gehorte es 
in der besten Gesellschaft zum guten Ton, sich des gliickseligen Floten- 
spieles zu befleissigen; welcher staatserhaltende Referendar oder Ober- 
leutnant ist heute noch geneigt, zu holder Maienzeit seine Seele dem 
zarten Rohrinstrument einzuhauchen? Die Klarinette hatte einst ihren 
gesicherten Posten in der Hausmusik; sie ist aus ihr mit ihren Verwandten 
durch das unselige, starre, alles musikalische Feingefuhl ertotende Klavier 
verdrMngt worden. In den wenigen Stadten mit hoher Einwohnerzahl, die 
ein fur alle Lehrfacher sachgemass versehenes Konservatorium besitzen, 
wird der erste Vertreter der Oboe, des Homes, des Fagotts im Koniglichen 
oder grossen Stadttheater-Orchester wo hi auch zu einer offiziellen Professur 
berufen. Was dann gemeiniglich zur Folge hat, dass er notgedrungen 
entweder seine Lektionen kiirzt oder sich bei den Buhnenproben verspitet, 
hier wie dort aber abgehetzt, mude eintrifft und seine Kunstlerschaft nicht 
voll zu entfalten vermag. Denn niemand kann zween Herrn dienen. Eine 
auch nur zweiundeinhalbstiindige Probe am Vormittag — unter anderem 
wird aus Mainz von funfstundigen, aus Wien, Prag und Darmstadt von 
sechsstundigen Proben berichtet — eine gegenwdrtig fast zu den Seltenheiten 
zMhlende nur knapp dreistundige Auffuhrung am Abend: sie erschopfen, 
bei ahnlicher Inanspruchnahme an vier, fiinf, womoglich sechs Wochen- 
tagen, auch die Elastizit&t eines riistigen Mannes in den besten Jahren 
vollkommen. Dazu tritt dann in Dresden, Munchen, Wien, Leipzig noch 
der entweder nicht besonders honorierte oder mit einer kaum nennens- 
werten Sonderentsch&digung bezahlte Kirchendienst. Wenn nun, was doch 
in der Regel der Fall, jene an Unterrichtsanstalten tatigen BIMser und 
ebenso die Violinisten und Cellisten, die noch eher Privatstunden be- 
kommen, gewissenhafte Kunstler sind, die hiiben und driiben, in der Klasse, 
im Theater, im Symphoniekonzert, in alien Proben sich nach Kraften be- 
wMhren, dann miissen sie binnen kurzem invalid werden, erblicken also 
das gelobte Land, wo sich die Begnadeten des „Hochstgehaltes" erfreuen, 
nicht einmal aus der Feme. Und bieten sich ihnen wiederum keine Lek- 
tionen, wasmassen in jiingster Zeit viele Eltern in berechtigter Wahr- 
nehmung ihrer Interessen erklSren, sie wollten ihre Kinder uberarbeiteten 
Musikern zum Unterricht nicht anvertrauen, so konnen sie ihren Gurt recht 
fest um den Leib schnallen. Ein schlimmer Zirkel, aus dem nur dadurch 
herauszukommen ist, dass die Orchestermitglieder mit einem auskommlichen 
Gehalt bedacht und somit in den Stand gesetzt werden, auf den problema- 
tischen Nebenverdienst durch Stundengeben ganz zu verzichten. 

An sich stunde es ja dem ausfuhrenden Musiker offen, Nebenerwerb 
noch in anderer Form wahrzunehmen. Er kann Noten kopieren, er kann, 
sofern ihm eine hinlftngliche theoretische Bildung zu eigen ist, auch 



Digitized by 



Google 





93 
MARSOP: SOZIALE LAGE D. DEUTSCH. ORCHESTERMUSIKER 

leichtere Arrangements verfertigen, einen Dilettanten-, einen kleineren 
Gesangverein leiten, und ahnliches mehr. Nur dass Tonsetzer und Ver- 
leger, die schriftliche Arbeiten in Auftrag geben, einen bestimmten Ab- 
lieferungstermin innegehalten wissen wollen, und Vereine der gedachten 
Art sich mit ihren Ensembleubungen und Produktionen an im vornherein 
festgesetzte Abende zu binden haben — der Orchestermusiker aber nicht 
Herr der Stunde ist. „ Auch mussen wir*, heisst es im Memorandum der 
einer grdsseren mitteldeutschen Hofbuhne angegliederten Korporation, „nach 
dem Theatergesetz stets dienstbereit sein und konnen tiber unsere freie 
Zeit niemals im voraus verfiigen." Doch nicht allein die Musiker, die 
abhangig sind vom Theater, vom wechselnden Spielplan und seinen tausend 
unberechenbaren, durch Krankheiten, Gastdarstellungen, szenische Vor- 
bereitungen bedingten Verfinderungen: auch Instrumentalisten, die nur auf 
dem Konzertpodium tfitig sind, haben es oft nicht in der Hand, bindende 
Verpflichtungen in Bezug auf die Erteilung von Unterricht oder die Uber- 
nahme von Schreibwerk einzugehen. Wer dem Berliner philharmonischen, 
dem Miinchner Kaim-, dem Chemnitzer Orchester angehort, hat in einer 
Reihe von Winter-, beziiglich Pruhjahrsmonaten stets die Hand am Koffer- 
schloss. Bedeuteten nur diese Kollektivreisen fur den Musiker weiter 
nichts als den Entgang eines wenn auch nicht leicht zu entbehrenden 
Nebengewinns ! Doch sie zehren, wenn sie sich ofters wiederholen, an 
seinem Mark. Noch nicht einmal das Schlimmste ist, dass bei der kost- 
spieligen Lebensweise, die das Unterwegssein, das Aus und Ein in den 
Gasthofen auch fur den Anspruchslosesten mit sich bringen, die Reise- 
diaten — wenn solche uberhaupt anfallen — , die Gage, ja selbst die 
paar zuruckgelegten Notgroschen aufgebraucht werden. Schwerer hat der 
Betroffene an dem Schaden zu tragen, den die harten mit dergleichen Ex- 
peditionen untrennbar verbundenen Strapazen den Nerven, dem ganzen 
Organismus zufugen. Im Januar 1903 machte das Kaim-Orchester eine 
Tournee durch dsterreichische und deutsche Stfidte: tiber sechstausend 
Kilometer Personenzug, durchweg mit Benutzung der dritten Klassel Es 
ware im hochsten Grade unbillig, aus diesen und Mhnlichen Tatsachen gegen 
Herrn Hofrat Kaim Vorwurfe herzuleiten. Er ist ein durchaus ideal ge- 
sinnter, stets opferbereiter Mann, der unter den denkbar schwierigsten 
Verh&ltnissen Bedeutendes geschaffen hat und seinen Musikern eine wohl- 
wollende, humane Gesinnung keineswegs nur mit leeren Worten bezeigt. 
Ob er will oder nicht: er muss sein Orchester einstweilen noch reisen 
lassen, urn es uberhaupt erhalten zu kdnnen. Ergeben sich daraus fuhl- 
bare, nacbhaltig sich geltend machende Schaden fur die Einzelnen, so ist 
das denen zur Last zu legen, die, wie es lfingst hStte geschehen sollen, 
dem Manne, dem Suddeutschland im allgemeinen und Munchen im be- 



Digitized by 



Google 




94 
DIE MUSIK IV. 14. 




sonderen zu grossem Danke verpflichtet sind, noch nicht einen ange- 
raessenen Teil seiner Burde abgenommen haben : also in erster Linie dem 
Magistrat und den Gemeindebevollmlchtigten der baierischen Hauptstadt. 
Kaims schwieriger Situation hat man Rechnung zu tragen. Gar nicht scharf 
genug ist jedoch die Handlungsweise der Dirigenten und Agenten zu geisseln, 
die lediglich um des schnoden Geldgewinnes halber in kiirzester Frist ein 
wackeres Orchester von Ort zu Ort hetzen — ohne fur derartige ausser- 
ordentliche Anstrengungen eine auch nur annShernd genugende materielle 
Gegenleistung zu bieten. So war der Hofballmusikdirektor Eduard Strauss, 
der vielen Zuhdrern frohe Stunden bereitete, seinen Schutzbefohlenen gegen- 
uber ein schlimmer Blutsauger. Er brachte es fertig, mit seinen Leuten 
einmal in 40 Tagen 30, ein andermal in 150 Tagen 83 Stfidte zu bereisen — 
wobei die Bezahlung derart war, dass verschiedene Mitglieder haufig in 
den ,Herbergen zur Heimat" wohnen mussten, da sie den Preis fur ein 
Unterkommen in einem anstdndigen Gasthause nicht zu erschwingen ver- 
mochten. 1 ) Von amerikanischen Managern werden allerdings Ehre und 
Gesundheit des Orchestermusikers noch geringer angeschlagen : umsomehr 
Grund fur unsere Kunstler, alien Lockungen von Agenten, welche die 
angeblichen Vorteile tiberseeischer Stellungen und Tournees aufs beredteste 
herausstreichen, mit grSsstem Misstrauen zu begegnen. Etwas honnetter 
hungert sich's doch noch in Deutschland. 

Eine Art Nomadendasein fuhren auch die Mitglieder der Koburg- 
Gothaischen Hofkapelle. Von Anfang September bis Neujahr wird in 
Koburg, von da ab bis Ostern in Gotha gespielt; hierauf folgt noch eine 
kurze Fruhjahrssaison in Koburg. Fur die Dauer der Gothaer Spielzeit 
erhait jedes Mitglied freie Wohnung und Diaten, die eben gerade hin- 
reichen, um die personlichen Bedurfntsse eines Einzelnen zu bestreiten. 
Da auch die Jahresgagen im Durchschnitt ausserordentlich niedrige sind, 
ergibt sich fur die Verheirateten, dass, zumal wahrend des ersten J ah re s- 
quartals, entweder die Kunstler oder ihre zumeist in Koburg ans&ssigen 
Familien sich aufs ausserste einschrMnken mtissen. Sich auf einen doppelten 
Haushalt einzurichten, ist % schon fur Wohlhabendere kein leichtes Stuck — 
nun gar fur mittellose Musiker, die von der Hand in den Mund leben! 
Deswegen, und der zuweilen hohen Reisekosten halber sind auch die so- 
genannten Sommerengagements in Badern fur Mitglieder der Orchester 
kleiner Hoftheater, die mehrere Sommermonate pausieren, nur von be- 
dingtem Wert. Einem relativen Mehr an Einkommen steht unter diesen 
Umstinden ein unvermeidlicher grosserer Verbrauch gegenuber. Ausser- 
dem ist es fur jene Musiker fast ausgeschlossen, eine wirklich lohnende 
Sommerstellung zu erhalten. Die Badedirektionen schliessen nur gem 

*) Bcicugt durch die Zcitschrift ,Dts Muslkkorps* (Berlin, 21. 7. 1882). 



Digitized by 



Google 





95 
MARSOP; SOZIALE LAGE D. DEUTSCH. ORCHESTERMUSIKER 

JKontrakte fur die sogenannte voile Saison — 1. Mai bis 15. oder 30. Sep- 
tember — ab, weisen also selbst tuchtige Krafte zuruck, die sich ihnen 
fur Juni, Juli, August antragen. So werden jene Monate fur viele, die 
ihre Angehdrigen nicht darben sehen wollen, zu einer bdsen Sorgenzeit. 
; Denn die Hofbureaukratie sagt: wessen Dienste nur fur dreiviertel des 
Jahres in Anspruch genommen werden, der bekommt auch nur fur drei- 
viertel des Jahres zu essen — und die Fursten, die auf schleunige 
Abhilfe dringen wurden, wenn man ihnen die Sachlage Zug fur 
Zug getreulich darstellte, werden gleicherweise in herzoglichen 
und in koniglichen Residenzen durch ihre vortragenden Rate 
und Vertrauenspersonen tiber das Los ihrer Hofmusiker ab- 
sichtlich im Unklaren gelassen. 

Ich hdre fragen, warum ich das Orchestermitglied als pater Camillas 
in den Vordergrund rucke. Die Unverehelichten kdnnten sich doch ganz 
ordentlich durchbringen; und wer zwinge einen armen Teufel zu heiraten 
und Kinder in die Welt zu setzen? Das ist Gassenweisheit. So lange 
wir noch die Familie als Grundpfeiler eines geordneten Staatswesens be- 
trachten, so lange darf die Begrundung einer solchen nicht erschwert, also 
nicht vom Nachweis des Vorhandenseins einer ausk5mmlichen Rente ab- 
hfingig gemacht werden. Gerade fur den Orchestermusiker, der durch 
seine engen Beziehungen zum Theater, durch den berufemXssig gegebenen 
Verkehr in dffentlichen Lokalen jeder Art, durch die nicht von seinem 
Willen abhiingige, von Tag zu Tag sich andernde Arbeitseinteilung mancherlei 
Versuchungen ausgesetzt bleibt, ist es von zwiefacher Wichtigkeit, an einem 
Heim, an einer geregelten Hduslichkeit einen moralischen Ruckhalt zu 
besitzen. 

Doch auch die Mitglieder der grossen Hof- und Stadttheater-Orchester 
denken an den Begriff Ferien mit gemischten Gefuhlen. Sie ihrerseits, 
weil die Ruhepause, deren sie dringend bendtigen, im allgemeinen zu knapp 
bemessen ist. Fur Korporationen, die eine so bedeutende kunstlerische 
Verantwortlichkeit auf sich lasten haben, die im Laufe des Jahres auf 
mannigfachen Feldern soviel Energie und Intelligenz bewflhren miissen, 
wie die Munchner Hofmusiker oder die Leipziger Gewandhaus-Garde, waren 
sechs Wochen Ausrastens sicherlich nicht zu viel. Ist eine derartig lange 
Unterbrechung im Hinblick auf die unumg&ngliche Verwertung des sommer- 
lichen Fremdenverkehrs nicht statthaft, so empf5hle sich eine Einteilung in 
der Art, dass etwa vom 15.Juni bis 15. Juli — als wflhrend der nachgewiesener- 
massen schlechtesten Zeit fur den Theaterbesuch — und spiter vom 
15. — 30. September die Opera vorstellungen eingestellt wurden. Billig 
Denkende werden beriicksichtigen, dass unter alien Berufsklassen die des 
Orchestermusikers in bezug auf Erholung am schlechtesten daran ist Er 



Digitized by 



Google 




96 
DIE MUSIK IV. 14. 




kennt keine Sonntagsruhe, keinen Feiertag. Das sonntaglich gefullte Haus 
soil fur den Direktor manche schwach besuchte Wochenauffiihrung wett- 
machen. Was hilft es viel, wenn die vorzitglichsten Krafte auch gelegent- 
lich von der Mitwirkung in einer Spieloper entbunden werden, wenn die 
Solisten sich zwischen dem zweiten und dritten Akt ablosen? Zwei Auf- 
ziige „Meistersinger" oder ^Siegfried" sind fur den Vertreter der ersten 
Hornstimme im Rahmen der regelmassigen Jahrestatigkeit einer Buhne 
gerade genug. Und wer entlastet die „zweite Garnitur" der Blaser und 
und das Gros der Streicher? Wagner hatte wenige Auffiihrungen des 
„Ringes" im Auge, die den Charakter des ganz Aussergewohnlichen, des 
Festlichen tragen soil ten; die Biihnenleiter werkeln die Tetralogie dutzend- 
weis herunter, weil die ,Gotterdammerung" gegenwSrtig die hochste 
Kasseneinnahme verburgt. Es ist also nicht Wagner, sondern der Direktor, 
der die Instrumentalisten uberanstrengt. Dazu soil, wenn anders das in 
Frage stehende Institut sich kein Armutszeugnis ausstellen will, ein deut- 
liches Bild vom Schaffen, von den Bestrebungen unserer Tage entworfen, 
und das ruhmwurdige, noch zu unserem Herzen sprechende Alte von Zeit 
zu Zeit neueinstudiert werden. Dazu sollen symphonische Konzerte vor- 
bereitet werden, damit die gemeinnutzigen Zwecken dienenden Fonds doch 
einen Notgroschen hergeben, wenn KrankheitsfSlle eintreten oder die 
Familie ihres Ern&hrers beraubt wird. 

All diese geh&ufte, vielfach iiberschwere Arbeit lastet hauptsachlich 
auf den Schultern der teils zur Not ertraglich, teils jammervoll bezahlten 
Orchester. Und zwischen Friihdienst in der Kirche, Vormittagsprobe, 
Nachmittagslektion und einer sich womoglich bis gegen Mitternacht hin- 
ziehenden abendlichen Auffiihrung muss schlechterdings noch eine Ubungs- 
stunde eingeflickt werden, damit das technische Konnen auf der Hdhe bleibt 

Wo soil das hinaus? 



Jede allzustarke, zu lange fortgesetzte moralische und korperliche 
Anspannung fiihrt mit Notwendigkeit eine Reaktion herbei. 

„Es klingt durchaus glaublich" — so las ich in einem Bericht eines 
Auschusses der zweiten hessischen Kammer mit Bezugnahme auf eine 
Eingabe der DarmstMdter Hofmusiker vom Jahre 1901 — „wenn an einzelnen 
Fallen dargetan wird, dass haufig ein fruhzeitiger Krafteverbrauch die 
BerufstMtigkeit und damit die Grundlagen der wirtschaftlichen Existenz in 
Frage stellt." Dieser von einem unbeteiligten, ganz objektiven Beurteiler 
ausgesprochene Satz failt noch mehr ins Gewicht, insofern sich bei einem 
Vergleich ergibt, dass im Opernspielplan des Darmstadter Ho fth eaters der 
Jahre 1900 und 1901 besonders anstrengende Werke eher seltener an der 



Digitized by 



Google 





IV. 14 



FELIX MENDELSSOHN 

NACH DEM PORTRAT VON ED. MAGNUS 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 




ANTONIO SALIERI 
f7. MAI 1825 




IV. 14 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 





MAKSOP: SOZIALE LAGE j). DEUTSCH. ORCHESTERMUSIKER 

Reihe waren, als in dem eben diesen Zeitraum ausfullenden Repertoire 
anderer Buhnen von fthnlichem Charakter und mit einem ungefihr gleich 
hohen, will sagen gleich bescheidenen Orchesteretat. In weiteren Kreisen 
weiss man uberhaupt nichts oder so gut wie nichts davon, dass es eigene 
Instrumentalistenkrankheiten gibt, mit denen auch bei angemessenen Ein- 
kommensverhaitnissen zu rechnen ist. Durch das st&ndige Musizieren bei 
kiinstlichem Licht werden die Augen leicht angegriffen. Blaser, vornehmlich 
Hornisten, spfiren es, dass sie ihren Lungen sehr viel zumuten und haben 
oft mit den Zfthnen zu tun. Auch Magenleiden sind bei ihnen nichts 
aussergewdhnliches, insofern Blaser bei vielstundigen Proben sich unter den 
Pausen mit dem Essen sehr in acht nehmen mussen. Nicht selten kommt 
die sogenannte Geigerkrankheit vor, eine Nervositlt des rechten Armes, 
die innerhalb kurzer Zeit zur Dienstunfihigkeit fuhren kann, wenn sich 
hinlingliche Schonung nicht ermdglichen lftsst — womit es vornehmlich 
seine Schwierigkeiten hat, wenn der Betreffende in einem kleineren 
Orchester angestellt ist. Dass die Kopfnerven bei ausftihrenden Musikern 
aufs stirkste in Mitleidenschaft gezogen werden, durfte auch dem Laien 
ohne weiteres einleuchten. Die stete Sorge urn haarscharfe, hier und da 
durch eine verwickelte Rhythmik erschwerte, dazu in der Tonstlrke genau 
abzuwfigende Einsitze, das fortwfthrende Auf und Ab im Durchmessen der 
Stufenleiter der seelischen Affekte, die vom ersten bis zum letzten Takt 
mit hochster Sorgfalt zu regelnde geschmeidige Anpassung an den Vortrag 
des Singers, den man nicht sieht, sondern mit dem man nur durch das 
.Medium" des Kapellmeisters in Verbindung steht: das sind nur einige 
der Hauptmomente, die eine Anspannung des Nervensystems mit sich 
bringen, wie sie kaum in irgendeiner anderen menschlichen Tatigkeit ver- 
langt wird. So mit sind die Neurastheniker unter den Orchestermusikern 
besonders zahlreich zu finden. Alle diese Berufskrankheiten mussen 
natfirlich urn so hiuflger und urn so heftiger auftreten, wenn der Organismus, 
bei knapper Entlohnung, durch ungenugende Ern&hrung heruntergekommen, 
erschdpft ist. 

Noch ubler steht es erklftrlicherweise urn die Gesundheit der Musiker, 
die in der raucherfQUten, verdorbenen Luft von Brauereisftlen, Tanz- 
etablissements, Vari6t6s mitunter bis zum grauenden Morgen den Bogen zu 
fuhren gezwungen sind. Die Entlohnung: ein Pappenstiel. Und mit einer 
Anweisung auf die bessere Welt werden im vornherein die ausgestattet, 
die bei den meisten Badekapellen mitwirken. In ganz oder zu zwei 
Dritteln offenen Pavilions untergebracht, von dunnen, schlechtschliessenden 
Vorhingen nicht sowohl geschutzt als in der Handhabung der Instrumente 
behindert, werden sie durch ein barbarisches Herkommen, anders 
ausgedr&ckt, durch die grenzenlose Dummheit oder Rucksichtslosigkeit 

IV. 14. 7 



Digitized by 



Google 



fps- 



93 
DIB MUSIK IV. 14. 




irgendwelchen Badekommissariates dazu gendtigt, jeder Witterung Trotz 
zu bieten. 1st es scbon keine Kleinigkeit, bei einer niedrigen Temperatur 
im Freien still sitzend eine mechanische Arbeit verricbten zu sollen: 
wie erst, wenn noch eine geistige Anstrengung dazu kommt! Icb bezeuge, 
dass icb zu Baden-Baden, Reichenhall, Kissingen, Munster am Stein die 
Musiker in einem zugigen Kiosk bei acht und sieben Grad Reaumur 
Fruhkonzerte ausfuhren hdrte. Wie viele Schwindsuchtskandidaten m5gen 
darunter gewesen sein? 

Hingegen wird mehrfach verlangt, dass diese Vorubungen fur einen 
sibirischen Winterfeldzug in „ tad el loser Adjustierung" von statten gehen. 
Der z&hneklappernde, trubselige Tropf, dessen Mittagessen nicbt selten 
aus einem Wecken und einem Stuck Wurst besteht, ist gehalteri, dem in 
zwangloser Morgentoilette nach Gefallen bin und her schlendernden, sein 
Tun gemeiniglich verstandnislos angaffenden Badepbilister in wohlgebugeltem 
hohen Seidenhut gegenuberzusitzen. Scbaut man sicb uberbaupt im Kapitel 
der fur Musiker heute noch bestebenden „Kleiderordnungen" ein wenig 
um, dann trifft man auf Dinge, die bald zum Lachen, bald zum Zorn reizen. 
O heiliges Mittelalter! Dass Hof musiker bei Hofkonzerten und anderweitig 
noch eine Hof uniform zu tragen haben, druckt ihre soziale Stellung inso- 
fern gewiss nicbt berunter, als ja aucb fur Zivilbeamte mittlerer, hoher 
und hochster Rangklassen bei bestimmten Gelegenheiten Degen, Schiffhut 
und Tressengewand vorgeschrieben sind. Aber wie kann man verlangen, 
dass ein Familienvater, dessen gesamtes Einkommen 1800 Mark und 
darunter betrSgt, jene goldstarrende Galatracht aus eigener Tasche zahle? 
Was ist das vollends fur eine Unuberlegtheit, einem Musiker, der vor dem 
kleinsten Einkauf den Pfennig zweimal umkehrt, zuzumuten, bei jeder 
Vorstellung, ja beim lumpigsten Ballet, in Frack und weisser Kravatte zu 
spielen? Ob der Herr Generalintendant, der solches verordnet, eine 
Ahnung davon bat, was die hierdurch bedingten Ausgaben fur Wftsche und 1 
anderes im Miniaturbudget seines Untergebenen ausmachen? Er wurde 
in keine kleine Erregung geraten, sofern man ihm von seinem Minister- 
gehalt gleich vornweg einen entsprechenden Prozentsatz als Repr&sentations- 
opfer abforderte! Genugt es denn nicht, wenn der Musiker in anst&ndiger, 
dunkler Kleidung erscheint? 1 ) Sollte, was ja mit der Zeit geschehen mag, 
auch im Wirkungskreise jenes Fanatikers der Etikette das verdeckte 
Orchester zur Einfuhrung gelangen, so wire er wohl imstande, einem 



') Nicht our in Hoftheatern besteht der Frackzwang fQr die Spieler. So 
mussen auch i. B. im Kureaal von Montrcux die Musiker mit dem Gesellschaftsanzug 
angetan t ein. Vie reimt sich das mit den vorurteilslosen Anschauungen, um derent- 
willcn man den Republiken im allgemeinen und der freien Eidgenossentcbaft im 
betonderen die tchitasten Komplimente macht? 



Digitized by 



Google 




99 
MARSOP: SOZIALE LAGE D. DEUTSCH. ORCHESTERMUSIKER 



m 



P"l i ■ — ■ i ■ ■ 

Musiker, der nach Bayreuther Muster sich's dort von Rechts wegen in 
Hemd&rmeln bequem machte, die „Karzerstrafe M zuzudiktieren — die, 
gemlss einem nach wie vor in Kraft befindlichen Statut vom Jahre 1845, 
am fraglichen Institut fiber Unbotmassige noch verh&ngt werden kann. 
Welche Vorstellung hegt dieser bis in die Fingerspitzen ehrenhafte und 
nichts weniger als unbegabte, aber leider um vier Jahrhunderte zu spat 
geborene und ganz und gar unmusikalische Chef wohl vom Wesen eines 
freien, redlichen ausubenden Kfinstlers, wenn er heutigestags folgenden 
Ukas bekannt gibt: ,Das Aufrucken der Kdniglichen Kammermusiker in 
eine hdhere Gehaltsklasse wird von nun an nicht mehr lediglich von der 
Anciennit&t, sondern auch von ihrem kunstlerischen und pers5nlichen 
Verb alt en abhingen"? Ahnt er nicht, dass er sich mit derartigen 
Kundmachungen ganz in die Hftnde von Geschichtentrfgern und Geb&rden- 
spihern gibt? Im ubrigen leben anscheinend noch andere Intendanten, 
die schnurrigerweise just den Orchestermusiker als ein in sozialer Hinsicht 
ftusserst ruckstindiges Individuum betrachten und ihm die ungemeinsten 
Dinge zutrauen. Im $ 78 des Theaterhausgesetzes des Deutschen Bfihnen- 
vereins, der doch nur angesehenere Institute umfasst, steht geschrieben: 
,Im Orchesterraum darf weder gegessen noch getrunken, auch keine Zeitung 
gelesen und sonst dergleichen vorgenommen werden." Wenn ich 
dieses k5stliche .dergleichen* richtig deute, so hat man darunter zu ver- 
stehen, dass auch Kegelschieben, Scheibenschiessen und Velozipedfabren 
im Orchesterraum verboten sind. Wenigstens w&hrend der Vorstellung. 



In saurer, oft aufreibender Arbeit fruh seine beste Kraft zusetzend, 
ungenfigend entlohnt, von Vorgesetzten bald durch Hochmut, bald durch 
offensichtlich erkunstelte Freundlichkeit verletzt, von unserer erst seit 
kurzem zu grdsserem Wohlstande gediehenen und deshalb noch kindisch 
besitzstolzen burgerlichen Gesellschaft als vermdgenslos fiber die Achsel 
apgesehen, hat der deutsche Orchestermusiker sich zu allem ubrigen noch 
gegen eine sehr empfindliche Konkurrenz zu wehren. Sie macht sich auf 
vtrschiedene Weise geltend. Fur die gr5sseren 9 eine hdhere Stufe der 
Kunstlerschaft behauptenden, meist einem Hoftheater angeschlossenen oder 
von einer stidtischen Verwaltung besoldeten Orchesterkdrper durch das 
Eindringen von Auslindern. Fur die kleineren, einer festen Organisation 
entbehrenden, aus ungleichartigen Spielern sich zusammensetzenden und 
dem Erwerb, wie er sich gerade bietet, nachgehenden Verbftnde durch die 
Berufsgenossen in Uniform, die Beamten- und die Lehrlingskapellen. Was das 
Sicheinnisten von Fremden in angesehene einheimische Korporationen betrifft, 
so mdcht 9 ich solche Gefahr nicht unter-, aber auch nicht uberschatzen. In 

7* 



Digitized by 



Google 




100 
DIE MUSIK IV. 14. 




den Dutzenden von Mitgliederlisten, die mir vorlagen, fand ich eine aller- 
dings beachtenswerte, aber noch keine Besorgnisse einfldssende Zahl 
slawischer, besonders tschechischer Namen ; auch Hollander, Belgier, Skan- 
dinavier tauchten auf. Aber der Prozentsatz der Auslfinder kann sich in 
Zukunft steigern, zumal da die Agenten, fiber deren kosmopolitisch ver- 
waschene Gesinnung und Mangel an Verstindnis fur deutschen Kunstgeist 
ja kein Wort zu verlieren ist, sich neuerdings auch mit dem Import und 
der Empfehlung von Instrumentalisten befassen. Es kommt doch gewisslich 
nicht nur darauf an, dass der Blftser oder Streicher ein verlfisslicher, ein 
hervorragender Techniker sei: er muss auch von Natur aus die Ffthigkeit 
in sich haben, den Geffihlswerten, der Deklamation des deutschen Vor- 
tragsstiles gerecht zu werden — wozu selbst der suggestionskriftigste 
deutsche Kapellmeister einen Kroaten oder Urbdhmen nicht erziehen kann. 
Freilich haben deutsche Musiker viele Stellen in englischen, amerikanischen, 
russischen Orchestern inne. Doch die beiden ersteren fiihren ihren Horern 
in der Hauptsache deutsche Musik vor. In die Tschaikowsky'sche Tonkunst 
aber mit ihrer Mischung von Steppenextrakt, abgestandenen Pariser Parfums 
und italienisch - internationaler Rfihrduselei findet sich der deutsche 
Instrumentalist wohl ungleich leichter hinein als der Moskowite in Beet- 
hoven. Auch darf man nicht vergessen, dass jene Posten in England 
und anderswo fast alle von einer Saison zur andern kfindbar sind, wenn 
nicht iiberhaupt nur fur eine Unternehmung von der Dauer weniger Monate 
besetzt werden, dass dazu selbst mit einem auf lftigere Frist abgeschlossenen 
Engagement dort keine beruhigende Abmachung fur die Zukunft, fur die 
Tage der Erwerbsunf&higkeit verbunden ist. Wogegen der Ausl&nder, der 
in ein gefestigtes deutsches Orchester aufgenommen wird, unmittelbar mit 
seinem Eintritt oder nach Ablauf einer kurzen Probeperiode die Anwart- 
schaft auf Pension erhfilt. 

Ober die Konkurrenz der Militir- und Beamtenkapellen ist vornehmlich 
wahrend der letzten zwei Jahre ein so reichhaltiges Material der dffentlichkeit 
zug&nglich gemacht worden, dass ich mich in bezug auf dieses Gebiet des 
mehr negativen Teiles meiner Aufgabe, der Schilderung der vorhandenen 
Missstfinde, entschlagen darf. Innerhalb eines weiteren Kapitels, das an 
dieser Stelle mit Nftchstem zum Abdruck gelangen und eine Reihe von 
unmassgeblichen Vorschlagen zur Besserung der unhaltbaren Lage der 
Orchestermusiker bringen soil, werde ich auch darzulegen versuchen, welche 
Figur die Militftrkapelle in ihrer heutigen Zusammensetzung macht, welche 
Rolle sie im Tonleben der Gegenwart spielt, und wie die schwierige Kon- 
kurrenzfrage in aller Ruhe einer durch die Logik der Tatsachen vorgezeich- 
neten Losung entgegenzu fuhren ist. Fur diesmal obliegt es mir noch, fiber 
die Konkurrenz durch Lehrlingskapellen, somit auch fiber diese selbst 



Digitized by 



Google 





101 
MARSOP: SOZ1ALE LAGE D. DEUTSCH. ORCHESTBRMUS1KER 

und fiber Verwandtes einige Betrachtungen anzustellen, die in Rucksicht 
auf den noch verfugbaren Raum kurz ausfallen mussen. 

Aus welchen Elementen setzen sich die Lehrlingskapellen zusammen? 
Wessen Angebot drucken sie herunter, wem zerschneiden sie den Existenz- 
faden? 

Hier ateht, hier kfimpft Elend gegen Elend. Von Mnsikern muss 
nunmehr gesprochen werden, die unter alien die am meisten beklagens- 
werten sind, weil fortgesetzte Entbehrung und menschenunwurdige Behand- 
lung das Gefuhl fur das Jammervolle ihres Daseins abgestumpft, wenn 
nicht erstickt haben — sofern es je rege war. 

Ein kleines frostiges Arbeiterheim oder ein uberschuldetes Bauern- 
gutchen. Es 1st ein derbknochiger Junge da, der, allerhand schlechte 
Beispiele vor Augen, sich nicht ordentlich mitanstemmen mag. Er wird 
grSsser, er kann denen, bei denen Schmalhans Kuchenmeister ist, nicht 
linger auf der Tasche liegen. Ein ehrsames, schwielenziehendes Handwerk 
lockt ihn nicht. Der Vetter Franz, der ihm das Harmonikaspielen bei- 
brachfe, der hat's gut: er ist Musiker geworden, geigt mit seinem w Direktor" 
dort herum, wo es gehorig Freibier absetzt, auch Gratiszigarren. Dazu 
die Mftdels . . . Und, wenn er spfiter zum Militlr kommt, der Franz, 
dann braucht er nicht mit dem Schiessprugel zu schuften — dann sitzt 
er in der prallen Uniform auf der Estrade, schnurrt mit den Kameraden 
sein Stuck ab, wird beklatscht, hernach flott traktiert — heidi! Unser 
Freund lisst sich also auch zu einem Stadtpfeifer, alias Kapellmeister, in 
die Lehre tun. Der Lehrherr hat nicht Zeit oder Lust, Unterricht zu 
geben. Das besorgt der Grossbursche. Naturlich nur dann, wenn der 
Neueingetretene nicht etwa fur irgendwelche hfiusliche Verrichtungen ein- 
gespannt ist. Gibt's keinen Kohl zu putzen, keine Kinder zu wiegen, 
dann eignet er sich mit Ach und Krach die Technik eines Blasinstrumentes, 
dazu auch soviet Violinkratzen an, dass es fur einen Kirmeswalzer aus- 
reicht. Danach zieht er, als fertiges Mitglied der Bande, in Bier- und 
Balllokalen oder zu Tanzgelegenheiten auf die Dorfer mit herum, muss 
sich der fur den jungen KSrper notwendigen Nachtruhe entwdhnen, wird 
mit dem vertraut, was gerade noch gefehlt hat, urn alle schlechten In- 
stinkte in ihm aufzustacheln, ruiniert sich geistig und physisch, ehe er 
Mann geworden ist. Ohne moralischen Halt, besitzt er nicht den Mut, 
dem Lehrherrn gegenuberzutreten, sich einen auch nur bescheidenen Lohn- 
groschen auszubedingen. Er wird weiter mit geschleppt, von Kneipe zu 
Kneipe, von Jahr zu Jahr . . • Allgemach zerrinnt der schSne Traum von 
der schmucken Uniform, der spfiteren Zivilversorgung, dem Auftrumpfen- 
kdnnen vor Vettern und Basen. Das Dasein ist nur noch ein stumpfes, 
dumpfes Vegetieren, aus dem er hSchstens einmal aufgeschreckt wird, 



Digitized by 



Google 



in. 



102 
DIE MUSIK IV. 14. 




wenn ein roherer Leidensgenosse mit einem Rippenstoss dareinffihrt. In 
der Perspektive: das Armenhaus, das Hospital. Der Lehrherr aber hat 
wieder einraal eine billige Kraft gewonnen. Und sobald er eine Anzahl 
solcher billiger KrSfte beisammen und aneinandergekoppelt hat, ist er 
naturlich imstande, bei Gastwirten, kleineren Vereinen, Besitzern von 
Vergniigungslokalen die Leiter solcher Kapellen zu unterbieten, die fertig 
ausgebildete Spieler engagieren und ihnen wenigstens eine durftige Ent- 
lohnung bieten mussen. — Fraglos gibt es auch hier und da einen red- 
lichen, sich seiner Verantwortlichkeit bewussten Prinzipal. Doch ich hatte 
den typischen Pall zu schildern. 

Jetzt zu denen, die von den Lehrlingskapellen an die Wand gedruckt 
werden. Nehmen wir einige BInde der „Deutschen Musiker-Zeitung tt zur 
Hand und gehen wir die Anzeigen durch. „Stftdtische Musikdirektoren" 
oder handfeste Routiniers, die sich beliebige, von Niemand bestrittene 
Titel beilegen, suchen in Orten bis urn die 20 000 Einwohner erste 
Klarinettisten, erste Trompeter, die zugleich gute Geiger sein mussen, fur 
ein Monatsgehalt von durchschnittlich 60 Mark. Nicht oft daruber. Dann 
aber werden merkwurdige Anspriiche erhoben. Eine Gage von sage und 
schreibe 75 Mark stellt der Stabschwinger im freundlichen, nahrhaften 
Gdppingen einem w ersten Geiger" in Aussicht, der ,ordentlicher Klavier- 
spieler ist und bei Blasmusik beliebiges Blechinstrument ubernehmen 
kann". Wetter nichtsl Wie man mit einem durch Privatstunden und 
anderem unregelmfissigen Nebenverdienst nur selten sonderlich erhShten 
Grundeinkommen von 720 bis 900 Mark leidlich zu leben, sich anstfindig 
zu kleiden, und eventuell noch eine Familie zu erhalten vermag — selbst 
die billigsten Lebensmittelpreise und niedrigsten Wohnungsmieten voraus- 
gesetzt, die gegenwSrtig im Deutschen Reiche zu verbuchen sind — : das 
wird Vielen ein R&tsel sein. Doch auch diese Musiker sind noch glucklich 
zu preisen, wenn man ihr Los mit dem der zu vielen, vielen Hunderten 
zahlenden Armsten vergleicht, die, oft mit einem vorzuglichen Zeugnis 
von einem namhaften Konservatorium entlassen, sich fur ein Durchschnitts- 
gehalt von 30 Mark monatlich und die Zusicherung „guter freier Station 4 * 
verkaufen, urn nicht mit dem Hut in der Hand am Strassenrande betteln 
zu mussen. 

Was hat man unter „ freier Station 11 zu verstehen? Hier ein Auszug 
aus den mir zur Verfugung gestellten schlichten Aufzeichnungen eines 
vertrauenswurdigen Mannes, der jetzt darum froh ist, bei magerer Kost 
sich doch wieder als Mensch zu fuhlen, nachdem es ihm beschieden war, 
jahrelang alle Bitternis des Efends auszuschopfen. 9 \u Bunde i. W., 
Kapellmeister . . . , mussten wir, unserer zwolf, zu je sechs Mann mit 
drei Betten und zwei Kammern vorlieb nehmen, deren H8he 1,65 Meter 



Digitized by 



Google 





103 
MARSOP: SOZIALE LAGE D. DEUTSCH. ORCHESTERMUSIKER 

betrug. Verschiedene erkrankten. Gesunde und Kranke schliefen alsdann 
im gleichen Bett. Ein Kollege wurde endlich ins Hospital aufgenommen, 
wo er nach weoigen Tagen an Unterleibsschwindsucht starb. Ein Lungen- 
kranker erhielt die Entlassung; zwei Monate hatte er mit einem Gesunden 
das Bett geteilt. Die Kost war schlecht . . . a In Egeln bei Magdeburg, 
Kapellmeister . . ., schliefen wir zu zwdlf Mann in einem elenden Raum, 
dessen Fussboden seit Jahren nicht gescheuert war. Mein Bett hatte 
schon mein Vorgftnger drei Monate benutzt. Dann babe ich es 14 Tage 
gebraucht — und danach das Engagement aufgegeben. Die Bekostigung 
war miserabel. Unsere Waschung muss ten wir morgens im Hofe unter 
freiem Himmel vornehmen . . .« ,Bei Herrn Kapellmeister . . . batten 
wir Kellnerdienste zu verrichten. Der servierende Kollege steckte sich 
aus guten Grunden auf dem Weg von der Kuche nacb dem Speiseraum 
die Taschen voll Kartoffeln: wenn er dann ins Zimmer trat, wurde er 
formlich uberfallen. Obrigens gab es fur uns meist erst urn vier Uhr 
Mittag. Vorher wurde geprobt . . .* 

Wenn es „Enterbte" gibt, so sind es diese Musiker. Wer nicht nur 
im behaglichen Zimmer wohlgefugte Berichte fiber glfinzende Hoftheater- 
Vorstellungen geschrieben, sondern sich draussen in der Welt umgetan 
hat, wird mir best&tigen, dass mein Gew&hrsmann die Farben wahrlich 
nicht zu stark auftrfigt. Dennoch fehlt es nicht an Prinzipienreitern, die 
meinen, man musse ,auch auf diesen Gebieten das freie Spiel der Krfifte 
walten lassen". Niemandem durfe das Recht verschrfinkt werden, sich so 
viele Lehrlinge und Gehilfen zu halten, als er wolle, sie so zu beschSftigen, 
wie es ihm gutdunke, sie abzufinden, wie es ihm behage. Niemand 
brauche sich von einem stSdtischen oder genossenschaftlich gewahlten 
Inspektor daraufhin kontrollieren zu lassen, ob die freie Station, die er 
kontraktlich zusichere, auch menschenwurdig sei. Keiner habe drein zu 
reden, wenn in einem von zwei Parteien unter erstaunlich ungleichen Be- 
dingungen gefuhrten Konkurrenzkampf Tausenden das Messer an die Kehle 
gesetzt werde, wenn Tausende stfirben und verdiirben, deren Hinsiechen 
doch wohl auch einen Verlust fur die Volkskraft bedeutet. Urn alles in 
der Welt: das erste, wichtigste Grundrecht des Individuums sei es doch, 
ungestdrt seinem Erwerbe nachgehen zu konnen! Man beklage es, dass 
jeder Stumper und Schwindler, ohne Einspruch zu befurchten, nach Ge- 
fallen zwei, drei Konservatorien eroffne und dazu beitrage, dass ein aus- 
gedehntes Musikerproletariat entstehe, fur das es an Erwerbsgelegenheit 
mangele. Wer zwinge denn die Eltern, ihre Kinder solchen Leuten zu 
uberantworten? Solle vielleicht jedem Einwohner ein Gensdarm als treuer 
Eckart beigegeben werden? Seien femer unter den Hunderten von Leitern 
improvisierter Musikschulen nicht auch einige redliche Manner mit tuchtiger 



Digitized by 



Google 




104 
DIE MUSIK IV. 14. 




Vorbildung? Wolle man diese zugleich mit den unredlichen treffen, durch 
fcinen Befthigungsnachweis schikanieren? Unterb&nde man den Unter- 
nehmungsgeist mehr und mehr, so wurde schliesslich niemand sich vom 
Flecke ruhren — und Deutschland fraglos zuruckgehen! Und man hielte 
sich daruber auf, dass auch die unter Regierungsfittigen ihre Wirksamkeit 
entfaltenden Unterrichtsanstalten fur Musik eine Unzahl von Eleven ohne 
grundlichere Vorprfifung aufn&hmen, durch die Kurse peitschten, sie selbst 
bei ganz ungenugendem Konnen mit gunstigen Reifezeugnissen verab- 
schiedeten — urn Platz fur neue zahlende Schuler zu gewinnen? Ja, 
wenn diese staatlichen Akademieen nicht ordentlich Geld herauswirt- 
schafteten, dann musse doch die Steuerschraube noch starker angezogen 
werden ! Unglaubliche Zumutung ! Das Proletariat, die stellenlos Herum- 
lungernden, Hungernden, den Hass und die Erbitterung gegen alle Besser- 
gestellten Schurenden: mit denen werde man schon fertig werden. Dazu 
gebe es Gewehre und Kanonen. Das fehle furwahr noch, dass der uner- 
tragliche Obervormund, der Staat, seine Nase rechts und links in das 
musikalische Bildungswesen hineinstecke! 

Er wird es dennoch tun, meine Verehrtesten. Auch auf diesem Ge- 
biete wird ein Stuck notwendiger sozialer Gesetzgebung durchgefuhrt 
werden, ohne dass wir uns zu Bebelianern wandeln, ohne dass wir einer 
regsamen, loyalen Unternehmungslust das Lebenslicht ausblasen, ohne dass 
Deutschland zuruckgeht. Was ist der Staat? Fur grosse Kinder und fur 
Selbstsuchtige, die des rechten Gemeinsinns entbehren: ein Phantom — 
der schwarze Mann, der in alles dreinredet, alles tyrannisiert, alles an 
sich rafft. Fur Verstfndige: weiter nichts als die Gesamtheit der Burger. 
Der Gesamtheit muss aber daran gelegen sein, dass offene, schwftrende 
Wunden, die sich an ihrem Korper gebildet haben, in sorgsamer, geduldiger 
Pflege ausgeheilt werden. Denn sonst fressen sie weiter. 

Ein Schlussartikel folgt im Tonkfinstlerfest-Heft (II. Mai-Heft) 




Digitized by 



Google 



STREIFLICHTER AUF MENDELSSOHNS UND 
SCHUMANNS BEZIEHUNGEN ZU 
ZEITGENOSSISCHEN MUSIKERN 

AUS UNVEROFFENTLICHTEN BRIEFEN MITGETE1LT 
von E. van der Straeten-London 



TA. 




Schlusi 



|ahrend seines Aufenthaltes in Rom (1830/31) scheint Mendels- 
sohn in intimem Verkehr mit Berlioz gestanden zu haben, ob- 
wohl Letzterer in den veroffentlichten Reisebriefen Mendelssohns 
nicht erwfihnt wird. Zwolf Jahre spater unternahm Berlioz eine 
Kunstreise durch Deutschland und teilte Mendelssohn mit, dass er die 
Absicht hege, in Leipzig einige seiner Werke zur Aufftihrung zu bringen. 
Der folgende Brief enthait die Antwort Mendelssohns darauf und gibt 
gleichzeitig Aufschluss uber Kosten und Einnahmen von Orchesterkonzerten 
vor sechzig Jahren. 

Die Obersetzung des franzosischen Originales lautet: 

Leipzig, 25. Januar 1843. 
Mein lieber Berlioz! 

Ich danke Ihnen von ganzem Herzen fur Ihren freundlichen Brief, und dass 
Sie noch das Andenken an unsere RSmische Freundschaft bewahrt haben! Ich werde 
Sie nie in meinem Leben vergessen, und freue mich darauf, Ihnen dies in kurzer 
Zeit mundlich in meinem Vaterlande sagen zu k5nnen. Alles, was ich tun kann, um 
Ihren Aufenthalt hier vergnugt und angenehm zu machen, wlrd mir nicht allein zur 
Freude gereichen sondern auch Pflicht sein. 

Vor allem bitte ich Sie jedenfalls nach Leipzig zu kommen, weil ich wohl glaube 
dafQr einstehen zu k5nnen, dass Sie mit der Stadt zufrieden sein werden, d. h. mit 
den Musikern und mit dem Publikum. Ich habe Ihnen nicht schreiben wollen, ehe 
ich mehrere Personen um Rat gefragt hatte, die die Stadt besser fcennen als ich, und 
alle haben mich in meiner Ansicht bestlrkt, dass Sie ein ausgezeichnetes Konzert 
hier werden haben k5nnen. 

Sie teilen mir nichts uber Ihre Pline mit; Sie sprechen nur davon, dass 
Sie Ihre Musik zu Gehdr bringen wollen, aber ich nehme an, dass dies in einem 
Konzert geschehen soil, das Sie selber veranstalten. Die besten Tage dafQr sind 
Montage oder auch Samstage. Die Kosten des Orchesters und des Saales belaufen 
sich auf 100— 110 Taler, die Einnahme von einem guten Hause auf 6— 800 Taler; wir 
haben schon solche von 1000 und 1100 gehabt, und, wie schon gesagt, ich bezweifle 
nicht, dass Sie ein ausgezeichnetes Konzert haben werden. Aber Sie rafissten hier 
sein und das Programm und alles, was nStig ist, mindestens 8—10 Tage vor dem 
Konzert feststellen; es ist unm5glich, dieses in kurzerer Zeit zu arrangieren; und Ihre 
persftnliche Anwesenheit wird zu einem vollkommenen Erfolg unumginglich not- 
wendig sein. Aber ich hoffe, dass das keine Schwierigkeiten machen wird, denn die 



Digitized by 



Google 




106 
DIE MUSIK IV. 14. 




Sache ist in Dresden ebenso, wo Sie ja auch hingehen werden. Auch kdnnten Sie 
hier alles 8—10 Tage vorher arraogieren, dann nach Dresden gehen, doit dasseibe 
tun (die Reise dauert nur 3 1 /* Stunden) und am darauffolgenden Tage zur&ckkommen, 
falls Sie in der Eile sind. 

Da Sie mir aber die Einzelheiten Ihres Vorhabens nicht mitteilen, so babe ich 
Ihren Plan hierherzukommen den Direktoren der Abonnementskonzerte mitgeteilt, die 
mich beauftragt haben, Sie zu fragen, ob Sie eines Ihrer Verke in ihrem Konzert f&r 
die Armen der Stadt auffuhren lassen wollen, das am 22. Februar stattflndet; letztere 
wurden ihr Programm Ihren Wunschen gemlss einrichten. Ich musste Ibnen das 
mitteilen, weil man mich dazu beauftragt hat, aber wenn Ihnen nicht ginzlich die 
Lust dazu fehlt, das Konzert selber zu geben, so wurde ich Ihnen persftnlich sehr 
dazu raten, denn ich bin sicher, dass Sie gut dabei fahren werden. 

Vielleicht kdnnten Sie den Vorschlag der Direktoren nach dem Konzert oder 
den Konzerten annehmen, die Sie selber zu geben beabsichtigen, wenn es Ihnen fiber- 
haupt zusagt. 

Ich bitte Sie dcshalb, hierherzukommen, sobald Sie Weimar werden verlassen 
kdnnen. Ich freue mich darauf, Ihnen die Hand zu drucken und Sie in Deutschland 
,Willkommen" zu heissen. 

Venn Sie so friih nicht kommen kdnnen und wenn ich inzwischen irgend etwas 
f&r Sie tun kann, schreiben Sie mir. Und machen Sie sich nicht fiber mein schlechtes 
Franzdsisch lustig, wie Sie es in Rom zu tun pflegten, aber fahren Sie fort, mir ein 
guter Freund zu sein, wie Sie es bisher gewesen und wie ich immer sein werde. 

Ihr ergebener 

Felix Mendelssohn-Bartholdy 

Dass Mendelssohn frei von kleinlicher Eifersucht war, dafur hat er 
viele Beweise gegeben, selbst solchen gegenuber, die ihm nicht Gleiches 
mit Gleichem vergolten haben. Auch Robert Franz hatte ihm und 
Schumann sein erstes Debut auf der grossen Weltbuhne zu verdanken, 
und ein anderer, der in seinem Vaterlande bis auf den heutigen Tag in 
unverantwortlicher Weise vernachlassigt worden ist, fand in Mendelssohn 
mehr Sympathie fur seine Jugendwerke, als seine Landsleute spiterhin 
seinen schonen symphonischen und Kammermusikwerken zuteil werden 
liessen. Dieser Mann war der stets jugendfrische und energische Joachim 
Raff. Mendelssohns Brief ist wahrhaft kostlich, namentlich wenn er Liszt 
und Dohler als Komponisten nebeneinanderstellt, oder erwagt, ob es nicht 
ratsam sei, dem lieben Publikum zunachst die Galopps als Koder vor die 
Nase zu setzen. 

Leipzig, den 20. November 1843. 

Hochzuverehrende Herren ! 

Beiliegenden Brief und beiliegende Kom position en *) babe ich empfangen und 

kann nicht umhin, Ihnen beides vorzulegen und Sie zu fragen, ob Sie nicht etwas 

von den Sachen brauchen und so den Y/unsch des Komponisten und den meinigen 

erf&llen kdnnten? Stunde auf dem Tit el der Sachen ein recht berubmter Name, so 



l ) des J. Raff [in Bleistift hier beigeffigtj. 



Digitized by 



Google 





107 
STRAETEN: MENDELSSOHNS U. SCHUMANNS BEZIEHUNGEN 

bin ich uberzeugt, Sie wurden ein gates Geschlft damit machen, denn aus dem 
Inhalt wurde gewiss keiner merken, dass manches dieser Stucke nicht von Liszt, 
Dfthler oder einem Ihnlichen Virtuosen wire. Alles ist durchaus elegant, fehlerlos 
und in moderaster Veise geschrieben; aber nun kennt niemand den Namen des Kom- 
ponisten, and da ist freilich die ganze Lage der Dinge anders. Vielleicht Hesse sich 
aus mehreren Heften eines zusammenstellen ; vielleicht Anden Sie, dass gerade eins 
oder das andere, was mir pers5nlich weniger zusagt, wie z. B. die Galopps, fQr das 
Publikum geeigneter wlren — mit einem Vorte vielleicht entschliessen Sie sicb, irgend 
etwas davon zu drucken. Kann meine herzlicbe Empfehlung etwas dazu beitragen, 
so ffige ich sie den Bitten des jungen Mannes recht angelegentlich bei. In jedem 
Falle bitte ich Sie, die Komposidonen selbst zu prufen, und denjenigen Freunden, mit 
denen Sie dergleichen sonst wohl besprechen, vorzulegen, mich dann Ihren Entschluss 
wissen zu lassen, und mir den Brief wieder zuzuschicken. M5chte aber recht wenig 
von den Kompositlonen dabei sein! Das ist mein Wunsch, urn dessen Verzeihung und 

Entschuldigung Sie bittet Ihr 

hochachtungsvoll ergebenster 

Felix Mendelssohn-Bartholdy 
Herren Breitkopf & Hlrtel 
Wohlgeboren 
Hier 

[auf der Ruckseite des Briefs :] 
1843 v. H. 

20. Novbr. Mendelssohn 

eod — (wegen Raff) 

angenommen No. 1823 

An der Spitze des Hauses Breitkopf & Hartel stand zu jener Zeit 
Dr. Hermann Hfirtel, der im Jahre 1835 die Oberleitung ubernommen 
hatte. Er war ein kunstsinniger Mann, dessen liebenswurdige personliche 
Eigenschaften ihm die Freundschaft von fast alien hervorragenden Ton- 
kfinstlern, sowie vielen bedeutenden Mfinnern auf anderen Gebieten der 
Kfinste und Wissenschaften erwarben. 

Seine Beziehungen zu Robert Schumann sind bereits aus den ver- 
dffentlichten Briefen bekannt geworden. Einige bislang unveroffentlicht 
gebliebenen Briefe Schumanns an die Obigen, sowie an Fr. Kistner 
durften aber um so mehr willkommen sein, als sie interessante Ereignisse 
aus dieses Meisters Leben beruhren. 

Der erste Brief bezieht sich auf eine von Simonin de Sire dem 
Hause Breitkopf & Hartel anempfohlene Gesamtausgabe von Schumanns 
Werken. Dieser Simonin de Sire (Simonin de S. wie er in nachstehendem 
Briefe genannt wird) war ein enthusiastischer Amateur-Pianist und -Kom- 
ponist. Ein Brief Schumanns an Raimund Hartel vom 4. Februar 1838 
gibt fiber diese Angelegenheit Aufschluss; es heisst darin: 

w Im Verzeichnis, das er 1 ) mich zu erglnzen bittet, vermisse ich folgende; 

*) Simonin de Sire. 



Digitized by 



Google 




108 
DIE MUSIK IV. 14. 




Variations sur le oom Abegg (Kistaer) op. 1, 

Papillons (Kistner) op. 2, 

Etudes nach Paganini Li v. 1. op. 3 (Hofmeister), 

Davidsbundlertinze 2 Hefte op. 6 (Friese), 

Sonate von Florestan und Eusebius op. 11 (Kistner), 

Etudes symphoniques op. 13 (Haslinger).* 

Gleichzeitig bittet Schumann urn Angabe der Adresse von S. de Sire, 
da er die in dem Briefe enthaltene nicht entziffern konne. Dann Hhrt 
er fort: 

„Mit allem Eifer bin ich jetzt beim Ausarbeiten und teilweise Abschreiben 
mebrer neuer Sachen: 2. Sonate fur Pianoforte, — Phantasieen f. Pfte., — Novelletten 
f. Pfte. — und 3. Sonate f. Pfte., — die einzigen, die ich in den nlchsten zwei Jahren 
herauszugeben gedenke. Gern m5chte ich bei Ihnen bleiben, wenn Sie wollten; es 
geht bei Ihnen so leicht und ohne grosse Vorte von statten, wie es der Kfinstler nur 
lieben kann." 

Die beiden Sonaten sollten aber erst viel spacer ihre endgultige 
Gestalt erhalten, w&hrend die Phantasieen entweder die Kreisleriana oder 
die Nachtstucke bezeichnen (der Titel „Fata Morgana* wurde nie gebraucht) 
und die Novelletten als op. 21 erschienen. Der Wortlaut des Briefes ist 
folgender : 

Leipzig, den 6. Februar 1838. 
Verehrteste Herren! 
Es wird mir wegen vieler Arbeiten nicht mdglich sein, eher als in 4—5 Tagen 
an Herrn Simonin de S. zu schreiben, da ich es gerne ausfuhrlich mSchte. 1 ) Haben 
Sie daher die GQte, ihm mich vorlluflg zu empfehlen und zu sagen, dass ich ihm 
binnen kurzem selbst einen gr5sseren Brief schicken wurde. Geben Sie mir, was ich 
von andern meiner Verleger bisher fur den Druckbogen erhalten (einen Louisd'or) 
so bin ich's ganz zufrieden! Die Sonaten wird jede 5 Bogen geben — die Phanta- 
sieen (die ich Fata Morgana nennen m5chte) deren 6, die Novelletten, zwei Hefte 
(nicht schwer und popular) etwa 8 bis 0. Alle vier Kompositlonen also etwa 25 Bogen. 
Das Honorar hat nat&rlich Zeit, bis die Sachen fertiggedruckt sind. Sagen Sie mir, 
ob es Ihnen so geAllt. Mit den Novelletten k5nnten Sie bald anfangen. Noch bitte 
ich Sie um ein oder zwei Abzfige der Phantasiestficke, die bis heute ausgedrackt 
sein sollten. 

Ihr ergebener 

R. Schumann 

Am 8. Dezember 1844 nahm das Ehepaar Schumann mit einer musi- 
kalischen Matinee offentlich Abschied von Leipzig und siedelte nach Dresden 
iiber, wo Schumann einen ersten und ernsthaften Anfall seines verh&ngnis- 
vollen Leidens hatte. 

Noch vor der Abreise nach Dresden schrieb er folgende Zeilen: 



') Die Antwort, die bereits am 8. Februar erfolgte, ist verdffentlicht. 



Digitized by 



Google 





109 
STRAETEN; MENDELSSOHNS_U. SCHUMANNS BEZ1EHUNGEN 

Geehrteste Herren and Freunde! 
Endlich der Schluss der Korrektur, deren lange Verzdgerung Sie auf Rcchnung 
meines Unwohlseins setzen wollen. Die letzte Revision des 2. und 3. Teils sende icta 
Ihnen sicher binnen acht Tagen von Dresden aus, wohin ich Sie such den Rest der 
Revision der beifolgenden Bogen zu senden bitte. Unsere Adresse dort ist Waisen- 
hausstrasse Nr. 5, I. Etage. Da mir jetzt noch alle gr5ssere anstrengende Arbeiten 
untersagt sind, so flng ich in den vergangenen Wochen an, eine Ouvertfire, Scherzo 
und Finale von mir, die zusammen ein Opus bilden, aus der Partitur zu vier Hlnden 
zn arrangleren. Es ist dasselbe, das vor ungefthr zwei Jahren mit ziemlichem Beifall 
in einem Konzert meiner Frau aufgefuhrt wurde, und nimmt sich recht gut auf dem 
Pianoforte aus. Jedes der Stficke ist ubrigens in sich abgeschlossen und kdnnte auch 
einzeln verkauft werden, wo dann auf die Nummer 15—16 Platten kommen wurden. 
Vielleicht sagt Ihnen die Herausgabe der (Composition in dieser Gestalt zu. Jeden- 
falls hoffe ich Sie selbst noch vor unserer Abreise von hier d. h. vor Freitag zu 
sprechen, und empfehle mich 

Ihrem freundlichen Wohlwollen als 

der Ihrige 

R. Schumann 

Meine Schuld ffir den Druck der Einladungen usw. zu unserer Matinee wunschte 
ich gleichfalls noch vor unserer Abreise zu berichtigen. D. O. 

d. 12. Dez. 1844. 

Sr. Vohlgeboren 

Herrn Dr. Hlrtel 
Hier 

nebst 2 Noten-Rollen. 

Schumanns Kompositionsverzeichnis enthalt im Jahre 1849 folgende 
Notiz: w April und Mai: 35 — 40 Lieder zu meinem Jugend-Album (op. 79)". 
Das Liederalbum fur die Jugend, wie es jetzt heisst, enthalt nur 
29 Lieder. In einem Briefe an E. Klitzsch schreibt er daruber: 

„Sie werden es am besten aussprechen, was ich damit gemeint babe, wie ich 
namentlich dem Jugendalter angemessene Gedichte, und zwar nur von den besten 
Diehtern gewlhlt, und wie ich vom Leichten und Einfachen zum Schwierigen uber- 
zugehen mich bemfihte. Mignon schliesst, ahnungsvoll den Blick in ein bewegteres 
Seelenleben richtend." 

Am 23. Juni desselben Jahres schreibt er an Dr. Hfirtel: 

v Die letzten Tage war ich mit dem Ordnen des Liederalbums viel beschlftigt. 
Bis Ende nlchster Woche (heute fiber acht Tage) werden Sie, hoffe ich, das ganze 
Manuskript haben. Fur heute schicke ich nur ein Lied, mit der Bitte, mir bis dahin, 
wo ich Ihnen das vollstindige Manuskript zuschicke, eine Probeplatte fertigen zu lassen." 

Der folgende Brief an Dr. Hirtel gibt ferneren Aufschluss fiber diese 
Angelegenheit : 



Digitized by 



Google 




no 

DIE MUS1K IV. 14. 




Dresden, den 29. Juni 1840. 
Geehrter Herr Doktor! 

Mit grossem Vergnugen babe ich eben das LiederaJbum eingepsckt; m5chten 
alle guten Vunsche, die ich dabei hegte, in Erfullung gehen. 

Fast vermute ich, wird sich diese Sendung mit einer von Ihnen durchkreuzen. 
Sollten Sie mir entweder eine Proberolle (-platte?) zugeschickt haben und Sie erhielten 
nicht gleich eine Antwort von mir, so nehmen Sie an, dass ich mit dem Stich ein- 
verstanden bin, und lassen das Album in Angriff nehmen — denn urn es am 1. Oktober, 
wie Sie wunschten, ganz fertig zu bringen, ist allerdings keine Zeit zu verlieren. Noch 
fillt mir ein, ich habe Ihnen frfiher von 30 Liedern geschrieben, die das Album ent- 
halten wfirde — Sie werden aber nur 28 flnden, da ich zwei der ganz leichten und 
kleinen schliesslich herausgenommen. Da Sie nun weniger bekommen als ich ver- 
sprochen, flnde ich einen Abzug am Honorar als sich von selbst verstehend, und bitte 
also zwei Louis davon zu streichen. 

Meinem Anschlag nach wird jetzt das Ganze 48—50 Platten geben. Venn der 
Preis nicht fiber 2 Taler betruge, so wire das hubsch und dem gr5sseren Absatz 
gewiss erspriesslich. Heute las ich in den „Signalen"> dass Rietz nach Berlin gehen 
wurde. Ist dies denn wirklich wahr? Und Lortzing an seine S telle? — Mit dem 
Vunsch, dass es Ihnen und den Ihrigen recht wohl gehen m6ge, schliesse ich fQr 
heute, und bin fur immer Ihr 

ergebener 

R. Schumann 

Das Inhaltsverzeichnis wurde wohl nach dem inneren Titel ein besonderes Blatt 
bilden und wire wom5glich auf eine Seite zu bringen, wenn es nicht zu eng wfirde. 
Das erste Stfick flnge also mit Seite 5 an. 

Auf der Riickseite findet sich folgender Vermerk: 

,1849 R. Schumann 

29. Juni Dresden 

30. — 

eod. 40 Ldr. Honorar gesandt. 

Dr. H. 

Auch an Kistner liegt ein Brief Schumanns vor, der uns fiber das 
Honorar fur die „Dichterliebe" unterrichtet, das kurz vor des Meisters 
Hochzeit (12. September 1840) zur Auszahlung kommen sollte: 

— Haus, 1 ) d. 8. Mai 1840. 
Verehrtester Herr! 
Urn in unserer Sache keine Zeit zu verlieren, schlage ich vor: 
1. Sie gewlhren mir das Honorar von 24 Louisdor, davon aber nur 20 bar, und 
den Vert des Restes in Freiexemplaren des Liederzyklus ■) — also im ganzen 
(inklusive der ublichen Freiexemplare) 15 Freiexemplare und eines auf feinerem Papier 
als Geschenk. 



*) Der Name des Hauses ist unleserlich. Er wohnte damals im „Roten Colleg". 
*) Dichterliebe, Liederzyklus, op. 48. 



Digitized by 



Google 



JBti 




in 

STRAETEN; MENDELSSOHNS U. SCHUMANNS BEZIEHUNGEN 

2. Sie liefern bis spltestens 7. September die eine Hllfte mlt Titel fertig, wo 
es dann von Ihnen abhlngt, ob Sie sie auch alle auf einmal ausgeben wolien oder nicht. 

3. Vurde ich Sie, wie ich Ibnen bereits sagte, um ein besonderes Blatt fur die 
Dedication bitten. 

Das bare Honorar w&nschte ich, da lhnen das gleich sein wird, im Verlaufe 
des Monats Juli ausgezahlt. Sagen Ihnen diese Bedingungen zu, so schreiben Sie mir 
bis morgen gcftlligst ein Wort und lassen dann schnell den Stich der Lieder be- 
ginnen, die Ibnen, wie ich stets hoffe, keinen Schaden bringen werden. 

Freundschaftlich grussend 
Ihr 

ergebenster 

Robert Schumann 
Seiner Wohlgeboren 

Herrn Friedrich Kistner 
Hier. 

Dieser Brief ging nicht durch die Post, da der Umschlag kein Stempel 
trigt — 

Von dieser Zeit an erlahmte Schumanns Interesse an der „Neuen 
Zeitschrift fur Musik" allmfthlich mehr und mehr, bis er endlich im Jahre 
1844 die Redaktion an Oswald Lorenz ubertrug, dem im darauffolgenden 
Jahre Dr. Franz Brendel in gleicher Eigenschaft folgte. 

An den letzteren ist alter Wahrscheinlichkeit nach folgender Brief 
gerichtet, dessen Umschlag leider nicht erhalten ist: 

Verehrtester Herr Doktort 
Sie haben mich gestern leider verfehlt. Es tut mir doppelt leid, da ich mir 
schon lingst vorgenommen, eine Frage und Bitte an Sie zu richten, die nlmlich: ob 
Sie nicht Last und Muse [Musse] bitten, meiner Zeitschrift manchmal einen Beitrag 
zu widmen einen freien oder kritischeo. Namentlich in Gesangsachen wire mir hie 
und da ein Votum Ihrer Hand sehr erw&nscht. Vielleicht gehen Sie auf meinen Ge- 
danken ein. Es k5nnte der Zeitschrift nur von Nutzen sein, ihre Mitarbeiterzahl 
durch einen so gebildeten vermehrt zu sehen. Erfreuen Sie mich durch eine Zeile 
Antwort auf meinen Antrag. Das Nlhere dann mundlich. 

Dank auch f&r das Lieder b eft, das nlchstens besprocben wird. 

Hochachtungsvoll 
Freitag. Ihr 

ergebener 

R. Schumann 

Auch der folgende Brief ist an Brendel gerichtet, der z. Z. Heraus- 
geber des Blattes war: 

Dusseldorf, den 11. Juli 1853. 
Geehrter Freund! 
Von dem, was Sie mir schreiben, habe ich nicht die geringste Ahnung gehabt. 
Die Sache verbilt sich so: etwa im Jahr 1845 sprach ich mit Herrn Whistling, ich 



Digitized by 



Google 




112 
DIE MUSIK IV. 14. 




bltte 2 Exemplare der Zeitschrift fibrig, die unbenutzt dallgen, uhd ob er sie gegen 
cine verhaitnismlssige Gegenlcistung an Musikalien fur sich gcbrauchcn wollte. Seit 
dieser Zeit habe ich nie wieder etwas von dieser Sache gehdrt, aucb von ihm eine 
Gegenleistung an Musikalien nie erbalten, vom J. 1851 an auch nicht einmal das 
3. Exemplar, das ich fur meine eigene Bibliothek zuruckzulegen gcdachte. Ich will 
auch nicht, dass diese Obereinkunft, von der ich glaube, dass sie gar nicht mehr 
besteht, als eine ferner dauernde angesehen werde, und bitte Sie, diese Erkllrung 
Herrn Whistling mitzuteilen. 

Ich begnuge mich, wenn Sie mir von jetzt an 2 Freiexemplare gewflhren, und 
zwar eines in wdchentlicher Zusendung (durch Bayrhoffer an den Herrn Hinz doch gewiss 
auch regelmissig expediert), und das andere immer komplett am Schluss eines Bandes. 
Vollcn Sie so geftllig sein, dies in dieser Weise zu arrangieren? — Nun noch etwas, 
wor&tier ich Ihren Rat und wom5glich Vermittlung mir erbitte. Ich habe in der letzten 
Zeit meine literarisch-musikalischen Aufsfttze in den fruheren Jahrgftngen der Zeit- 
schrift zu sammeln begonnen und mdchte sie in Auswahl und mit der grossten 
Strenge fiberarbeitet, als ein Ganzes unter dem Titel: ,Aufzeichnungen fiber Musik 
und Musiker aus den Jahren 1834—44" erscheinen lassen. Es wfirde nach meinem 
Oberschlag zwei Binde, jeder von 30 Bogen, geben. Nun dachte ich, dass es wohl 
angemessen wire, dem jetzigen Verleger der Zeitschrift zum ersten davon wissen zu 
lassen und bitte Sie denn, dies zu tun. 1st er dazu geneigt, so werde ich ihm dann 
selbst das Genaue auseinandersetzen. Es Hcgt mir nicht daran, etwa Schfttze damit 
zu erwerben; ich mdchte ein Andenken an mich hinterlassen; wenn ich sagen darf 
gewissermassen den Text zu meinem produktiven Schaffen. Noch bitte ich Sie, auch 
das vorige als etwas im Vertrauen Gesagtes zu nehmen und ausser Herrn Hinze 
niemanden etwas davon mitzuteilen. — Hier ist es musikalisch sehr still und ich 
habe mehr Ferienzeit, als ich wunsche. Doch stent mir im Herbst eine desto grdssere 
Anstrengung bevor. Es wird in der Pfalz ein dreitflgiges Musikfest stattflnden, das 
zu dirigieren man mich invitiert hat. Wlren Sie doch bei unserem gewesen! Eine 
solche Gewalt der Musik, namentlich des Orchesters, habe ich vordem noch nie em- 
pfunden. 

Ich werde mich bemiihen, Ihnen fur die nlchste Musiksaison einen guten Be* 
richterstatter zu verschaffen, obgleich an solchen, wie uberall, auch hier kein Ober- 
fluss ist. Anderseits wire der kunstlerische Sinn, der schon seit einer Reihe von 
Jahren fiber das hiesige Musikleben waltet und den ich vorfindend nur welter zu 
pflegen hatte, manchen anderen grdsseren Stftdten gegenfiber gar wohl hervorzuheben. 

Nun genug fur heute und lassen Sie bald wieder von sich hdren. 

Ihr 

ergebener 

R. Schumann 

In dem Schumann- Werk von Erler, sowie in Jansen „Die Davids- 
biindler" wird ein Brief Schumanns an Georg Wigand in Leipzig mit- 
geteilt, in welchem dem Letzteren die Gesammelten Schriften zur Ver- 
offentlichung angeboten werden. 

Der Brief ist datiert „Dusseldorf, den 17. November 1852" und es 
heisst darin u. a.: 

,und mdchte, was zerstreut und moistens ohne meine Namensunterschrift in 
den verschiedenen Jahrglngen der neuen Zeitschrift fur Musik erschienen, als Buck 



Digitized by 



Google 





*9. Mai 1855 




IV. 14 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 




F. W. MARPURG 
f 22. MAI 1795 




IV. 14 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 




113 
STRAETEN: MENDELSSOHNS U. SCHUMANNS BEZIEHUNGEN 




erscheinen lassen, als cin Andenken an mich, was vicllcicht manchen, die 
mich noraus meincm Wirken als Tonsetzer kennen von Interests sein wfirde. 
Es liegt mir nicht daran, mit dcm Buche etwa Reichtfimer zu er- 
werben; abcr dass es unter gute Obhut klme, wunschte ich allerdings.* 

An Strackerjan schreibt er wiederum am 17. Januar 1854, dass er 
von seiner Reise nach Holland zur&ckgekehrt und jetzt mit einer be- 
deutenden literarischen Arbeit beschgftigt sei: seine musik-literarischen 
Arbeiten zum Druck vorzubereiten. „Wie sie denn bis zur Ostermesse 
in vier BInden erscheinen werden." Und so geschah es auch. Das Honorar, 
das Schumann von Wigand dafur erhielt, war nicht so viel, als ihm im 
Jahre vorher fur ein Heft von sechs Liedern gezahlt wurde. 

Was aber den Brief an Wigand betrifft, so liegt die Vermutung nahe, 
dass die Jahreszahl 1852 irrtumlich fur 53 steht. Die Obereinstimmung 
ganzer Sfitze (die durch die Sperrungen angedeutet ist), sowie der Inhalt 
des bislang unbekannten Briefes an Brendel scheinen darauf hinzudeuten, 
urn so mehr, da das letztere Schreiben doch einem Anerbieten an den Ver- 
leger der „Neuen Zeitschrift a (Whistling) gleichkommt. Ehe aber das 
Werk, das den herrlichen Charakter des grossen Mannes so glinzend be- 
leuchtet, durch die Presse gegangen war, hatte diesen schon sein trauriges 
Schicksal erreicht, das ihn seinen Freunden und der Welt auf immer 
entriss. 




IV. 14 



Digitized by 



Google 




bOcher 

147. Max Grossmann: Verbessert das Alter und vieles Spielen wirklich 

den Ton und die Ansprache der Geige? Eine ketzeriscbe Studie. Verlag: 
Deutsche Instrumentenbau-Zeitung, Berlin 1904. 
Mdge niemand, der sich eine gute Geige kaufen will, verslumen, vorher diese 
kieine Schrift griindlich zu lesen. Der Verf., der in Fricdrichsfelde bei Berlin Sanititsrat 
is*t, bat sich seit Jahren theoretisch und praktisch mit dem Geigenbau beschlftigt, auch 
eine neue Bratsche mit Geigenmensur und eine grdssere Bratsche mit weit gr5sserem 
Ton als die gewdhnlichen konstruiert. Er ist ein entschiedener Gegner der Theorie, dass 
eine Geige, um gut zu sein, alt und viel gespielt sein musse. Er ist der Ansicht, dass 
ebenso wie die Geigen Stradivari's sofort brauchbare, ja gleich Meisterinstrumente gewesen 
sind, auch heute nach den physikalischen Gesetzen richtig gebaute Geigen sofort gut 
kiingen, hicht erst lange ausgespielt sein mussen. Erringt Grossmanns Theorie, was zu 
hoffen ist, den Sieg, dann werden die kolossalen Preise, die die Handler heutzutage fur 
oft minderwertige kite lnstrumente einheimsen, nicht mehr gezahlt werden, dann werden 
die Kunstler gem eine neue gute Geige zur Hand nehmen. Mit Recht weist Grossmann 
wieder darauf hin, dass das Geheimnis der italienischen Geigenbauer nicht im Lack beruht, 
dass wir das Lackrezept Stradivari's kennen und demgem&ss jedes Instrument so lackieren 
k5nnen. Mit Recht betont er, dass der Spieler sich tfluscht, wenn er die Ansprache seines 
Instrumentes durch vieles Spielen verbessert zu haben glaubt, dass jede alte Geige wotal- 
wollend und mit einer gewissen heiligen Scheu probiert, bei ihr nicht ansprechende Tone mit 
alien nur mSglichen Grunden entschuldigt werden. Grossmann vertritt die sehr beachtens- 
werte Ansicht, dass die alten Meister die Eigentdne der Resonanzplatten bei den Geigen 
(d. h. die T6ne, die entstehen, wenn man die Platten mechanlsch in Schwingungen ver- 
setzt) harmonisch abgestimmt haben. Da die Eigentdne der Platten von der Holzst&rke 
der letzteren abhfingen, so habe man also einen Massstab, wie stark man die Platten 
nehmen musse, damit sie zu einander passen. Die genaue gegenseitige Anpassung der 
Platten lasse sich nicht mit dem Zlrkel und dem Metermass, sondern nur mit dem GetaSr 
erreichen. Sind die Resonanzplatten richtig gewflhlt, dann ist nach Grossmann der schSne 
Ton und die schdne Ansprache da, hilt das Instrument jeden Vergleich aus und zwar 
nicht bloss ffir kurze Zeit, sondern fur immer. Dr. Grossmann ftsst durch Herrn Seifert 
(Berlin, Kaiserstr. 39) Geigen nach seiner Theorie bauen und hat, wie er in seiner Schrift 
berichtet, schon eine Anzahl Kunstler vollkommen bekehrt. 

Dr. wMlh. Altmann 

148. Heinrich Rietech: Die deutsche Liedweise. Ein Stuck positiver Asthetik. 

Mit einem Anhang: Lieder und Bruchstucke aus einer Handschrift des 

14.— 15. Jahrhunderts. Verlag: Karl Fromme, Vien und Leipzig 1904. 

Ein sehr beachtliches Verk des bekannten Komponisten und Prager Professors, 

wenn wir auch nicht jede flsthetische Ansicht teilen und nicht jede ftsthetiscbe Scbluss- 

folgerung anerkennen k5nnen! Der Autor betrachtet das Lied sowohl vom spracblichen 

wie vom musikalischen Standpunkt aus und bewlhrt sich beidemal als Fachmann; und 



Digitized by 



Google 



3K&_ 



115 
BESPRECHUNGEN (BOCHER) 




zwar besch&ftigt er sich ausschliesslich mit dem deutschen Lied, das er ffir eine in 
fremde Sprachen unfibersetzbare Gattung fur sich erkl&rt Er untersucht es nach jeder 
Rjchtung und vcratcht ins besondere die Grenzscheide zwischen Sprache und Gesang 
vortrefflich und deutlich festzustellen. Dabei hilt er immer an der Einheit des Kunst- 
werkes test So erscheinen ihm Harmonie und Rhythmik organisch mit der Melodie ver- 
bunden, wie das Physische und Psychische im lebenden Organ ism us; und in J. S. Bach 
z. B. sieht er schon moderne Harmonik und Rhythmik gleichzeitig verkdrpert. Er unter- 
scheidet drei geschichtliche Hauptepochen des Liedes. Die erste ist obne 
musikalisch-metrische Grundlage und reicbt bis ins 17. Jahrhundert. Ihr gehdrt auch 
das Minnelied noch an (wie das dieses nachahmende Meistergesangslied fibrigens auch). 
Die zweite Epoche hat selbstlndigen musikalischen Rbythmus und reicht bis zum Beginn 
des 19. Jahrhunderts. Mit Schubert setzt die dritte Epoche ein, der die Gegenwart 
noch angehdrt und die, im Kleinrhythmus weit fiber das Versmetrum hinaus, der 
Prosodie und Deklamation gegen den Takt zum Recht verhilft, die in der Gliederung der 
einzelnen Strophen dem Texte folgt, ohne ihn jedoch sklavisch nachzuabmen, die endlich 
die Strophen frei wiederholt oder doch motivisch unter einander verbindet, bei alledem 
aber das metrische Grundgerfist um so treuer festhalt, )e verwickelter sich die Einzel- 
rhythmen darum ranken. Eine Ffille interessanter, wenn auch teilweise zum Wideropruch 
reizender Einzeluntersuchungen sind in dem Werke entbalten. Wir erw&hnen die fiber 
die Entstehung der Musik nicht aus der Sprache, fiber die Intervalle in lyriscbem und 
dramatischem Gesang, fiber Volks- und Kunstlied, fiber Intenrallik in Sprache und Musik, 
fiber die Entwicklung der Musik von der Naturakala aus, fiber den Charakter einzelner 
Instrumente usw., vor allem fiber sukzessive und simultane Harmonik, auf deren Unter- 
scheidung der Autor den hScbsten Wert legt. Interessante Gesetze flndet er, von denen 
wir eines zitieren wQllen: v Von den beiden getrennten Grunderscheinungen, der sprach- 
licben und der reinmusikalischen, wird im Gesang die eine durch die andere stilisiert.f 
Die im Titel erw&bnte Liederbandschrift ist die zu Sterzing in Tirol auf bewahrte, deren 
Gedichte Zingerle schon l&ngst herausgegeben hat, deren Melodieen — leider nur acht- 
zehn! — Rietsch nun verdffentlicht, wobei er sich mehrfach gegen die Riemann- 
Rungesche Obertragungstheorie wendet, and rerseits aber auch Zingerles Ergebnisse dfters 
ergftnzen und verbessern muss und die hdchst wichtige und richtige Forderung ausspricht, 
dass die Philologen in Zukunft musi^aliscbe und musikwissenschaftliche Kenntnisse in 
hohem Grade sich aneignen mfissen, wenn sie alte Handscbriften herausgeben und fiber- 
haupt fiber. Lieder Untersucbungen anstellen wollen. Das auf reichem Quellen material 
iind feinsinniger Beobachtungsgabe fussende Werk wird alien den Lesern willkommen 
sein, die auch von wissenschaftlicher Seite in Lyrik und Musik eindringen wollen. 

Kurt Mey 
140. J. C. Lobe: Katechismus der Musik. Achtundzwanzigste Auflage von Richard 
Hofmann. Verlag: J. J. Weber, Leipzig. 
Das bekannte und grosser Beltebfhelt sich erfreuende Lobesche Buch hat bei den 
vielfacben Auflagen mehrmalige durchgreifende Verbesserungen erfabren und sich dadurch 
neben den neueren Eracheinuogen auf gleichem Gebiet siegreich behauptet. Von dem 
amfassenden Inhalt geben folgende Kapitelfiberscbnfien (von vierzlg) Zeugnis: Tonsystend, 
Notenschrift, Tongeschlecbter, Tonarten, Tempo, Takt, Akkorde, Modulation, Harmonische 
.Figurierung, Generalbass, Grundzfige der musikalischen Gedanken, die vier Sltze des 
Streicbquartetts als Grundformen aller Instrumentalwerke, Obersicht -der gebraucblichsten 
Tonstficke, Figuration, F«ge, Kanon, doppelter Kontrapunkt, reine Vokalmusik, Instrumental- 
musik. Anhangsweise haben noch Bebandlung gefunden die Orgel, der kunstgemasse 
Vortrag, die Partitur. Richard Wanderer 

8* 



Digitized by 



Google 




116 
DIE MUSIK IV. 14. 




MUSIKALIEN 

150. Hugo Wolf: Chrletnacht. Eio Hymnae von Graf August yon Platen f&r groeeee 

Orcheeter, Soli and gemiechten Chor. Verlag: Lauterbach & Kahn, 

Leipzig 1903. 
Kcin Zweifel, daaa Hugo Wolf einmal vorzugeweiee — wenn nicbt auaacblleaalicb 
— ala der geniale Lyriker, der er geweeen iat, im Andenken der Nacbwelt fortleben wird. 
Daa Lied war aeine eigenate Domlne, and wenn ea aoch nicbt richtig ist, waa man jctzt 
ao biufig zu hdren bekommt, daaa er der Sch5pfer deasen geweaen aei, waa man daa 
„moderne Lied" nennen kann, ao war er docta aein Vo Hen der. Wo and ao oft er alcb 
auf ein anderea musikaliscbea Gebiet begibt, hat man die Empfindung, daaa er sich doch 
nicbt ao ganz zu Hauae ffitale. Ala Liederkomponiat stent er ganz elnzig da, eine durch- 
aaa selbstindige, achlechthln unvergleicbliche Erecheinung, einer, der ein voiles Rectat 
daraaf hatte, keinen einzigen seiner komponierenden Zeitgenoaaen — Anton Bruckner 
aelbatveratindlich auagenommen — ala ihm aelbat ebeubfirtig anzuerkennen. Auch in 
den Qbrigen Gattungen, die er kultivierte, ist er bedeutend; aber er ragt bier nicbt ao ala 
achlechthln Einziger fiber alle anderen empor. Da befindet er aich mit den Tfichdgeren 
unter aeinen Zeit- und Strebenagenoaaen inter pares, and vielleicbt nicbt einmal immer 
ala primus. Auch in dem vorliegenden Werke, der 1886—1880, alao in dea Meiatera 
beater Schaffenazeit, entatandenen „Chrietnacht" ist er nicbt ao originell and eigenetlndig, 
wie in den beaten aeiner Lieder. Auch ale iat im Vergleich mit aeinem lyriachen Schaffen 
ein Parergon. Der Einfluaa Wagners and Liezte iat noch sehr dentlich ala unmittelbare 
Anlehnung zu apfiren. Trotzdem iat die „Chri8tnacht* ein ao prichtiges Werk, ao reich 
an k6atlichen Schdnbeiten, ao innerlich warm empfunden und dabei doch auch iuaser- 
lich ao wirkungevoll, daaa aie nicht angelegentlich genug zur Aufffihrung empfohlen 
werden kann. Max Reger und F. Foil haben die Revision der Partitur beaorgt Der 
letztere auch den geacbickt gemachten, wenn auch nicht alle Scbwierigkeiten ganz ein- 
wandfrei fiberwindenden Klavierau8zug. (So bitten z. B. K1.-A. S. 4, T. 1 ff. die Harmonieen 
der Holzbli8er doch etwaa voller wiedergegeben werden dfirfen, aelbat auf die Gefahr 
einer Beelntrichtigung der Spielbarkeit bin.) 

151. Kurt Sehindler: Ffinf Lieder nach Texten von Hartleben, Bueee, H61ty and 

Clemens Brentano. op. 5. — Eine Romanze und drei aatiriache 
Liedchen von Heinrich Heine, op. 6. Verlag: Lauterbach & Kuhn, Leipzig. 
Bel Kurt Sehindler fuhlt man aich viel eher an die Tendenzen gewiaaer alter- 
neueater Franzoaen erinnert, ala daaa man ihn mit irgendwelchen zeitgendasiacben Be- 
atrebungen auf deutacbem Boden in Verbindung bringen kftnnte. Abaolut musikaliache 
Rfickaichten kennt er kaum und fiber die Forderung, daaa auch daa Lied ein formell 
abgerundetea Musikstfick aein mfisae^ aetzt er aich mit vollem Bewasetaein hinweg. Ea 
kommt ihm einzig und allein auf die tonliche Untermalung dea Textea an: die Pointe 
iat ihm allea. Aber ea macht doch oft den Eindruck, ala ob die aeltaam primitive und 
ungelenke Art und Weiee, in der er z. B. aeine Klavierbegleltungen geataltet, nicbt aua- 
achlieaalich auf atiliaierende Absicbten, aondern ebenaoaehr auch auf techniachea Un- 
geachlck zurfickzuffihren aei. Mich pera5nlich haben die Sachen mit wenigen Auanahmen 
nur aeltaam und, offien geatanden, wenig erfreulich angemutet M5glich, daaa ein mit 
anderm mualkaliachen Empfloden Begabter zu einem ganz andern Ergebnia kommt. Ea 
gibt eben Dinge, fiber die man sich nlemala ein Urteil anmaaaen aollte; ea alnd die, 
von denen man gewdhnlich aagt, dass man v nichta mit ihnen anfaagen* k5nne. 

Dr. Rudolf Loaia 
WL August Stradalx Zwei Gedichte. — Zwei Gedichte. — Widmung. — Drei 
Lieder. — Auf der Puazta. — Wegewart — Veraanken. — Vier Gedichte. 



Digitized by 



Google 




117 
BESPRECHUNGEN (MUSI KALI EN) 




— Drei Gedichte. — Schwanenlicd. — Drei Gcdichte. — Drci Gedichtc. — 
Sechs Gedichte. Verlig: J. Schuberth & Co., Leipzig. 
Venn mtn bedenkt, welch grosser Fleiss und welche Muhe dazu gehdren, eine 
derirtige Kollektion yon 31 Gestagen fertigzustellen, so tut es in der Seele weh, dem 
Verfasser such nicht ein Wort des Lobes fiber seine Gsbe sagen zu kdnnen; die kritische 
Pflicht erheischt sber in erster Linie „Wahrheit", und so muss es offen herausgessgt 
werden, dsss unter dieser grossen Anzshl such nicht ein Lied von wirklicher Bedeutung 
vorhanden 1st Die Erflndung ist ftusserot matt, die Vertonung des Textes mitunter sehr 
anfechtbar, der Klaviersatz spr5de und trocken, nicht selten direkt unschdn und pappig, 
dabei aber keineswegs leicht, der Fluss der Singstimme oft durch unnddge und lang- 
atmige Vor-, Zwischen- und Nachspiele gehemmt und unterbrochen: das sind die in die 
Augen fallenden Mlngel dieser Musik. Von einer Pera6nlichkeit nun schon gsr keine 
Spur, der Autor wandelt in breit ausgetretenen Geleisen, so ist es denn such kein 
Wunder, dass, abgesehen von einigen ungarischen fiberm&ssigen Sekunden und Zimbal- 
effekten, diese Lieder stets denselben Eindruck, n&mlich Langeweile, hervorrufen. Viel- 
leicht wirkt eins oder das andere, einzeln genossen besser, wenn aber Lied auf Lied an 
dem Spieler resp. ZuhOrer vorfiberzieht, so muss das Endresultat bei dem grdssten 
Wohlwollen doch negativ ausfallen. Karl K&mpf 

153. Richard Kursch: Ffinf Lieder nach Gedichten von Otto Julius Blerbaum fur 

eine tiefe Singstimme mit Klavierbegleitung. Verlag: Carl Simon, Berlin. 
Noch hat sich die sogenannte „eigene Note" nicht so bei Richard Kursch aus- 
geprigt, wie man es wohl von ihm erwarten d&rfte. Auch diese vorliegenden Ges&nge 
ergeben wieder den Beweis eines starken Talentes. Nun wire es aber bald an der Zeit, 
dass Herr Kursch uns mit seinem schOnen K6nnen auch sein eigenes Gesicht zeigt 

154. A. Lieck: Lieder fur eine Singstimme mit Klavierbegleitung. Op. 23 und 

op. 24. Verlag: Chr. Friedrich Vieweg, Berlin— Gross-Lichterfelde. 
In der Erflndung sind einige der Ges&nge nicht ohne Talent. Leider lassen aber 
alle eine organische Ausarbeitung allzusehr vermissen. Die harmonische Schreibweise 
ist h&uflg fehlerhaft, die Deklamation recht oberflachlich behandelt. 

Adolf GOttmann 

155. Ludwig van Beethoven: Sonates pour Piano. Nouvelle Edition revue, 

doigtee, annotee par Adolphe J. Wouters, professeur au Conservatoire royal 
de Bruxelles. op. 22, op. 27 No. 1 und 2, op. 28, op. 31 No. 1 und 2, 
op. 53, op. 79. Verlag: Breitkopf & H&rtel, Leipzig. 
Seit Bulows vollendeten Bearbeitungen der Beethovenschen Sonaten sind noch 
mehrere andere erschienen. Gerade bei Beethoven erscheinen mir derartige Neuausgaben 
uberaus schwierig. Sagt doch der Meister selbst im Hinblick speziell auf eine der hier 
vorliegenden Sonaten, op. 22: „Vielleicht ist das einzige Geniemissige, was an mir ist, 
dass meine Sachen sich nicht immer in der besten Ordnung befinden und doch 
niemand imstande ist, als ich selbst, da zu helfen." Ein diskreter Bearbeiter 
wird sich daher mdglicbst auf iusserliche, aber wichtige Kleinigkeiten, wie Fingersatz usw. 
beschrinken. Das figurative Beiwerk sollte mdglicbst wdrtlich zur Ausfubrung gelangen. 
Wouters ersetzt fkst regelmassig den Triller durch langsamere Notenwerte, ahnlich ver- 
ffthrt er mit Pralltriller, Doppelschlag. Die impulsive Wucht der wOrtlichen Aus- 
fubrung wire sicherlich Beethovenscher. Das Prinzip, M schdn im Takt zu bleiben", ist 
bei Beethovens genialen Phantasieblltzen nicht immer angebracht Daraufhin zielen aber 
jene Bearbeitungen des Figurenwerkes. Im ganzen aber zeichnet sich diese neue Aus- 
gabe durch grosse Sorgmlt namentlich in Fingersatz und Dynamik aus. 

Arthur Neisser 



Digitized by 



Google 




ZEITFRAGEN (Berlin) 1905, No. 9. — .Wagnernach folge im Geiste" von Karl Storck 
— dieser Aufsati geht von Jean Paula vorauaahnenden Worten aus und gelangt 
zu der Feststellung, dass in Richard Wagner Dichter and Musiker nicht neben- 
sondern ineinander waren; grob auagedrfickt, sei es nicht eine Addition, sondern 
eine Moltiplikation aus Dichter und Musiker. Daraus folgt: „ Wagners Groaatat iat 
die Entdeckung des Stils des Musikdramas: Die Verbindung von Dichtung und 
Muaik muss innerlich notwendig sein, nur dann 1st sie kQnstlerisch . . . Wenn 
Wagners Werk so erkannt wird, muss es fur uns fruchtbar werden. Dann kdnnen 
wir ihm nicht treu genug Folge leisten: eine Folge im Geiste, nicht in der Form: 
Jene iat Lcben, dieae nur Schein. a — No. 12. — Der ungemein berechtigte und 
gehaltvolle Aufsatz „Die komiache Oper als Heilmittel unseres Opernlebens" von 
Karl Storck tut nach einigen allgemeineren Ausblicken dar, dass das Verlangen 
des Volkes nach einer komiachen Oper, das sich bis jetzt in verschiedener Weiae 
deutlich auaserte, jetzt endlich erf&Ilt werden kdnne. Immer mehr schaffende 
KQnatler arbeiten mit an der Ldsung dieser Aufgabe; freilich haben sie diese 
Ldsung nocb nicht ge fund en. 

KORRESPONDENZBLATT DES EVANGEL. KIRCHENGESANGVEREINS 

FOR DEUTSCHLAND (Leipzig)19a5,No.3.-Nelle8Artikeluberdie„Werke 
Jobann Hermann Schema" feiert diesen als „den grdaaten Thomaakantor vor J. S. 
Bach*. Eine wertvolle Zusammenstellung betitelt sich „Geistliche Muaikauffubrungen 
im Jahre 1904*. Zwei Nekrologe enthftlt ausserdem das Heft: ^Johannes Feyhl* 
von A. K5stlin und n Robert Eitner" von Hermann Sonne. 

TAGESFRAGEN (Bad Kiaaingen) 1905, No. 2. — Cyrill Kistlers Worte .Baldur 
in Dfisseldorf* bereiten auf die Dusseldorfer Auffuhrung von Kistlers Muaikdrama 
,Baldurs Tod* vor. ,Etwaa von der Geige" betitelt Max Grossmann eine Ab- 
handlung. Kistlers Begrussung „Kurkapelle in Kiasingen" gilt dem Wiener Konzert- 
vereina-Orchester. Sein Aufsatz „Eine mehr als sonderbare Rezension* beapricbt 
freimutig das Verhftltnis der Kritik zu Wagner. 

LEIPZIGER TAGEBLATT 1905, No. 108. — Paul Zachorlich Iftast sich in seinem 
Artikel w Richard Strausa in Leipzig* in folgender Weise fiber das Wesen der 
Strauaaacben Kunat vornehmen : Jede sinnliche Eracheinung in der Welt iat auf die 
Organe angewieaen, die dazu geschaffen sind, aie zu begreifen. Mein geaundes 
Auge sieht klar und deutlich eine Landschaft im Sonnenlicbte vor sich liegen. 
In der Ferae verwischen sich die Konturen. Nehme ich einen Fernstecher zur 
Hand, so sehe ich manches, was ich mit bloaaem Auge vorber nicht sehen konnte. 
Fur das Sinneaorgan, daa wir Auge nennen, besitren wir alao Hilfamittel, das 
Organ aelbat zu schftrfen, es leiatungafihiger zu machen, ea fiber menachliche 
Fftbigkeiten hinaua zu verfeinern, es mit einem Worte ubermenachlich zu 
machen. Fur das Ohr beaitzen wir ein solches Hilfamittel nicht. Ganz abgeaehen 
davon, dass die Mehrzahl der Menachen die F&bigkeit, in T5nen zu denken, 
uberhaupt nicht verliehen iat, die MSglicbkeit, muaikalisch kompliziert zu denken, 



Digitized by 



Google 




119 
REVUE DER REVUEEN 




die Mdglichkeit, drei, vier und mehr Stimmen gleichzeitig, jede fur sich zu 
horen (und gleicbwohl nicht den Gesamteindruck zu verlieren), diese Mdglichkeit, 
gleichsam horizontal zu hdren, haben wir nicht. Darum steben wir Richard 
Strauss, der diese Fftbigkeit docb wohl besitzen muss, wie obnmftchtig gegenubcr. 
Wir alle sind Menschen mit menschlichen Organen. Aber wie es Gehirne 
▼on unendlich verschiedener Qualitit gibt, genau so got wie Kant zum Gott wird, 
wenn man sein Denken mit dem eines TaglOhners vergleicht, ebenso qualitativ 
verochiedene Gehdre scheint es zu geben. Straussens musikalisches Denken ist 
fibermenschlich. Ist es scbon deshalb, weil es vordenkt, was andere nur mit 
Muhe nachdenken kdnnen. In diesem Zusammenhange spielt es kelne Rollc, 
ob die Menschen (die Musiker) in bundert Jahren horizontal' hOren gelernt haben 
Oder nicht. - 

NEUE MUSIKALISCHE PRESSE (Leipzig) 1905, No. 5. — Georg Capellens 
Abhandlung „Siebenton- oder Zwdlftonschrift? Alte und neue Tonnamen, nament- 
lich in Hinsicht auf den Gesangunterricht?" findet ibre Fortsetzung. Anton 
Seydlers Artikelreibe ,Der Unterricht aus der Musikgeschichte und deren Ein- 
fluss auf die Erziebung des Musikers* befasst sich mit der Ausbildung des 
„historiscben Geistes- und des Verstindnisses fur alte Musikstficke bel den Schfilern. 

MUNCHNER NEUESTE NACHRICHTEN 1905, No. 101. - Ein Aufsatz von 
Paul Marsop, „Eine Schillerfeier fur Beethovenianer", schildert eine .ertraumte 
Scbillerfeier": aus unsichtbarem Orcbesterraum ertdnt die Neunte Symphonic und 
nacb der Darstellung der ersten tragiscben Eindrflcke heisst es weiter: ,Doch 
Qbermlcbtig bricht aus Not und Klage die Daseinslust wieder hervor. Am grossen 
Gegengedanken der Verbruderung der Menschheit, des gemeinsamen Ringens urn 
bedeutende Zwecke, ricbtet sich der WHIe zum Leben, der Wille zur Freude wieder 
auf. Je mehr aber die Schatten zurfickweichen, je mehr wird der Wunsch in uns 
rege, jene Verbruderung, wie sie ein Beethoven und Schiller mit Ton und Wort 
besingen, auch in einem verklftrten Gemilde der idealen Szene zu scbauen. Wie 
der Ton nach dem Wort gerufen hat, so will das Wort zum Bilde sich entfalten. 
— Mit dem letzten Takte des Adagios dffnet sich der Vorhang. Man blickt in an- 
mutige, mit klassischem Schwung der Linien sich fernab dehnende Gefilde, wie sie 
der ,Tochter aus Elysium* wohl zur Wohnstitte dienen mogcn. Gegen den Hinter- 
grund zu auf einer m&ssigen Anhdhe ein jonischer Tempel: schlanke, leicht auf- 
strebende S&ulen! Rechts und links davon Durchblicke auf ein friedliches, blaues 
Meer. Ober den Plan hin sind Rosenbusche, Brunnen, Steinsitze zwanglos verteilt. 
Eine matte Sonne kimpft noch mit leicht flatternden Nebcin. Manner und Frauen 
in annibernd griechischer aber der Einzelerscheinung gemftss frei bebandelter 
Tracht haben sich zu unregelmissigen kleineren Gruppen vereint, auf den Boden 
gelagert oder stehen, halbgesenkten Hauptes, an Baum und Fels gelehnt. Rechts 
gegen den Vordergrund zu eine Marmorbank im Halbrund: auf und vor ihr 
zwei aneinandergeschmiegte Frauengestalten, scbwesterlich gleicb, ein schdn- 
gescbmuckter Jfingling mit kriegerischem Emblem, ein Greis von boheitsvollem 
Aussern, priesterlich gekleidet" Aus der in den Zugen aller Anwesenden sich 
ausprigenden Scbwermut und Scbwirmerei wird nun nach der von dem Greis ge- 
sungenen AufTorderung die Freude, die die Versammelten sich zu einem gegen 
den Tempel hin aufsteigenden Gesamtbild vereinigen lisst ,In dieser Art", sagt 
Marsop, w wird der Schlusssatz der grandiosen Schdpfung gewissermassen als 
ftsthetische Kulthandlung durcbgefuhrt* 



Digitized by 



Google 




NEUE OPERN 

Leo Blech: „Ascbenbr5del a , Text von Richard Batka, 1st von der Dresdener 
Hofoper zur Urauffuhrung ffir Herbst d. J. angenommen worden. 

Anton Eberhardt: „Der Hailing", eine dreiaktige Oper von Gustav Wein- 
berg, errang im Aachener Stadttheater einen Erfolg. 

Wilhelni Freudenberg: „Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilen", Text 
nach Goethe von E. Pohl, wurde von Ernst von Wolzogcn fur sein Opern- 
unternehmen zur Aufruhrung angenommen. 

Frhr. von der Goltz: „Myrrah a erlebte am 26. JVttrz ihre beiflllig aufgenommene 
UraufRihrung am Schweriner Hoftheater. 

Karl Kleemann: »Der Schuler von Mildenfurth" soil noch in dieser Saison 
am Leipziger Stadttheater zur Aufruhrung kommen. 

Charles Lecocq: „Le Trahiaon de Pan", eine einaktige komische Oper, Text 
von Stephan Bordese, hat der 73jfthrige Komponist soeben beendet. 

Jules Massenet: JDer Mantel des Kdnigs" nennt sich eine tragische Legende 
in vier Akten von Jean Aicard, mit deren {Composition der Tonsetzer 
zurzeit besch&ftigt ist. 

AUS DEM OPERNREPERTOIRE 

Berlin: Alfred Kaisers dreiaktige Volksoper ,Die schwarze Nina**, die kurzlich 
ihre Urauffuhrung in Elberfeld erlebte, ist von Direktor Gregor fur die 
neue „Komische Oper 41 erworben worden. 

London: Im Waldorf-Theater sollen italienische Opernvorstellungen stattfinden 
und zwar: „Orfeo", ^Maestro di capella", „Serva Padrona", „Don Pasquale", 
„Fiorella a ,„Somnambula < 'und „Le Barbiere", ausserdem „Adriana Lecouvreur*, 
„Pagliazzi", „Cavalleria rusticana* und „L'amico Fritz*. Ffir letztere vier 
Opera bat die Unternehmung das ausschliesslicbe AuffQhrungsrecht erworben. 
Von Kunstlern werden genannt: Emma Calv6, Julia Ravogli, Mme. de 
Cisseros, Jean de Reszke. 

Monte Carlo: Am 16. Mlrz ging unter des Komponisten Leitung die neue zwei- 
aktige Oper „Amica« von Pietro Mascagni mit Geraldine Farrar vom 
Kgl. Opernhaus in Berlin in der Titelrolle erfolgreich in Szene. 

Mftnchen: Bel den heurigen Richard Wagner-Festspielen im Prinzregenten- 
Theater und Mozart-Festspielen im KOniglichen Residenz-Theater, die, 
wie bereits bekanntgegeben, auf die Zeit vom 7. August bis 21. September 
festgesetzt sind und wobei drei vollstftndige Ring-Zyklen, ferner je dreimal 
„Die Meistersinger von NGrnberg" und ^Tristan und Isolde", zweimal „Der 
Fliegende Hollander* und von Mozart-Opern je zweimal .Figaros Hochzeit*, 
.Don Giovanni* und ,Cosi fan tutte* zur Aufruhrung gelangen werden, rubt 
die musikalische Leitung in den Handen der Herren Felix Mottl, Arthur 
Nikisch und Franz Fischer. An hervorragenden Kr&ften wirken mit die 
Damen: Viktoria Blank (Munchen), Hermine Bosetti (M&nchen), Else 



Digitized by 



Google 



Wil 12! Mf 

JBSS, UMSCHAU _SSft 

Breuer (Mflnchen), Sophie David (Cdln), Johanna Gadski (New York), 
Gisela Gehrer (Mflnchen), Hedwig Geiger (Mflnchen), Charlotte Huhn 
(MQnchcn), Else J&ger (Munchen), Irma Koboth (Munchen), Betty Koch 
(Munchen), Anna von Mildenburg (Wien), Berta Morena (Mflnchen), 
Thila Plaichinger (Berlin), Marg. Preusse-Matzenauer (Munchen), 
Sophie Schrflter (Kflnigsberg), Kath. Senger-Bettaque (Munchen), Ella 
Tordek (Munchen); die Herren: Alfred Bauberger (Munchen), Paul 
Bender (Munchen), Dr. Otto Briescmeister (Berlin), Fritz Brodersen 
(Munchen), Karl Burrian (Dresden), Fritz Feinhals (Mflnchen), Joseph 
Geis (Mflnchen), Sebastian Hofmuller (Mflnchen), Heinrich Knote 
(Mflnchen), Hans Koppe (Mflnchen), Ernst Kraus (Berlin), Max Lohfing 
(Hamburg), Max Mikorey (Mflnchen), Edgar Oberstetter (Wiesbaden), 
Franz Oels (Mflnchen), Karl Perron (Dresden), Julius Puttlitz (Rostock), 
Albert Reiss (London), Michael Reiter (Mflnchen), Georg Sieglitz 
(Mflnchen), Raoul Walter (Mflnchen), Fried rich Weidemann (Wien), 
Desider Zador (Prag). Eintrittskarten sind durch das Reisebureau Schenker 
& Co. Mflnchen zu bezieben. 
Paris: Die bevorstehende italienische Opernsaison vom 2. Mai bis 12. Juni 
unter Sonzogno's Leitung im Sarah Bernhardt-Tbeater wird folgende Werke 
zur Auffflhrung bringen: Rossini (Barbier), Cil6a (Adrienne Llcouvreur), 
Giordano (Andre* Chenier; Fedora; Siberia), Mascagni (Freund Fritz), 
Leoncavallo (Zaza), Filiasi (Manuel Menendez). Orchesterleiter ist 
Campanini. Von Sfingern werden genannt die Herren Caruso, Lucia, 
Bassi, Mazira, Samorzarco, Kaschmann, Raffo und die Dam en Berlendi, 
Cavalieri, Stehle, Tetrazzini, Pacani. 

KONZERTE 

Eisenach: Die Sing-Akademie zu Berlin beabsichtigt mit dem Berliner 
Philharmonischen Orchester und unter Leitung ibres Direktors Prof. 
Georg Schumann am 26. und 27. Mai drei grosse Bachkonzerte in Eisenach 
zu veranstalten, und zwar zugunsten der Erwerbung von Job. Seb. Bachs 
dort befindlichem Geburtshause. In der altehrwflrdigen Georgenkircbe, 
vor der das Denkmal Bachs steht, soil am Abend des 28. Mai die 
Johannispassion und des 27. Mai die Matth&uspassion aufgefflhrt werden, 
w&hrend am Vormittag des 27. Mai ein Konzert des Philharmonischen 
Orcbestera stattfinden wird, in dem Bachsche Instrumental- und Kammer- 
musik-Kompositionen zu GehOr kommen sollen. Es ist bereits Sorge ge- 
tragen, dass die solistischen Mitwirkungen allerersten Ranges sein werden. 
Es ist das erstemal, dass die nun selt 114Jahren bestehende, mit der Pflege 
Bachscher Musik so eng verwachsene Berliner Sing-Akademie sich ausserhalb 
Berlins hflren Iftsst 

Stettin: Die Schiller feier wird musikalisch durch eine teilweise Auffflhrung 
der Bruchscben „Glocke« begangen werden. — Kapellmeister Victor Schwartz 
hat mit seiner zu diesem Zweck bedeutend verstirkten Theaterkapelle Richard 
Strauss' „Ein Heldenleben" Anfang April zur ersten Auffflhrung gebracbt. 

TAGESCHRONIK 

Gleichzeitig mit der Sammlung deutscher Volkslieder, die im Auftrag Kaiser 
Wilbelms erfolgt und die ibrem Abschlusse bereits entgegengeht, ist auch in 
Osterreich ein fthnliches Unternehmen ins Leben gerufen worden. Das Unter- 



Digitized by 



Google 




122 

DIE MUSIK IV. 14. 




richtsministerium bereitet eine Gesamtausgabe des Volksliederschatzes 
aller 6sterreichischen Nationen vor. W&hrend die im Auftrag Kaiser Wil- 
helms hergestellte Volksliedersammlung einen mehr praktischen Zweck verfolgt, 
namlicb den M&nnergesangvereinen ein mdglichst gutes Repertoire zu bieten, hat 
die ftsterreichische Volksliedersammlang einen rein wlssenschaftlichen Cbarakter. 
In einer Vorbesprechung, die vor lftngerer Zeit im Unterrichtsministerium statt- 
fand, wurde zunicbst ein engeres Komitee zur Erledigung der Vorarbeiten ge- 
w&hlt. Dieses Komitee bat nun eine Instruktion fur die Sammler und einen ge- 
eigneten Pragebogen verfasst, die beide in der demnicbst stattfindenden ersten Ver- 
sammlung des vom Unterrichuministerium zu bildenden Hauptausschusses vor- 
gelegt werden sollen. Die Sammlung soil in der Weise erfolgen, dass die Volks- 
lieder jeder einzelnen Nation gesammelt und in Separatb&nden verdffentlicht 
werden. Da das Material ungemein reichbaltlg ist, wird die Sammlerarbeit eine 
lange Reihe von Jahren beansprucben. Es liegen bereits ziemlich umfassende Vor- 
arbeiten vor. Namentlicb die dsterreichische Lehrerschaft hat ein reichhaltiges 
Material gesammelt. Ausserdem ist eine Reihe von grossen Privatsammlungen 
vorhanden, so die Sammlung steierischer Volkslieder des Reicbsratsabgeordneten 
Gymnasialprofessora Dr. J. Pommer in Wicn, die Sammlung italienischer Volks- 
lieder des Universititsprofessors Dr. Anton Ive in Graz, die Sammlung von Volks- 
liedern aus den Sudetenl&ndern des Musiklehrers J. Zak in Brunn und andere. 
Nach Abschluss des ganzen Werkes wird wahracheinlich auch eine Auswahl der 
gesammelten Volkslieder in der Bearbeitung fur Gesang und Klavier fur die Haus- 
musik herausgegeben werden. 

Im nftchsten Jahre tritt in Berlin die grosse internationale Konferenz 
in Sachen der Berner Konvention zur Bildung eines Verbandes fur den 
Schutz von Werken der Literatur, der bildenden Kunst, der Musik und der 
Photographic zusammen. Die Reichsregierung nimmt den regsten Anteil an diesen 
Bestrebungen; sie kann aber die Interessen der Autoren gegenuber dem Auslande 
nicht energisch vertreten, wenn ihr nicht die W&nsche, Vorschl&ge und Anregungen, 
die sie zur Kenntnis der Konferenz bringen soil, rechtzeitig, und das heisst m5g- 
lichst bald, spltestens bis zum Jul! d. J. unterbreitet werden. Es geht das ins- 
besondere die Verleger, Bucb-, Kunst- und Musikslienhftndler, Schriftsteller, Kunstler 
und Photograpben an. Die zustftndigen Behdrden (Auswftrtiges Amt und Reichs- 
amt des Innern) vermissen bis jetzt noch Kundgebungen dieser Kreise. 

Den Opernkomponisten bietet sich in der neugegrundeten Anstalt fur 
Auffuhrungsrecht dramatiscber Werke der Musik und Literatur (Theater- 
abteilung des Verlages Schuster & Loeffler) die gQnstigste Gelegenheit, einen 
Btihnenvertrieb ihrer dramatischen Werke zu gewinnen. Die neue Anstalt unter- 
hSlt einen engen Connex mit alien vornehmen Buhaenleitern des In- und Aus- 
landes, ebenso stehen ihr bewfthrte musikalische Beirlte zur Seite. Es ist jetzt 
auch fur die Opernkomponisten an der Zeit, sich eines Bubnenvertriebes zu be- 
dienen, dessen energischer Fuhrung sich reiche Mdglichkeiten einer gunstigen 
Plazierung bieten, da die Buhnenleiter einer solchen Anstalt mehr verpflicbtet 
sind, als den Musikverlegern, die sich des Vertriebes ihrer Verlagswerke nur 
in den seltensten Fallen annehmen. Die Anstalt befasst sich fiberdies mit der 
Drucklegung dramatiscber Werke. Der Sitz des Direktionsbureaus ist in Char- 
lottenburg, Wielandstrasse 15, wohin Anfragen und Einreichungen zu 
adressieren sind. 

Gegen die Ausdehnung der Pestlichkeiten bis in die frfihesten 



Digitized by 



Google 




123 
UMSCHAU 




Morgenstunden, besonders in der Nictat zum Sonntag, hat der ^Deutsche Mueik- 
direktoren-Verband" Stellung genommen. W&hrend in friiheren Jahren die 
Festlichkeiten meietena gegen 4 Uhr morgens ihr Ende erreichten, verlangt das 
Publikum jetzt, data die Musiker ohne Entach&digung bis 6, auch bia 7 Uhr weiter- 
apielen. Venn man in Betracht zieht, dass es ohne kdrperllche Schidignng kaum 
radglich iat, in den oft mit scblechter Luft erf&llten S&len lfinger ala acht Stnnden 
au8iubalten, so durfte der Beachluaa begr&ndet sein, dasa mit Beginn der nachsten 
Wintersaiaon die Privatkapellen nicht linger als bia 4 Ubr morgens apielen werden. 

Durch die Spende eines Wiener Burgers, des Herrn Heinrich Orfandl, iat 
die Kaiaeratadt an der Donau in den Besitz einer Sammlung von Haydn- 
Reliquien gelangt, die mit zu den intereaamnteaten Denkwurdigkeiten gehdren, 
die una von dem deutschen Tonmeister geblieben aind. Originalbriefe, Noten- 
autographen, ferner eine groase Anzahl Bilder, Olgemilde, Photographieen, Stiche 
vervollatiLndigen die etwa 200 Nummern enthaltende Sammlung, die in dem Hauae 
aufbewahrt wird, wo Joaeph Haydn lebte und achaffte. 

In Oanabruck wird die Errichtung eines Stadttheatera mit einem 
Kostenaufwand von 700000 Mk. beabsichtigt 

In Elberfeld atifteten fQnf Bfirger ffir eine wfirdigere Ausatattung der 
Opern von Mozart and Wagner im Stadt-Theater die Summe von 19000 Mk. 

In der Staatabibliothek zu Florenz iat jetzt eine beaondere Abteilung 
fur Muaik eingerichtet worden. Mit deren Verwaltung iat der angesehene Muaik- 
kritiker Arnaldo Bonaventure, der auch eine „Geschichte der Muaik * ver- 
dffentlicht hat, betraut worden. 

Der Violoncell-Virtuoae und Komponiat David Popper beging am 28. Mlrz 
in Budapest sein vierzigj&hrigea Kfinstler-Jubillum. 

Der emeritierte Wiener Chordirektor und Kirchenkomponiat Cyrill Wolf 
konnte am 9. Mirz mit aeinem 80. Geburtstage zugleich aein OOjlhriges Musiker- 
jubilium feiern. 

Eine ^Deutsche Armee-Zeitung* ala Fachblatt fur Muaiker der deutschen 
Armee und kaiaerlichen Marine eracheint jetzt in Frankfurt a. M. Redakteur 1st 
der Musikschriftateller Max Chop in Berlin. 

Bernhard Thiersch, dem Dichter des Preussenliedes „Ich bin ein Preusse, 
kennt ihr meine Farben*, will ein Komitee in aeinem Geburtaort Kirch- 
Scheidungen a. N. einen Gedenkatein errichten. 

Alexander Sebald, der frfihere Konzertmeiater des Munchener Kaim- 
Orchesters, iat zum ersten Konzertmeister der KOnigl. Kapelle in Berlin als Nach- 
folger Prof. Halira ernannt worden. 

Der Stuttgarter Hofkapellmeiater Joseph Hellmeaberger iat als Nachfblger 
Victor Hollaendera ala Kapellmeister und Hauakomponist an das Berliner Metropol- 
tbeater engagiert worden. 

Gottfried Angerer, Direktor der Musik-Akademie in Zfirich, iat von der 
achweizeriachen Unterricbtsbehdrde zum ataatlichen Professor der Musik er- 
nannt worden. 

Der Konzert- und Oratorienainger Emil Pinks (Leipzig) wurde vom Ffiraten 
von Schwarzburg-Sonderahauaen zum Kammerainger ernannt. 

Hofkonzertmeiater Prof. Karl Prill-Wien erhielt vom Herzog von Anhalt 
die Rltterinaignien I. Klaaae dea anhaltischen Hausordens Albrechta dea Bftren. 

Der Herzog von Sachaen-Altenburg verlieh Prof. Hermann Ritter in Wurz- 
burg die Goldene Medaille fur Kunat und Wiaaenschaft mit der Krone. 



Digitized by 



Google 




124 
DIE MUS1K IV. 14. 




Der Kammermusiker Fritz Espenhahn In Berlin wurde zam Kammer- 
virtuosen erninnt. 

Die Konzertsingerin Therese Bebr ist zur grossherzoglich hessischen 
Kammersangerin ernannt worden. 

Die von Franz Hauser <f 1870) angelegte, zuletzt im Besitze seines im 
Vorjahr verstorbenen Sohnes, des Kammersangers Josef Hauser, beflndlich ge- 
wesene bedeutende Bach-Sammlung ist fur die Kgl. Bibliothek in Berlin 
erworben worden. — Das Kunstauktionsinstltut C. G. Bfirner in Leipzig wird vom 
1.— 6. Mai die Kunstsammlung und Bibliothek Franz Hauser- Karlsruhe zur 
Versteigerung bringen. Die Kataloge verzeichnen Kupfersticbe, Radierungen, 
Holzschnitte alter Meister, alte, meist holl&ndische Handzeichnungen, franzfisische 
und engli8che Stiche des achtzehnten Jahrhunderts, Radierungen von Chodowiecki, 
Stammbficher des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts, frfihe Holzsehnitt- 
werke und Inkunabeln, Literatur des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts, 
Kupferwerke dieser Zeit und eine Bibliothek fiber Goethe und die Romantik. 
Die wertvolle Musiksammlung, zu der Prof. Hermann Kretzschmar-Berlin 
eine kurze Vorrede geschrieben hat, enth&lt kostbare Manuskripte der Bach-Zeit, 
Autographen von Beethoven, Mozart u. a., seltene alte Musikalien und Werke 
fiber Musik, Beethovens Klavier, und ist als ausserordentlich kostbar und reich- 
haltig zu bezeicbnen. 

Aus Eisenach geht uns im Anschluss an den im 2. Februarheft d. J. 
gebrachten Aufsatz von Erich Kloss v Das Wagner-Museum in Gegen- 
wart und Zukunft" die Nachricht zu, dass nach dem Weggange des Herrn 
K. F. Buhmann Heir Dr. V. Nicolai Bibliothekar des Museums geworden ist, 
wihrend als Direktor Herr Chefredakteur PhilippKfihner fungiert. Das Museum 
ist wihrend der T&tigkeit dieser Herren in erfreulicher Veise weiter ausgestaltet, 
die Bibliothek erginzt und durch Neuerscheinungen vermehrt worden. Auch ist 
der wissenschaftlichen Forschung Gelegenheit zu Studien an Ort und Stelle gegeben. 
Damit w&ren aufs dankenswerteste die in unserm Aufsatz ausgesprochenen 
Wfinscbe bereits dauernd erffillt, was im Interesse aller Freunde der Museums- 
angelegenheit mit Freude zu begrfissen ist 

TOTENSCHAU 

Im 67. Lebensjahr starb der ehemals gefeierte italienische Tenor Luigi 
Maurelli in Verdi's Kfinstlerasyl in Mailand. 

Der Landschafts- und Marinemaler Albert Rieger, Komponist zablreicher 
bei Milit&rkapellen beliebter Musikstficke, ist, 71 Jahre alt, in Penzig bei Wien 
gestorben. 

Franz Gungl, der ehemalige Kapellmeister des Kaiserl. Franzfisischen 
Theaters in Riga, verschied dort am 10. Februar im Alter von 60 Jabren. 

Am 21. Mlrz starb in Kfitzschenbroda bei Dresden der ehemalige Theater- 
direktor und Oberregisseur Theodor Lobe, eine der bekanntesten Persfinlichkeiten 
der deutschen Theaterwelt, im 72. Lebensjahr. 

Der Orgel virtuose Friedrich Wiesendorfin Petersburg, der an der luthe- 
rischen Sankt Annen-Kirche als Domorganist fungierte, 1st im Alter von 62 Jahren 
gestorben. 

Prof. Naret-Koning, langjfthriger enter Konzertmeister am Frankfurter 
Opernhaus und Mitglied des Heermann-Quartetts, ist am 28. Mlrz im Alter von 
67 Jahren in Frankfurt verscbieden. 



Digitized by 



Google 



KRITIK 




m-*M*a*mKMUMk 




OPER 

BRESLAU: Bemerkenswert waren in der Opernbochflut der letzten Wochen ailenfalls 
eine strichlos intendlerte ,Meistersinger"-Aufffihrung (Kapellmeister Prflwer),bei der 
Jedoch vcrschentlich der — Nachtwftchter ausblieb, zwei „Tristan"-Abende und xwei Zyklen 
des „Nibelungen-Ring". Im ertten sang Fri. Westendorff aus Dessau, im iweiten 
Frl. Self fort aus Bremen die Brfinnhllden, da die Direktion offenbar keine ihrer eigenen 
3 ( ! ) „Hochdramatischen" mit dieser Aufgabc betrauen wollte. Verpflichtet wurde uns 
Frl. Weatendorff, die auch eine Isolde vorffihrte. Frl. Seiffert, die nicbt „auf Engagement* 
gastlerte, hat die sch6nere und gr6ssere Stimme, das stirkere Temperament. Als weitere 
Glste, von denen es permanent bei uns wimmelt, erschlenen Joseflne Reinl (Isolde), 
die Tenoristen Lugarti und Balta. Als Engagements-Kandidaten stellten sich vor die 
Koloraturelngerin Sturm (Gilda, Martha), die Altistin Radkiewlcz (Fides), die Helden- 
ten5re Classen (Tannhiuset) und Bfirger (Prophet, Tristan), der Bsssbuffo Bandler 
(▼an Bett). Wer yon ihnen das Engagementsziel erreicht hat, 1st mlr nicht bekannt, da 
sich darfiber das in gleichgfiltigen Nachrichten sehr produktive Theaterbureau auszu- 
schwelgen pflegt Die wichtigste Frage, wer unseren nach K51n gehenden Wagnerslnger 
Konrad ersetzen soil, scbeint noch nicht beantwortet, da weder Herr Classen, noch Herr 
Bfirger sonderlich angesprochen hat. Dr. Erich Freund 

BRONNi Mit vielem Vergnfigen kann ich von einer trefflichen Aufffihrung des 
Goldmarkschen ,G6tz von Berlichingen" berichten. Der Meister, der die 
letzten Proben pers6nlich geleitet hatte, war Gegenstand lebbafter Ovatlonen. Von den 
Leistungen- seien die ,Adelheid" des Frl. Nagel und der ,G6tz" des Herrn Mechler 
genannt Auch einer zweiten Novitlt, Franz L6har's „Tat)ana", Text von Felix Falzari 
und Max Kalbeck, wurde eine gelungene Darstellung zuteil. Die Oper 1st schon vor 
den grossen Operettenerfolgen Llhar's unter dem Titel ,Kukuaka" in Leipzig, Budapest usw. 
fiber die Bretter gegangen, und wurde uns nun in einer textlichen und musikalischen 
Nenbearbeitung vorgeffihrt, die sich aber, zumal was das Buch anlangt, noch immer nicht 
als einwandfirei erwies. L6har>s Musik weist neben ungewdhnlichen Schdnheiten auch 
manche Schwichen auf, erscheint aber f&r jeden Fall als ein schdnes Versprechen ffir 
die Entwicklung des Opernkomponisten L6har. Vorzfiglich hielt sich bei beiden 
Premieren das Orcbester unter Kapellmeister Veit. Siegbert Ehrenstein 

CHEMNITZ: Als Novit&t wurde uns eine recht gute Aufffihrung von Peter Corne- 
lius' „Barbier von Bagdad* geboten; im fibrigen erlebten lobenswerte Dar- 
stellungen die ,gangbaren" Opera von Wagner, Mozart, Lortzing usw., sowie Zoellners 
,Versunkene Glocke". Oskar Hoffmann 

DESSAU: Wagners Todestag beging die Hofoper durch eine vorzfigliche Aufffihrung 
der ,Meistersinger" mit Sigmund Krauss als Walther Stolzing. Tags zuvor sprach 
In einer Matinee Prof. Dr. Arthur Seidl fiber die Kunstlehre in den Meistersingern. 
Am 17. Februar gastierte als Sieglinde Berta Morena (Mfinchen), die eine Leistung 
von hervorragender Bedeutung schuf. Auf dem Gebiet der Operette bebauptet zurzeit 
Suppfs „Fatinitza" dss Feld. Ernst Hamann 

DORTMUND: Unsere Oper krfinte den Nibelungenring mit einer einwandfreien Auf- 
ffihrung der ^Gdtterdimmerung" und ersielte damit unter Pitteroffs sicherer 



Digitized by 



Google 




126 
DIE MUSIK IV. 14. 




Leitung und der kunstlerischen Regie von Alois Hoffmtnn im Verein mit dem Phil- 
harmonischen Orchester und den ersten Gesangskrftften unserer Buhne den bedeutsamsfen 
Erfolg der Saison. Hervorzuheben sind Sch inner (Siegfried), Langefeld (Gunther), 
Puttlitz (Hagen), die Damen Seiffert (Brunnhilde), Cordes (Gutrune) und Hammer- 
stein (Waltraute). Am Schluss der Spielzeit wird die fetralogie zur Cesamtatiffuhrung 
gelangen. Heinrich Bulie 

DRESDEN: Im K5nigl. Opernhause war eine Neueinstudierung der „Folkunger* von 
Edmund Kretschmer zu verzeichnen, die sich zu einer Huldigung ffir den greisen 
Komponisten gestaltete. Die Hauptroilen waren mit Frau Wittich und den Herren 
v. Bary und Scheidemantel besetzt. Ein Gastspiel von Frau Gutheil-Schoder aus 
Wien als Frau Fluth in Nicolais ,Lustigen Weibern" verlief b5chst erfolgreich und Eva 
v. d. Osten sang mit glucklicbstem Gelingen erstmalig die Mignon. Ob die Uraufruhrung 
▼on Richard Strauss' .Salome" in dieser Saison erfolgen wird, steht noch nicht Test. 

F. A. Geissler 

ELBERFELD: Die hiesige deutsche Erstauffuhrung von ,William Ratcliff* von 
Emilio Pizzi, die in Bologna mit dem Ricordipreis gekrSnt worden war, hatte keinen 
nambaften Erfolg zu verzeichnen. Der Text, nach Heinrich Heines gleicbnamigem 
Trauerspiel von A. Zanardini bearbeitet und von Dr. Otto Neitzel ubersetzt, ist nicht 
besser und nicht schlechter als viele andere „Opernbucher". Die Oper steht in der 
musikalischen Bebandlung auf dem Boden der Musik eines Verdi und Mascagni, hat 
naturlich auch ibr Orchesterintermezzo und erscbeint in der Instrumentation von Wagner 
beeinflusst. Kann die Musik sotnit auf eigentliche Ursprunglichkeit keinen Anspruch er- 
hebcn, so zeugt sie docb von Talent und entb&lt neben manchem Stimmungsvollen zahl- 
reiche Scb5nheiten italieniscber Melodik. Eine charakteristische „Nummer" ist das den 
stCtrmischen Riit Ratcliflfs scbildernde Intermezzo. Urn die von Gottfried Baldreich 
vortrefflich geleitete und von Jacques Goldberg woblgelungen inszenierte AuffQhrung 
machten sich besonders die Vertreter der beiden Hauptpartieen, Cficllie Ruse he (Maria) 
und Wilhelm Qtto (William Ratcliif), verdient F. Scbemensky .; 

ESSEN: Seine Hauptaufgabe dieses Winters, Wagners Nibelungenring ganz fur sich zu 
gewinnen, hat das Stadttheater trotz der uberaus schwierigen szenischen Verhftltnisse 
.mit Ehren zu Ende gefuhrt, und die erste zyklische Darstellung des Riesenwerkes fand 
ausverkaufte Hfiuser mit dankbaren Zub5rern. Max Hehemann 

FRANKFURT a. M.: Mit mebr als der gewdhnlichen Aufmerksamkeit wurde hier das 
dreimalige Aufrreten des Herrn Leydstrom aus Stockholm vermerkt. Man h5rte 
ihn alsWotan, Hans Sachs und Tonio (Bajazzo), und ward des schdnen, sympathischen, 
nur nach der Hone zu etwas eingeschrtokten Organs und des reichen und sicheren 
scbauspielerischen Verm5gens namentlich in den .Meistersingern* wahrhaft froh. Das 
so erfolgreiche Gastspiel zielt auf ein Engagement, fur das somit gunstige Aussicht 
besteht. Hans Pfeilsohmidt 

FREIBURG i. Br.: Unsere Oper bot in kurzen Zwischenr&umen eine Wiederholung des 
Nibelungenrings. Als Gast debutierte mit grossem Erfolg ein ehemaliges Mitglied 
unserer Buhne, Carl J6rn aus Berlin, in Martha und Lohengrin. Unter den aufgefuhrten 
Noyitaten erzielten vor alien Wolf-Ferrari's M Neugierige Frauen* einen schdnen Erfolg; 
eine weitere Novitlt to Der Traum* von C. Peters, wurde freundlich aufgenommen. In 
der bis 1. Juni ausgedehnten Spielzeit werden noch H. Wolfs *Corregidor a und PaSr'4 
»Der Herr Kapellmeister* 4 zur AuffQhrung gelangen. Victor August Loser 

HAMBURG: In einer neuen, stark verkurzenden Ausgabe von unserem Kapellmeister 
Josef Sfransky erscbien Glucks w Paris und. Helena* ats Novitftt auf dem 
Spielpian. Der Versuch, dies in Vecgessenneit geratene Work Glucks der Buhne wieder 



Digitized by 



Google 




127 
KRITIK: OPER 




zuzufuhren, misslang. Nicht wegen Herrn Stransky, sondern trotz Herrn Stransky; 
er musste mlsslingen, da die Glucksche Oper mit vollem Recht verstorben ist Wie 
man Weiss — und wenn man's nicht weiss, kann man es in der berfihmten Vorrede nach- 
leseh, die Gluck .Paris und Helena* mitgab — wollte Gluck etwas ganz Besonderes 
leisten. In der Theorie war das moderne Musikdrama geboren, als Gluck die Vorrede 
erdacht hatte. Aber leider nur in der Theorie. Und die gahze folgende Musik sind 
leblose Exempel auf diese Theorie. Dazwiscben ein paar gute Glucksche Architekturen: 
lapidare GhOre, grosse Stimmungen. Aber wie das Ganze in den funf Akten des Originals 
eine Unm5glichkeit war, so blieb es in der Zusammenziehung auf zwei Akte eine Sache, 
die unser Interesse an keiner Stelle tiefer fesselt. Der Exhumierung, die zugleicb ein 
neues Begr&bnis bedeutete, folgte der .Orpheus*, wundervoll von Brecher einstudiert 
und von Frau Metzger-Froitzheim fast ideal gesungen und dargestellt. Da zeigte 
sich's denn, dass der aire Gluck doch noch lebt. Heinrich Che valley 

KOLN: Die bereits chronisch gewordene Primadonnennot ist nunmehr durch das sehr 
erfolgreiche Gastspiel und danach zustande gekommene mehrjlhrige Engagement 
von Alice Guszalewicz glucklich beendet. Die Kunstlerin zeigte als Isolde bei sieg- 
hafter Stimmentfaltung, dass sie Wagners Stil gl&nzend beherracht Fur anderes Opern*- 
gebiet erbrachte ihre .K5nigin von Saba" die wunschenswerte Gew&hr. Die fur Juni im 
Neuen Theater bevorstehenden Festspiele werden mit den Dirigenten Otto Lohse, 
Fritz Steinbach und Richard Strauss, sowie einer gr5sseren Anzahl renommierter 
Sangeskr&fte von den verschiedenen grossen Buhnen .Figaros Hochzeit", .Die Meister- 
singer", .Tristan", .Feuersnot" und den .Barbier von Bagdad" bringen. Spielleiter sind 
Georg Droescher, Anton Fuchs, Max Martersteig. Paul Hiller 

MAGDEBURG: In der Oper hatte ein neues einaktiges Bfihnenwerk von Gottfried 
Grunewald, der sicb durch grosse Chorwerke einen Namen gemacht hat, einen 
recht freundlicben Erfolg. Den originellen Text lieferte ibm A. Eisert nach einem 
M&rchen von Volbehr; er nennt sicb .Der from me K5nig". Die Szene spielt 
vor der Himmelstur, an der St. Petrus Wache halt, und dann im Himmel selbst. Hans 
Sachsscbe Ziige und die der alten Mysterienbuhne sind da glucklich verwertet. Der 
frotome KOnig kommt in den Himmel, wird aber erst in die Reibe der Hochseligen auf- 
genommen, als er in Demut erkennt, Kdnig und Bettler seien vor dem HSchsten gleich. 
Der Komponist hat den Allegorieen ein sehr farbiges Orchestergewand umgeworfen, man 
kdnnte von Allegorieen des Klangs sprecben, die sich mit den Gedankehglngen des 
Textes und der Handluhg zu decken sucben; aber eine Stunde lang himmlische Musik 
zu machen, daran erlahmt doch schliesslich seine ohne alien Zweifel bedeutende Kraft; 
auch feblt dem Textbucfa eine eigentliche hOchste Erhebung. MaxHasse 

NEW-YORK: Unsere Opern-Saison ist voriiber. In den 15 Wochen gelangten 29 grosse 
Opera, 1 Operette und 2 Ballets zur Aufffihrung. Nicht verzeihen kann die Welt 
Herrn Conried die Aufhahme von Wagners .Parsifal" in den regullren Spelplan. Ala 
Kontrast dazu gab es die .Ftedermaus". Von Mozart batten wir nur den Figaro, Beet- 
hovens Fidelio wurde nur einmal gegeben. Von Wagner hdrten wir ausser Parsifal 
noch Lohengrin, Tannhauser, Tristsn, Melstersinger und zweimal den Ring-Zyklus. Dann 
standen auf dem Repertoire: ATda, Barbier, Rigoletto, La Bobdme, Tosca, Faust, Carmen, 
Pagliacci, Cavalleria Rusticana, Hugenotten. Fur seine Hanptstars Sembrich trad 
Caruso hatte Conried noch Lucia, Lucrezia Borgia, Traviata, Llebestrank, Don Pasqual*, 
Maskenball, Romeo und Julia, Gioconda ausgegraben. Die Ballets waren Coppelia und 
Puppenfee. Das Singer-Personal entfcielt neben vielen Kunstlern ersten Ranges eine 
Anzahl minderwertiger Krftfte, an die sicb das biesige Publikum auf Wunsch des Direktors 
nach und nach gewfthnen soil! Das Orchester war gegen das Vorjahr seht verkleinert 



Digitized by 



Google 




128 
DIE MUS1K IV. 14. 




worden, woranter die Kapellmeister Alfred Hertz und Arturo Vigna stark zu leiden 
hatten. lhnen gesellte sicb noch Nahan Franko, der frfibere Konzertmeister, hinzu. 
Jetzt befindet sicb die Gesellscbafc auf Reisen, und Parsifal wird in video StiWten aber- 
male mit der Fledennaus am die Gunst des Publikuras bahlen! Arthur Laser 
r^ARIS: Das Zusammenwirken Zola's und des Komponisten Alfred Bruneau war 
Ml bisber nicbt sehr glficklich gewesen. „Messidor" ist in der Grossen Oper nur elfmal 
und „L'Ouragan" an der Komischen Oper nur zw61fmal gegeben worden. Man sab 
daher an dieser B&hne mit einiger BefQrchtung dem am 3. Mirz zum erstenmal gegebenen 
.Enfant Roi" entgegen, dessen Textbuch Zola wenige Wocben vor seinem pldtzlichen 
Tode durch die tfickiscbe Kaminvergiftung des 28. Sept 1902 fertiggestellt batte. Heute 
zeigt sicb jedoch, dass sowohl Zola als Bruneau sehr viel von Cbarpentler's epoche- 
machender „Louise" gelernt haben und das wird ihrem letzten Werke endlicb den lang- 
ersebnten Erfolg bringen. Vie Charpentier, so versetzt uns such Zola diesmal in das 
Paris von heute und lasst darin ein mdglichst einfaches Familiendrama spielen. Was 
bei Charpentier das Atelier der Schneiderinnen war, das ist bier die grosse Bftckerei 
Delagrange, die wir nicht nur von hinten und vorn, sondern auch im Kellergewdlbe der 
Backstube kennen lernen. Ein Spielwarenladen im Tuileriengarten und der Blumenmarkt 
neben der Madeleine bilden die ubrigen der funf mit dem peinlichsten Realismus aus- 
gestatteten Bilder der Oper, die sich „com6die lyrique* zu nennen beliebt Die 
Handlung ist ebenso einfach als rfibrend, aber wenig originell. Der Bicker glaubt, seine 
Frau babe einen jugendlicben Licbhaber, mit' dem sie jeden Dienstag Abend zubringe, 
aber der junge Mann ist die Frucht eines Fehltrittes, den sie vor der Heirat beging, und 
ist im Alter, wo man noch hohen Sopran singen kann. Der Backer, der zu seinem 
Scbmerz keine eigenen Kinder hat, will zuerst seine Frau von ihrem Kinde trennen. 
Sie bleibt aber, obscbon sie ihren Mann aufrichtlg liebt, ihrer Mutterpflicht treu. Er ist 
daruber hdebst unglucklich und sie kehrt daber zu ihm zuriick. Nun will sich aber der 
Knabe aufopfern, indem er nach Amerika verduftet, aber der Bicker verzeiht und nimmt 
den exemplarischen jungen Mann an Sohnes Statt an. — Bruneau bat sowohl fur die 
gut angelegten R&breffekte, als fur die Scbilderungen des Volkslebens, namentlich auf 
dem Blumenmarkt, fast immer die zutreflfcndsten T6ne gefunden. Vom dritten Akt an 
steigerte sich der Beifall und der fflnfte ruhrte fast bis zu Tr&nen. Marie Thierry 
spielte und sang den kleinen Bastard, der schliesslich als ,Kdnig" oder wenigstens als 
Kronprinz in die noble B&ckerei der Chaussee d'Antin einzieht, mit grosser Anmut und 
NatGrlichkeit Claire Frich6 war eine ergreifende Bftckersfrau und der Bariton Dufranne 
imponierte als Bicker, der sich seiner wichtigen Funktion als Volksernfthrer sehr und 
bis zum Oberdruss bewusst ist. Merkwfirdig 1st, dass Bruneau auf jede Tenorpartie ver- 
zichtet bat Dennoch hat er keine Monotonie aufkommen lassen. Die Musik bietet 
ebensoviel Abwechslung als die Handlung. Felix Vogt 

POSEN: Die Oper brachte mit grossem Erfolg ^Hoffmanns Erziblungen", w Tannhfiuser* 
und Figaro« in schdner Auffuhrung. Sie schliesst mit Jtfeistersinger* die nicht 
gerade ergiebige Salson. A. Huch 

PRAG: Drei Erstaufffihrungen gab es im Deutscben Theater. »Ib und 
Christinchen* inszeniert das bandlungsarme, aber stimmungsreiche Andersenscbe 
Mirchen. Der anglisierte Iialiener Leoni hat dazu eine h&bsche, zarte Musik f&r ein 
Mioiaturorchester geschrieben, die das Pathos der neueren welschen Oper mit der rubr- 
seligen Melodramadk und drolligen Tanzrbytbmik der Englander verquickt Die von 
Blech dirigierte Oper erzielte dank ihren sentimentalen Lyrismen einen recht guten 
Erfolg. Musikalisch viel mehr zu sagen bat uns freilich Felix Driseke in seinem 
^Fischer und Kalif". Aber ein unwirksamer Sioff und eine gewisse Gleichartigkeit 



Digitized by 



Google 





J. P. E. HARTMANN 
* 14. MAI 1805 



IV. 14 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 




JOHANNE SOPHIE LOWE 
*28. APRIL 1815 




IV. 14 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 




129 
KRITIK: OPER 



,.w 



der Tonsprache, die in reicher Melodik und instrumentaler Farbenpracht aufbluht, lassen 
alle diese Vorzuge nicht ganz zur Geltung kommen. Es fehlt das unerlassliche Moment 
derSpannung. Leider war die Besetzung (Fftrstel, Humalda, Haydter) teilweise un- 
genugend. Daher die Parole: Tenoraot. Dirigiert hat Egon Pollak. Ala Kuriosum sei 
die Oper .Chopin* erw&hnt, deren Musik Orefice aus Kompositionen des Titelhelden 
zusammengeflickt bat. Dem Mutterboden des^Klaviers entrissen, in andere Tonarten 
versetzt, veretOmmelt usw. passen sie nicht zu den wenig zusammenhangenden, ab- 
spannenden, szenischen Vorgangen. Mit Chopin's wirklicher Biographie hat die Handlung 
nur wenige Beruhrungspunkte. Die hinreissende Leistung von Frau Langendorf und 
die griindliche Vorbereitung (Diligent: Selb erg) wahrten dem Premierenabend das Gesicht. 

Dr. Richard Batka 

ROSTOCK: In einer schdnen .Walkure* unter Regisseur Toller und Kapellmeister 
Rudolf Gross kamen noch einmal die hohen kunatlerischen Grunds&tze, nach denen 
Direktor Hagen seine Bfihne geleitet, zu deutlichstem Ausdruck. Der .Widerspenstigen 
Zlhmung" von Gdtz uncer Kapellmeister Band^fand beim Publikum nicht die gebuhrende 
Teilnahme. Ein Gaatapiel von Erika We de kind (Frau Fluth, Regimentatochter) wurde 
mitgroasem Beifall aufgenommen. Im April 1st ein Gastspiel von Gr fining (Lohengrin) 
in Auasicht, und mit den .Meistersingern* soil die Spielzeit ausklingen. 

Prof. Dr. W. Golther 

STETTIN: Nun hat man uns auch die .Meistersinger* und den .Siegfried 41 gebracht 
und zwar in merklich sorgsamer Einstudierung. Nimmt man noch das glftnzende 
Tripel-Gastspiel der Wedekind in Hoffmanns .Erzihlungen" hinzu, so tritt man dem 
Rest mit der Bezeichnung .schwacher Durchschnitt" nicht zu nahe. 

Ulrich Hildebrandt 

WEIMAR: Der ungunstige Eindruck der letzten Novitftt wurde vollatindig verwischt 
durcn die Eratauffunrung von Hans Sommera .Rubezahl und der Sack- 
pfeifer von Neisse*, Dicmung von Eberhard Kdnig. Daa Werk hatte einen groaaen 
Erfolg; der anweaende Komponist wurde mehrere Male gerufen. Die Aufftihrung unter 
der Regie Wiedeys und der Leitung Krzyzanowski's war in alien Teilen vorzuglich 
und speziell Herr Gmur bot in der Titelrolle eine prftchtige Leistung. Die Tonsprache 
Sommera iat eine gewahlte und uberzeugende. Die Leltmotive sind klar und charakte- 
ristisch; die Instrumentation manchmal zu stark aufgetragen, doch immer intereasant 
Schade iat nur, daas Sommer zu viel klugelt und sich dabei ins Detail verliert Man hat 
den Eindruck, als ob er manchmal jeder naturlich melodiachen Wendung ftngstlich aus 
dem Wege ginge. 1m groaaen Ganzen jedoch haben wir es mit einer ehrlichen von 
grossem KOnnen zeugenden Arbeit zu tun, die den Stempel echten Deutschtums trlgt 
und schon deshalb die weiteate Verbreitung verdient. — Von den ubrigen Opernabenden 
1st eine im ganzen gute Aufftihrung von „Der Widerspenstigen Zlnmung" von 
H. Goetz zu verzeichnen, sowie vor alien Dingen eine zykliache Aufftihrung des »Ring" 
(ohne Strich!). In „Rheingold« und .Walkure" aang in befriedigender Wciac Frau 
Reuss-Belcedie Fricka und Brunnhilde, wfthrend in .Siegfried" und .Gdtterdftmmerung* 
die Brunnhilde durch Thila Plaichinger aus Berlin vertreten sein wird. Eine in jeder 
Beziehung hervorragende Leistung bot Frl. vom Scheidt ale Sieglinde. 

Carl Rorich 

WORZBURG: Un8ere Buhne hat wieder eine Krise durchgemacht» die zu einem 
Direktionswechsel fuhrt. Die damit verbundenen Unruhen erschwerten naturgemiss 
aehr die gedeihliche Arbeit; es 1st eigentlich zu verwundern, daas trotzdem eine Reihe 
interesaanter Werke wie ,BohSme«, .Hoffmanns Erzihlungen", Verdi's .Othello* usw. 
gut herauskam. Das Personal unter Direktion von Herrn Grossmann hat sich ehrlich 
IV. 14. 9 



Digitized by 



Google 




130 
DIE MUSIK IV. 14. 




angestrengt, insbesondere die Tenflre Groeger und ZOrnitz/die Baritonisten Werner 
und Richter, der Bassist Eck und die beiden Wurzburger Kinder Frl. Englerth als 
dramatische Singerin und Frl. Bauer als Soubrette. Dr. Kittel 

KONZERT 

BARMEN: Der Allgemeine Konzertverein-Volkschor brachte in seinem 97. und 
06. Abonnementskonzert unter Hopfe „Die Glocke* von Bruch unter Mitwirkung 
des Volkschors, der Solisten Cftcilie Rusche, Iduna Walter, Albert Jungblut, Max 
Bfittner und Bernhard Wessel (Orgel) zu tadelloser AuffOhning. Im Mittelpunkt des 
90. und 100. Konzerts standen die einzigartigen Darbietungen von Teresa Carreno, 
w&hrend das Orchester durch die klangschdne Wiedergabe von Bizet's „L'Arlesienne* 
und der c-moll Symphonie von Saint-Saens sich auszeichnete. — 1m funften Abonnements- 
konzert der Konzertgesellschaft erfuhr unter Stronck Wolfe „Penthesilea", sowie 
Bruchs „Frithjof" durch das Stftdtische Orchester, den Singverein und Lehrergesang- 
verein, sowie die Solisten Paul Haase und Frau eine glanzvolle Wiedergabe. Ausser- 
dem entzBckte Karl Friedberg durch sein vornehmes Spiel in Tonschftpfungen von 
Franck, Chopin und Liszt. — Neben diesen Konzerten boten die Kammermusik-Abende 
von Musikdirektor Schmidt, sowie die Sonaten-Abende der Frau Saatweber-Schlieper 
und des Kapellmeisters Maier eine Fulle ebenso mannigfaltiger wie intimer musikali- 
scher Genusse. Heinrich Hanselmann 

BERLIN: Der Sternsche Gesangverein hat Liszt's Legende von der heiligen 
Elisabeth aufgeruhrt. Es war das erste Konzert des Vereins unter dem neugew&hlten 
Dirigenten Oskar Fried, nachdem Prof. Gernsheim von der Leitung zuriickgetreten 1st. 
Mit der Vorfuhrung des Lisztschen Werkes, das von dem Verein zum erstenmal gesungen 
wurde, legte der junge Musiker vor der Offentlichkeit die Probe ab, ob er seine Stellung 
als Dirigent auszufullen imstande sei. Die Probe 1st recht vorteilhaft ausgefallen, denn 
es war eine gute, in dem chorischen Teil sogar glftnzende Auffuhrung. Ffir das Werk, 
ffir den Verein, wie fur den Dirigenten muss der Abend als ein glficklicher Erfolg gelten. 
Der Chor war sicher einstudiert, sang rhythm isch fest und klangvoll. Die Partie der 
Elisabeth sang Frl. Destinn, die der Landgrftfln Sophie Frl. Dehmlow; im Bass wirkte 
Herr Messchaert, der Meistersftnger, ohne den kaum noch eine Oratorien-AuffOhrung 
stattflnden kann. — Zum Besten der Sammlung von Mitteln fur die Erhaltung des 
Bach8chen Geburtshauses in Eisenach fuhrte Siegfried Ochs mit dem Philharmonischen 
Chor vier Kantaten des Meisters auf, von denen eine immer herrlicher als die andere 
war: „Komm' du susse Todesstunde", „Du Hirte Israel", „Es erhub sich ein Streit" und 
Jesu, der du meine Seele". Wenn der Chor einsetzt ,Es erhub sich ein Streit" wird 
man uberwftltigt von der rapiden Entwicklung des Satzes, der im Thema, im Aufbau an 
das beruhmte „sind Blitze, sind Donner* in der Matthftuspassion erinnert Als Ganzes 
ergreift Jesu, der du meine Seele" wohl am tiefsten. Das chromatische Motiv, das 
Bach sonst mehifach, u. a. auch im w Cruciflxus" seiner Messe verwendet hat, flndet 
bier eine ganz besonders liebevolle Verarbeitung; wunderbar, wie es den Choral- 
satz durchdringt, wie alle musikalischen Gedanken zu ihm in intimste Beziehung 
treten. Ganz ausgezeichnet war die Leistung des Chores und des Philharmonischen 
Orchesters, aufs feinste abgewogen die dynamischen Schattierungen, musterhaft aus- 
gearbeitet die Rhythmik, die Deklamation. Unter den Solisten zeichnete sich neben 
Herrn Messchaert Marta Stapelfeldt im Alt durch Stilsicherheit aus. Auch Frau 
Rfickbeil-Hiller im Sopran erfreute durch feinere Behandlung des sympathischen 
Organs; im Tenor klmpfte George Hamlin mit der sprachlichen Schwierigkeit, die nicht 
uberwunden wurde. — Einen andern herrlichen Bachabend bescherte die Singakademie, 



Digitized by 



Google 




131 
KRIT1K: KONZBRT 



~jHr 



die unter Georg Schumann* Leitung die Johannispassion sang. Vie aich die Br- 
zihlung der Leidenegeachichte des Heilandes im Evangelium Johannie aehr erheblich 
von der unterscheidet, wie sie una Matthius uberliefert hat, so hinterllast auch die 
Bachache Johannispassion einen wesentlich andern Eindruck, als die weiter verbreitete 
nach Matthius. Vor allem ragt in dem fruher entstandenen Werke die Person Christi 
nicht ao plastiscb aus seiner Umgebung heraus, es fehlt ihm der Heiligenschein des 
begleitenden Streichorchesters. Die ChOre des fanatiach aufgeatachelten Judenvolkea aind 
dafSr breiter muaikaliach auagearbeitet; es aind meisterhafte, charakteristische Choraitze; 
sie wirken aber nicht mit jener fast dramatiach packenden Schlagfertigkeit, wie die mit 
wuchtiger Knappheit kurz gefasaten Schreie des blutgierigen Pflbels in der Matthius- 
paaaion. Ein ganz eigenartiges Gebilde 1st der Eingangachor der Johanniapaasion, ein 
gewaltiger Aufbau von herber, fast dusterer Grundstimmung mit der unabl&esig wogenden 
Bewegung dea Orchestera, zu der die Stimmen des Chorea in ihrer festen Rhythmik 
kontrastieren. Der dem Schluaachoral dea Ganzen voraufgehende c-moll Chor, ao ver- 
achiedenartig auch die thematische Zeichnung sein mag, erinnert in der weichen Ton- 
firbung, in der wehmutgetrinkten Stimmung lebbaft an den ebenfalls in c-moll gesetzten 
Auagangschor der Matthluspassion. Pracbtvoll hat der Chor der Singakademie geaungen 
und ihm ebenbfirtig das Philharmoniache Orcheater gespielt. Den Evangeliaten sang 
George Walter mit lebhafter, innerlicher Anteilnahme an dem Hergang der Erz&hlung. 
Herr Mesachaert hatte es fibernommen, die Worte dea Heilandes wie auch die Basa- 
arien zu singen und erfreute wieder durch die aichere Herrscmtft fiber sein Organ und 
den musikaliachen Stoff. Die kleineren Partieen dea Petrua und Pilatua wurden an- 
gemeasen durch Albin Gfinther vertreten. lm Alt war Frau Dr. Fischer, im Sopran 
Frau Ruckbeil-Hiller wieder passend an ihrer Stelle. — Weingartner leitete den 
neunttn Symphonieabend derKOniglichenKapellemit einer Reihe franzOaischer Stficke 
ein: ,Rftmischer Karnaval" von Hector Berlioz, Bizet's .Suite arleaienne" und eine 
aymphoniache Tondichtung „Eiche und Schilfrohr" von Chevillard nach einer 
Fabel von Lafontaine, ein ziemlich langweiliges, nicht einmal pikant inatrumentiertea 
Orcheateratfick. Die Original-Ouverture zum „Barbier von Bagdad*, die erst kfirzlich im 
Wagner-Verein geapielt war, hinterlieaa auch diesmal einen trefflichen Eindruck in ihrem 
leichten echten Lustspielton und ihrer reizvollen Orcbesterbehandlung. Daa Hauptatfick 
des Abends bestsnd in Beethovens Pastoral-Symphonic Mir achien die Kftnigl. Kapelle 
nie echftner als diesmal geapielt zu haben, es war, als ob jedes einzelne Mitglied der 
Kapelle dem neugewonnenen Dirigenten zuliebe sein Bestes gibe. — Daa letzte Nlkisch- 
Konzert brachte einea der Brandenburgiscben Kammermu8ikwerke von Bach in G-dur, 
daa man durch die Anleihe einea langsamen Satzes aus einem andern Work kourflhiger 
gemacht hatte. Gegen die Beaetzung der Soloatimmen durch voiles Streichorchester 
wire nichta einzuwenden gewesen; nur die beiden Platen wurden ziemlich zugedeckt 
durch die Klangffille der Streicher. Beethovens zweite Symphonic und die erste von 
Brahma bildeten den ubrigen Teil des Programma. Am beaten gelang das Brahmasche 
Wert. Es war eine gllnzende Auffuhrung, die dem Dirigenten nicht endenwollende 
Ovationen eintrug. — LN. vonReznicek dirigierte an der Spitze des Philharmonischen 
Orchestera (zum Besten von dessen Witwen und Waiaen) ein Konzert, deaaen Programm 
aeine Ouvertfire zu v Donna Diana", Symphonietta in B-dur und drei seiner Lieder 
(M. Dreacher), geaungen von Ernat Kraua, enthielt, auaaerdem noch die kleine 
Serenade in A-dur von Brahma (ohne Violinen) und Webers Aufrorderung zum Tanz, 
inatrumentiert von Berlioz. Reznicek'a Symphonietta enthilt viel reizende, pikante 
EinAlle, aeine Orcbesterbehandlung iat durchweg geiatreich, bringt eine reiche Ffille 
pikanter Klangmischungen. Aber es fehlt der grOaaere Zug, man vermisst Ruhepunkte, 

9* 



Digitized by 



Google 




132 
DIE MUSIK IV. 14. 



*JHB 



man hat das Geftihl, dass der Komponist aus Furcht trivial zu wcrden, sich anetachelt 
zu anaufhftrlichen Orchesterwitzen. In den Liedern kommt es fiber dem Drang, )edem 
einzelnen Texrwort im Orchester die voile Deutung zu geben, nicht zu einer vollen 
Stimmung. Dirigiert hat Herr von Reznicek mit voller Sicherheit in der Funning dee 
Taktstockes. — Gfinther Freudenberg, der in aeinem letzten Konzert wieder drei 
Klavierkonzerte (in ea-moll von Uapounow, in c-moil von Piernt und c-moll von 
Rachmaninoff) geapieit hat, beachloas damit aeine drei Abende mit je drei groasen 
Konzerten in glftnzender V/eise; fibngens zcigte er aich an setnem letzten Abend deutlich 
beflissen, auch zanere Tonfirbungen aua den Taaten herausiunolen, nicftt nur den Klavier- 
atnleten hervorzukebren. Anerkannt wcrden muaa daa Beatrebcn, nicht in dem gewohnten 
Pianiatengeleiae fortzuwurateln, aondern aeinen eigenen Weg zu gchen und unbckanntere 
Werke vorzufunren. — Der Lieaerabend von Jon. Meaachaert hat erleaene Genoese 
gebrachL Ausser bekannten Liedern sang er auch von Ricnard Strauss ein wunderliches 
Stuck voll echten Humors, aber reichlich geapickt mit kakophonen KJingen: »Die 
sieben Zechbruder* von u bland. Meinea Wiasens wurde daa iang auageaponnene, 
originelle Stuck zum eratenmal fiffentlicn gesungen. E. E. Taubert 

Der aia Solist bei una in gutem Gcdacntnis stehende Pariser Geiger Lucien Capet 
apielte mit aeinen ihm mcnt ganz ebenbfirugen Quartcttgenoasen A. To arret, L. Bailly, 
Louia Haaselmana in tadellosem Ensemble an zwci Abenden nur Beethoven, ohne Je- 
doch in der Auffaeaung, auch in der V/abi der Tempi zu befnedigen ; wir bitten von den 
Franzosen lieber moderne franzdaische Werke gehort. — Soiche wurden in ein*m Sonaten- 
abend dcs Pianisten Max Behrens und des Gcigers Darier geboten, doch wusste nur 
der erstere zu intereaaieren. — Umgeaehrt erwiea sicn in dem we»entlich Kammermuaik 
bietenden Konzert der r*ianisiin Ida Christensen-Geelmuyden und des beachtens- 
werten Geigera Julius Thornberg dieser als die siarkere kunstlerische Perednlichkeit — 
Erna Schulz veruuachte diesmai die Geige mit der Bratsche; im Verein mit Robert 
Kahn brachte sie Schumanns Mftrchenbilder und Brahms' f-moll (Klarinetten-)Sonate 
vortrefflich zur Wiedergabe; ihr Konzertpartner, der Baasist Richard Gloyen sang recht 
ungleichmftasig. — Ein sehr beacbtenswertes Geigertalent ist der noch junge Schotte 
Harold Ketelbey, ein vortrefflicher Techniker; die in seinem Konzert mitwirkende 
Altiatin Amalie Waibel beaitzt eine pr&chtige, aber noch ginzlich ungeschulte Stimme.— 
Einen Meister des Violoncells lernten wir in Herman Sand by kennen, der mit Be- 
gleitnng dea philharmonischen Orchesters die Konzerte von DvoNMc und Svendsen, sowie 
Tschaikowaky'e Variationen ganz ausgezeichnet vortrug. — Use Deli us, die von dem 
Pianisten Ernst Ferrier, dem vortrefflichen Geiger Adalbert Gfilzow und dem Klari- 
nettiaten Prof. Schubert unterstutzt wurde, wusste sowohl durch ihre prichtigen und 
aorgflltig geschulten Stimmmittel wie durch ihren Vortrag lebhaft zu interessieren. 

Dr. V/ilh. Altmann 

Auf dem Klaviergebiet wieder einige gute Talente. So Hedwig Kirach, ein 
raaaigea Talent von feinem instrumentellen Geschmack, guter dynamischer Schulung und 
hochentwickelter Technik. Ein gewisser Hang zur Schdnflrberei stumpft allerdings das 
Interesse mfthlich ab, da ea der Individuality an charakteristischem Geprige dea Tones 
wie an einem tiefergreifenden Gedankeninhalt zurzeit noch gebricht — Gleich auage- 
zeichnet nenne ich Carola Mikorey, ein bedeutendes Individualisierungstalent mit einem 
feinen Sinn fur instrumentelle Grazie und Anmut. Bei grdsserer Ruhe und Reife werden 
wir hier mit einer ernsten Begabung von kunstlerischem Reichtum zu rechnen haben. — 
Adela Verne bringt ebenfalls viel gute Mittel in Technik und Anschlag mit, doch fehlt's 
dem Spiel an acharf umrissenen Konturen und einer fiber das Spielerische hinaus- 
gehenden pereftnlichen Charakteristik. — Henriette Sen ell e ist eine reich begabte, 



Digitized by 



Google 




133 
KRITTK: KONZERT 




sentimentalische Musikerin. Lyrisch beanlagt, hat sie feine Gedanken and einen zirt- 
llchen Sinn fur das Duftige, Poetisctae. Dem Klavierton fetalis Jedoch am instrumentellen 
Stil, d. h. am echten non legato-Cbarakter. Und der Lyrik fehlt der Kontraat der grossen 
epiachen Diktion. Ea gibt auch Empflndungs-Rosalien, und mancher Stimmungsmaler iat 
achon langweilig geworden, well er nur Sonnenflecke malte. Davor hute aie sich! — 
Hermann Klum aplelte wohlanstindig, musikalisch behutaam, aonst akademisch kuhl 
mit jenem Stich ins Professorate, das sich im Korrekten erschftpft. — Ein kleines Wunder- 
kind: Klthe Heinemann wurde von Waldemar Meyer unter gunetigen Auspizien ein- 
gefuhrt Die musikalische Durchbildnng hielt sich in den glucklich gewlhlten Grenxen 
leichter Kammermusik — ein Standpunkt, den ich pldagogisch fur Kinder in dem Alter 
nur bitligen kann. Neue Licder von Wilhelm Heinemann sind im stitlen Grande eines 
glucklicben Dilettantism us gewachaen. — Einen herrlichen Genuss gewlhrte wieder die 
unvergleicbliche Kunst Lydiajllyna'a. Nicht dass die Stimme vollendet wire (die HObe 
wird leicht dfinn und scbarf, und die Nachteile dea franz&siscben Idioms wirken merklich 
auf den Kehlkopf ein), aber die ausgezeichnete Mittellage, der satte Timbre, die pracbt- 
Tolle Formbildung, das echte Hartnietall, das vielen Tftnen einen ehernen, siegbaften 
Charakter verleiht, sowie die vollendete Atemtechnik lassen immer wieder bewundern, 
was Wille und Kunst aus einem spr&den Naturorgan zu machen imstande sind. — Das 
Geschick hat auch Anni Bremer reich ausgestattet. Ein sattes, weiches Organ kann 
hler bei nur einiger Mube und kfinstlerlscber Zucht sich leicht und glflcklich vollenden. 
Der Geiger Petresku Wolku darf sich gleichfalls bei der Glficksgflrtin bedanken. Venn 
ich sage, dass er ein geborener Virtuose, eine rassige, musikalische Natur, ein eleganter, 
blendender Techniker iat, ao spreche ich damit die Hoffnung sua, dass er der Meiater- 
schait auch ferner seinen Tribut an ernster Arbeit zollt — Blieben ala letzte Lieder- 
abende reap, ala Mitwirkende noch zu erwlhnen: Emmy von Linsingen, Meta Lion 
und Julie Kftrner. Rudolf M. Breithaupt 

Techniache und musikaliacbe Unreife ist bei den Leistungen der Slngerinnen 
Margarethe Henning und Eva Levis zu beklagen. — Eher darf man bei dem Tenoristen 
Hans Emge eine solide technische Grundlage anerkennen. — Der Pianist Hans Weitzig- 
von Usedom vermochte kaum zu interessieren. — Hermann Gura stellte sein voll- 
tftniges Organ und seine geschmackvolle Vortragsweise in den Dienat Carl Loewea. — 
Hans Friedrich Munnich machte Propaganda f&r die Janko-Klaviatur. — Die Konzert- 
vereinigung des Kaiser-V/ilhelm-Gedlcbtniskirchen-Chores (Diligent A. Kiesslich) erwies 
sich als ein leistungsfihiges Chorunternehmen. — Felix Lederer-Prina ist, wenn auch 
techniach nicht immer unantastbar, doch ein Singer von erheblichen musikaliachen 
Fihigkeiten. — Bernhard Irrgang steht mit seiner Orgelspielkunst auf der einsamen 
H&he abaoluter Meiaterschaft. In seinem letzten Konzert brachte er auch Regera Choral- 
kantate: ,0 Haupt volt Blut und V/unden" hier zur eraten Auffubrung. Ich kdnnte 
einzig auf die Passionsmusiken von Bach und Palestrina zurfickgreifen, urn Werke zu 
bezeichnen, die eine Ihnliche tief ergreifende und erschutternde V/irkung auf mich aus- 
gefibt haben wie diese Regersche Kantate. Walter Fischer 

BRESLAU: Ein Jubilftum einziger Art haben wlr gefeiert. Nirgends in der Welt sind 
historische Konzerte zu einer dauernden Einrichtung geworden. Die ungewdhnliche 
Tatkraft und die umfmssende Gelehrsamkeit des Professor Dr. Emil Bohn haben ohne 
ataatliche oder kirchliche oder kommunale Subvention nicht weniger als hundert 
historische Konzerte zuwege gebracht Das 100. Konzert der Art fand am 5. Mlrz 
unter allgemeiner Beteiligung in der Aula Leopoldina der hiesigen Universitit atatt. 
Am Schlusse der Auffubrung grstulierte der Rector magniflcus namens der Universitit, 
Professor Cobn Qberreichte eine Adresse und zugleich eine vom Bohnachen Geaang- 



Digitized by 



Google 




134 
DIE MUS1K IV. 14. 






verein and der BresUaer Singskademie aufgebrachte Ehrengabe. Auch die Abordnanfeii 
anderer Vereine aprachen outer dem lebhaften Beilall des uberzahlreichen Publikams 
Professor Bohn ihre Gl&ckwunscne aus. Das 100. Konzert wurde auch Veranlassung, 
dass der Oberburgermeister von Breslau und der Oberprisidest too Schlesien dem 
Bohnschen Verein als zubdrende Mitglieder beitraten. Ein paar Tage darauf erhielt 
Prof. Bohn den Roten Adlerorden 4. Klasse. Far die Riesenarbeit, die Bohn dorcb das 
Arrangement der Konzerte, die oft sehr schwierige Herbeischaffung des Materials, die 
Herstellung der Partitaren aus Einzelstimmen asw. geleistet hat, ist das naturlich nur 
ein schwacbes Aquivalent 1500 Tonsltze aus der a cappella-Musik, der begleiteten Vokal- 
muaik and der Instrumentalmusik und zwar aus alien ruglnglichen Jahrhonderten hat 
Professor Bohn in 25 Jahren aufgefQhrt Hundert musikwissenschaftliehe Vortrige, deren 
Druck 2000 Seiten umfassen w&rde, und die durch Verstandesschlrfe, grundliche Sach- 
kenntnis und klassische Form Kenner und Laien gleich stark anzogeo, hat er als Ein- 
ieitungen zu den historischen Konzerten gehalten. Die Musikschitze der Breslauer 
Universitit bat er katalogisiert, eine Bibliographie des weltlichen deutschen Liedes vom 
Beginn des 16. bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts ist von ihm angelegt und bis auf 
etwa 10000 Nummern geffirdert worden. Mit eigener Hand hat er die Sklavenarbeit 
vollbracht, aus den alten Drucken, die nur die Einzelstimmen enthalten, tausende von 
Partitaren berzustellen usw. AIlcs in allem eine Arbeitsleistung, vor der man den 
Hat Ziehen muss. M6ge der geistvolle und nenrenstarke Mann noch recht lange fur die 
Musikwissenschaft arbeiten kftnnen! Namentlicb ist zu wfinschen, dass er mit Hilfe der 
uberreichten Ehrengabe — der Staat hat es bei dem Orden bewenden lessen — sein 
Lebenswerk, die Bibliographie des deutschen Liedes, vollenden raoge. J. Schink 

BRIEG: Unter der anfeuernden Leitung des Kftnigl. Musikdirektors Paul Hielscher 
finite die Brieger Singakademie am 18. Mirz Georg Schumanns glanz-, 
atimmungs- und cbaraktervolles Chorwerk „Totenklage" und Gustav Mahlers ge- 
waltige c-moll Symphonic fur Orchester, Cbor, Alt- und Sopransolo auf. Die enormen 
Schwierigkeiten beider Werke wurden dank der sorgfiltigen und gewissenhaften Vor- 
bereitung vollstlndig bemeistert, der Eindruck auf die zahlreichen Zubftrer war sehr be- 
deutend. Das 76 Mann starke Orchester war aus den Kapellen des 156. und 157. Inf.- 
Regimentes gebildet worden. An der Harfe sass der Herzogliche Hoftnusiker Georg 
Zesewitz aus Gotha, ein virtuoser'Beherrscher aeines Instrumentes. Das Altsolo wurde 
von Helene Borck aus Breslau, das Sopransolo von Frau Amtsgerichtsrat Fronzig 
aus Brieg vortrefflich gesungen. Mahlers Symphonic wurde damit zum ersten Male in 
Schlesien gehftrt. Robert Ludwig 

BR0NN: Mit einem interessanten Program m uberraschten ^uns die Philharmoniker 
(Veit). Sie erfreuten uns durch tuchtige Wiedergaben von Bruckners „Siebenter', 
Weingartners Paraphrase „Aufforderung zum Tanz* und Goldmarks Ouverture „In 
Italien". Auch auf dem Gebiete der Kammermusik wurde uns Erlesenes geboten. Die 
heimische Klaviermelsterin Marie Katholicky veranstaltete im Verein mit Richard 
Muhlfeld und Anton Walt her einen erfolgreichen Abend, und das Marteauquartett 
entz&ckte durch seine vollendeten Leistungen. Wie alljfthrlicb stellte sicb der Verein 
,Deutscbes Haus* auch heuer mit einer von seinem Organisten Otto Burkert geleiteten 
wurdigen Bachfeier ein. Siegbert Ehrenstein 

CHEMNITZ: Solistisch Bedeutendes bracbten: Conrad Ansorges Klavierabend im 
„Musikverein" (Sonaten von Beethoven und Schubert, Phantasiestficke von Schumann, 
Chopin usw.), die Gesangsvortrige von Rose Ettinger-Paris und Cacilie Rusche-Endorf- 
Elberfeld, sowie Honoris Trail Is Interpretation von Richard Strauss' „Burleske* fur 
Klavier und Orchester. — Als interessante Novitlten aus den Symphonic- und Abonne- 



Digitized by 



Google 




135 
KRITIK: KONZERT 



M 



mcntskonzerten der Stadtkapelle und des Lehrergesangvereins (Max Pohle) sind 
taervorzuheben: Driseke: lymphoma tragica", H. Wolf: „Italienische Serenade*, Berlioz: 
Ouverture zu .Beatrice und Benedict* und Heinrich Zoellner: „Bonifacius* (unter Leitung 
des Komponisten). — Im zweiten Abonnementskonzert desMusikvereins erlebte unter 
FQhrung des Autors Franz Mayer h off 8 „Lenzfahrt" rur gemischten Cbor, Soloquartett 
und grosses Orcbester ihre Urauffuhrung. Das warmblutige, in melodifoen Wobllaut 
und rbytbmiscbe Grazie getauchte Werk — vom Komponisten als ,Lieder und TInze« 
bezeicbnet — bildet eine wohltuende, wohlgelungene Demonstration gegen eine gewisse 
Art moderner „Matbematik'-Musik und wird sich im Fluge die deutschen Konzertslle 
erobern. Der grosse Erfolg des Werkes gait zu gleicbem Teil seiner bohen musi- 
kalischen Anmut wie dem Niveau seines Gebaltes und seiner gllnzenden Wiedergabe 
durcb den Musikvereinschor und die stftdtiscbe Kapelle. — Auf kircbenmusikaliscbem 
Gebiet sind drei bervorragende AuffGhrungen zu registrieren : St. Jacobus (Franz Mayer- 
fa off): Chdre von Hammerschmidt, Richard Noatzsch, Micbael Haydn und J. Cbr. Bacb, 
sowie Sologesftnge (Paul Ha as e -Berlin) von Hugo Wolf, Dvottk und Rbeinberger; Orgel- 
vortrige llterer Meister von V. Hepworth; — St Marcus (Gustav Meinel): Kantate 
„Sehet, wir geben bin auf" von J. S. Bacb und Missa solemnis von Cberubini; — St. Lucas 
(Georg Stolz) ein musikbistorisches Konzert: Gesang- und Orcbestermusik von Herm. 
Schein, Heinr. Scbfitz, Frz. Tunder, L. Leo und J. S. Bacb. Oskar Hoffmann 

DANZIG: Die Abonnementveranstaltungen beendeten erfolgreich ibre Zyklen: Binder- 
Davidsobns Kammermusiken mit drei, der Orchesterverein (Schwarz) und 
Binders Sympboniekonzerte mit je zwei Abenden. — Von Novitlten gab's: Juon, 
drei Stucke fur Streicborcbester; Carl Schuricbt, drei Herbststucke; Kaun, Streicbquintett 
fis-moll; sftmtlicb interessant und woblklingend ; von sonstigen Orcbesterwerken : Bacb, 
drittes brandenburgisches Konzert und b-moll Suite (mit Prill); Beetboven-Symphonieen 
I, VIII, IX, Leonore No. 3; Haydn, Abscbiedssympbonie. Als Solisten entzfickten 
Carlotta Stubenraucb mit Saint-SaSns, Lalo, Bach, Beethoven (G-dur Romanze), Prill 
mit Mozarts D-dur FlOtenkonzert, Fritz Becker mit Schumanns Cello- Konzert. In 
eigenem Konzert wirkten Petschnikoff's erhebend und befreiend, nachdem kurz 
zuvor Sarasate und Berthe Marx trotz grossen Erfolgs beim Publikum durcb die Kritik 
energisch abgelehnt werden mussten. Von Cborauff&brungen sind die des Berliozschen 
Requiem durcb Heidingsfeld und der „Jahreszeiten" durcb die Singakademie 
(Binder) zu erwfthnen. — Einen wichtigen Faktor des Musiklebens bilden nach wie vor 
Theils populftre Sympboniekonzerte, in denen u. a. Asger Hameriks wertvolle tragische 
Symphonic zu Gehdr kam. Prof. Dr. C. Fuchs 

DESSAU: Im funften Kammermusik-Abend der Herren Mikorey, Seitz, Otto, Weise, 
Weber interessierte ein Streichquartett c-moll des Landgrafen Alexander Fried rich 
von Hessen. — Das sechste Hofkapellkonzert wurde durcb die Mitwirkung Alexander 
Petscbnikoffs ausgezeichnet, der Tschaikowsky's D-dur Violinkonzert meisterlich 
spielte. Mit dem Es-dur Klavierkonzert Beethovens ffihrte sich am siebenten Konzert- 
abend Adele aus derObe vorteilhaft ein, und am achten erfreuten sich Richard Strauss' 
„Tod und Verkllrung" und als Novitlt Hugo Wolfs „Italieniscbe Serenade" in 
Franz Mikorey's geist- und gef&blvoller Interpretation vorzQglicher Wiedergabe. Hof- 
konzertmeister Karl Prill (Wien) bot in hochkunstlerischer Art Bruchs g-moll Violin- 
konzert. Ernst Hamann 

DORTMUND: Im 3. Kunstlerkonzert der Hornungschen Serie brachte das Gesangs- 
quartett Grumbacber de Jong-Behr-Hess-van Eweyk in harmonischer Ein- 
heitlichkeit der Stimmen und reicher Gefuhlswandlung die Liebes- und Zigeunerlieder 
von Brahms, sowie Schumanns Spanisches Liederspiel zu hinreissendem Vortrag. — Das 



Digitized by 



Google 




136 
DIB MUSIK IV. 14. 




letzte philbarmoni8cbe Solistenkonzert gestaltete sich zu eioem Bach-Beethoven- 
Brahms- Abend, den Maria Phi lippi (Basel) verschftnte durcb die kiangvolle und inbslts- 
tiefe Wiedergabe von Bacbs „Schlage docb, gewunscbte Stunde" und eine Reibe Ton 
Liedern von Brahms. Das Orchester bew&hrte untcr Huttner mit Bachs Brandenburger 
Konzert No. 3 und Brahms D-dur Sympbonie seinen kfinstlerischen Hochstand, und 
Willy Eickemeyer vom biesigen Konservatorium bezeugte in dem durcb geistigten 
Vortrag von Beethovens Es-dur Konzert einen bedeutsamen Fortscbritt kfinsileriscber 
Reife. — In Holtschneiders Orgelkonzerten interessierte die Sonate op. 29 von Tinel 
und eine Choralsym phonic fur Orgel und Orchester von Fr. Lux. He in rich Bulle 

DRESDEN: lm letzten Hoftheaterkonzert der Serie A kam als „Neuheit* die Ouverture 
zu der Oper „Py ramus und Thisbe" von J oh. Adolf Hasse, dem „gran Sassone" 
zu Gehftr und fand unter Schuchs Leitung viel Beifall; Bizet's Rom-Suite versetzte die 
H5rer sodann in wahre Begeisterung. — In einem Vortragsabend der Gesellscbaft fur 
Literatur und Kunst erregte'ein Jugendwerk Beethovens, das Trio G-dur fur Klavier, Fldte 
und Fagott, das die Herren Bertrand Roth, Wunderlich und Knochenhauer spielten, 
lebhaftes Interesse, nicht minder ein Klavierquintett c-moll von Karl Nawratil, das die 
Herren Roth, Elsmann, Lederer, Naumann und Nusser vorzuglich spielten. — 
Das 50. Konzert des Dresdner Mozartvereins gestaltete sich unter Max v. Hakens 
Leitung uberaus festlich und enthielt nur Kompositionen Mozarts, von denen ein Konzert 
fur Flflte, Harfe und Orchester, gespielt von den Berliner Kunstlern Emil Prill und 
Wilhelm Posse nebst vier Ensembles&tzen aus ,Cosi fan tutte« in erster Linie fesselten 
und erfreuten. — Von Solistenabenden seien die der Herren Artur Hartmann und Harold 
Bauer (Violine und Klavier) sowie der h5chst genussreiche Klavierabend von Alfred 
Reisenauer und Waldemar Lutschg hervorgehoben. — Die Scblusskonzerte des kgl. 
Konservatoriums und der „Dresdner Musikschule* verdienen als woblgelungene 
Veranstaltungen ehrenvolle Erwlhnung, ebenso das Konzert des von Friedrich Brandes 
geleiteten Lehrergesangvereins, das, da es nur Werke mit Schillerschen Texten 
brachte, als musikalische Schillerfeier gelten konnte. F. A. Geissler 

ELBERFELD: Das funfte Konzert der Konzertgesellschaft brachte unter Dr. Hans 
Haym Klassisches (Mozarts Es-dur Symphonic) und Modernes (den charakteristischen 
„Feuerreiter* und die prichtige „Penthesilea" von Hugo Wolf) in feinster Ausfuhrung. 
Daneben wusste Oliveira-Paris in dem Violinkonzert von Eduard Lalo und Sarasates 
Zigeunerweisen durch vollendete Technik, Temperament und ausdrucksvolle Kantilene 
zu gllnzen. — Das letzte Kuns tier konzert (de Sauset) trug einen internationalen 
Charakter: besonders Beethovens Appassionata Hess in Xaver Scharwenka den gereiften 
Kunstler bewundern, wfthrend die italienische Violinistin Irene Penso durch brillante 
Technik und temperamentvollen Vortrag entzuckte und der spanische Baritonist Pedro 
de Zulueta durch herrliches Material von meisterhafter Schulung uberrascbte. 

F. Schemensky 

ESSEN: Gar mannigfaltig und anregend waren die Genfisse der letzten Wochen, zu 
zahlreich ausserdem, als dass nicht eine gewisse Konzertmfidigkeit hltte Platz 
greifen sollen. Im Musikverein hCrten wir .Benedict und Beatrice 41 von Berlioz mit 
vortrefflichen Solisten, ferner den technisch hervorragenden, wenn auch etwas poesie- 
Iosen gemischten a cappella Chor des Herrn Averkamp aus Amsterdam, und das 
Joachimquartett — Die Musikalische Gesellscbaft hot ein Kammerkonzert ffir 
Klavier und Blasinstrumente, in dem die Berliner Kammermusik-Vereinigung 
belles Entzficken weckte. Max Hehemann 

FRANKFURT a. M.: Das vierte Kaim-Orchesterkonzert Ieitete Georg Schneevoigt, 
das letzte Konzert des Opernhauses Arthur Nikiscb. Erster, bier nocb unbekannt 



Digitized by 



Google 




137 
KRIT1K: KONZERT 



M 



nahm sich intereaaant, aber in Dingen der Auffassung nocb nicht ganz fertig ana; in der 
aecbaten Symphonie Tachaikowaky'a entfremdete er una die Innenaltze durch allerband 
agogiache Obertreibungen, wlhrend das Pathos der fibrigen Sitze von dieaer Daratellunga- 
kanat entacbieden profltierte. Bei der ffinften Symphonie des ruaaischen Tonactripfera 
entfaltete Niklsch seine bOcbate Meisterschafr. — Im „Museum« begriiaate man wieder 
einmal Rich. Strauaa mit aeinem „Heldenleben"; Pauline Strauss sang Lieder ihrcs 
Gatten, und an dieaem Abend war auch die Strauaaache Schule vertreten durch 
V. Andreaea symphonische Dichtung „Schwermut — Entrfickung — Viaion", die aber 
nur mlaaigen Anklang fand. — Reicb an Anregung war ein Abend, an dem Max Reger 
in Peraon und mit aeinem Trio op. 77 B, aeinen Klaviervariationen op. 86 und einer 
Anzabl aeiner Liederkompositionen auftrat. Aucb wo man nicht ganz zustimmen mochte, 
blieb man in bohem Grade gefesselt. — Zu erwlhnen bleibt nocb daa mit aeinem bunten 
Programm gar unterbaltaame zweite Konzert unaerea trefflichen Lehrerverefn-Sftoger- 
chora und der dritte Abonnementaabend des Riihlacben Chorea, bei dem Bernhard 
Scholz, der Siebzigjlhrlge, zum letztenmal den Taktatock in dieaem Verein fuhrte, dem 
er seit 1884 vorateht. Er dirigierte auaaer Mendelaaohna „Walpurgisnacht« sein selbst- 
komponiertea „Lied von der Glocke" fur Solo, Chor und Orcheater und ward mit berz- 
llcben Ovationen erfreut. Hana Pfeilschmidt 

FREIBURG i. Br.: Unter den zahlreichen musikaliachen Darbietungen der letzten drei 
Monate verzeicbnen wir in enter Linie die zweimalige Aufffibrung von Wolf- 
Ferrari'8 »Vita nuova* durch den Oratorienverein unter Walther La Porte; die in alien 
Teilen hocbgelungene V/iedergabe mit Frau La Porte-Stolzenberg und Josef Loritz 
als Solisten geataltete aich zu einem wahren Triumph ffir den Komponiaten. Mit groaaor 
Spannung aah man auch der im sechsten stidtiechen Sympboniekonzert aufgeffibrten 
„Symphonia domestical von Strauaa entgegen; die Leiatungaflhigkeit dea Orchestera 
unter Kapellmeister Starke a Leitung wurde der schwierigen Aufgabe in gllnzender Weise 
gerecht; trotzdem verbielt aich daa Publikum dem Werke gegenfiber nahezu ablehnend. — 
Eine rege Tfttigkeit wurde auf dem Gebiet der Kammermuaik entfaltet Obenan ateben 
die prichtigen Leiatungen dea BrQaaeler Quartetta und der Frankfurter Trio-Ver- 
einigung mit je einem Beethoven- Abend, denen ein hocbgelungener Schubert-Abend 
unaerea Suddeutacben Streichquartetta folgte; nicht weniger Erfolg batten aucb der 
bier lingat gllnzend akkreditierte Frederic Lamond und der Lautenainger Robert Kothe. 
— Der Musikverein beachloaa seine dieawinterliche Tfttigkeit mit einer weihevollen 
Aufffibrung der Matthftus-Passion, in der Frau Walter-Choinanus, Clara Erler, Ludwig 
He a a und Anton Sistermana ganz vortreffliche Leistungen boten. — Ala Karfreitaga- 
aufffibrung wird im Oratorienverein daa Verdi'sche Requiem vorbereitet. 

Victor August Loser 

GENF: Im achten Abonnementakonzert kam zur eratmaligen Aufffihrung 
v Rhapaodie Valaisanne" ffir Orcheater von Ren6 Cbarrey, einem Genfer 
Komponiaten, sowie .Macbeth* von Richard Strauaa. Von groaaer Bedeutung war 
daa Violin konzert von A. Glazounow (Leopold Auer) nebat Rhapaodie Norvtgienne von 
E. Lalo. — Die Soci*t6 de Chant aacr6, unter Otto Barblan, brachte zum eratenmal 
Beethovena „Missa solemn is*. — HSchst anregend verliefen auch in dieaer Saiaon die 
Kammermuaiken im Saal dea Konservatoriums der Herren Leuis Rey, Aim6 Kling, 
J. A. Lang und Jeanne Bruel. Durch die gelegentliche Mitwirkung von Blftaern und 
Pianiaten erhielten die Programme dieaer Vereinigung einen beaonderen Reiz. Ala 
Novitftten kamen zum Vortrag: Dritte Sonate ffir Piano und Violine, aowie Troia 
morceaux pour Clarinette, Alto et piano von Joaef Lauber. Die Stficke laaaen auf ein 
glficklicbea Talent achlieaaen. — Von einhelmiacben oder bier anweaenden Kfinatiern 



Digitized by 



Google 




138 
DIE MUSIK IV. 14. 




liessen sich hdren: Maja Gloersen-Huitfeld (Sopran) und Magnhild Rasmussen 
(Mezzosopran); dann in einem Liederabend Cfccilie Roesgen-Liodet. — Marteau's 
Concertspopulaires erfreuen sich steter Beliebtbeit; die im neunten Konzert gespielten 
Quartette von Dvoftk und Beethoven wurden von dem B5hmischen Quartett ganz 
vorzfiglich zum Vortrag gebracht. Ausserdem wurde noch das Klavier-Quintett in f-moll 
(am Klavier: Willy Rehberg) von Sgambati mit dem wftrmsten Beifall aufgenommen. — 
Einen glinzenden Beschluss der Abonnementskonzerte bildete das zugunsten des 
Orcbesters veranstaltete Wagner-Konzert (Leitung: Willy Rehberg) unter Beteiligung 
des Pariser Baritonisten Louis Frdlicb. Prof. H. Kling 

GLASGOW: Thibaud re&ssierte mit Saint-Saens' Violinkonzert in a-moll. Georg 
Henschel als Dirigent des Scottish'Orchestra brachte uns Borodin's Symphonic 
in h-moll. Unser Verbrugghen glftnzte als Solist. — Tschaikowsky's w Der Wojwode" 
erzielte nur geteilten Beifall. Von fremden Dirigenten konnten wir uns an Colonne 
erfreuen und Steinbach als Muster-Dirigenten Brabmsscher Schdpfungen kennen lernen. 

Tarnoc 

HAMBURG: Seine ffinfte Symphonic, deren Berliner Auffubrung er Arthur Nikisch 
anvertraut hatte, dirigierte Gustav Mahler hier selbst. Das war natiirlich nicht 
ctwa ein Misstrauensvotum dem stftndigen Leiter der philharmonischen Konzerte gegen- 
fiber, sondern wohl mehr das Resultat des Wunsches, sich als „grosser* Mann den 
Hamburgern wieder einmal vorzustellen. Man kdnnte, bei dem Naturell Mablers, viel- 
leicht so etwas wie einen kleinen Racheakt drin wittern. Wenn dem so war, so merkten 
jedenfalls die Hamburger von der Absicht Mahlers nichts und sie waren auch nicht ver- 
stimmt. Ganz im Gegenteil: Mahler hatte einen kolossalen pers5nlichen Erfolg und das- 
selbe Publicum, das es vor knapp zehn Jahren Mahler nach Krftften schwer machte, 
jubelte dem als Beruhmtheit inzwlscben staatlich gestempelten Mahler jetzt begeistert 
zu. Als Mahler als ebenso unbequemer wie grossangelegter Operndirektor hier das Beste 
wollte, setzte ihm Hamburg eine Dornenkrone aufs Haupt; jetzt spendete es ihm den 
Lorbeer. Die Symphonie selbst? Der Weg zum Heile der Musik scheint mir das jeden- 
falls nicht zu sein; aber nach einmaligem Hdren mdchte ich kein prftzises Urteil fiber 
sie formulieren. Die Auffubrung gelang unter Mablers souverftner Fuhrung einfach 
imposant — Max Fiedlers erstes Jabr in der Leitung der philharmonischen Konzerte 
nfthert sich seinem Ende; erfolgreich wie es begann, erfolgreich wie es verlief, klingt es 
auch aus. Max Fiedler hat Grosses geleistet — kfinstlerisch vor allem und in der Rfick- 
eroberung von Terrain, das die philharmonische Gesellschaft in Jahren der Stagnation 
verlieren musste. Und an Verkfindern der Gr5sse Fiedlers fehlt es heute auch nicht 
mehr. Das gehdrt sich auch so, denn jedem Verdiensrseine Anerkennung! Um so mebr 
darf man es bedauern, dass die Doppelstellung Fiedlers als Leiter des Konservatoriums 
und als Dirigent der grSssten Orchester konzerte zu einer unerfreulichen Erscheinung in 
der 5ffentlichen Beurteilung unseres Musiklebens geffihrt hat. Insofern nftmlich, als fiber 
Herrn Fiedler als Kritiker Herren zu Gericht sitzen, die ausserhalb des Konzertsaales 
als Lehrer des Konservatoriums nicht die Unabhftngigkeit von Herrn Fiedler besitzen, 
die doch wunscbenswert erscheint. Mit welcher Schnelligkeit zwiscben dem aus Berlin 
eingewanderten Musikreferenten der hiesigen Scherlgrundung und Herrn Direktor Fiedler 
dies etwas kuriose Verhlltnis erst begrfindet wurde — das sich in dem Parallelfalle zu- 
flllig entwickelte und darum wesentlich anders zu beurteilen sein dfirfte — ist allgemein 
aufgefallen. Was unter solchen Voraussetziingen dann schliesslich zum Vorteile Fiedlers 
Oder zum Nachteile anderer Dirigenten, z. B. Nikischs, gesagt wird, kann kaum ernst- 
lich beachtet werden. Es mag noch so~richtig, noch so gerecht, noch so taktvoll sein — 
der Mfce Argwohn wird stets einen Zusammenbang wittern. Und was wurde Herr L&wen- 



Digitized by 



Google 




139 
KRITIK: KONZERT 




gard — ihn meine ich n&mlich — fiber einen Theaterkritiker sagen, der in atinen 
JMussestunden" etwa besoldeter Dramaturg des von itam kritisierten Theaters wire? Ich 
mftchte t den Fall, der ffir den ganzen Stand von grossem Interesse ist, gern zum Gegen- 
atand einer Debatte gemacht sehen; deahalb erw&hne ich ihn hier. 

Heinrich Chevalley 

HEIDELBERG: Gegen Schluss der Wintersaison fiberragten noch zwei Veranstaltungen, 
die dem Bacbverein zu danken sind, so ziemlich alle vorangegangenen: ein 
Max R eg er- Abend nnd Bachs h-moll Mesae. Reger hatte achon mit dem eraten 
Stfick, der am achwersten eingehenden Violinsonate op. 72, gewonnenea Spiel. Die herr- 
lichen Beethoven variationen op. 86 ffir zwei Klaviere, bei denen Reger von Prof. Wolfram 
vortreflich unterstfitit wurde, schlugen wegen ihrer leichteren Verstftndlichkeit unmittelbar 
durcb. Ebenso die .Schlichten Weisen". Clara Rah n (Mfinchen)sang sie unfibertrefflich; 
Konzertmeiater Wend ling (Stuttgart) spielte mit reifer Auffassung die Violinpartie der 
Sonate. Der enorme Beifall, den Reger erntete, gait teilweise auch seinem bedeutenden 
Klavierapiel. — Ala ein „Ereignis Sfiddeutschlands* wurde die ideale Aufffihrung der h-moll 
Mease unter Prof. Wolf rum gefciert, zu der eine ansehnliche Zahl Zugereister in die 
altehrwfirdige Peterakirche wallfahrteten. Wolfrum gab mit der Aufffihrung eine besonders 
pers&nliche Tat, da er Orchester und Orgelpart selbst ausgearbeitet und in einem 
dankenswerten Vortrag jedem Gelegenheit zu tieferem Eindringen in das unermessliche 
Wunderwerk geboten hatte. Unter jlen Soliaten ragten Hedwig Kaufmann (Berlin) uod, 
bei der Wiederholung, Agues Leydhecker (Berlin) besonders hervor. — Ein Hans- 
Pfitzner-Liederabend, mit dem Komponisten am Klavier, der in Frau Knfipfer- 
Egli eine treffliche Interpretin hatte, und ein Abend des Brusseler Streichquartetts 
waren die Aualftufer der stattlichen, die Bedeutung einer musikaliachen Provinzstadt weit 
fiberragenden Heidelberger Konzertsaison. Hans Deinhardt 

KOLN: Zum Besten der Witwen- und Waisenkaase des stftdtiscben Orcta esters ver- 
anstaltete die K o n z e r t - G e s e 1 1 8 c h a f t ein grosses Extrakonzert. Es hot besonderes 
Interesse, Fritz Steinbach und Otto Lohse nebeneinander wirken zu sehen. Wfthrend 
Steinbach in bekannt hervorragender Weise fur Schuberts unvollendete h-moll Symphonie 
und unter Mitwirkung des Gfirzenich-Chores ffir Mendelssohns Erste Walpurgisnacht 
eintrat, vermittelte Lohse ausserordentlich schdne Auffuhrungen von Wagners Parsifai- 
vorspiel und Liszts^Mephistowalzer. Karl Mayer rezitierte mit prichtigem Erfolg das 
Wildenbruch-Schillings'sche „Hexenlied* und als weitere Soliaten hflrte man Henri 
Marteau und den gutkfinstlerischen Petersburger Tenoristen Felix Senius. — Der am 
23. Mlrz abgehaltene Abend des Kdlner Tonkfinstlervereins brachte unter Mit- 
wirkung des durch Monsignore Cohen vorzfiglich geschulten und geleiteten Domchors 
und des Orgelmeisters F. W.Fran ke auserlesene geistliche Musik alter und klasaiacher 
Tonaetzer. Die einer gewissen Weihe nicht ermangelnde Aufffihrung hinterliess recht 
sch5ne Eindrficke. Paul Hi Her 

KRAKAU: Bis zum nunmehr erfolgten Saisonscbluss erscbienen an den Musikverein- 
Abenden von auswlrtigen Kfinstlern: das auagezeichnete Holllndische Streich- 
quartett, dessen Cellist van Lier auch als Solist enthusiastischen Beifall fand, dann 
der Bassist Gandolfi; von polnischen die immer mehr reifende Szalit und unser her- 
vorragendster Geigenvirtuoae Barcewicz. Erwlhnenswert ist noch die erstmalige Auf- 
ffihrung einea Mysteriums des talentvollen Zelenski-Schfilers Swierzyfiski. 

Bernard Scharlitt 

LEIPZIG: Eine wunderbar grosszfigige und klangadlige Nikisch-Interpretation der 
e-moll Symphonie von Brahms im 21. Gewandhauskonzert, das zudem als Novitit 
Felix Draesekts freundliche D-dur Serenade op. 49 brachte, und eine neuerliche 



Digitized by 



Google 




140 
DIE MUSIK IV. 14. 




scbdtT geliogende Auffuhrung des gewaltigen Berlioz'schen Requiem durch den von 
Dr. Georg Gdhler geleiteten Riedel-Verein (das Tenorsolo vonfigHch gesungen von 
Jacques Urlus) bildeten die kunstlerlschen H5hepunkte der jfingstverflossenen zwei 
Konzertwoctaen. — Daneben Hess Herr Winder stein seine Pbilbarmonischen Konzerte 
mit DvoHks „Aus der neuen Welt* und Goldmarks „lm Friibling* woblunterhaltend aus- 
klfngen, wobei denn Wassilij Sapellnikoff, der ubrigens im 21. Gewandhauskonzert 
Chopin's f-moll Konzert spielte, fflr technisch hervorragende Darbietungen der Wanderer- 
Pbantasie und des Es-dur Konzerts von Liszt viele Anerkennung fand. — Die letzte Gewand- 
bau8-Kammermusik war auf Brahms getauft, und das c-moll Streichquartett, das Trio 
op. 114 (Klavier: Edda Klengel; Klarinette: Edmund Heyneck) und das Streichquartett 
op. Ill in G-dur ergaben bei durchaus tuchtiger Ausffihrung eine sinnig-sch5ne Abschieds- 
feler. — Im Frfibjahrskonzert, das der von Gustav Wohlgemuth geleitete „Leipziger 
Mlnnerchor* unter solistischer Mitwirkung der sehr gesch&tzten Opernslngerin Alda 
Gardini und des talentvollen juogen Geigers Solomonoff veranstaltete, wurden in sehr 
tuchtiger Weise nur tantiemenpflichtige Chdre von etwa zehn Gegenwartskomponisten ge- 
sungen. — Der etwas exzentrische, aber durch kunstlerlsches Temperament und bedeutendes 
K5nnen ernstlich fesselnde Pianist Harold Bauer und der sehr gediegene Violinist Arthur 
Hartmann erschienen ein wenig spit auf dem Kampfplan und mussten sich an dem 
herzlicben Beifall eines recht sp&rlichen Auditoriums genugen lassen. — Sehr erfolgreicb 
konzertierte das trefflich geschulte einheimische Vokalquartett der Damen Hildegard 
Ho man n, Johanna Deutrich, Anna und Sophie Lficke, und manches Vorzuglicbc bot 
auch an seinem dritten Klavierabend Alfred Reisenauer. Dem KGnstler wurde von 
seinen KonservatoriumsschOlern und -schfilerinnen ein silberner Lorbeerkranz fiberreicht, 
welche Ebr- und Dankbezeugung um so h5her zu bewerten sein dfirfte, als Herr Reisenauer, 
gleich dem nominellen Studiendirektor Herrn Prof. Nikisch, zufolge seiner Konzertunter- 
nehmungen nur allzuh&uflg verhindert gewesen ist, den in letzter Zeit im Kgl. Konser- 
vatorium fur Musik stattgebabten grossen Schlussprufungen, bei denen Ja auch Herren 
und Damen aus seiner Klasse mit belangreicheren Vortrigen debutierten, beizuwohnen. 
Wenn man bedenkt, dass der KGnstlerstand erst dann zu vollem Ansehen und grftsserem 
moralischen Werte gelangt ist, als die Singenden und Spielleute aufhftrten, „fabrendes 
Volk* zu sein, als sie sessbaft wurden und sich den burgerlichen Satzungen der Wohl- 
anstftndigkeit und der Pflichtentreue unterstellten, so kann man sich der Befurchtung 
kaum mehr erwehren, dass die ungemeine Fabrigkeit und der geringe Pflicbtenernst vieler 
moderner Kunstler die Errungenschaften fruherer Zeit wieder stark in Frage stellen 
werden. Arthur Smolian 

LIVERPOOL: Grossen Erfolg hatte Dr. Cowen's neue humoristische Kantate »John 
Gilpin*. AU neu hdrten wir Tschaikowsky's Suite ^Mozartiana" und Griegs 
charakteristische Ouverture w Im Herbst*. — Lady Hal 16 kam mit Dvottk's Violin- 
konzert in A mit reichlichem Applaus zu Gehdr. John Holbrooke's Tongedicht ,Queen 
Mab" erntete wohlverdienten Beifall. H. Con rat 

MONCHEN: In den Ietzten Tagen, da wir schon das Ende der Saison nahe glaubten, 
ist noch eine wahre Novitfttenkrisis fiber unsere Stadt hereingebrochen. Im 
10. Kaimkonzert brachte Weingartner zwei neue Ouvertfiren »Im Sfiden* von 
Elgar und zur „Orestie" von Tan^jew zum Vortrag, interessante, aber in der 
Farbengebung etwas aufdringlich wirkende Arbeiten; dass der sonst feinsinnige 
Elgar sich hier an groben Kontrasten nicht genug tun kann, kommt wohl nur auf 
Rechnung des „ Programme". — Hdchst aparte Neuheiten brachte Mottl in den 
musikalischen Akademieen des K5nigl. Hoforchesters, nlmlich die symphonischen 
Dichtungen .Wieland der Schmied* von Hauseg^er und t9 Das Lebon ein 



Digitized by 



Google 




141 
KRITIK: KONZERT 




Traum" von Klose. Letzteres Werk, in dem wie auch bei Hausegger eine Unsumme 
von orcbestralen Effekten oft mit der ftussersten Kuhnheit der Durchfuhrung auf- 
gcbraucht wird, hat am Schluss ein unsftglich gequftltes Melodram (Dichtung von dem 
ziemlich unbedeutenden Philosophen Bahnsen); dass es „Musiker" gibt, denen derartiges 
wie alles was in der Musik nach Philosophic riecht, als Offenbarung erscheint, ist jeden- 
falls auch ein Symptom jener heillosen Begriffsverwirrung, die in der modernen Musik- 
llteratur immer weitere Kreise zieht — Recht anregend war ein Wilhelm Ma uke- Abend, 
in dem verachiedene neue Lieder dieses Komponisten gesungen wurden; Maukes Lyrik 
hat Charme and dabei eine individuelle Note; ihre Zeit wird wohl noch kommen. — 
Endlich mftchte ich noch den allerdings recht unerfreulichen .Modernen Abend 11 nennen, 
den Stavenhagen mit dem Kaimorchester veranstaltete; zur Auffuhrung kam unter 
anderm die abstossend barocke TIndelei, genannt Symphonie No. 1 von Mahler, in der 
genugsame Leute seinerzeit „das Morgenrot einer^neuen Zeit" witterten — die Schftkert 

Dr. Theodor Kroyer 

POSEN: Das funfte Symphoniekonzert der Orchestervereinigung unter Arthur 
Sass brachte Tschaikowsky's funfte Symphonie und Griegs a-moll Klavierkonzert 
mit Alfred Ackermann; das scchste Konzert unter Paul Gcisler Berlioz' „K6nig 
Lear-Ouverture", Schumanns .Vierte", Liszts „Mazeppa" und eine neue symphonische 
Dichtung .Merlin" von Paul Geisler, die sich an Immermanns Mythe anlehnt und 
grossen Beifall fand. — Prof. Hennig fuhrte mit seinem Gesangverein Edgar Tinel's 
„Franzisku8" auf; Kammers&nger Ludwig Hess und Franz Fitzau glftnzten als Solisten. 
— Die mit Yvette Guilbert reisende Pariser Kammermusik-Vereinigung erweckte ein 
reges Interesse fur die Streichinstrumente des Bachschen Zeitalters. — Edouard Risler 
und Jacques Thibaud begeisterten wiederum durch ihr vollendetes Zusammenspiel. 

A. Huch 

PRAG: Hochflutl Und im tschechischen Lager symphonisches Dichtungsfleber. 
Ladislaus Prokop zeigt ,1m Lindenschatten" (Dirigent: Dr. Zemanek) Sinn 
fur Charakteristik, aber wenig Einsicht in die Grenzen der musikallschen Darstellbarkeit 
J. B. Fdrster wfthlte sich .Cyrano von Bergerac* (Dirigent: Nedbal) als Thema 
und betont In seiner sensitiven Art die von leiser Wehmut durchwirkte Liebenswurdig- 
keit seines Helden. Den Vogel schoss Josef Suk mit seiner „Praga a ab, einem Werk 
voll aparter Klangeffekte und packender Schlagkraft. yie da das Thema Altprags 
in leisen Trompeten auftaucht, ist wundervoll. Im tschechischen Kammermusikverein 
hdrte man als Neuheiten Fdrsters schdnes D-dur Streichquartett und V.Novaks wirk- 
same .heroische Klaviersonate". — Die deutschen philharmonischen Konzerte schlossen 
mit einer ausgezeichneten Viedergabe von Mahlers .Ffinfter* unter Blech. Mir schien sic 
bedeutend. Dem Gros der Hdrer bereitete sie Argernis. Der Durerbund gab einen 
Theodor Streicher- und einen D rise ke- Abend, das Konservatorium einen Beethoven- 
Abend. Der tschechische Gesangverein „Hlahol" widmete sich Bend Is nationalen 
Chdren. Beim Festkonzert der Studentenliedertafel hdrte man Zoellners Spektakelchor 
9 Bonifacius a und lernte in Rudolf Sch filler einen sehr begabten Liederkomponisten 
kennen. Der »Singverein* bekundete in seinem Konzert (Astorga's Stabat, Schullers 
2 Chdre, Schumanns Pilgerfahrt der Rose) seinen unaufhaltsamen Verfall. Im Konzert 
des evangelischen Gesangvereins brillierte Sittard (Dresden) als Orgelspieler. Wolfs 
geistlicbe Chdre machten tiefen Eindruck. Zum ersten Male sang der temperamentvolle 
Alexander Heinemann bei uns mit starkem Erfolg. Dr. Richard Batka 

ROSTOCK: Musikdirektor Schulz brachte die Eroica und Schuberts h-moll Symphonie. 
Zur erstmaligen Auffuhrung kamen die ^Scenes de Ballet" von Glazounow 
und eine sehr melodische Orchester-Romanze von Kapellmeister Erich Band. PHr die 



Digitized by 



Google 




142 
DIE MUSIK IV. 14. 




Osterwoche steht die Matthftuspassion unter Prof. Thierfelderin Aussicht. — Reisenauer 
gab einen sehr interessanten historischen Klavierabend. — Tilly Koenen wurde im 
Konzertvcrein mit grossem Beifall aufgenommen. Prof. Dr. W. Golther 

STETTIN: Im Mittclpunkt der Begebenheiten stand Tinels .Franziskus". Der Musik- 
vercin unter Lorenz mit Mathilde Fro mm and Dierich sis Solisten machte aich 
urn das poetische Work sehr verdient. — Mit Neuem von Hugo Wolf bereicherten uns 
Waldemar Meyer (Serenade fur Streichquartett) und der Gretschersche A cappella-Cbor 
(Geistlicbe Lieder). — Im Liedergesang stiegen wir die stufenreiche Skala von Wfillner 
bis zum schwedischen Spielmann Scholander hinab. — Das Klavier kam wieder zu 
kurz. Es suchte sicb aber fur langes Schweigen durch ein wahres Kraftturnier der 
tuchtigen Schwestern Joutard (Patbetisches Konzert von Liszt) schadlos zu balten. 

Ulrich Hildebrandt 

TEPLITZ-SCHONAU: Im zweiten Abschnitt der verflossenen Wintersaison drftngten 
sicb die Ereignisse. Im dritten Pbilharmoniscben sang unter dem grftssten Beifall 
Lilli Lehmann neben Beethovens .Ah! perfldo!" Lieder von Schubert. Im vierten 
Konzert dirigierte Richard Strauss das verstftrkte Kurorchester und brachte seinen 
.Don Juan" und .Tod und Verkllrung" mit starker Wirkung zu Gehdr. Frau Strauss- 
de Ahna sang ausschliesslich Lieder"; ihres Gemahls, und Konzertmeister Dessau 
(Berlin) spielte gemeinsam mit Strauss des letzteren Violinsonate. Im ffinften Konzert 
interessierte Karl Friedberg besonders durch den eigenartigen Vortrag von Liszts 
.Pester Karneval"; im selben Konzert dirigierte Ernst Boehe (Munchen) .Nausikaas 
Klage" persdnlich. Das sechste Konzert (Kammermusik-Abend mit dem Quartett 
Marteau) fullten Beethoven (op. 127), Haydn und Dalcroze aus. Den eigentlichen festen 
Bestand unserer .Philharmonischen Konzerte" bildet das Kurorchester. Es hatte an 
den Konzerten Anteil mit Raffs Symphonie „Im Walde", mit den obengenannten Strauss- 
schen Werken, in denen es vorzQglich re&ssierte, und mit Liszts Dante-Symphonie, 
womit das Orch ester unter seinem Leiter Zeischka eine anspruchsvolle Aufgabe ehren- 
haft bestand. Zeischka brachte in einem eigenen Konzert DvoHk's Symphonie op. 00 
und Fritz Volbachs .Alt Heidelberg, du Peine" zu Gehdr. In seinen Volkskonzerten 
gelangte er mit dem Beethovenzyklus bis zu der Achten inkl.; die Neunte spart er zur 
Schlllerfeier auf. Anton Klima 

WEIMAR: Bernhard Stavenhagen und Felix Berber erfreuten uns mit einem 
zweiten den drei grossen B's gewidmeten und von grossem k&nstlerischen Erfolg 
begleiteten Sonatenabend. Bachs f-moll, Brahms' G-dur und Beethovens Kreutzereonate 
bildeten das Programm. Am stilvollsten wurde Bach gespielt, wfthrend bei Beethoven 
die Tempi manchmal gar zu feurig waren. — Im dritten Hoftheaterkonzert wurden 
ausser der .Funften" Beethovens Vorspiel und Szenen aus dem ersten und letzten Akt 
.Parsifal" aufgefuhrt. Man ehrte damit einen Wunsch der verstorbenen Grossherzogin. 
Das letzte Abonnementskonzert im Hoftheater war modernen Meistern gewidmet: Liszts 
.Orpheus", des geistreichen Franzosen Dukas .Zauberlehrling" und last but not least 
R. Strauss' .Domestics". Das grdsste Interesse brachte man naturlich dem gigantischen 
Werke Richard 11. entgegen, das mit geteilten Empflndungen, aber immerhin sehr gut 
aufgenommen wurde. Trotz der immensen Gestaltungskraft und fabelhafter Beherrschung 
der Ausdrucksmittel kann man doch ernste Bedenken ftsthetischer Natur nicht unter- 
driicken. Zwischen diesen Orchesterwerken sang Lula Mysz-Gmeiner die ihr nicht 
sehr liegende Arie der Vitellia aus .Titus" und in trefflicher Weise Lieder von Brahms. 
Die Leltung belder Konzerte lag in den bewfthrten Hftnden Krzyzanowski's. 

Carl Rorich 



Digitized by 



Google 




143 
KRITIK: KONZERT 




WIEN: Neuheiten sind in den Ietzten beiden Wochen nur wenige zutage gekommen. 
Einzig zu erwfthnen wire Jean Sibelius' Legende „DerSchwan vonTuonela", 
ein stimmungsvolles Tonstuck von d&sterer Firbung. Es zieht den Zuhdrer fiberredend 
und ihn einspinnend in seine melancholischen Kreise — ohne Weitschweiflgkeit, un- 
mittelbar und bestimmt wirkend. Der Wiener Konzertverein hat Sibelius mit diesem 
St&ck erfolgreich in Wien eingefuhrt An diesem Abend interessierte Berlioz' Ouverture 
zu „K5nig Lear a , in der aufgedunsenes Oberpathos mit echter Leidenschaft und Zartheit 
zu einem nicht gerade harmonischen Ganzen vereinigt sind. Entzuckend wirkte Seb. 
Bachs Konzert fur Klavier, Violine und Fldte (a-moll) in der vortrefflichen Ausf&hrung 
durch Vera Schapira, Konzertmeister Rob. Zeiler und Jos. Roubicek. — Der 
„Schubertbund" veranstaltete ein Orcbesterkonzert, in dem Liszts Chor „An die 
Kunstler" und Wagners „Liebesmahl der Apostel" zu un&bertrefflicher Ausf&hrung ge- 
langten. In der Mitte des Programing wurde Anton Bruckners Neunte Symphonic 
unter der Leitung von Adolf Kirch 1 vom Orchester des Konzertvereins mit Geist und 
Schwung gespielt Der Eindruck war auch diesmal ein uberwftltigender. — Geistig 
und technisch herangereift 1st Nina Faliero-Dalcroze in Wien wieder erschienen. 
Glftnzende Mittel, musikalischer Vortrag und Temperament gewfthrleisten ihr eine hervor- 
ragende Stellung unter den Liedersftngerinnen der Gegenwart — Das Ehepasr Kraus- 
Osborne erntete durch seine nach jeder Richtung reife Vortragskunst st&rmischen 
Beifall. Der Eindruck ihrer Darbietungen wurde noch wesentlich gesteigert durch die 
ideal vollendete Begleitungskunst von Felix Mottl. — Einen die Eindrucke der Mittel- 
missigkeit und Unkunst verwischenden Abschluss der Wiener Konzertsaison bilden selt 
Jahren die Liederabende von Alice Barbi; ihre Vortrige bieten urn so vieles mehr als 
guten Liedergesang, sie sind von einer hohen Kultur des Geistes und Herzens in solchem 
Masse durchtrinkt und ges&ttigt und tragen einen so adeligen Stempel, dass der un- 
gew5hnllche Zudrang des Publikums zu ihren Konzerten mehr als erklftrlich erschelnt. 
Sie eriffhete diesmal mit einem Brahmsabend. Gustav Schoenaich 

WORZBURG: Ihre Jugendfrische — trotz des begonnenen zweiten Sftkulums ihres 
Bestehens — dokumentierte die K5nigl. Musikschule durch ihr letztes Konzert 
mit der funften Bruckner-Symphonie, dem dritten Akt-Vorspiel des „Pfeifertag" und dem 
„Hexenlied" von Max Schillings, das Possart hinreissend vortrug; Schillings dirigierte 
selbst. Von fruheren Konzerten der Kdnigl. Musikschule sind Auff&hrungen der 
.Pastorale" und der „Neunten", ferner der „Elisabetb-Legende" und des „13. Psalms* 
(mit Ludwig Hess) von Liszt bemerkenswert, die von Karl Kliebert mit er- 
quickender Frische interpretiert wurden. — Ausser den Musikschulkonzerten verdiente 
eine Auff&hrung von Schuberts 7. Symphonie durch die Orchestergesellschaft unter 
A. Henners Direktion Beachtung. Dr. Kittel 




Wegen Raummangela mussten fur daa nlcbste Heft zur&ckgeatellt werdeo die Bericfate: [Copenhagen, Madrid, 

Melbourne, New York, Paris (Konzert). 



Digitized by 



Google 





ANMERKUNGEN ZU 
UNSEREN BEILAGEN 



Als (Illustration zu dem Aufeatz von E. van der Stracten bringen wir ein Portrit 
Mendelssohns, die Nachbildung des wundervollen Gemildes von Ed. Magnus. 

Da die nichsten Hefte der „Musik" Sonderhefte mit eigenem Bildermaterial werden, 
bieten wir im folgenden Portrlts von Personlichkeiten, deren Gedenktage erst in den 
Mai fallen. Der 7. Mai ist der 80. Todestag Antonio Salieri's. Zur Vorlage diente uns 
ein alter Stich von C. F. Riedel (Leipzig 1802). 

Es folgt das Bild des niederlindischen Tonsetzers Julius R5ntgen (geb. 9. Mai 
1855), der sicb durcb Kammermusikwerke einen geachteten Namen gescbaffen bat. 

Das Portrit des berfibmten Musiktbeoretikers Friedricb Wilhelm Marpurg (gest. 
22. Mai 1705) 1st nach einem Stich von Bollinger gefertigt. 

Zur Erinnerang an den vor 100 Jahren verstorbenen (14. Mai) bedeutenden dinlschen 
Komponisten Job. Peter Emil Hartmann ver5ffentlicben wir sein Bild. 

Eine ebemals gefeierte deutscbe Buhnensingerln war Jobanne Sopbie L5we (geb. 
28. April 1815), fur deren Portrit uns eine Litbograpbie von C. Wildt zur Vorlage diente. 

Unter den Kunstbeilagen von Heft 3 des IV. Jabrgangs befand sicb ein Bild „Mr. 
Distin mit seinen vier Sdhnen", fiber das wir nicbts niberes mitzuteilen wussten. Unsere 
damals ausgesprocbene Erwartung, dass vielleicht einer unserer Leser in der Lage sei, 
uns fiber diese K&nstlerfamilie Mitteilungen zu machen, bat sicb nunmebr verwirklicbt. 
Wir verdanken die interessanten Details Herrn Herman Fiqu6 in New York. Die 
Dtstin's, bestebend aus Jobn Distin, der 1831—33 Kapellmeister bei dem Marquis 
von Breadalbane in Scbottland war, und seinen Sdboen George, Henry, Tbeodore, 
William, liessen sicb als Virtuosen auf Blecbblasinstrumenten in den verschiedensten 
Lindern b5ren und feierten allentbalben grosse Triumpbe. Von 1835—45 bereisten sie 
England, Irland und Scbottland. 1846 konzertierten sie in Paris und traten mit Adolpbe 
Sax in Verbindung, der fur die Distin's eigene Instrumente anfertigte. Auch Berlioz 
interessierte sicb lebbaft fur die Kunstler. Kdnig Louis Philippe macbte den Distin's 
eine Serie von silbernen Saxbdrnern zum Gescbenk, mit denen sie in den Tuilerien 
auftraten. Im selben Jahr konzertierten sie vor dem Kdniglichen Hof in England. 
1847 spielten sie in Baden-Baden und kebrten 1848 nacb England zuruck, wo sie ein 
Verkaufslokal fur Saxb5rner einricbteten. 1849 nabm die Familie ein Engagement in 
New York an, und bereiste dann ein Jahr lang die Vereinigten Staaten und Kanada; 
1850 kebrten sie wieder nach London zuruck. Von der beruhmten Familie 1st nocb ein 
minnlicher Nachkomme am Leben: Mr. William H. Distin, Sohn des am 1. September 1903 
im Alter von 84 Jahren verstorbenen Henry Distin (auf unserem Bild der zweite von 
links). Henry Distin gab sein Geschift in London 1868 auf, lebte von 1868—76 in Paris 
und ging 1879 nach Amerika, wo er in Williamsport eine grosse Fabrik von Blecbblas- 
instrumenten grundete. Er wohnte in Philadelphia und erfreute sich allgemeiner Popu- 
laritit Bei seiner Beerdigung wirkten ungefihr 350 Bliser mit Sein Sohn William ist 
sein Nacbfolger im Geschift und ist selbst einer der besten Cornet a Piston-Virtuosen 
in den Vereinigten Staaten. 

Nscbdruck nur mit susdrfickllcber Erlaubnis des Verlages geststtet. 

Allc Recbte, lnsbesondere das der Obersetzunf, vorbehalteo. 

Venuitwortlleher Schrl Welter: Kapellmeister Berahsrd Schuster, Berlin SW. 11, Luckenwslderstr. 1. III. 



Digitized by 



Google 




DIE MUSIK 



£2r 




<^F 



5D£ 



£=> 



SCHILLER-HEFT 



kp 



Tonkunst 
Leben atme die bildende Kunst, Geist fodr' ich vom Dichter; 
Aber die Seele spricht nur Polyhymnia aus. O O O O 

Schiller 

Schiller erscheint immer jm absoluten Besitz seiner er- 
habenen Natur; nichts engt inn ein, nichts zieht den Flug 
seiner Gedanken herab; was in ihm von grossen An- 
sichten lebt, geht immer frei heraus ohne Riicksicht und 
ohne Bedenken. Das war ein rechter Mensch, und so 
sollte man auch sein. OOOOOOOOOOO 

Goethe 



d2=: 



<^F 



3^ 



^i 




kp 



IV. JAHR 1904/1905 HEFT 15 

Erstes Maiheft 

Herausgegeben von Kapellmeister Bernhard Schuster 

Verlegt bei Schuster & Loeffler 
Berlin und Leipzig 



TrMPLOrr 




Digitized by 



Google 




Rudolf M. Breithaupt 

Sub specie aeternitatis 

Ein Schiller-Prologos znr Wiedergeburt des klassischen Geistes 

in der deutacnen Musik 



Wolfgang Golther 

Schiller und Wagner 
Bayreuther Betracntungen 

Dr. Maximilian Runze 

Schiller und die Balladenmusik 

Dr. Richard Hohenemser 

Schiller als Musikftsthetiker 

iBesprechungen (Bucher und Musikalien) 
Revue der Revueen 
Umschau (Neue Opern, Aus dem Opernrepertoire, 
Konzerte, Tageschronik, Totenschau, Eingesandt) 
Kritik (Oper und Konzert) 
Anmerkungen zu unseren Beilagen 
Kunstbeilagen ,• 
Anzeigen 



DIE MUSIK erscheint monatlich zwel Mai. Abonnements* 
prels fur das Qusrtsl 4 Mark. Abonncmcntspreis f&r den 

Jahrgang 15 Mark. Preis des einzelnen Heftcs 1 Mark. 
Vierteljahrselnbanddecken a 1 Mark. Sammelkasten fur die 
Kunstbeilagen des ganzen Jahrgsngs 2,50 Mark. Abonnements 
durch jede Buch- und Musikallenhsndlung, f&r kleine PUtze 
ohne Buch handler Bezug durch die Post. 



Digitized by 



Google 



II Mill I 



SUB SPECIE AETERNITATIS 

ICHILLER-PROLOGOS ZUR WIEDERGEBUI 
JSISCHEN GEISTES IN DER DEUTSCHEN j 

von Rudolf M. Breithaupt-Berlin 




„Gemein 1st allea, was nicht zu dem 
Geiste spricht und kein anderes als ein 
sinnliches Interesse erregt* 

(Schiller.) 

e Sturme brausen. Im drohnenden Schritte schreitet der Fdhn 
einher und jauchzend fahrt die befreiende Windsbraut zu Tal. 
Dort warten Flur und Hain in sussem Schauer auf Kuss und 
Befruchtung — warten wir Menschen auf den Blutenfriihling, 
auf eine neue, goldene Zeit hochster Kunst. Wir alle, die wir noch einfach 
sind und mit Kinderaugen urn uns blicken, lauschen gespannt auf den 
„neuen* Ton, auf den neuen Geist, der da kommen soil, unser Leben zu 
durchdringen und unseren Wert als Menschen zu erhdhen und zu veredeln. 
Die bange Frage lautet: wird sich erfullen, was wir alle ersehnen? Werden 
wir die Kraft und moralische Starke besitzen, die verlorenen Hohen der 
Klassik zuruckzugewinnen, unsere Kunst mit einem neuen Geistestnhalte 
zu fiillen? 

Es geht ein Jubel durch die deutschen Lande, ein Name klingt heute 
in aller Herzen: wir Deutschen feiern ein Fruhlingsfest, ein Geistesfest, 
da wir dessen gedenken, dessen stolze Furstlichkeit einst unseres Volkes 
und unseres Empfindens bestes Teil und hochstes Gluck. Da wollen wir 
einmal still sein, Einkehr und Zwiesprache mit uns halten, und schauen, 
ob wir besser und tuchtiger geworden sind als jene Grossen, die uns eine 
gtitige Vorsehung zu Fuhrern der Nation bestellte. 

Was ist uns Schiller? Ein Kunstler, ein Dichter, ein edler Mehsch? 
Oder mehr noch als dieses: ein machtvoller Wille, eine zwingende Geistes- 
kraft, ein kunstlerisches Vernunftwesen von hochster sittlicher Vollkommen- 
heit, die Verkdrperung des idealistischen Prinzipes schlechthin? 

Vergleiche hinken, und die Gegensitze: Goethe das Instinktgenie, 
das Allwesen — Schiller das Vemunftgenie, das Ideenwesen, sind nicht 
absolut zu verstehen. Aber wie jener bezuglich der Naivitit des Schdnen 

10* 



Digitized by 



Google 




148 
DIE MUS1K IV. 15. _ _ mn 

~ " J 




von Mozart erreicht ward, so fand dieser in Beethovens gigant^scher 
Welt den Schopfer und Vol lender seiner asthetischen Werte und Zwecke. 
Auch das Wagnerische Pathos ist Schillerisch gefarbt, wie uberhaupt der 
grosse Neuromantiker, was den Blick fur das Dramatische, die Notwendig- 
keit und Gesetzmassigkeit der Entwicklung, die moralische Qualitat der 
Charaktere und ihre sittlich hSheren Zwecke anlangt, dem stolzen Kunder 
deutscher Geistesfreiheit wie „aus dem Gesicht geschnitten* ist. Die heutige 
Musik Ihnelt ihm in nichts; denn sie verlor zugleich mit der Richtung des 
Kometen die Himmelsbahn zum Jenseits, den Glauben an sich, die Gluck- 
seligkeit des geistigen Melos, .die unermessliche Tiefe und kristallene 
Reinheit der aus naive r Kunstbetrachtung und keuscher Schonheit ge- 
borenen Linie. ,Ich mochte nicht gem in einem anderen Jahrhundert 
leben und fur ein anderes gearbeitet haben." Wie herrlich-k&hn klingt 
das, und wer vermdchte dies heute mit gleichem Stolze von sich zu sagenVt 
„Der Lauf der Begebenheiten bat dem Genius der Zeit eine Richtung gegeben, 
die ihn je mehr und mehr von der Kunst des Ideals zu entfernen droht. Diese muss 
die Wirklichkeit verlassen und sich mit anstindiger Kuhnheit uber das Bedurfnis er« 
heben; denn die Kunst 1st eine Tochter der Freiheit, und von der Notwendigkeit der 
Geister, nicht von der Notdurft der Materie will sie ihre Vorschrift empfangen. 
Jctit aber herrscht das Bedurfnis und beugt die gesunkene Menschheit unter sein 
tyrannisches Joch. Der Nutzen ist das grosse Idol der Zeit, dem alle Krifte fr5nen 
und alle Talente huldigen sollen. Auf dieser groben Wage hat das geistige Verdienst 
der Kunst kein Gewicht, und aller Aufmunterung beraubt, verschwindet sie von dem 
Iftrmenden Markt des Jahrhunderts. Selbst der philosophische Untersuchungsgeist 
eatreisst der Einbildungskraft eine Provinz nach der andern, und die Grenzen der 
Kunst verengen sich, je mehr die Wissenschaft ihre Schranken erweitert* (Schiller: 
„Ober die ftsthetische Erziehung des Menschen".) 

Die furchtbare und unfruchtbare Periode der realistischen, deskriptiven 
Talente, die Zeit der Virtuosenkiinste, der Selbstzwecktechniken, der 
orchestralen Differential- und Integralrechnung, der philosophischen Mystiker 
und unmusikalischen Maler-Dichter, kurz der Farbtopf und die geist- 
reich-geistlose Charakteristik haben Polyhymnien's Ziige merklich verandert. 
Der Glanz und die Glorie, der lichte Schimmer ihrer ewigen idealistischen 
Schonheit ist verblasst. Die realistische Mode hat ihr Sonne und Seele 
genommen. Ich glaube, es graut ihr vor sich selber, und wenn sie, die 
Gotterwihlte, im Geiste zuruckblickt auf das goldene Zeitalter der klassischen 
Linie, auf jene lachenden, leuchtenden Fluren, uber die Mozart mit „Blumen- 
fiissen" wandelte, die Beethoven zu' Gaste luden und Schuberts Herz mit 
Liederlust erfullten, von der sie alle — auch die Spatergeborenen: Weber, 
Schumann, Brahms, Wagner, Peter Cornelius, und als letzter Hugo Wolf — 
sich die besten Blumen pfliickten, und dann niederschaut auf das wuste 
Chaos einer unproduktiven Minderwertigkeit, auf die „schwitzende" Musik 
und den raffinierten Glanz der heutigen Technik, so entsinkt ihr wohl oft 



Digitized by 



Google 





149 
BRE1THAUPT: SUB SPECIE AETERNITATIS 

in edler Trauer die goldene Leier. Nimmt man den falschverstandenen 
Wagner, vor allem den zum Teil hSchst gefihrlichen Theoretiker Wagner, der 
fur seinen subjektiven Stil objektive Gesetze aufstellte, an deren Wirkungen 
wir noch immer leiden — und den reflektierenden Dichter hinzu, dessen 
flammendes Herz docfa wiederum nur von Musik durchtrinkt war und dessen 
beste Poesie eben die rein musikalischen Inspirationen ausmachen, so 
ist die Sackgasse, in die sich die musikalische Spekulation, mit ihrer instru- 
mentalen (nicht vokalen) Polyphonie und der schwftchlichen Kunst form- 
loser Motivmosaiken verrannt hat, hinllnglich erkl&rt. Nach Seite der ab- 
soluten Erfindung und reinen Melodik ist die Krise seit Jahren permanent. 
Die Thematik ist markanter, charakteriMischer, subjektiv-schfrfer geworden, 
sie hat sich auch zweifelsohne binsichtlich des iusseren Umfanges er- 
weitert, aber auch nur hinsichtlich der Musseren Form. Der melodische 
Inhalt der motivischen Floskeln und lapidaren Formeln, das Geistig-Sinn- 
liche steht in keinem Vertaaitnis zu dem Aufwand ungebeurer Mittel, mit 
der sich die Armut der Erfindung heutigen Tages zu umhullen pflegt. Die 
materiellen Wirkungen stellen die ideellen in den Schatten. Unser Zeit- 
melos charakterisiert eine unruhig-bewegte, cbromatisch-aufgeregte 
Linie, die mangels melodischen Kerns zickzackartig auf und ablSuft, plStz- 
lich wie eine leuchtende Rakete aufsteigt, einen Augenblick in blendenden 
Farben schillert, um ebenso scbnell in den Abgrund des dunklen Nichts 
zu versinken. Diese Linie, die selbst nervds wiederum nur unser Sinnen- 
wesen beruhrt und die Nerven reizt, die ewig scheint und nie etwas sagt 
— dieses Melos ohne die diatonische Basis des Schlichten-Volksmflssigen, 
ohne Schwere des Gedankens, ohne Ruhe der Heiligkeit, ohne Selbst- 
genugsamkeit und innere Gluckseligkeit — dies Produkt des modernen 
dekadenten Geistes, des verderblichen technischen Prinzipes, das alles zu 
verallgemeinern, alle geistig-individuellen Unterschiede aufzuheben und uns 
zu Maschinenwesen, zu hirn- und blutlosen Musikautomaten zu stempeln 
trachtet, kann uns auf die Dauer keine tiefere Befriedigung gewihren. Falls 
wir nicht wollen, dass das Beste in uns, die Seel e, unter die zermalmenden 
Rider einer riesenhaften Technik ger&t, unser empflngliches Gemut nicht 
zergeigt, zerblasen und zertrommelt werden soil, mussen wir rucksichtslos 
den unmelodischen Wechselbalg, den Posaunen- und Trompetenstil be- 
kflmpfen. Glucklicherweise wissen wir, dass, wie Welle auf Welle sich 
folget, die Kunst von Entwicklung zu Entwicklung schreitet. Der Kultur- 
historiker rechnet schliesslich nur mit grossen Zeitldufen und Zeitabschnitten. 
Und da er weiss, dass technische Zeiten meist die Zeiten der Ausarbeitung 
und Erweiterung der Mittel, der Vorbereitung und Detailstudien, kurz nur 
als Durchgangstone zu den Hauptnoten der produktiven Hauptperioden zu 
betrachten sind, so wird er das zeitliche Unvermdgen richtig einschjttzen; 



Digitized by 



Google 




150 
DIE MUSIK IV. 15. 




denn die Zeit ist die beste Richterin und es gibt einen Trost: geruhig sein 
und warten. Eine neue Bliite wird kommen und muss kommen. Alles drflngt 
daraufhin, ein neues Melos im Anschluss an die technischen Errungen- 
scbaften der Moderne zu erschliessen und den mephistophelischen Geist 
der materiellen Effekthascherei zum Teufel zu jagen. Die geist reiche 
Harmonik wird einer neuen, geistigen Kultur des Ohres, der rubigeren 
Stufenfolge einer einfach-edlen Melodik Platz machen. Das kommende 
Genie wird sicb nicht linger materiellen Absichten und Zwecken unterwerfen, 
sondern alle bestebenden und gewonnenen Mittel mit harter Faust zusammen- 
schweissen und die sprode Masse in lachender Lust in die einer grossen Idee 
entsprechende grosse Form zwingen; denn solange ein deutsches Volk 
existiert und der deutscbe Geist lebendig ist, wird das Prinzip der Idealitit 
fiber die realistischen Strom ungen, Auswuchse und I r run gen den Sieg davon- 
tragen. Schiller wird ewig sein — auch in der Musik — als der 
vornehmste Typ reiner Geistigkeit und als ein Vorbild deutscher 
Ideengrosse und Gedankenfreiheit. Als solchen lieben und ehren 
wir in ihm uns selbst. Dies Bewusstsein seines kunstlerischen Be- 
sitzes zwingt uns nicht nur zur inneren Sammlung, sondern legt uns an 
diesem Wendepunkt der Dinge die Verpfiichtung auf, mehr denn je seiner 
Grossheit nachzueifern, die Hotae seiner menschlichen wie kunstlerischen 
Freiheit zuruckzuerobern. Denn dieses konnen wir von ihm lernen: 
die Kraft, mit dem Genius zu ringen, die Keuschheit der Ge- 
sinnung, die hochste, aus harter Arbeit fliessende sittliche 
Freiheit, die strenge, logische Zucht des Denkens, einen im 
Kampf mit sich selbst und dem eigenen Damon gewonnenen, ge- 
Ifiuterten Geschmack und jene eiserne Beschrankung der eigenen 
Gedankengrosse. 

Was an unserer Musik dfirftig und minderwertig ist, ist gewiss nicht 
allein auf einen Mangel an origineller Erfindung, als vielmehr auf den 
Mangel an menschlicher Durchbildung, an musikalischem Charakter 
zuruckzufuhren. Der moderne Musiker experimentiert und instrumentiert, 
aber durchlebt nicht, was in ihm als Musik erklingt. Er quilt sich, muht 
sich, belustigt sich vielleicht am nutzlosen Spiel der Tone oder berauscht 
sich an den satten Farben seines breiten Pinsels, aber er gebiert nicht 
unter Schmerzen und ffihlt nicht, was Richard Wagner einst nach dem 
Tannhfiuser empfand, 9 dass er nimlich von einer grossen Krankheit genesen 
sei". Dies Experimentieren einer unmusikalischen Reflexion hat gewiss 
manche neue „M5glichkeiten* gezeitigt, uns chemisch sicherlich urn einige 
technisch neue Elemente bereichert, aber der Natur und der Kunst der 
Musik herzlich wenig gedient. Die kritisch-analytische Astbetik mag mit 
bitterer Irooie von der „Musik als Farbe", der „Musik als philoso* 



Digitized by 



Google 




151 
BRFITHAUPT: SUB SPECIE AETERNITATIS 




phisches Substrat", der „Musik als Klangbegriff" sprechen. Aber 
es wflre besser, wenn sie mit stolzem Selbstbewusstsein sprechen kSnnte von 
der „Musik als Musik*, der „Musik als Form und Architektur*, als 
ein „rhythtnisches und dynamisches Ganze*, als „organische 
Bildung eines musikalisch-melodischen Ausdruckes", eines grossen 
und erhabenen, himmlischen oder menschlichen Gedankens. „Andacht 
und Tanz", das ist die Frage!! 1st es so schwer, zu erkennen, dass 
das Melodische das Menschliche ist? Dass ferner das Melos, nach 
notwendigen Gesetzen gebaut, einen notwendigen Zweck verfolgt ? Dass 
es ewig der Ausdruck des menschlichen Ideals, das in uns lebendig ist 
und uns dr&ngt und treibt, schmerzt oder selig macht? 

„Die Musik in ihrer hftchsten Veredlung muss Gestalt werden und mit der 
mbigen Macht der Antike auf uns wirken." „Der Mensch soil nicht auf Kosten 
seiner Realitit nach Form, und nicht auf Kosten der Form nach Realitftt streben; 
vielmehr soil er das absolute Sein durch ein bestimmtes und das bestimmte Sein 
durch ein unendliches suchen. Er soil sich eine Welt gegen&berstellen, well er Person 
ist, und soil Person sein, weil Ihm eine Welt gegenubersteht. Er soil empflnden, weil 
er sich bewusst ist, und soil sich bewusst sein, weil er empflndet." (Schiller.) 

Die andauernde Negierung und Vernachlissigung der strengen Kunstformen 
hat uns bis an den Rand geistiger Anarchie und tnusikalischer Verwahr- 
losung gebracbt. Die sogenannte Freiheit der symphonischen „Phantasie* 
ist nichts als die hochste Unfreiheit, da erst die Fahigkeit und die Kraft 
der Bescta rankung, d. h. die innere Gebundenheit, wahrhaft frei macht 
und den Geist erldst, 

„In einem wahrhaft schdnen Kunstwerk soil der Inhalt nichts, die Form 
aber alles tun; denn durch die Form allein wird auf das Ganze des Menscben, 
durch den Inhalt hiagegen nur auf einzelne Krifte gewirkt Der Inhalt, wie erhaben 
und weitumfassend er auch sei, wirkt also jederzeit einschrftnkend auf den Geist, und 
nur von der Form ist wahre ftsthetische Freiheit zu erwarten. Darin also besteht das 
eigentliche Kunstgeheimnis des Meisters, dass er den Stoff durch die Form 
▼ ertilgt; und je imposanter, anmassender, verffihrerischer der Stoff an sich selbst 
ist, je eigenmftchtiger derselbe mit seiner Wirkung sich vordrftngt, oder jemehr der 
Betrachter geneigt ist, sich unmittelbar mit dem Stoff einzulassen, desto triumphlerender 
ist die Kunst, welche jenen zurfickzwingt und fiber diesen die Herrschaft behauptet." 
(Schiller.) 

Oder um mit Hebbel zu reden: 

,Ich bin der unerschutterlichen Oberzeugung, dass die wahren Kunstformen 
ebenso notwendig, ebenso heilig und unverftnderlich sind, wie die Naturformen. 
Sie k5nnen, wie in der physischen Welt mit der Umbildung des Erdkdrpers ganze 
Geschlechter der Lebendigen ausstarben, allerdings aufhdren, dem Schdpfungs- und 
Sch5nheitsbedfirfni8 der Zeiten zu entsprechen, aber sie kftnnen nicht ohne Lebens- 
gefahr auseinandergezerrt, nicht verengert und erweitert werden. Wie wftre es auch 
mftglich, dass in einer Form selbst eine noch unvollkommene, eine nicht abgeschlossene 
wftre! Den elementarischen Unterricht der bei den verschiedenen V51kern in den 
verschiedenen Jahrhunderten und Individuen aufschliessenden Kunstkristalle, aus dem, 



Digitized by 



Google 




152 
DIE MUSIK IV. 15. 



M 



wie aus der Wellenbrechung des Ozeans, eben die unerschftpfliche Mannigfaltigkeit 
der Einheit hervorgeht, werde Ich nie in Abrede stellen, aber ich werde ebensowenig 
zugeben, dass das Blut auch ausserhalb der Adern zirkulieren k5nne, dass ein Kreis, 
den man so weit aufsprengt, dass er bequem das Universum umschliesst, noch ein 
Kreis bleibt. Die Welt ist eine Zwicbel, die nur aus Hftuten besteht, und die Kunst 
soil ihr gleichen.* 

Dies prazisiert Schiller an anderer Stelle und in einetn anderen Zusamtnen- 
hang noch genauer: 

„Das wahrhaft Sch5ne grfindet sich auf die strengste Bestimmtbeit, auf die 
genaueste Absonderung, auf die hSchste innere Notwendigkeit; nur muss diese Bestimmt- 
beit sich eher flnden lassen, als gewaltsam hervordrftngen. Die hScbste Gesetzmissig- 
keit muss da sein, aber sie muss als Natur erscheinen. Ein solches Produkt wird 
dem Verstand vollkommen GenQge tun, sobald es studiert wird, aber eben weil es 
wahrhaft schSn ist, so dringt es seine Gesetzmissigkeit nicht auf, so wendet es sich 
nicht an den Verstand insbesondere, sondern spricht als reine Einheit zu dem harmo- 
nierenden Ganzen des Menschen, als Natur zu Natur." (,Ober die notwendigen Grenzen 
beim Gebrauch schdner Formen.") 

Der Mangel an strenger Selbstzucht in und durch die Form ist nur 
das eine. Daneben fordert 

„die moralische Bestimmung des Menschen vSllige Unabhingigkeit des Willens von 
allem Einfluss sinnlicher Antriebe". ,Wenn also die schSne Kultur nicht auf diesen 
Abweg [sc. Form ohne Stoff] fuhren soil, so muss der Geschmack nur die ftussere 
Gestalt, Vernunft und Erfahrung aber das innere Wesen bestimmen. Wird der Ein d ruck 
auf den Sinn zum bftchsten Richter gemacht und die Dinge bloss auf die Empfindung 
bezogen, so tritt der Mensch niemals aus der Dienstbarkeit der Materie, so wird es 
niemals Licht in seinem Geist, kurz, so verliert er ebensoviel an Freiheit der Vernunft, 
als er der Einbildungskraft zuviel verstattet* „Wer etwas Grosses leisten will, muss 
tief eindringen, scharf unterscheiden, vielseitig verbinden und standhaft beharren." 
Der KGnstler kann nur „durch ein anstrengendes und nichts weniger als reizendes 
Studium dahin gelangen, dass sein Werk uns spielend erg5tzt. Dieses scheint mir 
auch der untrfigUcbe Probierstein zu sein, woran man den blossen Dilettanten von 
dem wahrhaften Kunstgenie unterscheiden kann. Der verfQhrerische Reiz des Grossen 
und Sch5nen, das Feuer, womit es die jugendliche Imagination entzundet, und der 
Anscbein von Leichtigkeit, womit es die Sinne tftuscht, haben schon manchen Un- 
erfahrenen beredet, Palette Oder Leier zu ergreifen und auszugiessen, in Gestalten 
oder T5nen, was in ihm lebendig wurde. In seinem Kopf arbeiten dunkle Ideen wie 
eine werdende Welt, die ihn glauben machen, dass er begeistert sei. Er nimmt das 
Dunkle fur das Tiefe, das Milde fur das Krftftige, das Unbestimmte fur das Unendliche, 
das Sinnlose fur das Obersinnliche — und wie geflllt er sich nicht in seiner Geburt! 
Aber des Kenners Urteil will dieses Zeugnis der warmen Selbstliebe nicht bestfttigen. 
Mit ungefilliger Kritik zerstdrt er das Gaukelwerk der schwftrmenden Bildungskraft 
und leuchtet ihm in den tiefen Schacht der Wissenschaft und Erfahrung hinunter, 
wo, jedem Ungeweihten verborgen, der Quell aller wahren Schdnheit entspringt. 
Schlummert nun echte Geniuskraft in dem fragenden Jungling, so wird zwar anfangs 
seine Bescheidenheit stutzen, aber der Mut des wahren Talents wird ihn bald zu 
Vereuchen ermuntern. Er behoicbt, wenn er zum Dichter geboren ist, die Mensch- 
heit in seiner eigenen Brust, urn ihr unendlich wechselndes Spiel auf der weiten 
Bfibne der Welt zu verstehen, unterwirft die uppige Phantasie der Diszipltn des Ge- 



Digitized by 



Google 




153 
BREITHAUPT: SUB SPECIE AETERNITATIS 




schmackes and llsst den nGchternen Verstand die Ufer ausmessen, zwiscben welchen 
der Strom der Begeisterung brausen soil. Ihm 1st es wohlbekannt, dass nur aaa dem 
unscheinbar Kletaen das Grosse erwichst, und Sandkorn fur Sandkorn trigt er das 
Wundergebftude lusammen, das una in einem einzigen Eindruck jetzt schwindelnd 
erfasst. Hat ihn bingegen die Natur bloss zum Dilettanten gestempelt, so erkftltet 
die Schwierigkeit seinen kraftlosen Eifer and er verlftsst entweder, wenn er bescheiden 
1st, eine Bahn, die ihm Selbstbetrug anwies, oder, wenn er es nicbt ist, verkleinert 
er das grosse Ideal nach dem kleinen Durcbmesser seiner Fihigkeit, weii er nicbt 
imstande ist, seine Fihigkeit nacb dem grossen Massstab des Ideals zu erweitern. 
Das ecbte Kunstgeaie ist also immer daran zu erkennen, dass es, bei dem 
gluhendsten Gefubl ffir das Ganze, Kilte und ausdauernde Gedald fur das 
Einzelne bebftlt und, urn der Vollkommenheit keinen Abbruch zu tun, lieber den 
Genuss der Vollendung aufopfert. Dem blossen Liebhaber verleidet die Muhseligkeit 
des Mittels den Zweck, und er mftcbte es gern beim Hervorbringen so bequem baben, 
als bei der Betrachtung." („0ber die notwendigen Grenzen beim Gebrauch schdner 
Formen.") 

Wie scharf schon Schiller das Wesen der Affekte beobachtet hat, beweist 
seine herbe Kritik der zeitgenSssischen Musik: 

„Auch die Musik der Neueren scheint es vorzfiglich nur auf die Sinnlichkeit 
anzuiegen und schmeichelt dadurch dem herrschenden Geschmack, der nur angenebm 
gekitzelt, nicbt ergriffen, nicbt kriftig gerubrt, nicbt erhoben sein will. Alles Scbmelzende 
wird daber vorgezogen, und wenn noch so grosser Linn in einem Konzertsaal ist, so 
wird pl5tzlich alles Obr, wenn eine scbmelzende Passage vorgetragen wird." 

Ich setze hier gleich den herrlichen Satz hinzu: 

„Nichts ist edel, als was aus der Vernunft quillt; alles, was die Sinnlichkeit 
fQr sich bervorbringt, 1st gemein." (»Ober das Pathetiscbe.") 

Wir leiden an dem technisch-vollkommenen Ideal. Das Ssthetische 
Geschmacksurteil von heute ist kein allzu bedeutendes, da es dem Kunst- 
verstand an kritischer SchSrfe und dem Kunstgefuhl an der Kraft der 
Uberwindung und Entsagung fehlt. So kommen die Unwerte: fein, artlg, 
elegant, blendend, raffiniert zutage. Die inneren Gradationen des geistigen 
Melos werden um desswillen nicht erkannt, weil sie nicht gefuhlt werden. 
Die Griechen empfahlen dem, dem die Anmut, das Geffillige fehlte, den 
Grazien zu opfern. Unserem Melos mangelt's gar sehr an Anmut, wie es 
uberhaupt die letzten Gefuhlsstufen : schdn, ruhrend, erhaben, die in der 
Klassik in edelster Form zum Ausdruck kamen, bislang nicht wieder 
erlangt hat. Was Schiller uber „ Anmut und Wurde" und das w Erhabene* 
ausgesprochen hat, ist daher noch heute der eindringlichsten Beachtung 
wert. Der Nur-Musiker wurde sich wenigstens uber die Unzulinglichkeit 
seiner Empfindungen eben so klar werden, wie der musikalische Philosoph 
oder der moderne raffinierte Maler-Musiker und reine Sinnenmensch ab- 
geschreckt wurde. Alle aber wurden erkennen, dass die hochsten Stufen 
des Ausdrucks, namlich die der Heiligkeit, der Ruhrung und Erhabenheit 
ihrerseits nur aus der Tiefe eines naiven Gemutes fliessen. 



Digitized by 



Google 




154 
DIB MUSIK IV. 15. 




„Wessen Gemut nicht schon zubereitet 1st, fiber die Wirklichkelt binaus ins 
Ideenreich zu gehen, ffir den wird der relchste Gehalt leer erscheinen nod der 
hftchste Dichterscbwung Oberspannung sein . . .« „Und eben daraus, dass die Stirke 
dea alten Kunstlers in der Begrenzung beateht, erkiftrt aich der hohe Vorzug, den 
die bildende Kunst des Altertums fiber die der neueren Zeiten behauptet . . .* ,Aus 
der naiven Denkart fliesst notwendigerweiae auch ein naiver Ausdruck, und er 1st 
das wichtigste Bestandstfick der Grazie. Mit dieser naiven Anmut drfickt daa Genie 
seine erfaabensten und tiefsten Gedanken aua; es sind Gdttersprfiche aus dem 
Munde eines Kindest 

Selbst diejenige Entwicklung der kiinstlerischen Charakteristik, die 
das satirische Element musikalisch auszudrucken trachtet, darf nicht bei 
rein materiell realistischen Wirkungen steben bleiben. Auch sie muss 
defer greifen. 

,Die pathetiscbe Satire muss jederzeit aus einem Gemfite fiiessen, welches 
von dem Ideale lebhaft durchdrungen ist* „Wenn die pathetiscbe Satire nur er- 
habene Seelen kleidet, so kann die spottende Satire nur einem sch5nen Herzen 
gelingen." („Ober naive und sentimentalische Dichtung".) 

Das konnte nicht einfaitiger und scboner zum Ausdruck gebracht 
werden. Der Geist Schillers ist nicht von dieser Welt. Mdchte die Zeit 
doch von seinen Feuerflugeln beriihrt und auf ihnen in das Reich 
leuchtender Ideen getragen werden t Unserer Freude ist Sehnsucht bei- 
gemischt, Sehnsucht nach einer neuen deutschen Kunst, die allein itn 
Herzen des Menschen kann auferbauet werden. Die Mittel dazu sind die 
gleichen, die der grosse Tote ira'neunten Brief: w Ober die flsthetische Er- 
ziehung des Menschen" niedergelegt hat. Ich mdchte daher mit ihnen 
schliessen, da sie zu dem Herrlichsten gehoren, was fiber die kfinstlerische 
Besserung und Veredlung einer Zeit gesagt worden ist: 

»Wie verwahrt sicb aber der Kfinstler vor den Verderbnissen seiner Zeit, die 
ihn von alien Seiten um fan gen? Venn er ibr Urteil verachtet. Er blicke aufwftrts 
nach seiner Wfirde und dem Gesetz, nicht niederwftrts nach dem Glfick und nacb 
dem Bedfirfnis. Gleich frei von der eitlen Geschlftigkeit, die in den flfichtigen 
Augenblick gern ihre Spur drficken m5cbte, und von dem ungeduldigen Schwftrmer- 
geist, der auf die durftige Geburt der Zeit den Massstab des Unbedingten anwendet, 
Qberlaase er dem Verstande, der bier einbeimisch ist, die Sphftre des Wirklichen; er 
aber strobe, aus dem Bunde des M5glichen mit dem Notwendigen das Ideal zu er- 
zeugen. Dieses prlge er aus in Tftuschung und Wahrbeit, prlge es in die Spiele 
seiner Einbildungskrafc und in den Ernst seiner Taten, prlge es aus in alien sinn- 
licben und geistigen Formen und werfe es schweigend in die unendliche Zeit. 

„Aber nicht jedem, dem dieses Ideal in der Seele glfibt, wurde die schopferische 
Ruhe und der grosse geduldige Sinn verliehen, es in den verschwiegenen Stein ein- 
zudrficken Oder in das nfichterne Wort auszugiessen und den treuen Hftnden der Zeit 
zu vertrauen. Viel zu ungestfim, um durch dieses ruhige Mittel zu wandern, stiirzt 
sich der gStttiche Bildungstrieb oft unmittelbar auf die Gegenwart und auf daa 
handelnde Leben und unternimmt, den formlosen Stoff der moralischen Welt um- 
zubilden. Dringend spricbt das Ungluck seiner Gattung zu dem ffihlenden Menschen, 
dringender ihre Entwfirdigung, der Enthusiasmus entflammt sich, und das gliihende 



Digitized by 



Google 




155 
BREITHAUPT: SUB SPECIE AETERNITATIS 




Verlangen strebt in kraftvollen Seelen ungeduldig zur Tat. Aber befragte er sich 
auch, ob die8e Unordnungen in der moralischen Welt seine Vernunft beleidigen oder 
nicht vielmebr seine Selbstliebe scbmerzen? Weiss er es nocb nicht, so wird er es 
an dem Eifer erkennen, womit er auf bestimmte und bescbleunigte Wirkungen dringt 
Der reine moralische Trieb ist aufs Unbedingte gerichtet, fur ibn gibt es keine Zeit, 
und die Zukunft wird ihm zur Gegenwart, sobald sie sicb aus der Gegenwart not- 
wendig entwickeln muss. Vor einer Vernunft ohne Scbranken ist die Ricbtung zu- 
gleicb die Vollendung, und der Weg ist zuruckgelegt, sobald er eingescblagen ist" 
v Gib also, werde icfa dem ju'ngen Freund der Wabrheit und der Scbdnheit zur 
Antwort geben, der von mir wissen will, wie er dem edlen Trieb in seiner Brust, 
bei allem Widerstande des Jahrhunderts, Genfige zu tun babe, gib der Welt, auf die 
du wirkst, die Ricbtung zum Guten, so wird der ruhige Rbytbmusder Zeit 
dieEntwicklung bringen. Diese Ricbtung bast du ibr gegeben, wenn du, lebrend 
ibreGedanken zum Notwendigen undEwigen erhebst,wenndu, bandelnd oder bildend, das 
Notwendige und Ewige in einen Gegenstand ibrer Triebe verwandelst. Fallen wird 
das Gebftude des Wabns und der Willkurlicbkeit, fallen muss es, es ist scbon ge- 
fallen, sobald du gewiss bist, dass es sicb neigt, aber in dem inneren, nicbt bloss 
in dem ftusseren Menscben muss es sicb neigen. In der scfaambaften Stille 
deines GemGts erziehe die siegende Wabrheit, stelle sie aus dir beraus in 
derSchdnbeit, dass nicht bloss der Ged an ke ibr huldige, sondern auch der 
Sinn ihre Erscheinung liebend ergreife. Unddamit es dir nicbt begegne, von der 
Wirklichkeit das Muster zu empfangen, das du ihr geben sollst, so wage dich nicht eher in 
ihre bedenklicbe Gesellscbaft, bis du eines idealischen Gefolges in deinem Herzen ver- 
sichert bist. Lebemitdeinemjahrhundert, aber sei nicht sein Geschftpf ; leiste 
deinen Zeitgenossen, aber, was sie bedurfen, nicbt, was sie loben. Ohne ihre Schuld geteilt 
zu haben, telle mit edler Resignation ihre Strafen und beuge dich mit Freiheit unter 
das Jocb, das sie gleich scblecht entbehren und tragen. Durch den stand baften Mut, 
mit dem du ihr Gluck verschmfthest, wirst du ihnen beweisen, dass nicht deine 
Feigheit sich ihren Leiden unterwirft Denke sie dir, wie sie sein sollten, wenn du 
auf sie zu wirken hast, aber denke sie dir, wie sie sind, wenn du fflr sie 
zu handeln versucbt wirst Ihren Beifall suche durch ihre Wurde, aber auf 
ihren Unwert berechne ihr Gluck, so wird dein eigner Adel dort den ihrigen auf. 
wecken und ihre UnwGrdigkeit hier deinen Zweck nicht vernichten. Der Ernst deiner 
Grundsitze wird sie von dir scheucben, aber im Spiele ertragen sie sie nocb; ihr 
Gescbmack ist keuscher als ihr Herz, und hier musst du den scheuen Fluchtling 
ergreifen. Ihre Maximen wirst du umsonst best&rmen, ihre Taten umsonst ver- 
dammen; aber an ihrem Mussiggang kannst du deine bildende Hand versuchen. Ver- 
jage die Willkfir, die Frivolitftt, die Rohigkeit aus ihren Vergnfigungen, so 
wirst du sie unvermerkt auch aus ihren Handlungen, endlich aus ihren Gesinnungen ver- 
bannen. Wo du sie flndest, umgib sie mit edlen, mit grossen, mit geistreichen 
Formen, schliesse sie ringsum mit den Symbolen des Vortrefflichen ein, bis der 
Schein die Wirklichkeit und die Kunst die Natur uberwindet" 




Digitized by 



Google 





Ijtelien wir uns immer auf die Bergesspitze, urn klare Ubersicht 
d tiefe Einsicht zu gewinnen", schreibt Wagner (Schriften X, 
370). In der truben Wirrnis und Unrast des modernen Lebens 
miissen wir einen Standpunkt nehmen, von dem aus die grossen 
Meister der Vergangenheit uns le ben dig werden. Ein Blick auf Schillers 
Leben und Wirken vom Bayreuther Hugel aus ist hierzu sehr wohl geeignet. 
Als Wahlspruch gilt fur jeden Genius das Wort: 

„Das Jahrhundert 
ist meinem Ideal nicht rcif. Ich lcbe, 
ein Bflrger derer, welche kommen werden. 1 * 

Jeder grosse Meister lebt fur die Zukunft und ist mit seiner Welt- 
und Kunstanschauung seinen Zeitgenossen weit voraus. Er wird in vielen 
und wichtigen Dingen immer im Vorsprung bleiben und uberhaupt niemals 
erreicht werden. An den Gedenktagen ist es gerechtfertigt, zu fragen, wie 
weit wir den Meister kennen und als lebendig wirkende Kraft empflnden, 
wo wir Verwandtes ihm zur Seite stellen dtirfen. 

Schillers Lebenswerk. 

Goethe sagte am 18. Januar 1825 zu Eckermann: 

„Schiller8 Talent war recht furs Theater geschtffen. Mit jedem Stucke schritt 
er vor und ward er vollendeter." 

Wilhelm von Humboldt schreibt in der Vorerinnerung zum Briefwechsel 
S. 81: 

„Schillers Tragddien sind nicht Wiederholungen eines zur Manier gewordenen 
Talentes, sondern Geburten eines immer jugendlichen, immer neuen Ringens mit 
richtiger eingesehenen, hdher aufgefassten Anforderungen der Kunst." 

Wagner sagt (Schriften VIII, 101): 

„Nie hat ein Menschenfreund fur ein verwabrlostes Volkswesen getan, was 
Schiller fur das deutsche Theater tat. Zeichnet sich in dem Gange seiner dichte- 
rischen Entwicklung das ganze ideale Leben des deutschen Geistes ab, so ist zugleich 
in der Reihenfolge seiner Dramen die Geschichte des deutschen Theaters und des 
Versuches seiner Erhebung zu einer populir-idealen Kunst zu erkennen." 



Digitized by 



Google 




157 
GOLTHER: SCHILLER UND WAGNER 




Er urteilt von „diesen hehren Dramen", dass 

,|edes von ihnen, vom Wallenstein bis zum Tell, eine Eroberung auf dem Gebiete dcs 

ungekannten Ideales bezeichnete" (Schriftcn VIII, 104). 

Und Schiller selbst schreibt mitten in der Arbeit am 26. Juli 1800 an 
Goethe: 

„Man muss sich durch kelnen allgemeinen Begriff fesseln, sondera es wagen, 
bei cincm neuen Stoff die Form neu zu erflnden und sich den Gattungsbegriff 
immer beweglich erhalten;" 

und am 28. Juli an KSrner: 

„Die Idee eines Trauerspiels muss immer beweglich und werdend sein, 
und nur virtualiter in hundert und tausend mdglichen Formen sich darstellen." 

Schillers Wirken, von dem diese Ausspriiche die Summe Ziehen, be- 
deutet die Geburt der Tragddie, die SchSpfung und Gestaltung 
eines deutschen Dramas, urn das vor ihm Lessing bemuht war und 
das auf den fiblichen Umwegen deutscher Geistesbildung fiber Franzosen, 
EnglSnder und Griechen gesucht werden musste. Lessing hatte die Vor- 
bilder und Beispiele des burgerlichen Trauerspieles, des deutschen Charakter- 
Iustspiels aus dem Leben anstatt der LiteraturkomSdie in Typen, der sozialen 
Tragddie, endlich des in gehobener Sprache stilisierten Ideenschauspiels 
gegeben und damit den Grund gelegt, auf dem in neuen Gedanken und 
Formen weiter und hdher zu bauen war. 

Dieses deutsche Drama ist im Grunde Schillers hdchstes 
und einziges Ziel. Und wer das Wesen seiner Kunst erschauen will, 
muss diese Auffassung mit Nachdruck in den Vordergrund aller Erwlgungen 
rucken. Alles fibrige, wie namentlich die Kunstschriften, dient nur diesem 
Zweck oder ist nebenherlaufende Gelegenheitsdichtung, freilich auch als 
Nebenwerk ein hohes und echtes Meisterstfick. 

Nach der Maria Stuart schrieb Schiller an K5rner, er fuhle, dass er 
sich jetzt „des dramatischen Organs bem&chtigt habe und sein Handwerk 
verstehe"; nach der Braut von Messina: „ Goethe meint, der theatralische 
Boden w&re durch diese Erscheinung zu etwas Hdherem eingeweiht worden"; 
nach dem Tell: „ich fuhle, dass ich nach und nach des Theatralischen 
machtig werde". So wusste Schiller selbst, was die hinterlassenen 
Entwfirfe und Plane auch zeigen, dass er noch mitten in der 
Entwicklung stand und viele unerfullte Zukunftstr&ume mit ins 
Grab nahm. 

Es wird unsere Hauptaufgabe sein, Schiller in der „ Total i tat* seines 
Lebens, Wollens und Wirkens, die untrennbar eins sind, worin eine wunder- 
bare grosse und edle PersSnlichkeit zur Erscheinung kommt, zu erfassen 
und zu verstehen. Schiller schreibt in seiner Anzeige der Gedichte 
Burgers: 



Digitized by 



Google 




158 
DIE MUSIK IV. 15. 




„Alles, was der Dicbter uns geben kann, 1st seine Individualitit. Diese muss 
es also wert sein, vor Welt und Nachwelt ausgestellt zu werden. Diese seine Indi- 
vidualitit so sehr als mdglich zu veredeln, zur reinsten, herrlichsten Menschheit 
binaufzuliutern, ist sein erstes und wichtigstes Gescbift." 

Noch 1825 sagte Goethe zu Eckermann: 

„Alle acht Tage war Schiller ein anderer und ein vollendeterer; jedesmal, wenn 
ich ibn wicdersth, erscbien er mir vorgescbritten in Belesenbeit, Gelebrsamkeit und 
Urteil." 

Schiller sagt: 

v Wie verwabrt sictf aber der Kfinstler vor den Verderbnissen seiner Zeit, die 
ibn von alien Seiten um fan gen? Wenn er ihr Urteil verachtet. Er blicke aufwirts 
nacb seiner Wurde und dem Gesetz, nicbt niederwftrts nacb dem Gluck und nacb 
dem Bedurfnis." 

„Der Menschheit Wurde ist in eure Hand gegeben, 

bewabret sie! 
Sie sinkt mit eucbl Mit eucb wird sie sicb heben!" 

Richard Wagner schrieb an Frau Wesendonk am 2. Marz 1859 aus 
Venedig: 

„Mehr interessiere ich micb fur Schiller: mit diesem beschifdge ich mich jetzt 
ungemein gern: Goethe hatte es schwer, sich neben dieser ungemein sympatbischen 
Natur zu erbalten. Wie hier alles nur Erkenntniseifer ist! Man glaubt, dieser Menscb 
babe gar nicht existiert, sondern immer nur nach Geistes Licht und Wftrme aus- 
geschaut Seine leidende Gesundheit stand ihm scheinbar hier gar nicht im Wege: 
zur Zeit der Reife scheint er doch auch von bewftltigenden moraliscben Leiden ganz 
frei gewestn zu sein. Es scheint da alles ertraglich mit ihm gestanden zu haben. 
Und dann gab es ffir ibn so viel zu wissen, was damals, wo Kant nocb so Wichtiges 
im Unklaren gelassen hatte, schwierig zu erwerben war, namentlich fur den Dicbter, 
der sich auch im Begriffe recht klar werden will. Eines fehlt diesen alien: die Musikl 
Aber sie batten sie eben im Bedurfnis, in der Ahnung. Deutlicb drfickt sich das oft 
aus, namentlich in der bdchst glucklichen Substituierung des Gegensatzes von 
„plastischer" und ,musikalischer" Poesie, fur den von „epischer" und .lyrischer*. 
Mit der Musik ist nun aber eine Allmacht gewonnen, gegen welcbe die 
Dicbter jener so wundervoll suchenden, strebsamen Entwicklungs- 
epocbe mit ihren Arbeiten sich doch nur wie Skizzenzeichner verhielten. 
Desbalb gebdren sie mir aber so innig an: sie sind mein leibhaftiges 
ErbstGck. Aber glucklich waren sie — glucklicher obne die Musik! Der Begriff 
gibt kein Leiden; aber in der Musik wird aller Begriff Gefuhl ; das zehrt und brennt, 
bis es zur hellen Flamme kommt, und das neue wunderbare Licbt auflachen kann!* 

1794 wurde der Bund zwischen Schiller und Goethe geschlossen, 
nach langem Zogern. Beide mussten so gereift sein, um die Uberein- 
stimmung ihrer Hauptideen, zu denen sie auf ganz verschiedenen Wegen, 
Goethe von der Erfahrung, Schiller vom Denken her gekommen waren, zu 
erkennen. Aus dem Formlosen, Zufalligen, Subjektiven, Naturalistischen 
trachteten beide zum Stil, in dem sie die hochste Unabhftngigkeit der 
Darstellung von alien objektiven und subjektiven zuffilligen Bestimmungen, 



Digitized by 



Google 




159 
GOLTHER: SCHILLER UND WAGNER 




die vollige Erhebung fiber das Zufallige zum Allgemeinen und Notwendigen 
erkannten. Es ist also die idealisierende, stiiisierende TStigkeit des Kunstlers 
gemeint, der die Natur nicht nachahmt, sondern die Kunst, die in der 
Natur steckt, erschaut und herausholt. Schiller hat besonders im Aufsatz 
fiber naive und sentimentalische Dichtung und in den Vorbemerkungen zur 
„Braut von Messina" hieruber gesprochen. Am schonsten und tiefsten be- 
handelt Heinrich von Stein in seinen BeitrSgen zur Asthetik der deutschen 
Klassiker (bei Reclam erschienen) dieses gemeinsame Kunststreben und 
Schaffen. Hans von Wolzogen hat in seinen schonen Aufs&tzen fiber die 
Idealisierung des Theaters (Bayreuther Blatter 1884) die Arbeit unserer 
Klassiker am deutschen Theater gewfirdigt. Auch Wagner (Schriften VIII, 03) 
erblickt das Wesen der Kunst in einer „Realisierung des Ideals", die nicht 
durch die Darstellung voller Wirklichkeit, sondern durch eine Beschrflnkung 
und Steigerung des Gegenstandes und seiner Darstellung erreicht werde. 
Er erlautert die hierauf gerichtete Tatigkeit unsrer Klassiker also: 

,Die ganz eigentfimliche, neue und in der Kunstgeschichte nie dagewesene 
Wirksamkeit der beiden grfasten deutschen Dichter, Goethe und Schiller, zeichnet 
sich dadurch aus, dass zum ersten Male ihnen das Problem einer idealen, rein mensch- 
Iichen Kunstform in ihrer umfassendsten Bedeutung Aufgabe des Forschens wurde, 
und fast 1st das Aufsuchen dieser Form der wesentlichste Hauptinhalt auch ihres 
Schaffens gewesen. Rebellisch gegen den Zwang der Form, die noch den romaniscben 
Nationen als Gesetz gait, gelangten sie dazu, diese Form objektiv zu betrachten, mit 
ihren Vorzfigen auch ihrer Nachteile inne zu werden, von ihr aus auf den Ursprung 
aller europlischen Kunstform, derjenigen der Griechen, zurfickzugeben, in ndtiger 
Freiheit das voile Verstftndnis der antlken Form sich zu erschliessen und von bier 
aus auf eine ideale Kunstform auszugehen, welche, als rein menschliche, vom Zwange 
der engeren nationalen Sine befreit, diese Sitte selbst zu einer rein menschlichen, 
nur den ewigsten Gesetzen gehorchenden ausbilden sollte" (Schriften VII, 131). 

Ein Kunstwerk in G eh alt, Form, Vortragsweise rein deutsch und zugleich 
rein menschlich glaubt Wagner in der Idee unserer Klassiker angedeutet 
und angestrebt zu erkennen. 

Schillers und Wagners Entwicklung. 

In Schillers Leben unterscheiden wir drei Abschnitte: die Kinder- 
und Junglingsjahre in der schwftbischen Heimat 1759—82, die Wander- 
jahre in Mannheim und Dresden 1782—87, die Lehr- und Meisterjahre 
in der neuen thuringischen Heimat in Jena und Weimar 1787 — 1805. Der 
machtige Freiheitsruf der „Rftuber bezeichnet den ersten Abschnitt, der mit 
der Flucht aus Stuttgart, also in offner Em po rung gegen den Druck un- 
ertragHcher Verh&ltnisse endigt. Im zweiten Abschnitt deuten ,Luise 
Millerin" und .Don Carlos nach Gehalt und Form die Entwicklung des 
Freiheitsgedankens an von der Revolution zur Reformation, vom Umsturx 



Digitized by 



Google 




160 
DIB MUSIK IV. 15. 



Jg 



zur Erneuung und Wiedergeburt, von der Formlosigkeit zur Form, von der 
blossen Naturlichkeit zum veredelten Stil. In Mannheim suchte Schiller 
das Theater zur Statte reinster und hochster Kunst umzubilden. Welch 
defer Ernst diesen Bemuhungen um die Wfirde des deutschen Dramas zu- 
grunde lag, zeigt das kuhne und stolze Wort: 

„Wenn wir es erlebten, eine Nttionalbflhne zu htbcn, so wfirden wir auch eioe 
Nation. Was kettete Gricchcnltnd so fest aneinandei ? Was zog das Volk so unwider- 
stehlich nach seiner Buhne? Nicbts anders als der vaterlftndische Inhalt der 
Stucke, der griechische Geist, das grosse fiberwiltigende Interesse des Staates, der 
besseren Menschheit, das in denselbigen atmete." 

Lessing hatte in Hamburg 1768 verzweifelt ausgerufen: 

„0ber den gutherzigen E in fall, den Deutschen ein Nationalthetter zu verschaffen, 
da wir Deutsche noch keine Nation sind!* 

Schiller weist der Kunst des deutschen Schauspiels und der deutschen 
Schaubuhne also eine seelenbildende und volkserziehende Bestimmung zu 
und erkennt hier eine allerwichtigste Kulturmacht. Aber die Mannheimer 
Buhne war dem Hochflug solcher Gesinnung nicht gewachsen, sie verharrte 
im gewdhnlichen Gesch&ftsbetrieb des Intendanten und der Komodianten, 
denen Schillers Dramen nur soweit genehm waren, als ihre personliche 
Eitelkeit darin Vorteil fand. Aussere und innere Not vertrieb Schiller im 
April 1785 aus Mannheim. Aber 

„die Himmlischen leiteten nun mit Liebe, an sanfter gutiger Hand ihren Begunstigten 
In die Anne von Freunden, die alles aufboten, damit er seinem hohen Berufe nicht 
ungetreu wurde, damit er die unendliche Menge des wahrhaft Guten und Schftnen, 
welches er in sich trug, zur Veredlung der Menschheit, zur Erleuchtung und Stftrkung 
kommender Geschlechter, zu unverganglichem Ruhme seiner selbst wie seines Vater- 
landes anwenden konnte" — 

so erzShlt Streicher, der treue Genosse auf Schillers Flucht und in der 
Mannheimer Zeit von dem Augenblick, da der Dichter bei Korner Asyl 
fand, um abgewandt von den unerfreulichen TheaterzustSnden in reiner 
kunstlerischer Stimmung und Sammlung den „Don Carlos' zu vollenden. 
Nun folgen die Lehrjahre, da Schiller vdllig der Wissenschafr, Geschichte 
und Philosophie angehdrt. Es ist eine Zeit der Vorbereitung, der inneren 
Reife zu den kiinstlerischen Grosstaten der Meisterjahre. Dem Dichter des 
„Fiesco" und w Don Carlos' erschien die geschichtliche Vergangenheit in stark 
subjektivem, novellistischem Licht, er war der zufilligen Oberlieferung preis- 
gegeben. Jetzt lernt Schiller die Geschichte ernster und selbstindiger 
kennen und aus grossen, meisterhaft erfassten Zusammenhftngen schreiten 
die Gestalten der Meisterdramen hervor. Seine ureigne kunstlerische Welt- 
anschauung aber suchte Schiller sich selber klar zu macHen, indem er sie 
in den Begriffen der Lehre Kants darzustellen unternahm. 1704 ward der 
Bund mit Goethe geschlossen. Jetzt hatte Schiller 9 seine dunklen Ahnungen 



Digitized by 



Google 





SCHILLER 

NACH DEM GEMALDE VON J. R. KRAUSSE 
ORIGINAL IN WAHNFRIED 



IV. 15 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 




Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 




JOH. RUD. ZUMSTEEG 





JOH. ANDREAS STREICHER 



KARL FR1EDRICH ZELTER 




IV. 15 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 




161 
GOLTHER: SCHILLER UND WAGNER 




von Regel und Kunst in klare Begriffe verwandelt" und kehrte allmBhlich 
fiber die Gedankenlyrik, wo die Idee zum anschaulichen Bilde sich ge- 
staltet, und fiber die Balladen zum Drama zurfick. Neben den funf grossen 
Werken Ziehen sich die Entwurfe bin, die Schillers Vielseitigkeit erweisen 
und Ausblicke auf kiinftige, unvollendete SchSpfungen eroffnen. Zugleich 
bot die Weimarer Bfihne unter Goethes Leitung einen immerhin wfirdigen 
Schauplatz, wo das Drama unter Aufsicbt seines Schopfers in stilgerechte 
Erscheinung treten konnte. 

.Was Goethes und Schillers vcreintcs Wirken bei beschrftnkten Mitteln in 
Weimar hervorgebracht, ist ausserordentlich und zeigt, wie der Geist alles vermag 
und fiber alter Berechnung stent. Schiller wirkte auf das Fuhlen und innige Ver- 
stehen der Roll en; Goethe auf die Erscheinung ins Leben." 

So schildert Karoline von Wolzogen diese Seite der gemeinsamen TBtig* 
keit. Gerade hier wird ersichtlich, dass die echte Kunst auf moralischem 
Grunde erwSchst, von innen her geschaffen werden muss, keineswegs durch 
besonders glSnzende und reiche Sussere Mittel bedingt ist. 

Dieser so dramatisch bewegte Lebenslauf Schillers geht also gerades 
Weges fiber alle Hindernisse zu einem festen Ziel. 

Richard Wagners Leben und Wirken bewegt sich in ihnlichen Bahnen. 
Auch hier schwebt ein einziges Ziel vor: die Geburt des deutschen Dramas 
aus dem Geiste der Musik. Auch hier wird gewaltsam mit der formalen 
Gegenwart gebrochen, nur dass Wagner in dem Augenblick der Flucht die 
wenig aussichtsvollen Beziehungen zum Theater bereits hinter sich hat 
Auch hier sind die Werke der Jugend und der Vollreife durch tiefgrfindige 
Kunstschriften, in denen innere Hemmnisse fiberwunden werden dadurch, 
dass das Ziel sich klart und die rechten Mittel und Wege dazu sich auftun, 
von einander geschieden. Wagner schreibt an Liszt am 25. November 1850: 

.Zwischen der musikalischen Ausfuhrung meines Lohengrin und der meines 
Siegfried liegt ffir mien eine stfirmische, aber fruchtbare Zeit Ich hatte eln ganzes 
Leben hinter mir aufzuriumen, alles Dimmernde in ihm mir zum Bewusstsein zu 
bringen." 

So verwandelte auch Schiller .seine dunklen Ahnungen von Regel und Kunst 
in klare Begriffe". 

.Goethes und Schillers Briefwechsel erbaute mich sehr; er brachte mir unser 
Verhiltnis sehr nahe» und zeigte mir kdstliche FrQchte, die unter glucklicheren Urn- 
stinden unsrem Zusammenwlrken entspriessen kftnnten" — 

so schreibt Wagner an Liszt am 16. Dezember 1856. Der Briefwechsel 
zwischen Wagner und Liszt lasst uns heute die Ahnlichkeit und Ver- 
schiedenheit dieser Meisterbfindnisse fiberschauen. Neben persdnlichen 
Angelegenheiten spielen hier wie dort philosophische und kunstlerische 
ErSrterungen die wichtigste Rolle. Freundschaftliche gegenseitige Teil- 
nahme bewirkt und fSrdert die Fortfuhrung grosser PUne. Die Vielseitig- 
IV. 15. ii 



Digitized by 



Google 




162 

DIE MUSIK IV. 15. 




keit und Milde stellt Liszt n&her zu Goethe, wShrend Wagners geniale 
Einseitigkeit aufs Drama und sein wahrhaft heldenhaftes Ringen um seine 
voile Verwirklichung an Schiller gemahnt. 

Wagner zeigt in der Stoffwahl gewisse Ahnlichkeit mit Schiller, wenn 
er von der Geschichte (Rienzi, der im edlen Freiheitspathos sehr viel 
Verwandschaft mit den Schillerschen Helden aufweist, Sarazenin, Friedrich 
der Rotbart) zur Sage tibergeht und auch bei Schiller eine immer grdssere 
Neigung zu romantischen oder frei erfundenen Stoffen sich geltend macht. 
Die Anfangszene der „Malteser* gleicht vollig der des Rienzi: zwei Ritter 
und ihre Freunde streiten mit dem Schwert in der Hand um ein Madchen 
(Schiller nennt es sogar einmal Irene) und werden durch das Eintreten des 
Chores am Ausfechten ihrer Fehde verhindert. Im „Warbeck" ware die 
Hauptszene wie im ersten Aufzug des „ Lohengrin* ein Gerichtskampf ge- 
worden. 

„Ein offener Platz, Tbron fur die Herzogin. Schranken sind crrichtct, Anstalten 
zu cincm gericbtlichen Zweiktmpf. Zuschauer crfullen den Hintergrund der Szene. 
Die Herzogin kommt mit ihrem Hofe. Trompeten ertdnen. Ein Herold tritt tuf, und 
nachdem er die Veranlassung dieser Feierlichkeit verkundet, ruft er die beiden 
Kimpfer in die Schranken. Beide Kimpfer berufen sich auf das Urteil Gottes, man 
schreitet zu den gew6hnlichen Formalita'ten." 

In den „Maltesern" denken wir unwillktirlich an die Gralsritter, zumal 
beim feierlichen Auftritt des Chors, der aus 16 geistlichen Rittern in langer 
Ordenstracht besteht, und in zwei Reihen auf beiden Seiten der Buhne sich 
aufstellend, alle ubrigen umrahmt. 

Also bis auf Einzelheiten des Btihnenbildes erstreckt sich die Ahn- 
lichkeit. 

Und endlich schwebte auch Schiller eine deutsche Komodie vor, als 
das „hdchste poetische Werk". 

Schiller hat fur seine Vaterlandsliebe, namentlich in der .Jungfrau" 
und im „Tell", ergreifend schone Worte gefunden, die seitdem in hohen und 
ernsten Stunden alien Deutschen Trost und Erhebung spenden. Unmittelbar 
aus truben Zeitverh&ltnissen heraus plante er zur Jahrhundertwende 1800/1 
eine Dichtung von Deutschlands Grdsse, zum Trost gegen alle politischen 
Widerwartigkeiten. Darin heisst es u. a.: 

,Dcr Deutsche geht unglucklich aus dem Kriege, aber das, was seinen Wert 
ausmacht, hat er nicht verloren. Deutscbes Reich und deutsche Nation sind zweierlei 
Dinge." .... 9 Die Majestit des Deutschen ruht nicht auf dem Haupte seiner FOrsten, und 
wenn aucb das Im pedum untergegangen, so bliebe doch die deutsche Wurde unan- 
getastet. Sie ist eine sittliche Gr6sse, sie wohnt in der Kultur und im Charakter 
der Nation. 

StGrzte auch in Kriegesflammen 

Deutschlands Kaiserreich zusatnmen, 

Deutsche Grftsse bleibt bettebn,* 



Digitized by 



Google 




163 
GOLTHER: SCHILLER UND WAGNER 



m 



Schiller hat also Vertrauen zum deutschen Geist, dass von innen her 
eine Erneuung und Wiedergeburt erfolgen miisse, dass der Deutsche doch 
„den grossen Prozess der Zeit gewinnen werde". 

„Zerging in Dunst 

das heil'ge rdm'sche Reich, 
una bliebe gleich 

die heil'ge deutsche Kunst!" 

Schillers Gedicht erscheint wie eine Umschreibung dieses Gedankens, 
und wiederum sind Schiller und Wagner einer Meinung. 

Der Hauptunterschied liegt darin, dass Wagner trotz alien N5ten zum 
Ziele kam, wShrend Schiller mitten in der Arbeit abgerufen wurde; ferner 
darin, dass Wagner sehr bald von den geschichtlichen Stoffen zur Sage 
uberging und von An fang an mit aller Entschiedenheit allein den Weg der 
Geburt der Tragddie aus der Musik beschritt, den Schiller zwar in seiner 
unermesslichen Bedeutung erkennen und empfehlen, aber nicht selber ein- 
schlagen konnte; endlich naturlich aber auch darin, dass Inhalt und Aus- 
drucksmittel der Kunst des 19. Jahrhunderts anders sein mussten als im 
18. Jahrhundert, wie das ganze Leben ein anderes geworden war. Darum 
1st Wagner kein .Klassiker", sofern hiermit eine bestimmte und beschrinkte 
Vergangenheit gemeint wird. Wohl aber ist Wagner diesen grossen Geistern 
durchaus ebenburtig im kunstlerischen Ernst und hohen Ziel, ihr einzig 
echter und wahrer Erbe, indem er ihre Ahnungen nach einer ganz bestimmten 
Seite bin verwirklichen durfte. 

Wie Kdnig Ludwig II. von Bayern in des Meisters Leben eingriff, 
ist allbekannt. Welche Verehrung Kdnig Ludwig I. fur Schiller hegte, 
erscheint in diesem Zusammenhang doppelt bedeutungsvoll. Kdnig Ludwig 
schrieb: 

„Wie Grosses hat die Nation der Teutschen dem teutschesten Dichter, Friedrich 
v. Schiller, zu danken, und gewiss hltte er noch Schftneres, ]a Grftsseres wohl, als 
Goethe, geleistet, wenn nicht des Lebens Sorge und des KSrpers Schwachheit ihm 
hemmend gewesen wftren f&r des Genius Schwung." 

Als der Kdnig 1827 in Weimar weilte, gab er seinem Bedauern 

Ausdruck, dass es ihm nicht vergdnnt gewesen sei, zu Lebzeiten Schillers 

fur ihn zu sorgen. Goethe schrieb an den Kdnig: 

„Durch allerhftchste Gunst wire sein Dasein durchaus erleichtert, hftusliche 
Sorge entfernt, seine Umgebung erweitert, derselbe wohl auch in ein heilsameres, 
besseres Klima versetzt worden, seine Arbeiten hltte man dadurch belebt und be- 
schleunigt gesehen, dem hdchsten Gdnner selbst zu fdrtwlhrender Freude und der 
Welt zu dauernder Erbauung." 

Auf Kdnig Ludwigs Anregung wurden Schillers Gebeine in die 
Weimarer Furstengruft uberfuhrt. So waltete der kdnigliche Schutz noch 
fiber dem Toten. 



Digitized by 



Google 




164 
DIE MUSIK IV. 15. 



M 



Schillers Dramen und Entwfirfe nach Inhalt und Form. 

In den fiinf vollendeten Meisterdramen sehen wir Schiller urn 
immer neuen Inhalt und neue Formen bemiiht. Im „Wallenstein" wird 
der ungeheure Geschichtsstoff durch geniale Gliederung und Einteilung in 
einem Drama von zehn Aufzugen mit einem Vorspiel bewaltigt. In der 
„ Maria Stuart « ist die Handlung ungemein vereinfacht und nach innen ver- 
legt, die im „Wallenstein* noch breit ausgefiihrte historische Umwelt aufs 
geringste Mass beschrfinkt und der seelische Vorgang, die Brechung des 
Willens zum Leben, zur Hauptsache erhoben. Auch die „Jungfrau von 
Orleans ist ein lyrisch-romantisches Seelendrama. Die letzten Worte 
Johannas, deren Lichtgestalt vom Abendschein umspielt wird, erheben uns 
in eine Welt der Heiligkeit, die furs blosse gesprochene Wort nicht mehr 
fassbar 1st, wo wir, wie am Schluss des zweiten Teiles des .Faust 11 , ins 
„tonende Schweigen" geraten. Die romantische, nach dem Urteil der 
Literarhistoriker opernhafte, Tragodie weist auf einen Weg, den Schiller 
auch anderswo sehr ernstlich erwog. In der „Braut von Messina" ist eine 
neue Form des deutschen Dramas nach dem Vorbild der griechischen 
Tragodie versucht. Vom Chor erhoffte Schiller eine tief eingreifende 
Wirkung und Umgestaltung des ganzen dramatischen Baues. Im „Tell* 
uberwiegt wieder der geschichtliche Stoff, aber in sagenhafter F&rbung. 
Es ist ein echtes Volksstuck im besten Sinn. Und hier tritt auch die 
wundervolle malerische Kraft und Schonheit der Biihnenbilder hervor, die 
tibrigens trotz der sparsamen szenischen Weisungen bereits im fallen- 
stein* waltet und im „ Demetrius* abermalige Steigerung erfahren hatte. 

Das Stoffgebiet der Schillerschen Dramen ist keineswegs auf die 
Geschichte beschrankt. Die Jungfrau** schweift stark ins Romantische, 
der „Tell" in die Sage, die „Braut von Messina* ist rein erfunden. Die 
„Elfride", eine englische Sage des 10. Jahrhunderts, und die „ Graft n von 
Flandern* spielen ebenso ins romantische Gebiet hinuber. „ Rosamund oder 
die HSUenbraut", „ein Gegenstuck zu Faust oder vielmehr Don Juan , ist 
eine dramatische Ballade, die Schiller in phantastisch-opernhafter Weise 
dachte. Karoline von Wolzogen erzahlt, dass Schiller noch am 6. Mai 1805 
sagte: 

„Gebt mir Mlrchen und Rittergeschichten; da liegt doch der Stoff zu allem 
Sch5nen,* 

womit er die altfranzosischen Romane des Grafen Tressan meinte. Schon 
friiher hatte er einmal geSussert: 

„Wenn es nur mehr Stoffe wie Johanna und Tell in der Geschichte gibe, so 
80llte es an Tragddien nicht fehlen.* 

Und noch zwei Tage vor seinem Tode wollte er ein Gesprfich anknupfen 

uber Stoffe zu Tragddien, uber die Art, wie man die hdheren Kr&tte im 



Digitized by 



Google 




165 
GOLTHER: SCHILLER UND WAGNER 




Menschen erregen musse. Zwischen Schiller und der Romantik, d. h. 
eigentlich nur den Brudern Schlegel, waren keine freundlichen Beziehungen, 
aber ganz von selbst neigte Schiller allmahlich zu romantischen Stoffen, die 
dem Dichter eine freiere Gestaltung der allgemein menschlichen Idee und 
Handlung verstatteten, als die so vielfach beschrankte und bedingte Ge- 
schichte. Neben den geschichtlichen Dram en waren mit der Zeit gewiss 
noch mehr mythische geschaffen worden. Vor allem sehnte sich Schiller, 
wie er am 19. JVUrz 1799 nach der Vollendung des „ Wall en stein* an Goethe 
schreibt, 

9 zu einem frei phantasierten, nicht historischen, und zu einem bloss leidenschaftlichen 
und menschlichen StolT.* 

Freilich die altdeutsche Sprache und Dichtung mit all ihren Vorzugen, 
in die Klopstock und Herder einen ahnenden Blick getan, blieb Schiller 
fremd bis auf den Anflug von Schweizer Volkstum im „Tell*. 

In der „Braut von Messina" sucht Schiller nach einer neuen Form 
des deutschen Dramas auf Grund der griechischen Tragddie, insbesondere 
von Sophokles' w 6dipus*. Er ubernimmt die antike Schicksalsidee, bildet sie 
aber zum Schuldbegriff weiter, der ja als Leitmotiv im letzten Verse 
machtvoll betont wird. Er fibernimmt ferner den Chor und baut die 
Handlung in funf gleichmissigen Verwandlungen — S&ulenhalle, Kloster- 
garten, Zimmer im Palast, Klostergarten, S&ulenhalle — versucht also eine 
Tragddie in streng stilisierter Form und in wundervoll bewegter, musikalisch- 
rhythmischer Sprache. 

»Der Chor verlfisst den engen Kreis der Handlung, urn sich fiber Vergangenes 
und Kfinftiges, fiber ferae Zeiten und Vdlker, fiber das Menscbliche fiberhaupt zu 
verbreiten, urn die grossen Resultate des Lebens zu Ziehen und die Lehren der Veis- 
heit auszusprechen. Aber er tut dieses mit der vollen Macht der Phantasie, mit einer 
kfihnen lyrischen Freiheit, welche auf den hohen Gipfeln der menschlichen Dinge 
wie mit Schritten der Gdtter einhergeht, und er tut es, von der ganzen sinnlichen 
Macht des Rhythmus und der Musik in Tdnen und Bewegungen begleitet 

9 DerChor reinigt also das tragische Gedicbt, indem er die Reflexion von der 
Handlung absondert, und eben durch diese Absonderung sie selbst mit poetischer 
Kraft ausrfistet. — Die lyrische Sprache des Cbors legt dem Dichter auf, verhiltnis- 
missig die ganze Sprache des Gedicbts zu erheben, und dadurch die sinnliche Gewalt 
des Ausdrucks fiberhaupt zu verstlrken. Nur der Chor berechtigt den tragischen 
Dichter zu dieser Erhebung des Tons, die das Ohr ausffillt, die den Geist anspannt, 
die das ganze Gemfit erweltert. Diese eine Riesengestalt in seinem Bilde ndtigt ihn, 
alle seine Figuren auf den Kothurn zu stellen und seinem Gemilde dadurch die 
tragische Grdsse zu geben. Nimmt mail den Chor hinweg, so muss die Sprache der 
Tragddie im ganzen sinken, oder, was jetzt gross und mtchtig ist, wird gezwungen 
und fiberspannt erscheinen. — So wie der Chor in die Sprache Leben bringt, so 
bringt er Ruhe in die Handlung, aber die schdne und hohe Ruhe, die der Charakter 
eines edeln Kunstwerkes sein muss. — Dadurch, dass der Chor die Telle auseinander- 
hilt und zwischen die Passionen mit seiner beruhigenden Betrachtung tritt, gibt er 
uns unare Freiheit zurfick, die im Sturme der Affekte verloren gehen wfirde.* 



Digitized by 



Google 




166 
DIE MUSIK IV. 15. 




Bekanntlich hat Schiller diese reinigende, beruhigende und erhebende 
Aufgabe des Chores in der .Braut von Messina 44 dadurch gestort, dass er 
die Chore als Gefolge der feindlichen Bruder doch zugleich auch Partei 
nehmen lisst und ihnen dadurch eine doppelte Bestimmung in und fiber 
der Handlung zuweist. Die wundervolle Maltesertragodie, an der Schiller 
von 1788 bis 1803 arbeitete, wire diesem Fehler nicht verfallen. Die 
Johanniter hatten seit 1530 ihren Sitz auf Malta und wurden 1565 von 
den Tfirken hart bedrfingt. Der tatkrftftige Grossmeister Johann von La 
Valette feuerte den Orden zum iussersten Widerstande und zur todes- 
mutigen Verteidigung des verlorenen Postens von St. Elmo an. Und in 
dieser schweren Zeit wurden auch die gelockerten Gesetze des Ordens 
wieder hergestellt. Wie Schiller die weise und erhabene Gestalt des Gross- 
meisters in die Mitte geruckt und das Motiv der Vaterliebe und Freundes- 
liebe in die Handlung verwoben hatte, kann hier nicht ausgefuhrt werden. 
Meisterhaft entwickelt der erste Auftritt die ganze Sachlage, indem un- 
mittelbar anschaulich und vollig zwanglos die innere und Hussere Gefahr 
des Ordens vorgefuhrt wird. Zwei Ritter streiten in sehr weltlicher Ge- 
sinnung urn eine griechische Sklavin und dabei kommt auch die Eifersucht 
der verschiedenen Zungen d. h. Nationen im Orden zum Ausbruch : Spanier 
und Provenzalen Ziehen gegeneinander das Schwert. Da tritt der Chor 
auf, der aus 16 geistlichen Rittern in ihrer langen Ordenstracht besteht, 
und mahnt mit ernstem Hinweis auf die von aussen drohenden Gefahren 
zur Pflicht. 

9 La Valette ist die Seele der Handlung, er muss immer handelnd erscheinen; 
auch da, wo er nicht handelt, nicht mit Absicht wirkt, wirkt sein Cbarakter. Der 
Grossmeister hat keinen andern Vertrauten ndtig als den Chor. Der Chor wird von 
den Aufrfihrern mit Trotz und Geringschttzung behandelt. Die verbehlen ihm ihre 
schlimmen Gesinnungen nicbt, er weiss die Gefahr und sieht das Schlimmste kommen, 
aber ohne es verhindern zu kdnnen." 

An mehreren Stellen vermerkt Schiller das Eingreifen des Chores. Im 
Chor denkt sich Schiller offenbar die Slteren, pflichttreuen Ritter, die die 
alte Sitte wahren und dem Grossmeister zur Seite stehen, wMhrend aus 
der jungeren zugellosen Ritterschaft die verschiedenen Gegenspieler des 
Grossmeisters einzeln hervortreten. Somit hat der Chor in den „Maltesern* 
durch die ganze Anlage eine viel glucklichere Stellung als in der „Braut 
von Messina". Er kann alles das, was Schiller im allgemeinen von ihm 
fordert, erfullen und gerMt in keinen Zwiespalt. Er bleibt durchaus in der 
Handlung und steht trotzdem darfiber. 

Was Schiller in den Vorbemerkungen zur „Braut von Messina vom Chor 
verlangt, das erhoffte er schon im Brief an Goethe vom 29. Dezember 1707 
von der Mitwirkung der Musik. Er beginnt mit dem Hinweis, dass es 
n5tig sei, die verschiedenen Gattungen der Kfinste auseinander zu halten. 



L 



Digitized by 



Google 




167 
GOLTHER: SCHILLER UND WAGNER 




„Um von einem Kunstwerk alles auszuschliessen, was seiner Gattung fremd 
1st, muss man auch notwendig alles darin einschliessen k5nnen, was der Gattung ge- 
bfibrt Man musste die Reform beim Drama an fan gen, und durcb Verdringung der 
gemeinen Naturnacfaafamung der Kunst Luft und Licfat verschaffen. Und dies m&ctate 
am besten durcb Einf&hrung symbolischer Behelfe gescheben, die in allem dem, was 
nicht zur wahren Kunstwelt des Poeten gehdrt, und also nicht dargestellt, sondera 
bloss bedeutet werden soil, die Stelle des Gegenstandes vertrlten. Icfa babe mir diesen 
Begriff vom Symboliscfaen in der Poesie noch nicbt recht entwickeln kOnnen, aber 
es scbeint mir viel darin zu liegen. Wfirde der Gebrauch desselben bestimmt, so 
mftsste die natftrliche Folge sein, dass die Poesie sicfa reinigte, ihre Welt enger 
und bedeutungsvoller zusammenzOge, und innerhalb derselben desto 
wirksamer wfirde. 

»Ich batte immer ein gewisses Vertrauen zur Oper, dass aus ibr wie aus den 
CbOren des alten Baccbusfestes das Trauerspiel in einer edleren Gestalt sicb loswickeln 
sollte. In der Oper erllsst man wirklich Jene servile Naturnactaabmung, und obglelch 
nur unter dem Namen von Indulgenz, kOnnte sicb auf diesem Wege das Ideale auf 
das Tbeater stehlen. Die Oper stimmt durcb die Macfat der Musik und durcb eine 
freiere faarmonische Reizung der Sinnlichkeit das GemQt zu einer scb&neren Empfingnis. 
Hier ist wirklich auch im Pathos selbst ein freieres Spiel, well die Musik es begleitet, 
und das Wunderbare, welcbes hier einmal geduldet wird, mfisste notwendig gegen den 
Stoff gleichgultiger machen." 

Goethe antwortete: 

„Ihre Hoffnung, die Sie von der Oper batten, w&rden Sie neulich in Don Juan 
auf elnen hohen Grad erffillt geseben haben ; daffir stebt aber auch dieses St&ck ganz 
isoliert und durcb Mozarts Tod ist alle Aussicht auf etwas Ahnliches vereitelt* 

Schiller bestimmte also hier den Begriff des Symbolischen und 
Typischen, des Reinigenden und Erhebenden im Drama auf die Musik, 
Goethe erkannte sofort im „Don Juan* ein durchaus zutreffendes Beispiel 
und setzte diese Idee und Erfahrung spater im zweiten Teil des „ Faust* 
stellenweise einfach in die Tatsache des musikalischen Dramas um. Darauf 
bezieht sich Wagners Wort (Schriften IX, 83), dass Schiller und Goethe 
„sich auch in der Ahnung vom Wesen der Musik begegneten*, dass .diese 
Ahnung bei Schiller von einer tieferen Ansicht begleitet war, als bei 
Goethe*, den mehr nur das Formate in der Musik anzog. An Frau 
Wesendonk schrieb Wagner im selben Sinne: 

«Eines fehlt diesen alien: die Musik! Aber sie batten sie eben im Bedfirfnis, 
in der Ahnung.* 

Schiller trat mehrmals dem Gedanken einer Operndichtung nahe, 
so bereits 1779 mit „der lyrischen Operette in zwo Szenen" Semele nach 
Ovids Verwandlungen. Die Handlung ist einfach, ernst und schdn. Die 
Oper war, meint Streicher, „so grossartig gedacht, dass, wenn sie hitte 
aufgefuhrt werden sollen, alle mechanische Kunst des Theaters damaliger 
Zeit nicht ausgereicht haben wtirde, um sie, gehdrig darzustellen*. Die 
dramatische Ballade von der HSUenbraut Rosamund Usst auch eine Art 



Digitized by 



Google 




168 
DIE MUSIK IV. 15. 




von Operndichtung vennuten. Nach Korners Mitteilung dachte Schiller 
einmal daran, „einige Situationen aus Wielands Oberon als Oper zu be- 
handeln«. Am 14. April 1804 schreibt Schiller an Iffland, der ihn durch 
seinen SekretMr Pauli zu einer Reise nach Berlin aufforderte: 

»Herr Paul! hat mit mir wegen einer grossen Oper gesprochen, ich hltte lingst 
aach Lust zu einem solchen Unternehmen gehabt, aber wenn ich mir den Kopf zer- 
brcche, um von meiner Seite was Rechtes zu leisten, so m&chte ich freilich auch 
gewiss sein kdnnen, dass der Komponist das Gehdrige leiste. Eine TragOdie kann 
auch fur sich selbst, unabhtngig von dem Talent der Schtuspieler, etwas sein; eine 
Oper 1st nichts, wenn sie nicht gespielt und gesungen wird." 

Schiller hatte also jedenfalls von der eigentlichen Operndichtung 
eine wesentlich hohere Meinung als Goethe, der nicht fiber das Singspiel 
hinauskam, und, sobald er sich zu blossen Operntexten anliess, „vermeinte, 
die eigene Produktion herabdriicken zu mussen" (Wagner, Schriften VIII, 83). 

1788 hatte Schiller KlSrchens Traumerscheinung im „Egmont" noch 
als 9 ein Salto mortale in die Opera welt** getadelt; 1804 wiederholte er 
im .Demetrius* dieselbe Szene: 

„Romanow im Gefingnis wird durch eine uberirdiscbe Erscheinung getrftstet 
Axlniens Geist steht vor ihm und dfrhet ihm den Blick in kGnftige Zeiten.* 

Schiller war durchaus nicht musikalisch im gewdhnlichen Sinne. 
Umso merkwurdiger erscheint die musikalische Grundstimmung, aus der 
heraus er seine dramatischen Gestalten schuf. Karoline von Wolzogen 
erzihlt: 

•Die Musik wirkte nur dunkel auf ihn; er hatte sie nie gefibt, aber er sagte, 
dass sie seine dichterischen Stimmungen angenehm belebe. Die erste Glucksche 
Oper, die er hOrte, entzuckte ihn. ,Mtn wirft mir oft meine UnempMnglichkeit f&r 
Musik vor/ sagte er; ,tber ich ruble jetzt, dass es wohl auch die Schuld der Musik 
gewesen sein mag, dass ich ungerfihrt blieb.*" 

Streicher berichtet von der Dichtung der „Luise Millerin", wie er 
abends auf dem Klavier phantasieren musste, wShrend Schiller im dunklen, 
oft nur vom Mondschein erhellten Zimmer auf und nieder ging, die Ge- 
stalten seiner Dichtung erschauend und horend, geheimnisvoll mit den 
Geschopfen seiner Einbildungskraft raunend. Und Schiller selbst schreibt 
bei Aufnahme des 9 Wallenstein a am 18. Marz 1796 an Goethe: 

w Ee\ mir 1st die Empfindung anfangs ohne bestimmten und klaren Gegenstand; 
dieser bildet sich erst sptter. Eine gewisse musikalische GemQtsstimmung geht 
vorher, und auf diese folgt bei mir erst die poetische Idee.* . 

In den Weisheitsspruchen der 9 Votivtafeln M steht das tiefe Wort: 

»Aber die Seele spricht nur Polyhymnia aus." 

Und in der ,Huldigung der Kunste sagt die Musik: 

»Was ahnungsvoll den Busen fullet, 

es spricht sich nur in meinen T5nen aus.« 



Digitized by 



Google 




169 
GOLTHER: SCHILLER UND WAGNER 




Dieses kleine Festspiel, das letzte Werk, das Schiller fflrs Theater 
im November 1804 vollendete, gait der Erbprinzessin Maria Paulowna. 
„Gebe der Himmel, dass sie etwas fur die Kiinste tun mdge", schreibt 
Schiller zugleich an Korner. Und besonders wfinscht er die T&tigkeit der 
hohen Frau Fur die Musik. Nun, unter dem Schutz und Schirm von Maria 
Paulowna wirkte Liszt in Weimar und fuhrte zur Feier ihres Geburtstages 
am 16. Februar 1849 zum ersten Male den w TannhMuser* auf. 

Und wie in der Ahnung eines Kunstwerks der Zukunft umfassen 
sich alle Kiinste am Schlusse des Festspieles: 

»Denn aus der Krifte schdn verointem Streben 
erhebt sich, wirkend, erst das wahre Leben." 

In seiner Rede auf Schiller 1859 urteilte J. Grimm: „fur Komodie 
zeigte er weder Neigung noch Beruf, er war vollkommen ein tragischer 
Dichter*. Das 1st nicht stichhaltig. Schillers drei Jugendwerke : „RXuber", 
„Fiesko", „Luise Millerin* enthalten einige derb realistische, humoristisch 
gezeichnete Gestalten. Kuno Fischer behandelte daraufhin in einem be- 
sonderen Aufsatze (Schillerschriften Bd. I) Schillers Begabung Fur die 
Komodie. Im „Don Carlos" verschwinden die komischen Charaktere, im 
.Lager* und „Wallenstein" treten sie nochmals stellenweise hervor, in den 
letzten Dramen horen sie ganz auf. In seinen Entwurfen dachte aber 
Schiller sogar an Lustspiele. So ist die „Polizei", jenes Pariser Sittendrama 
aus der Zeit Ludwigs XIV. sowohl als Trauerspiel wie auch als Lustspiel 
entworfen und auch die w GrHfln von Flandern", die von 7 Minnern urn- 
worben und schliesslich einem jungen Helden zuteil wird, gehSrt wohl 
zu den Lustspielen. Auch die humoristische Szene „K5rners Vormittag* 
beweist Schillers hervorragende Begabung, einen Charakter nach dem Leben 
zu zeichnen und die komischen Seiten alltiglicher Begebenheiten plastisch 
hervorzuheben. Dass Schiller kein Lustspiel ausfuhrte, verstehen wir sehr 
wohl, wenn wir die aussergewdhnlich hohen und tiefen Gedanken, die er 
namentlich in der Abhandlung fiber naive und senfimentalische Dichtung 
mit dem Begriffe einer deutschen Komodie verband, uns vorhalten: 

„Es ist mehrmals darfiber gestritten worden, welche von beiden, die TragSdie 
oder die Komddie, vor der andern den Rang verdiene. Wird damit bloss gefragt, 
welche von beiden dts wicbtigere Objekt behandle, so ist kein Zweifel, dass die 
entere den Vorzug behauptet; will man aber wissen, welche von beiden das wichtigere 
Subjekt erfordere, so mdchte der Ausspruch eher ffir die letztere ausfallen. In der 
Trag5die geschieht schon durch den Gegenstand sehr viel, in der Kom5die geschieht 
durch den Gegenstand nichts und alles durch den Dichter. Den tragischen Dichter 
trigt sein Objekt, der komische hingegen muss durch sein Subjekt das seinige in der 
isthetischen H5he erhalten. — Das Gemfit in Freiheit zu setzen, ist die schdne Auf- 
gabe der KomOdie, sowie die Trsg5die bestimmt ist, die Gem&tsfreiheit, wenn sie durch 
einen Affekt gewaltsam aufgehoben worden, tuf tsthetischem Veg wiederherstellen zu 



Digitized by 



Google 




170 
DIE MUSIK IV. 15. 




helfen. — Der Tragiker zeigt durch bestlndige Errcgung, der Komiker durcta bestindige 
Abwehrung der Leidenschaft seine Kunst. — Venn also die Trag5die von einem 
wichtigeren Punkt ausgeht, so muss man aof der andern Seite gestehen, dass die 
Komftdie einem wichtigeren Ziel entgegengeht, und sie wfirde, wenn sie es erreichte, 
alle Trag5die fiberflfissig und unmdglicb machen. Ihr Ziel 1st, einerlei mit dem 
H5chsten, wonach der Mensch zu ringen hat, frei von Leidenschaft zu sein, immer 
klar, immer ruhig urn sich und in sich zu schauen, liberal! mehr Zufall als Schicksal 
zu finden und mehr fiber Ungereimtheit zu lachen, als fiber Bosbeit zu zfirnen." 

Schiller fordert also von der Komodie jene gottliche Ruhe und Heiter- 
keit, die fiber alle irdischen Wirren hinwegzulacheln vermag. Er schreibt 
am 13. Mai 1801 an Korner: 

»Zwar glaube ich mich derjenigen Komddie, wo es mehr auf eine komische 
Zusammenffigung der Begebenbeiten als auf komiscbe Charaktere und auf Humor 
ankommt, gewachsen; aber meine Natur 1st doch zu ernst gestimmt, und was keine 
Tiefe hat, kann mich nicht lange anziehen." 

Ein gewohnliches Lustspiel mit komischen Begebenheiten schwebte also keines- 
wegs unserem Schiller als die zu schaffende deutsche Komodie vor; auch 
widersprach die Vermischung komischer und tragischer Szenen, die er in 
seinen Jugendwerken nach Shakespeare's Vorbild unbedenklich gefibt hatte, 
hernach seinen an der antiken Tragodie gelSuterten Ansichten von der 
Reinheit der Kunst. Aber dass sich Schiller schliesslich zu einem Werk, 
von welterlosendem und weltbesiegendem Humor durchleuchtet, hatte durch- 
ringen kdnnen, ist nicht unwahrscheinlich. Er hatte nur sich selbst in 
einer Gestalt seiner Dichtung wiederfinden und schildern mussen, um jenes 
geahnte Kunstwerk zu schaffen. Denn Schiller besass alle Eigenschaften 
zu dieser freien und heiteren Weltanschauung. Karoline berichtet: 

„Die grossartige Weise, in der ausgezeichnete Geister alles, was auf Erden 
geschiebt, wie ein Spiel betrachten, wusste er zu wfirdigen. Wer fiber alles lachen 
kdnnte, sagte er, wurde die Welt beherrschen. Er selbst hatte scharf in den gewdhn- 
licben Weltlauf geblickt, wo kleinliche Tficke und Gemeinheit oft ffir den Augenblick 
fiber das Grosse siegt und an der Wurzel des Edlen nagt. Darfiber ereiferte er sich 
nicbt. Aber das Unrecht basste er und beklmpfte es, wo er vermochte." 

Im Karl Moor, dem Urtypus der poetischen Abbilder Schillers, liegt 
nach Kuno Fischer das GrundphMnomen der leidenschaftlich pathetischen 
Satire, die durch grelle Blitzlichter auf die Umgebung komische Wirkungen 
erzielen kann. Man denke sich nur eine Gestalt, in der das satirische 
Pathos zum Humor des gereiften Schiller sich emporgel&utert hitte. 

Wir stehen hier auf dem Boden der durch Hans Sachs in den „Meister- 
singern a verkorperten Weltanschauung, der es wahrlich nicht an Tiefe ge- 
bricht, „jener eigentlich und einzig deutschen Heiterkeit, jener goldhellen, 
durchgegorenen Mischung von Einfalt, Tiefblick der Liebe, betrachtendem 
Sinn und Schalkhaftigkeit . Ich darf hier noch auf R. Wdrners Aufsatz 
fiber ,Eine deutsche Komddie" in Kurschners Wagner- J ahrbuch 1886 



Digitized by 



Google 




171 
GOLTHER: SCHILLER UND WAGNER 



J l 



verweisen, wo in durchaus sachlicher Beweisfuhrung dargetan ist, dass 
Wagners Gedicbt im inneren und gusseren Aufbau aufs genaueste den 
Lehrsitzen entspricht, die Schiller fur die Komodie aufstellte. Auch Schiller 
hHtte wohl noch das weise Wort Plato's, dass es eines und desselben Mannes 
Sache sei, eine Komodie und Tragddie zu schreiben, im selben tiefen 
Sinne wie Wagners Meistersinger nach dem Tristan bewHhrt. In seinem 
Geiste erahnte er die deutsche Komddie der Zukunft. 

Die kttnstlerische Erziehung des Publikums. 

Bei einer so hohen Auffassung vom deutschen Drama war es natur- 
lich, dass neben den Darstellern, mit deren Heranbildung zur Losung hoher 
Aufgaben Goethe eifrig beschSftigt war, auch die Zuhorer erwogen wurden. 
Schiller glaubte wohl an die Moglichkeit, das Theaterpublikum zu einer 
andicbtigen und kunstsinnigen Gemeinde erziehen zu konnen. Im Vorwort 
zur „Braut von Messina" schreibt er: 

9 Es ist nicht wahr, dass das Publikum die Kunst herabzieht; der K&nstler zieht 
das Publikum herab, und zu alien Zeiten, wo die Kunst verflel, ist sie durch die 
Kunstler gefallen. Das Publikum braucht nichts als Empflnglichkeit, und diese besitzt 
•s. Es tritt vor den Vorhang mit einem unbestimmten Verlangen, mit einem viel- 
seltigen VermOgen. Zu dem Hdchsten bringt es eine Flhigkeit mit; es crfreut sich 
an dem Verstlndigen und Recbten, und wenn es damit angefangen hat, sich mit dem 
Scblechten zu begn&gen, so wird es zuverlissig damit aufhOren, das Vortreffliche zu 
fordern, wenn man es ihm erst gegeben hat 

Indem man das Theater ernsthafter behandelt, will man das Vergn&gen des 
Zuschauero nicht aufheben, sondern veredeln. Es soil ein Spiel bleiben, aber ein 
poetisches.* 

Ein Publikum, das „keinen Anspruch auf Kunst macht", das ,bloss 
amusiert und geruhrt sein will*, stimmt Schiller traurig (Brief an Goethe 
vom 5. Mai 1800). 

Wagner schreibt in einem Brief vom 31. August 1847 (Altmann 
No. 243): 

„Das Publikum muss durch Tatsachen gebildet werden; denn eher als es das 
Gate nicht in konsequenter Folge kennen gelernt hat, kann ihm auch kein rechtes 
BedQrfnis danach geweckt werden. a 

Und nach dem Weimarer Lohengrin schreibt er am 23. September 1850 
(Altmann No. 364) an Gen as t: 

„Wollen Sie dies Publikum wirklicb erziehen, so mfissen Sie es vor alien 
Dingen zur Kraft erziehen, ihm die Feigheit und Schlaffheit aus den phllisterhaften 
Glledern treiben, es dahin bestlmmen, im Theater sich nicht zerstreuen, sondern 
sammeln zu wollen." 

Goethe sagte zu Eckermann am 30. MHrz 1824: 

,Es wird schwer halten, dass das deutsche Publikum zu einer Art von reinem 
Urteil komme, wie man es etwa in Italien und Prankreich flndet. Und zwar ist una 



Digitized by 



Google 




172 
DIE MUSIK IV. 15. 



m 



besondera hinderlich, dass auf unsern Bfitanen alles durcheinander gegeben wird. An 
derselbigen Stelle, wo wir gestern Hamlet sahen, sehen wir heute den Stabcrle, and 
von wo uns morgen die Zauberfldte entzuckt, sollen wir ubermorgen an den Splasen 
dea neuen Sonntagskindes Gefallen flnden. Dadurch entsteht beim Publikum eine 
Konfusion im Urteil, eine Vermengung der verschiedenen Gattungen, die es nie ge- 
h&rig schltzen und begreifen lernt. Schiller batte den guten Gedanken, ein eigenea 
Haus fur die Trag5die zu bauen, auch jede Woche ein Stfick bloss far Mtnner za 
geben. Allein dies setzte eine aehr grosae Residenz voraus und war ffir unsere kleinen 
Verhiltnisse nicht zu realisieren." 

Hier ist stilistische Reinheit und Einheit des Schauspiels und der 
Schaubiihne verlangt, wie sie Wagner in ihnlichem Sinne in seinen ver- 
schiedenen Schriften zur Idealisierung des deutschen Theaters verlangte 
und endlich im Bayreuther Festspiel auch durchsetzte, wie sie naturlich 
der Geschaftsbetrieb unsrer grossstadtischen Schauspiel- und Opernhiuser 
durchaus nicht erfullt. 

Goethe sprach nach dem Weimarer Theaterbrand mit Eckermann 
manches uber seine einstige TMtigkeit und sagte am 27. MMrz 1825: 

»lch batte wirklich einmal den Wahn, als set es m5glich, ein deutsches Theater 
zu bilden. Allein es regte sich nicht und ruhrte aich nicht und blieb alles wie zuvor. 
An Stoff war kein Mangel, allein es fehlten die Schauspieler, um dergleichen (u. a. Tasso, 
Ipbigenie) mit Geist und Leben darzustellen, und es fehlte das Publikum, dergleichen 
mit Empfindung zu hdren und aufzunehmen." 

Der Kulturgedanke. 

Chamberlain schreibt (kleine Ausgabe S. 495): 

„Was Schiller, wie sich aus seinen Briefen uber die tsthetische Erziehung des 
Menschen ergibt, gleichsam von ferne erblickte und darum auch blufig nur in duftig 
verschwommenen Linien zeichnete, das tritt hier in die Erscheinung: zur tsthetischen 
Erziehung des Menschen steht ja das Haus dort auf dem lieblichen Hfigel bei Bayreuth." 

Der Bayreuther Gedanke ist der Gedanke einer kiinstlerischen Kultur. 
Chamberlain a. a. O. 173 ftihrt den Vergleich zwischen Wagners 
und Schillers Ansichten noch weiter aus: 

„ Wagner steht genau auf demselben Standpunkt wie Schiller. Auch fur Schiller 
ist unser heutiger Staat ein ,Notstaat'; auch fur Schiller ,schwankt der Geist der 
Zeit zwischen Verkehrtheit und Rohigkeit, zwischen Unnatur und blosaer Natur*; auch 
Schiller erhofft von der Zukunft eine andere Ordnung, die aber vom jetzigen Staat 
,nicht zu erwarten ist; denn der Staat, wie er jetzt beschaffen ist, hat das Obel ver- 
anltsst* usw. usw. Wagners ,MenschheitsrevoIution ( ist also dasselbe wie Schillers 
Aufeinanderfolge der verschiedenartigen ,Notstaaten ( ; er betrachtet die Menschheit als 
in einem chaotischen Durchgangsstadium begriffen, und zwar von jenem Augenblick 
an, wo doktrinfire ^Politik 4 uberhaupt auftrat; und das Ziel seiner Sehnsucht ist, waa 
Schiller ,das Vertauschen des Staates der Not mit dem Staat der Freiheit' nennt, 
nfimlich: das Ende dieser Revolution. Was Wagner von Schiller hier unterocheidet, 
ist nicht der Standpunkt, sondern einzig die Darstellung. In seinen Briefen fiber die 
ftsthetische Erziehung des Menschen beruft Schiller sich gleich anfangs auf Kant, 



Digitized by 



Google 




173 
GOLTHER: SCHILLER UND WAGNER 




Wagner dagegen auf die griechische Kunst; bei Schillers Darsteliung waltet das Ptailo- 
sophische vor, bei Wagner das Kiinstlerische. Hierdurch erhllt Schillers Darsteliung 
den Charakter leidenschaftsloser Erhabenheit, diejenlge Wagners dagegen das Geprige 
der glGhendsten Leidenschaft. Was Schiller sagt, enthfilt vielleicht mehr unanfechtbare 
Wahrheit, bleibt aber dafur mehr abstrakt, unfassbar; Wagner ist rGcksichtslos ein- 
seitig, dafur aber eindringlicber." 

Wagner preist die Kunst als unsren freundlichen Lebensheiland, 
indem ihre einigende Macht aus der unendlichen Zersplitterung des mo- 
dernen Lebens zu einer ruhigen, einheitlichen Gesamtanschauung zuriickfuhrt. 

„Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstuck des Ganzen gefesselt, bildet 
sich der Mensch selbst nur als Bruchstuck aus; ewig nur das eintdnige Geriusch 
des Rades, daa er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die Harmonie seines Wesens, 
und anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprlgen, wird er bloss zu einem Ab- 

druck seines Geschlfts, seiner Wissenschaft. Das Nachteilige dieser Geistes- 

richtung schrlnkte sich nicht bloss auf das Wissen und Hervorbringen ein; es er- 
streckte sich nicht weniger auf das Empfinden und Handeln." 

Und Schiller weist ebenfalls auf die Kunst als auf die einzige 
Rettung bin! 

,Durch das Ideal kehrt der Mensch zur Einheit zuruck.« 

So schreibt Schiller in seinem Aufsatze „Ober naive und sentimen- 
talische Dichtung" (vgl. Chamberlain a. a. O. 260). Auf gemeinsamem Grunde 
erhebt sich also die kiinstlerische Weltanschauung unsrer bei den Meister. 

Schillerfeier. 

Zur Berliner Schillerfeier 1859 sollte Wagner, der damals gerade 
von allerlei Sorgen bedrSngt in Paris weilte, einen Festgesang schreiben, 
musste aber zu seinem Bedauern ablehnen (vgl. Altmann, R. Wagners 
Briefe No. 1315/6). In den „ Ideal en a hatte Liszt 1857 eine wunder voile 
Verklarung Schillers gedichtet. Schillers herrliches Gedicht ist 1705 in 
R&ck- und Vorschau auf sein Leben entstanden, eines der bei ihm seltenen 
Beispiele persSnlicher Lyrik. Die seine Jugend beseelenden, idealen Vor- 
stellungen von der Welt sind zerronnen; geblieben sind als Trost die 
Freundschaft, die er fruhe suchte und fand, und die Beschaftigung, 
die nie ermattet. Auf diesem Grand schreitet er zu neuer rastloser Titigkeit 
und beginnt sein hdchstes kunstlerisches Schaffen. Aus der Klage und 
dem Trost ffihrt Liszt im Hinblick auf das ganze Heldenleben Schillers 
seine Tondichtung zur Verklarung. 

,Das Festhalten und dabei die unaufhaltsame Betttigung des Ideals ist unsres 
Lebens hdchster Zweck. In diesem Sinne erlaubte ich mir das Schillersche Gedicht 
zu erginzen durch die jubelnd bekrlftigende Wiederaufnahme der im ersten Satz 
vorausgegangenen Motive als Schlussapotheose.* 

Neben Goethes „ Epilog zur Glocke* finde ich in Liszts „ Idealen* die 

behrste Verklarung unsres Schiller, die wahre Geschichte seines Geistes. 



Digitized by 



Google 




174 
DIE MUSIK IV. 15. 




In diesen Maitagen wird Schiller uberall, wo Deutsche wohnen, ge- 
feiert werden, insbesondere mit Festreden, Trinkspruchen, Krinzen, Auf- 
zugen und dergleichen herkommlichen leeren Pdrmlichkeiten. Aber es gibt 
nur eine wahre Peier: die wirklich stilgerechte Auffiihrung seiner Dramen, 
eine sehr schwierige Aufgabe, da der Stil hiefur erst noch gefunden und 
ein richtiger Ausgleich zwischen der Szenenkunst der Meininger und dem 
hochtSnenden leeren Prunkvortrag der fruheren Zeit getroffen werden 
muss. Will man aber daneben eigentliche Gedfichtnisfeiern, so bietet sich 
ganz von selber die Wiederholung der Peier auf der Lauchstfidter Buhne 
vom 10. August 1805, wo die * Glocke" dramatisch aufgefuhrt wurde. Als 
die letzten Worte verklungen waren, trat unter der hochhSngenden Glocke 
die Muse hervor und sprach Goethes „ Epilog . Und diese Glocke wire 
von Liszts , I deal en a und Beethovens neunter Symphonie zu umrahmen. 
Damit ware, wenn wir an Wagners Auslegung der neunten Symphonie 
denken, die, gleichviel ob musikhistorisch und zunftwissenschaftlich be- 
rechtigt oder nicht, fur uns einfach eine kunstlerische Tatsache ist, einer 
der Zukunftswege angedeutet, den Schiller in seinem rastlosen 
Muhen urn das unbekannte Ideal des deutschen Dramas jeden- 
falls einmal sehr ernstlich ins Auge fasste. Auf Beethovens Sym- 
phonie und Schillers Drama ruht Richard Wagners Wunderbau, fest- 
gemauert auf deutschem Grund, ein aus hehrem Meistererbe erworbener 
Besitz. 




Scbijller-Portr&t 
von J. V. Cissare 



Digitized by 



Google 





fer ftsthetische Begriff der .Ballade" konnte weder durchJJSchiller 
selbst, noch zu seinen Zeiten, zur endgultigen Bestimmtheit 
gelangen. Erst Goethe hat etwa 15 Jahre nach Schillers Tode 
durch seine isthetisierenden Ausfiihrungen fiber die Ballade 
den Begriff derselben festgestellt, erst sphere Meister der Ballade wie 
L. Uhland, C. Loewe, vermochten — jeder in seiner Kunstsphire — 
zielbewusst diesem nun einmal festgelegten Begriffe mit ihren Werken zu 
entsprechen. Danach ist die Ballade ein dramatischer Vorgang auf epischer 
erzihlender Grundlage unter Hineinflechtung lyrischer Motive — ein inniges 
Sichineinanderweben des Epischen, Lyrischen, Dramatischen, wobei letzteres 
den Vorrang vor den erstgenannten Dichtarten behauptet. Die Ballade ist 
ein aphoristisch gehaltenes Drama, in dem sich, sei es durch innere, 
sei es durch iussere Bedingungen herbeigefuhrt, ein auf die Seele reinigend 
wirkender Umschwung der Susseren Situation wie der inneren Seelen- 
stimmung vollzieht. Der Romanze dagegen fehlt der letztere; bei ihr wiegt 
entweder das lyrische Element vor, so dass sie als eine Art Erweiterung 
des einfachen lyrischen Gedichtes erscheint, oder das epische Element, 
so dass sie sich der epischen Erzihlung annShert — nur dass die Romanze 
dem Wunderbaren in alien seinen Erscheinungen mehr Ausdruck verleiht als 
das Lied und die epische ErzMhlung. Der iiberlieferte Ausdruck „ Ballade" und 
.Romanze" wurde bis zu Schillers Tode im wesentlichen gleichbedeutend 
gebraucht; Schiller lisst den Musikus Miller im letzten Akt von „Kabale 
und Liebe" zu seiner Tochter sagen: „Ich setze die Geschichte deines 
Grams auf die Laute, singe dann ein Lied von der Tochter, die, ihren 
Vater zu ehren, ihr Herz zerriss — wir betteln mit der Ballade von Ture 

zu Ture I" Schiller dachte hier vermutlich an einige durch Bodmer 

und Ursinus im B&nkelsdngerton iiberlieferte Volksballaden der Percyschen 
Sammlung wie „K5nig Leir und seine drey Tochter* und „Des Bettlers 
Tochter". Noch im Balladenjahr 1797 nannte Schiller seine mehr im 
Rahmen einer epischen Erzihlung dahinfliessenden romantischen Gedichte 
meist ,Balladen", wihrend Goethe seine derartigen BeitrSge zum Musen- 
almanach damals als Romanzen bezeichnete. Immerhin ist durch Schiller 



Digitized by 



Google 




176 
DIE MUSIK IV. 15. 




in dem von ihm herausgegebenen Musenalmanach auf 1798 das Wort 
„ Ballade* zu klassischer Bedeutung erhoben. Gerade, weil die Balladen- 
dichtart beiden Meistern der Dichtkunst als so ungemein wichtig erschien, 
batten sie sich im Jahre 1797 zu gemeinsamer Arbeit an diesem Dichtungs- 
zweige verbunden. Sie schufen eben; und durch die Schdpfungen selbst, 
die ihre Genien hervorbrachten, sollte endlich auch das Kunstprinzip Fur 
diese Dichtform festgestellt werden. Wenn nun, solches zu leisten, Goetbe 
vorbehalten blieb, so sind darum Schillers herrliche Schdpfungen dieser 
Art, selbst wenn manchen von ihnen nachmals die Anerkenntnis, eine 
wirkliche „ Ballade* zu sein, abzusprechen ist, doch sicherlich von nicht 
minderem Wert. Gewiss, Goethes Balladen berechtigen — wie Goethe 
selbst wiederholt solches sogar als Forderung ausgesprochen — zur Ver- 
mihlung mit der erhabenen Schwesterkunst: der Musik! Aber die meisten 
der romantischen Balladen unseres Schiller haben eben eine Erweiterung 
durch eine verwandte Kunst, eine Verschmelzung mit der Musik nicht 
no tig! Heute pflegt man in solchem Zusammenhange das mit einer rich tig 
begriindeten Musik&sthetik unvereinbare schreckliche Wort „Vertonung* zu 
gebrauchen. Goethes Balladen in klassischer Musik sind durchaus keine 
„Vertonungen"; und Schillers Genie hat unberufene Hinde schon von selber 
davor bewahrt, seine genialen romantischen Balladen noch erst zu „vertonen"! 
Ich Musserte in dieser Hinsicht 1888 (Loewe redivivus S. 132), Schiller habe 
„schon so viel Sang und Klang, Tonfall und Melodik in dem Gefiige seiner 
Worte, dass er sich hierdurch eine Form schafft, welche seinen balladen- 
Shnlichen romantischen GesMngen schon an sich eine Art von Klangwirkung 
gewMhrt, welche die musikalische Neuschaffung meist ehtbehrlich macht." 
Je mehr nun Schillers „ Balladen" den oben ausgesprochenen Be- 
dingungen einer Ballade entsprechen, umsomehr sind sie wirkliche Balladen. 
Naturlich konnte es nicht ausbleiben, dass seit Erscheinen dieser Dich- 
tungen hervorragende, und fur das Gebiet der Ballade besonders be- 
anlagte Komponisten hervortraten, welche die Schillersche „ Ballade" zu 
komponieren unternahmen. Wir unterscheiden in dieser Hinsicht drei 
Perioden — wie uberhaupt in der Entwicklung der Balladenmusik, so in 
Bezug auf Schiller und die musikalische Gestaltung seiner „ Balladen"; 
nSmlich I. Schiller und die Komponisten der vorklassischen Balladenzeit, 
II. Schiller und Loewe, III. Schiller und die moderne Balladenmusik. 

I. 

Schiller und die vorklassische Balladenzeit. 

1. Zumsteeg (1760—1802), Schillers Jugendfreund von der Karls- 
schule her, muss als der eigentliche Wegbahner der Balladenmusik fiber- 



Digitized by 



Google 




JOH. FR1EDR1CH REICHARDT 





JOH. PHIL1PP KIRNBERGER 



JOH. FRIEDR1CH R0CHL1TZ 




IV. 15 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 









ANPANG DBS BERGLIEDES 
IN SCHILLERS HANDSCHR1FT 



IV. 15 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 





177 
RUNZE: SCHILLER UND DIE BALLADENMUSIK 

haupt gelten. Fur die richtige Formgebung hat er auf diesem Gebiete, Kraft 
seiner besonderen Beanlagung fur dasselbe, mehr geleistet, als die seinen 
Spuren folgenden Reichardt, Zelter und selbst Schubert, welchen dreien 
wir uns noch einzeln zuwenden werden. Im allgemeinen an die Mozart- 
sche Musik sich anschliessend, ist er doch so bedeutend als schopferischer 
Tonmeister, auch in Bewfiltigung der Instrumente (er war Virtuose auf 
dem Violoncello) so hervorragend, dass er seine eigenen Wege zu wandern 
vermochte. Sein vertrauter Uragang mit dem um ein Jahr jungeren Schiller, 
der seit 1781 von den Karlsschulern mit Ehrfurcht betrachtet wurde, war 
nicht ohne Einfluss auch auf die besondere Kunstsphare der Ballade, fur 
die er mehr und mehr ausreifte. Es ist bedeutsam, dass zur selben Zeit, 
in der Schiller — und mit ihm im Bunde bewusstermassen Goethe — fur 
die neue dichterische Kunstform der Ballade sich zusammenschlossen und 
hervortraten (1797), auch Zumsteeg seine eigentlichen Meisterwerke der 
Ballade schuf. Schon hatte er friiher Balladen komponiert, die bald weit- 
hin Anerkennung fanden wie die Burgerschen v Des Pfarrers Tochter von 
Taubenhayn" (1790), die „Entfiihrung" (1793); aber erst mit der ,Biissen- 
den« des Grafen Stolberg (1790) und .Hagars Klage« (1797) beschritt er 
die Bahn der eigentlichen Meisterschaft, die 1797 in seiner „Lenore" 
gipfelte. Kaum erheblich spfiter diirfte auch sein »Ritter Toggenburg" 
komponiert worden sein. 

Zumsteeg hatte seine ersten Arbeiten im Anschluss an die Klopstock- 
sche Muse geschrieben. Die erhabene Sprache in dessen Dichtungen sowie 
der antike Rhythmus der Oden hatte seinem musikalischen Empfinden die 
Form vorgezeichnet Das Deklamatorische Hess sich mit dem rein Musi- 
kalischen nicht zur Einheit verschmeken; die Deklamation schwebte fiber 
der Musik; seine Jugendanfange waren Melodramen. Zu einer weiteren 
Entwicklungsstufe fuhrten ihn die Ossianischen GesMnge, die er mit Begier 
in dem damals vor kurzem nach dem Festlande uberbrachten Original las. 
Goethes Verdeutschungen im „Werther" nfihrten seine Vorliebe fur diese 
elegischen Gesfinge; fand er doch hier ein gedanklich klar verlaufendes, 
breit angelegtes Stimmungsbild vor, in dem bei alter trfiumerischen Ge- 
ffihlsversenkung ein Vorgang sich abspielte. So komponierte er Goethes 
„Colma" (1780, erschienen 1793), ein darum so bedeutsames Werk, weil 
es zunfichst die Einheitlichkeit des Balladenstils — wonach Zumsteeg 
lebenslang rang — anbahnen half. Dies Werk errang sich spfiter den 
Beifall der beiden bedeutendsten Balladenmeister; erstlich Goethes, der 
unter dem 3. September 1797 mitteilte, wie er sich nach Anhdrung dieser 
Komposition angeregt gefuhlt habe, die Dichtung dramatisch umzuarbeiten, 
nimlich ,Fingaln und seine Helden sich in der Halle versammeln zu lassen, 
Minona singend und Ossian sie auf der Harfe akkompagnierend vorzu- 

IV. 15. 12 



Digitized by 



Google 




178 
DIE MUSIK IV. 15. 




stellen und das Pianoforte unsichtbar" zu stellen. Man kdnnte solches als 
die Idee einer Jebenden Ballade" nach Analogie der vor einigen Jabren 
beliebten — Msthetisch unberechtigten — Jebenden Lieder* bezeichnen. 
Auf solche Idee musste ein fur die Balladenkunst schopferischer Geist 
einmal verfallen; wir deuteten schon an und werden es spater erh&rten, 
dass auf diesem Wege das Problem der Ballade als eines Kunstganzen 
nicht gelost werden konnte; das Prinzip der kunstlerischen Einheit ginge 
hier verloren. Der andere Meister der Ballade, der die Colma hoch ein- 
sch&tzte, war Loewe, woruber ich nlheres im Vorwort der Loewe-Gesamt- 
ausgabe Band XII (Breitkopf & Hfirtel) ausgefuhrt habe. 

So bewundernswert Zumsteegs Ringen nach Einheitlicbkeit in der 
Balladengestaltung ist: vollig hat er diese allerdings sehr schwere Aufgabe 
kaum in einer einzigen Ballade gelost. Es fehlt selbst den breitest an- 
gelegten Balladen, wie der „Entfuhrung", der „Bussenden" — den best- 
gelungenen wie »Lenore«, auch „Toggenburg*, an dem das Ganze durch- 
wirkenden musikalischen Einheitsfaden, an dem organischen Fluss und Guss. 
Noch konnte man fragen, weshalb Zumsteeg nicht die grosseren Schiller- 
schen Balladen komponiert habe, da er doch gerade fur die Behandlung 
der Grossballade so entschiedene musikalische Begabung zeigte? Vermutlich 
aber hatte er sich fur die musikalische Gestaltung der Grossballaden mit 
seiner Lenore ausgeschrieben. Denn die umfangreichen Arbeiten dieser 
Art, die noch folgen sollteri, wie „Elmine" von Ulmenstein und Burgers 
Lied von der Treue reichen in Beziehung auf Frische und Ursprunglich- 
keit nicht entfernt an die fruheren Arbeiten; bei alledem war er in den 
n&chsten Jahren viel leidend, und sobald er ans Komponieren ging, versuchte 
er sich an einer kleinen Oper, der w Geisterinsel\ Auch mochte er 
merken, dass die meisten der Schillerschen Grossballaden fur seine Art 
zu komponieren nicht voll geeignete Grundlagen abgMben, da sie eben 
selbst schon so viel Wohllaut — gewissermassen Sprachmusik — in sich 
bergen. Wie sehr ihm aber diese Arbeiten Schillers gefallen haben, spricht 
er selbst unter dem 24. November 1797 in einem Briefe an seinen Freund aus: 

„Komplimente fiber Deine vortrefflichen Gedichte wirst Du von mir nicht er- 
warten, — aber ganz siillschweigen kann ich auch nicht. Der Taucher ist eins der 
vortrefflichsten Produkte, welche Dein Geist geschaffenl Ferner haben mir vorzfiglich 
gefallen: Toggenburg, die Totenklage, die Kraniche und die schftne Ballade Der Gang 
nach dem Eiseohammer. Von Goethe hat mir vorzuglich gefallen: Der neue Pausias, 
die Braut von Korinth, der Gott und die Bajadere." 

Schiller berichtet, erfreut fiber diesen Brief, an Goethe: 

,Er hat wirklich — was wir lange nicht gewohnt sind, zu erfahren — das 
Bessere herausgefunden." 

Trotzdem hatte sich Zumsteeg an die drei grossen von ihm geruhmten 
Schillerschen „ Balladen* nicht herangewagt — an dem 9 Taucher* versuchte 



Digitized by 



Google 




179 
RUNZE: SCHILLER UND DIE BALLADENMUSIK 




sich spMter Schubert, den „Kranichen" und dem „Gang nach dem Eisen- 
hammer" sollte Loewe nahertreten. Dagegen bot er uns den „Toggenburg" 
und die (nadowessische) „Totenklage* dar. „Ritter Toggenburg* von Zumsteeg 
wird noch heute geruhmt, und Ludwig Landshoff, auf dessen aus- 
gezeichnetes Werk Job. Rud. Zumsteeg, Berlin, S. Fischer 1902" wir hier 
aufmerksam machen, steht nicht an, ihn nebst der „Erwartung" und „Thekla" 
zu des Komponisten vorziiglichsten Arbeiten zu rechnen „und gleichzeitig 
mit zu den besten musikalischen Interpretationen Schillerscher Lyrik uber- 
haupt". Allerdings, wen sollte die edle Romantik nicht anmuten, mit der 
die Ballade in der Singstimme anhebt: 
Traulicb, sanft. 



i 



^S 



¥ 



E^ES 



S^S 



£ 



^ 



Rit - ter, treu - e Schwester - lie - be wid - met euch dies Herz, 



Dies wirksame Thema wird indes nur zweimal, mit Abweichungen in der 
Fortfuhrung, wiederholt, und eine knappe Variation erscheint dann noch 
an der Stelle „ihres Helmes Busche wehen*. Zumsteeg entwickelt eben, 
so sehen wir, seine oft vortrefflichen Motive nicht. Bei der Kurze der 
vorliegenden Ballade fallt das nun freilich nicht so bedngstigend auf, wie 
bei seinen Grossballaden, die sich infolge der immer neu auftretenden 
Themen meist gar buntscheckig ausnehmen. Auch der Begleitung hat er 
solch eine thematische Einheitlichkeit nicht ubertragen, wenn wir auch nicht 
leugnen wollen, dass er hin und wieder, wie beim Geisterritt in der 
„Lenore", wie auch hier bei dem Marschtempo der w Kreuzritter«, in das 
eine Figur des Ritornells nach der ersten Strophe wieder aufgenommen 
ist, zu charakterisieren versteht. An sich ist nun ja aber die Toggenburg- 
dichtung gar nicbt so kurz; Zumsteeg indes ermdglicht die kurze Fassung 
der Ballade dadurch, dass er die fiinf letzten Strophen unter dieselbe 
Melodie legt, die noch dazu rein lyrischer Art ist: 



i 



s 



» 



ZML 



^ S ^p * 



Da ver - lfts - set er auf im - mer usw. 



Dadurch aber verliert sich der Charakter der Bal laden art schliesslich 
vollig. So erachten wir denn auch diese sonst angenehm zu hdrende 
Komposition Zumsteegs gar nicht als echte Ballade; Romanze wMre hier 
die richtigere Bezeichnung. Mehr Abrundung des Ganzen und Einheitlich- 
keit in der Durchfuhrung finden wir dagegen bei einigen anderen Zumsteeg- 
schen Kompositionen lingerer Schillerscher Gedichte, die, ohne Balladen 
zu sein, sich doch der Balladenweise annShern, wie .Die Erwartung" und 

12* 



Digitized by 



Google 




180 
DIE MUSIK IV. 15. 




besonders die „Morgenphantasie". Hier waltet eine ganz atherisch ge- 
haltene feinsinnige Deklamation, die fast modern anmutet. Beide Ges&nge 
sind auf einheitlicher Grundlage durchkomponiert. Strophisch behandelt 
erscheint die im ubrigen entschiedenen Balladenton verratende edel ge- 
haltene „Totenklage". 

2. J. F. Reichardt (1751—1814). Diesei* seiner Zeit so uberaus 
fruchtbare Komponist hielt sich mit besonderer Vorliebe an die Dichtungen 
unserer beiden Dichterftirsten; von beiden bevorzugte er Goethe und hat 
eine ganze Anzahl seiner Balladen in Musik gesetzt. Von Schiller wShlte 
er den „Toggenburg" und den „Grafen von Habsburg*. Zu meinem Be- 
dauern sind mir beide hochst selten gewordenen Kompositionen nicht zu- 
ganglich; auch die Konigliche Bibliothek besitzt sie nicht. F. A. Brand- 
staeter (Uber Schillers Lyrik. Berlin 1863. S. 35) urteilt fiber ersteren: 
„ mono ton und ziemlich langweilig", uber letzteren: „nicht iibel". Der 
Balladenforro in der Dichtung sich annMhernd wfiren hier noch die „Er- 
wartung", zwei Monologe der ,Thekla«, „ Aeneas an Dido" zu erwlhnen; 
doch ist die Reichardtsche Musik zu dem ersteren strophisch, zu den anderen 
Nummern melodramatisch. Beachtenswerter erscheint uns 

3. C. F. Zelter (1758—1830). Er hat uns doch schlecht und recht 
mehrere Hauptballaden Schillers in seiner Musik hinterlassen. Er hadert 
mit Schiller (Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter: V, 227), dass dieser 
ge&ussert, seine Melodie zur „Bajadere* passe nicht gleich gut zu alien 
Strophen, und Hhrt fort: „Ubrigens war Schiller mit meinen Noten zum 
jTaucher* ganz zufrieden." Er erzMhlt dann weiter: 

„Einer unserer Freunde war unzufrieden mit der Balladenform der Dichter und 
rief aus: wer mag solche Verse, solcta einen Taucher in Musik setzenl Wir waren 
unser viele und icb, der das alles schweigsam gehftrt hatte, schrie auf: ,Ich! und 
Schiller soil's loben!' So setzte ich die Noten auf der Stelle zu Papier und so sind 
sle geblieben, wie barock auch sie dem Auge sich darstellen mftgen. Als ich sie 
gleich darauf produzierte, hatte sich eine eben nicht musikalische Matrone neben 
micta gepflaozt uod machte mit ihrem Strickstrumpf die Bewegung des Metrums mit 
Kaum war das letzte Wort heraus, so rief sie unter dicken Thrfinen aus : ,Das ist ja 
ein infamer Kftoig!" 

Leider ist von Zelters „Taucher a , der so riihrsame Effekte zu er- 
zielen vermochte, keine Spur aufzutreiben gewesen. Ebensowenig ist seine 
Komposition von „Hero und Leander a , woruber er unter dem 3. Februar 1803 
an Goethe schreibt, dass sie die letzte Hand bekommen habe, aufgefunden. 
Dem Vernehmen nach soil der Taucher tatsSchlich gedruckt sein, und zwar in 
mehr strophischer Behandlung, fur den modernen Geschmack ungeniessbar. 
In strophischer Form hat er auch den „Kampf mit dem Drachen* zu be- 
meistern versucht. Diese Arbeit ist erschienen in der „Sammlung kleiner [!] 
Balladen und Lieder von C. F. Zelter, Hamburg, bei J. A. Bohme" S. 18, ff. 



Digitized by 



Google 




181 
RUNZE: SCHILLER UND DIE BALLADENMUSIK 




Zelter also hat es tatsachlich zuwege gebracht, sSmtliche dieser 25 zwdlf- 
zeiligen Strophen unter ein und dieselbe Melodie zu bringen, deren An- 
fang lautet: 

Lebhaft. 



m^ 



jj J f~r'r 



SL f g 



Was rennt das Volk, was waizt sich doit die Ian - gen Gas - sen 



fte 



f 



* 



f 



TTTT 



m¥$ 



j 



BS 



<g # Ig 



g_ * g 



BfcfcjJ LXXXjf j m 



Si 



brau 



- send fort ? 



3£e 



r 



fc! 



JJ ^ J J J j. r 



^3 



■# — •■ 



£S 



Nun setze man einmal darunter gleich die dritte Strophe: 

Und vor den edlen Meister tritt 

Der J tingling mit bescheidnem Schritt! 

Wie kontrastiert doch da Dichtung und Musik! — Wenn wir nun noch .Die 
Teilung der Erde" als balladeske Komposition des biederen Meisters an- 
fuhren, dessen Schluss aber in eine vollst&ndige Arie ausl&uft, so weisen 
wir zum Schluss auf Zelters Meisterwerk dieser Gattung bin: den „Hand- 
schuh"! Hier liegt eine wirklich stileinheitliche, durchkomponierte Ballade 
vor, was um so mehr sagen will, da die Dichtung als solche eigentlich 
keineswegs Ballade ist und auch Schiller sie im Musenalmanach auf 1708 
nicht als Ballade auszugeben sich getrauen mochte, wo er doch sichtlich 
dieser Bezeichnung sich mit einer gewissen Genugtuung zu bedienen scheint; 
— der Dichter nennt sie vielmehr .Erzghlung". 

4. Franz Schubert (1707 — 1828). Wie war er einmal, kaum 
funfzehnjfihrig, von Zumsteegs Liedern und Balladen ,auf das tiefste er- 
griffen" — und doch! wie himmelhoch hat er Zumsteeg uberflugelt! Auch 
in der eigentlichen Ballade? Hier Mit das Urteil verneinend aus. Gewiss 
sind Schubert einige Balladen und balladische Ges&nge meisterhaft gelungen. 



Digitized by 



Google 




182 
DIE MUSIK IV. 15. 




Dahin rechnen wir den „Zwerg", den „Kreuzzug", auch das Nachtstiick, dessen 
siisse Lyrik im Mittel- und Hauptsatz nur darum so unbeschreibliche 
Wirkung iibt, weil sie balladisch umrahmt ist — und als balladische Ge- 
sflnge die Gesangsriesen: „Der ziirnenden Diana", „Prometheus", Scbillers 
„Gruppe aus dem Tartarus", auch wohl dessen Dithyrambe „Der Kampf"; 
nicht aber zahlen wir zu den Balladen den Goetheschen „ Sanger", der, eine 
sonst sehr hochzustellende und vor allem sehr lehrreiche Komposition, 
durch den Schluss auch furs kunstlerische Ganze zu lyrischem Gebilde 
gestempelt wird, — nicht den „Erlkdnig". Uber das letztere wundersame 
Meisterwerk babe ich in Anbetracht seines balladischen Typus mehrfach 
gehandelt, so noch 1902 in der ausfiihrlichen Note zum Erlkonig (Loewe 
— Gesamtausgabe, Breitkopf & HIrtel, Bd. XI, Vorwort S. XXXVIII— XLIV); 
als eine musikalische Ballade darf es nicht bezeichnet werden, weil ihm 
dazu fast alle Bedingungen fehlen. Auch die anderen Goetheschen Vor- 
wurfe dieser Art liessen es Schubert nicht zu einer musikalischen Ballade 
bringen wie „Der Schatzgr&ber", „Der Gott und die Bajadere", ,Der Fischer*. 
Anders steht hier die Sache rait Schubert-Schiller. Woran des letzteren 
engverbundener musikalischer Freund Zumsteeg nicht mehr zu schreiten 
wagte, das hat, durch Zumsteegs Werke, und die von dessen dichterischem 
Freunde Schiller selbst, mSchtig angeregt, Schubert kuhn unternommen. 
Aber auch Schubert ist hier, was die Ausbildung des Balladenstils, das 
Kunstganze der Ballade betrifft, uber Zumsteeg nicht hinausgekommen. Am 
hochsten zu stellen ist unter diesen zwischen 1813—1816 von ihm kompo- 
nierten Balladen Kenners „ Fiedler". Hier arbeitet er, dabei mit viel 
grdsserer Talentkraft ausgerustet, getreu nach seinem Vorbild Zumsteeg 
und weiss des letzteren Bestrebungen, dem Ganzen Einheitlichkeit zu 
wahren, feinsinnig nachzugehen. Es ist dies, wenn wir dabei eine bewusste 
Hingabe an die Ausgestaltung gerade der Balladenform im Auge haben, die 
am hochsten einzuschatzende Ballade Schuberts; jene obengenannten, wie jener 
viel spfiter komponierte „Kreuzzug", sind mehr unbewusste Gliickswurfe im 
Balladengenre, wofur ihm die vor Jahren betriebenen nachhaltigen Arbeiten 
an der Ballade wie von selber zustatten kamen. Wenn wir nun von den 
mehr reflektierenden GesMngen, die Schubert auf Schillersche Texte schrieb 
(wie „Der Pilgrim", „Hektors Abschied", „Die Hoffhung"), und seine hierher 
zahlende Lyrik absehen, so bleiben uns noch zwei Gesange und drei , Balladen" 
Schillerscher Dichtung. Welche GenialitSt Schubert mit der Komposition 
der „Erwartung" bewiesen, ist bekannt; wir machen aber darauf aufmerksam, 
dass ohne griindliches Studium der damaligen Musikballade ihm diese Ge- 
sangsperle schwerlich gelungen wflre. Wir haben hier Einheitlichkeit, Auf- 
bau, Charakteristik im einzelnen. Die Begleitung bekundet nicht nur in 
ihrer innigen Vermahlung mit der Singstimme, sondernjauch in ihrer 



Digitized by 



Google 





183 
RUNZE: SCHILLER UND DIE BALLADENMUSIK 

Ausdruckskraft fur die zu schildernde Entfaltung der Seelenstimmung, ein 
grandioses Hinauswachsen fiber Zumsteeg. Der „Alpj&ger" ist schon in 
Ansehung der Dichtung vielfach, sogar von berufenen Beurteilern, als 
Ballade bezeichnet worden; — als ob der den Abschluss des kleinen 
Stimmungsbildes bedingende „Geist, der Bergesalte" imstande wire, diese 
reinste Lyrik zu einer Ballade umzupragen! — „Die Bfirgschaft", v Der 
Taucher% „RitterToggenburg" sind es, die als Scbiller-Schubertsche Balladen 
in Betracht koramen. Den beiden ersteren fehlen nur die Vorzfige des 
„ Fiedler" ! Geniale Ausdrucksflhigkeit im einzelnen, treffende Charakteristik 
im kleinen, lyrischer Stimmungsgehalt in Teilen, bilden die nicht hoch 
genug einzuschitzenden Vorzfige der beiden „Grossballaden"; — von kunst- 
gemasser Balladenform, von Balladenstil keine Spur! Dass er dann im 
»Toggenburg" sich sehr eng an Zumsteeg anlehnte (selbst darin folgt er 
ihm, dass er die ffinf letzten Strophen auf dieselbe Schlussmelodie setzt, 
auch wie Zumsteeg in As-dur schliesst), beweist nur, dass Schubert auf 
dem Gebiet der Ballade kein schdpferisches Genie war. 

II. 
Schiller und Loewe. 

C. Loewe (1796—1869) trat als ausgereifter Musiker — wie vor 
ihm der jfingere Schubert fur das Gebiet des Liedes — 1817 bahnbrechend 
fur das Gebiet der Ballade hervor. Er blieb — wie Schubert furs Kunst- 
lied — so fur die Kunstballade massgebend. Nicht Schillers n Balladen* 
regten ihn zur Zeit des inneren Durchbruches zu seiner Meisterschaft fur 
die Komposition an, vielmehr Herder und Goethe. Herder hatte zum 
.Edward* Gesang verlangt und Goethe hat zeitlebens fur seine Balladen 
Musik gewfinscht! Zum inneren Durchbruch konnte Loewe nicht durch 
Schiller gelangen, da dessen „ Balladen* schon an sich so stark melodisch 
sind, wie schon oben ausgeffihrt worden. Mit Schiller im Bunde hatte 
darum Loewe auch nichts Bahnbrechendes schaffen und Zumsteeg nicht 
uberholen kdnnen! Mit letzterem von ihm so geliebten Meister aber musste 
Loewe fur Schaffung des neuen Balladenprinzipes vor alien Dingen rechnen. 
Darum war ihm eine dem dichterischen Gehalt nach bedeutend schwichere 
Ballade von der Faktur der Bfirgerschen und Linge der Schillerschen zu- 
nichst willkommener Gegenstand, urn sie musikalisch umzuschaffen: Theodor 
Korners „Wallhaide". Dies ist Loewes erste Ballade, die er 1817 noch 
vor dem ,Edward" und .Erlkdnig* komponierte. Hiermit erSffnete Loewe 
sein Programm: vollige Einheitlichkeit fur die Ballade auf Grand des von 
ihm neugeschaffenen Leitmotives; feinsinnige Detailarbeit; musikalische 
Charakterisierangskunst; reiche Ausgestaltung der Begleitung und ihre Er- 



Digitized by 



Google 




164 
DIE MUSIK IV. 15. 




hebung zu einem Grundfaktor des Balladenganzen. Eine genaue Vergleichung 
der „Wallhaide" mit der „Lenore« wire in dem Betracht iusserst lobnend. 
Inzwischen hatte Loewe fur seinen geistigen Entwicklungsgang und all- 
mahliche Ausreifuog im Kunsturteil Schiller ausserordentlich viel zu ver- 
danken gehabt. So erzfihlt er aus seiner Schiilerzeit, da er als Singer in 
den Theaterchor der damals sommerlich in Halle gastierenden berubmten 
Weimarer Schauspielertruppe eingestellt war: 

„Mit Wonneschauern wohnte ich den ersten Auffuhrungen der ,Riuber* bei. 
Deutlich empfand ich den sittlichen und hochpeetischen Boden, auf dem diese ge- 
waltige Jugendarbeit des grossen Dichters, nicht weniger seine und Goethes spater 
folgenden Stficke erwachsen sind. Wenn man mir im Verlauf meiner Kfinstlerlaufbahn 
eine glBckliche Wahl der Texte ffir eigene Kompositionen zugesprochen hat, so ver- 
danke ich das sichere Urteil hierf&r jenen Eindrucken, welche die so vollkommene 
Darstellung jener giossen Meisterwerke auf mich gemacht hatte. Ich f&hlte meine 
Seele hierdurch gelfiutert und mich vor Versumpfung im Urteil fur alle splteren 
Jahre geschutzt." 

Der musikalischen Bearbeitung Schillerscher Texte bat Loewe sich 
erst spater zugewandt. Friih ein Meister, schuf er doch Meisterwerke 
mehrere Jahre spater als der ein wenig jungere Schubert. Loewe betitigte 
seine Meisterschaft zuerst u. a. 1816 mit dem Liede ,Nur wer die Sehn- 
sucht kennt", dem dann jene genannten Balladen folgten; auch das eben 
erwShnte Lied muss als eine Vorarbeit fur die Balladengestaltung gelten. 
Landsleute Schuberts meinen, dass er schon darum in seiner beginnenden 
Junglingszeit kraft seines Genies eine so unvergleichliche Fruchtbarkeit im 
Schaffen babe beweisen kdnnen, weil Wien verhSltnismSssig wenig unter 
der franzosischen Invasion zu leiden gehabt, und die gleichmutigen Wiener 
sich eher fiber nationale Demutigung hinwegsetzten; bei den Preussen sei 
das anders. Tatsiichlich hat Preussenland namenlos unter den franzosischen 
Wirren von 1806—1814 gelitten; auch Loewe wurde in seiner geistigen 
Entwicklung dadurch erheblich gehemmt. Trotzdem aber sollten diese 
Storungen auch mit dazu dienen, dass er unter solchen Einschrlnkungen 
fur seinen ihm von der Vorsehung bestimmten Kunstlerberuf nur wieder 
gewann; gerade dadurch reifte er zum Balladenmeister und bewies solches 
1817 durch Werke, die Epoche machen sollten — wfihrend sich schon 
vordem Schubert bei allem Aufwand von Genie, Kraft und Sorgfalt mit 
seiner „Burgschaft a und seinem .Taucher" an die Bearbeitung einer fur 
die Ballade unmoglichen Form verloren hatte. Merkwurdig 1st, dass der 
zwar langsamer aber mit ruhiger Stetigkeit sich immer mehr entfaltende 
Loewe erst dann eine der grossen Schillerschen Balladen zum musikalischen 
Vorwurf nahm, als Schuberts liederreicher Mund sich fur immer ge- 
schlossen hatte: 1829 komponierte Loewe den „Gang nach dem Eisen- 
hammer". Und auch diese Meisterkomposition Loewes verdankte ihre Ent- 



Digitized by 



Google 





185 
RUNZE: SCHILLER UND DIE BALLADENMUS1K 

stehung einem eigenen Anlass, der dem edlen Sinn ihres Schdpfers be- 
sondere Ehre macht. Loewe konnte keine Ungerechtigkeiten dulden, wollte 
es nicht mit ansehen, dass in der auch damals schon schnellebigen Zeit 
verdiente Meister bald vergessen wurden. Das schien ihm bei Bernhard 
Anselm Weber der Fall zu sein. Weber hatte die Dichtung zu einem 
Melodram bearbeitet, dabei aber so interessante Zwischenspiele hinein- 
gewoben, dass Loewe Wohlgefallen an dem Stucke hatte. Er gedacbte die 
Komposition und den Namen des Komponisten fur die Nachwelt zu retten 
und schuf nun unter Beibehaltung des Vorspiels, der Zwischenspiele und 
einzelner kleinerer Passagen des Weberschen Werkes eine wirkliche Ballade, 
im Anschluss an den Schillerschen Text, im grossen Stil. Zugleich hat er 
somit eine fisthetisch unvollkommene, unbefriedigende und unberechtigte 
Form in eine berechtigte und befriedigende, d. h. ein Melodram in eine 
Ballade umgeschaffen. Er hat dann die von ihm geschaffene Form der 
Ballade erweitert, indem er zugleich den Versuch machte, zu zeigen, wie 
eine Ballade in grosseres System zu bringen sei — d. h. er instrumentierte 
sie zugleich und hat Andeutungen zu einzuflechtenden Choren gegeben. 
Nebenbei bemerkt ist aus diesem Werk zu lernen, unter welchen Bedingungen 
eine Ballade zu orchestrieren oder mit Choren zu versehen sei, und wie 
weit man hierin gehen diirfe. Andererseits ist die Entstehung dieser Ballade 
auf Loewes Wunsch und Willen zuriickzufuhren, eben diese grosse Schiller- 
Ballade in Musik zu setzen. Da aber nun bei B. A. Weber so viel Treff- 
liches und Schones vorlag, so benutzte er Webers Werk. Er Susserte sich 
daruber: „Wozu denn das alles noch einmal arbeiten: es ist ja gut; es ist 
da; so etwas macht man nicht noch einmal ganz von neuem." Er war zu 
haushfilterisch, urn Arbeit zu iibersehen und zu ubergehen, die er unter- 
schreiben konnte. (Vgl. meine Ausfuhrung im Vorwort der Loewe-Gesamt- 
ausgabe, Breitkopf & HSrtel, Bd. X S. XII— XV.) So hat Loewe uns 
Schillers Dichtung in zwiefacher Form geboten: fur eine Singstimme mit 
Orchesterbegleitung und fur eine Singstimme mit Klavierbegleitung. Was 
daran von Weber herriihrt, ist in meiner Neuausgabe (Breitkopf & Hfirtel, 
Bd. X S. 21 — 62) durch kleinere Noten kenntlich gemacht; abgesehen von 
dem Vor- und Nachspiel, sowie den Zwischenspielen und einigen wenigen 
Takten in der Begleitung, ist das ganze Werk Originalschdpfung Loewes. 
Lohnend ist der Vergleich'dieser Schiller-Loeweschen Grossballade mit der 
zwdlf Jahre fruher komponierten „Wallhaide". Was Loewe dort fur die 
grosse Balladenform begonnen, hat er hier weiter ausgefuhrt und zu hoher 
Meisterschaft gebracht. Nur binweisen wollen wir dabei auf die meister- 
haft erfundenen und feinsinnig entwickelten Themen, wie das Fridolin-, 
GrMfin-, Grafen-, Robert-Motiv. Die Kunst der motivischen Behandlung 
zeigt sich besonders an den Stellen, wo Loewe verschiedene Motive, z. B. 



Digitized by 



Google 




186 
DIE MUS1K IV. 15. 



Ji 



das Fridolin-Motiv mit dem Grfifin-Motiv, sinnig miteinander verwebt. Indem 
wir noch erwShnen, dass Loewe fur die Orchesterform dieses Werkes ein 
ganz neues Instrument erfunden (Bd. X S. XV), sei zum Schluss auch 
darauf hingewiesen, dass es in der Begleitung (bzw. als Chor) das, noch 
nicht in der Weberschen Arbeit enthaltene, sogenannte *Gral-Motiv" 
aufweist: 




w^^m^ 



Zu Ende des fur Loewes Schaffen so fruchtbaren Jahres 1835 kom- 
ponierte der Meister ein interessantes Chorwerk: 9 Isabella. Lyrisch- 
dramatische Versohnungsszene aus Schillers Braut von Messina, fur die 
Altstimme mit Begleitung des grossen Orchesters und eines MSnnerchors." 
Dasselbe befindet sich auf der Berliner KSniglichen Bibliothek und ist 
als Partitur wie Klavierauszug in Loewes Handschrift vorhanden. Auf 
einer Abschrift der Partitur findet sich mit Bleifeder vermerkt: „Einge- 
gangen den 9. Jan. 1836." An wen das Werk eingereicht gewesen, ist 
hieraus nicht zu ersehen. Bezeichnend ist, dass Loewe urn diese Zeit sich 
gerade auf das Eifrigste mit der Komposition Goethescher Werke befasste; 
es will uns scheinen, als ob er mitten aus der fruchtbaren Goethe-Periode 
heraus das Verlangen in sich spurte, auch einmal wieder mit Schiller 
Fuhlung zu nehmen. Die Komposition, stark dramatisch belebt, empflngt 
durch die ernste Haltung der Chore, die auch das Ganze beginnen und 
abschliessen, — die ebenso reserviert den Hintergrund bilden als auch 
fur den szenischen Vorgang die nicht wirkungslos bleibenden Beobachter 
abgeben, etwas Episches! Wir gehen nicht fehl, wenn wir die „ Isabella" 
als eine Art Loewescher Chorballade bezeichnen. Schiller selbst misst 
dem Chor fur diese seine Tragodie in seiner Abhandlung fiber den Ge- 
brauch desselben Shnliche Bedeutung bei; er bringe Ruhe in die Hand- 
lung, indem er die Parteien auseinanderhSlt und zwischen die Leiden- 
schaften mit seiner ruhigen Betrachtung tritt. Von dieser Rolle, die der 
Chor mit mehr epischer Bedeutung zu vertreten hat, unterscheidet Schiller 
(so im Brief an Korner vom 10. JVtfrz 1803) dessen zweite Aufgabe, die 
er „als selbsthandelnde Person zu erfiillen hat", wonach er „die ganze 
Blindheit, Beschranktheit, dumpfe Leidenschaftlichkeit der Menge darstellen 
und so helfen soil die Hauptfigur herauszuheben*. Mit geschicktem 



Digitized by 



Google 





187 
RUNZE; SCHILLER UND DIE BALLADENMUS1K 

Griff hat Loewe aus dem Gesatntvorgange der Tragodie den eigentlichen 
Kern herausgenommen und zur Abrundung eines fur sich bestehenden 
Ganzen gebracht, also ein Kunstganzes in kleinerem Rahmen geformt, in 
dem Epik und Lyrik mit der Dram at ik zu „lebendigem Spiel seiner 
Kriifte* sich entfaltet, und hat den hiermit geschaffenen balladischen Vor- 
gang zu versobnendem Abschluss gebracht. Nur dichterisch betrachtet, 
wurde diese Zusammenfassung des Hohepunktes der Tragodie eine Kur- 
zung, ja Verstummelung bedeuten; in der SphSre der Tone und „von der 
sinnlichen Macht der Musik in Tonen begleitet" — mit welchen Worten 
Schiller Loewe vermutlich die Anregung zu seiner Komposition gegeben 
hat — ist das etwas anderes. Loewe hat uns mit diesem seinem Werk eine 
Versohnungs-Ballade geschaffen, die in der Aufforderung der Isabella ihren 
Hohepunkt gewinnt: v Der Siege gottlichster ist das Vergeben." Wie sehr 
aber Loewe sich Muhe gibt, von Schiller empfangene stark dramatische 
Momente in den Rahmen des Epischen zu spannen, ersehen wir aus der 
einzigen vom Dichter herubergenommenen Stelle, wo ausser der Mutter 
auch die beiden Sdhne redend auftreten. Die Mutter ruft ihnen zu: 
„Wagt es, euch in das Angesicht zu sehn! O Raserei der Eifersucht, des 
Neids!" Nun 13ge es nahe, die Sohne mit Emphase reden zu lassen. 
Loewe bringt die Entgegnung der Sohne in vornehme Balladenform : 

Don Manuel Don Cesar 



^^a^ 



Ho - re mich, Mut-ter! Mut-ter, hd-re mich! 

eine Stelle, die fur sich selber spricht. Hier herrscht echt Loewesche 
Genialitit vor, wie er sie so oft im Kleinsten und Feinsten bewfihrt. Dass 
die beiden feindlichen Bruder sich der gleichen Redefigur, nur diametral 
auseinandergehend, bedienen, sei auch nur beilfiufig bemerkt. 

Das Orchester verstummt bei dieser Stelle ganz. Beim Vortrag ist 
darauf zu achten, dass streng im Takt und Rhythmus gesungen wird ohne 
irgendwelche rezitatorische Zutat. 

Dass Loewe Schillers „Kraniche des Ibykns* in Musik gesetzt hat, 
durfte den wenigsten bekannt sein. Leider ist diese Musik der Nachwelt 
fur immer verloren gegangen. Es war im Sommer 1837, als Loewe, 
dessen vollste Genialitfit im Schaffen sich bei der Improvisation ihm vor- 
gelegter Dichtungen zeigte, diese Schillersche Ballade — und wir erachten 
sie schon in der Dichtung als eine wirkliche Ballade — im Hause des 
Hofgerichtsrat Ziemssen sang. Loewe schreibt daruber in einem Briefe. Ein 
Neffe jenes Z., damaliger Greifswalder Student und spfiterer Superintendent 
in Garz a/R., der jenem Vortrag beiwohnte, hat mir spfiter von dieser 



Digitized by 



Google 




188 
DIE MUSIK IV. 15. 




genialen Improvisation und ihrer erschutternden Wirkung genaueres mit- 
geteilt. 

In demselben Jahre komponierte Loewe Schillers „Wfirde der Frauen"; 
es zeugt von seinem kfinstlerischen Feinsinn, dass er das Lied von einem 
Minnerchor vortragen lfisst. Das Werkchen ist (ohne Opus-Zahl) nebst 
anderen Mannerchoren bei Schott in Mainz erschienen. 

Wiederum eine Schillersche 9 Ballade * bietet uns Loewe im Jahre 
1843 dar — oder sollte sein Aufentbalt in Wien 1844 ihn hierzu angeregt 
haben? die bisherigen Zeugnisse bringen uns fiber die Feststellung des 
Jahres noch nicht genugende Aufklarung — den „Grafen von Habsburg". 
Dies Werk ist durch Eugen Guras Meistervortrag so bekannt geworden, 
von den einsichtsvollen Musikrezensenten in seiner Bedeutung so oft und 
eingehend beleuchtet worden, dass wir uns einer weiteren Kommentierung 
desselben entbalten kdnnen. Dass wir auch in dieser Schillerschen Dichtung 
eine wirkliche Ballade besitzen, gab schon 1824 dersonst mitden Schillerschen 
Gedichten dieser Art ziemlich scharf ins Gericht gehende Willibald Alexis 
(Uber Balladenpoesie, Hermes, No. XXI) im Wesentlichen zu. Loewe zeigt 
hier dadurch besondere Meisterschaft, dass er nicht allein die das Ganze 
zusammenhaltende epische Grundlage einheitlich formt und so dem dra- 
matischen Aufbau kraftvolles Widerlager gewfihrt, sondern er verzweigt 
diese epische Grundlage auch noch durch schone Gliederungskunst. Zur 
Erzielung des dramatischen HaupteflPektes verwebt er in den ganzen Vor- 
gang eine Romanze. Es ist die Erzahlung des Singers, die man sich mit 
der Harfe begleitet denken muss. Sie ist nach ganz strengem Rhythmus 
im Erzfihlerton vorzufuhren. Der Fortscbritt, den Loewes Balladen 
fiber die Zumsteegs bekunden, zeigte sich u. a. schon deutlich im „Gang 
nach dem Eisenhammer". Loewes Grundsatz lautete: „Die Musik musse 
dramatischer sein und unter breiter ausgearbeiteten Motiven gestaltet werden." 
Die Verwirklichung desselben tritt gerade in dem .Graf von Habsburg" 
ausserordentlich klar hervor. Dies Loewesche Werk ist so recht ein Be- 
weis dafiir, wie sehr sein Schopfer der Schillerschen Forderung in den 
„ Brief en fiber fisthetische Erziehung" gerecbt geworden ist: 9 Die Musik 
in ihrer hochsten Veredelung muss Gestalt werden. * 

Ein Seitenstfick zu Loewes „ Isabella* ist seine n Hochzeit der Thetis" 
(grosse Kantate fur Solo und Chorgesang, op. 120). Die Komposition hat 
zur Grundlage die Schillersche freie Ubertragung nach Akt IV der .Iphigenie 
in Aulis des Euripides". Sie wurde auf allerhochste Veranlassung zur 
feierlichen Verm&hlung der Prinzessin Charlotte von Preussen mit dem 
Erbprinzen von Sachsen-Meiningen 1850 verfasst. Die Dichtung hatte seiner- 
zeit schon W. v. Humboldts besonderes Wohlgefallen hervorgerufen. Da 
Loewe der Komposition entschieden balladenartiges Gepr&ge verliehen hat, 



Digitized by 



Google 





180 
RUNZE: SCHILLER UND DIE BALLADENMUS1K 

fso kann man anstandslos auch dieses Werk als eine Art von Chorballade 
bezeichnen. Loewes Tochter Julie fuhrt in einem genial geschriebenen 
Aufsatz (mitgeteilt von August Wellmer, N. Berl. Musikz. vom 10. 8. 82) 
hicruber aus: 

„Wir haben hier Gelegenheit, den Balladenmeister zu beobachten, wenn er seine 
nordischen Gfttter verllsst und aus Mondschein, Nacht und Nebel, aus Moorgrund, 
Schilf und Erlengebusch bervortritt, urn mit dem Cbor in der Iphigenie des Euripides 
in den alten griechiscben Gfttterhimmel aufzusteigen und dort seine Leier zu stimmen 
zum Preise der gftttlichen Abstammung Achills." 

Es erwacht bei der Musik, wo den Gottern zum Tanz aufgespielt 
wird, unwillkurlich der Gedanke in uns, dass ausser den Erben Alfadurs 
wohl noch andere Volker ihre Ballade haben konnten, wenn nMmlich den 
Gestalten ihrer Sage der recbte melodische Umschwung verlieben wird, so 
dass sie, dadurch in Leben und Bewegung gebracht, an unserem geistigen 
Auge voriiberschweben. 

,Am Schluss des Festjubels, nachdem von Weissagung erfullte thessalische 
Frauen und Mldcben der Gflttin den Urenkel des Zeus und Apoll und Cbiron dessen 
Lebensbabn verkfindigt batten, flllt noch wlhrend des allgemeinen Gfttterjubels der 
Vorhang, ehe die Erscheinung der unglQcklichen Eris Verwirrung unter die reinste 
Freude zu tragen herbeieilt" 

Noch einmal nahte Loewe mit seinen Tonen einer Schillerschen 
Dichtung. Beim Abgange des Gymnasialdirektors Hasselbach wurde zu 
dessen Feier von Schulern Schillers „Lied von der Glocke" vorgetragen. 
Ladwig Giesebrecht, des Jubilars Schwager, dichtete, daranknupfend, in 
bezug auf die Feier einen Epilog: „ Ferae, feme GlockenschlMge, Weht der 
Wind euch an mein Ohr? Nein. Ihr kommt nicht Raumes Wege, Quellet 
nicht im Raume vor" usw. — Nicht nur die Worte seines Freundes kompo- 
nierte Loewe, sondern er begleitete auch die letzten Verse der Schillerschen 
Dichtung mit einer Komposition glockenahnlicher Klinge, aus denen dann 
jener Gesang hervorwuchs. 

Hiermit schloss Loewe seine Arbeiten im Anschluss an Schillersche 
Dichtungen, nachdem er schon im Jahre 1817 ihre Reihe mit einem 
trefflich gearbeiteten Kanon: „Liebe rauscht der Silberbach" eroffnet hatte. 

III. 

Schiller und die moderae Balladenmusik. 

Loewes Zeitgenossen unter den Komponisten haben sich nur vor- 
Qbergehend mit der Ballade, and noch seltener mit der Schillerschen befasst. 
Unter den ftlteren hat Heinrich Marschner die »Kindesm6rderin a , die 
man in der Komposition kaum anders denn als Ballade denken kann, in 
T5ne gesetzt, Bernhard Klein den „Toggenburg". Auch in ihm ist die 



Digitized by 



Google 




190 
DIE MUSIK IV. 15. 



-*"» 



AbhMngigkeit von Zumsteeg unverkennbar. Kleins Balladen — wie der 
v Todesklang* — sind geschickt gearbeitet. Sichtlich tritt das Bestreben 
nach Einheitlichkeit in ihnen hervor; doch sind sie ohne irgendwelche 
dramatische Belebung. Dieser Mangel macht sich auch in seinem ,Toggen- 
burg* stark fuhlbar; er ist tiefer zu stellen als der von Zumsteeg und der 
von Schubert. Mendelssohn zwar hatte Wohlgefallen an dieser Klein- 
schen Komposition und hielt sie fur die beste Ballade iiberhaupt, weil sie 
so ruhig dahinflosse. Aber Mendelssohn hatte so gut wie gar kein Ver- 
st&ndnis, weder fur die Ballade, noch fur Loewe. Beides war in weit 
hoherem Masse bei Loewes anderem jungeren Zeitgenossen Robert Schu- 
mann der Fall. Er nahm sich Loewe fur die Ballade zum Vorbild und 
tat wohl daran. Darum hat er uns auch einige herrliche Proben davon 
hinterlassen — „nicht selten ein Stuck abgeklarten Loewes*, wie ich sie 
fruher einmal bezeichnete. Von Schiller hat Schumann in dieser Form 
nur den .Handschuh* komponiert. Aber leider ist er so gut wie ver- 
ungluckt. Man konnte ihn eine Deklamation am Klavier nennen, die, 
wenn sie auch unendlich viel mehr musikalisches Konnen im Einzelnen 
verrfit, doch als Ganzes hinter die schon erwfihnte Zeltersche Komposition 
gestellt werden muss. Die Konsequenz des Schumannschen Versuches 
mit seinen zerkltifteten Themen und abrupten Einf&llen hat vor einem 
Vierteljahrhundert Siegfried Ochs gezogen mit jener spasshaften Parodie- 
rung des „Handschuh*, die damals als musikalischer Schwank die Musik- 
welt durchkreiste. 

Als eigentlicher Balladenkomponist der letzten Jahrzehnte muss nun 
Martin Pluddemann (1854 — 1897) gelten. Mit nicht gewdhnlichem 
musikalischen Talent fur diesen Kunstzweig verband er kraftvolles Streben 
und innige Liebe zur Sache. An sich schon eine originate, obzwar etwas 
rauhe, Personlichkeit, spiegelt er in seinen Balladen wieder, was er empfand 
und wie er war. Verkunsteltes, Maniriertes war ihm je lfinger je mehr 
zuwider. Loewe und Wagner blieben ihm die Meister, denen er die 
grdsste Verehrung entgegenbrachte und deren er auch bei Gestaltung 
seiner eigenen Balladen nachtrachtete. Die beiden Entwicklungsphasen 
seines Schaffens lassen sich dahin charakterisieren, dass er zunichst Wag- 
nerischen Einwirkungen folgte; dies zeigt sich in der Behandlung der Sing- 
stimme und deren pathetischer Deklamationsweise, in der massenhaften 
Ausstattung der stets Charakteristik anstrebenden Begleitung, in der Ein- 
fuhrung von Leitmotiven. Hin und wieder verfiel er dabei in eine viel- 
leicht zu starke Emphase; die Begleitung erscheint dominierend; instru- 
mentale ZwischensMtze stdren auch wohl den Fluss des Ganzen. Dennoch 
sind ihm auch in der fruheren Zeit ganz vortreffliche Wurfe gelungen, 
darunter Meisterwerke ihrer Art wie Jung Siegfried", „Volkers Nacht- 



Digitized by 



Google 





191 
RUNZE: SCHILLER UND DIE BALLADENMUSIK 



gesang", „ Arthur Schopenhauer", w Das Schloss im See*, und aus dem 
fruchtbaren Jahre 1885 vor allem „Don Massias", „Vevros und sein Pferd", 
sowie die Schillerschen „ Balladen" „Der Taucher" und „Ritter Toggenburg". 
Sp&ter wandte er sich der vorwiegenden Einwirkung Loewes zu. Er hatte 
wohl erkannt, dass sich schon bei Loewe das Ausdrucksvermogen fur die 
Tonsprache der Ballade nahezu erschopfe, dass schon Loewe die voll- 
endetsten, entwicklungsfahigsten Leitmotive aufweise, dass Loewe bei allem, 
was er restlos zum Ausdruck bringe, stets schlicht, stets naturlich bleibe. 
Solches hat er wiederholt in Briefen an mich ausgesprochen. So schreibt 
er unter d. 11. 7. 1893: 

„So ltnge ich schaffender Kunstler war, ging das instinktiv vor sich und ich war 
mir keiner bedeutenden Abweichung von der Wagner-Richtung bewusst Vielleicht 
elgener gesunder Instinkt fur das Naturliche, vielleicht auch der segensreich aus- 
gleichende und mildernde Einfluss Loewes hat mich vor den Ungeheuerlichkeiten und 
Masslosigkeiten der ,Neuesten< wirklich, wie ich sehe, fast voll und ganz bewahrt. 
Kommt die Zeir, lieber Freund, so werde ich diesen meinen gegen frfiher doch ver- 
inderten Standpunkt der Welt nicht linger vorenthalten, sondern genauer und ein- 
gehender alles begrunden." 

Zu diesen spateren herrlichen Balladen, die der Vorzuge der fruheren 
nimraer ermangeln, z&hlen nun besonders die Fontaneschen und Giese- 
brechtschen. Auf die Schillerschen „ Balladen" schaute Pluddemann schon 
als Kind mit besonderem Interesse. Angeregt ward er dazu namentlich 
durch die phantasiereichen Ulustrationen seines Oheims Hermann Pludde- 
mann zur „Burgschaft", dem „Gang nach dem Eisenhammer a , dem „Kampf 
mit dem Drachen a , wie sie sich im „Deutschen Balladenbuche a flnden. 
Mit der Komposition eines Schillerschen Gesanges sodann fuhrte sich 
Pluddemann — abgesehen von einigen Vorarbeiten und der heroischen 
Ballade .Jung Dieterich* — uberhaupt in die musikalische Welt ein: 
„An die deutsche Muse". Der „Taucher a ist sein machtigstes Werk, 
viel besprochen, von Paul Bulss oft und mit starkem Erfolg gesungen. 
Eine kraftvolle, in mancher Hinsicht geniale Arbeit, die auch viel Schon- 
heiten im Einzelnen aufweist. Doch, kdnnte man dagegen einwenden, es 
sei eine Ballade fur Obermenschen, wie sie auch fast iibermenschliche An- 
forderungen an den Singer wie Spieler stellt. Die Begleitung uberwuchert 
bin und wieder den Gesang. Man tritt dem Komponisten nicht zu nahe, 
falls man das Werk eine Instrumental-Ballade nennt. Endlich die Frage: 
ist Schillers Dichtung durch die Musik gehoben? Rief die Dichtung uber- 
haupt nach Musik? Trotz aller dieser Einwande bleibt Pluddemanns 
,Taucher a ein grosses Meisterwerk. Ganz ohne Einschrftnkung erklaren wir 
daneben den »Toggenburg a Pluddemanns nicht allein fur die weitaus beste 
Komposition dieses Gedichtes, sondern auch fur eine der besten Balladen 
uberhaupt. 



Digitized by 



Google 





^ass Schiller nicht nur Dicbter und Geschichtsschreiber, sondern 
auch philosophischer Schriftsteller war, ist bekannt genug. 
Aber seine philosophischen Schriften werden, obgleich sie jeder 
,Gebildete c in seiner Bibliothek stehen hat, wenig gelesen, 
und ihrer hohen Bedeutung ist man sich heute im allgemeinen kaum be- 
wusst. Den Griinden fur diese Unterschatzung nachzugehen, ist nicht 
unsere Aufgabe. Aber es ist vielleicht gut, einmal mit aller Entschieden- 
heit auszusprechen, dass wir in Schiller einen der grossten Asthetiker zu 
verehren haben, dass er mit und neben Kant grundlegende, fur alle Zeiten 
gultige Wahrheiten iiber das Wesen der Kunst und des asthetischen Ver- 
haltens uberhaupt gefunden hat. Freilich sollen uns hier nur seine An- 
schauungen iiber die Tonkunst beschaftigen; aber sowohl aus diesen selbst 
als auch aus dem, was wir in gedrSngtester Kurze iiber seine Auffassung 
des Schonen im allgemeinen vorausschicken wollen, durfte die Richtigkeit 
unserer Behauptung hervorleuchten. 

Schiller geht davon aus, dass der Mensch gleichsam zwei von ein- 
ander verschiedene Naturen zeige. Mit seiner s inn lichen Natur ist er 
an die Aussenwelt gebunden und wird von ihr beherrscht, d. h. er ist 
alien Eindrucken, welche ihm die Sinne vermitteln, wehrlos hingegeben. 
Die einen sind ihm angenehm, die anderen schmerzlich. Dabei erscheint 
ihm der gleiche Reiz, je nach seinem augenblicklichen Zustand, heute so, 
morgen anders. Er ist ein Spielball der ausseren Natur, der Willkur, des 
Zufalls. So unfrei wie im Leiden ist er auch im Wollen und Handeln; 
denn er gehorcht nur dem augenblicklichen Trieb, den ein Sinneseindruck 
in ihm erregt. Den vollsten Gegensatz zu dieser Gebundenheit bildet die 
geistige Natur des Menschen, d. h. seine F&higkeit, die Aussenwelt nach 
den seinem Geiste innewohnenden Gesetzen in sich aufzunehmen und 
nach ebensolchen Gesetzen auf sie zu wirken. Wenn er denkt, steht er 
den Aussendingen mit Freiheit gegeniiber; denn er ordnet sie nach seinem 
eigenen logischen Bedurfnis. Ebenso frei ist er, wenn er nach Grund- 
s&tzen, die er sich selbst gegeben hat, handelt. 

Aber der abstrakte Denker verliert leicht den festen Boden der Er- 
fahrung unter den Fussen und ger&t so in miissige Spekulationen, sei es 



Digitized by 



Google 




HERZOGIN ANNA AMALIA 






CORONA SCHR&TER 



IV. 15 



KAROL1NE JAGEMANN 

Digitized by LiOOQ IC 



Digitized by 



Google 




DAS MANNHEIMER NATIONALTHEATER ZU SCHILLERS ZEIT 




DAS WEIMARER THEATER ZU SCHILLERS ZEIT 




IV. 15 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 




103 
HOHENEMSER: SCHILLER ALS MUS1KASTHETIKER 



M 



fiber das Wesen der Welt, sei es fiber die sittlichen Verpflichtungen des 
Menschen. Noch mehr: das Denken ergreift und beschftftigt den Menschen 
nur von einer Seite her. Es kann ihn nie ganz erfullen, nie zu voller 
Harmonie mit sich selbst ffihren. Denn seiner sinniichen Natur und ihrer 
Anspruche kann er sich ja niemals entledigen. Sinnliche und geistige 
Natur bestehen gleichzeitig und verlangen beide ihr Recht. Nur herrscht 
zu verschiedenen Zeiten und bei den verschiedenen Menschen meist die 
eine Oder die andere vor, und die Entwickelung der Volker wie des Ein- 
zelnen zeigt eine allm&hliche teilweise Uberwindung der anflnglich vor- 
herrschenden sinniichen Natur ' durch die geistige. Den unzerstdrbartn 
Trieb, Sinneseindrficke in uns aufzunehmen, nennt Schiller Stofftrieb, 
das ebenso unzerstdrbare Bedfirfnis, unseren Geist auf alien Gebieten nach 
seinen eigenen Gesetzen, d. h. mit Freiheit, zu betfttigen, nennt er Form- 
trieb. Zu voller Ubereinstimmung mit sich selbst, zu voller, gleichzeitiger 
Befriedigung seiner beiden Naturen kann der Mensch demnach nur gelangen, 
wenn es ihm moglich wird, die beiden Triebe zu vereinigen. Das Be- 
dfirfnis, dies zu tun, nennt Schiller Spiel trieb, und aus diesem geht das 
Schdne und die Kunst hervor. 

Der Mensch spielt, wenn er die Aussendinge zwar mit den Sinnen 
erfasst, zugleich aber seine Persdnlichkeit, sein Denken, Ffihlen und Wollen, 
in sie hineinlegt/ Genau dasselbe tut der Kfinstler; nur lfisst er nicht, 
wie etwa das Kind, den Dingen ihre ursprfingliche Gestalt, sondern er 
formt sie so um, dass seine Persdnlichkeit aus ihnen klar hervorleuchtet. 
Dem Geniessenden tritt sie aus dem Kunstwerk als dessen unmittelbare 
Ausstrahlung, als untrennbar mit ihm verbunden entgegen. In diesem 
Sinne schreibt Schiller jedem Kunstwerk und fiberhaupt jedem isthetisch 
erfassten Gegenstand symbolische Bedeutung zu. Er hat damit die Tat* 
sache bezeichnet, ffir die man in neuester Zeit das Wort ,Einffihlung* 
gefunden hat, und die ffir das Verstftndnis aller Kunst ebenso wichtig 1st 
wie ffir das Verstfindnis jeder Art von Naturbeseelung und von Mythologie. 

Es ist klar, dass Schiller unter Form im Gegensatz zum Stoff nicht 
etwa ein Ausserliches versteht, sondern gerade das Innerlichste, ohne 
welches das Kunstwerk wertlos wire, die menschliche Persdnlichkeit selbst, 
die in den Stoff eingearbeitet wird. Soil eine wirkliche Vereinigung der 
geistigen und der sinniichen Natur stattfinden, so darf dieser Persdnlich- 
keit nichts von der Zuf&lligkeit und Unfreiheit der Sinnen welt anhaften; 
vielmehr muss sie sich im Kunstwerk in voller Reinheit ftussern, d. h. in 
der idealen Vollendung, in der sie jeder Mensch, wenn er sich genau 
prfift, in sich verwirklicht wfinschen wfirde. Das Schdne ist also unendlich 
weit von der Wirklichkeit entfernt; denn in ihm herrscht die ideale Per- 
sdnlichkeit. Es erhebt uns fiber uns selbst, indem es nicht uns, wie wir 

IV. 15. 13 



Digitized by 



Google 




194 
DIE MUSIK IV. 15. 




im tSglicben Leben beschaffen sind, sondern gleichsam den idealen Menschen 
in uns ergreift und befriedigt. Daher verstummt dem Kunstwerk gegen- 
fiber jeder Wunsch unserer individuellen Personlichkeit; wir baben an dem- 
selben, wie Kant sagt, interesseloses Wohlgefallen. Weil das Schdne nichts 
Individuelles und Wirkliches ist, sondern den dem Menschengeiste uber- 
haupt innewohnenden Gesetzen folgt, ist es, wieder nach einem Ausdnick 
Kants, allgemeingultig und notwendig, d. h. ebenso wie der, welcher nacb 
den Gesetzen der Logik ein Urteil Kilt, in gewissem Sinne im Namen 
der ganzen Menscbheit urteilt, so tut dies auch der, welcber nacb den 
Gesetzen des Gefuhlslebens ein Kunstwerk auf sich wirken Usst und es 
danach beurteilt. Ebenso weit wie von der Wirklichkeit ist das Schdne 
aber auch vom abstrakten Denken und Wollen entfernt; denn es nimmt ja 
die gesamte Sinnenwelt mit ibrer machtvollen Wirkung auf den Menschen 
in sich auf. Nur das Schdne erweckt im Menschen gleichzeitige Betftti- 
gung aller seiner Kritfte und daher das Geffihl voller Obereinstimmung 
mit sich selbst. Nur in der asthetischen Betrachtung der Dinge ist er 
ganz frei, und es ist daher verstindlich, dass Schiller die Forderung der 
asthetischen Erziehung des Menschen aufstellt. 

Die Gedanken, die wir im Vorstehenden wiederzugeben suchten, hat 
er in der Schrift „Uber die isthetische Erziehung des Menschen", in 
einer Reihe von Briefen niedergelegt. Aber auch sonst kehren sie hftufig 
wieder, so namentlich in der Abhandlung fiber Anmut und Wurde, und 
bilden gleichsam das Grundthema seiner asthetischen Untersuchungen. 

Unter den einzelnen Kunsten stand ihm naturgemftss die Poesie am 
n&chsten. Dass er auch die bildende Kunst berucksichtigte, war nach dem 
Wirken eines Winckelmann und Leasing selbstverstftndlich. Weniger selbst- 
verstftndlich war es dagegen, dass er die Musik nicht nur in den Kreis 
seiner Betrachtungen zog, sondern ihr auch eine vdllig ebenbfirtige Stellung 
neben den ubrigen Kunsten zuerkannte. 

In Deutschland war die Tonkunst bis etwa zur Mitte des 18. Jahr- 
hunderts insofern von dem ubrigen Geistesleben isoliert gewesen, als das 
aufbluhende philosophische Denken, wenn uberhaupt, so doch nur ganz 
im Voruhergehen Notiz von ihr genommen hatte. Die zahlreichen Schriften, 
in denen sie behandelt wurde, waren meist musiktheoretischen Ishalts, 
also fur den Fachmann bestimmt (Man denke nur an die umfangreiche 
Tatigkeit J. Matthesons). Dies wurde anders mit der zunehmenden UHi- 
versalitat der Denker, mit der hoheren Entwicklung des Zeitschriftenwesens 
und wohl auch mit der steigenden Allgemeinbildung der Musiker. Dazu 
kam ein wirksamer Anstoss von Frankreich her, wo der Kampf zwischen 
der nationalen Oper und der neueindringenden italienischen Opera buffa 
das Interesse des Publikums fesselte, und wo sich die Enzyklopfldisten 



Digitized by 



Google 




195 
HOHENEMSER: SCHILLER ALS MUSIKASTHETIKER 




und andere eifrig mit musik&sthetischen Fragen beschSftigten. Viele der- 
artige Schriften wurden ins Deutsche fibersetzt. Jetzt kam die Zeit, in 
der Klopstock zu Gluck und Ph. E. Bach in nahen Beziehungen stand 
und den Versuch machte, die Tonkunst seinen allgemeinftsthetischen An- 
schauungen einzuordnen. Jetzt plante Lessing, in einem zweiten Teil des 
v Laokoon" die Grenzen der Musik gegen die fibrigen Kfinste abzustecken. 
Jetzt wies Herder immer wieder auf den Gesang als auf die Grundlage 
aller Lyrik bin und Susserte sich auch sonst, wennschon in ziemlich un- 
klarer Weise, fiber das Wesen der Tonkunst. Das grosse lexikalische 
Sammelwerk „Theorie der schdnen Kunste" von Sulzer, ist reich an aus- 
ffihrlichen Artikeln fiber musikalische Dinge. Der erste wirklich hervor- 
ragende Asthetiker, der die Musik in sein System aufnahm, war Kant. 
Aber bei ihm macht sich noch eine starke Geringsch&tzung der Tonkunst 
und ihrer Jfinger geltend, die zum Teil wohl auf die in seinen jungen 
Jahren noch allgemeine Ansicht der Gelehrtenwelt zuruckzuffihren ist, zum 
Teil auf den verhaltnismassig geringen Grad seiner kunstlerischen und 
namentlich seiner musikalischen Beanlagung. 

Bei Schiller ist von einer solchen GeringschStzung keine Spur mehr 
vorhanden. Obgleich er die Tonkunst nicht ausfibte, trat ein gewisses 
Interesse fiir diese und besonders fur den Gesang schon frfih hervor. 
Vielleicht war es bereits in seinen Knabenjahren durch die gl&nzenden 
Opernvorstellungen in Ludwigsburg geweckt worden. In die „Rauber* 
legte er Lieder verschiedensten Charakters ein, die sein Mitschfiler und 
Freund Zumsteeg, der sich spMter als Begrfinder der deutschen Ballade 
bleibende Bedeutung erwarb, in Musik setzte. Manche seiner Jugend- 
gedichte sind zweifellos zum Singen bestimmt, auch manches Spatere, so 
z. B. ganz abgesehen von den Liedern fur gesellige Zwecke, „An die 
Freude" und „Das Lied von der Glocke". Folgte er damit der Sitte seiner 
Zeit, in der ja das einfach melodische Lied mit Klavierbegleitung eben 
erst entstanden war und von den Dichtern mit Begeisterung aufgegriffen 
wurde, so hat es dagegen schon mehr zu bedeuten, dass er in seiner ersten 
Gedichtesammlung, der Anthologie, einen Operntext Oder vielmehr eine Art 
von Singspiel, „Semele", verdffentlichte, mit dem er sich an Wielands 
entsprechende Dichtuqgen anlehnt, und dass er sp&ter in Dresden fur den 
damals berfihmten Opernkomponisten J. G. Naumann einen Text schreiben 
wollte, ein Plan, der allerdings nicht zur Ausfuhrung kam. Bei seinen 
von Jena aus herausgegebenen Musenalmanachen sorgte er stets fiir eine 
Beilage, die einige Gedichte des Almanacbs in der Komposition Zum- 
steegs oder Zelters enthielt. Aus alledem lisst sich freilich noch kein 
Schluss auf den Grad und die Tiefe seines musikalischen Verstftndnisses 
Ziehen, auch daraus nicht, dass ihn das AnhSren von Musik leicht in pro- 

13* 



Digitized by 



Google 




106 
DIE MUSIK IV. 15. 




duktive Stimmung versetzte und dass bei ihm demAuftauchen einer klaren, 
poetischen Idee „eine gewisse musikalische Gemfitsstimmung* voranging 
(Brief an Goethe vom 18. AUrz 1796). Er selbst bezeichnet sich als Laien, 
indem er an Goethe, der ihn gebeten hatte, start seiner eine Opernprobe 
zu fiberwachen, schreibt (in einem undatierten Briefe): 

„Ich habe, wie Sie wissen, in Angelegenheiten der Musik and Oper so wenig 
Kompetenz und Einsicht, dass ich Ihn en mit meinem beaten Willen und Vermftgen 
bei dieser Gelegenheit wenig taugen werde." 

Trotz dieses Bekenntnisses sind die Urteile, die er gelegentlich fiber Musik 
und Musiker Kilt, fast immer von auffallender Bestimmtheit. Diese Sicher- 
heit gewann er zum Teil wohl aus dem Umstande, dass es sich meist um 
Lieder handelte, also um eine Gattung, fiber die er als Dichter ein wich- 
tiges Wort mitzureden hatte, zumal ja damals die Bereicherung des Liedes 
aus den Quellen der klassischen Instrumentalmusik noch nicht erfolgt war; 
zum Teil aber wird ihm diese Bestimmtheit des Urteils aus seinen all- 
gemeinen Anschauungen fiber die Tonkunst geflossen sein. Erst aus diesen 
vermdgen wir zu erkennen, dass er das Wesen der Musik wirklich erfasst 
hatte und dass er viel tiefer in diese eingedrungen war als man gewohnlich 
annimmt; konnte doch selbst ein Ph. Spitta schreiben (Zur Musik, Seite 217): 

„Hiermit (nftmlich mit der Konstatierung eines erheblichen Masses von Empflng- 
lichkeit fur die Schdnheiten der Musik bei Goethe) kdnnte man sich wohl zufrieden- 
geben, da es immer noch viel mebr 1st als von anderen grossen Dichtern, z. B. Leasing 
und Scbiller, mit Grund gesagt werden kann." 

Dass dieses Urteil mit Bezug auf Schiller unrichtig ist, werden wir so- 
gleich sehen. 

Weniger systematisch als Kant, kommt Schiller nur gelegentlich auf 
die Musik zu sprechen. Aber seine Gedanken fiber sie sind darum nicht 
weniger klar, und der Zusammenhang mit seiner Auffassung vom SchSnen 
fiberhaupt ist vollig hergestellt. Seine musikasthetischen Grundanschauungen 
sind in gedr&ngtester Form in der Rezension fiber Matthissons Gedichte 
niedergelegt. Da diese Gedichte fast ausschliesslich in Landschaftsschilde- 
rungen, in landschaftlichen Stimmungsbildern bestehen, handelte es sich 
darum, das Wesen der Landschaftspoesie und der ihr verwandten Landschafts- 
malerei festzustellen. In den Erzeugnissen beider Kunstgattungen flndet 
Schiller, dass sie nicht nur so auf uns wirken, wie es-durch ihren objektiven 
Inhalt bedingt ist, sondern zugleich auch noch in anderer Weise, nftmlich 
musikalisch. Horen wir zunachst von ihm selbst, was er unter musikalischer 
Wirkung versteht: 

„Zwar sind Empflndungen, ihrem Inhalte nacb, keiner Darstellung fihig; aber 
ihrer Form nach sind sie es allerdings, und es existiert wirklich eine allgemein be- 
liebte und wirksame Kunst, die kein anderes Objekt hat als eben diese Form der 
Empflndung. Diese Kunst ist die Musik, und insofern also die Landscbafttmalerei 



Digitized by 



Google 



-i 





197 
HOHENEMSER: SCHILLER ALS MUSIKASTHETIKER 

oder Landachaftspoesie muBikalisch wirkt, ist sie Daratellung des Empflndungsver- 
mftgens, mithin Nachabmuog menachlicher Natur.* 

Vor allem muss bemerkt werden, dass Schiller, wie seine Zeitgenossen, das 
mit Empflndung bezeichnet, was wir heute Gefuhl nennen. Die an sich sehr 
notige und wichtige Unterscheidung zwischen Gefuhl im eigentlichen Sinn, 
Stimmung und Affekt, die fibrigens vielleicht noch nicht ausreicht, kdnnen 
wir hier ausser acht lassen. Was wir in Obereinstimmung mit dem ge- 
wdhnlichen Sprachgebrauch hier unter Gefuhl verstehen, ergibt sich aus 
dem weiteren von selbst. Geffihle sind ihrem Inhalte nach nicht darstellbar, 
d. h. wir kdnnen die Tatsache, dass wir beispielsweise das Geffihl der Freude 
fiber ein Ereignis oder einen Gegenstand haben, nicht aus uns heraus-, nicht 
vor uns hin-, nicht darstellen. Darstellen l&sst sich einerseits das Ereignis, 
der Gegenstand, welche die Freude in uns erwecken, das kann Aufgabe der 
Poesie oder der bildenden Kunst sein, andererseits die seelische Bewegung, 
der Ablauf des seelischen Geschehens w&hrend des Gefuhles der Freude, das, 
was Schiller Form der Empflndung nennt. Dies ist bis zu einem gewissen 
Grade der Farbe und ihren Zusammenstellungen, der Ornamentik und der 
riUimlichen Bewegung, z. B. dem nicht pantomimischen Tanze, mdglich, vor 
allem aber der Musik. Auf die Frage, wie ibr dies mdglich sei, gibt Schiller 
die Antwort, ihre ganze Wirkung bestehe darin, die inneren Bewegungen des 
Gemfites durch analogische Huasere zu begleiten und zu versinnlichen. Die 
Geffihlsform, unsere eigene innere Bewegung, kann also nur insofern dar- 
gestellt werden, als sie durch analoge flussere Erscheinungen in uns erzeugt 
wird. Solche Erscheinungen sind auf dem Gebiete der Musik die in der Zeit 
verlaufenden Tone mit ihren Verschiedenheiten nach Klangfarbe, Starkegraden, 
Tonhohe und Zeitdauer und mit den unendlich mannigfaltigen Beziehungen, 
die sich zwischen ihnen bei ihrem gleichzeitigen und sukzessiven Erklingen 
nach alien diesen Richtungen hin ergeben. Mit diesen Mitteln vermag die 
Musik, wie Schiller und andere richtig sahen, wie aber erst die moderne 
Psychologic und Asthetik nlher aufwies, den Fluss der seelischen Be- 
wegungen nach ihrem Willen zu leiten. Es ist aber streng daran fest- 
zuhalten, dass sie als etwas Ausseres nur Analogieen zu den Gemuts- 
bewegungen geben kann, dass sie also nicht imstande ist, etwa genau die 
Gemfitsbewegung, die bei einer bestimmt gearteten Freude fiber einen be- 
stimmten Gegenstand stattfindet, in uns hervorzurufen. Vielmehr bewirkt 
ein Tonstfick, das uns freudig stimmt, nur einen solchen Fluss des 
seelischen Geschehens, welcher demjenigen, der bei der Freude uberhaupt 
stattindet, Ihnlich ist 

Von grdsster Wichtigkeit ist es, was Schiller weiter fiber den Zu- 
sammenhang zwischen den flusseren Erscheinungen und den Gemuts- 
bewegun^en sagt: 



Digitized by 



Google 




198 
DIE MUSIK IV. 15. 




,Da nun jene inneren Beweguogen (tls menschliche Natur) nach strengen Ge- 
setzen der Notwendigkeit vor sich gehen, so geht diese Notwendigkeit und Bestimmt- 
heit auch auf die iusseren Bewegungen, wodurch sie ausgedruckt werden, fiber; und 
auf diese Art wird es begreiflich, wie vermittelst jenes symboliscben Akts die ge- 
meinen Naturpbftnomene des Schalles and des Licbtes von der isthetischen WGrde 
der Menscbennatur partizipieren kftnnen." 

Hier sieht man deutlich: die Ton welt (die Welt des Lichtes lassen wir unbe- 
rucksichtigt), also ein Teil der Sinnenwelt, ist der Stoff, dessen sich der 
Formtrieb bemSchtigt, indem ihn der Kunstler nach allgemeinen, dem 
Menschen innewohnenden Gesetzen der seelischen Bewegung gestaltet und 
eben damit seine ideale Persdnlichkeit in ihn hineinlegt. Nun leuchtet 
uns diese aus dem|Tonwerk unmittelbar entgegen, und eben das ist jener 
symbolische Akt, durch den der Tonwelt alle ZufiUligkeiten der Sinnenwelt 
genommen werden, durch den sie in das Reich der Notwendigkeit, d. b. der 
gesetzmlssigen Bet&tigung der menschlichen Persdnlichkeit, und eben damit 
in das Reich der menschlichen Freiheit erhoben wird. Jetzt sind sinnliche 
und geistige Natur gleichm&ssig befriedigt. Der Mensch spielt und ist yoll- 
kommen harmonisch erfullt, und der Tonsetzer darf sich, wie Schiller aus- 
drucklich sagt, getrost neben den Dichter stellen. 

Die ideale Persdnlichkeit, die sich im Tonwerk und uberhaupt im 
Kunstwerk spiegelt, ist fur uns ein letztes, d. h. ein solches, dem wir nicht 
als Mittel zu einem Zweck, sondern um seiner selbst willen Wert beilegen, 
mithin ein Sittliches oder vielmehr das einzige Sittliche, auf das wir im 
letzten Grunde alle unsere Werturteile beziehen. Darum konnte Schiller 
mit Recht sagen: 

Jene Stetigkeit, mit der sich die Linien'im Raunvoder die T6ne in der Zeit 
aneinanderfGgen, ist ein naturliches Symbol der inneren Obereinstimmung des Gemfits 
mit sich selbst und des sittlicben Zusammenhanges der Handlungen und Gefuhle, 
und in der scbftnen Haltung eines pitoresken oder musikalischen Stucks malt sich 
die noch schftnere einer sittlich gestimmten Seele*. 

Damit ist naturlich nicht gemeint, dass uns irgend etwas vorschweben sollte, 
das im Kunstwerk nicht unmittelbar enthalten ware; vielmehr ist der Ssthe- 
tische Zustand zugleich der sittliche. Nur ist das, wozu uns das Kunstwerk 
fur Augenblicke macht, in der sittlich gestimmten Seele dauernd geworden. 
Schiller war unter den neueren wohl der erste, der die Einheit des k&nst- 
lerischen und des sittlichen Zustandes nachdrucklich betont hat, und wir 
sehen, wie auch die Tonkunst in diese Einheit eingeschlossen ist 

Der Tonsetzer, so sagt Schiller weiter, erreicht die geschilderte 
asthetische Wirkung auf den^ Menschen bloss durch die Form seiner Dar- 
stellung und stimmt »bloss das Gemut zu einer gewissen Empfindungsart 
und zur Aufnahme gewisser Ideen tf . Aber einen Inhalt dazu zu finden 
uberiasst er der Einbildungskraft des Zuhdrers. Dies kann nicht anders 



Digitized by 



Google 





100 
HOHENEMSER: SCHILLER ALS MUSIKASTHETIKER 

sein, da die Musik nun einmal keine Vorstellungen, sondern nur Seelen- 
bewegungen in uns hervorrufen kann, da aber andererseits diese Be- 
wegungen ira Horer leicht zu Vorstellungen fuhren, die zu ihnen passen. 
Solche Vorstellungen, die bei verschiedenen Menschen, die das gleiche 
Musikstuck hdren, und bei einem und demselben Menschen, der ein Musik- 
stuck zu verschiedenen Zeiten hdrt, hdchst mannigfaltig sein kdnnen, sind 
naturgeraftss auf keine Weise Inhalt des Tonwerkes, sondern nur Zutat des 
Horers. Schiller meint nicht etwa, dass man ein Werk der Instrumental- 
musik (denn nur um diese kann es sich hier handeln) erst dann verstehe, 
wenii man ihm einen bestimmten Inhalt untergelegt habe. Vielmehr warm 
er sogar den Landschaftsdichter, der doch einen objektiven Inhalt darstellen 
kann und muss, in der Bestimmtheit dieses Inhaltes ja nicht zu weit zu 
gehen, nur anzudeuten, aber der Einbildungskraft nicht vorzugreifen. 

.Denn eben darin liegt das Anziehende solcher isthetischen Ideen, dass wir in 
den Inhalt derselben wie in eine grundlose Tiefe blicken. Der wirkliche und aus- 
drfickliche Gehalt, den der Dichtcr hineinlegt, bleibt stets eine endliche, der mftgliche 
Gehalt, den er uns hineimulegen Gberllsst, 1st eine unendliche Grftsse.* 

Um wieviel mehr gilt dies von der Musik, in der ja jeder gegenstftndliche 
Inhalt etwas von aussen Hinziigebrachtes istt Damit ist alien Ausdeutungen 
von Iristruinentalwerken der Rang subjektiver Versuche angewiesen, einen 
voii unendlich vielen moglichen Inhalten in Worten anhlhernd auszusprechen. 
Dass ein in Worten fixierbarer Vorgang genau genominfen nicht einmal ein 
moglicher Inhalt der Musik sein kann, braucht nach dem Gesagten kaum 
mehr betont zii werden. : 

' Schiller hat in den behandelten Ausffihrungen mit ruhiger Bestimmt- 
heit grundlegetide Wahrheiten ausgesprochen, um die frdlich heute wieder 
scharfer Streit herrscht und die damals vielieicht weniger angefpchten wurden 
als splter; aber Wahrheiteii bleihen es darum doch. 

So sicher es ist, dass jede Kunsr Werke aufzuweisen hat, die 
den hochsten isthetischen Anforderungen geniigen, die also unser Wesen 
in vollkommene Ubereinstimmung mit sich selbst zu setzen vermdgen, so 
sicher ist es doch auch, dass jede Kunst nach Massgabe ihrer besonderen 
Natur auch eine ganz besondere Wjrkung auf uns ausubt und insofern 
einseitig bleibt. Wire das nicht so, so liesse sich die eine Kunst durch 
eine andere ersetzen. Die Einseitigkeit der einzelnen Kunste wurde von 
Schiller scharf erkannt. So schreibt er (im 22. der friiher erwflhnten 
asthetischen Briefe) der Musik zufolge ihrer Materie eine grossere AfBnitftt 
zu den Sinnen zu als die wahre Isthetische Freiheit dulde, d. h. die Musik 
macht uns in gewisser Beziehung unfrei. Ein hoher musikalischer Genuss regt 
zwar unser Gefuhlsleben mftchtig an, aber eben deshalb macht er es uns bei- 
spielsweise schwer oder unmdglich, uns unmittelbar darauf abstraktem Denken 



Digitized by 



Google 




200 
DIE MUSIK IV. 15. 




hinzugeben. Ahnliche Schranken konstatiert Schiller auch fur die^bildende 
Kunst und die Poesie. 

„Indessen verlieren sich diese besonderen Afflnititen mit jcdem hdheren Grade, 
den eio Werk aus diesen drei Kunstgattungen erreicht, immer mehr, und es 1st eine 
notwendige und natiirlictae Folge ihrer Vollendung, dass, ohne Verruckung ihrer objek- 
tiven Grenzen, die verschiedenen Kfinste in ihrer Wirkung auf das Gemfit einander 
immer ihnlicher werden. Die Musik in ibrer hftchsten Veredlung muss Gestalt werden 
und mit der ruhigen Macht der Antike auf uns wirken, die bildende Kunst in ihrer 
hdchsten Vollendung muss Musik werden und uns durch unmittelbare sinnliche Gegen- 
wart rfihren, die Poesie in ihrer vollkommensten Ausbildung muss uns, wie die Ton- 
kunst, michtig fassen, zugleich sber, wie die Plastik, mit ruhiger Klarheit umgeben" . . . 

Hiermit ist ein tiefer und sehr fruchtbarer Gedanke ausgesprochen, solange 
man wenigstens das „ohne Verruckung ihrer objektiven Grenzen* streng 
festh&lt und sich nicht etwa verfuhren l&sst, der Vermischung der Kiinste 
das Wort zu reden, die z. B. die Dichter der romantischen Schule ubten, 
indem sie mit Worten Musik zu machen suchten, und die heute in um- 
gekehrter Weise angestrebt wird, indem man in T5nen zu dichten sucht. 
Wenn wir aber die Kunstwerke daraufhin priifen, wie weit sie sich in dem 
Eindruck auf uns, unbeschadet der naturlichen Wirkung ihrer Gattung, den 
Qbrigen Kunsten n&hern, so erhalten wir vielleicht einen brauchbaren Grad- 
messer ihres Wertes, sprechen wir ja doch lobend vom architektonischen 
Aufbau eines Musikstuckes, von der Plastik einer Melodie, von einer poesie- 
vollen Musik. Vielleicht Hesse sich zeigen, wie beschaffen ein Tonwerk 
sein muss, um Gestalt zu werden, und welche Werke dieser hochsten An- 
forderung genugen. Dabei wurde sich wohl der Unterschied zwischen 
blosser Stimmungsmusik und etwa einer Bachschen Fuge oder einer Beet- 
hovenschen Symphonie psychologisch begrfinden lassen; doch das altes 
wurde uns hier viel zu weit fuhren. 

Von den verschiedenen Zweigen der Tonkunst hat Schiller nur die 
Oper mit eingehenderen Ssthetischen Betrachtungen bedacht. Es ist naturlich, 
dass ihm als Dichter der Gesang viel nSher lag, als die Instrumentalmusik, 
und dass er als Dramatiker seine Aufmerksamkeit unter den vokalen 
Gattungen in erster Linie der Oper zuwandte. Von seinen Versuchen als 
Textdichter haben wir bereits gehdrt. Aber damals war ihm jedenfalls 
das Problem noch nicht aufgegangen, um das es sich bei ihm splter handelte. 
Nichts ist, seinen allgemeinSsthetischen Anschauungen zufolge, fur die 
Kunst verderblicher, als wenn der Kunstler in die Wirklichkeit, in das Reich 
des Zufalls herabsteigt, wenn er die Natur darstellt, wie sie ist, statt den 
Gehalt seiner Personlichkeit in sie hineinzulegen. Schiller fand diese 
kunstwidrige Richtung in den naturalistischen Dramen eines Iffland und 
Kotzebue verwirklicht. Aber auch der wahre Dichter und namentlich der 
Dramatiker hat^oft unpoetischen Stoff zu bewiltigen, indem der Zusam men- 



Digitized by 



Google 





201 
HOHENEMSER: SCHILLER ALS MUSIKASTHETIKER 

hang der Handlung auch die Darstellung reiner Wirklichkeitsvorgange fordern 
kann. Um diese und zugleich das Drama uberhaupt in eine hohere Kunst- 
sphSre zu erheben, hilt Schiller die „ Ein fuh rung von symbolischen Behelfen" 
ffir geeignet. Obgleich er selbst sagt, er habe sich den Begriff vom Sym- 
bolischen in der Poesie noch nicht recht entwickeln konnen, wird doch 
aus dem Folgenden, wo er ihn auf das Zusammenwirken von Poesie und 
Musik anwendet, vollig klar, was er meint (die ganze Stelle findet sich in 
einem Brief an Goethe vom 29. Dezember 1797). Er schreibt: 

„Ich hatte immer eio gewisses Zutrauen zur Oper, dass aus ihr, wie aus den 
Chdren des alten Bacchusfestes, das Trauerspiel in einer edleren Gestalt sich los- 
wickeln sollte. In der Oper erllsst man wirklicb jene servile Naturnachahmung, und 
obgleich nur unter dem Namen von Indulgenz, kftnnte sich auf diesem Wege das 
Ideale auf das Theater steblen. Die Oper stimmt durch die Macht der Musik und 
durch eine freiere harmonische Reizung der Sinnlichkeit das Gemut zu einer 
schftneren Empfingnis; hier 1st wirklicb auch im Patbos selbst ein freieres Spiel, 
well die Musik es begleitet, und das Wunderbare, welches hier einmal geduldet wird, 
mfisste notwendig gegen den Stoff gleicbgultiger machen." 

Unter Stoff sind hier nat&rlich alle Elemente des Dramas zu versteben, 
welche und soweit sie ausschliesslich der Wirklichkeit angehoren. Gegen 
ihren Zusammenhang untereinander werden wir gleichgultiger, well sie 
durch die Musik bereits in einen allgemeineren Zusammenhang hineingestellt 
sind. Da die Musik in uns nur Seelenbewegungen hervorruft, uns gleich- 
zeitig aber auch sinnlich ganz gefangen nimmt, so zwingt sie uns in ihren 
allgemeinen Zusammenhang; sie wird gleichsam zum Rahmen, innerhalb 
dessen das Besondere, das Einzelne, das durch Wort und Handlung gegeben 
ist, vor sich geht. Diese Eigenschaft der Musik, die in geringerem Masse 
auch dem Vers, dem Reim und uberhaupt alien klanglichen Elementen der 
Sprache zukommt, bezeichnen wir als die Fahigkcit zu stilisieren oder zu 
idealisieren. Der gleichen Eigenschaft ist es zu verdanken, dass in der 
Oper das Wunderbare, also das von der Wirklichkeit weit Entfernte, seinen 
Platz hat, und dass in ihr selbst im Pathos, d. h. in der leidenschaftlichen 
Erregung, die an sich die dargestellten Personen und somit auch den Horer 
unfrei macht, ein freieres Spiel herrscht, da ja auch diese Teile nicht aus 
dem allgemeinen Zusammenhange heraustreten konnen. Schillers Ansicht 
von der idealisierenden Macht der Musik bestfttigt Goethe in seiner Antwort, 
in der es heisst: „Ihre Hoffnung, die Sie von der Oper batten, wurden Sie 
neulich in ,Don Juan' auf einen hohen Grad erfullt gesehen haben*. 

Es ist interessant zu beobachten, wie Schiller, obgleich Dichter, die 
Dichtung durch die Musik gehoben sehen mdchte, w&hrend der Musiker 
Wagner den umgekehrten Weg einschligt. Aber Schiller hat unbedingt die 
Tatsache fur sich, dass die Musik einerseits allgemeiner und andererseits 
sinnlich starker wirkt als die Poesie, und daher, wo sie mit ihr^in Ver- 



Digitized by 



Google 




202 
DIE MUSIK IV. 15. 




bindung tritt, ganz von selbst zura fibergeordneten Elemente wird, falls man 
ihr nicht Gewalt antut und damit das Gebiet des Schonen verlflsst. Die 
Auffassung Schillers und Goethes lehrt uns auch, wie falsch man Opern- 
texte und darunter auch den „Don Juan" h&ufig beurteilt hat. Statt zu 
bedenken, dass die Musik die Einzelheiten des Textes zurficktreten lisst, 
und statt zu fragen, ob Handlung und Plan des Ganzen, sowie die Charaktere 
und Situationen der Verallgemelnerung und Vertiefung durch Musik frihig 
sind, halt man sich gerade an die Einzelheiten und verurteilt, wenn diese 
unpoetisch sind, den ganzen Text. Dann weiss man sich naturlich bei 
kaum elnem einzigen grossen Opernkomponisten die Wahl seiner Texte zu 
erkiaren. Dass hiermit schlechte Operndichtungen nicht verteidigt werden 
sollen, ist selbstverst&ndlich. 

Schiller Hess es nicht bei theoretischen ErSrterungen fiber die Rolle 
der Musik im Drama bewenden, sondern machte einen Versuch, seine An- 
sichten bis zu einem gewissen Grade in die Praxis umzusetzen, n&mlich 
mit der ,Braut von Messina". In der Abhandlung fiber den Chor, die 
er diesem Drama vorausschickt, sagt er ausdrficklich, er habe den Chor 
verwendet, urn das Ganze von der Wirklichkeit zu entfernen. Er betrachtet 
ihn also als Mittel zur Stilisierung und denkt sich ihn singend und tanzend. 
Freilich gibt er keine niheren Vorschriften, sondern meint, es mfisse dem 
Dichter erlaubt sein, auch einmal ein Kunstgebiet anzubauen, fur das 
die Mittel der Ausfuhrung noch nicht gefunden seien. Dass es grosse 
Gefahren in sich birgt, wenn sich der Kfinstler dieses Recht nimmt, ist 
nicht zu leughen. Aber mit der „Braut von Messina" hat Schiller doch 
tatsflchlich ein ganz eigenartiges Kunstwerk von hochster Schonheit ge- 
schaffen. Seine einheitliche „musikalische Haltung", um einen von Schiller 
selbst auf Dichtungen angewandten Ausdruck zu gebrauchen, durch die es 
sich vor alien seinen fibrigen Dramen auszeichnet, hat es zweifellos der 
Verwendung des Chores zu verdanken; denn dieser mit seiner kunstvollen 
Sprache und seinem hohen, lyrischen Schwung, die gleichfalls in Schillers 
Werken einzig dastehen, zwang auch zur Stilisierung des fibrigen. So hat 
Schiller selbst, ohne wirkliche Verwendung der Musik, sondern nur im 
Hinblick auf sie, seine Anschauung glfinzend bewahrt. 

Uberall, in den ErSrterungen sowohl fiber das Schone im allgemeinen, 
als auch fiber das musikalisch Schone und in der praktischen Verwertung 
seiner Ansichten, ist uns strenge Konsequenz entgegengetreten und, was 
wichtiger ist und heute besonders betont werden muss, genaue Uberein- 
stimmung mit den psychologischen Tatsachen. Ging man in der Zeit der 
Romantik und der spekulativen Philosophie achtlos an seiner allgemeinen 
Asthetik vorfiber, so musste das Wenige, das er fiber Musik geiussert hatte, 
naturgem&ss dem gleichen Schicksal verfallen. Aber seine Auffassung vom 



Digitized by 



Google 




203 
HOHENEMSER: SCHILLER ALS MUSIKASTHET1KER 




Wesen der Tonkunst kehrt bei Mannern der verschiedensten Richtungen, 
deren Anschauungen sich im ubrigen bald freundlich, bald feindlich gegen- 
iiberstehen, in den verschiedensten Formen und oft in seltsamen Ver- 
kleidungen immer wieder, so bei Hegel, Schopenhauer, Zimmermann, Hanslick, 
Lotze, Lipps und anderen, nicht als ob diese Mfinner von ihm beeinflusst 
wftren, sondern weil sich die Wahrheit immer wieder bahnbricht. Heute, 
wo man das Unrecht, das die spekulative und die ihr folgende materia- 
listische Philosophie an Kant beging, wieder gutgemacht hat, sollte man 
auch Schiller den eingangs dieses Aufsatzes bezeichneten Platz wieder ein- 
riumen. Wir hoffen gezeigt zu haben, dass die Musikwissenschaft alien 
Grund hat, ihr Teil hierzu beizutragen. 




Digitized by 



Google 




bOcher 

156. Hugo Riemann: Hindbuch der Musikgeschichte. Erster Band, erster Teil: 
Die Musik dcs klassischen Altertums. Verlig: Breitkopf & Hirtel, 
Leipzig, 1904. 
Ein grosszugiges Hindbuch der Musikgeschichte 1st heute ein dringendes Er- 
fordernis, und zwir in erster Linie weniger fur den Musikwissenschaftler, der sich jt 
unter illen Umstinden fortwlhrend luf dis Stadium eingehender Spezialschriften an- 
gewiesen sieht, lis vielmehr fur den pnktischen Masiker und Musikfreund von wissen- 
schaftlichem Bedurfnis und ernstem Sinn fur die vorklassische Kunst. Der vorliegende 
erate Htlbbtnd von Riemtnns Musikgeschichte ist nun freilich selbst eine Speziilstudie 
geworden. Den Blick bestlndig luf die Entwicklung der griechischen Dichtkunst in Epos, 
Lyrik und Drama gerichtet, schildert der Verfasser im Anschluss an diese und auf Grund 
ebenso umfissenden wie eingehenden Quellenstudiums den Werdegang der griechischen 
Musikpraxis und Musikwissenschaft Von hervorragender Wichtigkeit ist der Abschnitt, 
in dem Riemann mittelst sehr plausibler Deutung einer bekannten Plutarch-Stelle und 
unter Heranziehung namentlich des Philolaos zu dem Resultat kommt, diss die Prota 
Archaika des Aristoxenos der halbtonlosen Pentatonik angehdren und die dem Olympos 
zugeschriebene Iltere Enharmonik mit dieser identisch ist Man kann nicht leugnen, 
dass Riemanns Darstellung sehr bestechend und die Versuchung gross ist, der Pentatonik 
die Rolle eines allgemein in Kraft gewesenen Durchgangsstadiums zur siebenstuflgen 
Skala zuzuweisen. Aber der Hinweis auf die japanische Musik, dessen Riemann sich 
zur weiteren Stutzung seiner Anschauung bedient, d&rfte eher wieder Schwierigkeiten 
schaffen; nach O. Abrahams und E. von Hornbostels methodisch musterhafter Studie ist 
die halbtonlose Pentatonik beim Sono-Koto als sekundir zu betrachten. Es ist hier 
nicht der Ort, auf die vielen Belehrungen und Anregungen hinzuweisen, die der junge 
Musikphilologe Riemanns Beitr&gen zur Kenntnis der griechischen Musik-Theorie und 
namentlich der Notenschrift verdanken wird. Den praktischen Musiker wird besonders 
das Kapitel von der Musik zum Drama und Dithyrambus fesseln. Aber freilich wird er 
auch angesicbts unserer Armut an griechischen Musik- Den kmllern dem Hauptgegen- 
stand des Bindes fremd bleiben. Und darum muss ich, soviet Anerkennung der un- 
ermudlichen Gedankenarbeit Riemanns auch geb&brt, doch diese Ausbreitung historisch- 
pbilologiscber Reflexion auf einen Halbband von 250 Seiten bedauern. Die zweite Hilfte 
des Bindes soil die Musikentwicklung bis etwa 1450 umfassen; diese wird also schon 
eine ganz erheblich kurzere Darstellung flnden als die griechische Musik. Es wire sehr 
scbade, wenn Riemanns Handbuch schliesslich dasselbe Missverh&Itnis der Teile lufwiese 
wie sein kleiner ,Katecbismus" der Musikgeschichte. Sehr erfreulich ist bei der Anlage 
dieses ersten Hilbbindes seine Erdffnung durch eine genaue Quellenubersicht. Zu 
wunschen wire nur, dass die griechischen Zitate stets von deutscher Obersetzung be- 
gleitet wlren; denn Musikgeschichte ist doch nicht nur fur ehemalige Gymnasial- 
Abiturienten btstimmt Das sehr beacbtenswerte Vorwort Riemanns zu lesen, versiume 



Digitized by 



Google 




205 
3ESPRECHUNGEN (BOCHER) 



m 



niemand. Zwei Punkten dtrin muss ich freilich widersprechen : der geringen Bedeutung, 
die Riemtnn den ethnologischen Untersuchungen unserer Musik-Psychologen beilegt, 
and der geradezu unbegreiflichen Mcinung, diss wir „alle Urstche hibcn, uns den 
Unterscbied zwischen der Art zu hdren vorjahrtausenden (I) und der heutigen 
mdglichst klein vorzustellen". Es wird von Interesse sein, zu sehen, durch welcbe 
Beweise Riemtnn im weiteren Verlaufc seines Werkes diese lusserst befremdlicbe An- 
scbtuung 8tQtzen wird. Richard Munnicb 

157. L. Mirow: Mozarts letzte Lebensjahre. Eine Kunstlertrag6die in drei Bildern. 
Verlag: R. V/dpke, Leipzig. 
,. . . so liegt dem Verfasser erstens und hauptslchlicb daran, mit seinem V/erkchen 
in popullrer Form und zu billigem Preise grCssere Volkskreise auf den grossen Meister 
wieder hinzuweisen, ferner aber gleichzeitig einige noch immer wieder auftauchende, 
scbeinbar nicht auszurottende Irrtflmer fiber das Leben desselben zu berichtigen. Es 
sollen die drei letzten Lebensjahre Mozarts in kurzen Bildern, welche die Hauptereignisse 
dieser Periode im Leben dee grossen Kfinstlers darstellen, an uns voruberziehen." Mit 
diesen V/orten gibt der Verfasser selbst im Vorwort Gr&nde und Zweck seiner Arbeit an. 
Er will demnach also das Volk mit Mozart bekannt machen und es fur diesen einnehmen 

— ein an sich gewiss ldbliches und nur zu billigendes Vorbaben, das aber keineswegs 
glficklich durchgefubrt worden ist. Abgesehen davon, dass man, ohne dem Ohr die Be- 
kanntschaft mit seinen Kompositionen zu vermitteln, das Volk nie fur einen Komponisten 
wird begeistern kftnnen, wird der Zweck, der dem Verfasser vorschwebte, durch eine 
volkst&mlich and kurz gehaltene Lebensbeschreibung und durch Inhaltsangabe von 
Mozarts Opera viel eher erreicht werden kdnnen als durch eine blosse Darstellung der 
letzten drei Jahre seines Lebens. Dazu kommt aber noch besonders, dass der Verfasser 
in ganz falscher Auffassung von dem Begriff der Volkst&mlichkeit seinen Stoff einer Art 
von novellistischer Behandlung unterzogen bat: er fuhrt also seinen Helden und die 
diesen umgebenden Personen redend ein und erdichtet Szenen, Gesprlche und Gedanken- 
glnge, die wohl den Zweck haben sollen, den Stoff lebendiger zu gestalten, diesen 
Zweck aber ganz und gar nicht erf&llen. Gerade diese Methode setzt beim Leser grund- 
liche Bekanntschaft mit dem Stoff voraus, und was bei Mdrike zu einem unerreicbbaren 
Kunstwerk wurde, das erhebt sich bei Mirow nicht fiber einen missgluckten Versuch. 
Aber auch 7/iderspruche flnden sich, die der Aufkllrung sehr bedfirfen. So sagt z. B. 
Mirow (S. 6), seine Schrift biete gebildeten Musikern und Musikliebhabern nicbts Neues 
fiber Mozart; auf S. 9 aber erkllrt er, er werde in ihr unausrottbare Irrtfimer berichtigen. 
Dass das letztere in der Schrift nicht geschieht, zeigt am besten die Darstellung des 
Verhlltnisses zwischen Mozart und Schikaneder, die auf kritikloser 7/iederverwendung 
iltesten Anekdotentratsches beruht. Neue Irrtfimer aber sind noch ausserdem hinzu- 
gekommen, denn es wire betrfiblich, hielte das Volk alles von Mirow Erdichtete und 
mitten unter Oberliefertem Vorgebrachte fur wahr. Von Unwabrscheinlicbem und Un- 
wahrem ganz zu schweigen: auf S. 91 zecht Mozart im 7/irtshaus ,Zum grunen Anker" 

— mitten in 7/ien — bis gegen Mitteraacht, dann bricht er auf, „stfirmte rasch seinen 
Kahlenberg hinauf und war glficklicb, als er sein Arbeitsstfibchen wieder betreten konnte, 
in welches die silberaen Strahlen des Mondes gerade ein magisches Licht warfen* — 
Mozart hltte, von Stadttor, Glacis, Vorstldten und ,Linie" abgesehen, einen fast sechs- 
stfindigen Marsch durch Vororte, fiber llndliche Hfigel und dichten 7/ald gehabt! Oder: 
nie hat der Friedhof, auf dem man Mozart begrub, „St. Markus-Friedhof" geheissen; er 
hiess ,Friedhof vor der St Marxerlinie" nach der Vorstadt St. Marx. Allem aber setzt 
der kfinstliche » Wiener* Dialekt die Krone auf — so hat weder Mozart noch sonst 
)emand in Vien jemals gesproehen! Dr. E. v. Komorzynski 



Digitized by 



Google 




206 
DIE MUSIK IV. 15. 




158. S. Rftckl: Waa erzlblt Richard Wagner fiber die Entstehung seiner 

muaikaliacben Komposition des Ringes dea Nibelungen? Aua 

brieflicben Ausserungen des Meisters zusammengestellt. Verlag: Breitkopf 

& Hftrte], Leipzig 1904. 

Dieae kleine Broachfire erkttrt aich schon v51Iig sua dem Titel und iat ein Pendant 

zu deaaelben Autora aiinlicher Zuaammenatellung fiber die Dichtung dea »Ring dea 

Nibelungen*. Wir balten solche Zuaammenatellung ffir aehr verdienstlich, zur achnellen 

Orientierung fiber das betreffende Thema. Sie sind eine willkommene Erglnzung zum 

Wagnerlexikon von Heinrich von Stein und K. Pr. Glaaenapp und zur Wagnerenzyklopldie 

(2 BInde) von K. Fr. Gliscntpp, an die aich kl cine re, aber Ibnliche Zwecke verfolgende 

Arbeiten anlehnen wie das w*agnerbrevier von H. v. Wolzogen. Auch wer in den Schriften 

Richard Wagners zubauae iat, kann bei ihrer Reichbaltigkeit nicht immer alle Stellen 

aofort darin aufflnden, die aich auf eine bestimmte Sache beziehen. Ea iat daher ffir 

alle ein grosser Zeitgewinn, wenn aich berufene Kenner an aolche Sammelarbeiten 

machen. In diesem Sinne empfehlen wir die kleine Broachure, oder vielmehr die beiden 

Broacbfiren auf das beste. Kurt Mey 

159. Rudolf Louis: Friedrich Klose und aeine symphonische Dichtung 

,Daa Leben ein Traum". Verlag: Georg Mfiller, Mfinchen und Leipzig. 
In knapper, fiberaichtlicher Daratellung gibt der Verfasser einen Abriaa des Leben s- 
gangea von Klose und eine feinainnige Analyse eines seiner Hauptwerke. Eine der 
nicht gerade zahlreichen Einfubmngsschriften, mit denen ea nicht auf die Bevormundung, 
aondern auf die Anregung dea Leaera abgeaehen ist. Hoffentlich wird aie ein Erheb- 
Iiche8 dazu beitragen, der gebaltvollen Tonach6pfung fiber den engeren Fortachrittaring 
Mfincben-Heidelberg-Karlaruhe hinaua den Teg zu bahnen. Auf die Gefahr bin, daaa 
einige hochmdgende Konzertinstitute einmal in einem Winter nichta von Glazounoff 
oder Schtscberbatscheff bringen — zugunsten eines hochbegabten einheimiachen Kom- 
ponisten, der mit seinem „Leben ein Traum" wie mit aeiner „IIsebiIl" aich in den 
Generalatab der achaffenden Musiker unserer Zeit beftrdert bat. Ich darf kein Hehl 
daraua machen, daaa ich mich mit dem Auftauchen der Sprechatimme und dea Melodrama 
in der Sphlre der aymphoniachen Dichtung nach wie vor nicht befreunden kann. Aber 
ich erachte ea ala Feigheit, vor einem Werke zurfickzuweichen, daa so viel eigenartig 
empfundene und in aeinen beiden eraten S&tzen wirklich sch5n organiaierte Muaik bietet 
wie die in Frage atehende Partitur. Ober daa — ffir mein Geffihl — Diaparate von 
Inatrumentalmuaik und Rezitation kommt man leidlich hinweg, wenn man die Tondichtung 
in der Art zur Auffubrung bringt, wie der mutige Meiater Wolf rum es dem aus- 
geaprochenen Wunsche Kloaea gemlss zu Heidelberg tat: mit verdecktem Orcheater und 
bei verdunkeltem Saale. Paul Marsop 

MUSIKALIEN 

160. Theodor Stretcher: Vier Kriegs- und Soldatenlieder ffir Solo, Mftnner- 

chor und Blaaorcheater. Verlag: Lauterbach & Kuhn, Leipzig. 
In dieaen Chorges&ngen hat Theodor Streicher die grossen Hoffnungen, die aeine 
ersten Lieder erweckten, wieder vollauf gerechtfertigt. Sie aind almtlich „Dea Knaben 
w*underhorn" entlehnt, woraua aeine Phantaaie biaher atets ihre reichate Nahrung ge- 
aogen hat. Und abermala tritt hier des Kfinstlers verblfiffende Anschauungakraft zuuge, 
die daa Gedicht gleichaam zum eigenen Erlebnia macht und jede Einzelheit zu beleben, 
jede Dunkelheit zu erhellen, die inneren Verknfipfungen und aeeliachen Beziehungen 
darzulegen weiaa. Welchem andern Tondichter hltt* ea ein Gedicht wie .Tambura 



Digitized by 



Google 




207 
BESPRECHUNGEN (MUS1KALIEN) 



Jg 



Marsch zum Galgen" so leicht angetan? Streicher gibt ein Seelengemllde. Die kunat- 
loae, ungelenke Auadruckaweiae des schlicbten, armen Teufels rfihrt ihn, er achildert 
una seine dumpfe Todesangst, aein vdlligea Zusammenknicken und mutigea Zuaammen- 
raffen. Welche Draatik im ,Weinacbrtterlied«, welcbe dramatlache Lebendigkeit in 9 Der 
Kurmainzer Kriegelied"! Daa Glanzatfick bildet aber das proteatantiache ,KriegeIied 
gegen Karl V.«, daa beweiat, wie Streicher, der Impressionist, auch organiach ,arbeiten" 
kann. Ea loht ein geradezu eracbreckender Fanatismus aua dieaer Komposition, die in 
dem ganz ungezwungen daraus hervorwachaenden Lutberchoral gipfelt Daa Ganze iat 
ein Schlager eraten Ranges fQr evangelische MInnerch6re, die freilich fiber gute, aua- 
giebige Blaae verffigen mussen. Streichera Cboraatz liegt fiberhaupt nicht bequem. Daa 
Auadruckabedfirfnia drlngt den Komponiaten zuweilen zu ungew6bnlichen Anaprfichen 
an die Singer. Aber ,groaa iat daa Mfihen, berrlicb der Lohn". 

Dr. Richard Batka 

161. W. Malichevsky: Sonate pour Violon et Piano op. 1. Verlag: M. P. Belaieff, 

Leipzig. 
Beachtenawert besondera wegen dea langaamen Satzea und der viel Eigenartiges 
enthaltenden Variarionen, die zum Teil kleine aelbatftndige Stficke dem Umfang nach 
sind, Ihnlich wie in Tschaikowsky's Klaviertrio. Der ruaaiache Uraprung verrlt sich am 
wenigaten in dem an zu grosser Ausdehnung leidenden eraten Satze. 

162. Alexandre Winkler: Sonate pour Piano et Alto op. 10. Verlag: M. P. Belaieff, 

Leipzig. 
Eine hochwillkommne Gabe f&r die Bratachiaten, auch zum dffentlichen Vortrag 
aehr geeignet, aehr dankbar und dem Cbarakter dea Instruments entaprechend ge- 
achrieben. Auf den ernaten inhaltareichen eraten Satz folgt ein leidenachaftlichee, geiat- 
sprubendes Scherzo. Variationen fiber ein bretonisches Volkslied, die in jeder Hinaicbt 
beachtenawert sind, beachlieasen daa scb5ne Werk. Dr. Til helm Altmann 

163. Nicolai von Wilm: Suite fur daa Pianoforte zu vier HInden. No. 8, A-dur. 

op. 199. Verlag: C. F. Kahnt Nacbfolger, Leipzig. 
Alle ffinf SItze (Allegro energico, Romanze, Scherzando, Adagio, Finale) zeigen den 
gedankenreichen und gewandten Tonsetzer, der die Klaviertechnik vollauf beherracht und 
die Grenzen ihrea Ausdruckavermdgena mit feinem Gescbmack einzuhalten welaa. Daa 
vorliegende Werk zlhlt zu den beaten Originalarbeiten f&r Klavier zu vier HInden. 

Dr. Viktor Joss 

164. Otto Barblan: Paaume 117 pour double choeur a cappella. op. 12. Verlag: 

G. F. Kahnt, Leipzig. 
Der hochverdiente Orgelkomponist, ala der Otto Barblan bei alien ernaten Muaikern 
gilt, hat sich auf daa Gebiet dea unbegleiteten Chorgeaangea begeben und zwar gleich in 
der achwierigen Form dea Doppelchora. Es iat daa erate Cborwerk, das mir von dem 
Genfer Meister vor Augen kommt, und ich muss zu meinem groaaen Leidweaen aagen, 
dass nach dieaer Probe die Vokalmuaik Barblana Stlrke m. E. nicht iat. Die homophone 
Einleitung klingt gross und wirkungsvoll, daaaelbe kann man (mit Einachrinkungen) vom 
Schluaae aagen, der polyphone Mittelaatz aber zeigt von einem Verkennen der Eigentfim- 
licbkeit dea Choreatzea, wie ea bei einem Orgel-Virtuoaen und -Komponiaten begreiflich 
iat. Von Untauglicbkeit darf man in unaern Zeitlluften der wildeaten Chromatik und 
enharmoniachen Mehrdeutigkeiten gar nicht mehr reden (am achweraten aingen aich ja 
doch Dreikllnge), aber einen ao auageaprochenen Orgelatil soil man Singatimmen doch 
nicht zumuten. Daran indern intereaaante Steigerungen wie auf S. 14 nichta. Die ,Soci6te* 
du Chant Sacr^ de Gendve" wird'a ja mit helaaem Bemfihen ihrem berfihmten Landa- 
mann zuliebe geaungen haben, aonat aber PaulHielacher 



Digitized by 



Google 




NEUE MUSIK-ZEITUNG (Stuttgart) 1905, No. 11. - Paul Mtrsops Artikel „Mo- 
derne Kunst furs Volk« cmpfieblt, bei popullren Konzerten nicht klassische Werke, 
sondern Vertreter der Kunst unserer Tage aufcuffihren. August Richard bericbtet 
fiber R. Wagners „Tannaa*user in seiner Pariser Bearbeitung". Ein Aufsatz von 
A, Schuz betitelt sich ,Mystische Musikphlnomene", eine Studie von Max Putt- 
man n behandelt .Die Kirchenglocken". Ein Nekrolog .Max Erdmannsdftrfer* von 
Arthur Hahn und Edgar Istels Referat .Die erste Bruckner-Biograpbie" seien 
ausserdem erw&hnt 

DIE GRENZBOTEN (Leipzig) 1905, No. 10. — Der Aufsatz ,Beethovens Eroica* 
entrollt v zu ibrer Jahrhundertfeier* eine Entstehungsgeschichte dieser Symphonie 
und feiert sie wie alle ihre Scbwestern als Musik, die stets modern bleiben und nie 
historisch werden wird. 

KUNSTWART (Leipzig) 1905, No. 10 und 11. — Philipp Wolfrum spricht sich in 
seinem Artikel ,0ber Bearbeitung Bachscher Werke* ffir die Modernisierung Bachs 
aus. Ober „Heitere Musis* spricht K. Grunsky. 

MONATSHEFTE FUR MUSIKGESCHICHTE (Leipzig) 1905, No. 2. -Das Heft 
enthilt die Fortsetzung von „Das deutsche Lied im mehrstimmigen Tonsatze aus 
der ersten Halfte des 16. Jahrhunderts* und eine sehr sachlich gehaltene Aus- 
einandersetzung von Albert Mayer-Reinach: „Zur Herausgabe des ,Montezuma< 
von C. H. Graun in den Denkmllern der Tonkunst". 

ALLGEMEINE MUSIKZEITUNG (Charlottenburg) 1905, No. 7-11. - .Boieldieu- 
wird von Hugo Conrat als der liebenswfirdigste aller Kfinstler gefeiert Otto 
Lessmann — w Parsifal in Amsterdam — erkl&rt sich fur die holUndische Parsifal- 
Aufffihrung. Alfred Guttmann — „Cornelianische Lyrik" — bespricht Cornelius' 
Dichtung. E. O. Nodnagel behandelt „Mablers Symphonie No. 5". Endlich er- 
greift ,Zu M. Garcias 100. Geburtstag" Julius Stockhausen das Wort 

ZEITSCHRIFT DER INTERNATIONALEN MUSIKGESELLSCHAFT (Leipzig) 
1905, No. 5. — Albert G5hlers Nekrolog .Robert Eitner f« betrauert den „reg- 
samsten, opferfreudigsten, Ieistungsfthigsten" Forscher. Ein Aufsatz ton 
J. G. Prod'homme behandelt ,La question du concerto". 

NEUE ZEITSCHRIFT FUR MUSIK (Leipzig) 1905, No. 7-11. - .Die aus- 
l&ndische Klaviermusik der Gegenwart* wird von W. Niemann besprochen. 
R. M. Breithaupt handelt fiber ,Alte und neue Klavierschulen und Techniken"; 
„Zur [Erweckung des deutschen Volksliedes* spricht K. Th lessen; „Ermanno 
Wolf-Ferrari" biographiert H. Teibler. E. Schmitz bespricht in dem Artikel 
„Zur Literaturgeschicbte von Wagners Meistersingern" den schon oft besprochenen 
Zusammenhang Wagners mit Hoffmann, Deinhardstein und Lortzing von neuem. 
Ein Aufsatz von H. Cramer behandelt „Gber kunstlerische Gestaltung von Hans- 
musikabenden" und ffihrt Beispiele von Programmen zur Vorffihrung der Entwick* 
lung der Violoncellsonate von Geminiani bis Mendelssohn Oder eines Oberblicks 
fiber die Hausmusik Friedrichs des Grossen an. 



Digitized by 



Google 





CARL LOEWE 



IV- 15 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 







t 



\ ^j i ^J ... ..V .* u-j — I j , J / 





IV. 15 



SCHILLERS „WORDE DER FRAUEN* 
IN DER KOMPOSITION CARL LOEVES 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 




ANDREAS ROMBERG 





BERNHARD SCHOLZ 



MAX BRUCH 




IV. 15 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 



W -• 



J 



FRILDRICK— SCHILLLR 




( 18Q5WEIMAR WIE.r\ 1905 




FESTBLATT VON MAX KLINGER ZUR 
SCH1LLERFEIER DES WIENER KONZERTVEREINS 



IV. 15 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 




200 
REVUE DER REVUEEN 






LE MfiNESTREL (Paris) 1005, No. 6— 10. — Die Hefte enthalten die Fortsetzung von 
Arthur Pougin's Abh and lung fiber .Pierre Jelyotte" und von J u lien Tiersot's 
.Berlioziana" (letztere besch&ftigen sich mit dem .Benvenuto Cellini 41 ). 

MUSIKALISCHES WOCHENBLATT (Leipzig) 1905, No. 2, 3, 8, 9. - Die Er- 
lluterung .Das Scherzando vivace in Beethovens Es-dur-Quartett op. 127" von Eva 
Siegfried und W. Kes' Artikel .Einiges uber Beethovensche Symphonieen und 
ihre Instrumentation* (motiviert die Modernisierung) sind erwfihnenswert — Ferner 
beantwortet J. Vianna da Motta die Frage: ,Was soil ich uber Richard Wagner 
lesen?" — Als .Die vier berfihmtesten Messen der Musikgeschichte" erkllrt 
E. Schmitz Palestrina's „Missa papae Marcelli", Bachs h-moll Messe, Beethovens 
Missa solemnis und Liszts Graner Festmesse. 

SODDEUTSCHE MONATSHEFTE (Munch en) 1905, No. 1. — Kurz sei auf die 
ungedruckten Briefe hingewiesen, die unter dem Titel .Peter Cornelius und Richard 
Wagner" Carl Maria Cornelius verftffentlicht hat. 

M1TTEILUNGEN DER MOZART-GEMEINDE IN BERLIN 1905, No. 19. - Rudolf 
Genles Artikel „Die Melodie in der Kunst" kommt fiber historischen Auslegungen 
zu der Hoffnung, dass die auf der Ordnung und Festigkeit in der Form begrfindete 
Melodie nach einer Periode des Zerstftrungstriebes wieder zu ihrem unbestrittenen 
Rechte kommen werde. — Ebenfalls von Rudolf Genee sind die Mitteilungen 
.Nissens Mozart- Biographie und Konstanze", die auf einen Brief Konstanze Mozart- 
Nissens aus dem Jahre 1835 zurfickgehen und uber die lussere Entstehungsgeschichte 
von Nissens Buch Aufschluss geben. 

DEUTSCHE MONATSSCHRIFT (Berlin) 1905, No. 6.- R. M. Breithaupt tut — 
.Kunstmusik und Lebenskunst" — dar, dass heutzutage .Die Musik der Ideale 
mehr und mehr zur Musik des Realen ge word en" sei; die Kunstmusik dieser 
Tage ist uns haupts&chlich deshalb kein rechtes Lebensbedfirfnis, well sie am 
Abstrakt-Gegenstindlichen haftet. Die Musik ist heute .Gesellschaftskunst* ge- 
worden. — .Was wir ertrlumen und ersehnen, ist ein neuer Liederfruhling — sind 
goldene Melodieen, starke, leuchtende Frnchtgedanken. Was ist denn.auch Lebens- 
kunst anderes als eine Kunst, die uns dies Leben lebenswert erscheinen llsst?" 

TOONKUNST (Amsterdam) 1905, No. 8-9. — Hervorzuheben ist ein Artikel fiber 
.De Parzifal-Beweging" und ein solcher .Over Muziek-onderwijs in de school" 
von Daniel de Lange. 

KORRESPONDENZBLATT DES EVANGELISCHEN KIRCHENGESANG- 
VEREINS FUR DEUTSCHLAND (Leipzig) 1905, No. 4. - Otto Richters 
Aufsatz .Die Musik in ihrer Bedeutung ffir unser deutsches Volksleben" nimmt seinen 
Ausgang von der schmerzlichen Feststellung der Tatsache, dass die grosse Masse 
des Volks von den Wohltaten des tnodernen Kunstlebens unberfihrt bleiben mfissen. 
Gerade da, wo sie am notwendigsten wire, fehlt die Musik: im tiglichen Leben 
des Volkes. Die Vorschllge zur Besserung, die der Verfasser macht, beziehen 
sich hauptslchlich auf den Arbeiterstand: stldtische Verwaltungen, einzelne MInner 
und die Presse kftnnten hier je nach ihrer Weise helfend eingreifen. Der kleine 
Artikel .Zur Ausbildung der Organisten" (unterzeichnet .N.") stellt mit Freuden 
fest, .dass das wahrhaft kfinstlerische und das wahrhaft kirchliche Orgelspiel der 
hohen Stellung wieder wert geachtet wird, die ihm gebfihrt und die es einst jahr- 
hundertelang zum Segen ffir Kirche und Kunst innegehabt hat!" 

IV. 15 14 



Digitized by 



Google 




NEUE OPERN 

Emil von Abranyi: .Monna Vanna", Text nach Maurice Maeterlinck, sol! 

im November an der Budapester Oper ihre Erstauffuhrung erleben. 
Alfred Bruneau: .Lazarus*, nach dem hinterlassenen Buch Emile Zola's, be- 

titelt sich ein dramatisches Werk, an dem der Komponist zurzeit arbeitet. 
Francesco Catalano: .Murillo", Melodram in 1 Akt von Prof. Fabiani, soil 

demnlchst zur Auffuhrung kommen. 
Engelbert Humperdinck: .Das Wunder zu Kftln", eine dreiaktige Oper 

von Rainer Simons, Direktor des Kaiser-Jubilftums-Stadttheaters in Wien, 

schreibt der Komponist fur diese Bfihne. 
Michael Ivanow: .Eine alte Geschichte", Oper in vier Akten, ging in der 

Kaiserl. Oper zu St. Petersburg zum erstenmal in Szene. 
Bernhard Karlipp: .ATscha" erlebte ihre Urauffuhrung in Gleiwitz. 
August Weweler: .Der grobe Marker", eine dreiaktige komische Oper, soil 

ihre Urauffuhrung in Braunschweig erleben. 

AUS DEM OPERNREPERTOIRE 

Berlin: Fur die Wolzogenoper wurden bisher folgende Werke, von denen 
einige noch in der Sommerspielzeit zur Darstellung gelangen sollen, zur 
Auffuhrung erworben: .Der neue Dirigent", Singspiel in einem Aufzug 
von Karl Lentz, Musik von Ludwig Heidingsfeld, .Reklame", Musikalisches 
Lustspiel in einem Akt, Text und Musik von Martin Jacobi, .Die Pfahl- 
bauern*, komische Oper in drei Akten von Josef Laufs, Musik von Wilhelm 
Freudenberg, .Die Lotosblume", Liederspiel in einem Akt von Bruno 
Decker, Musik von Rudolf Nelson, .Majestlt haben bcfohlen", Sing- 
spiel in drei Akten aus dem Nachlasse von A. Gorlitz, .Johanna von 
Neapel*, Oper in einem Akt von Joan Manen, .Die fromme Helene", 
burleske Oper in drei Akten nach Wilhelm Busch, Musik von Ad. von 
Goldschmidt, .Die Minneburg", komische Oper in vier Aufzfigen, Dichtung 
von G. von Koch, Musik von Arnold Mendelssohn, .Die Kriegslist*, 
komische Oper in einem Akt von Franz Lfthrl, .Die Freier", von Gust. 
Klitscher, Musik von Alfred Schattmann, .Der Herr Kapellmeister", 
komische Oper in einem Akt von Ferdinand Pafir (Textbearbeitung von 
Hans Brennert und W. Kleefeld), und .Daniel in der L5wengrube% 
burleske Oper in drei Akten von Ernst v. Wolzogen, Musik von Leo Fall. 
Die Erftffnung der Komischen Oper an der Weidendammer Brucke 
(Direktion Gregor) 1st auf den 15. Oktober festgesetzt. Als ErSffnungs- 
vorstellung gehen .Hoffmanns Erzlhlungen" von Offenbach in Szene. 

Dresden: n Der Herr Kapellmeister 411 , komische Oper von Ferdinand Pafir,. 
soil in der Neufassung von H. Brennert und W. Kleefeld noch in dieser 
Splelieit am Opernhaus zur Auffuhrung gelangen. 



Digitized by 



Google 




211 
UMSCHAU 




Frankfurt a. M. : .Benedikt und Beatrice" von Berlioz wird in der Be- 
arbeitung Felix Mottls in diesem Monat in Szene gehen. 

Haag: In der KSnigl. Oper kam Louis Ganne's komlsche Oper .Les Saltim- 
banques* als Neuheit zur Auffuhrung. 

Magdeburg: Die Maifestspiele des Stadttheaters beginnen am 4. Mai mit 
einer AuffGhrung von Beethovena .Fidelio*. Am 7. gent .Don Juan*, 
am 8. .Figaros Hochzeit*, am 10. .Lohengrin", am 12. .Tristan und 
Isolde* und am 14. Mai .Die Meistersinger" in Szene. Es wirken mit: 
Marie GStze und die Herren Hoffmann, Nebe, Knupfer und Lieban 
(Berlin), Katharina Fleischer-Edel, Mathilde Frlnkel-Claus, Max 
Lohfing, Max Dawison, Josef Thyssen (Hamburg), Erik Schmedes, 
Fritz Raup (Wiener Hofoper), die Damen Delsarta und Huhn, die Herren 
Knote, Brodersen und Feinhals (Mfinchen), Frau Leffler-Burckard 
(Wiesbaden), die Herren Grahl und Greis (Braunschweig), Erika Wedekind 
(Dresden), die Damen Hensel-Schweizer und Kernic (Frankfurt a. M.) 
und die Damen Sedele und Quilling (Dessau). 

KONZERTE 

Bologna: Das Konservatorium (Liceo Musicale di Bologna) beging am 2. April 
die Hundertjahrfeier seiner Grundung. Der Ruf dieser Anstalt datiert 
von dem Zeitpunkte, als G. B. Martini die Leitung des Instituts in die 
Hand nahm; ihm ist auch die noch immer kostbare musikalische Bibliothek 
zu verdanken. In diesem Konservatorium studierte u. a. Rossini. Heut- 
zutage behauptet es noch immer in It alien den ersten Platz als Musikschule; 
diese wird jetzt von Enrico Bossi geleitet. In Bologna ist das Studium 
gerade der deutschen Musik alte Tradition. Die Musikdramen Glucks und 
Wagners haben sich von Bologna aus Italien erobert; die Oratorien HIndels 
werden ausser in Bologna wohl in keiner anderen italienischen Stadt zu 
Gehdr gebracht. 

Kftthen: Das Programm des 15. Anhaltischen Musikfestes, das am 6. und 
7. Mai stattfindet, enthllt fur den ersten Tag Liszts symphonische Dichtung 
.Prometheus* mit den sich anschliessenden Prometheus-ChOren, danach 
Bruckners B-dur Symphonie und sein .Te deum*. Der zweite Tag bietet 
Klughardts Fruhlings-Ouverture, drei Geslnge mit Orchester (Uraufffihrung) 
von Taubmann, Franz Mikoreys A-dur Klavierkonzert (Carola Mikorey- 
Munchen), .Tod und Verkllrung* von Strauss, Geslnge am Klavier von 
Max Reger, die Schlussszene des dritten Aktes aus den Meistersingern 
und Bachs Doppelkonzert ffir zwei Violinen (Herr und Frau Petschnikoff- 
Berlin). Von Gesangssolisten haben ihreMirwirkungzugesagt: Rose Ettinger- 
London, Iduna Walter-Choinanus-Berlin, Hanns Nietan -Dresden und 
Joseph Loritz-Munchen. 

Liegnitz: Fur das am 4. und 5. Juni stattfindende Schlesische Musikfest 
sind als Solisten verpfiichtet worden: Jeannette Grumbacher de Jong, 
LuiseGeller-Wolter,JohannesMesschaert. Dasdurch MitgliederderBres- 
lauer Philharmoniker verstlrkte Gesamtorchester dirigiert Dr. Georg Dohrn. 

Memel: Am ersten und zweiten Pfingstfeiertag (11. und 12. Juni) wird von den 
gemischten Chorvereinen der Stldte Gumbinnen, Insterburg, Memel, Stallu- 
pdnen und Tilsit das vierte litauische Musikfest gefeiert werden. Zur 
Auffuhrung gelangen: Hftndel (Judas Makkablus), Beethoven (Pastorale), 

14* 



Digitized by 



Google 




212 
DIE MUSIK IV. 15. 



H 



Bruckner (Te deum). Solisten: Emilie Buff-Hedinger, IdunaWalter- 
Choinanus, Richard Fischer, Alexander Heinemann. 
Turin: Das Programm der von der Societa di Concerti im Teatro Vittorio 
Emanuele Ende |April und Mai zu veranstaltenden Orchesterkonzerte 
lautet: I. und II. (Max Fiedler). Mendelssohn (OuvertGre „Sommer- 
nachtstraum*), Brahms (1. Symphonie), Tschaikowsky (Variationen aus 
der 3. Suite), Grieg (Peer Gynt-Suite), Wagner (Tannhluser-OuvertGre), 
Weber (Oberon-OuvertGre), Tschaikowsky (5. Symphonie), Haydn (Sym- 
phonie B-dur), Wagner (OuvertGre ,Der fliegende Hollander"; Feuerzauber). 
— 111. (Giovanni Bolzoni). Mozart (Idomeneus-OuvertGre; Klavierkonzert 
Es-dur; Adagio und Fuge c-moll), Rosario (Pax), Bolzoni (Fantasie in 
forma di waltzer), Sibelius (Der Sen wan von Tuonela), Tschaikowsky 
(Romeo und Julie), Donizetti (OuvertGre „Linda di Chamounix")* — 
IV. (Siegfried Wagner). Beethoven (Egmont-OuvertQre), Liszt (Orpheus), 
S. Wagner (OuvertGre „Herzog Wild fang"; Vorspiel 3. Aufzug „Kobold"; 
Tanz aus ,Herzog Wildfang"), R.Wagner (Siegfried-Idyll; Trauermusik aus 
,G5tterdlmmerung", OuvertGre ,Der Fliegende Hollander*). — V. und VI. 
(Arturio Toscanini). Sibelius (2. Symphonie), Strauss (Till Eulenspiegel), 
Svendsen (Norwegische Rhapsodie), Wagner (Vorspiel und Isoldes Liebes- 
tod), Beethoven (Pastorale), Sinigaglia (Piemontesische Tlnze), Elgar 
(Symphonische Variationen), Wagner (Waldweben). — VII. und VIII. (Felix 
Weingartner.)Bach (Suite fur Flfite und Stretcher), Gluck (Alceste-Ouver- 
t&re), Weber (FreischGtz-OuvertGre), Beethoven (7. Symphonie), Berlioz 
(Romeo und Julie), Weingartner (2. Symphonie), Liszt (Mazeppa). — IX. 
und X. (Giuseppe Martucci). Beethoven (OuvertGre Namensfeier op. 115), 
Martucci (2. Symphonic, 2 mal), Mozart (Andante und Menuett), Wagner 
(Karfreitagzauber, 2 mal), Schumann (Genoveva-Ouvert&re), Mozart (Ouver- 
tGre .Figaros Hochzeit"), Handel (Largo und Menuett), Beethoven 
(Leonoren- OuvertGre Nr. 3). — X. (Oskar Nedbal). DvoMk (.Aus der 
weiten Welt*), Smetana (,Sarka«; „Die Moldau"), Foerster (Cyrano von 
Bergerac), Nedbal (Tanz aus ,Der faule Hans*). 

TAGESCHRONIK 

Die Genossenschaft Deutscher Tonsetzer hat in der Hauptver- 
sammlung vom 26. Mlrz d. Js. den Bericht fur das erste Geschlftsjahr der von 
ihr gegrGndeten Anstalt fur musikalisches AuffGhrungsrecht genehmigt. Hiernach 
hat die Anstalt im Jahre 1904 einschliesslich der fur die Wiener Autorengesell- 
schaft vereinnahmten und von ihr bezogenen Geb&hren insgesamt Mk. 66592,50 
(darunter AuffGhrungsgebGhren im Betrage von Mk. 58168,39) erzielt und 
Mk. 35333^39 zur Verteilung gebracht. An die UnterstGtzungskasse der Genossen- 
schaft wurden Mk. 3388,47 Gberwiesen. Dieses Ergebnis wurde von der Haupt- 
versammlung mit um so grosserer Befriedigung aufgenommen, als die Anstalt 
anfangs mit erheblichen Schwierigkeiten zu klmpfen hatte. Der Erfolg entspricht 
ungeflhr den Ergebnissen, die die llteren ausllndischen Autorengesellschaften 
erst in ihrem sechsten Geschlftsjahre erreicht hatten. Hervorzuheben ist noch, 
dass der Ausschuss der Vertrauensmlnner, in dem namentlichjauch die hervor- 
ragendsten Musikverleger vertreten sind, seine voile Obereinstimmung mit der 
GeschiftsfGhrung der Anstalt ausgesprochen hat. 

Der Konflikt zwischen der Direktion des kaiserlichen Konserv'atoriums 
in Petersburg und einem Telle des Lehrpersonals hat seine Folgen^gehabt: 



Digitized by 



Google 




213 
UMSCHAU 




Rimsky-Korssakow hat seine Entlassung erhalten, well er Sffentlich den Be- 
mfihungen der Direktion urn die Herstellung der Ordnung entgegengewirkt habe. 
Nach dieser Massregelung hat der sechzigjfthrige, sich in Russland grfsster 
Sympathieen erfreuende Komponist auch die Wfirde eines Ehrenmitgliedes der 
kaiserlich russischen Musikgesellschaft niedergelegt. Des weiteren haben die 
Professoren A. Glazounow und An. Ljadow, auch in Deutschland bekannte 
russische Musiker, ihre Lehrtfttigkeit am Konservatorium niedergelegt. 

Der Warschauer Gutsbesitzer und Musikfreund Miecislav von Vessel hat 
teatamentarisch die , Warschauer Philharmonic" zur Universalerbin seines ge- 
samten VermOgens im Betrage von 1300000 Rubel eingesetzt 

Das Kuratorium der Joseph Joachim-Sti ft ung erllsst folgende Bekannt- 
machung: „AnlIsslich des 50)ihrigen Kunstlerjubilftums des Professors Dr. 
Joseph Joachim, Kapellmeister der KOniglichen Akademie der KGnste und Mit- 
glied des Direktoriums der KSniglichen akademischen Hochschule f&r Musik, 
ist eine Stiftung errichtet worden, deren Zweck ist: unbemittelten Schfilern der in 
Deutschland vom Staate oder von Stadtgetneinden errichteten oder unterstutzten 
musikalischen Bildungsanstalten ohne Unterschied des Alters, des Geschlechts, 
der Religion und der Staatsangehftrigkeit Prlmien in Gestalt von Streich- 
instrumenten (Geigen und Cell!) oder in Geld zu gewlhren. Bewerbungsfihig 
ist nur derjenige, welcher mindestens ein halbes Jahr einer der genannten An- 
stalten angehdrt hat. Bei der Bewerbung sind folgende Schriftstficke einzureichen: 
1. ein vom Bewerber verfasster kurzer Lebenslauf, 2. eine schriftliche Auskunft 
des Vorstandes der vom Bewerber besuchten Anstalt fiber Wurdigkeit und Be- 
durftigkeit des Bewerbers sowie die Genehmigung derselben zur Teilnahme an 
der Bewerbung auf Grund der zu bezeugenden Tatsache, dass der Bewerber 
mindestens ein halbes Jahr der Anstalt angehOrt hat. Die Ausantwortung be- 
ziehungsweise Auszahlung der zuerkannten Prlmien erfolgt am 1. Oktober cr. 
Eine Benachrichtigung der nicht berficksichtigten Bewerber sowie eine Rfick- 
sendung der eingereichten Schriftstficke findet nicht statt. Geeignete Bewerber 
haben ihre Gesuche mit den in Vorstehendem geforderten Schriftstficken bis ein- 
schliesslich den 1. Juni cr. an das Kuratorium der Joseph Joachim-Stiftung, Char- 
lottenburg 2, Fasanenstrasse No. 1, einzureichen. Spftter eingehende Gesuche 
kdnnen nicht berficksichtigt werden." 

Die Grundsteinlegung des Schiller-Theaters in Charlottenburg soil nach 
dem Beschluss der stidtischen Behdrden am 9. Mai in frfiher Morgenstunde 
erfolgen. 

Vom Senat der Stadt Lfibeck ist die Sch lies sung des fur die Sicherheit 
des Publikums und des Personals nicht genugende Garantien bietenden Stadt- 
theaters angeordnet. Lfibeck bleibt wlhrend des Jahres 1005/6 theaterlos. Ein 
neues Theater soil auf dem Lindenplatz in der Nine des neuen Bahnhofes 
errichtet werden. Der Bau soil ausschliesslich des Fundus eine Million Mark 
kosten. Der Senatsantrag unterliegt zurzeit der kommissarischen Prfifung durch 
den Burgerau88chus8. 

In Santiago de Chile ist am 18. Mlrz das Teatro lirico eingesturzt 
Leider sind dabei auch zahlreiche Menschenleben zugrunde gegangen. 

Am 10. April feierte Ludwig BSsendorfer, der Osterreichische Klavier- 
bauer, den 70. Geburtstag, zugleich sein 50 jlhriges Jubillum in seinem Berufe. 

Felix Weingartner ist von der Leitung des Kaim-Orchesters zurfick- 
getreten, die Georg Schneevoigt fibernehmen wird. 



Digitized by 



Google 




214 
DIE MUSIK IV. 15. 




Dr. Ernst Kunwald, seit einigen Jahren Kapellmeister am Opernhause 
in Frankfurt a. M., hat urn seine Entlassung aus diesem Amte nachgesucht and 
bewilligt erbalten. An seine Stelle wurde Hofkapellmeister Hugo Reich en - 
berger in Munchen engagiert. 

Kapellmeister Marco Grosskopf wurde ab 1. Oktober 1905 an das Stadt- 
tbeater in Mainz engagiert. 

Kapellmeister Ugo Afferni, der 9 Jahre an der Spitze des Orchesters des 
„Vereins der Musikfreunde" in L&beck stand, legt mit Ablauf dieser Saison seln 
Amt als Dirigent nieder. 

Max Reger wurde als Nachfolger des verstorbenen Professors von Erd- 
mannsdOrffer zum Dirigenten des Porgesschen Chorvereins in Munchen ernannt. 

Prof. G. B. Lam per ti ist mit seiner Gesangsschule von Dresden nach 
Berlin ubergesiedelt. 

Otto Kapler, Organist an der Luisenstadtkirche in Berlin, erhielt den 
Titel „K5niglicher MusikdirektorT 

Ernst von Possart wurde vom Grossherzog von Sachsen-Weitnar durch 
Verleihung der grossen goldenen Medaille 1. Klasse am Komturbande ausgezeichnet. 

Am 8. Mai d. J. findet in Munchen die Auktion einer sehr interessanten 
Sammlung musikalischer Medaillen aus dem Besitze des Herrn R.Epstein 
statt; die Sammlung, die fiber 600 Stficke zlhlt und wohl die grdsste derartige 
Spezialsammlung ist, wird durch das Haus Merzboeters Nachf., Munchen, Karl- 
strasse 10, zur Versteigerung gebracht, wo Kataloge auf Verlangen erhiltlich sind. 

TOTENSCHAU 

In Cbarlottenburg starb am 12. April Natalie von Grfinhof, geb. Eschborn, 
und wurde am 15. April in Hobenlubbichow i. d. M. beigesetzt. Unter ihrem Kfinstler- 
namen Natalie Frassini war sie vordem als Opernslngerin von ungewdhnlichem 
Kdnnen und gllnzenden Mitteln weithin beruhmt. Mannheimerin von Geburt ver- 
mfthlte sie sich mit dem Herzog Ernst Alexander von Wurttemberg und lebte nach 
dessen Tode (1868) in Berlin. Eine Tochter wurde die Gattin des vormaligen 
deutschen Botschafters in Rom, Baron v. Keudell. Die „Musik" wird demn8chst 
das Portrfit der Verstorbenen bringen. 

Am 6. April starb in Basel im Alter von 64 Jahren Josef Schild-Fermutsch, 
ein in den 1860 er Jahren vielgefeierter Tenor, ehemaliges langj2hriges Mitglied der 
Dresdener Hofoper. 

In Wiesbaden verschied im Alter von 33 Jahren die Konzertslngerin Komtesse 
Desiree vonSchmettow, die Tochter der Pianistin Grfifln Mathilde von Schmettow, 
die einst zu Liszt's Schfilerkreis gehSrte. 

Am 10. April starb nach schwerem Leiden in Berlin der aus der Glanzzeit 
der Operette im Friedrich-Wilhelmstldtischen Theater bekannte Operettentenor 
Carl Swob o da. 

In Kdnigsberg i. Pr. ist am 20. MSrz der M&nnerchor-Komponist Eduard 
Hermes im Alter von 87 Jahren gestorben. 

Am 31. MIrz verstarb Prof. Mathias Vallent-Schmitt, Mitglied der K5nigl. 
Ungarischen Oper, im 42. Lebensjahr. 

EINGESANDT 

Wir verdffentlichen im nachstehenden einen Brief Dr. Hans Richters an 
den Herausgeber der „Musik" in der Annahme, dass sein Inhalt die Allgemeinheit 
interessieren durfte: 



Digitized by 



Google 



8H. 



215 
UMSCHAU 




Sehr geehrter Herr Kollega! 
Gestatten Sie mir die Berichtigung eines Irrtumes. Im ersten M&rzheft d. J. 
der „Musik* wird berichtet, 1 ) dass der damalige „Famulus* R. Wagners, Herr 
Herman Zumpe, spftter General-Musikdirektor in Munchen, „noch in den letzten 
Tagen vor der Bayreuther UraufTQhrung (1876) nach Wagners Angaben" die Hinzu- 
fugung der Kontrafagottstimme ausgefuhrt hat. Das ist absolut unrichtig, trotz 
der persdnlichen Bestltigung Zumpes, der im Jahre 1876 gar nicht mehr in 
Bayreuth anwesend war und bei den Festspielen nicht mitgewirkt hat. Die Kontra- 
fagottstimme ist keine selbstlndige Orchesterstimme, sondern sie wurde von mir 
hinzugefiigt, um dem Tubabllser das Atemholen zu erleichtern, namentlich im 
„Siegfrled"; Herr Hofkapellmeister Franz Fischer besitzt die Partitur, in welcher 
meine Angaben ffir den Kopisten eingezeicbnet sind. Die musikalische Assistenz 
im Jahre 1876 bestand aus den Herren: Franz Fischer, Felix Mottl und Anton 
Seidl; dann wirkten noch mit: Herr Zimmer und Herr Lallas. Herr Zumpe 
verliess Bayreuth im Herbste 1875, nachdem er mit Anton Seidl einige Zeitlang 
— ich glaube zwei Jahre — in der sog. „Nibelungen-Kanzley* bei der Kopiatur 
der Orchesterstimmen tltig war. Aus einem kleinen Gedichtchen, das der Meister 
F. Fischern widmete, kdnnen Sie entnehmen, wie die beiden erstgenannten Herren 
ihren Pflichten nachgekommen sind. Ich glaube, dass Hofkapellmeister Fischer 
nicht zdgern wird, Ihnen die Verse zur Verfugung zu stellen. 2 ) — Ich erlaube mir 
noch, auf einen Unfug aufmerksam zu machen, der endlich abgestellt werden sollte. 
Obereifrige Freunde bezeichnen in Zeitungsartikeln ihre Schutzlinge gerne mit 
dem Ausdruck „Freund Wagners"; auch mir ist dies schon passiert. Das ist 
Unsinn! — Wie viele Unterschiede gibt*s da — ich will nur den Altersunterschied 
anfuhren — welche das Unsinnige und ginzlich Unberechtigte dieser Bezeichnung 
klar darlegen! — Das Verhlltnis zwischen dem grossen Meister und uns Kunst- 
jungern war folgendes: von seite des Meisters eifrigste Fdrderung unserer Be- 
gabungen und wahrhaft vlterliches Wohlwollen; unsrerseits Bewunderung, hin- 
gebendste Liebe, grdsste Verehrung. Wie kann man da von ,Freundscbaft" fabeln? — 

Hochachtungsvollst 

Ihr ergebener Kollega 

Hans Richter 



') in dem Aufsatz .Richard Wagner als Bearbeiter" von Dr. Wilhelm Kleefeld 
S. 337. 

s ) Hofkapellmeister Franz Fischer-MQnchen hat uns eine Abschrift der 
Verse, die der Meister ihm in die Siegfried- Partitur schrieb, in liebenswurdigster 
Weise zum Abdruck uberlassen. Sie lauten: 

Zumpe-Seidlscher Fehler-Verwischer, 
Cello-kuhn- mit Klavier-Vermischer, 
Schlechter Musik unerbittlicher Zischer, 
Zukunfts-Musik-Kapellmeister Fischer, 
Dilettanten-Orchesterspiels-Auffrischer, — 
Gische das Bier Dir immer gischer, 
Decke der Tisch sich Dir immer tischer! — 

Wer reimte wohl kQnstltcher und verschlag'ner, 
Als Ihr ergebener Freund Richard Wagner? 
Bayreuth, 28. Februar 1876. 



Digitized by 



Google 




OPER 

BERLIN: KSnigl. Opernhaus: .Die Heirat wider Willen«, komische Oper in drei 
Aufzugen von E. Humperdinck; Text frei nach einem Lustspiel von A. Dumas 
(U rati f fun rung). — Fast schien es, als ob auch Humperdinck ein Mann des ersten Werkes 
bleiben sollte, so wenig gelang es ibm, nach seiner Erstlingsoper .HInsel und Gretel* 
die Aufmerksamkeit des Publikums zu flnden. Nun endlich hat er einen zweiten Erfolg 
errungen, und der erst ist fur den Dramatiker von jeher entscheidend gewesen. Die 
Eigenheiten Humperdincks, wie sie sich aus seinen bisherigen Werken erkennen liessen, 
sind etwa diese: eine ungesuchte, liedgerechte Melodik, eine nur wenig lebhafte Mo- 
dulation, viel Sinn fur klare Formen, und nicht weniger fiir jenen reinen, edlen Orchester- 
klang, der sich ergibt, wenn das Streichquintett in Wahrheit, und nicht nur theoretisch, 
den Klangkftrper beherrscht. Das alles sind Eigenschaften, die vortreffiich zu einander, 
aber ganz und gar nicht zu dem passen, was „die Moderae" eigentlich will. Hinzu 
kommt die ausgesprochene Vorliebe Humperdincks fur die solide Durchfuhrung eines 
einmal gegebenen Themas. Mit solchen Flhigkeiten liessen sich vortreffiich Opern alten 
Stiles schreiben, mit ihren streng in sich abgeschlossenen Nummern; das musikalische 
Drama aber, das nur noch das Motiv und nicht das Thema mehr kennt, verlangt doch 
wesentlich andere Voraussetzungen. Nun, Humperdinck hat die Folgerungen zu Ziehen 
gewusst, die sich daraus fur ihn ergeben. Er, der Wagner doch wabrlich zu schiltzen 
weiss, entschloss sich zu einer scheinbar erzreaktionaren Handlung: er schob den ge- 
sprochenen Dialog wieder ein, trennte Nummer scharf von Nummer — und siehe da, 
es bekam seiner Musik ganz ausgezeichnet, sie gedieh und brachte es gar zum Erfolg. 
Sollen wir Humperdinck drum tadeln? Der Politiker weiss, dass es Wahnsinn wire, 
Lftndern verschiedener Kulturstufen dieselben Verfassungen geben zu wollen; dass fur 
die noch weniger entwickelte Kultur eine Freiheit, ohne die das reifere Volk nicht atmen 
kann, ganz einfach Gift sein wurde. Genau so ist es auch auf geistigen Gebieten. Auch 
da gibt es sozusagen Entwicklungsstufen, und die uberzeugtesten SchwSrmer der Nach- 
wagnerianer werden doch kaum behaupten wollen, dass ihre Heroen die musikdramatische 
Gestaltungskraft Richard Wagners erreichten. 1st es dann aber nicht der reine Wider- 
sinn, wenn diese Heroen trotzdem fur die von ihnen beherrschten Gebiete eine Ver- 
fassung einfuhren, fur die einstweilen nur die geistige Bevolkerung der Wagner-Partituren 
reif war? Und ist es nicht gut und recht, wenn ein anderer Herrscher einfach sagt: 
,Mein Volk bekommt die Verfassung, in der es am besten gedeiht"? Wer sich die 
Frage klar stellt, hat auch die Antwort. Das Publikum hat Iftngst seine Entscheidung 
getroffen. Zwei wirkliche Opernerfolge haben wir in diesem Winter erlebt. Der eine 
gait Wolf-Ferrari's ,Neugierigen Frauen*, der zweite dem Lustspiel Humperdincks. Beide 
Werke gehen bewusst zuruck auf die ftlteren Formen, die mehr von Symphonikern als 
Dramatikern ausgearbeitet wurden. Aber das Werk des Deutschen zeigt eine stJrkere 
Erflndung und eine reichere musikalische Kultur: es wird einen weniger lauten aber 
nachhaltigeren Erfolg haben. — Ein Wort noch fiber den Text. Die KomSdie „Le& 
demoiselles de Saint-Cyr* von Alexander Dumas liegt ihm zugrunde. Saint-Cyr ist ein 
Damenstifr, deren Vorsteherin die am Hofe Ludwigs XIV. allmftchtige Maintenon ist. ZweL 
Kavaliere sind so unvorsichtig, dort auf galante Abenteuer auszugehen. Sie werden 



Digitized by 



Google 




217 
KRITIK: OPER 




uberrascht und in die Bastille abgefuhrt. Bei Wasser und Brot sollen sie bier fest- 
gehalten werden, bis sie sich den beiden jungen Damen von St. Cyr verm&hlen wollen. 
Sic vult, sic jubet der KOnig. Sie ffigen sich, reisen aber unmittelbar nach der Trauung 
ohne ihre Frauen nach Spanien. Im steifen Spanien bekommen sie das Heimweh, die 
Spanierinnen sind im Grunde langweilige GeschSpfe, ihre eigenen Frauen waren schliess- 
lich gar so ubel nicht usw. Die beiden Frauen kommen unter fremdem Namen an den 
spanischen Hof, treffen ihre Manner auf einem Gartenfest und nach einigen obligaten 
Schwierigkeiten ist die Handlung reif zu dem bekannten Schlussbild mit den bekannten 
beiden Paaren. Bis auf den dritten Akt, der einige stlrkere dramatische Situationen 
bringt, denen Humperdinck nicht gewachsen ist, ist die Textumarbeitung durchaus ge- 
lungen. Alles in allem: ein wertvolles musikalisches Lustspiel, das nicht nur im Spiel- 
plan, sondern auch in der Musikgeschichte seinen Platz hat — Die Berliner Urauffuhrung 
leitete Richard Strauss, und seinem Temperament ist es zu danken, dass die Humper- 
dincksche Musik ihre voile Leuchtkraft entfaltete. Die beiden Liebespaare, deren 
Charakteristik die musikallsche Schilderung beherrscht, wurden gegeben von Frau 
Herzog und Herrn Hoffmann, Frlulein Destinn und Herrn Philipp. Sie veratanden 
es gut, auf das lebhafte Tempo einzugehen, das diese Oper verlangt und das dem Singer 
des Musikdramas nicht immer gellung ist. Eine ganz prlchtige Gestalt, humorvoll und 
lebendiger, als ihn Dumas wahrscheinlich geseben, schuf Herr Hoffmann als Duval. 

Willy Pastor 

BREMEN: Ganz zum Schluss der Saison kommt noch die Urauffuhrung von Otto 
Neitzels musikallschem Satyrspiel „Walhall in Not 41 heraus. Der Text ist 
zwar ein uberaus glucklicher Griff: Die Thrymskoidha der Edda, der groteske alt- 
germanische Wintermythus, in dem Thrym, der Winterriese, mit Mimes Hilfe Thors 
Hammer stiehlt und Loge, von Wotan ob seiner Unzuverlftssigkeit angeschnauzt, grollend 
mitsamt seiner Feuerlohe sudwftrts zieht, so dass dite weichlichen GOtter in Eis und 
Schnee schmlhlich vergletschern, bis Baldur, Wotans und einer schdnen Menschen- 
tochter Sohn, trotz Frickas energischem Widerspruch, Thors Hammer und den neuen 
Fruhling heraufffihrt. Wagners Wotan und seine Walhallgenossen bestreiten die Haupt- 
kosten der witzigen Parodie mit grotesker Wurde und erhabenem Pathos. Leider fehlt 
aber dem drei lange Akte langen burlesken Gdtterspiel die dramatische Geschlossenhelt. 
Neitzel hat durch zu viel Geist, durch zu viele witzige Couplets und durch Theater- 
maschinerieen-Gewitter, Wasserhose, Nordlicht und ein Isadoraballet (!) das dramatische 
Interesse an dem Stoff verzettelt. Musikalisch ist er aber hdchst amusant und voll 
feiner Parodie auf die jungste Orchesterdramatik. Richard Strauss' „Feuersnot* und 
.Don Quixote* und Hans Pfltzners Tropfenfall aus der .Rose vom Liebesgarten* werden 
ergdtzlich und mit origin eller eigener Erflndung auf das feinste persifiiert. Manchmal 
allerdings so fein, dass man die Persiflage ganz vergisst. Im ganzen ist die Parodie zu 
sehr artistisch; es fehlt das politische Lebenselement, das doch auch Offenbachs 
travestierte Olympiaden erst lebendig und wirkungsvoll machte. Immerhin wird man 
mit Neitzel, auch wenn dieser erste Schlag nicht gleich voll gelang, in Zukunft auch 
auf der Buhne rechnen mussen. — Eine zweite Novitlt, des vorzfiglichen italienischen 
Pianisten Rendano feinsinnige und glucklicherweise ganz unveristische Oper Consuelo, 
soil noch in dieser Woche folgen. Sie hat in Stuttgart und Mannheim schon Iftngst die 
Feuerprobe bestanden. Ihre Zelt durfte nun, da der Verismus deutlich abgewlrtschaftet 
hat, gekommen sein. Sonst gibt es nichts Neues. Dr. Gerh. Hellmers 

GRAZ: Von den drei Novit&ten des Spieljahres — Siegfried Wagners „Kobold", Wilhelm 
Kienzls M Don Quixote* und Richard He ubergers v Barfussele" — hat das Barf fissele 
den stlrksten lusseren Erfolg gehabt. Erhllt sich in der „Gunst des Publikums", weil es 



Digitized by 



Google 




218 
DIE MUSIK IV. 15. 



m 



dem Publikum entgegenkommt. Und doch kunstlerischer als das Publikum glaubt Peine 
Unterhaltungsmusik Ira Spielopernstil. Manchmal modern es Pathos, das in einer ddrf- 
lichen Idylle so wenig wahr ist, wie der dsterreichische Musikdialekt im schwSbischen 
Milieu. Aber das Ganze lebt vom warmen Blute einer echten Musikantennatur (das Wort 
im besten Sinne). Der Text, nach Berthold Auerbach von einem Theaterpraktiker 
<V. L6on) gemacht, ist guttheatralisch und buhnenpraktisch, nicht dichterisch neu ge- 
boren. Im Vorspiel viel falsche Sentimentalist: ein susslicher Vein, aus .Auerbachs 
Keller* bezogen; im zweiten Akte manche Linge. Daber auch manche Note zu viel, 
doch keine — und das ist echt Heubergersch — die nicht etwas bedeutete. Die Auf- 
fuhrung bot das Gute, das unsere besten Kr&fte leisten konnen, und der Letter des 
Werkes, Kapellmeister Ottenbeimer ist so rfihmenswert, als es seine Darsteller 
sind, die Damen: Stag], Westen, Pallik, Ullmann, Kraus und die Herren Gunther-Braun, 
Koss, Gill m an n und Reinecke. ,Barfussele" wird auch fiber andere Buhnen gehen und 
ge fallen: — die Unsterblichkeit mehrerer Saisons. Dr. Ernst Decsey 

LEIPZIG: Mit einer von ihm geleiteten Meistersinger-Aufffihrung, bei der von seiten 
des Orchesters vornehmer musiziert worden ist, als es sonst gemeinhin im Theater 
zu geschehen pflegt, hat am 2. April Prof. Arthur Nikisch sein neuestes Neben- 
amt eines Operndirektors des Leipziger Stadttheaters angetreten, und der starke Besuch 
der Auffuhrung, die sehr lebhaften Beifallsbezeugungen des Abends und die hoffnungs- 
beseligte Stimmung, mit der die erste Betfttigung des neuen Direktors von seiten weiter 
Kreise und auch von einem Teile der Presse aufgenommen wurde, scheinen es gut zu 
heissen, dass der hiesige Stadtrat durch Obertragung der Operndirektion an Prof. 
Nikisch einen weiteren Schritt in der Monopolisierung des hiesigen Musiklebens getan 
hat Weniger sanguinisch beanlagten Beurteilern erweckt die Wahl von Prof. Nikisch 
zum Operndirektor keinerlei besonders freudige Erwartungen. Eine grdssere Anzahl von 
Dirigiergastspielen des Gefeierten mit subtilerer Ausfuhrung des instrumentalen Opern- 
teiles wird das Gesamtniveau der hiesigen Opernvorstellungen nicht sonderlich erhdhen 
konnen, wohl aber steht bei der Doppelwirksamkeit des gleichen Dirigenten zu befurchten, 
dass die zum Teil durch die Eilfertigkeit und Buntheit des Repertoirebetriebes bedingte 
LIssigkeit des Theatermusizierens nun mehr noch auf die Gewandhauskonzerte abflrben 
werde, als das bisher schon gelegentlich an den Leistungen des Orchesters wahrzunehmen 
gewesen ist. Ein Theater, in dem allabendlich anderes geboten werden muss, bleibt dem 
Fluche eines oberfllchlichen halbwegs plebejischen Musikmachens verfallen, wogegen ein 
Konzertinstitut von der Art des Gewandhauses auf der H5he wahrhaft aristokratischer 
Kunstubung erhalten werden kann und muss, und es tut nicht gut, wenn der Adels- 
reprlsentant der Musik zum stSndigen Teilnehmer an musikalischen Volksfesten wird. 
— Zur erforderlichen Erganzung und Aufbesserung des Bfihnenmitgliederbestandes fur die 
Oper werden die Mittel jetzt noch weniger reichen als ehedem; denn abgesehen davon, 
dass der Rat der Stadt Leipzig in seltsamem Gegensatz zu den ihre Buhnen reich do- 
tierenden Fursten und Verwaltungen vieler anderen Kommunen an der Forderung festhfilr, 
aus der Theaterverpachtung eine Jahreseinnahme von 200000 Mark zu erzielen, wollen 
von den Theaterertrlgnissen statt des einen dahingeschiedenen Theaterleiters, der bereits 
behauptete, von seinen Ersparnissen aus friiberen Zeiten leben zu mussen, nunmehr dret 
Direktionsfamilien zehren: Frau Geheimrat Staegemann als Inhaberin des Pachtvertrages 
mit der Stadt, Herr Volkner als Schauspieldirektor und Mitinhaber des von Herrn Staege- 
mann hinterlassenen Fundus, und Prof. Nikisch als Operndirektor. Urn aber mit 
bescheidenen kunstlerischen Mitteln dem Ideale durchaus sorgfiltig und stilgerecht vor- 
bereiteter und kunstlerisch abgerundeter Opernauffuhrungen nahekommen zu kdnnen, 
dazu wire ein Mass von Arbeitswillen und Arbeitskraft erforderlich, wie es dem neuen 



Digitized by 



Google 




210 
KRITIK: OPER 




Operndirektor bei der Ffille seiner hiesigen und auswftrtigen Engagementsverpflichtungen 
wohl kaum noch zu Gebote stehen dQrfte. Schon ist es Prof. Nikisch nicht mdg- 
lich gewesen, alle 22 Gewandhauskonzerte und manche sonstige hiesige Musikauffuhrungen 
zu einer seinem genialen Musikerfassen und seinem wohlbegrundeten Renommee ent- 
sprechenden Vollkommenheit fflrdern — und seines Amtes als Studiendirektor am Kgl. 
Konservatorium fur Musik mit voller Gewissenhaftigkeit walten zu kdnnen, und so ist 
denn wohl von der Opernleitung des fiber menschliches Leistungsvermdgen Beschlftigten 
eine wahrhaft erspriessliche Liuterung und Hebung der hiesigen Opernverh&Itnisse nicht 
zu erhoffen. Sollte es wider Erwarten doch dazu kommen, so wird daruber auch an 
dieser Stelle sicher mit Freuden berichtet werden. — Heinrich Zoellners Musikdrama 
„Faust" ist in jungster Zeit noch zweimal wiederholt und vom Publikum sehr beifillig 
aufgenommen worden. Else Jaeger (Munchen), die als Elisabeth im y TannhIuser M 
gastierte, uberraschte ebensowohl durch anmutvolle Weichheit ihres Stimmmaterials als 
durch mancherlei gesangs- und atemtechnische Unreife. Arthur Smolian 

SCHWER1N: Als Urauffuhrung brachte das Hoftheater ,Myrrah", Oper in einem 
Aufzug nach dem dramatischen Gedicht „Das Opfer" von Wilh. Walloth bearbeitet 
und in Musik gesetzt von Georg Freiherrn von der Goltz. Eine tragiscbe Fabel wird 
in einen Akt zusammengedrlngt; fruher besassen die Einakter vorwiegend das Privi- 
legium des Humors und der Ausgelassenheit. Die Gescbichte der v Myrrah a behandelt 
eine Episode, der der altbabylonische Opferkultus der Gdttin Astarte zugrunde liegt Da 
sie sich aus dem okkultistiscben Milieu heraus an rein menschliche Gefuhle wendet, so 
vermag sie Sympathie zu erregen, namentlich durch das Schicksal der Myrrah. Das 
Werk hat keinen Berufsmusiker zum Urheber und es beansprucht sicher keine besondere 
Bedeutung im Rahmen der Musikgeschichte. Immerhin verdient die tuchtige Instrumen- 
tation, die musikalische Illustration der vorhandenen Stimmungen und die melodische 
Erfindung Anerkennung. Die Behandlung des Rbythmus und des Orchesterkolorits hltte 
noch mehr Abwechslung des Ausdrucks ergeben kdnnen. Auch stdren manche Lftngen. 
— Eine bemerkenswerte Auffuhrung ward Verdi's „Travlata" zuteil. Mit bedeutendem 
Erfolg sang Rose Mac Grew (Hannover) die Violetta, Herr Gura ausgezeichnet den 
Germont-Vater. * Fr. Sothmann 

WIEN: Endlich, am 6. April, in vorgeruckter Spielzeit, ist Pfitzners .Rose vom 
Liebesgarten'in unserer Hofoper zur Erstaufffihrung gelangt. Die tiefe Originalitlt 
des Werkes wurde von einem grossen Teil der ZuhOrer rlchtig empfunden — wlhrend 
sich der Minoritftt eine unverkennbare Erbitterung bemlchtigte. Ganz legitim — denn 
„Anderssein erregt Hass* sagt Stendhal. James Gruns Dichtung erschwert es allerdlngs 
dem Musiker Pfitzflcr, uns von seiner zweifellos vorhandenen musikdramatischen Vollkraft 
zu uberzeugen. Die Plastik der Gestalten tritt hinter den Reiz der Bildwirkungen und 
Naturstimmungen zuruck. Fruhling, Wald, Quellen und Bergesinnere werden uns durch 
die Musik weit nSher gebracht als Siegnot, Minneleide und der Nachtwunderer. Aber 
auch dieses Bedenken ist nur mit Einschrlnkung geltend zu machen. Denn bringt es 
auch Siegnot (Held als solcher) zu keiner besonderen Eigenart, bleibt auch der Nacht- 
wunderer, als Vertreter des y B0sen a ohne Umgrenzung, ein Theater- Wauwau, so wlchst 
doch die B Elfenk5nigin* mit ihrem von Naturinstinkten belasteten Streben nach hOherer 
Menschlichkeit wenigstens im ersten Akt zu einem ergreifenden Individuum empor. 
Ihrer Katharsis im zweiten Akt mangelt es freilich an Deutlichkeit und Oberzeugungs- 
kraft der Motive. Wo der Dichter dem Komponisten wirklich dramatisches Material, 
erkennbare psychologische Wandlungen und Dringen auf einen Hdhepunkt bietet, wie 
in der grossen Liebesszene, dort bewlhrt sich auch die dramatische Schlagkraft Pfltzners 
^ISnzend. Mit dem Moormann hat er ein Kabinettstfick musikalischer Charakterlsierungs- 



Digitized by 



Google 



H£_ 



220 
DIE MUS1K IV. 15. 




kunst geschaffen. Dieses in seiner Unbehilflichkeit und seiner versumpften Verwunderung 
fiber Kraft und SchSnheit rfihrende Naturwesen erleben wir als etwas ganz Neugeartetes 
durch die genial erfundenen Harmonieen Pfltzners. Man mag nun den dramatischen 
Vert der .Rose* hdher oder niedriger veranschlagen — gewiss ist, dass Pfltzner seinen 
Stoff in eine Musik getaucht hat, die erfinderisch, reich, hochadelig und bedeutend jedem 
erscheinen muss, der Ohren hat zu hdren. Aus reinstem Ather erklingen die Fruhlings- 
geslnge des Vorsplels, der Urwald wird in Weisen tflnend, die das fippigste Naturleben 
laut werden lassen, und das Innere des Berges erdrdhnt in dem genial verllngerten Tropfen- 
motiv wie von den Hammerschllgen Thors. Oberall herrscht Phantasie und Gemfit in 
dieser Musik, nirgends schleicht sich Raffinement und Berechnung ein. Weder im 
Orchester noch als Kontrapunktiker erscheint Pfltzner als ein Suchender oder muhsam 
weiter Spinnender — immer als einer, dem sich die Klangzauber aufdrlngen, dem sich 
das Verschlingen der Motive von selbst ergibt, well er polyphon erfindet. Findet Pfltzner 
eine Dichtung, die ihm Gestalten von festen Umrissen und Konflikte bietet, die den Zu- 
schauer unmittelbar — nicht erst nacb bohrender Ausdeutung — beruhren, so wird ihm 
sicher ein Meisterwerk gelingen. Die Aufffihrung in der Wiener Hofoper war, wie die 
aller von Direktor Mahler vorbereiteten Neuheiten — eine glinzende. Mahler hat einen 
schdnen Feuereifer entwickelt, die Absichten des Komponisten nach jeder Richtung zu 
verwirklichen. In Alfred Roller hatte er einen Heifer, der mit seiner grossen malerischen 
Begabung und feinem Verstlndnis fur das Dichterische des Vorwurfs seelisch belebte 
Scenenbilder schuf. Die Hauptrollen Siegnot und Minneleide wurden von Schmedes 
undFrauFdrster-Lauterervortrefflichgegeben. Eine Meisterleistung schuf Weidemann 
mit seinem Nachtwunderer. Solche Energie der Akzente ohne jeden Beisatz von Coulissen- 
reisserei erlebt man auf der Bfihne nur selten. Das Orchester der Hofoper steht fiber 
allem Lob. Es ist als Ganzes der grdsste Virtuose des Klanges. Gustav Schoenaich 

KONZERT 

BERLIN: Im letzten „Kfinstlerkonzert" wurden zwei russische Singer eingeffihrt: 
Michael Dalmatoff, ein bereits besser geschulter Bariton und Leo Sinowjew, 
dessen Tenor in der Hdhe glSnzend klang, aber noch gftnzlich unerzogen, undiszipliniert 
ist. Elly Ney spielte ein Klavierkonzert fls-moll von Stojowski mit starkem Tem- 
perament, sicherer reichentwickelter Technik; es scheint mit dieser jungen Pianistin ein 
wirklicbes Talent aufzutauchen. Klara Schwartz trug ein Violinkonzert von Dvorik 
sauber, klargestaltend in alien Einzelheiten, aber recht unindividuell in der Empfindung 
vor. — In der Philharmonie dirigierte Alexander Z. Birnbaum an der Spitze des Phil- 
harmonischen Orchesters eine Reihe franzdsischer Werke: Chabrier's Ouverture zur 
Oper .Gwendoline*, die Wallenstein-Trilogie von V. d'Indy und eine Symphonie c-moll 
mit Orgel von Saint-SaSns. Chabrier's Ouverture setzt mit kraftvollen Klftngen ein, 
die Musik hilt aber nicht im Verlauf, was der Anfang verspricht. Oberhaupt erschien 
mir die franzdsische Musik dieses Abends recht ftusserlich, sowohl die von Saint-SaSns, 
wie die von d'Indy. Wallensteins Lager, Max und Thekla, Wallensteins Tod nennen 
sich die drei SItze der Trilogie, die eben nur auf heiter, erotisch und serids gestimmt 
sind, uns aber nirgends in ein nlheres Verhlltnis zu den Personen des Schillerschen 
Dramas bringen. Weitaus das Beste war das Orgelspiel von Alexandre Guilmant. Der 
alte, ehrwfirdige Herr zeigte sich als echter Meister des Instruments mit dem Vortrag 
des Kantabile und Finale von C6sar Franc k. Herr Birnbaum dirigierte das Orchester 
mit jugendlichem Feuereifer. — In dem Konzert des Phiharmonischen Orchesters zum 
Besten seines Pensionsfonds ffihrte Nikisch nur Musik von Beethoven vor: die 
Leonoren-Ouvertfire No. 2, und die Eroica; dazwischen spielten die Herren Georg Schu- 



Digitized by 



Google 




221 
KRITIK: KONZERT 



m 



mann, Joachim und Hausmann das selten geh5rte Tripelkonzert mit vollendet feiner 
Abtdnung der drei Soloinstrumente. — Auch Bernhard Stavenhagen dirigierte in der 
Philharmonic ein Konzert, dessen Programm die erste Symphonie von Gustav Mahler 
brachte, die der Komponist vor etwa zehn Jahren selber dem Berliner Publikum vor- 
fuhrte, dann das Hexenlied von Schillings, dessen Text von Ernst von Possart gesprochen 
wurde and znm Schlnss Liszts „Hunnenschlacht*. Der Dirigent bewlhrte sich als 
temperamentvoller, sicherer Fuhrer des Orchesters. — An ihrem einzigen Klavierabend 
spielte Teresa Car re no Beethovens Waldsteinsonate merkwurdig vorsichtig; sie wollte 
diese Musik durchaus nicht virtuos anfassen und traute sich nicht ihrem Temperament 
die Zugel schiessen zu lassen, nahm das Tempo sehr langsam, vermied es sorgftltig, 
ihre Individualist mit der Beethovenschen Musik in Konflikt zu bringen, und so kamen 
beide nicht zu ihrem Recht. Als sie Chopin's Balladen in g-moll und As-dur vortrug, 
klang alles ganz anders unter ihren Fingern: erst dann kam die gl&nzende Pianistin zum 
Vorschein, die wir alle lieben und verehren. E. E. Taubert 

Die Abonnementskonzerte unserer Kammermusikvereinigungen sind fur diese 
Saison nun zu Ende. Das Trio tieorg Schumann, Halir, Dechert hot zuletzt Saint- 
SaBns* F-dur und Beethovens Es-dur-Trio op. 70. — dazwischen wiederholte Schumann 
.mit Dechert seine Violoncellsonate op. 19. — Artur Schnabel und Alfred Wittenberg 
spielten mit Otto Urack u. a. Gold marks zweites Trio; das erste scheint hier vdllig 
verschollen zu sein. — Das Halir-Quartett schloss mit einem Beethoven-Abend ab: 
f-moll Quartett, Serenade op. 8 und c-moll Qulntett nach dem Trio op. 1 frei bearbeitet; 
ricbtiger wire wohl gewesen, einmal das nach dem Blasoktett bearbeitete, aber durchaus 
selbst&ndige Telle enthaltende Quintett op. 4 vorzuf&hren. — Ossip Gabrilowitsch 
und Alexander Petschnikoff veranstalteten einen Bach-Beetb oven- Brahms- Abend, wieder 
ein Zeichen fur die grosse Bevorzugung der Klassiker durch unsere ausffihrenden Kunstler. 
— Marie Reimann und Julius Ruthstrftm hatten den Mut, miteinernur in den beiden 
Mittelsltzen geratenen, noch ungedruckten Phantasiesonate von Laurischkus auf- 
zuwarten. Eine Glanzleistung bot dann Ruthstrdm mit Rogers vierter Solosonate f&r 
Violine. — Elise Playfair wagte sich in diesem Jahre an das Brahmssche Konzert, fQr 
das sie durch ihre robuste Kraft und scharfe Rhytbmik nicht ungeeignet ist. Gut gelang 
ihr Bachs E-dur Konzert, noch besser Lalo's spanische Symphonie, die sie erfreulicher- 
weise vollstftndig spielte. — Gleichfalls mit dem Philharmonischen Orchester — aber 
unter Joachims Leitung — konzertierte Erika Besserer, eine entschieden muslka- 
lische, technisch weit vorgeschrittene Geigerin, deren Entwicklung auch noch nicht ab- 
geschlossen ist. — Des Vloloncellisten Henry Bramsens reifes Kunstlertum trat in 
Haydns D-dur Konzert und Beethovens A-dur Sonate, deren Klavierpart Conrad Ansorge 
spielte, auf beste zutage. Dr. Wilh. Altmann 

Der Kehraus brachte zuguterletzt eine freudige Oberraschung: ein echtes, rassiges 
pianistisches Vollblut: Elly Ney. Eine leidenschaftlich-cbaotische Tiefe der Empfindung, 
eine junge, starke Seele, eine unverbrauchte, frische Kraft bricht sich aus allem un- 
geheuer und siegreich Bahn. Die poetische Weichheit, ein individuell charakteristischer 
Gesultungstrieb und die au si ad ende Gewalt einer uberm&chtigen, berauscbenden Kraft- 
ffille stellen sie unter die ersten Begabungen der Zeit. Dies legt ihr dreifach die Ver- 
pflichtung auf, die Oberschwenglichkeit der Phantasle einzudlmmen, das feurige Gespann 
ihres Temperamentes im Zaum zu halten und die sinnlose und psycbisch-gefihrliche 
Extase eines alles vergessenden, trunkenen KunstgefQhls durch die souverlne Ruhe 
und Qberlegene Sicherheit des Kunstverstandes zu paralysieren. — Ein ausserordent- 
Hches, wenn auch ganz anders geartetes, Talent spricht auch aus dem Spiel von Paula 
Hegner. Hier ist Ton fur Ton auf sichere Schulung, Klarheit und absolute Exaktheit 



Digitized by 



Google 




222 
DIE MUS1K IV. 15. 



*»SSD 



gestellt. Ein keckes Temperament, ein festes, sicheres Anpacken des Instruments und 
ein gewisser virtuosischer Schmiss lassen ohne Zweifel Energie und Charakter erkennen. 
Aber ich ffirchte, die Klugheit wird die W*rme, die Brillanz jlie Gestaltung uberwiegen; 
denn der Empfindung fehlt's an Grazie, der Kantilene an Poesie, dem Instrumentellen 
an den dynamischen Zwischenstufen und dem geborenen Feingeffihl, von der Hftrte und 
Trockenheit der Akzentuation und der technisch-anfechtbaren, weil bockigen Akkord- 
technik zu schweigen. Rein intelligibele Ffthigkeiten wenigstens werden nie und nimmer 
die Gftttergabe der Inspiration ersetzen. — Zum Schluss erwlhne ich noch: Wine 
Hem pel, die liebenswfirdige Sachen eines begabten und deshalb wenig beachteten 
Komponisten: Clemens Schultze-Biesantz sowie die Wesendonksche Liederfolge von 
Schulz-Beuthen brachte, und Hansi Delisle, deren feine Noblesse leider die kuble 
Seele nicht zu verdecken vermag. Rudolf M. Breittaaupt 

Komik und Humor — welcher Gegensatz! Das zeigte so recht der .heitere 
Liederabend" von Robert Koppel. Dem k5stlichen Humor, der z. B. Loewes ,Hoch- 
zeitslied" oder Wolfs .Tambour* durchwebt, stand Koppel mlt seiner hanebuchenen 
Komik hilflos gegenfiber. — Das Programm des Toeppeschen Frauenchores hfttte 
erwas mebr solistiscbe Abwecbslung bringen kdnnen; cu vtel Frauenchor fillt auf die 
Nerven. Die Leistungen waren anerkennenswert. — Wenn man bedenkt, wie schwer es 
ist, die meist als Konzertslnger und -s&ngerinnen viel beschlftigten 9 Mitglieder der 
Bartbschen Madrigalvereinigung zu regelmlssigen Proben und Konzerten zu 
vereinigen, so wird man ihre vorzfiglichen Darbietungen um so hfther einsch&tzen mussen. 
— Marie de Sombreuil zeitigte nur dilettantiscbe Leistungen. — Elsa Berny erwies 
sicb auf ihrem Spezialgebiet, dem Koloraturgesang, als eine geschmackvolle Kunstlerin. 

Walter Fischer 

Plfiddemann-Abend. Ein eigenartiges Konzert nebst Vortrag wurde am 31. Mftrz 
im VI. Rathaus- Abend dargeboten. Es gait eine Rehabilitierung Martin Pluddemanns 
.eines Meisters der Ballade*. Herr Albert Pfeif fer aus Bonn hielt den fesselnden Vortrag. 
worin er Plfiddemanns Leben, seine Perednlichkeit, seine Werke eingehend beleuchtete> 
Welcher von den jfingeren bedeutenden Komponisten wire wohl mebr vernachllssigt 
worden als Pluddemann? Er hat uns eine grdssere Anzahl meisterhafter Balladen- und 
Legenden-Kom position en hinterlassen, von denen man wenigstens hier in Berlin nur 
lusserst selten der einen oder anderen begegnet. Mit Recht rfihmte daher Pfeiffer dlejenigen 
Persdnlichkeiten, die schon bei Lebzeiten oder nach seinem frfih erfolgten Tode sich 
Pluddemanns und seiner Werke wacker angenommen, wie Rich. Batka, Brabetz, Dr. Friedrich 
Lange. Wir vermissten dabei einige Namen: Phil. Roth, Dr. Osk. Schneider, Harzen-Mfiller, 
Jul. Zarneckow, Emil Severin traten schon am Grabe Plfiddemanns zusammen, um einen 
Verein zur Pflege seiner Musik zu grfinden, dessen Vorsitz dem Unterzeichneten angetragen 
wurde. Tatsichlich hat der Verein dann Pluddemanns Balladen so lange fiber Wasser 
gehalten, bis ihr vOUiges Verdringen nicht mehr moglich war. Namentlich hat Jul. 
Zarneckow sich durch vortrefflichen Vortrag der Plfiddemann-Balladen ein ebenso un- 
bestrittenes Verdienst erworben wie unter den Damen Luise Klosseck-Mfiller, die, 
an sich eine hervorragende Balladenslngerin, zugleich als erste Plfiddemann-SIngerin 
gelten muss. Neben ihr ist Else Vetter hervorzuheben. Dr. M. Runze 

PARIS: Der Bachkultus ist so gross geworden, dass er die Bildung einer neuen 
Konzertgesellschaft „Soci6t6 J. S. Bach* hervorgerufen bat, die am 11. MIrz 
ziemlich glficklich debutierte. Die in Paris immer grausamer werdende Konzertlokalnot 
hat die neue Gesellschaft in den christlichen Jfinglingsverein der Rue de Trevise gefiihrt, 
dessen Saal zentral gelegen und mit einer guten Orgel ausgestattet, aber im ubrigen 
wenig geeignet fur grosse Konzerte ist. Mit kleinem Chor und noch kleinerem Orchester 



Digitized by 



Google 




223 
KRITIK: KONZERT 




wurde die jugendfrische Kanttte y Die Elenden sollen essen" so ziemlich zustande gebracht. 
Die obligate Trompete fiel freilich zur Unzeit ein und daher musste Daraux seine gemiit- 
liche Bassarie zum zweitenmal beginnen. Guilmant steuerte ein Orgelstuck und Wanda 
Landowska das besonders dankbar aufgenommene g-moll Konzert fur Spinett und 
Orchester bei. Ein zweites Konzert beschrlnkte sich auf drei Solisten: Widor an der 
Orgel, Blanche Selva, ebenfalls eine geschitzte Bach-Spezialistin, am Klavier und 
Georges Enesco, der mit der Chaconne grosse Ebre einlegte. Der als Komponist nicht 
unbekannte Grfinder und Dirigent der „Soci6t6 J. S. Bach" Gustavo Bret hat seine Kr&fte 
noch nicht genugend in der Hand, aber die Wahl seiner Programme zeigt viel Ver- 
stlndnis. — In den grossen Sonntagskonzerten macht sich die Vorliebe fur grOssere 
Chorwerke immer mehr geltend. Die „Soci6t6 des Concerts" gab endlich die 
„B6atitudes" von C6sar Franck vollstlndig, verteilte sie aber ohne zwingenden Grand 
auf zwei Konzerte. Colonne und Chevillard rivalisierten wieder in Berlioz' .Faust* 
und das Urteil lautet wieder, dass Chevillard's Gewissenhaftigkeit weniger weit reicht, 
als Colonne's Temperament. Colonne, der auch Berlioz' Requiem und Francks Redemption 
wieder zu Ehren zog, erfuhr ausserdem die seltene Genugtuung, dass sein Publikum in 
zwei Konzerten den rftmischen Karnaval von Berlioz zweimal zu h5ren verlangte. Fur 
OrchesterstQcke ist das auch in Paris sehr selten. — Weniger Gluck hatten wiederum 
die Pianisten. Vielleicht hatte Frau Carrefio keine gute Wahl getroffen, indem sie bei 
Chevillard Liszts ungarische Phantasie vortrug, aber Fanny Davies wurde bei Colonne 
mit ungerechter HIrte behandelt, denn ihr Vortrag des siebzehnten Klavierkonzerts von 
Mozart war korrekt und zartfuhlend. Einen guten Eindruck machte bei Colonne die 
Berliner SIngerin Lola Rally, obschon das von ihr eingefuhrte prltentiftse .Ave Maria" 
von Max Bruch keinen besondern Wert beanspruchen kann. — Sehr viel zur Ver- 
breitung der Musikliebe in den mittleren Schichten der Pariser Gesellschaft trlgt schon 
seit Jahren der ehemalige Dirigent der komiscben Oper Dan be* durch seine Mittwoch- 
Nachmittags-Konzerte im Ambigu-Theater bei, denn die Preise ubersteigen nicht zwei 
Franken und meist wird da ein tuchtiges Streichquartett von hervorragenden Gesangs- 
solisten umgeben. Der Zulauf ist sehr stark. Am 15. MIrz liess sich Massenet aus 
alter Freundschaft fur Danbl herbei, sich als Begleiter seiner eigenen Werke ,ovationieren* 
zu lassen und das verschaffte uns die Bekanntschaft mit seiner gefilligen Liederserie 
fur vier Stimmen, die auf eine Obersetzung von Redwitz' .Amaranth" komponiert sind. 
Das Vokaiquartett Battaille machte soviel Gluck damit, damit es sie am nlchsten 
Sonntag im Orcnesterkonzert Le Rey wiederholen durfte. Wie ernst das Publikum 
Danb6's ist, zeigte sich Gbrigens darin, dass es den vortrefflichen Cellisten Bedetti, 
der das ergreifende Solo aus den Erinnyen vortrug, mehr feierte, als die beliebtesten 
Singer der Komischen Oper, die Danbe* und Massenet herbeigezogen hatten. — Die 
Soci6t6 Philharmonique schloss ihre Konzertserie des Winters mit elner geradezu 
triumphalen Joachimwoche. An funf Abenden kamen bei grdsstem Zudrang alle Streich- 
quartette Beethovens zur Auffuhrung. Joachim zeigte auch diesmal eine fur seine 
74 Jahre erstaunliche Frische und Ausdauer. Felix Vogt 



Wcgen RtummtngeU mussten fDr die nlchsten Hefte xurQck(estellt werden die Berlebte : Braunschweis, Dtrmstedt, 
Frankfurt, Kftln, Mtlnz, Petersburg, Stuttgart, Zurich (Oper) ; Bayreuth, Braunschweig, Bremen, Brueeel, Chicago, 
Darmatadt, Frankfurt, Haag, Hannover, Kdln, Kopenhagen, Leipzig, London, Madrid, Mainz, Melbourne, 
Milwaukee, Moakau, MQlhelm-Ruhr, New York, NQrnberg, Petersburg, Rheydt, Riga, Schwerln, Sonderburg, 

Stuttgart, Zurich (Konzert). 



Digitized by 



Google 




ANMERKUNGEN ZU 
UNSEREN BEILAGEN 




Wir beginnen mit der Wiedergabe des Schiller-Portrlt von Robert Krausse 
<ntch Tischbein), dts sicb im Arbeitszi aimer Richard Wagners in Wahnfried befindet. 

Das folgende Blatt, eine Schillerapotheose, istdem im Jahre 1833 erschienenen 
Bucbe „Schillers Pegasus im Jocbe nebst Andeutungen zu den Umrissen" von Moriz 
Retzsch entnommen. Das Blatt wird folgendermassen erklirt: „Vom Standpunkt einer 
reizenden Garten partie aus sieht man, angestrablt von der Sonne — der Sonne des 
Nachruhms — die hinter dem auf fernen Hugeln stehenden Musentempel ibre Strahlen 
emporsendet, das Flugelross mit seinem Reiter boch im goldenen Atber verschwebend. 
Ibm, dem Entscbwundenen, ist auf einsamer Insel ein Altar geweibt; die Harfe runt ver- 
lassen und nur vom Luftbauche gerubrt an den Altar gelehnt, umsprosst von Rosen und 
anderen Blumen; die Buste des Dichters umgibt ein Kranz, den die Verehrung auf 
schwebendem Nachen herbeibringt und, ibn fortwlbrend erneuernd, dem Singer weibt. 
Im klaren Weiber spiegeln sicb, wie in der Seele des Dichters, die GStter Griechenlands. 
Heilige Ruhe und susser Friede schweben fiber dem Ganzen." 

Von Musikern, die Schillers Lebensweg kreuzten, standen ihm seine Jugendfreunde 
Job. Andreas Streicher und Job. Rud. Zumsteeg besonders nahe. Fur das Bild von 
K. Fr. Zelter, diente uns ein Stich von Scbuler nach dem Gemllde von Begas zur Vorlage. 

Es folgt das Titelblatt der ersten Ausgabe von Zumsteegs Balladen. 

Auf dem nlchsten Blatt bringen wir die Portrlts dreier Mlnner, mit denen Schiller 
in Beziehung stand: des Komponisten Job. Fr. Reichardt, des Musikschriftstellers Job. 
Fr. Rochlitz, Stich von A. W. B6bm nach dem Gemllde von Schnorr v. Carolsfeld* 
und des Musiktheoretikers Job. Phil. Kirnberger nach dem Stich von Bollinger. 

Es folgt die erste Strophe von Schillers „Berglied" im Faksimile. 

Die drei Frauenbildnisse aus Schillers Weimarer Zeit stellen dar: die kunst- 
sinnige Anna Am alia, Herzogin von Sachsen- Weimar, die, eine treffliche Klavierspielerin, 
sich auch in der Komposition versuchte, die gefeierte Bubnenslngerin Corona SchrSter 
und Karoline Jagemann, gleich ausgezeicbnet als TragSdin und Slngerin. 

Das nlchste Blatt bringt die Ansichten der alten Theater von Mannheim und 
Weimar, der ersten und letzten Stltte von Schillers Triumphen. 

Das Loewebild ist die Nachbildung einer Photographie von Stolzenburg in Stettin 
<1864). Bei alten Schulern Loewee noch woblbekannt, gehdrt es doch zu den Seltenheiten. 

Zu dem Faksimile der Loewescben Komposition von Schillers „Wurde der 
Frauen" vgl. den Aufsatz von Dr. Runze S. 188. 

Es folgen die Portrlts der drei bekanntesten Komponisten des „Lied von der 
Glocke": Andreas Romberg, Bernbard Scholz und Max Bruch. 

Die anmutvolle Zeichnung von Max Klinger befindet sich im Programmbuch 
des Wiener Konzertvereins anllsslich der diesjlbrigen Schillergedenkfeier. 

Als Musikbeilage: eine moderne Vertonung von Schillers „Teilung der Erde" 
von Theodor Streicher; das Gedicbt ist auch von Haydn, Ruhberg, J. Strauss und 
K. Fr. Zelter komponiert worden. 

Nachdruck nur mit auadrQcklicher Erlaubnia des Vcrlages geatattet. 

Alle Rechte, inabesondere das der Obersetzung, vorbehalten. 

Verantworclicher Schrlftlelter: Kapellmeister Bernbard Schuster, Berlin SW. 11, Luckenwalderstr. 1. III. 



Digitized by 



Google 




fir eioe Singstlmme mit Begleitung des Pianoforte 



THEODOR STREICHER 




von 



Mit Genehmigung des Verlages 
LAUTERBACH & KUHN IN LEIPZIG 





Sehr gemesseu. 



^^-^y^p^^g ^^^^p 



Nehmt hin dieWelt! rief Zeus von sei - nen Ho - hen den Men-schen zu, nehmt, 



fe3*^ 



■«^ 



ff 



nip 



^mm^nt^Ei 



T? 



^ wm^m ^ 



^ 



*--±f=4 



:«;=f 



sic soil en - er seln! 



£3e3 



T—& 



w 



-U 



* A. 



ff 
A 






^£ 



---i-j— _-_L-..-_-^ 




dim. 



'€. 






WMMmZ MmM^mz^M^iE^ =^^^ ^^ 



Euohschenk ion sie zu Erb' und ew'- geni Le - hen; doch teilt euch 



i^ 



'^^^=^f=. 



*£ 



^m 





crtsc. 



^-afw 



Digitized by 



Google 



Pdolce 



In massiger Bewegung. J = J 



^^ ^*^m± A^E==& ~^*= 



33 



brii-der-Hch dar - ein! 



Da 



^H"~fe 



^oca rtf . ^ e ^ r My /A ;// isck 



* dim. ' *» 



J9 dolce 



nip 



s 



« 

^ 



z ^fjsfl^^^^ 



^^3i^g^Si-^^yj3- ^sJt^ -^^^Fll 



eilt, wasHiin.de hat, sich ein - zn-rich -ten, es reg - te sich ge-schaf- tig jung und 




mmmmm^^ 




^j := =^M 



\m S^^ ^ ^m-i^^-^ ^j^ im^mM 



^bpH-^=t==-g y3Jf- 



^--^ gjis^jfctf^ ^^*i 



alt. 



Der Ak - ker-mann griff nach des Fel - dcs Friieh-ten, der 




*rt 



**m 



=^W 



M 



"•£"■*"* 



poco a poco cresc. - 



nicht eilen 



U^k4^4^m ^m 



Wmm^yWW^^^ 



EEE71-^-^t-£¥ 



Jon - ker Mrs oh - te dnreh den Wold. 



Per 




o 





A 



B 



It : 



Digitized by 



Google 



MaSSig.(J sckneller als vorherJ) 




Kauf-mann nimmt, was sei-ne Spei - cher fas-sen, der Abt wahlt sich den ed-len 





'^FW^^&^^ifW 



Pir-ne-wein, der KcJ-nig sperrt die Brii-cken und die Stras-sen und sprach: DerZe-hente 1st 

^ ^ A A A 




) Etwas freieres Zeitmass 





naht der Po - et, 



er kam aus wei - ter Pern I 



m 



fe£ 



s 



"tt 



^S^ 



#* 



- -1^ -= B£ 






Digitized by 



Google 



Etwas lebhaft 



zuruckhaltend 



f*\-^fy=k4^t | ; J f J JUT J J>,J>Ji J I 



Acta, da war ii - ber-all nichtB mehr zu se - hen, und al - les hat-te sei-nen 



$m 




^F 



w 




sll^ 





ffirJ J .. I ^feu= - -j>=^j 



S 



* 



80 liess er laut der Kla - ge Ruf er - schal - len, 



und warf sich 




Digitized by 



Google 




A * 



^m 



zzct 



^ 



^^1 



m 




hin vor Jo - vis Thron. 

a a a A sehr ausdrucksvoll vnd gemessen 



¥ 



jgjJ E^EL-^: 



# — t 3 - 



V 



* 



-- A - - A -A 1 A -£t% -"A — A- - 



"f trffrmffi 



* A~— A~ 



1^. ^yjp 



fe=^^g =r-k -^^jjE^:--^T-^^ji=^^ ^ Mp=^ 



Wenn du iui Land der Trail -me dich ver- 






^ sehr weich 



* 



=^-lEE 



^ 






its- 



#^ 



P 



—l^Z^^r. 



zartund eindringlich 



wei-let, ver-setzt der Gott, so had - re nicht mit mir. Wo warst du denn, 




entruckt 




alsman dieWelt ge -teHet?„Ich war,sprachderPo - et, bei dirt" 




Digitized by 



Google 



Massig bewegt 

Mit inniger Etnpfindung. 




Mein Ange hing an deinem An - gesich - te, 



andeines HimmelsHarmonie mein 




sehr ansdrucksvoll. 



« 



ti i r j r 1 ^r ) a ^=x = j ^mr--rt}-tf 



hoch 



Ohrj ver-zeihMemGei-ste, der von deinem Lich - to berauscht, das Ir-di-schever- 




ver-zeih'demGei-ste, der von deinem Lich . te berauscht, das Ir - di-schever- 




Ivi Hauptzeitmass 



lor. Was tun? spricht Zeus, dieWelt ist weggege-ben. der Herbst, di« 



schw'er und zurilckhaltend 




Digitized by 



Google 



8 




I LLP i [ 




le -ben, 



so oft du kommst, er soil dir of - fen sein, 




r uf 



* J r j 4-f — =--4^ 



^ 



er soil dir of - fen 



so oft du kommst, 



langsam 





Stich a. Drnck: Berliner Musikalien 



Dmckerel G.m.b. H. Charlottenbnrg. 




DIEMUSIK 



£2= 



^= 



^D^ 




Ci 



KP 



AMERIKA-HEFT 



Wenn wir alle Schopfungen auf eine urspriingliche Kraft 
zuruckfuhren, so erkllrt sich das Gemeinsame in alien 
Werken hochster Kunst: dass sic allgemein verstindlich 
sind, dass sie uns in die einfachsten Stimmungen ver- 
setzen und religios sind , , . In glucklichen Stunden scheint 
uns die Natur eins mit der Kunst. Und der Mensch, in 
dem einfaeher Geschmack und Empffinglichkeit fur alle 
grossen Eindriicke starker slnd als die Zufalligkeiten einer 
lokalen und speziellen Bildung, der 1st der beste Kunst- 
kritiker. Und ob wir auch die Welt durchstreiften, urn das 
Schone zu finden, wir mussen es in uns tragen oder wir 
finden es nicht. OOOOOOOOOOOOO 

Ralph Waldo Emerson 




IV. JAHR 1904/1905 HEFT 16 

Zweites Maiheft 

Herausgegeben von Kapellmeister Bernhard Schuster 

Verlegt bei Schuster Si Loeffler 
Berlin und Leipzig 




Digitized by 



Google 




Henry T. Finck 

Bedeutende amerikanische Komponisten 

Arthur Laser 

Musikleben in Amerika 

Felix Weingartner 

Amerika 
Eine zwmglose Pltuderei 

Dr. Martin Darkow 

Stephen C. Foster und das amerikanische Volkslied 

Besprechungen (Biicher und Musikalien) 
Revue der Revueen 
Umschau (Neue Opera, Aus dem Opernrepertoire, 
Konzerte, Tageschronik, Totenschau, Eingesandt) 
Kritik (Oper und Konzert) 
Anmerkungen zu unseren Beilagen 
Kunstbeilagen 
Musikbeilagen 
Anzeigen 



DIE MUSIK erscheint monatlich zwei Mai. Abonnementa- 
prela fUr daa Quartal 4 Mark. Abonnementapreis flir den 

Jahrgang 15 Mark. Preia dea einzelnen Heftea 1 Mark. 

Vierteljahraelnbanddecken a 1 Mark. Sammelkaaten fur die 

Kunstbeilagen dea ganzen Jahrganga 2,50 Mark. Abonnements 

durch jede Buch- und Muaikalienhandlung, fur kleine Platte 

ohne Buchhindler Bezug durch die Post. 



Digitized by 



Google 





|hfr ever reads an American book" — „wer liest jemals ein amerika- 
nisches Buch? a fragte ein englischer Schriftsteller vor einigen 
Dezennien. Er hatte damals Grund dazu, denn selten sah man 
in einem englischen Laden oder Hause ein in Amerika ge- 
schriebenes Werk, und sogar in Amerika selbst war die aus England ein- 
gefuhrte Ware populflrer als die einheimischen Romane und anderen 
Schriften. Die Zeiten haben sich jedoch geflndert. In England werden 
jetzt so viele Bucher aus den Vereinigten Staaten importiert, dass die Ver- 
leger sich daruber beklagen, und in Amerika selbst kommt es gegenwfirtig 
selten vor, dass ein besonders populflres Buch einen englischen Ver- 
fasser hat. 

Mit der Musik stehen wir leider noch auf dem Standpunkt, den 
fruher die Literatur einnahm. „Wer spielt jemals ein amerikanisches Stuck 
oder singt ein amerikanisches Lied?" kann man jetzt noch in England oder 
Deutschland fragen, von Frankreich oder Italien gar nicht zu reden. Das 
schlimmste dabei 1st, dass wir uns nicht daruber beklagen konnen, denn 
wir selbst kummern uns wenig um unsere eigenen Komponisten. Amerika- 
nische Opern hdrt man nie, und in den Konzertsalen sind hdchstens zwei 
bis drei Prozent der Stiicke einheimische Produkte; das ubrige kommt aus 
Deutschland, Italien, Frankreich, Russland und Skandinavien. 

Allerdings ist eine solche Situation nichts Neues in der Musik- 
geschichte. Hat man doch selbst in Deutschland bis zum Erscheinen des 
.Freischutz" dem Auslftndischen, besonders dem Italienischen, den Vorzug 
gegeben. Musste nicht Mozart fast alle seine Opern italienisch schreiben, 
und hatte der arme Weber nicht viel zu leiden unter der Tyrannei der 
italienischen Vorherrschaft in deutschen OpernhSusern? War es nicht 
spater Shnlich in den Konzertsalen von Frankreich? Guiraud, in seinem 
Buche fiber Bizet, gibt ein anschauliches Bild von der Situation in Paris 
vor vierzig Jahren; er beschreibt die Kflmpfe, die Pasdeloup zu bestehen 
hatte, weil er neben den deutschen Klassikern auch fur franzdsische Kom- 
ponisten — darunter Bizet, Massenet, Saint-SaSns — Raum schaffen wollte; 

16* 



Digitized by 



Google 




228 
DIE MUS1K IV. 16. 




die Zeitungen schimpften, und die Zuhorer drohten, ihr Abonnement nicht 
zu erneuern! Ich erinnere mich sogar, vor wenigen Jahren in der Pariser 
Korrespondenz der .Frankfurter Zeitung a gelesen zu haben, dass Arthur 
Nikisch dort ein Konzert mit ausschliesslich franzosischem Programm geben 
wollte, zuletzt aber davon Abstand nahm, weil man ihm sagte, das sei zu 
riskiert. 

Die franzosische Musik ist fiber dreihundert Jahre alt, die amerika- 
nische kaum funfzig; es ware also ungerecht, von uns in der kurzen Zeit 
zu viel zu erwarten. Und doch hat Amerika schon Treffliches geleistet — 
viel mehr als man in Europa weiss und glaubt. Hier ist gleich zu nennen 
John Knowles Paine, von dem man sagen kann, dass er nicht nur der 
Nestor der jetzigen amerikanischen Komponisten ist, sondern tiberhaupt 
der Erste war, der hierzulande die grossen Kunstformen beherrschte und 
darin wirklich Originelles leistete. Er wurde am 9. Januar 1839 in Port- 
land, Maine, geboren und wirkt jetzt noch als Professor an unserer ersten 
Universitat, in Harvard. 

Das erste, was einem bei Paine auffailt, ist, dass er seine musikalische 
Erziehung in Deutschland erhielt; und dies ist typisch: bei fast alien unserer 
bedeutenderen Komponisten ist das der Fall gewesen, und ich sehe darin 
einen Grund, warum man ihnen in Deutschland mehr Sympathie entgegen- 
bringen sollte. Im Alter von 19 Jahren ging Paine nach Berlin, wo er Orgel, 
Komposition und Gesang unter Haupt, Wieprecht und Teschner studierte. 
Drei Jahre blieb er dort und trat wahrend dieser Zeit in verschiedenen 
deutschen Stadten als Orgelvirtuose auf. Nach Amerika zuruckgekehrt, 
wurde er im Jahre 1862 Privatdozent an der Harvard - Universitat. Im 
Jahre 1875 wurde daraus eine Professur fur Musik — die erste der- 
artige an irgendeiner amerikanischen Hochschule. Im ersten Jahre musste 
sich Paine mit einem Dutzend Studierender begniigen ; jetzt sind fur mehr 
als zweihundert Studierende drei Assistenten notig, und verschiedene 
andere UniversitSten haben das gute Beispiel nachgeahmt. Paine ist also 
fur die Musik in Amerika in mehr als einer Weise epochemachend ge- 
wesen. Unter seinen Schulern, die sich als Komponisten, Lehrer oder 
Kritiker einen Namen gemacht haben, sind zu nennen: Foote, Burden, 
Thompson, Converse, Atkinson, Coerne, Atherton, Hill, Surette, Johns, 
Spalding, Apthorp, Goepp, Aldrich, Gardner. Auch Schreiber dieses Auf- 
satzes gedenkt mit Gefuhlen der Dankbarkeit des Unterrichts und der 
Anregungen, die er in seinen UniversitStsjahren von Paine erhielt. 

Paine ist keiner von den Vielschreibern, die da glauben, sie mussten 
jeden Tag so und so viele Seiten leisten, wie man sich etwa voraimrat, 
tiglich ein oder zwei Stunden spazieren zu gehen. Deswegen findet sich ver- 
haltnismSssig viel Gutes unter seinen Arbeiten. In seinen fruhesten Werken 



Digitized by 



Google 





229 
FINCK: PEDEUTENDE AMERIKAN1SCHE KOMPONISTEN 

herrscht allerdings, wie zu erwarten, der deutsche Einfiuss vor; man hort Bach; 
Mendelssohn und andcre Vorbilder heraus; in seiner ersten grdsseren 
Komposition besonders auch HMndel. Dieses Werk, „St. Peter", wurde im 
Jahre 1874 von der beruhmten „ Handel- und Haydn-Gesellschaft a in 
Boston gesungen, und bezeugt, dass Paine schon damals ein Meister der 
Technik war. Das Werk hat sich nicht im Repertoire erhalten, behauptet 
aber dennoch seinen historischen Wert, als nicht nur das erste, sondern 
auch bis heute beste amerikanische Oratorium. Man kann nicht sagen, 
dass sich die Amerikaner uberhaupt besonders fur diese Kunstgattung 
interessieren, wdhrend sie in England ja bekanntlich immer noch die Haupt- 
rolle spielt. Sogar in New York, mit seinen 4000000 Einwohnern, wo 
schon 1873 eine „Oratorio Society" von Leopold Damrosch gegriindet 
wurde, ist so wenig Verlangen nach solchen Werken, dass die genannte 
Gesellschaft schon langst eingeschlummert wfire ohne HSndels „Messias", 
der jedes Jahr als Weihnachtsgabe zwei voile Hfiuser macht, deren Ertrag 
dann das Defizit der anderen zwei oder drei Konzerte decken muss. 

Dem Oratorium „St. Peter" schliessen sich einige Kantaten an, darunter 
„Die Geburt Christie („The Nativity") mit einem gewaltigen Schluss- 
chor; diese gilt als eines von Paine's besten Werken. Von grosserer Be- 
deutung ist jedoch die Musik, die er zura „6dipus Tyrannos" von 
Sophokles schrieb, als diese Tragodie im Jahre 1881 von Harvard-Studenten 
in der Originalsprache aufgefuhrt wurde. Die Partitur besteht aus einer 
Einleitung, Choren, sechs Oden und einem Nachspiel fur Orchester. Der 
Komponist machte es sich nicht zur Aufgabe, eine Imitation der griechischen 
Musik — von der wir ohnehin fast nichts wissen — zu versuchen, sondern 
er wollte eine Musik schaffen, die einerseits zur Tragodie passt und anderer- 
seits auf moderne ZuhSrer einen ahnlichen Eindruck machen wfirde, wie 
die verlorene Originalmusik auf die Griechen. Ob ihm das gelungen ist, 
kann nattirlich kein Mensch sagen; aber soviet steht fest, dass die Musik 
eine tiefe Wirkung hervorbrachte. Sie wurde gleich im ersten Jahre mit 
der Tragodie ein halbes Dutzend Mai wiederholt, auch spSter anderwirts; 
die Einleitung und einzelne Nummern sind oft Bestandteile unserer Konzert- 
programme gewesen. Ein Vergleich dieser Partitur mit. Mendelssohns ahn- 
lichen Werken durfte auch deutsche Gelehrte interessieren. 

Fur das Musikfest in Cincinnati 1888 komponierte Paine eines seiner 
originellsten Werke, die Kantate „Song of Promise". Li Hi Lehmann 
war Solistin bei der ersten Auffuhrung. Besondere Beachtung verdient 
die Tatsache, dass er vier Jahre spMter im Auftrage der Verwaltung der 
Chicagoer Weltausstellung einen Kolumbus-Marsch fur die Eroffnungs- 
feierlichkeiten komponierte. Bei der Philadelphia-Ausstellung im Jahre 
1876 war es anders gewesen. Damals schrieb Richard Wagner auf Ver- 



Digitized by 



Google 






230 
DIE MUSIK IV. 16. 




langen seinen Centennial-Marsch, sein schwichstes Werk, von dem er ja 
selbst gesagt haben soil, das Beste daran seien die 20000 Mk., die er 
daffir bekara! 

Dem Liede, das bei fast alien anderen amerikanischen Komponisten 
eine so wichtige Rolle spielt, hat Paine wenig Aufmerksamkeit geschenkt; 
dagegen hat er sich fast ein Jahrzehnt mit einer Oper beschaftigt, deren 
Text er selbst dichtete. Sie betitelt sich „Azara" und ist bei Breit- 
kopf & Hflrtel mit deutschem und englischem Text erschienen. Das Buch 
lehnt sich an die alte provenzalische Erz&hlung „Aucassin und Nicolette* 
an, die Musik ist unterhaltend und modern in Charakteristik und Technik. 
Die Maurischen TSnze aus „Azara" sind oft in unseren Konzertsfllen gespielt 
worden, und Direktor Heinrich Conried vom Metropolitan-Opera House 
in New York unterhandelt gegenwartig mit dem Komponisten, so dass 
eine baldige Auffuhrung wohl zu erwarten ist. Naturlich stehen einer 
solchen Originalauffuhrung in Amerika noch viel mehr Schwierigkeiten 
entgegen als in Deutschland, da unser Publikum sich Neuigkeiten gegen- 
uber merkwurdig sprode verh&lt, wenigstens im Opernhause. 

Abgesehen von dieser Oper Hegt der Schwerpunkt von John Paine's 
Schaffen unstreitig im instrumentalen, besonders orchestralen Gebiet. Unter 
seinen Klavierwerken ist besonders zu empfehlen das ,Album of Piano- 
forte Pieces*, das verschiedene charakteristische Stiicke mit poetischen 
Titeln & la Schumann enthilt. Von seinen zwei Symphonieen ist nur 
die zweite im Druck erschienen, obgleich der langsame Satz der ersten 
besondere Beachtung verdient. Die zweite, mit dem Titel v Im Fruhling", 
hat funf Satze: w Des Winters Abschied, Erwachen der Natur, Mai-Nacht, 
Eine romantische Geschichte, Die Pracht der Natur". Sie ist jedoch Pro- 
grammusik mehr im Sinne der Beethovenschen Pastoralsymphonie als 
in dem der ultramodernen Tonmalerei. Von rein musikalischem Stand- 
punkt 1st diese Symphonie ein Meisterwerk, bei weitem das Beste, was 
Amerika auf diesem Gebiete seither geleistet; sie ist nicht nur in den Ver- 
einigten Staaten, sondern auch in Berlin, Hamburg, Leipzig und Wien mit 
Erfolg aufgefuhrt worden, doch nicht so oft wie sie es verdiente. Noch 
bedeutender und empfehlenswerter sind seine zwei symphonischen Dich- 
tungen: »Der Sturm* und die „Inselphantasie*. In diesen zeigt sich 
Paine von seiner modernsten Seite, besonders in letzterer, die ihre Ent- 
stehung zwei Bildern verdankt. Diese Bilder, von Appleton Brown gemalt, 
zeigen Ansichten von den „ Isles of Shoals" benannten Inseln, nahe der 
Kfiste von New Hampshire, wo Paine oft im Sommer weilt. Die Musik, 
die das Meer in verschiedenen Stimmungen sich hdren lasst, ist hdchst 
interessant. 

Zum Beginn seiner Laufbahn war Paine, wie schon angedeutet, 



Digitized by 



Google 





231 
FINCK: BEDEUTENDE AMBRTKA NISCHE KOMPONISTFN 

sehr konservativ im Geschmack und Urteil; in scinen spiteren Werken 
jedoch zeigt er sich kiihn und modern auf harmonischem Gebiete; seine 
Instrumentation zeitigt oft prachtvolle Bliiten. Vor dreissig Jahren zMhlte 
er zu den Gegnern Wagners; allm&hlich aber wurde aus dem Saulus ein 
Paulus, und als vor zwei Jahren das Wagner-Denkmal enthiillt wurde, war 
er es, der als Reprasentant der amerikanischen Musik nach Berlin geschickt 
wurde, urn das GedMchtnis des Meisters zu ehren. Bei dieser Gelegenheit 
wurde die Ouverture zu seinem „6dipus" aufgefuhrt. 

Noch mancbes wire fiber Paine's Schaffen und Wirken zu sagen, doch 
darf ich nicht zu lange bei ihm weilen, und will nur noch erwMhnen, dass 
seine zwei letzten Kompositionen — eine Musik zu den Schlusszenen von 
„Die Vogel" des Aristophanes und ein offlzieller .Hymn of the West", 
fur die ErSffnung der Weltausstellung in St. Louis — sich seinen aller- 
besten Werken anreihen. — 

Hugo Riemann macht in seinem „Musiklexikon" Grieg den Vorwurf, 
dass er sich die Bescbrftnkung nationaler Charakteristik auferlegt und 
start der musikalischen Weltsprache mehr oder weniger einen lokalen 
Dialekt spricht. Paine's Musik kann man einen solchen Vorwurf nicht 
machen. Es ist darin wenig oder nichts, das nicht ebensowohl von einem 
modernen deutschen Komponisten hStte geschrieben werden kdnnen. Man 
kann die Sache aber auch von einem anderen Standpunkt aus ansehen. 
Tschaikowsky erzflhlt in einem seiner Briefe an Frau von Meek, dass Hans 
Richter im Jahre 1878 seine dritte Symphonie in einem Wiener Konzerte 
auffubren wollte: „nach einer Probe hat aber der Vorstand der phil- 
harmonischen Gesellschaft die Symphonie zu russisch gefunden und die- 
selbe einstimmig abgelehnt". Seit jener Zeit haben die Wiener, und die 
Musikliebhaber allerw&rts, noch viel „ russisch ere* Musik zu geniessen ge- 
lernt, ebenso wie die Feinschmecker aller Nationen den Kaviar zu sch&tzen 
wissen. In der Tat, man verlangt jetzt besonders nach einem pikanten natio- 
nalen Ton: man liebt Liszt und Dvor&k, Grieg, Chopin und Tschaikowsky 
mehr und mehr, eben weil sie Ungarn, Bdhmen, Norwegen, Polen und 
Russland in der Musik reprMsentieren. Und das fiihrt uns auf die wichtigen 
Fragen: „Gibt es eine eigentlich amerikanische Musik, und wird 
es jemals eine geben?* 

Es ist anerkannt, dass der eigentumlicbe Geist der Musik irgend- 
eines Landes sich grossenteils aus dem Volksliede entwickelt; Amerika aber 
hat kein eigentliches Volkslied, denn das Land ist jung, hatte bis vor 
hundert Jahren kaum eine Ahnung von echter Musik, und ist aus Ein- 
wanderern aus aller Herren L&ndern zusammengesetzt. Es fehlt ihm also 
gerade das, was fur die Entstehung einer nationalen Volksmusik notig ist. 
Allerdings hat man vielfach versucht, eine amerikanische Kunstmusik auf 



Digitized by 



Google 




232 
DIB MUSIK IV. 16. 




der Basis von Neger- und Indianer-Melodieen aufzubauen, aber das hat nie 
weit gefuhrt und 1st eigentlich ein Unsinn, denn . wir sind doch keine 
Neger und Indianer. * 

Als DvofAk drei Jabre in New York weilte, als Direktor des National- 
Conservatory, interessierte er sicb sehr ffir Negermelodieen; 1 ) ich selbst war 
ihm behilflich, Sammlungen von solchen aufzutreiben. In seiner prichtigen 
Symphonie „Aus der neuen Welt* und zwei Kammermusikwerken — einem 
Quartett und einem Quintett — bat er eine Art Destillat dieser pikanten 
Weisen angewendet, und eine Zeitlang schien er zu glauben, er babe da- 
durch den hiesigen Komponisten den Weg zu einer cbarakteristiscben 
amerikaniscben Musik gezeigt. Er irrte sicb aber. Die wirklicbe Neger- 
musik, die in den S&dstaaten gesungen wird, 1st durcbaus afrikanisch. 
Allerdings hat sie sicb etwas modifiziert unter dem Einfluss der europMisch- 
amerikanischen Musik, und hier ist besonders Stephen Foster zu nennen, 
der unter solchen gemischten VerhUtnissen eine Art Melodieen entwickelte, 
die weder afrikanisch noch europiisch sind, sondern als eine Art echten 
Volksliedes (denn Kunstlieder sind sie nicbt) bezeichnet werden kdnnen. 
Da aber, wie ich hore, fiber Foster ein spezieller Artikel in diesem Heft 3 ) 
erscheint, will ich nichts weiteres bieruber sagen. 

Die Indianer sind wenigstens echte Amerikaner; dennoch werden ihre 
Melodieen nie als Basis einer besonderen Kunstmusik Verwendung Bnden 
kdnnen; sie sind grdsstenteils zu durftig, zu barock und eckig, urn einem 
Komponisten von besonderem Nutzen zu sein. Von den Wilden selbst 
gesungen, sind sie sehr interessant, lassen sich aber schwer mit Harmonieen 
verketten; 8 ) das Resultat ist meist so, wie wenn man einen IndianerhMupt- 
ling in einen Frack oder seine squaw in ein seidenes Ballkleid steckt: es 
steht ibnen nicbt! Unter alien den Versuchen, die gemacht worden sind, 
urn diese wilde Musik zu zivilisieren, ist der bei weitem interessanteste 
und bestgegluckte der von Edward Mac Dowell, dem amerikanischesten 
aller unserer Komponisten. Die Themen der verschiedenen SStze seiner 
^Indian Suite* sind echte Indianermusik. Bekanntlich versteht es der 
Wilde, auch mit seinen roben Mitteln, die verschiedensten Gefuhle aus- 
zudrficken oder anzuregen: Liebe, kriegeriscbe Aufregung, Trauer usw. 
Mac Dowell's Suite bringt diese verschiedenen Seiten des Gemutslebens zu 
einem hochst effektvollen Ausdruck; aber seine eigene Kunst und seine 
eigenen Zutaten sind bewundernswerter als die geborgten Indianermelodieen, 



l ) Vgl. bierfiber aucb den Artikel .Rag Time" von Dr. Gustav Kubl in v Die 
Musik* Jabrg. I, Heft 22. 

■) Siebe den Aufeatz von Dr. Darkow S. 258 If. 

•) Vgl. den Artikel von A. von Ende „Die Musik der nordamerikanlacben In- 
dianer* in „Die Muaik* Jabrg. II, Heft 10. 



Digitized by 



Google 





233 
F1NCK: BEDEUTENDE AMERIKANISCHE KOMPONISTEN 



die er bearbeitet. Das Werk wird hier oft gespielt und allgemein be- 
wundert. Dass es auch in Deutschland Anerkennung finden wurde, darf 
ich daraus schliessen, dass eine andere Suite von ihm — op. 42 — in 
Breslau in einer Saison ein halbes Dutzend Mai gespielt Wurde. 

Es mag paradox klingen, aber ich behaupte, dass Mac Do well's „ Indian 
Suite" ecbte amerikanische Musik ist, nicht weil Indianermelodieen darin 
verwendet sind, sondern ungeachtet dieser Tatsache! Damit soil gesagt 
sein, dass das Amerikanische darin in der IndividualitMt des Kompo- 
nisten liegt. Man hat das nationale Element in Fallen wie bei Chopin 
und Grieg vielfach ubersch&tzt; man hat manches Plagiat an ihnen be- 
gangen, weil man glaubte, gewisse melodische und harmonische Eigen- 
tumlichkeiten seien von diesen Komponisten selbst der polnischen und 
norwegischen Volksmusik entlehnt worden, wMhrend sie in Wirklichkeit 
Eingebungen ihres eigenen Genies waren. Grieg selbst hat einmal in 
einem Briefe an mich diese Tatsache beruhrt. Daraus folgt die von 
Historikern gewohnlich unbeachtete Lehre, dass nationale Eigenttimlich- 
keiten ebensowohl von einem Komponisten herriihren konnen wie von 
einem Bauern, der ein Volkslied zum erstenmal singt. Fur uns Amerikaner 
ist diese Tatsache von ausserster Wichtigkeit; unsere einzige Hoffnung, 
jemals eine erkennbar nationale Musik zu bekommen, liegt in der Indi- 
vidualist unserer Komponisten. Die eigentiimliche, noch nie dagewesene 
Mischung alter Volker der Erde, verbunden mit klimatischen, elektrischen 
und anderen Einflussen, hat einen wirklichen amerikanischen Menschen- 
typus geschaifen, den man in Euro pa leicht erkennt, besonders bei den 
Damen. Die Zeit wird kommen, wo man amerikanische Musik auf Mhn- 
liche Weise erkennen wird. Ja, diese Zeit ist schon da! Ich bitte den 
Leser, einige von den Kompositionen Mac Dowell's zu singen oder zu spielen; 
er wird sich gleich sagen: „Das hat kein Deutscher, kein Italiener, kein 
Franzose, kein Russe komponiert; hier und da flnde ich Anklange an die 
Musik dieser Lander, aber als Ganzes ist es etwas Neues." Ja, es 
ist etwas Neues, es ist die lange gesuchte und erhoffte amerikanische 
Nationalmusik! 

Edward Mac Dowell ist noch ein junger Mann; er wurde am 
18. Dezember 1861 in New York geboren. Teresa Carreiio gab ihm 
Klavierunterricht ; im funfzehnten Lebensjahre nahm ihn seine Mutter, 
eine geistreiche Frau, nach Paris, wo er im Konservatorium Aufnahme 
fand. Hier geflel es ihm aber nicht besonders; es irgerte ihn, dass die 
Lehrer, wenn ihnen eine Stelle oder eine Harmonie in einer deutschen 
Sonate nicht gefiel, sie einfach ausliessen oder inderten. Er entschloss 
sich, nach Deutschland zu gehen, wo man vor den Klassikern mehr Respekt 
haben wurde. Zuerst wandte er sich nach Stuttgart, wo ihm aber die 



Digitized by 



Google 




234 
DIE MUSIK IV. 16. 



M 



Klavierunterrichtsmethode zu trocken vorkam. Der Violinist Sauret net 
ihm, nach Wiesbaden zu gehen, wo Carl Heymann und Louis Ehlert 
weilten. Ehlert erkannte so fort, dass er ein junges Genie vor sich habe. 
Er weigerte sich, ihm Unterricht zu geben, ffigte aber hinzu: „Es wird 
mich freuen, mit Ihnen zusammen zu studieren." Ehlert wollte Hans von 
Bulow fur ihn als Klavierlehrer gewinnen ; der reizbare Hans aber schrieb, 
er hatte keine Zeit an einen amerikanischen Jungen zu verschwenden. 
Mac Dowell folgte deshalb Heymann nach Frankfurt und wurde als Schuler 
in das damals unter Raffs Direktion stehende Konservatorium aufgenommen. 

Mac Dowell verehrte Heymann als Lehrer und weil er ,es wagte, die 
Klassiker so zu spielen, als ob sie wirklich Blut in ihren Adern gehabt 
bitten •. Als Heymann das Konservatorium verliess, wiinschte er, dass 
Mac Dowell sein Nachfolger werde, und Raff war damit ein vers tanden; 
Cossmann und Faelten aber protestierten dagegen, weil der Amerikaner zu 
jung sei; er ging schliesslich nach Darmstadt, wo er als erster Klavier* 
lehrer am Konservatorium angestellt wurde. Er blieb aber nicht lange; 
die anstrengende Arbeit — vierzig Stunden in der Woche — sch&digte seine 
Gesundheit und schliesslich kehrte er nach Frankfurt zuriick. Er ver- 
suchte als Konzertgeber in verschiedenen Stidten etwas zu verdienen — 
naturlich ohne Erfolg; man weiss aus Hans' von Bulow Jugendbriefen, was 
ein unbekannter Pianist zu erwarten hat. Dann ging er, Raffs Rat folgend, 
nach Weimar, wo er bei Liszt herzliche Aufnahme fand. Liszt ersuchte 
d' Albert eines Tages, den zweiten Klavier-(Orchester-)Teil des ersten 
Klavierkonzertes von Mac Dowell zu spielen. Nachher klopfte er d'Albert 
auf die Schulter und sagte ihm, er musse fleissig sein, wenn er mit dem 
Amerikaner Schritt halten wolle. Spfiter lud Liszt Mac Dowell ein, seine 
erste Klaviersuite in einem Konzert des Allgemeinen Musikvereins in 
Zurich zu spielen. 

Man konnte also sagen, Mac Dowell sei auch eine von Liszts „Ent- 
deckungen", wenn es nicht Tatsache wire, dass Raff schon vorher sein 
Talent erkannt hatte. Eines Tages sagte er zu seinem Schuler: „Sie werden 
beriihmt sein, wenn ich vergessen bin.* Raffe Tod war fur Mac Dowell 
ein barter Schlag; er liebte seinen Lehrer auch als Menschen, und es 
schmerzte ihn zu erfahren, dass, wfihrend Raff mit einem Gehalt von 
6000 Mark zu fried en sein musste, sein Nachfolger gleich das Doppelte 
bekam. Ein Freund Mac Do well's — Templeton Strong, auch als Komponist 
bekannt — kaufte das Manuskript der Waldsymphonie fur Tausend Mark — 
also fur mehr als Raff von seinem Verleger bekommen hatte. Nun folgten 
einige Jahre, in denen Mac Dowell mit seiner jungen, begabten Frau (eine 
seiner Schulerinnen in Frankfurt) in Wiesbaden lebte, seine ganze Zeit 
der Komposition widmend. 1880 kehrte er nach Amerika zurfick, zueret 



Digitized by 



Google 




235 
FINCK: BEDEUTENDE AMERIKANISCHE KOMPON1STEN 






nach Boston; im Jahre 1896 iibernahm er die soeben geschaffene Stelle 
eines Musikprofessors an der Columbia-UniversitMt in New York, die er 
sechs Jahre bekleidete, aber schliesslich aufgab — aus zwei Griinden 
haupts&chlich: erstens, weil die anstrengende Arbeit ihm zu wenig freie 
Zeit zum Komponieren iibrig liess, zweitens, weil er an dieser Statte nicht 
das Verstandnis fur die Bedeutung der Musik und der Kunst uberhaupt 
fand, auf das er gehofft hatte. Von den Professoren hatten die wenigsten 
auch nur eine blasse Ahnung davon, dass die Musik etwas mehr als eine 
Spielerei und ein trivialer Zeitvertreib sei; und was die Studenten betrifft 
— wenigstens die grosse Mehrzahl — so wurden sie von dem abdankenden 
Professor als „junge Barbaren" bezeichnet — ein Ausdruck, der in der 
Presse nicht geringes Aufsehen erregte. Alle Versuche, Mac Dowell der 
Universitat zu erhalten, auch nur als nominellen oder Ehrenprofessor, 
scheiterten. Er lebt seither der [Composition und nimmt einige Schfiler 
an — wenn sie ihm passen. Den Sommer fiber weilt er gewdhnlich auf 
seinem romantischen Landsitz in dem New Hampshire-Gebirge, wo er in 
einem im Walde verborgenen Blockhaus seine schdnsten Melodieen und 
reizvollsten Harmonieen flndet. 

Man muss diese biographischen Details kennen, um Mac Dowell's 
Stellung in der Musikgeschichte Amerikas zu wurdigen. Er ist der richtige 
amerikanische Kosmopolit und dabei eine originelle Individuality Man 
findet in seiner Musik reizende schottische Ankl&nge: seine Familie stammt 
aus Schottland; er hat in Frankreich kurze Zeit, in Deutschland jahrelang 
studiert: und auch das hat auf ihn tiefen Eindruck gemacht; seine fruhesten, 
in Deutschland geschriebenen und gedruckten Lieder und Klavierstucke 
sind entschieden nach deutschen Mustern gebildet, obgleich sich auch 
hier schon persdnliche Linien und Farben bemerkbar machen. In seinen 
spateren Werken aber ist die Individualist, sowie die Nationalist so un- 
verkennbar wie bei Chopin oder Grieg; man sagt sofort nicht nur: „das 
ist amerikanisch", sondern auch: „das ist von Mac Dowell 41 . 

Fur Orchester hat Mac Dowell verhiltnism&ssig wenig geschrieben. 
Ausser den zwei schon erwdhnten Suiten, denen sich eine soeben vollendete 
Suite fur Streichorchester anschliesst, sind zu erwihnen drei sym- 
phonische Dichtungen: „ Hamlet and Ophelia", „ Lancelot and 
Elaine , „Lamia", und zwei Fragmente aus dem Rolandslied: „Sara- 
cens and Lovely A Ida". Wie diese Titel andeuten, gehort Mac Dowell 
zu den Programmusikern. Jed en falls hat Raff hier mit seinen Symphonieen 
w Im Walde", „Lenore" und Mhnlichen Werken auf die Phantasie seines 
Schulers gewirkt; jedoch kann es keinem Zweifel unterliegen, dass Mac Dowell 
auch ohne diese Vorbilder seine Kompositionen vorzugsweise mit der 
Poesie in Verbindung gebracht hitte. Hat er doch selbst ein entschiedenes 



Digitized by 



Google 




236 
DIE MUSIK IV. 16. 




poetisches Talent, von dem ein kleiner Band Gedichte Zeugnis gibt. Viele 
seiner Lieder sind auf eigene Texte komponiert, und er liebt es auch, den 
Inhalt seiner Klavierwerke durcb einige vorgedruckte dichterische Zeilen 
anzudeuten. In seinen Orchesterwerken hat er sich aber an die grossen 
Dichter — Shakespeare, Tennyson, Keats und den Verfasser des Rolands- 
lieds — angeschlossen; jedoch nur im allgemeinen, ohne eine eigentliche 
musikalische Erzahlung & la Berlioz zu versuchen. So schrieb er z. B. in 
bezug auf „ Lancelot and Elaine", als diese Tondichtung vor einigen Jahren 
von Theodor Thomas in Chicago aufgefiihrt wurde: 

»Icb gab meiner Musik diesen Namen, einfach well sie durcb Tennyson's Gedicbt 
angeregt wurde. In meinen enthusiastiscbesten Programmusik jahren hitte icb nie- 
mals bebauptet, meine sympboniscbe Dicbtung musse fur jedermann ^Lancelot and 
Elaine* bedeuten. Fur raich aber bedeutete sie das, und in der Hoffnung, dass andere 
den kunstleriscben Genuss mit mir teilen mdcbten, gab icb meiner Musik jenen Titel." 

„ Hamlet and Ophelia" sind zwei thematisch verbundene Tonbilder. Alle 
diese symphonischen Dichtungen zeichnen sich sowohl durch reiche Erfindung 
wie durch Orchesterpracht aus; in letzterer Beziehung erinnert Mac Dowell 
eher an Dvorak oder Tschaikowsky als an Richard Strauss. 

Von den Klavierwerken sind die beiden Konzerte am bekanntesten, 
besonders das zweite, das Teresa Carreiio gewidmet und von ihr oft in 
Deutschland gespielt worden ist; das Scherzo muss sie gewohnlich wieder- 
holen. Dasselbe Konzert hat der Komponist selbst vor zwei Jahren in 
einem Philharmonischen Konzert in London mit grossem Erfolge gespielt 
und 1894 in einem Philharmonischen Konzert in New York. Obgleich 
Mac Dowell sich nicht ausschliesslich dem Klavierspiel widmet, spielt er 
mit gl&nzender Virtuositfit, dabei mit wunderbarer Zartheit, Klangschdnheit 
und Gefuhlsw&rme. Von Zeit zu Zeit macht er eine amerikanische 
Tournee, auf der er haupts&chlich seine eigenen Kompositionen spielt. 
Seine ^Twelve Virtuoso-Studies* geben den geubtesten Klavierhelden 
harte Ntisse zu knacken und haben dabei musikalischen Wert. Viele von 
Mac Dowell's Bewunderern halten seine Klaviersonaten fur seine besten 
Werke. Es sind deren vier, mit den Namen: „Tragica", „Eroica a , 
9 Norse" und n Keltic"; in der Form sind sie ziemlich frei und 
plastisch, doch merkt man hier und da die Fesseln. Die zwei letzten 
sind Edvard Grieg gewidmet, der von alien Komponisten den tiefsten 
Einfluss auf Mac Dowell ausgeiibt hat; dabei ist zu berucksichtigen, 
dass diese Komponisten beide aus Schottland stammen. In der * Keltic a - 
Sonate hat jed en falls das Ahnengeftihl mitgeholfen, den Komponisten zu 
einem Meisterwerke zu begeistern. Mit der ersten Sonate hat der beruhmte 
Pianist und P&dagoge, Dr. William Mason, in einem Sommer-Hotel auf 
den Shoals-Inseln einmal ein interessantes Experiment gemacht, Er spielte 



Digitized by 



Google 





237 
FINCK; BEDEUTENDE AMERIKANISCHE K0MP0N1STEN 

sie eines Tages im Musikzimmer, doch niemand ktimmerte sich darum. 
Am nachsten Tage spielte er sie wieder, und einige Gaste horten zu. Das 
ging so eine Woche; der Zuhorerkreis wurde immer grosser, und schliesslich 
musste die Sonate taglich auf allgemeines Verlangen" wiederholt werden. 
In einem solchen Experiment liegt fur einen strebsamen Komponisten so- 
wohl Ermutigung als Entmutigung. Es beweist, dass man das Publikum 
fur das ernste Gute interessieren kann, aber auch, dass dazu Zeit und 
Wiederholung notig ist. Die rechte Zeit fur die Mac Dowell - Sonaten 
wird spater kommen. Wurden doch Beethovensche Sonaten in London erst 
1848 offentlich vorgetragen! 

Mir selbst sind Mac Dowell's kurzere Klavierstucke noch lieber als 
seine Sonaten; manche davon sind nicht schwer, so dass auch ein Dilettant 
sie spielen kann. Unter den fruheren befinden sich die ublichen Salon- 
stucke; die spiteren aber, besonders von opus 51 an, sind fast alle originell, 
jeder Takt Mac Dowell. Er ist kein VerSchter des Wohllauts und der 
Melodie, wie so viele seiner Kollegen, die wohl deshalb Melodieen ver- 
schmihen, weil sie keine erfinden konnen. Im Gegenteil, die Melodie ist 
ihm immer die Hauptsache; man konnte von ihm sagen, was Brahms von 
DvofAk sagte: „Dem fallt immer etwas ein!" Allerdings ist er kein Viel- 
schreiber; er komponiert nur, wenn ihm etwas —eine Melodie — einfallt. 
Mochten doch andere moderne Komponisten — in Italien, Frankreich und 
Deutschland ebensowohl wie in Amerika — diesem guten Beispiele folgenl 
Neben den individuellen Melodieen findet man aber bei Mac Dowell auch 
hochst interessante individuelle Harmonieen und frappante Modulationen, 
die einem das Herz ruhren wie bei Schubert, Chopin und Grieg. Manch- 
mal ist er auch dissonanzenselig, aber niemals Kakophonist urn der Kako- 
phonie willen. Eigentumlich beruhrt in den spSteren Werken die Seltenheit 
von Anklangen an andere Komponisten: er ist erstaunlich originell und 
uneurop&isch. Dvorak machte mich einmal darauf aufmerksam, dass die 
grossen Komponisten immer in ihren langsamen Satzen ihr Bestes leisten. 
Auch in dieser Hinsicht reiht sich Mac Dowell den echten Meistern an. 

Spitta sagt in dem Artikel uber Schumann, den er fur Grove's 
„ Dictionary of Music and Musicians 41 schrieb, dass Schumann in seinen 
Klavierstucken mit poetischen Titeln ein Ausdrucksmittel erfand, das gleich- 
sam zwischen der rein instrumentalen und der vokalen Musik schwebt und 
dadurch einen unbestimmten, geheimnisvollen Charakter erhSlt, den man 
mit Recht romantisch nennen kann. Ahnliches und doch Verschiedenes 
finden wir bei Mac Dowell, WShrend Schumann seine poetischen Titel 
zumeist erst nach dem Stuck erfand, ist bei ihm die Poesie der Ausgangs- 
punkt. Alle seine kurzen Stucke haben Titel und einige dichterische Zeilen 
als Inhaltsangabe, die zumeist von ihm selbst herriihren. Man konnte ihn 



Digitized by 



Google 



CBEm 



238 
DIE MUSIK IV. 16. 




also der deutschen romantischen Schule zuz&hlen, aber das geht nicht, denn 
weder seine Musik noch seine Dichtung ist deutsch; beide sind echt ameri- 
kanisch. Man nehme z. B. die Waldszenen („ Woodland Sketches, a opus 
51), bestehend aus zehn Nummern: „An eine wilde Rose," „Irrlicht," w An 
einem alten Zusammenkunftsort,* v Im Herbst," „Von einer Indianerhtitte," 
w An eine Wasserlilie," „Vom Onkel Remus, a Eine verlassene Farm," 
„Der Wiesenbach," „Beim Sonnenuntergang erz&hlt." Nicht nur die ver- 
lassene Farm und die Indianerhtitte, sondern alles ist hier amerikanisch; 
einem Deutschen miissen diese Skizzen so fremdartig erscheinen wie die 
norwegischen Szenen bei Grieg; und da die Deutschen fast alle Natur- 
schwarmer sind, wird ihnen auch eine Haupteigentiimlichkeit von Mac Dowell 
gefallen, die darin besteht, dass die meisten seiner Klavierstticke, sowie 
seiner Lieder, das Naturleben schildern. Es ist viel frische Luft, viel Ozon 
in dieser Musik! 

Vielleicht noch interessanter als die „ Waldszenen" sind die acht 
„Sea Pieces (obgleich mir das liebste alter Mac DowelPschen Stucke „An 
eine Wasserlilie'' ist, das mich oft zu Tranen geruhrt hat). Die acht See- 
stucke* schildern das Meer in alien Phasen und Launen. No. I ist eine 
drdhnende Apostrophe: „Ozean, du Ungeheuer,* in der man das Brausen 
wie das Flustern der Wellen hort. No. II malt in schillernden Farben 
einen Eisberg, der vom hohen Norden langsam seinem Tode in den warmen 
Gewassern entgegenschwimmt. Der Titel von No. Ill: „A. D. MDCXX M 
gibt den Schlussel zur ganzen Serie dieser „Sea Pieces". Es war im Jahre 
1620, dass die englischen „ Pilgrims* in dem Schiffe „ May flower" nach 
Amerika fuhren. Ihr krftftiger, ernster, unbeugsamer Charakter findet in 
der Musik sein Echo. No. IV zeigt uns den gestirnten Himmel mit dem 
bleichen Monde, und in No. V hdren wir ein frisches, wundervolles Matrosen- 
lied, in dem sich die Erinnerung an verlassene Rosen und Madchen mit 
freudiger Hoffnung auf die Zukunft mischt. Es ist ein Kabinetstiick, das 
sich den besten Schumannschen Stucken zugesellen dtirfte. tf Aus der 
Tiefe" betitelt sich No. VI: ,Und wer ergrundet die dunklen Geheimnisse 
des Meeres?" No* VII heisst ^Nautilus: ein Feenboot mit Feensegeln a ; 
und die letzte Nummer, VIII, 9 In Mid-Ocean, a betont und vertont noch 
einmal das unerbittliche Ungeheuer, auf dem, inmitten der zwei Kontinente, 
der Sterbliche, sich unsterblich wfihnend, hilflos schwimmt. 

Diesen zwei Sammlungen kurzer Stucke schliessen sich zwei spltere 
an: ^Fireside Tales" und „New England Idyls, • sowie verschiedene 
andere aus fruheren Jahren. Deutschen Pianisten, die sich und ihrem 
Publikum einen Begriff von amerikanischer Musik geben mochten, empfehle 
ich besonders von den oben erwahnten Stucken: An eine Wasserlilie" und 
das w Matrosenlied", sowie die Keltic-Sonate M ; ausser diesen auch „Der 



Digitized by 



Google 





239 
FINCK: BEDEUTENDE AMERIKANISCHE KOMPONISTEN 

Adler" (.The Eagle"), dessen jaher Sturz auf die Erde hochst frappant 
vertont ist, und das schauerliche Marchen: .Scotch Poem, 41 dasein Heine- 
sches Gedicht von der im Schloss am Meer eingercauerten Jungfrau musi- 
kalisch nacherz&hlt. 

Besser noch als die Klavierstucke gefallen mir seine Lieder. In 
meinem Buche: .Songs and Song- Writers* habe ich ihnen zwolf Seiten 
gewidmet; hier bleibt mir leider nur Raum fur einige kurze Andeutungen. 
Die fruhesten von ihnen sind nach deutschen Mustern gebildet und haben 
deutsche AnklSnge. Von opus 33 an aber haben wir den unverkennbaren 
Mac Dowell. Da ist z. B. das reizende .Idyll", in dem eine Hummel 
mit einer Glockenblume buhlt, mit der sussesten Melodie und den ver- 
liebtesten Harmomeen. Dann kommen — urn nur einige Perlen zu erwflh- 
nen — das kSstliche schottische .My Jean" und das most musical most 
melancholy .Menie", bei dem mir immer noch die Augen feucht 
werden, obwohl ich es schon hundertmal gehdrt habe — zu Hause natur- 
lich, denn die professionellen Sanger haben diese Kleinodien noch nicht 
entdeckt, und werden sie wohl nicht entdecken, solange Mac Dowell so 
tdricht ist, am Leben zu bleiben — er zahlt leider erst 44 J ah re! Eigent- 
lich populir geworden sind erst drei oder vier von diesen Liedern, vor allem 
das hubsche .Thy beaming eyes" (opus 40) und das noch schonere .The 
Robin sings in the appletree" (.Rotkehlchen singt im Apfelbaum"). 
Letzteres gehort in die Sammlung, benannt .Eight Songs", opus 47 (im 
Verlag von Breitkopf & H artel): acht Lieder, jedes ein Juwel. Da der 
Komponist, wie gesagt, noch lebt, kann ich meiner Bewunderung fur diese 
Lieder leider nicht vollen Ausdruck geben, ohne mich dem Hohn der pro- 
fessionellen Musiker auszusetzen. Dennoch wage ich zu behaupten, dass 
seit Schubert nichts Schoneres und nichts Originelleres als diese .Eight 
Songs* in irgendeinem Lande erschienen ist. Hier ist etwas ganz Neues 

— so neu, wie die Lieder in dem vierten Grieg-Album (Peters), deren 
wundervolle Originality leider auch noch nicht genugend von Fachmusikern 
erkannt oder wenigstens anerkannt ist. Und hier mdchte ich mich mit 
einer Bitte an das deutsche Publikum wenden, die mir sehr am 
Herzen liegt. Obgleich in Amerika geboren, bin ich deutscher Abkunft 

— ich schreibe diesen Aufsatz deutsch. Seit 24 Jahren habe ich als 
Musikkritiker fur die deutsche Kunst geklmpft, zuerst unter grossen 
Schwierigkeiten; die Amerikaner hielten damals Italien fur das einzige 
wirklich musikalische Land. In dieser ganzen Zeit hat es mich oft betrubt, 
dass man sich in Deutschland so blutwenig urn die Musik in Amerika be- 
kummert. Die Singer und Pianisten kommen zu uns fibers Meer und 
holen sich Gold, denken aber fast nie daran, auch fur die vernachlissigten 
Komponisten hierzulande etwas zu tun, durch den Vortrag ihrer Lieder 



Digitized by 



Google 




240 
DIE MUSIK IV. 16. 




oder Klavierstiicke. Als einzige Belohnung fur meine Pionierarbeit bitte 
ich nun deutsche Kiinstler, mir Glauben zu schenken, und einige von den 
in diesem Aufsatz besonders hervorgehobenen Kompositionen offentlich vor- 
zutragen. Sie werden gewiss auch ihre Belohnung dafur finden. Sind 
doch einige amerikanische Sch rifts teller in Deutschland sehr popular ge- 
worden und zwar gerade diejenigen, die am meisten amerikanisch sind, 
wie Bret Harte und Mark Twain. Aus demselben Grunde bin ich itber- 
zeugt, dass das deutsche Publikum solche Kompositionen wie die w Wald- 
scenen", die „Seestiicke" und die „Acht Lieder* von Mac Dowell nur einige 
Male zu horen braucht, urn sie alsbald lieb zu gewinnen; und dadurch 
wire der Anstoss gegeben, sich mit unserer Musik uberhaupt niher zu 
befassen. Das sollte der Deutsche eigentlich schon 1ius patriotischen 
Grunden tun; denn bekanntlich verliert sich ja das deutsche Eigenwesen 
hierzulande fast ganz im englischen und amerikanischen : unsere Musik 
aber beruht auf deutscher Grundlage und wird immer darauf beruhen, denn 
England hat dafur keinen Ersatz zu bieten. Das Erscheinen eines Sonder- 
heftes „Amerika" in dieser Zeitschrift ist fur mich ein erfreuliches Zeichen 
einer endlichen Ann&herung. 

Mit Ausnahme von Mac Dowell ist vielleicht keiner der Komponisten 
in den Vereinigten Staaten so uneuropaisch, so echt amerikanisch und 
individuell wie Edgar Stillman Kelley. Seine Vorfahren verliessen 
Europa im Jahre 1630; er selbst wurde im Staate Wisconsin im Jahre 1857 
geboren, ist also ein n Westerner". Wie die meisten seiner Kollegen, 
studierte auch er einige Jahre in Deutschland, am Konservatorium in 
Stuttgart. Im Jahre 1880 kehrte er in sein Heimatsland zuruck und ging 
nach dem fernen Westen. Er war einer der ersten gediegenen Musiker, 
die in San Francisco einen Wirkungskreis suchten; als Lehrer wie als 
Kritiker (er fiihrt eine gewandte Feder und kann ebensowohl gelehrt als 
feuilletonistisch schreiben) machte er sich bald einen Namen in der Metro- 
pole Kaliforniens und schrieb hier sein erstes bedeutendes Werk, die 
melodramatische Musik zu „Macbeth". Drei Wochen lang machte dieses 
Werk voile HMuser in San Francisco. Die Musik bezeugt eine frappante 
Gabe fur Charakteristik, die sich auch in seinen spateren Werken bew&hrte, 
besonders in der begleitenden Musik, die er fur die dramatische Bearbeitung 
des Romans v Ben Hur a schrieb. Dieser Roman, von dem schon mehr 
als eine Million Exemplare verkauft worden sind, machte auch als Theater- 
stuck grosses Aufsehen. Obgleich nur Sachverstindige imstande waren, 
die Kenntnis der arabischen und griechischen Musik, die dieses Werk 
bezeugt, zu wurdigen, so wurde doch auch das Publikum ergriffen von dem 
Reiz dieser eigentumlichen Musik, die neben der genannten Eigenschaft 
auch nirgends wirkliche Erflndungskraft vermissen lasst, und sich den 



Digitized by 



Google 





EDWARD MAC DOWELL 



IV. 16 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 





IV. 16 



JOHN K. PAINE 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 





EDGAR STILLMAN-KELLEY 



IV. 16 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 





241 

FINCK: BEDEUTENDE AMERIKANISCHE KOMPONISTEN 

Situationen wundervoll anschmiegt. Man sagt sich gleich, dass der Autor 
zum Opernkomponisten geradezu prfdestiniert ist. Kelley hat auch eine 
komische Oper geschrieben ; sie heisst .Puritania" und erlebte in Boston 
allein hundert Auffuhrungen. Leider hat er seither auf diesem Gebiete 
nichts mehr geschaffen. Einige von seinen Liedern und Klavierstucken 
sind popular geworden, darunter etliche, die ein chinesisches Gepr&ge tragen. 
Wie verschiedene seiner Kollegen Neger- und Indianerthemen verwendeten, 
so inachte sich Kelley chinesische Musik dienlich und zwar mit soviet 
Geschick, dass die bezopften Leute, die ja in San Francisco eine so grosse 
Rolle spielen, selbst daran ihre Freude batten. Schon als Kuriosum durfte 
seine Chinesische Suite fur Orchester .Aladdin" in deutschen Kon- 
zertsilen interessieren (wie sie ubrigens nicht ganz unbekannt ist); sie ist 
aber weit mehr als ein Kuriosum. Gewisse barocke Effekte werden 
Zuhdrer und Orchestermusiker, die mit Richard Strauss vertraut sind, 
nicht genieren* Rupert Hughes hat in seinem Buche .Contemporary 
American Composers' eine eingehencfe Analyse dieser chinesischen Suite 
gegeben. Kelley hat auch entschiedenes Talent fur komische Effekte in 
der Musik; Beispiele finden sich in dieser Suite, in seinem Liede „The 
Lady Picking Mulberries*, das auch in London und Paris popular ge- 
worden ist, und besonders in seiner humoristischen Symphonie: .Gulliver 
in Lilliput". In seinem kurzlich erschienenen Buche „The History of 
American Music 8 nennt Louis C. Elson treffend Kelley einen .musikalischen 
Bret Harte". Kelley lebt gegenwartig in Berlin; er ist noch jung und wird 
wohl noch manches zur Ehre Amerikas komponieren. 

Der ersten einer unter den amerikanischen Tondichtern (manche 
halten ihn fflr den allerersten) ist George W. Chadwick, der gegenwartig 
Direktor des New England-Konservatoriums in Boston ist, in dem er zuerst 
Unterricht erhielt. In Michigan verdiente er sich durch Unterricht genug 
Geld, urn einige Jahre in dem Mekka aller jungen Musiker studieren zu 
kdnnen: zuerst in Leipzig bei Jadassohn und Reinecke, nachher in Munchen 
bei Rheinberger. Im Jahre 1880 machte er Boston zu seiner Heimat. 
Chadwick zeichnet sich besonders durch seine Vielseitigkeit aus; als Orgel* 
virtuose. Kapellmeister, Lehrer fand er bald allseitig Anerkennung, und 
als Komponist hat er fast alle Zweige der Tonkunst kultiviert. Seine 
.Rip van Winkle'-Ouvert&re wurde schon 1879 in Leipzig aufgefuhrt; 
sie hat weniger Gehalt als die spateren Ouverturen: .Thalia*, .Mel- 
pomene* und .Adonais". Von seinen drei Symphonieen, die in 
Boston schon mehr als zwanzig Auffuhrungen erlebt haben, ist vielleicht 
die beste die zweite, die auch schon dadurch interessiert, weil in ihr, wie 
spater in Dvorak's .Aus der neuen Welt a , Neger- Oder Plantagen-Melodieen 
zur Verwendung kommen. Eine erfolgreiche komische Oper .Tabasco* 

«v. 16. 16 



Digitized by 



Google 




242 

DIE MUSIK IV. 16. 




steht allein unter seinen Werken; seine Muse hat sich zumeist fur ernstere 
Gattungen begeistert. Er hat viel fur die Kirche geschrieben, daneben 
verschiedene weltliche Kantaten. Seine „Judith" ist eine Art geistliche 
Oper ft la Rubinstein; obwohl fur die Buhne bestimmt, ist sie seither nur 
in Konzertsftlen gehdrt worden. Auch auf dem in Amerika wenig bebauten 
Felde der Kammermusik hat er sich mit funf Streichquartetten her- 
vorgetan. Unter seinen Klavierstucken befindet sich nicht viel Wertvolles, 
dagegen haben manche seiner Lie der eine wohlverdiente Anerkennung 
gefunden. .Allah" ist ein Meisterlied, das in alien Lftndern gesungen 
werden sollte, und sein .Du bist wie eineBlume a reiht sich den aller- 
besten Vertonungen dieses Heineschen Gedichtes an. Reizend auch sind 
die Lieder .Bedouin Love Song", .Nocturne", „Song from the Persian", 
.Sorais' Song", .Request", .Green grons the Willow", .He loves me", 
.Before the Dawn" u. a. Hier zeigt sich Chadwick von seiner besten Seite. 

Im ganzen genommen ist Chadwick mehr konservativ als Neuerer. 
Dasselbe ist auch der Fall mit Parker und Foote, zwei anderen Kom- 
ponisten, die in diesem Zusammenhang kurz besprochen werden mdgen, 
weil ihre Werke besser bekannt sind als die einiger nicht weniger begabten 
Kollegen, und weil sie einen besonderen Typus reprftsentieren. 

Obgleich Horatio Parker (1863 geboren) auch einige Jahre in 
Deutschland (unter Rheinberger) studierte, so wendet sich seine Musik 
doch mehr an englischen als an deutschen Geschmack. Er ist der erste 
Amerikaner, dem es gelang, an einem der grossen Musikfeste in England 
zu Gehor zu kommen. Sein Oratorium .Hora Novissima" machte 
Aufsehen, als es im Jahre 1899 unter seiner Leitung in Worcester auf- 
gefuhrt wurde; der Komponist war einer der Lowen der Londoner 
Saison. Das Werk verdiente auch diese Anerkennung; es ist gediegene 
geistliche Musik, in der Palestrina und Bach der modernen Kunst die 
Hand reichen. Auch sein spftteres Oratorium, .The Legend of St. 
Christopher", wurde in England gunstig aufgenommen. Die Universitftt 
Cambridge hat ihn zum Dr. mus. honoris causa ernannt. In diesen und 
fthnlichen Chorwerken zeigt sich Parker von seiner gunstigsten Seite; auch 
urn die Orgelkoraposition hat er Verdienste; seinen Klavierstucken und 
Liedern fehlt zumeist die Individualist, und fur Orchester hat er wenig 
komponiert. Seit zehn Jahren ist er Musikprofessor an der Yale Universitftt. 

Wfthrend Parker ein Schuler Chadwick's war, bringt uns Arthur 
Foote zuruck zum Nestor der amerikanischen Komponisten, Professor 
Paine, bei dem er etliche Jahre studierte. Auch bei Foote finden wir 
englische neben deutschen Tendenzen. Als Student dirigierte er zu Harvard 
den .Glee Club" oder Mftnnerchor, den jede amerikanische Universitftt 
besitzt, und Rupert Hughes hat recht, wenn er behauptet, diese Beschftftigung. 



Digitized by 



Google 





243 
F1NCK: BEDEUTENDE AMERIKANISCHE KOMPONISTEN _ _ 

babe auf Foote's Schaffensweise einen gfinstigen Einfluss gehabt. Er selbst 
schreibt besonders gut fur Minn erchor, und einige seiner Quartette usw; 
durften auch deutsche Liedertafeln interessieren. Grdssere Chorwerke sind 
sein „The Skeleton in Armor*, .The Farewell of Hiawatha", 
.The Wreck of the Hesperus". Seine Kammermusikwerke — etwaein 
Dutzend — sind gediegene Arbeiten, aber weniger originell als seine Or- 
chesterstucke, von denen besonders die Suite (op. 36) und die Ouverture 
.In the Mountains" (.In den Bergen") beliebte Numraern in amerika- 
nischen Konzerten sind. Am beruhmtesten jedoch ist Foote als Lieder- 
komponist geworden. Wie Chad wick hat er allerdings manches Minder* 
wertige geschrieben, aber ein Dutzend seiner Lieder verdienen Internationale 
Beachtung, darunter das reizende .Irish Folk Song" und das ebenso popu- 
late .I'm wearing awa'". Daneben sind zu nennen .On the way to 
Kew", .In Picardie", .Roumanian Song", und vier deutsche Lieder 
zu Gedichten aus Baumbachs .Lieder eines fahrenden Gesellen". Zumeist 
hat er seine Texte den alten englischen Dichtern entlehnt. Foote, der in 
Boston wohnt, ist ein grosser Bewunderer der Franzschen Lieder, deren 
Einfluss sich manchmal bemerkbar macht. War es doch auch in Boston, 
wo Otto Dresel, der Busenfreund von Robert Franz, lebte, und wo der 
arme taube Meister, nach seiner eigenen Aussage, -/ruber allgemeine 
Anerkennung fand als in seinem Vaterlande. 




16* 



Digitized by 



Google 




MUSIKLEBEN IN AMERIKA 

von Arthur Laser-New York 





(eon von Amerika die Rede ist, sind naturlich in erster Reihe die 
Vereinigten Staaten von Nordamerika gemeint. Auch 
die in diesem Sonderhefte der „Musik" enthaltenen Artikel sollen 
sich ausschliesslich mit dem Musikleben in der grossen nord- 
amerikanischen Republik befassen, es einer anderen Gelegenheit uberlassend, 
fiber die musikalischen Zustinde in Brasilien, Mexiko, Kanada usw. Auf- 
klftrungen zu geben. 

Die in der alten Welt fast allgemein anzutreffenden Ansichten fiber 
Amerika in bezug auf Kunstpflege und Kunstverstindnis entsprechen in 
den seltensten Fallen den Tatsachen. Entweder rfihren die in Deutschland 
verbreiteten Berichte von Kfinstlern her, die sich nur eine oder zwei 
Saisons in Amerika aufhielten, und die sich enthusiastisch oder absprechend 
fiber die hiesigen Zustinde iusserten (je nach der Aufnahme, die sie als 
Kfinstler hier gefunden !), oder sie rfihren von solchen Leuten her, die nach 
jahrelangem, vergeblichem Streben enttiuscht in die Heimat zurfickkehrten; 
hftufig stammen sie schliesslich aus den Bureaus der Musik-Agenten, Konzert- 
und Theaterdirektoren. Naturlich malen solche alles im rosigsten Lichte, 
urn europiischen Kfinstlern Amerika immer noch als das w Go Id land" er- 
scheinen zu lassen. 

Amerika ist das Land des Fortschritts. Auch in seinen Kunst- 
bestrebungen zeigt sich das von Jahr zu Jahr deutlicher, wenn auch der 
Geschmack selbst des gebildeten Publikums sich in gewissen konservativen 
Grenzen bewegt. Das sei aber nicht so verstanden, als ob man hier den 
Neuerscheinungen der musikalischen Produktion feindselig gegenfiberstinde, 
wie es beilMufig in verschiedenen Musik-Centren des geistig so hoch stehen- 
den Deutschland bis vor wenigen Jahren noch der Fall war. Nein, das 
Publikum ist fur alles Neue empfanglich, es muss ihm aber als etwas 
.Grossartiges", „Phinomenales", als v das Beste der Welt 41 vorgeffihrt 
werden. Das amerikanische Publikum ist der Beeinflussung im hdchsten 
Grade zuginglich, wodurch sich auch die hier als Kunst betriebene Reklame 



Digitized by 



Google 




245 
LASER: MUSIKLEBEN IN AMERIKA 




sehr einfach erklSren Usst. Dass die Amerikaner sich aber trotzdem nicht 
alles und jedes aufochwatzen lassen, dafur muss man dem ihnen angeborenen, 
sehr entwickelten Instinkt die Verantwortung zuweisen. 

Die fortschrittliche Gesinnung zeigt sich darin, dass in diesem noch 
so jungen Lande, in dem noch vor verhSltnismissig kurzer Zeit „Gesch3ft* 
allein die Losung war (und bei vielen Leuten noch 1st), Konzerte, Opera 
und sonstige musikalische Institute beinahe im Obermasse vorhanden sind, 
so dass z. B. in New York schon fast Ubersittigung eingetreten ist Aller- 
dings kommen ausser New York vorlMufig nur noch wenige Stldte hier in 
Betracht. In vielen regt sich das Interesse fur Musik erst seit sehr 
kurzer Zeit, die Mehrzahl erhilt ihre musikalische Nahrung nur durch 
gelegentliche Gastspiele. Neben New York nimmt vorlMufig nur noch Boston 
einen ersten Rang ein; Chicago, Cincinnati, St Louis, Philadelphia, 
Pittsburg, Milwaukee kommen in zweiter Reihe; dann folgen San 
Francisco, Washington, Cleveland, Louisville usw. 

In gewisser Hinsicht steht eigentlich die Riesenstadt New York hinter 
vielen der genannten Stftdte zuruck, da sie sich noch nicht zum Besitz 
einer permanenten Orchester- und einer ebensolchen Kammermusik-Organi- 
sation aufgeschwungen hat. Alle dahinzielenden Versuche sind klSglich 
gescheitert. Vielleicht bietet sich ein anderes Mai Gelegenheit, diesen 
dunkeln Punkt in der Musikgeschichte New Yorks gehdrig zu beleuchten. 

Fur symphonische Konzerte sorgt hauptsichlich diePhilharmonische 
Gesellschaft, deren Entwicklung aus kleinsten Anfdngen bis zur jetzigen 
imposanten Hohe von mir im 19. Heft des zweiten Jahrganges der .Musik* 
ausfuhrlich geschildert wurde. In der vorigen Saison inderte die Gesell- 
schaft ihre langjShrige Politik, einen Dirigenten fur die ganze Saison zu 
engagieren, und verlieh ihren Konzerten eine bedeutende Anziehungskraft 
durch das Engagement von Gast-Dirigenten, die aus der ganzen Welt hier- 
her berufen wurden. So standen die acht reguliren Veranstaltungen und ein 
Extrakonzert unter der Leitung von Edouard Colonne, Gustav F. Kogel, 
Victor Herbert, Henry F.Wood, Felix Weingartner, Wassili Safonoff 
und Richard Strauss. In der verflossenen Saison waren die Genannten hier 
wieder fast sftmtlich tltig, wihrend Carl Panzner sich hier zum erstenmal 
vorstellte. Nach wie vor leitet Konzertmeister Richard Arnold als Vize- 
Prisident die Geschicke der Philharmonischen Gesellschaft. 

Das von Walter Damrosch vor ISngeren Jahren begrundete New 
Yorker Symphonie-Orchester, dem anfinglich erstklassige Kunstler 
wie der Violinist Adolf Brodsky, der Cellist Anton Hekking, der be- 
deutende Fldtist Carl Wehner usw. angehdrten, fristet kGmmerlich sein 
Dasein, nachdem es schon mehrere Male nur durch die Energie einiger 
Mitglieder vor ginzlicher Aufldsung bewahrt blieb. Walter Damrosch hat 



Digitized by 



Google 




246 
DIE MUSIK IV. 16. 



m 



seit der vorigen Saison wieder die Direktion ubernommen, und es gewinnt den 
Anschein, dass das Orchester sich laagsam erholt. In diesem Winter be- 
kam man in. einem der Damrosch-Konzerte zum ersten Male in Amerika 
ein Werk von Gustav Mahler zu horen. Es war die vierte Symphonic 

Ausser den Philharmonischen und den Walter Damrosch-Konzerten 
gibt auch das Bostoner Symphonie-Orchester unter Wilhelm Gericke 
hier alljihrlich eine Reihe von Konzerten. Diesen schliessen sich dann 
noch die Symphonie-Konzerte fur junge Leute von Frank Dam- 
rosch, die Konzerte altertumlicher Musik von Sam Franko und 
die Volks- Symphonie-Konzerte von Franz Xaver Arens an. In 
diesen letzteren, die auch in der grossen Carnegie-Hall mit einem Or- 
chester von fiber 70 Musikern stattfinden, kostet ein Logenplatz nur 30 Cents 
= 1,20 Mark. Auf der Gallerie kann man schon einen Sitzplatz fur 
5 Cents = 20 Pfennig erhalten. Die Arens-Konzerte sind von Geschlfts- 
Angestellten, Tagelohnern, Studierenden usw. zahlreich besucht. 1 ) 

Die von H. H. Wetzler zwei Saisons mit einem riesigen Orchester 
gegebenen Konzerte, als deren Gastdirigent im letzten Winter Richard 
Strauss sich hier einfuhrte, sind eingegangen, und wie lange die von 
M. Altschuler begriindete Russische Symphonie- Gesellschaft am 
Leben bleiben wird, kann auch noch nicht bestimmt werden. 

Wihrend nun New York reichlich mit bester Musik versorgt ist, ob- 
glcich es eines eigenen, feststehenden grossen Orchesters noch entbehrt, 
sind in einer Anzahl anderer Stadte in verhiltnismftssig kurzer Zeit die 
Symphonie-Orchester wie Pilze aus der Erde geschossen. Das Slteste 
Orchester ist das Bostoner; seit 1891 besteht das in Chicago, dessen 
Leiter Theodor Thomas wihrend der Abfassung dieses Artikels aus 
dem Leben schied. Thomas war der Pionier deutscher Musik in Amerika; 
sein Name wird noch mehrmals Erwihnung finden. In Cincinnati steht 
Frank van der Stucken, der langj&hrige Dirigent des New Yorker Arion a 
an der Spitze des Symphonie-Orchesters. Der Dirigent des Symphonie- 
Orchesters in Pittsburg war mehrere J ah re hindurch Victor Herbert, 
dessen Nachfolger seit einigen Monaten der geniale Emil Paur ist. Paur 
leitete bereits funf Jahre das Bostoner Symphonie-Orchester, dann fur drei 
Saisons die New Yorker Philharmonie und war auch eine Saison erster 
Kapellmeister am Metropolitan-Operahouse. Von Herbert wie auch von 
van der Stucken wird noch spiter ausfuhrlich die Rede sein. In Phila- 
delphia hat Fritz Scheel seit drei Jahren ein Orchester gegrundet. 1m 
Fruhjahr und Herbst macht er jetzt regelm&ssig die weite Reise nach San 
Francisco, um dort einige Wochen lang fur musikalische Nahrung zu 

') Vgl. hierzu den Artikel von Henry F. Urban .Deutsche Muslkapostel in 
Amerika* in ,Die Musik* Jahrg. I, Heft 15/16. 



Digitized by 



Google 




247 
LASER: MUSIKLEBBN IN AMERIKA 



JS 



sorgen. Alfred Ernst leitet das Orchester in St. Louis. Auch in Mil- 
waukee, Washington, Louisville, Cleveland macht sich der Sinn fur 
gute Musik immer mehr bemerkbar. Nach weiteren zehn Jahren durfte 
keine grossere Stadt Amerikas mehr ohne eigenes Orchester sein. 

Leider ist ein gleicher Fortschritt auf dem Felde der Kammer- 
musik nicht zu verzeichnen. A hernials muss ich Theodor Thomas als 
Pionier auch auf diesem Gebiete nennen. Er grundete 1855 die erste 
Kammermusik-Vereinigung in New York, deren weitere Mitglieder die 
Geiger Georg Matzka und Jos. Mosenthal, der Cellist Carl Bergmann 
(der spitere langjihrige Philharmonie-Dirigent) und der Pianist William 
Mason waren. An Carl Bergmanns Stelle trat nach kurzer Zeit Fritz 
Bergner. Diese Vereinigung setzte zehn Jahre lang ihre Bemuhungen 
fort, ohne jemals eine nennenswerte Einnahme zu erzielen. Und so ldste 
sie sich denn schliesslich in Wohlgefallen auf. 

Von mehreren im ganzen Lande nach und nach entstandenen 
Kammermusik-Genossenschaften hat eigentlich nur das Bostoner Kneisel- 
Quartett sich bis heute erfolgreich behaupten kdnnen. Nach Oberwindung 
grdsster Schwierigkeiten, trotz mannigfacher Enttiuschungen hat dieses 
Quartett es endlich erreicht, dass seit zwei bis drei Saisons seine Konzerte 
nur noch vor ausverkauften Silen stattfinden. In seiner Heimatstadt 
Boston ist ihm naturgemMss das Gluck am fruhesten hold gewesen. Jetzt 
nehmen die Konzerte des Kneisel-Quartetts auch in New York, Brooklyn, 
Philadelphia, Baltimore, Washington, uberhaupt in alien von ihm besuchten 
Orten mit die erste Stelle im Musikleben ein. Das Zusammenspiel der 
vier Ktinstler ist bis in alle Details vollkommen, dem geistigen Inhalt der 
Werke aller Stilgattungen werden sie durchaus gerecht. Wenn etwas an 
ihren Vortrlgen auszusetzen ist, so ist es eine vielleicht manchmal ein 
wenig iibertriebene Reserviertheit. Einige kurze Notizen fiber die Organi- 
sation mdgen von Interesse sein. 

Franz Kneisel, ein geborener Rumlne, war ein Sch&ler von Grfin am Wiener 
Konservatorium. Nach kurzer Tltigkeit im Wiener Hoforchester und bei Bilse in Berlin 
erhielt er 1885 im Alter von 20 Jahren die Stelle als Konzertmeister des Symphonie- 
.Orchesters in Boston. Im selben Jahre grfindete Kneisel sein Streich-Quartett, dessen 
weitere Mitglieder E. Fiedler, Louis Svecenski und Fritz Giese wurden. Ein 
Personalwechsel trat wlhrend der 20 Jahre des Bestehens nur in der zweiten Geige 
und im Cello ein. 1887 Bbernabm Otto Roth die zweite Violine, 1889 Karl Ondricek 
(ein Binder des bekannten Virtuosen Franz Ondricek), 1902 folgte ihm J. Theodoro- 
wicz. Der Cellist Fritz Giese wurde 1889 durch Anton Hekking (fruher bei Bilse 
und dem Berliner Philharmonischen Orchester), dieser 1892 durch Alwin Schroeder 
aus Leipzig ersetzt Im Sommer des Jahres 1896 gab das Kneisel-Quartett eine Reihe 
von Konzerten in London. 

Zweifellos gehSrt diese Bostoner Kammermusik-Vereinigung zu den 
wichtigsten Kulturfaktoren in Amerika und hat sehr viel dazu beigetragen, 



Digitized by 



Google 




248 
DIE MUSIK IV. 16. 




dass Kammermusik auch in vielen Privathausern heimisch geworden ist, 
Wer aber daraufhin die Behauptung aufstellen wollte, dass Amerika schon 
ein wirklich musikalisches Land sei, beginge einen grossen Irrtum. Bis 
dahin ist noch ein sehr weiter Schritt zuruckzulegen, wenn es uberhaupt 
Oidglich ist, ein fur Kunst nicht pradestiniertes Volk so weit zu bilden, 
dass es nicht nur vorubergehend in ihr eine Rolle spiel t, sondern seine 
Stellung auch festhalt. 



Anregungen von der Aussenwelt hat Amerika oft genug erhalten. 
Grosste Kunstler auf schaffendem Gebiet waren hier zu Gaste, so 
Tschaikowsky, Rubinstein, Dvorak, der einige Jahre als Direktor 
eines Privat-Konservatoriums hier lebte, und Richard Strauss. Auch Max 
Bruch war vor langen Jahren vorubergehend hier. Xaver Scharwenka, 
dem sich anfSnglich sein Bruder Philipp beigesellte, hatte hier mehrere 
Jahre sein eigenes Konservatorium. Von modernen deutschen Tonsetzern 
fuhrte Felix Weingartner mehrere seiner Werke in den Philharmonischen 
Konzerten auf; auch Eugen d' Albert legte Proben seiner kompositorischen 
Begabung ab. Das hier im Ubermass gepflegte, aber in den meisten 
Kirchen sehr dilettantisch behandelte Orgelspiel wird vielleicht durch den 
jetzt erneuerten Besuch von Alexandre Guilmant, der wihrend der Welt- 
ausstellungen in Chicago und St. Louis konzertierte und dann auch in 
anderen Orten Vortrfige gab, auf ein etwas hoheres Niveau gelangen. 

Nur sehr, sehr wenige Kunstler ersten Ranges, deren Namen dereinst 
in der Musikgeschichte einen Platz haben werden, wShlten Amerika zu 
dauerndem Aufenthalt. Der bekannteste von ihnen ist der Pianist Rafael 
Joseffy, der in der Villenkolonie Terrytown bei New York lebt und haupt- 
s3chlich mit Unterricht sich beschaftigt. Nur selten noch tritt er fiffent- 
lich auf. Jedes Auftreten bedeutet aber fur ihn einen neuen Triumph. In 
Brooklyn wirkt seit Jahren der Violin-PSdagoge Henry Schradieck, in 
Chicago ist Emile Sauret ansissig; Georg Henschel, der einstige Diri- 
gent des Bostoner Symphonie-Orchesters und beriihmte Liedersanger, hat 
sich neuerdings in New York als Lehrer niedergelassen. Der Geiger 
Willy Hess ist seit dieser Saison in Boston als Konzertmeister des Sym- 
phonie-Orchesters tatig. Von bedeutenden, europftischen Dirigenten hatte 
Anton Seidl Amerika zu seiner zweiten Heimat gemacht. Ihm ist es be- 
schieden gewesen, den grossten Einfluss bezuglich der Verbreitung moderner, 
speziell Wagnerscher Musik in Amerika auszuuben. Obgleich schon vor 
Seidl Carl Bergmann, Dr. Leopold Damrosch und Theodor Thomas 
alles Neue so viel als moglich berucksichtigt batten, so wurde doch Seidl 
hier erst der eigentliche Apostel Wagners. Seit Anton Seidls Ankunft 



Digitized by 



Google 




249 
LASER: MUS1KLEBEN IN AMERIKA 




beherrschen Wagners Werke, gleichwie in Europa, auch in Amerika den 
Spielplan der Opern-Unternehmungen, und Wagner- Programme in Konzerten 
fiben stets hochste Anziehungskraft aus. . 

Arthur Nikisch hielt es nur einige Jahre in Boston aus, dann 
kehrte er nach Europa zurfick; sein Nachfolger Emit Paur fibernahm nach 
Seidls Tode dessen Tatigkeit in New York, von wo er aber auch nach drei 
Jahren wteder fiber den Ozean zuriickging. Jetzt ist er wieder, wie schoa 
gesagt, in Amerika, und zwar als Dirigent des Symphonie-Orchesters ia 
Pittsburg. Auch Heinrich Zoellner und Dr. Paul Klengel weilten hier 
eine Reihe von Jahren als Dirigenten eines Gesangvereins. 

Der Hauptgrund, weshalb so wenige anerkannte europiische Kfinstler 
sich hier auf die Dauer wohl ffihlen kdnnen, liegt hauptsdchlich an dem 
Mangel einer musikalischen Atmosphere. Es ist hier alles so 
materiell, auch die Kunst ist hier in viel hoherem Grade Geschaft, als in 
der alten Welt. Die Regierung hat noch nicht die Hand geboten zur 
Grundung von Hochschulen der Musik, von Orchestern, in denen tfichtige 
Musiker eine den deutschen Hofkapellen entsprechende Anstellung finden 
konnten. Simtliche Konservatorien und grossen Orchester sind 
Privat-Unternehmen, ffir deren Existenz keine Garantie vorhanden ist 
War doch sogar erst kfirzlich davon die Rede, dass Heir Higginson, der 
aus seinen Privatmitteln das Bostoner Symphonie-Orchester vor zwanzig 
Jahren ins Leben rief, dieses selbe Orchester aufzulosen drohte, falls es 
seinen Mitgliedern einfallen sollte, sich dem Allgemeinen Musikerverbande 
(Union) anzuschliessen. 

Dass unter solchen Verhftltnissen ein jeder in Amerika lebende 
Kfinstler Oder einfache Orchestermusiker nur darauf bedacht ist, so schnelt 
als moglich und so viel als mdglich Geld zu verdienen, kann nicht ver- 
wunderlich erscheinen. Auch, dass viele vorzfigliche Kfinstler aus dem- 
selben Grunde nicht sehr wihlerisch in der Art ihrer Beschlftigung 
sind, darf daher nicht so schroff beurteilt werden. Alit der Zeit wird auch 
Amerika sich so weit aufraffen, die musikalische Kunst mit andeien Augen 
zu betrachten, zu begreifen, dass man sich ihr ihrer selbst wegen 
widmen kann, dass sie gerade so legitim ist, wie der Handel mit Schuhent 
Und dann wird naturgemiss auch die soziale St el lung der Kunst- 
treibenden auf ein entsprechendes Niveau gelangen. 



Ein Amerikaner entschliesst sich nur im Ausnahmefall, wenn seine 
Begabung ihn mit unwiderstehlicher Macht dazu zwingt, die Kunst als Be- 
ruf zu betreiben. Nur sehr wenige Tonsetzer haben sich einen Namea 
gemacht, und nur sehr wenige dieser Namen sind bis nach Europa ge~ 
drungen. 



Digitized by 



Google 




250 
DIE MUSIK IV. 16. 




Ohne wcitere Kommentare mdgen an dieser Stelle einige von ihnen 
genannt sein: Edward Mac Dowell, Horatio Parker, Arthur Foote, 
George W. Chadwick, John K. Paine, Edgar Stillman Kelley, 1 ) Henry 
K. Hadley, Arthur Whiting, Fred. S. Converse, Frank van der 
Stucken, Louis A. von Gaertner, Harry Patterson Hopkins, Henry 
Holden Huss usw. Diesen Amerikanern schliessen sich von hier lebenden 
AuslSndern mehrere an, die entweder schon als Kinder mit ihren Eltern 
nach hier kamen, oder in reiferen Jahren hier eine zweite Heimat fanden: 
Walter Damrosch, Louis Victor Saar, Julius Lorenz, Bruno Oscar 
Klein, Hermann Hans Wetzler, Victor Herbert, Arthur Weidig, Otto 
Strube, C. M. Loeffler, Hermann Spiel ter usw. Von ihnen nimmt 
Victor Herbert hier eine ganz eigenartige Stellung ein, die, als fur 
amerikanische Verhdltnisse besonders charakteristisch, n&her beleuchtet 
werden muss. Er ist einer der wenigen, die sich durch eigene Kraft, 
durch eisernen Willen zu einer fuhrenden Position aufgeschwungen haben, 
obgleich diese Position durchaus nicht von alien Seiten bedingungslos 
anerkannt wird. 

Herbert wurde 1850 in Dublin in Irland geboren und kam als siebenjlhriger 
Knabe nach Deutschland. Frfih begann er, musikalische Studien zu treiben. Im 
Violoncell, das er zu seinem Hauptinstrument erkoren, wurde Bernbard Cossmann, 
der damals in Baden-Baden lebte, sein Lehrer. Nach Beendigung seiner Studien trat 
Herbert in die Hofkapelle in Stuttgart als Solocelllst ein. 1886 wurde er von Tbeodor 
Thomas in gleicber Eigenschaft fGr sein New Yorker Symphonie-Orchester engagiert, 
war mehrere Jabre im Orcbester des Metropolitan Operahouse und in dem von 
Anton Seldl tltig. Dieser beschlfdgte ibn gelegentlich als Hilfsdirlgent. Scbon zu 
damaliger Zeit trat Herbert bin und wieder als Komponist an die Offentllchkeit, so 
mit elnem von ibm selbst gespielten Cellokonzert, dem er splter ein zweites folgen 
Hess. Nacb und nacb zog es ibn immer mehr zur Direktion. Er ubernahm, als ibm 
die Gelegenbeit geboten wurde, ohne Zaudern die Leitung einer unter Gilmore zu 
gewissem Ansehen gelangten Militlrkapelle, die er viel auf Reisen fubrte, bis er 1898 
zum Dirigenten des neu begriindeten Symphonie-Orchesters in Pittsburg erwlblt 
wurde. Er verdffentlicbte von weiteren Kom positioned eine Kantate ffir gemiscbten 
Chor und Orcbester »Tbe Captive 41 , eine „Suite Romantique", eine symphonlscbe 
Dichtung „Hero und Leander", die Suiten , Woodland Fancies" und .Columbus*, 
viele Lieder und kleinere, dem Unterbaltungsgenre angebdrende Orchesterstficke. 

Seine Erfolge hat Herbert aber wohl in erster Linie auf einem seinem 
kunstlerischen Werdegang entgegengesetzten Felde zu verzeichnen : auf dem 
der Operette! Nicht weniger als ein Dutzend solcher Werke hat er im 
Laufe von etwa zehn Jahren geschrieben, und ein jedes ist aufgefuhrt und 
hat sich mehrere Saisons auf dem Repertoire gehalten. Er ist der ge- 
suchteste Operetten-Komponist Amerikas, der in unglaublich kurzer Zeit 



*) Diese seeks amerikaniscben Komponisten bebandelt ausfuhrlich der Aufsatz 
von H. T. Finck S. 227 ff. 



Digitized by 



Google 




251 
LASER: MUSIKLEBEN IN AMERIKA 




auf Bestellung arbeitet. Die Leichtigkeit des Schaffens ist wohl der Grand, 
dass seine Musik nicht durchgehends gleichwertig ist. Man erz&hlt sich, 
dass Herbert wihrend eines Sommers vier Operetten fast zu gleicher 
Zeit komponiert babe. Er soil auch fahig sein, zur selben Zeit zu arbeiten 
und mit Besuchern sich zu unterhalten. Bei der Geschwindigkeit seines 
Schaffens ist es auffallend, dass seine Musik nie seicht ist, eher verfallt 
sie einer gewissen Schwulstigkeit, die in einer Operette nicht gut an- 
gebracht ist; sie ist fur ihren Zweck viel zu gut. In Herberts Operetten 
finden sich haufig Stellen, die einer grossen Oper zum Erfolge verhelfen 
wtirden; in seinen Ubrigen Werken, z. B. in der symphonischen Dichtung 
„Hero und Leander a , ist es gerade umgekehrt. Hier reicht seine Kraft 
nicht aus, dem grossen Vorwurf gerecht zu werden. Es ist mehr ein Malen 
Musserer Vorginge als ein solches von Seelenzustlnden. Aber immer ver- 
rlt sich die Hand eines Meisters in alien technischen Dingen. Obgleich 
man keinem Namen eines Tonsetzers in Amerika so oft begegnet als dem 
Victor Herberts, obgleich dieser Name sogar manchmal mit den ersten 
auf dem Felde der Komposition und Direktion genannt wird, darf ihm der 
unparteiische Beobachter doch nur einen mittleren Platz einriumen. Die 
Amerikaner sind geneigt, Herbert zu den ihrigen zu zihlen, da ihm 
gerade die VerMltnisse dieses Landes gunstig waren, sich zu einer so 
autoritativen Stellung aufzuschwingen, aber das beweist nur den Mangel 
des riesigen Landes an eigenen, starken Talenten. Einen dauernden Wert 
kann ich Herberts Werken nicht zusprechen. 



Am weitesten hat Amerika es vorldufig auf dem Gebiete des 
Virtuosentums gebracht. Das ist allerdings kein besonderes Kompliment, 
denn Virtuosentum ist bekanntlich nicht immer mit KQnstlerschaft ver- 
bunden, aber bei derjugend des Landes lassen sich gute Resultate in der 
Zukunft erwarten. Mit der Virtuositit hat ja das, was man heute unter 
„Kunst" versteht, einst begonnen, und es liegt kein Grund vor, an der 
spateren kunstlerischen Entwicklung des amerikanischen Virtuosentums zu 
zweifeln. Es gibt schon jetzt ausgezeichnete .Kunstler" im Gesange, auf 
dem Klavier, der Violine, dem Cello etc. Von den in Amerika geborenen 
Dirigenten ist Frank van der Stucken der einzige, der als Re- 
prasentant genannt zu werden verdient Obgleich noch ein verhiltnismftssig 
junger Mann, ist sein Name doch schon weit und breit bekannt. Aber 
auch er hat, wie die uberwiegende Mehrzahl seiner Landsleute, seine musi- 
kalische Erziehung im Auslande erhalten. 

Frank van der Stucken wurde 1858 in dem kleinen Ortchen Fredericksburg Jn 
Texas geboren. Als Knabe kam er nach Belgien, am unter Peter Benoit in Antwerpen 
Musik zu studieren. Sehr bald begann er zu koniponieren: geistliche Werke fQr die 



Digitized by 



Google 




252 
DIB MUSIK IV. 16. 




Kathedrale und ein Ballet fur das KOnigliche Theater. Aus seinen europiischen 
»Wanderjahren" 1878—81 datieren viele Chdre und Lieder. Dann wurde er Kapell- 
meister am Stadttbeater in Breslau, woselbst seine Musik zu Sbakespeare's .Sturm* 
zur Auffuhrung gelangte, und im folgenden Jabre gab er unter Protektion von Liszt 
ein Konzert mit eigenen Werken in Weimar, dem aucb Grieg, Lassen und Muller- 
Hartung beiwobnten. 1884 wurde er Dirigent des Gesangvereins „Arlon* in New York, 
welche Stellung er 1805 aufgab, urn die Leitung des College of Music und des Sym- 
phonie-Orchesters in Cincinnati zu ubernehmen. Wlhrend seines langen Aufenthaltes 
in New York entfaltete er eine sehr rege und einflussreiche Tltigkeit. Er unternabm 
„NovitiUen-Konzerte" in Steinway Hall, Symphonie-Konzerte in Cbickering Hall, leitete 
aucb den Verein „Arion" in Newark, war Organist in New York, dirigierte drel Slnger- 
feste in Indianapolis, 1891 das in Newark und 1894 eines in New York. 1892 machte 
er mit dem „Arion" eine grosse Konzert-Tour durcb Deutscbland und Osterreicb. 
Van der Stucken bat viel dazu beigetragen, amerikanische Kompositionen bekannt zu 
macben. So gab er aucb in der Pariser Weltausstellung 1889 ein Konzert nur mit 
Werken seiner Landsleute, wofur er zum Offlcier de I'Acadlmie ernannt wurde. Zu seinen 
bedeutendsten Arbeiten zlhlen die sympboniscben Dicbtungen „Ratcliff" und v Der 
Triumph des Friedens", 16 Lieder (Breitkopf & HlrteD, zwei Gedicbte von Goethe fur 
Solo, Minnercbor und Orcbester (Schirmer, New York) usw. 

Am zahlreichsten findet man amerikanische Virtuosen unter den 
Sflngern. Ihren Stimmen ist durchschnittlich ein sammetweicher Schmelz 
eigen, der sie besonders fur lyrischen Gesang pridestiniert. In diesem 
leisten sie entschieden ihr Bestes. Vollkommen heimisch fuhlen sie sicb 
alle in dem sogenannten ,englischen Balladenstil". Mit Vorliebe gehen 
die amerikanischen Singer zur Opernbuhne, auf der viele auch in Europa 
als berfihmte Sterne Ruhm und Gold ernten. Aber auch in der drama- 
tischen Musik gelangen sie nicht iiber das ihnen so naheliegende Ziel des 
geschmackvollen Vortrages hinaus. Charakterisierungskunst ist ihnen sehr 
selten gegeben. 

Die bekanntesten Namen sind: Lillian Nordica, Emma Eames, 
Edith Walker, Geraldine Farrar, Louise Homer, Susan Strong, Marion 
Weed, David Bispham, Clarence Whitehill, Robert Blass; auf dem 
Konzert-Podium Lillian Blauvelt, Susan Metcalfe, Mary Hissem de Moss, 
Ellison van Hoose, Gwylim Miles. Neuerdings trat der junge Tenorist 
Francis Maclennan, der den w Parsifal" in englischer Sprache sang, in 
die Erscheinung. Seine bliihende Stimme und seine von grosser Begabung 
zeugende Wiedergabe der Partie durften ihn bald in den Vordergcnnd der 
amerikanischen Sanger bringen. 

Der hervorragendste Kiinstler von alien ist David Bispham. Nicht 
nur hat er bier, wie auch in England, fast alle ersten Bariton-Partieen ge- 
stagen (Wolfram, Telramund, Kurvenal, Wotan, Beckmesser, Alberich etc.), 
in alten und neuen Oratorien mitgewirkt, sondern auch eine grosse Menge 
von Lieder-Rezitals veranstaltet, in denen er einer der Vorkimpfer def 
neuesten Literatur ist (Strauss, Wolf, Weingartner usw.). Damit ist er 



Digitized by 



Google 




253 

LASER: MUSIKLEBEN IN AMERIKA 




jedoch nicht zufrieden. Gelegentlich trat er auch als Schauspieler auf. 
Attsserdem ist Bispham ein Rezitator allerersten Ranges (Manfred, Sommer- 
nachtstraum, Enoch Arden mit der Musik von Richard Strauss usw.). Zu- 
guterletzt zeigt sich seine ungewdhnliche Intelligenz noch darin, dass er 
des ofteren sachverstindige Aufsfitze in gelesensten Zeitschriften erscheinen 
lasst. Seine Vielseitigkeit trfigt dazu bei, dass relativ wenige grosse Auf- 
fuhrungen in New York ohne seine Mitwirkung stattfinden. 

David Bispham ist in Philadelphia geboren and widmete sich anflnglich dem 
Kaufmannstande. Dabei trat er hlufig in Privat-Gesellschaften, Vereinen, Amateur- 
Theatervorstellungen auf. 1886 ging er nach Europa, um seine in der Vaterstadt be- 
gonnenen Gesang- und Musikstudien fortzusetzen. Drei Jahre blieb er in Italien bei 
Lamperti, dann ging er nach London, um sich dort einen Wirkungskreis als Konzert- 
slnger zu schaffen. Infolge seines zufllligen Auftretens bei einer Opem-AuffQhrung 
durch Dilettanten wurde ihm angeboten, die erste Baritonrolle einer Oper von Messager 
zu ubernehmen. Unter der Leitung von Arthur Sullivan hatte er damit solchen Erfolg, 
dass er ffir die kommeode Saison 1892 am Co vent Garden-Theater engagiert wurde. 
Daselbst hat er bis jetzt fest jeden Sommer gesungen, wlhrend er auch mehrere 
Wintersaisons dem New Yorker Metropolitan Operahouse angehdrte. Bispham ist 
jetzt etwa 50 Jahre alt 

Unter den amerikanischen Pianisten nimmt Fannie Bloomfield- 
Zeisler den ersten Platz ein. Allerdings ist sie 1865 in Bielitz in 
Schlesien geboren, lebt jedoch seit ihrer friihesten Kindheit in Amerika. 

Mit zwei Jahren schon kam sie mit ihren Eltern nach Chicago und genoss da- 
selbst ihre ganze Erziehung. Musikunterricht erhielt sie von Carl Wolfeohn und ging 
splter zu Leschetizky nach Wien, dessen SchQlerin sie fQnf Jahre war. Als zehn- 
jlhriges Kind trat sie in Chicago zuerst dffentlich auf. Ausser in Amerika hat sie 
mehrmals lusserst erfolgreiche Konzertrelsen durch Deutschland, Osterreich, England 
und Frankreich unternommen. In der neuen Welt, die sie ganz zu der ihrigen zlhlt, 
ist sie eine der beliebtesten Kfinstlerinnen. Seit 1885 ist sie mit dem Rechtsanwalt 
Sigmund Zeisler in Chicago verhelratet 

Die Auswahl unter den Violinisten Amerikas ist nicht viel grosser: 
Edwin Grasse, Leopold Lichtenberg, Maud Powell. Vor langen Jahren 
erregte Armah Senkrah (Harkness), die leider fruh starb, grosses Auf- 
sehen in Europa als Konkurrentin der Teresina Tua. Vielleicht sollte auch 
noch Geraldine Morgan genannt werden, die mit ihrem Bruder Paul, 
einem sehr talentvollen Cellisten, hin und wieder Kammermusik-Konzerte 
gibt. Die Geschwister studierten auf der Berliner KSniglichen Hoch- 
schule. Maud Powell machte sich in Europa einen geachteten Namen, 
als sie den w Arion tt auf seiner Konzertreise als Solistin begleitete. Sie 
hielt sich mehrere Jahre in England auf, ist aber jetzt wieder nach Amerika 
zurackgekehrt. Auch der kleine Geiger Florizel Reuter, der in euro- 
piischen Stldten als »Wunderkind« umhergefuhrt wird, ist in Amerika ge- 
boren. Leopold Lichtenberg, ein ganz ausgezeichneter Violinist, erblickte 
1861 in San Francisco das Licht der Welt. 



Digitized by 



Google 




254 

DIE MUSIK IV. 16. 




Als Knabe von zwdlf Jthren erregte er die Aufmerksamkeit von Henri Wieni- 
awski, den er dtnn als sein SchQler einige Zeit auf Reisen begieitete, bis er nach 
Brussel zu dreijlhrlgem Stadium ging. Er vertrat Wieniawski bei einer Anzahl von 
Konzerten in Belgien und kehrte dann nach Amerika zuruck, wo er von Tbeodor 
Thomas engagiert wurde. Nach abermaligem kurzen Aufenthalt in Europa wnrde er 
Mitglied des Bostoner Symphonie-Orchesters. Seit vielen Jahren ist er der erste 
Violinlehrer des National-Konservatoriums (Privat-Unternehmen) in New York. 

Lichtenberg tritt nur schr selten an die Offentlichkeit; jede solche Gelegen* 
heit bedeutet fur ihn jedoch einen neuen Triumph. 

Der bedeutendste unter den amerikanischen Geigern ist Edwin Grasse. 

Er wurde 1884 in New York geboren. In seinem ersten Lebensjahr verlor er 
die Sehkraft. Schon als kleines Kind zelgte er vicl Begabung f&r Musik. Mit sechs 
Jahren begann er Violinstudien bei dem t&chtigen Lehrer Carl Hauser und ging 
splter zu Cesar Thomson nach Br&ssel. Dann trat er noch zu weiterer Ausbildung 
in das dortige Konservatorium, das er mit mehreren Preisen ausgezeichnet verlassen 
konnte. Auf Joachims Rat wldmete er sich der Virtuosenlaufbahn und debutierte 1902 
in Berlin in einem eigenen Konzert in der Singakademie. 

Grasse gehort zu den ersten Geigern der Welt. Trotz seiner Blindheit 
umfasst sein Repertoire fast die ganze Literatur, worunter sogar viele 
Kammermusik-Werke. — Auch die in Berlin lebende, aus Boston geburtige 
Cellistin Lucie Campbell ist hier zu nennen. 



Mit dem Studium der Musik ist es in Amerika noch recht zweifel- 
haft bestellt. Zwar werden schon seit Jahren Anstrengungen gemacht, es 
zu heben, sie gehen jedoch ausnahmslos, wie schon erwihnt, von privater 
Seite aus. Die Musikschulen in New York, Boston, Chicago, Cincinnati 
usw. haben eine Menge Schuler. Diejenigen begabten jungen Leute, die, 
ob mit Recht oder Unrecht, auf eine Zukunft hoffen, suchen ihren Ehrgeiz 
darin, noch eine geraume Zeit an einem der grossen Konservatorien 
Europas sich weiter zu bilden, oder den Privatunterricht eines beruhmten 
Lehrers zu geniessen. Der Durchschnitts-Schiiler hat nur den einen Wunsch, 
sich die notige Fertigkeit anzueignen, die ihm das Erwerben seines Unter- 
haltes ermoglicht. Ein gemeinsames Musizieren der Schuler unter sich, 
um die Literatur kennen zu lernen, ist in Amerika fast unbekannt. Man 
gerit oft in Erstaunen, welche Lucken in dieser Hinsicht selbst im Wissen 
sogenannter gebildeter Amerikaner existieren. Und dennoch ist ein starker 
Drang, diese Lucken auszufullen, unwiderleglich vorhanden. Aber es ist 
alles oberflSchlich. Wer von den Amerikanern auf irgendeinem Gebiete* 
ganz speziell dem der Musik, die notdurftigsten Kenntnisse besitzt, spricht 
daruber mit der Autoritit eines Fachmannes, auch in Gegenwart der grossten 
Kunstler. Naturlich trigt das nicht dazu bei, die gesellschaftliche Stellung. 
der Kunstler zu erhdhen. Der echte Kunstler muss darunter leiden, da 



Digitized by 



Google 




255 
LASER: MUS1KLEBEN IN AMERIKA 




man wotal aucta seine Leistungen nur seiner Begabung zuschreibt, otane zu 
wissen, welctae Arbeit, welches zeitraubende, fleissige Studium notwendig 
ist, um in der Musik, selbst bei grdsstem Talente, eine taotae Stufe der 
Kunstleiter erklimmen zu kdnnen. Erst wenn der Kunstler durch seine 
Leistungen neben Etare und Ruhm auch klingenden Erfolg in Masse er- 
rungen hat, erst wenn er so gestellt ist> dass er „ein Haus macht", dann 
flndet er auch gesellschaftliche Beachtung. Von den allerersten Kreisen ist 
er aber auch dann noch ausgeschlossen. Ich habe noch nicht gehdrt, dass 
einer der Multi-Millionfre, in deren H&usern bekannte Kunstler gern ge- 
sehene Gfiste sind, auch bei den von diesen Kunstlern in ihren eigenen 
Behausungen veranstalteten Festlichkeiten erschienen wire. Aber, wie 
schon fruher angedeutet, wird ja auch darin allmihlich eine Anderung ein- 
treten, sobald erst durch Grundung grosser Konservatorien das Studium 
der Musik in Amerika in das rechte Fahrwasser geraten sein wird, sobald 
man sich daran gewdhnt haben wird, in einem aus solchem Institute her- 
vorgegangenen Kunstler einen Menschen mit akademischer Bildung zu 
sehen. 

Die UniversitSten, die allerdings auch keine staatlichen Grundungen 
sind, sondern nur durch Schenkungen reicher Leute entstanden und auch 
auf solche Weise unterhalten werden, legen der Kenntnis der Tonkunst 
jetzt einen grossen Wert bei und sind bemuht, tuchtige Krafte aus 
Europa, zum grossten Teil aus Deutschland, zur Obernahme des ,Musi- 
kalischen Departements" zu veranlassen. So folgte im letzten Herbst 
Dr. Cornelius Rubner aus Karlsruhe einem Rufe an die Kolumbia-Uni- 
versit&t in New York. 

Es ist naturlich, dass sich die im Lande lebenden Kunstler n&her 
aneinander durch Grundung von musikalischen Vereinigungen anschliessen. 
Die Manuscript Society ist wohl die grosste derartige Gesellschaft in 
New York und trat in fruheren Jahren dfter sogar mit Orchester-Konzerten 
in die Oifentlichkeit, in denen Arbeiten ihrer Mitglieder zur Auffuhrung 
gelangten. Seit 1898 existiert eine neue Vereinigung, deren fuhrende 
Geister hauptsichlich deutsche Oder von deutscher Abkunft bier geborene 
Kunstler sind. Sie entstand in Brooklyn und ihr erster President war der 
jetzt in Philadelphia lebende Louis Koemmenich. Im Jahre 1900 nahm 
die Vereinigung den Namen The Tonkunstler Society an und dehnte ihren 
Wirkungskreis weiter aus. Es flnden jetzt in jeder Saison 16 musikalische 
Veranstaltungen start und zwar abwechselnd in New York und Brooklyn. 
President ist seitdem der vorzugliche Cellist Leo Schulz. Ausser ihm 
macht sich der Pianist Alexander Rib m, ein ganz trefflicher Musiker, um 
das Gedeihen der das Interesse fur die Kunst sehr fordernden Gesellschaft 
hervorragend verdient. Auch der Violin-Altmeister Henry Schradieck, 



Digitized by 



Google 




256 
DIE MUSIK IV. 16. 




sowie die Komponisten L. V. Saar und B/O. Klein beteiligen sich hiufig 
an den Auffuhrungen von Novititen. 

Ihren Hdhepunkt erreicht die Musik-Saison in New York wShrend der 
Zeit der Grossen Oper. Nacta Schluss der Spielzeit wird dann ge- 
wdhnlich eine mehrwochentliche „Gesch&ftsreise" durch das ganze Land 
ttnternommen, wflhrend der regelm&ssig Vorstellungen in Boston, 
Chicago, St. Louis usw. stattfinden. Nacta Philadelphia geht die Opera- 
Gesellschaft schon wlhrend der New Yorker Saison gewdtanlich zweimal 
wdchentlich. In diesem Jahre begibt sie sich sogar bis nach San Francisco. 
Ihren grdssten Aufschwung hatte die Oper wohl unter der Leitung von 
Maurice Grau genommen. Der gegenwftrtige Direktor ist Heinrich Conried. 

Auch Henry W. Savage gehort zu den erfolgreichen Opera-Unter- 
nehmern, jedoch standen die meisten seiner Auffuhrungen nur auf Durch* 
schnittshdhe. Zurzeit fiihrt er Wagners .Parsifal im Lande umher, mit 
dem er auch an der kaliforaischen Kuste „Geschafte" zu machen hofft. 




Digitized by 



Google 




W 

< 
D 

a 
Ji 

UJ 
GO 

2 
z 

UJ 
Z 

o 

H 
</) 

o 

00 
CO 

< 



1 u 

S| 

UJ ^ 



u z 

CO uj 

is 

N CO 

II 

u. -J 



2 
> 




Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 





VICTOR HERBERT 



IV. 16 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 




ZTANGLOSE PLAUDEREI 
von Felix Weingartn er-Miinchen 





ie gehen nach Amerika!* — ein erschreckter Ausruf Blterer, wenig 
gereister Personen, die eine Fahrt fiber das Weltmeer ungefahr 
gleichbedeutend mit Nimmerwiederkehren halten, ein halb be- 
wundernder, halb neidvoller Seufzer derer, die meinen, in Amerika 
flogen die Dollars so miihelos ins Portemonnaie wie im Schlaraffenland die ge- 
bratenen Tauben in den Mund. — J a, mogen wir auch durch die modernen 
Verkehrseinrichtungen in unseren Reiseempfindungen recht moderneMenschen 
geworden sein, ein eigentiimliches Gefuhl ist's halt doch, wenn wir uns im 
„ Steamer-Train" allm&hlich der Kuste ndhern, wenn wir im kleinen Tender, 
eingepfercht unter erregt schwatzenden oder still hinbriitenden Passagieren 
vom Lande abstossen und nun mit alter Bestimmtheit wissen, dass wir 
mindestens eine Woche keinen Grund unter den Fussen haben und, was 
auch passieren moge, ohne die Mdglichkeit des Haltens und Aussteigens, 
die uns auch der expresseste Expresszug alle drei Stunden einmal gewflhrt, 
ins Blaue hinaussegeln werden. Ins Blaue? — Bitte, keinen falschen 
Optimismus, denn vorerst sieht's mit der Blflue des Himmels und des 
Wassers recht „windig* aus. — Allmahlich n&hern wir uns dem grossen 
Dampfer, diesem Koloss mit seinen vier dampfenden Schloten, der uns 
hinuber tragen soil in die neue Welt und der auf den fur unsere Begriflfe 
schon recht hoch gehenden Wogen des ausseren Hafens in stolzer Un- 
beweglichkeit ruht. Sein Anblick erfullt uns mit Bewunderung vor den 
Leistungen der Schiffsbaukunst, und sind wir fiber die schmale Treppe auf 
Deck gelangt, so erwecken die prichtigen Rdume, der zuvorkommende 
Empfang, und nicht zuletzt eine treftlich zubereitete Mahlzeit ein Gefuhl 
der Behaglichkeit, das unsere fruhere Befangenheit verscheucht. 'S ist 
doch nicht so schlimm, nach Amerika zu fahren, raunt die innere Stimme, 
und vertrauensvoll trinken wir einen krflftigen Schluck unserer Lieblings- 
marke, die wir mit Vergnugen auf der Weinkarte entdeckten, auf unser 
hochsteigenes Wohl. Da, ein pldtzlicher Stoss, und das halbgefullte Glas 
mit besagter Lieblingsmarke bekommt eine seltsame Neigung, eine kleine 
IV. 16 17 



Digitized by 



Google 



fJB g DIE MUS1K IV. 16. ,jg35 

Exkursion fiber den Tisch zu machen. — Wir sind auf offener See. Der 
uralte Okeanos lflsst uns aber schon fuhlen, dass er sich's nicht allzu gut- 
miitig gefallen lassen wird, wenn wir zwerghafte Menschlein uns unter- 
fangen, mit einigen Planken und Maschinen fiber seinen ehrwurdigen 
Rficken hinzufahren, als ob er nur zu unseren Diensten da wire. Er hat 
seinen verdammt eigenen Willen, der riesige Meergreis, und wehe dem 
nicht Seefesten, wenn er gerade den Zeitpunkt erwischt, wo die gdttliche 
Laune schlecht ist. Da kommen Stunden, wo er das Schiff, das Meer, sich 
selbst, ganz Amerika, samtliche Dollars, ja sogar den ehrwurdigen Kolumbus, 
der immerhin die allererste Schuld der ganzen Reise trfigt, zu alien Teufeln 
wfinscht. Aber — Spass beiseite — welche Bewunderung uberkoramt 
uns, wenn wir, umgeben von aller nur denkbaren Sicherheit, auf das tobende 
Weltmeer hinausblicken und daran denken, dass vor vier Jahrhunderten ein 
kleines Hauflein waghalsiger Manner auf drei elenden Segelbarken hinaus- 
fuhr, ohne zu wissen, ob sie dort in nebelhafter Feme uberhaupt 
Land finden wurden. Tiefe Ehrfurcht diesem Entdeckermute! — Gluck- 
licherweise kommen auch Stunden und Tage, wo Okeanos lachelt, vielleicht 
auch schlift. (Die alten Gotter durften bekanntlich schlafen, nur unserem 
lieben Vater im Himmel mutet man die Qual zu, ewig fiber uns wachen 
zu mussen.) Dann tritt Allmutter Sonne aus dem Wolkenpalast und spruht 
ihre Strahlenbundel auf die Krauselwellen, die mit blitzendem Farben- 
spiel die Grfisse der Gewaltigen erwidern. Ein Grfin, wie es mitunter 
auf wenige Augenblicke im weissen Schaum des Meeres auftaucht, so tief, 
geisterhaft fluchtig, und doch so leuchtend, habe ich nirgends in der Natur 
wiedergefunden. Des Nachts aber tauchen urn das Schiff herum geheimnis- 
volle Sterne aus der dunklen Flut; Meerleuchten nennt man's; wer weiss 
aber, ob sie nicht den Himmel eines Firmaments schmucken, der sich 
fiber versunkenen Welten tief im Meeresgrunde wolbt, wo Wesen hausen, 
die sich frfiher auch auf der jungfrMulichen Erde tummelten, damals, als 
die Geschichte noch Fabel war und die schonsten Konzerte gratis gespielt 
wurden. 

Endlich, halb verzweifelt, halb entzfickt, teils erfrischt, teils todmude 
nfihern wir uns dem Lande. Einen Arger aber muss ich loswerden, bevor 
ich weiterschreibe, sonst macht mir das Plaudern keine Freude mehr. Auf 
unseren schonen Schiffen, die stolze Namen deutscher Kaiser ffihren und 
das Erstaunen der ganzen Welt vor deutscher Industrie und Arbeitskraft 
hervorgerufen haben, werden alle Ankundigungen und Berichte aus- 
schliesslich in englischer Sprache gegeben. Diese „H6flichkeit a gegen 
die mitreisenden Englinder und Amerikaner, deren Schiffe sie naturlich in 
keiner Weise erwidern, enth&lt eine derartige Hintansetzung, um nicht zu 
sagen Beleidigung des deutschen Publikums, dass man nur wieder dessen 



Digitized by 



Google 




259 

WEINGARTNER: AMER1KA 



Jli 



Michelhaftigkeit bewundern muss, wenn es sich nicht dagegen auflehnt. 
Das Bismarcksche Wort von der .Inferiority des deutschen Nationalgefuhls" 
besteht leider immer noch zu Recht. Man wahre den schdnen Vorzug des 
Deutschen, polyglott gebildet zu sein und gebe die Ankundigungen in zwei, 
meinetwegen in mehr Sprachen; der internationale Verkehr gerade auf 
unseren Schiffen rectatfertigt dieses Entgegenkommen. Die lakaientaafte 
Unterwiirflgkeit aber, unsere Sprache ganz zu verleugnen, muss uns nur, 
und zwar mit Recht, die Oberhebung und den Spott der Ausl&nder zu- 
Ziehen, die uns zulieb kein Jota ihrer Nationalist aufgeben. Ich hoffe 
mich einig mit einem nicht geringen Teil meiner Landsleute, wenn ich als 
deutscher Mann an die dafur verantwortlichen Personen die Forderung 
richte: Auf deutschen Schiffen die deutsche Sprache! 

Als ich mich das erstemal dem New Yorker Hafen niherte, glaubte 
ich mit Erstaunen zu bemerken, dass das Land hugelig sei. Bald sah ich 
aber, dass, was ich im Morgennebel fiir Berge gehalten hatte — Hiuser 
waren, Hiuser von fabelhafter Hdhe, die bekannten „Wolkenkratzer", mit 
denen ich bald nahere Bekanntschaft machen sollte, denn auch die grossen 
Hotels sind solche himmelhoch ragenden Ungeheuer von oft seltsamen 
Formen. Gerade am Hafen flndet sich die grosste Menge dieser eigen- 
tumlichen Bauten, die der Einfahrt in New York ihr mit nichts zu ver- 
gleichendes Geprige geben. Links, auf einer Insel, kuhn ins Meer hinein- 
gebaut, griisst uns die riesige Statue der Freiheit. — „Freiheitt a — 
Welche Vorstellungen erweckt uns dies Wort, das wir Monarchisten eigent- 
lich nur so gleichsam con sordino aussprechen durfen und das uns hier 
so unverhiillt als Devise des ganzen Landes, des ganzen Volkes in mlchtiger 
Verkdrperung entgegenleuchtett — Kein Milit&rzwang, keine Steuern, keine 
Schranzen, keine Junker, das Staatsoberhaupt auch nur ein Mister so und 
so wie die andern, und die ehrliche Arbeit geachtet, ob tie im Regierungs- 
hause oder auf der Strasse geleistet wird — das sind unsere Gedaoken, 
wihrend wir an New Yorks Wahrzeichen vorbeifahren, und erhobenen 
Herzens begrussen wir das freie von Tausenden mit heisser Sehnsucht 
gesuchte Land, das sich nun in greifbarer Deutlichkeit vor unseren Augen 
ausbreitet. Freilich, wenn sich dann das Schiff mit Beamten fullt, die uns 
iiber alles mogliche inquirieren, wenn wir stundenlang auf dem Peer 
stehen mussen, bis die Zollschwierigkeiten erledigt sind, so schmilzt unsere 
Freiheitsbegeisterung ein wenig zusammen und gibt dem Bemerken Raum, 
dass man in Europa eigentlich weniger Umstflnde mache. — „Wie geflllt 
Ihnen Amerika?" „How do you like America?* 4 so schallt es uns schon 
beim Aussteigen entgegen. Interviewer mit ihren Notizbuchern umdrflngen 
uns mit der Versicherung, ihr Blatt mfisse auf das genaueste fiber unsere 
Persdnlichkeit, Schicksale und Plfine unterrichtet sein, und liebenswfirdigen 

17* 



Digitized by 



Google 




260 
DIE MUSIK IV. 16. 




Freunden, die uns abholen, zuliebe mussen wir die Wonnen und Schrecken 
unserer Seefahrt noch einmal durchleben. Endlich sitzen wir im Wagen, 
der sich durch ein unbeschreibliches Getummel durchwindet, bis er etwa 
nach einer Stunde vor dem eleganten Portal eines Wolkenkratzers halt. 
Einer der zahlreichen Lifts fuhrt uns mit Blitzesschnelle bis ins funfzehnte 
Stockwerk oder noch hoher hinauf, und wir stehen nun in einem wohn- 
lichen Raume in Kirchturmhdhe uber einer Strasse, wo es wimmelt, wte 
in einem Ameisenhaufen, und wundern uns nur, dass der Boden nicht 
schwankt und wir gar keine Neigung zur Seekrankheit mehr verspuren. 

„Aber, Herr Kapellmeister/ hore ich die schmollende Stimme einer 
hubschen Abonnentin der Berliner Symphonie-Abende, „Sie geben uns ja 
eine Reisebeschreibung; wir aber wollten etwas von amerikaniscber Musik 
horen." — Ganz recht, verehrtes Frfiulein, und Dank fur die Mahnung. 
Wenn ich aber auf Reisen bin, interessieren mich Land und Leute so 
sehr, dass ich mitunter vergesse, doch eigentlich zum Musizieren engagiert 
zu sein. Ich ginge dann lieber in ein Museum, besuchte einen interessanten 
Stadtteil oder machte einen Ausflug in die Umgebung, als dass ich eine 
Probe halte. So habe ich mich denn auch jetzt in aussermusikalischen 
Erinnerungen verschwatzt ; ich will mich aber sofort bessern, mich hubsch 
auf mein Fach" zurtickziehen und Ihnen zunichst etwas vom schonsten 
amerikanischen Orchester erzahlen, nimlich von dem in Boston. Das 
ist ein Tonkorper allerersten Ranges, prfichtig der Klang des starkbesetzten 
Streicherchors, bezaubernd die Feinheit der Bliser, die Gesamtwirkung 
von gl&nzender Schonheit. In einer gerfumigen und, wie mir nach ein- 
maligem Besuch schien, gut akustischen Halle spielt diese hervorragende 
Musiker-Vereinigung w&hrend des Winters in der Regel jeden Freitag und 
Sonnabend. Die Zwischenzeiten werden durch Reisen nach New York, wo 
acht Konzerte gegeben werden, und anderen nicht allzu entfernten Stldten 
ausgefullt. Die Gesamtzahl der Konzerte wihrend einer Saison betrflgt 
weit uber hundert. Das ganze Unternehmen ist die Schopfung eines 
Privatmannes, Mr. Higginson, der, selbst sehr musikalisch und Musik 
liebend, es mehr zu seiner eigenen Freude als des Gewinnes wegen fuhrt. 
Der Vergleich mit Franz Kaim in Munchen liegt auf der Hand. Auch 
hier hat ein einzelner das fur das Mtinchener Musikleben so segensreiche 
Institut des Kaim-Saales und -Orchesters ins Leben gerufen, allerdings 
ohne Higginson's Millionen zu besitzen. Die schdne Einrichtung der eben- 
falls von Kaim gegrundeten Volks-Sympbonie-Konzerte, durch die auch dem 
Unbemittelten der Genuss edler Musik ermdglicht wird, hat in Amerika 
noch kein Seitenstuck gefunden. Die hier und da auftauchenden .Popular 
Concerts* sind noch immer reichlich teuer. Auch ist es sehr die Frage, 
ob es jetzt schon moglich wire, in den tieferen Schichten der amerikanischen 



Digitized by 



Google 




261 
WEINGARTNER: AMERIKA 



m 



Bevolkerung den Sinn fur kunstlerische Musik derart zu wecken, dass sich, 
wie es in Munchen oft geschieht, ein zum Teil aus Arbeitern bestehendes 
Auditorium zusammenfiinde, das in atemloser Spannung den Tonen einer 
klassischen Symphonie lauscht. — Das Orchester der .Philharmonic 
Society 41 in New York, das ich dirigiert habe — in Boston war ich nur 
Zuhorer — ist ungewdhnlich gross ; es enthilt fiber zwanzig erste Violinen 
und vierzehn Kontrab&sse. Die Ffille des Klanges ist dadurch sehr be- 
trfchtlich, jedoch sind die einzelnen Spieler nicht von so gleichm&ssiger 
Vollkommenheit wie die des Bostoner Orchesters. Vortreffliches wechselt 
mit minder Gutem ab, was seinen Grund in einem gewissen Konser- 
vativismus der Gesellschaft haben mag, die sich scheut, schwdcher ge- 
wordene Mitglieder durch frische Kr&fte zu ersetzen, ein Zustand, der lebhaft 
an europaische Hofkapellen erinnert, wo, allerdings vorwiegend aus Sparsam- 
keit, oft die allernotwendigsten Pensionierungen immer wieder hinaus- 
geschoben werden. — Das Orchester von Philadelphia, wo ich auch ein 
Konzert dirigiert habe, steht hinter den beiden genannten an Wert erheblich 
zurfick, doch sollen sich jetzt dort Bestrebungen geltend machen, ein erst- 
klassiges Orchester, flhnlich wie es in Boston besteht, zu schaffen. 

Seit den zwei Jahren, da der trefSiche Walter Damrosch, der Sohn 
des um das New Yorker Musikleben hochverdienten Leopold Damrosch, des 
Begrfinders der dortigen Deutschen Oper, sein Amt als Dirigent nieder- 
gelegt und sich ein eigenes im Aufschwung begriffenes Orchester gebildet 
hat, hat die New Yorker Philharmonic Society europftische Kunstler, darunter 
auch mich, zur Leitung ihrer Konzerte berufen. Die Verhandlungen 
wurden in durchaus korrekter und sympathischer Weise bei offener Wahrung 
der beiderseitigen Vorteile gefuhrt. So oft ich mit Amerikanern zu 
tun hatte, habe ich dlesen vornehmen Zug an ihnen bemerkt. Ich glaube 
nicht, dass der Kunstler, soweit er naturlich mit ersten Instituten und 
Personlichkeiten in Ber&hrung kommt, auch wenn er geschiftlich nicht 
sehr erfahren ist, in Gefahr kommt, in ungehdriger Weise ausgenutzt zu 
werden. Er seinerseits muss sich aber auch sehr sorgflltig vor demselben 
Fehler huten. Der Amerikaner bezahlt, besonders nach europflischen 
Begriffen, sehr gut; er kann es, weil das Geld druben einen anderen 
Wert hat wie bei uns, und er tut es gem, nicht nur, weil er durch ein 
gluckliches Engagement pekuniftre Vorteile erzielen kann, sondern auch, 
weil er den Kunstler als Tr&ger der Kultur verehrt und von ihm 
lernen will. Durch die glficklichen finanziellen Verhflltnisse war man 
druben in der Lage, das Beste, was Europa hervorgebracht hat, zu hSren, 
und dadurch hat sich der Geschmack des amerikanischen Publikums in 
ausserordentlicher Weise, in weit hSherem Masse, als man es hier weiss, 
verfeinert. Die Kunst wird mit einem Eifer und Ernst betrieben, die 



Digitized by 



Google 




262 
DIE MUSIK IV. 16. 




aufrichtige Bewunderung erwecken mussen, und die weitgehenden Anspruche, 
die man an den Kunstler stellt, entziehen der Mittelmftssigkeit jeden Boden. 
Wer etwa meint, sein europiischer Name genuge, dass auch minderwertige 
Leistungen gut gefunden werden, wer etwa seine Wurde soweit vergisst, 
nur das Bestreben zur Schau zu tragen, mit moglichst gefiilltem Geld- 
beutel abzuziehen, der rasselt in der offentlichen Meinung unrettbar durch. 
Kein schwereres und unsutanbareres Vergetaen gibt es in Amerika, als 
nicht gentlemanlike zu handeln, und dieser Umstand kann jedem Kunstler, 
der ein Gentleman ist — o, wiren es doch alle! — den sicheren Boden 
geben, auf dem er sich in Amerika heimisch fiihlen wird. Der Gradmesser 
seines Erfolges aber werden die wiedertaolten Einladungen sein, wieder 
binuber zu kommen. 

Die Proben in der „ Philharmonic Society* verliefen sehr anregend. 
Es war alles lange vorher besprochen und geregelt worden, so dass 
es keinerlei Stoning gab. Die Musiker, zum grossten Teil Deutsche, 
erschienen mit grosster Piinktlichkeit und folgten meiner Leitung mit 
grosser Hingabe. Der Aufforderung, eigene Kompositionen zu bringea, 
kam ich in diesem Jahre mit meiner in Amerika schon wiederholt gespielten 
zweiten Symphonie in Es-dur nach, so wie ich es voriges Jahr mit „Konig 
Lear* und dem drtiben ebenfalls bekannten „Gefilde der Seligen" getan 
hatte. Meinem bestimmt ausgesprochenen Verlangen, die Programme nach 
kunstlerischen Gesichtspunkten zu gestalten, wurde gern nachgegeben. 
Als ein Wagnis erschien den Herren nur das letzte diesj&hrige Programm, 
das lediglich zwei grosse Symphonieen enthielt, nflmlich w Harold" von 
Berlioz und Beethovens .Neunte". Jegliche Befurchtung erwies sich 
jedoch als grundlos. Das Publikum, das die grosse Carnegie-Hall bis auf 
den letzten Platz ftillte, nahm das Berliozsche Werk mit grosster Wirme 
auf; eine unvergessliche Erinnerung fur mein Leben aber ist mir die 
Begeisterung, die die neunte Symphonie erweckte, fur deren vorzugliche 
Auffuhrung ich den Herren des Orchesters sowie dem geradezu pracht- 
vollen, von Mr. Chapman einstudierten Chor zu danken hatte. Wo dieses 
wunderbare Werk des Grdssten unter den Grossen in wurdiger Weise 
erklingt, verschwinden Raum und Zeit, Nationalitlt und Sprache, Richtung 
und Partei. w AUe Menschen werden B ruder! Diesen Kuss der ganzen 
Welt! — So klang es, als der letzte Ton verhallt war, aus dem Jubel 
heraus, der uns alle erfasste, und der nichts anderes war als eine Fort- 
setzung der Tone, die wir soeben vernommen hatten. 

DieOperhat im grossen Metropolitan-Opera-House, das unter der 
Leitung des vielgenannten Herrn Conried steht, ihr Heim aufgeschlagen, 
wo sich allabendlich ein gl&nzendes Publikum — die Damen in fast iiber- 
reichen Toiletten — versammelt. Orchester und Ausstattung lassen 



Digitized by 



Google 




263 
WEINGARTNER: AMERIKA 



JK 



meistens zu wunschen ubrig, das Sangerpersonal aber ist vortrefflich. 
Man gibt deutsche Opera deutsch, italienische italienisch und franzdsische 
franzdsisch. Wire da nicht eine Anregung fur unsere bestehenden oder 
geplanten Festspielhiuser gegeben, einmal Featspiele auf einer originelleren 
Basis zu veranstalten, als sie die ewige Wagner- Abspielerei geben kann? 

— Wfire es nicht eine hohe Freude, einmal Mozarts „Figaro a , Verdi's 
„Falstaff", Berlioz' 9 Trojaner a oder Bizet's „ Carmen" in vollkommener 
Darstellung zu horen, ohne dass unsere deutschen Singer sich mit den 
geschmacklosen, ja oft haarstriubenden Ubersetzungen die Zunge zer- 
brechen mussten, wihrend sie hingegen ihre voile Kraft zur Heranbildung 
eines wirkliches Stilgefuhles fur „Fidelio", v Freischutz M , „Meistersinger*, 
„Barbier von Bagdad" und ,Der Widerspflnstigen Zihmung" aufsparen 
kdnnten? 1 ) — Wo ist ein genialer Theaterleiter, der den Mut hitte, mit 
der Bayreuther Tradition zu brechen? 

Dieses Jahr horte ich im Metropolitan-House nur den dritten und 
vierten Akt der „Hugenotten", die man in richtiger Erkenntnis der charakter- 
losen Internationalitit ihres Schopfers auch italienisch oder deutsch gibt, 
wie's gerade passt. Die iusserst packende Situation der Waffenweihe und 
des darauffolgenden Duetts zwischen Raoul und Valentine werden dieses 
merkwurdige Sammelsurium von Genie und Triviality wohl noch lange zu 
einem Kassenmagnet machen. — Gelegentlich meines vorjihrigen Aufenthalts 
in Amerika aber horte ich — „Ihn M , den leibhaftigen Gottseibeiuns fur 
alle Bayreuthianer, den Blasebalg der grdssten Reklametrompete, die je 
da war, den Anstifter geharnischter Aufrufe und giftiger Ehrenbeleidigungs- 
prozesse, ,Ihn" — ich bekreuzige mich, bevor ich's ausspreche — den 
.Parsifal in New York*. — Die grosse Gereiztheit und Gefahr, persdn- 
licher Motive verdftchtigt zu werden, die durch ein Anschneiden der Frage 
fiber die Zulflssigkeit dieser Auffuhrungen sofort hervorgerufen wird, ver- 
anlassen mich, vorher einige Worte zu meiner Verwahrung zu sagen. Also 

— parole d'honneur — ich bin nicht von Herrn Conried engagiert, will 
auch nicht von ihm engagiert werden, weil mir das Dirigieren imJTheater 
grundlich zuwider ist, kenne ihn uberhaupt nur durch eine fluchtige Vor- 
stellung und stehe in nicht den geringsten Beziehungen zu ihm. Wenn sich also 
im nachfolgenden auch einige freundlichen Worte fur Herrn Conried Bnden, so 
will ich damit keinen Vorteil erzielen, wohl glaube ich aber als Kunstler, der 
stolz darauf ist, vom heiligen die des nachwagnerischen Bayreuth nicht ge- 
salbt zu sein, einiges zur Liuterung der diesbezuglichen Ansichten beitragen 
zu kdnnen. Bevor Herr Conried den „ Parsifal" gab, hat er an eine Anzahl 
europiischer Buhnenleiter die Aufforderung gerichtet, sich zu verpflichten, 

*) Soeben geht eine Notiz durch die Blltter, dass ein von van Dyck in Ost- 
ende geplantes Theater ihnliche Bdstrebungen verfdlge. 



Digitized by 



Google 




264 
DIE MUSIK IV. 16. 



m 



nach Ablauf der hiesigen Schutzfristen dieses Werk nicht zu geben, worauf 
auch er verzichten wolle. Diese Verpflichtung sind die Herren Buhnen- 
leiter trotz hochtonender Phrasen, dass man des Meisters Willen respektieren 
miisse, und trotz der Schwierjgkeiten, die sie Herrn Conned durch Urlaubs- 
verweigerungen von Mitgliedern bereiteten, nicht eingegangen. Sie sagten 
dadurch mit nicht misszuverstehender Deutlichkeit, dass sie den „ Parsifal" 
geben werden, sobald sie es nach den Gesetzen ihres Landes diirfen; 
wenn somit Herr Conried den ^Parsifal" gegeben hat und Herr Viotta in 
Amsterdam ihn geben wird, weil sie es nach ihren Gesetzen durfen, so 
tun sie nichts anderes, als unsere, vorerst in die Wolke erzwungener Pietfit 
sich hullenden Theaterleiter so gern ebenfalls taten, wenn sie konnten. 
Auch bin ich begierig, wie viele der Kapellmeister, die soeben ihrer Ent- 
rustung gegen Herrn Viotta gemeinsamen Ausdruck verliehen haben, ver- 
weigern werden, den „ Parsifal" zu dirigieren, wenn ihr Chef einmal in 
der erwunschten Lage sein wird, ihn „anzunehmen". — Kann somit Herrn 
Conried ein rechtlicher Vorwurf, den „ Parsifal" gegeben zu haben, zum 
mindesten nicht gemacht werden, so muss ich andererseits zu seiner un- 
zweifelhaften Ehre sagen, dass er ihn gut, sogar sehr gut gegeben hat. 
Ohne mich auf Einzelheiten der in jeder Beziehung vorzuglichen Auffuhrung 
einzulassen, in der ich, nebenbei bemerkt, auch endlich wieder die Zeit- 
masse des Jahres 1882 ohne die unertraglichen spateren Verschleppungen 
horte, so mpchte ich doch besonders auf eine Szene hinweisen, in der 
wesentlich Verschiedenes, aber auch wesentlich Besseres geboten wurde, wie 
in Bayreuth; ich meine die Szene der „Blumenmadchen a , soweit es das Buhnen- 
bild betrifft. Kostume waren ja nie die Stfirke Bayreuths; die geschmack- 
losen Zipfelrockchen aber und die unformlichen Blumen-Stulphauben, in 
denen die armen Geschopfe Klingsors den reinen Toren verfuhren muss ten, 
erweckten schon zu Wagners Lebzeiten gerechte Bedenken, wihrend in 
New York ein duftiges, wogendes Schweben leicht verhullter anmutiger 
Gestalten in Verbindung mit der hier so frischen und reizvollen Musik einen 
geradezu berauschenden Gesamteindruck hervorrief. Heiliger Geist des 
grossen Richard, verzeihe mir, aber nach dieser Szene h&tte ich beinahe 
da capo gerufen, und ware auch gar nicht bose gewesen, wenn sie mir 
noch einmal vorgespielt worden ware. Unwillkurlich fiel mir Anton Seidl 
ein, der mir kurz nach der Neumannschen Nibelungen-Tournee erzdhlte, 
er habe in Italien das Terzett der Rheintdchter, den Ritt der Walkuren 
und noch manches andere stets wiederholen mussen. v Wie entriistet wSre 
der Meister gewesen, hitte er das erlebt," rief ich in jugendlichem Eifer, 
verletzt in meinen heiligsten Gefuhlen, worauf Seidl mit seiner charakte- 
ristischen Ruhe erwiderte: 9 Ah, gor ka Spur, d' grdsste Freud' hitt'er 
g'hobt. 4 * — Grosse Manner nahmen sich im Leben wohl mitunter. andere 



Digitized by 



Google 




265 
WE1NGARTNER: AMERIKA 




aus, als auf dem briichigen Piedestal, auf das sie die Diadochen hinauf- 
schrauben mdchten. 1st denn, um auf den Kernpunkt der Parsifalfrage zu 
kommen, tatsichlich noch niemandem eingefallen, dass die Schuld, dass 
uberhaupt eine solche Frage auftauchen konnte, lediglich und ausschliesslich 
Richard Wagner selbst trifft? — Er gab zwar den bestimmten Willen 
kund, sein letztes Werk seinem Festspielhause fur immer zu erhalten. J a, 
wer hatte sich denn diesem Willen jemals widersetzen kdnnen, wenn das 
Manuskript der Partitur und das Auffuhrungsmaterial fest in Wahnfried 
verwahrt geblieben und nur fur die Bayreuther Auffuhrungen unter strenger 
Kontrolle, die jede Abschrift oder Entlehnung verhindert taltte, hervorgeholt 
worden wire? — Auf diese Art wire der Parsifal tatsachlich das „Geheimnis" 
geblieben, das Bayreuth einschloss. Wagner hat aber die Partitur verkauft 
und ihrer Verdffentlichung beigestimmt. Niemand darf behaupten, dass 
er sich zur betreifenden Zelt in einer Notlage befunden, also unter dem 
Druck des traurigen Zwanges gehandelt hatte, sein Leben fristen zu mussen. 
Er tat es aus freiem Willen. Niemand wird wohl auch die Naivital haben* 
Wagner so weit zum weltentruckten Trimmer stempeln zu wollen, dass er 
sich der Folgen dieses Schrittes ganz unbewusst gewesen w&re; genoss er 
doch jedenfalls mit Bewusstsein die Vorteile des Verkaufs. Damit aber 
trat sein Werk fiber die Grenzen des persdnlichen und Familien-Eigentums 
hinaus in ein staatsrechtliches Verhflltnis zur Offentlichkeit wie jedes andere 
publizierte Werk, und keinerlei Vorwurf darf gegen den erhoben werden, 
der diesen olfenbaren Widerspruch zwischen Wagners Willens&usserung 
und seiner Handlungsweise zu seinen Gunsten auslegt. Kann ich mich 
somit menschlich und rechtlich nur auf die Seite derjenigen stellen, die 
den .Parsifal 11 geben, sobald sie kdnnen, so muss ich die rein kunstlerische 
Seite der Frage hingegen in anderem Lichte auffassen. Bevor ich die 
New Yorker Auffuhrung erlebt hatte, vertrat ich die Ansicht und habe sie 
dffentlich vertreten, dass man den „ Parsifal* uberall geben moge, wo man 
ihn wurdig geben konne; nachher aber bin ich anderer Meinung ge worden. 
Es gibt Werke, die die Kraft besitzen, den Ort, an dem sie aufgefuhrt 
werden, zu einem Heiligtum umzuwandeln. Diese Kraft besitzt der 
.Parsifal 11 nicht; er bedarf des Heiligtums, um zu wirken. In der, 
ich wiederhole es, vorzuglichen, selbst von prinzipiellen Gegnern als vor- 
zuglich anerkannten New Yorker Auffuhrung wirkte nuchtern, was uns 
innerhalb der Weihrauchwolken, die den Bayreuther Hugel umwallen und 
die Rflume des Festspielhauses durchziehen, mit religids-frommen Empfin- 
dungen erfullt hatte. Ein katholisches Hochamt in einem Prunksaale 
zelebriert, wo man sonst vielleicht Gala-Diners gibt, wird nicht mehr sein 
wie eine Zeremonie, wihrend es in einem von mystischem Dimmerlicht 
erfullten Dome auch auf den Freigeist Eindruck machen wird. Mystik ist 



Digitized by 



Google 




266 
DIE MUSIK IV. 16. 



.fiSgg 



aber in unsern Theatern auch durch Verdunklung des Zuschauerraumes 
und Tieferlegen des Orchesters nicht zu erzielen. Sicherlich wird Frau 
Wagner in den Jahren, da die Schutzfrist noch besteht, all ihre erstaunliche 
Klugheit und Geschicklichkeit aufwenden, urn, wenn auch kein Ausnahme- 
gesetz fur den „Parsifal", das jeder halbwegs Einsichtige bedauern miisste, 
so doch vielleicht ein person liches Kartell mit den Buhnenleitern oder eine 
allgemein gultige Verlangerung der Schutzfrist zu erreichen, die ihr und 
ihrer Familie das vielumstrittene Werk noch weiter sicherte. Ich kann ihr 
mit gutem Gewissen vollen Erfolg wunschen, denn, wenn ich auch auf 
anderem Wege wie die ,-ianer" meine Uberzeugung gewonnen habe, so 
scheue ich mich gerade deshalb nicht, sie unumwunden auszusprechen: 
Der ^Parsifal" gehort nach Bayreuth; dort m6ge er verbleiben. 

Mit besonderer Freude gedenke ich zweier Kammermusikabende in 
Boston und New York, in denen ich mit Kneisel und seinen Genossen 
mein Klaviersextett spielte. Die Konzerte dieser ausgezeichneten Kunstler- 
vereinigung sind stets ausverkauft, ein gutes Zeichen, wie lebhaft der Sinn 
des amerikanischen Publikums auch fur diese intime Kunstgattung ent- 
wickelt ist. Ausserst anregend verliefen zwei festliche Veranstaltungen 
der beiden grossen deutschen Gesangsvereine, des ,Arion* und des ,Lieder- 
kranz*. W&hrend die erste der frohlichen Geselligkeit und ausgelassenen 
Laune gewidmet war, entspann sich bei der zweiten durch geschickte 
Fuhrung des Vorsitzenden und „Toastmeisters* des Vereins, des geistvollen 
Dr. Baruch, eine coram publico gefuhrte Kontroverse fiber Kunstfragen 
zwischen einigen ersten Vertretern der Presse untereinander und mit mir, 
die ihren ubereinstimmenden Ausgleich in einer von mir erzfihlten indischen 
Legende fand, die ich, nachdem sie amerikanische Zeitungen wiedergegeben 
haben, mir erlauben mdchte, auch hier mitzuteilen. Wenn die Gotter, so 
sagt die Legende, in menschlicher Gestalt unter Menschen wandeln, so 
kann man sie daran erkennen, dass sie den Fuss nicht ganz auf die Erde 
setzen, sondern ein klein wenig daruber schweben. Auf unsere Fragen 
angewandt, fuhr ich fort, bedeutet dieser ausserst feine unberuhrte Zwischen- 
raum, dass die Kunst in menschlichster Gestalt und Gewandung, also 
durchaus realistisch erscheinen mdge, solange sie ihres gottlichen Ursprungs 
nicht soweit vergisst, sich plump auf die Erde zu stellen und alltdgliches 
statt typischem darstellen zu wollen, wo dann ihre Gottlichkeit sofort ver- 
schwindet und nur eine vielleicht vollkommene aber eher verstimmende 
als erhebende Technik iibrig bleibt. 

Drei freie Tage benutzte ich, um einen Ausflug nach den Niagara- 
mien zu unternehmen. Die Begeisterung fur die amerikanischen Eisen- 
bahnen kann ich nicht teilen. Sie sind allerdings billiger wie die unsrigen, 
gehen aber weder schneller, noch sind sie bequemer eingerichtet; der 



Digitized by 



Google 



MM 267 1H0 

3E£. WEINGARTNER: AMERIKA i E 

geradezu entsetzliche Llrm und das fortwlhrende Stossen, was auf den 
oberfi&chlicheren Unterbau zuriickzufiihren sein soil, bedarf starker Nerven, 
urn ertrfglich gefunden zu werden. Wenig ubereinstimmend mit der ameri- 
kanischen ,Freiheit* beruhrt es uns, wenn wir im Speisewagen einen 
Whisky mit Soda bestellen, und zur Antwort erhalten: „ Den Whisky kann 
ich erst in einer halben Stunde bringen, wenn wir in den n&chsten Staat 
kommen; hier darf keiner verkauft werden", Oder wenn wir, todmiide im 
Hotel angekommen, uns im Restaurant mit einem Schluck Champagner er- 
quicken wollen und der Kellner uns bedauernd versichert, dass wir heute 
geistige Getranke nur auf unserem Zimmer trinken durften, da Feiertag sei. 
Geradezu drollig ist auch das Entsetzen, das eine arglose Europ&erin erweckt, 
wenn sie sich unterfangt, sicfa eine Zigarette anzuzunden. Meine ohnehin 
ziemlich beschwerliche Fahrt nach den Niagaraffillen wurde durch einen furcht- 
baren Schneesturm, der weisse Mauern vor unseren muhsam fortkeuchenden 
immer wieder angehaltenen Zug turmte, noch um mehrere Stunden ver- 
lingert, aber sie hat sich uberreichlich gelohnt. Am n&chsten Morgen leuch- 
tete die klarste Wintersonne uber dem freundlichen, am Eriesee wundervoll 
gelegenen Buffalo und fiber den eine Stunde davon entfernten mlchtigen 
Fallen, die mit ihren fabelhaften Eisbildungen einen Anblick gew&hren, der 
jeden Versuch einer Schilderung ausschliesst. In diesem Lande scheinen die 
Elemente noch so ungehemmt und m&chtig, wie sie bei uns vielleicht vor 
vielen Jahrtausenden waren; aus den merkwurdig grossen Blumen aber und 
den herrlichen Fruchten, die die sudlichen Staaten nach dem k&lteren Norden 
senden, duftet uns die wurzige Kraft einer noch unausgenutzten, jugend- 
lichen Erde entgegen. Welche Kultur kann sich vielleicht dereinst auf 
diesen Gefilden entwickeln, wenn die bunt zusammengewurfelten VSlker 
einmal ein grosses, starkes Volk geworden sind, michtig durch ihr Kapital 
und unangreifbar durch ihre glucklicbe Lage an den beiden Weltmeeren? 
Eine Kultur vielleicht, die aus originaler Kraft hervorgeht und nichts von uns 
zu borgen braucht! Nur ungern wiederhole ich geprfigte Worte, aber dort 
druben halte ich die ,MSglichkeiten« tatsichlich fur v unbegrenzt a . 

Aber ich merke, dass ich schon wieder „unmusikalisch* werde, will 
daher, fiirchtend, meine Leser ohnehin bereits ermudet zu haben, diese 
Plauderei mit einem dankbaren Gruss an das New- York-Musical-College 
schliessen, das mir am Tage vor meiner Abreise eine Matinee mit meinen 
Kompositionen veranstaltet hat — sowie herzlich aller derer gedenken, die 
mir meinen Aufenthalt im grossen interessanten Amerika nun bereits zum 
zweiten Male durch Gastfreundschaft verschSnt haben. Die mir beim Scheiden 
entgegenschallenden Rufe w Auf Wiedersehen!", von denen mich noch einige 
in Gestalt von Marconi-Telegrammen auf dem bereits fahrenden Schiffe 
erreichten, konnte ich auf rich tig erwidern. 



Digitized by 



Google 






$ 



STEPHEN C. FOSTER UND 
DAS AMERIKANISCHE VOLKSLIED 

von Dr. Martin Darkow- Philadelphia 



1 




id die Amerikaner eine musikalische Nation und hat die Welt 
von ihnen bedeutende musikalische Offenbarungen zu erwarten? 
Diese Frage ist leichter gestellt als beantwortet. Ihre Be- 
antwortung hingt in erster Linie davon ab, ob wir die Ameri- 
kaner uberhaupt als Nation (im volklichen, nicht politischen Sinne) ansehen 
konnen. Diese Frage wird ja jetzt gewdhnlich, insbesondere von den 
Amerikanern selbst entschieden bejaht. Dessenungeachtet werden sich viele 
ihre berechtigten Zweifel nicht nehmen lassen, ob es uberhaupt mdglich 
ist, aus einem so vielfachen Volkergemisch innerhalb einer verhfiltnis- 
massig so kurzen Zeit, wie sie die Geschichte Amerikas reprasentiert, eine 
Nation zusammenzuschweissen. 

Das, was diesen in den Vereinigten Staaten stetig vor sich gehenden 
Amalgamierungsprozess wesentlich erschwert, ist der wechselnde Charakter 
seiner Einwanderung. Dies wird klar, wenn man erwagt, dass die Zunahme 
der Bevolkerung in den Vereinigten Staaten infolge der Einwanderung noch 
jetzt zumeist grosser ist als die durch den Uberschuss der Geburten fiber 
die Todesfalle. Es hatte eine Zeit gegeben, in der die deutsche Ein- 
wanderung die Hauptrolle spielte, dann eine, wo bei der Einwanderung 
das irische Element uberwog, dann kamen die Skandinavier angeruckt, jetzt 
sind die Slaven und russischen Juden obenauf. Die Annahme, dass aus 
all diesem babylonischen Volkergewirr sich eine einheitliche Nation heraus- 
kristallisiert haben sollte, erscheint fast undenkbar. 

Diese berechtigten Zweifel finden ihre Losung darin, dass die Ameri- 
kaner bereits eine Nation waren, als der eigentliche Einwanderungszustrom 
seinen Anfang genommen hat. Zu der Zeit, als die englischen Kolonieen 
in Nordamerika ihren Kampf um die Unabhfingigkeit aufgenommen batten, 
als die Hauptmasse der Amerikaner, abgesehen von wenigen fremden, zu- 
meist deutschen Siedlungen, aus den alten englischen Kolonisten bezw. 
deren Nachkommen bestand, waren die Amerikaner bereits eine Nation, 
festgeffigt und in sich geeint, mit einer Zivilisation und Kultur, die im 
Wesen auf denen der angelsdchsischen Rasse beruhte. 



Digitized by 



Google 




269 
DARKOW: FOSTER UND DAS AMERIKANISCHE VOLKSLIED 



H 



Der kolossale Zustrom der Einwanderung nach den Vereinigten Staaten, 
der in der ersten Haifte des vorigen Jahrhunderts eingesetzt hatte, urn 
seither mit geringen Variationen in der Intensity, allein desto grosseren 
in dem Charakter der Einwanderung stetig anzuhalten, hat dies nationale 
Bewusstsein der Amerikaner auf eine uberaus harte Probe gestellt. Die 
Gefahr lag nahe, dass die urspriinglichen nationalen Elemente unter dem 
Drucke der Einwirkungen so vieler verschiedener Vdlkerstdmme auseinander- 
fallen konnten und dass an Stelle jener Nation, die durch ihre echt angel- 
sachsischen Tugenden ihre staatliche Selbstftndigkeit zu erringen und zu 
behaupten wusste, ein Volkerkonglomerat, ein wahres Mischvolk treten 
wurde, bei dem nach bekannten Mustern die einzelnen Komponenten sich 
durch ihre Untugenden perpetuieren. Dass dem nicht so geworden ist und 
trotz des zweifelhaften Charakters der gegenwlrtigen Einwanderungsflut 
nicht so werden wird, ist ausschliesslich auf die angelsdchsische National- 
kraft der Amerikaner zuruckzufuhren. Diese zeigt sich nicht, wie RUsch- 
lich angenommen wird, in der Assimilierungsflhigkeit, sondern in der 
Eliminierungskraft, in der Ffihigkeit der amerikanischen Nation, das ihrem 
Wesen nicht entsprechende Fremde dauernd abzustossen. 

Es ist genau der gleiche Vorgang, den wir bei der englischen Sprache 
bemerken. Sie weist weniger Fremdworter auf, als irgend eine andere, 
kulturell gleich hochstehende Sprache. Das, was ihr fremd ist, stosst sie 
rucksichtslos von sich, das, was ihr im Fremden genehm erscheint, uber- 
nimmt sie, aber nicht als Fremdwort, sondern unterwirft es ihrem be- 
sonderen Idiom, ihrer Aussprache, ihrem Tonfall usw. 1 ) 

Dieser charakteristischen Eigenschaft des Angelsachsentums ist es zu 
verdanken, dass, wiewohl der Nationalcharakter der Amerikaner durch die 
Wandlungen des wirtschaftlichen Lebens vielfach beeinflusst wurde, die 
stetig wechselnde Einwanderung in dieser Beziehung fast gar keine Rolle 
spielte. 

Die Vereinigten Staaten sind politisch genommen eine Einheit, allein 
in volklicher Beziehung bestehen sie aus zwei ganz verschiedenen Ele- 
menten. Ein Drittel ungeflhr sind die echten erbgesessenen Amerikaner, 
die nicht bloss eine weit vorgeschrittene Zivilisation aufweisen, deren Vor- 
zuge sich der gebildete Einwanderer bald anzueignen vermag, sondern auch 
eine hochstehende Kultur, die der angelsfichsischen Rasse, von der der 
Einwanderer zungchst ausgeschlossen ist. Der Rest ist das „flottante 
Material", ein wahres Vdlkergemisch an Rasse, Habitus, Gewohnheiten, 
Sitten usw., das davon herruhrt, dass der Einwanderer in der ersten 

') Vortreflfliche Untersuchungen uber diese Frige, sowie Gberhaupt uber die 
Unterachiede im Wesen der angelslchsischen und deutscben Nation flndet man in 
dem Werke .Doppelwesen der menschlichen Stimme" von Emil Sutro. 



Digitized by 



Google 




;^5 *.>^v ^ ^- 




* * >* 



* -^"K - ..-*.*>* m x *v><jf *> A" *? 







** -r* 



•* N <S> 



Digitized by 



Google 



J 





271 
DARKOW; FOSTER UND DAS AMERIKANISCHE VOLKSLIED 

gelangen alle Nationen zu Worte, nur nicht die amerikanische. Es scheint 
sonach, als ob der Amerikaner in der Musik nur passiv-rezeptiv und 
nicht aktiv-schaffend sich verhielte, als ob es an dem gemeinsamen musi- 
kalischen Empfinden fehlte, diesem Nfihrboden des Volksliedes, in dem 
eine Nation ihre Freuden und Schmerzen, ihre Wonne und Sehnsucht 
zum Ausdruck zu bringen pfiegt. Man musste sonach trotz der vielen 
Musik, die in den Vereinigten Staaten getrieben wird, trotz der herrlichen 
Gesangsstiramen, welche die Amerikaner aufweisen, zu dem Schluss ge- 
langen, dass die amerikanische Nation nicht musikalisch ist. America non 
cantat. Amerika hat kein Volkslied. Finis. 

So konnen wir noch in Dr. Ritters Buch „ Musik in Amerika" , 
Scribner 1883, lesen wie folgt: 

„Das Volkslied flndet man im amerikanischen Volke nicht Der amerikanische 
Farmer, Handwerker, Kuttctaer, Schlfer usw. singt nicht, wenn er nicht zufillig einem 
Kircbencbore angehdrt Das Gef&hlsleben hilt der Amerikaner in seinem Busen fest 
verscblossen. Der ernste, fleissige Bewohner dieses schdnen Landes druckt seine 
Freuden und Schmerzen nicht in Tdnen aus." 

Das mag ja in gewissem Sinne wahr gewesen sein. In dem Kampfe 
mit der Natur fand der Kolonist nicht die rechte Zeit, seinen Freuden und 
Schmerzen im Liede Ausdruck zu geben. Dass aber das allerdings recht 
beschrinkte musikalische Empfinden der englischen Nation bei dem Amerikaner 
nicht erloschen war, sondern lediglich unter seiner Bewusstseinsschwelle 
schlummerte, und dass es bloss des Weckers bedurfte, um einen adlquaten 
Ausdruck zu finden, das darzutun, war einem Manne beschieden, der mit 
vollem Recht als der Vater des amerikanischen Volksliedes bezeichnet 
werden kann. Wir sagen Vater, allein, wir kdnnten richtiger sagen, 
Vater, Sohn und heiliger Geist zugleich, da diese in sich abgeschlossene 
musikalische Personlichkeit bisher keinen wurdigen Nachfolger gefunden hat 

Dieser Mann war Stephen Collins Foster, der Verfasser und 
Komponist von „Down the Swanee River* 1 , „01d Kentucky Home", „Massa's 
in the cold ground « und unzlhliger anderer Lieder, die der amerikanischen 
Nation, die bis dahin in musikalischer Beziehung eine wahre Sphinx war, 
die Zunge gelost haben. 

Es sind echte Volkslieder, kein Zweifel daran. Nicht bloss ihre 
allgemeine Verbreitung beweist es, denn diese haben sie mit vielen Mode- 
liedern und Gassenhauern gemein, an denen in den Vereinigten Staaten 
sicher kein Mangel ist. Allein diese kommen rasch und verschwinden 
ebenso rasch. Fosters Lieder hingegen sind zum Besitztum des amerika- 
nischen Volkes geworden. Es hat sie angenommen als Geist von seinem 
Geiste, als den wahrsten Ausdruck seines Empflndens. In der Blockhutte 
des neuerschlossenen Westens wie in dem Palast des amerikanischen 
Millionaxs kann man sie hSren. 



Digitized by 



Google 




272 

DIE MUSIK IV. 16. 




Foster selbst war sich nicht bewusst, dass seine Lieder Volkslieder 
werden wurden, dass sie mehr als eine nur vorubergehende Bedeutung 
besitzen. Das tut ihrem Charakter als wahren Volksliedern keinen Abbruch. 
Niemand kann bewusst ein Volkslied schaffen. Von dem Volksliede gilt, 
was Jean Paul von der Unschuld geschrieben hat: .Nur so lange du dich 
selbst nicht kennst, bist du eine. Dein Bewusstsein ist dein Tod." Auch 
dass bei diesen Volksliedern Verfasser und Komponist bekannt sind, Indert 
an ihrem Charakter als amerikanische Volkslieder nichts. Dass das Volk 
als solches Lieder komponiert, ist uberhaupt nicht anzunehmen. In dieser 
Beziehung wird stets das Dichterwort gelten: 

„Wollt itar Scnltze gewinnen und Mactat, so tut cuch zusamraen, 
Aber das Schdne gelingt ewig dem Einzelnen nur." 

Dass bei der Wanderung des Volksliedes von Mund zu Mund das 
Volk in Wort und Ton Anderungen vornimmt, Hirten abschleift, Fremd- 
artiges abstosst usw., mag ja vorkommen. Allein diese kritische Titigkeit 
des Volkes ist unserer Ansicht nach bedeutend uberschltzt worden. Keines- 
falls wird sie dort vorkommen, wo das Werk des Einzelnen bereits eine 
seinem Bewusstsein und Gefuhl adequate Fassung aufweist. 

Hfttte Foster in einer Zeit gelebt, wo es noch keine Druckerpresse 
gab, seine Lieder wurden von Mund zu Mund fortgepflanzt worden sein. 
Der Autor, nicht seine Lieder, ware vergessen worden und die Forscher 
der Neuzeit h&tten Gelegenheit gefunden, das Volk auf das Piedestal 
des unbekannten Dichterkomponisten zu erheben. 

Bevor wir auf die Bedeutung des Dichters und Komponisten Foster 
ngher eingehen, wollen wir in Kurzem seine Lebensgeschichte erzahlen. 

Es ist ein merkwurdiger Zufall, dass der Schopfer des amerikanischen 
Volksliedes genau 50 Jahre nach der Unabh&ngigkeitserklfrung am 4. Juli 
1826 das Licht der Welt erblickt hat. Seine Eltern waren kurz vor seiner 
Geburt aus Virginien nach Pittsburg ubergesiedelt. Es waren wohlhabende, 
patriotisch gesinnte Leute, und die Mutter Fosters, der er zeitlebens eine 
wahrhaft leidenschaftliche Liebe und Verehrung entgegenbrachte, eine 
durch Edelsinn und Gottesfurcht ausgezeichnete Frau. Foster wurde fruh 
in Privatschulen geschickt, zeigte aber nur geringe Lust zu den Buchern. 
Schlendern durch Feld und Flur war ihm lieber, wozu er in der herrlichen 
Umgebung von Pittsburg, das damals noch nicht das Manchester von 
Amerika war, reiche Gelegenheit fand. Fur die Musik zeigte er schon in 
fruher Jugend grosses Interesse. Sein Bruder teilt mit, dass der Knabe 
im Alter von sieben Jahren, als sein Vater ihn nach einem Musikalien- 
geschift mitnahm, eine Piccoloflote ergriff und in wenigen Augenblicken be- 
kannte Weisen darauf blies. Spfiter lernte er Klavier, auf dem er es zu 
einer gewissen dilettantischen Gewandtheit gebracht haben soil. Beethoven 



Digitized by 



Google 





IV. 16 



FRANK VAN DER STUCKEN 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 




OS 
-J 

3 



O 
O 

OQ 
U 

z 
z 
< 

CI* 




< 

X 

a. 

22 

5 



> 
< 
a 



CO 

> 




Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 




& 



273 
DARKOW: POSTER UN D DAS AMERIKANISCHE VOLKSLIED 

und Mozart sollen seine Lieblingskomponisten gewesen sein. Doch ist 
von ihrem Einfluss in seinen Kompositionen nichts zu finden. Schon 
fruh versuchte er sich in der Komposition. Mit dreizehn Jahren schrieb 
er einen Tioga-Walzer, der selbst fur dieses Alter herzlich unbedeutend 
ist. Mit sechzehn Jahren die Musik zu einem Gedicht „Open thy lattice 
love 11 (Offne Liebchen dein Gitter). Das Lied, das ein gewisses Formtalent 
aufwies, wurde gedruckt und unter seinen Freunden viel gesungen. Es war 
iibrigens das einzige Lied, das er zu fremden Worten komponierte. Von 
nun an wurde er sein eigener Dichter. 

Auf Anregung seiner Freunde dichtete und komponierte er bald 
darauf zwei Negerlieder „01d Uncle Ned 11 und „Louisianna Belle* 4 , die 
schon alle Vorzuge seiner spiteren Lieder und auch deren doppelten Typus in 
nuce aufweisen, jenes schwlrmerisch sentimental, dieses derb lustig. Im 
Alter von 19 Jahren wurde er zu seinem Bruder nach Cincinnati geschickt, 
um in dessen Geschaft als Buchhalter tatig zu sein. Mit den Buchern 
gab er sich aber nicht viel ab. Er traf dort seinen ehemaligen Musiklehrer 
W. C. Peters als Musikalienhandler etabliert und schenkte ihm fiir den 
Verlag seinen „ Uncle Ned" und ein neukomponiertes Lied „Oh Susanna". 
Die Lieder wurden nunmehr gedruckt und verbreiteten sich mit solcher 
Schnelligkeit durch die ganzen Vereinigten Staaten, dass Peters in J ah res- 
frist ein Vermdgen gewann. Das „Oh Susanna" ist in der Tat von kost- 
licher Frische und starker vis comica. Wir sind dem Liede auf europfiischen 
Tingel-Tangeln unter allerlei Verkleidungen und unter dem Namen zahl- 
reicher Vater, nur nicht dem Fosters, begegnet. Kein Wunder, denn selbst 
in Amerika wussten die wenigsten, wer der Autor sei, kummerten sich 
auch nicht recht darum. 

Lange hielt es Foster in Cincinnati nicht aus. Nach zwei Jahren 
schon kehrte er nach dem vlterlichen Hause zuruck, um sich ganz der 
Musik zu widmen, wozu ihn seine Erfolge ermunterten. Die Leichtigkeit, 
mit der er da unter den liebenden Augen seiner Mutter schuf, ist in der Tat 
erstaunenswert. Er hatte mit der New Yorker Verlagsfirma Firth Pond & Co. 
ein Abkommen getroffen, wonach er ihr alle seine neuen Lieder zum Ver- 
lag iibergeben musste, wogegen sie sich verpflichtete, ihm von dem Uber- 
schuss der verkauften Exemplare • eines jeden Liedes fiber eine gewisse 
Anzahl drei cents per Exemplar zu bezahlen. Was fur riesige Verbreitung 
seine Lieder fanden, beweist der Umstand, dass er fur das eine Lied 
„Down the Swanee River" Oder „01d Folks at Home" wie es auch ge- 
nannt wird, binnen zwei Jahren laut obigen Vertrags 10000 Dollars erhielt. In 
die Zeit von 1850 bis 1860 fallen seine besten Lieder. In rascher Folge 
erschienen ausser dem vorgenannten: ,Nelly was a Lady", ,My old Ken- 
tucky Home" (in Deutschland durch eine treffliche Bearbeitung furM&nner- 

IV 16. 18 



Digitized by 



Google 




274 
DIE MUSIK IV. 16. 




chor von Stucken bekannt), ,Massa's in the cold Ground," »Boys 
carry me along/ „Hard times come again no more," um nnr die 
besten zu nennen, und unzihlige andere. Er hatte sich im J ah re 1850 
mit der Tochter eines angesehenen Pittsburger Arztes verheiratet. Doch 
scheint die Ehe nicht fiberaus glficklich gewesen zu sein. Das Schweigen 
seines Binders und Biographen, sowie der Umstand, dass seine Gattin nach 
seinem Tode bald eine zweite Ehe schloss, deuten darauf hin. 

Das junge Paar siedelte nach New York fiber, wo Foster mehr 
Musse finden zu kSnnen glaubte, fQr seinen unersdttlichen Verleger zu 
schaffen. Allein es litt ihn dort nicht lange. Eines Tages bestellte er, von 
Sehnsucht nach dem Elternhause fibermannt, einen Handler nach seiner 
Wohnung, dem er alles, was nicht niet- und nagelfest war, verkaufte, und am 
Tage darauf war er wieder bei Muttern. Im Jahre 1855 starb seine 
Mutter. Es war der hirteste Schlag, der Foster treffen konnte. Viele 
seiner schonsten Lieder hat er ihrem Andenken gewidmet, so das „I see 
her still in my dreams" und das tiefgefuhlte „Why have my lovedones 
gone". Einige Jahre hielt er es noch in Pittsburg aus, dann begab er sich 
nach New York zu st&ndigem Aufenthalt. 

Inzwischen hatte sich bei ihm sein grfiblerischer Hang zur form lichen 
Melancholie ausgebildet. Wie so viele suchte er die Heilung seines Schmer- 
zes im Wein. Die letzten Jahre seines Lebens waren durch diese unglfick- 
selige Leidenschaft verdfistert. In besseren Augenblicken schrieb und 
komponierte er noch. Allein, es waren nicht mehr die alten Weisen, kaum 
ihr schwacher Abglanz. Der Krieg zwischen den Nord- und Sfidstaaten 
hatte ihn noch merklich aufgerfittelt und seiner Leier ein paar mfichtige 
Kllnge entlockt. Es war dies aber nur ein letztes Aufflackern vor dem Er- 
loschen der Flamme. Ein mlhliger Verfall seiner geistigen Krifte trat bei 
ihm ein. Personen, die ihm in der letzten Zeit seines Lebens nahe standen, 
und die wir fiber sein Leben und Treiben in dieser Periode auszufragen 
Gelegenheit batten, erwiderten mir: w Schweigen wir lieber davon." 

Eine Unzahl Anekdoten sind fiber Foster und seine Lieder im Umlauf. 
Ein Grossneffe Fosters bestitigte uns die allgemein verbreitete, dass er 
eines Tages, als er im Wirtshaus seinen Whisky nicht bezahlen konnte, 
vom Wirt aufgefordert wurde, ein Lied zu dichten. Er riss den Rand von 
einem Zeitungsblatte und kritzelte darauf in wenigen Augenblicken Worte 
und Musik eines Liedes nieder, das er dann zum Gaudium aller Anwesenden 
vorsang. Da uns aber jeder unserer Gew&hrsm&nner ein anderes Lied 
Fosters als dasjenige bezeichnete, das er auf diese Weise in einem „luci- 
dum inter pocula intervallum" komponiert haben soil, so dfirfte wohl die 
ganze Geschichte ins Fabelreich zu verweisen sein. 

Folgende Erzdhlung scheint verburgter zu sein. Als die Truppen 



Digitized by 



Google 




275 
DARKOW: FOSTER UND DAS AMERIKANISCHE VOLKSLIED 



M 



eines Regiments im Secessionskriege nach vielen Monaten endlich ihren 
ruckstindigen Sold ausbezahlt erhielten, ergaben sie sich einem wahren 
Lotterleben. Zucht und Disziplin horten ganz auf. Der Kommandant 
wusste sich absolut nicht zu helfen. Er liess endlich die Militlrkapelle 
ausrucken und das .Old Folks at Home" einmal fiber das andere spielen, 
und nach kurzer Zeit waren die Soldaten wieder in ihren Baracken, und 
Zucht und Ordnung wieder hergestellt. 

Uber Fosters Tod gibt es zwei verschiedene Lesarten. Lassen 
wir dem Bruder zuerst das Wort. In seiner biographischen Einleitung zu 
Fosters Liedersammlung, die unter dem Titel „ Songs and musical compo- 
sitions of Stephen C. Foster, Author of the ,01d Folks at Home'* 1896 in 
Pittsburg erschienen ist, schreibt er: 

„Im Januar 1864, wlbrend mein Bruder im American-Hotel in New York weilte, 
wurde er von einem heftigen Fieber ergriffen, das ihn ans Bett feaselte. Eines Morgans 
erhob er sich und wollte aich waschen. Er flel jedoch in Ohnmacht und stfirzte auf 
das Waschbecken, das in StQcke ging, wobei er durch die Glasscherben an Hals und 
Gesicht verletzt wurde. Er blieb so bewusstlos und blutend lingere Zeit liegen, bis 
er zufailig von dem Stubenmldchen des Hotels aufgefunden wurde. Er wurde nach 
dem Bellevue-Hospital gcbracht, woselbat ihn die Ante wegen des inzwischen ein- 
getretenen grossen Blutverluttes nicht mehr retten konnten. Er starb am Tage darauf 
ruhig und friedlich." 

Der anderen Version zufolge soil der Unfall sich ereignet haben, als. 
Foster volltrunken nach Hause kam. Sein Zustand machte es ihra nicht 
mdglich, sich zu erheben und um Hilfe zu rufen* Im Hospital wusste 
man nicht, wen man vor sich hatte, und nur durch einen Zufall entging 
Foster dem Schicksal, in dem Massengrabe fur die Armsten seine letzte 
Ruhestltte zu finden. Die Familie erfuhr aber noch rechtzeitig von dem 
traurigen Schicksal, das ihn ereilt hatte. Die Leiche wurde nach Pitts- 
burg gebracht (sein Bruder notiert naiv, dass die Transportgesellschaften die 
Oberfuhrung unentgeltlich ausfuhrten) und auf dem Allegheny-Friedhof 
beigesetzt, wo ein einfacher Denkstein die Inschrift trflgt: .Stephen C. Foster 
von Pittsburg, geboren 4. Juli 1826, gestorben 13. Januar 1864." 

Ein Denkmal hat das amerikanische Volk seinem grossten Liedersinger 
nicht errichtet. In den Handbuchern der Musik fertigt man ihn kurz ab. 
Er wird ebenso wie Po6 nicht nach Gebtthr gewfirdigt. Und aus dem 
gleichen Grunde. In Amerika ist Trunkenheit kein Milderungsgrund. Man; 
wundert sich daruber nicht, wenn man hier linger lebt. Der Deutsche 
denkt bei der Arbeit ans Bier [?] und beim Bier an die Arbeit. Der Ameri- 
kaner denkt bei der Arbeit an nichts als die Arbeit und beim Trinken nur 
ans Trinken. Die Verlreerungen, welche die nationale Energie in dieser 
Beziehung anrichtet, sind furchtbar. 

18* 



Digitized by 



Google 




276 

DIE MUSIK IV. 16. 



88 



Wenn wir nun nach dem Leben das Lebenswerk Fosters betrachten 
wollen, werden wir den Poeten von dem Komponisten scheiden mussen. 
Freilich verdanken die besten seiner Lieder gerade dem Umstande, dass 
er Dichter und Komponist in einer Person war, ihren besonderen Wert 
und auch ihre Beliebtheit. Wort und Ton decken sich in ihnen vollkommen, 
restlos. Allein dessenungeachtet hilt seine poetische Begabung mit seiner 
musikalischen nicht gleichen Schritt. Die Konzentration, die wir in seinen 
besten Liedern flnden, die Knappheit des musikalischen Ausdrucks treffen 
wir in seiner Poesie nur selten. Er lisst sich gewdhnlich gehen. Was 
im Raum einer Zeile, eines Verses ausgedruckt werden konnte, dariiber 
schreibt er gern drei und vier Strophen. Seine Sprache hilt sich gleicher- 
weise von allzugrosser Triviality wie von Verkiinstelung fern. Sie ist 
fliessend, naturlich. Er schreibt nicht bloss aus den Gefuhlen des Volkes 
heraus, sondern auch mit dessen Zunge. Seine Vergleiche sind zumeist 
der Natur entnommen. Er wird nicht miide, ihre Schonheit zu preisen, 
mit dem Fruhling zu frohlocken, besonders aber mit dem Herbste zu trauern. 
Grenzenlos ist seine Verehrung fur Heim und Familie. Das „Home sweet 
Home" hat bei ihm unendliche Variationen. Er lebt eben und fuhlt mit 
seinem Volke. Alle seine grossen und kleinen Schmerzen sind ihm ver- 
traut, und er flndet fur sie den treffendsten naiven Ausdruck. 

Bezeichnend ist der Mangel iusserer Religiositit und sinnlicher 
Regungen in seinen Gedichten. In den uns erhaltenen, nahezu zweihundert 
Gedichten findet man nur wenige, die man kirchlich nennen kdnnte. Seine 
Religion erschopft sich in der Liebe zur Natur und in einem dunklen 
Gefuhl von einem Wiedersehen auf einer anderen besseren Welt. Sein 
.Father Abraham ist nicht der biblische Abraham, sondern Abraham 
Lincoln. Es fehlt ihm nicht an Humor, allein sein Humor ist von jener 
sanften, stillen Art, die mehr erwirmt als erhebt. Viele seiner Lieder 
sind dem Neger in den Mund gelegt, allein auch in diesen ist nicht das 
spezifisch Negerhafte, sondern das allgemein Menschliche hervorgehoben. 
Der Ausdruck ist manchmal dem Negerdialekt entnommen, allein die 
Gefuhle, die dabei zum Ausdruck gelangen, sind die des armen gedruckten 
Menschen uberhaupt. Witz fehlt ihm, wie auch uberhaupt jene Knappheit 
des Ausdrucks, die noch etwas zum Erraten iibrig lfisst und bei so manchem 
deutschen Volksliede einen besonderen Reiz ausmacht. Von seinem Humor 
mag , Larry s Goodnye", das einen echt deutsch anmutet, einen Begriff 
geben. Larry zieht mit Lincoln in den Krieg. Er nimmt von seiner ge- 
liebten Mavourneen Abschied. Allein trotz aller Kiisse und Versicherungen 
seiner Treue lisst sie sich nicht trdsten. ,Sobald der Krieg zu Ende ist, 
komme ich dich zu heiraten" sagt Larry. Allein Mavourneen weist auf 
die Gefahren des Krieges bin und fragt naiv, ob sie nicht vorher heiraten 



Digitized by 



Google 





277 
DARKOV; FOSTER UND DAS AMERIKANISCHE VOLKSLIED 

konnten. Wir kdnnen nicht umhin, die reizende Schlusstrophe hier im 
Original anzufuhren: 

»Now Larry, how could he refuse her, 
He saw that he might as well wed 
For if he was killed he would lose her 
So unto fair Norah he said: 
Mavourneen it's truth you've been saying 
And where there's a will there's a way. 
I see there's no use in de laying 
I'll wed you this very same day. 41 

Von seinen Kompositionen (an zweihundert Liedern, mehreren T&nzen 
und weniger bedeutenden Hymnen) sind, wie bereits erwfthnt, viele 
zu wahren Volksliedern des amerikanischen Volkes geworden. Obwohl 
mehr als ein halbes Jahrhundert seit ihrer Entstehung verflossen ist, sind 
sie im Herzen des Volkes so lebendig, so frisch wie zur Zeit, als sie zu- 
erst erklangen. Die musikalische Faktur seiner Lieder ist ungemein ein- 
facb. Ans Durchkomponieren denkt Foster nicht, selbst wenn die einzelnen 
Strophen verschiedene Stimmungen aufweisen. In der Harmonie beschrinkt 
er sich auf die Dreikl&nge der ersten, ffinften und vierten Stufe and auf 
den Dominant-Septimenakkord. Aufflllige oder nur interessante Modu- 
lationen sucht man in seinen Liedern vergebens. Desto reicher ist die 
melodische Zeichnung. Es ist einfach unglaublich, was Foster mit dem 
geringen musikalischen Material, das er verwendet, alles zu schaffen, welche 
Stimmungen er mit den wenigen Tdnen hervorztizaubern vermag. Wer in 
dieser Beschrinkung so Bedeutendes leisten kann, ist in der Tat ein Meister 
zu nennen. Viele seiner besten Lieder sind so einfach, dass man glaubt, 
ein Kind kdnne sie komponieren. Allein man versuche nur, es Foster 
gleichzutun. Es wird nicht gelingen. Er hat Hunderte von Nachahmern 
gefunden, allein nicht eines ihrer Lieder hat die „Saison" uberdauert. 
Fosters Weisen kommen vom Herzen und ruhren ans Herz. Ihr Grund- 
zug ist eine weiche Sentimentalitdt, eine sanfte Melancholic, die Stimmung 
des amerikanischen Herbstes, der nns mit seiner buntscheckigen Farben- 
pracht, seiner warmen Sonne, seiner klaren Luft den Fruhling vorzugaukeln 
scheint. Das was auf dem Grunde der amerikanischen Seele an musi- 
kalischen Stimmungsreizen schlummert, das hat Foster hervorgeholt und 
zum Ausdruck gebracht. Es ist keine Melancholie des Kopfes, kein Pessi- 
mismus, nicht das ewige Moll der slavischen Volksseele (Fosters Lieder 
sind fast ausnahmslos in Dur gesetzt); es ist vielmehr jene Melancholie 
des Herzens, die der Liebe zn alien Geschdpfen und zur Mutter Natur 
entspringt, die, was sie schafft, auch wieder vernichtet: die Stimmung des 
„mich wundert, dass ich so frdhlich bin*. 



Digitized by 



Google 




278 
DIE MUSIK IV. 16. 




Es mag ja rccht eigentumlich erscheinen, dass die Amerikaner, dencn 
Weichlichkeit des Wesens und Sentimentalist sicher nicht als narionale 
Charaktereigenschaften zur Last gelegt werden kdnnen, gerade in der Musik 
das Weiche, Schwftrmerische, Melancholische vorziehen (Chopin, Schumann, 
Tschaikowsky sind ihre Lieblingskomponisten), and dass Fosters Lieder 
gerade durch diese Eigenschaften zu amerikanischen Volksliedern geworden 
sind. Doch ist dies nicht so verwunderlich, als es auf den ersten Blick 
erscheint. 

Ein Volk, in dem die Kunst lebendig waltet, bei dem sie einen Teil 
seines Wesens bildet, dem das Leben selbst zur Kunst wird, ein solches 
Volk wird in den Werken seiner Literatur, seiner Musik, seiner Kunst 
uberhaupt ein getreues Spiegelbild seines Volktums aufweisen kdnnen. 
Ein Volk hingegen wie die Amerikaner, bei dem die Kunst gewissermassen 
Mode ist, als eine Art Luxus angesehen wird, das in seiner uberwiegenden 
Mehrheit ausschliesslich materielle Ziele verfolgt, das wird in der Kunst 
dasjenige suchen, was es im Leben nicht findet. Erscheinungen wie Thoreau, 
Walt Whitman, Foster und gar Edgar Allan PoS sind nicht gut anders 
zu erklftren, denn als ein flammender Protest gegen das materielle Wirken 
ihrer Landsleute, als der Durchbruch einer mftchtigen Individualist gegen- 
uber dem nationalen Charakter. 

Wir kdnnen nicht umhin, hier noch eine Frage zu beriihren, die das 
musikalische Schaffen Fosters und die ganze Frage der amerikanischen 
Musik beruhrt, nlmlich das Verhftltnis Fosters zur sogenannten Neger- 
musik. Seit Anton Dvorfik die Ansicht ausgesprochen hat, dass das 
Heil der amerikanischen Musik in der Negermusik liege, und seit er in 
einigen seiner Werke (siehe das Largo der sogenannten Symphonie tf Aus der 
neuen Welt" oder die Humoresken op. 101 No. 3) sich bemuht zeigte, die 
funftdnige Skala, diese angebliche HaupteigentGmlichkeit der Negermusik, zu 
melodischen Phrasen zu verwenden, gilt dies nun hier als Axiom, und man 
wartet auf den neuen Beethoven, der auf Grundlage dieser eigentumlichen 
Negermelodik und Harmonik (oder ist es vielleicht der Rhythmus?) den 
Amerikanern erwachsen soil. Auch Fosters Musik wird in alien Hand- 
buchern als eine Anlehnung an die Negermusik angesehen, wobei der Urn- 
stand, dass Foster ein Nordlftnder war und mit den Negern so gut wie nichts 
zu schaffen hatte, zu logischen Purzelbftumen den Anlass gibt. 

Um nun die erwdhnten Anschauungen auf ihr richtiges Mass zuruck- 
zufuhren, ist es nur ndtig, darauf hinzuweisen, dass die afrikanischen Sklaven, 
die vor mehreren hundert Jahren nach den Vereinigten Staaten wie Vieh- 
herden eingefuhrt wurden, sich auf einem noch weit niedrigeren Kultur- 
zustande befunden haben, als die jetzige farbige Bevdlkerung Afrikas. 
Damals war Afrika in der Tat der dunkle Kontinent. Seither ist es ja 



Digitized by 



Google 




M 



279 
DARKOW: FOSTER UND DAS AMERIKANISCHE VOLKSLIED 

bekanntlich erschlossen und der Neger mit der europaischen Kultur bekannt 
geworden. Dass der amerikanische Negersklave das bischen Kultur, das 
er sich angeeignet, seinen Herren zu verdanken hatte, wird nicht bezweifelt. 
Die Annahme, dass es gerade die Musik war, die die Herren von den 
Sklaven und nicht diese von den Herren ubernommen haben, ist nicht 
bloss widersinnig, sie widerspricht nicht bloss den einfachsten logischen 
GrundsMtzen, sondern sie ist auch leicht als unrichtig nachzuweisen. Denn 
all das, was man als das Charakteristische der Negermusik aufeghlt, ist 
tatsdchlicb in der Musik der EngUnder im weiteren Sinne zu finden. Die 
funftonige Skala (ohne Quart und Leitton) findet man bei den Schotten 
(siebe Mendelssohns schottische Sympbonie), die Betonung des schwachen 
Taktteiles in irischen Liedern, das schnelle sechs Achtel-Tempo im irischen 
Jig, den Refrain in der englischen Ballad (nicht etwa mit dem deutschen 
„ Ballade M zu verwechseln). Das entschiedene Oberwiegen des Dur, selbst 
wo die Melodie vor Sentimentalist uberfliesst, ist auch eine Eigentumlicb- 
keit der Musik der angelsachsischen Rasse, wenn nicht uberhaupt alter tat- 
kriftigen aktiven Vdlker. Es ist hier nicht der Ort, um dies nlber aus r 
zufuhren. Wir wollen deshalb nur kurz dahin resumieren, dass in der 
sogenannten Negermusik nichts zu finden ist, was nicht auf irische und 
schottische Volkslieder, englische Ballads, die kriegerisch angewehten 
Hymnen der Puritaner usw. zuriickgefuhrt werden konnte. Dass die Neger 
musikalische Begabung, gutes Gehor und hftuflg schdne Stimmen aufweisen, 
und dass sie bei der Aneignung der Musik ihrer Herren nicht ganz wahllos 
vorgegangen sind, geben wir gerne zu; ebenso, dass sie als ausubende 
Musikanten den Vorrang vor ihren Herren besassen. Das Banjo wurde 
besser gespielt als das Clavecin. Der Sklavenhalter Hess sich gem von 
seinem Sklaven aufcpielen, ihnlich wie jener englische Lord, der, well er 
das Tanzen fur eine Arbeit ansah, auf die Frage, ob er tanze, erwiderte, 
das lasse er durch seinen John verrichten. Allein an obiger Tatsache wird 
dadurch nichts geSndert. 

Wir sind auf dem uns gleichsam aufgedrungenen Umweg fiber die 
Negermusik dahin gelangt, unsere Anschauung uber die Amerikaner in 
ihrem Verh&ltnis zur Musik dahin zusammenfassen zu kdnnen, dass ihr 
musikaliscbes Empfinden das der angelsachsischen Rasse ist, dass es daher 
einseitig und engbegrenzt ist. In dem Reiche der Musik spielt England 
trotz seiner alten Kultur keine hervorragende Rolle. Das ist schliesslich 
kein nationales Ungluck. Die Magna Charta ist eine Symphonie von 
Beethoven wert. 

Und gerade wegen dieser angelsachsischen Grundlage vermdgen wir 
Amerika in musikalischer Beziehung kein gunstiges Horoskop zu stellen. 
Der Boden fur das Erscheinen eines musikalischen Genies ist nicht vor- 



Digitized by 



Google 




280 
DIE MUSIK IV. 16. 




handen. Diejenigen, die da glauben, dass das Erscheinen genialer Be- 
gabungen an keine Gesetze und Voraussetzungen gebunden ist, mdgen sie 
immerhin erwarten. 

Die Amerikaner sind selbstverstindlich nicbt solcber pessimistischen 
Ansicht. Wir batten jungst Gelegenheit, einem hochgebildeten Amerikaner 
gegenuber diese unsere profanen Anscbauungen mitzuteilen. 

„Sie rergessen die nationale Encrgie der Amerikaner,* sagte er zu mir, .die, 
was immer sie anfasst, Hervorragendes leistet. Wir haben es bisher nicbt als 
pro fi tab el angesehen, uns viel mit der Kunst, insbesondere mit der Musik, abxu- 
geben. Gescbiebt dies aber, so werden wir aucb in der Musik die anderen V61ker 
nbertreffen." 

Der gute Mann hatte nur das eine ausser acbt gelassen, dass die nationale 
Energie eines Volkes, nicbt wie die Kraft der Niagarafalle, beliebig auf 
alle mdglichen Betatigungen des menschlichen Wirkens angewendet werden 
kann. Die Amerikaner, die mit der englischen Sprache die Kultur der 
Angelsacbsen zu der ihren gemacht haben, mussen sich auch die Be- 
schrinkungen dieser Kultur solange gefallen lassen, als ihr nationales 
Wesen sich nicbt Mndert. Non omnia possumus omnes. Wie der einzelne 
Mensch, bat aucb die einzelne Nation die Fehler ihrer Vorzuge. 




Digitized by 



Google 




bOcher 

165. Siegfried Floch: Die Oper seit Richard Wagner. Eine bistorisch-kritische 

Studie. Verlag: K. Fuide, Kdln. 
Nach einem einleitenden Vorwort eine knappe Darstellung des Entwicklungsganges 
der Oper von ihrer Begrfindnng bis zu Wagners Tod, worin mit Glfick auf den ewigen 
Konkurrenzkampf zwiscben Poesie, Musik und Dekoration, die schon die ersten Grander 
der Oper zusammenschweissen wollten, bingewiesen wird, die Taten Glucks, Mozarts, 
Webers gebuhrend gewfirdigt wcrden, auf Wagners Stellung und Leistungen ein klares 
Licbt fillt Dann eine Verurteilung des „Verismo", der als eine falsche, ungangbare 
Bahn bezeicbnet wird — dass Mascagni in der »Cavalleria rusticana" bloss die „Carmen* 
nachf&hlt, wird mit Recbt besonders betont. Hierauf der Beweis, dass die deutsche 
Oper, des fremdlSndischen Einflusses sich rasch und sicher entkleidend, in Humperdincks 
„HSnsel und Gretel" den „poetischen Realism us" gefunden bat — nebst der an Humper* 
dinck anknupfenden Jungdeutscben Ricbtung"; Kistler und ein paar andere werden 
leider nur ganz flucbtig erwfthnt. Endlicb ein „Strauss, Schillings, Pfltzner" fiber* 
schriebenes Scblusskapitel, das den Musikdramen „Guntram", „lngwelde" und „Der 
arme Heinrich" gewidmet ist. In Bierbaum und Thuille, in „Lobetanz" und „Gugeline" 
sieht Flocb „das letzte und beste in der Opernkomposition Geleistete". — So weit ein 
so umfangreicber Stoff uberhaupt auf vierzig Seiten bebandelt werden kann, ist Floch 
seine Aufgabe geglfickt; immerbin aber nimmt er wobl allzu hlufig zu trockenen Auf- 
z&hlungen und Listen seine Zuflucht; seinem Bucblein ist daher bloss der Wert einer 
orientierenden Arbeit zuzuerkennen. Dr. Egon v. Komorzynski 

166. Luigi Fori no: II violoncello, il violoncellists ed i violoncellist!. Verlag: 

Ulrico Hoepli, MiUno 1905. 
Ein mit Sorgfalt, Umsicht, Liebe und Sachkenntnis gearbeitetes Werk, dem wir 
kein Sbnlicbes an die Seite stellen kOnnen; denn Waslelewski („Das Violoncell und 
seine Gescbicbte") entbSlt nur die Geschicbte des Instruments und die besten Spieler, 
beruht Qberdies im wesentlichen auf Gerber (Historisch-biographisches Lexikon der Ton- 
kunst und Fdtis (.Biographic universelle"). Der in I tali en als KQnstler und Lehrer 
vorteilhaft bekannte Verfasser schOpft aus dem Vollen; Umfang und Art der Arbeit war 
durch den Cbarakter der Sammlung Hoepli gegeben, klare Gliederung und Beschrinkung 
des Stoffes gebieterisch gefordert; in dem Bestreben nach wissenschaftlicber Grfindlich- 
keit schiesst Forino aber zuweilen fibers Ziel. Die zablreichen, als Fussnoten gegebenen 
Hinweise auf die Quellen halte ich fur fiberflussig, weil das Bucb nicht fur Gelehrte, 
sondern ffir Kfinstler und Dilettanten bestimmt ist; ferner konnte die Gescbicbte der 
Musik im allgemeinen und die der Saiteninstrumente im besondern viel kfirzer gefasst 
werden, da diese Kapitel nur teilweise zum Tbema gehOren. Weit eber lftsst sich die 
ausfGhrliche Beschreibung der einzelnen Telle des Cello, der Saitenfabrikation und der 
Bereitung von Lack rechtfertigen. Von diesen und einigen kleinern MSngeln abgesehen* 
bleibt fur das Obrige nur aufrichtiges Lob fibrig. Die In klarer, gedrfngter Darstailirag 
gegebenen eigenen Erfahrungen und derjenigen berfihmter Cellisten sollte jeder an? 



Digitized by 



Google 




282 

DIE MUSIK IV. 16. 




gehende Kunstjfinger lesen. Er flndct hler beherzigenswerte Ratschl&ge ffir die Erhaltung 
und Reparatur des Instruments, fiber den Bogen, den Cellisten als Lehrer, Solo-, Kammer- 
musik- und Orchesterspieler, das Lehrziel, die Methode mit Obungsstficken verschiedener 
Konservatorien, endlich die Aussicht auf Anstellung in den verschiedensten Llndern 
Europas. Hiernacb sollen die Verhiltnisse in Deutschland am gfinstigsten liegen, ein 
tfichtiger Cellist kdnne 2000—5000 Mk. jltarlicta verdienen und 20 Mk. ffir die Privatstunde 
erhalten. Mir scheint dies viel zu rosig geflrbt, die Durchschnittssumme zu hoch ge- 
griffen. Aucb in andern Kapiteln spricht der Verfasser in schmeichelhafter Weise yon 
unserm Vaterlande; er erkennt die Saitenfabrikation und den Notendruck, der die erste 
Stelle der Welt einnehme, offen an. Bemerkungen fiber Kritik, MIcenaten, ein Ver- 
zeichnis der beruhmtesten Cellisten und Geigenmacher bilden den Schluss. Die Aus- 
stattung zeigt die Vorzfige des bekannten Verlags; das Bild des Cello auf dem Umschlag 
ist aber falsch gezeicbnet und zeugt nicht von besonderem Kunstgeschmack. Ernst Stier 
167. C. A. Hermann Wolff: „Die Elemente des deutschen Kunstgesanges", 
Lieferung 1—5. Verlag: Herat. Seemann Nachfl., Leipzig. 
Die Zeit der Unterrichtsbriefe bat nun aucb die Rede- und Gesangskunst praktiscb 
angefasst. Allein, so verdienstlich das Unternehmen und die Pionierarbeit des Verfassers 
ist, so vermag icb ihm und seinen Absicbten in diesem Falle nur bedingt zuzustimmen. 
Die Analogic der spracbwissenscbaftlicben Briefmetboden hat bier wenig Gfiltigkeit 
Schon ffir die Vermittlung der Harmonielehre in Briefform babe icb mich nie begeistern 
k6nnen, geschweige denn fur eine Kunst, deren Entwicklung und Durcbbildung ante 
engste von der Qualitit des wahrgenommenen Tonproduktes abbingt und sich nur durch 
eine stindige Kontrolle und intensive Regulierung der gesamten Stimmfunktionen er- 
m6glicben lftsst. Soweit es sich um die Verbreitung gesunder Anschauungen und 
moderner Forschungen auf dem Gebiet des Kunstgesanges handelt, gebe icb mit dem 
Verfasser Hand in Hand. Die Tat also, Mfiller-Brunow und seine epochalen Ideen in 
das Volk zu tragen, ist nicht hoch genug anzuschlagen. Der theoretische Zweck — falls 
man von einem solchen bei einer Kunst reden darf, bei der die Praxis alles ist — ist 
ein guter und mag seine Prucht tragen; denn aufzuklftren, fremde Begriffe zu vermitteln 
und mit der Leuchte moderner Geistesforschung in die Dunkelkammer des Massen- 
verstandes einzudrlngen, ist ein Versuch, dem man nur Erfolg wfinschen kann. Ob ihm 
praktiscb ein Nutzen entspringt, ist eine andere Frage. 1m einzelnen ist durch Mfiller- 
Brunow die Richtung der Wolffschen Schule gegeben. Der Inhalt ist daher im Kern 
gesund, die Obungen von klarer Anschaulichkeit und praktischem Nutzen. Daneben 
Hurt vieles Schiefe und Falsche. Die Hoch- und Schlfisselbeinatmung z. B. auch nur 
zu erkllren, halte icb, ganz abgesehen von der falschen Bedeutung, die ihr Wolff gibt, 
einem solchen Massenkreise gegenfiber ffir dlrekt gefihrlich. Sodann leidet das Verk 
(soweit sich nach diesen 5 Lieferungen — das Ganze hat 20 Lieferungen — urteilen 
lisst) an einem Fehler: es ist in der Anlage vertehlt, d. h. viel zu weitschweifig-abstrakt 
und zu gespickt und belastet mit Wort- und Sinnerkllrungen. Ein Gesetzgeber spricht 
im Upidarstil, ohne zu detaillieren. Volksintellekt und Volksinstmkt fassen aach, weil 
einfach, ibrerseits wiederum nur das Einfache und Grosse. Dies hitte Wolff von MQUer- 
Brunow lernen und den technischen Ballast z. B. vom aexischen Oder statischen, vokalischen 
und phonlschen Nullpunkt des Kehlkoptes, dem natfirlichen, vokalischen oder phonischen 
PrimSrklang y von den verschiedenardgen Atmungen u. a. m. fiber Bord werfen sollen, Er 
hitte sich viel Mfihe und Arbeit gespart, seine Idee (in gedrungener Form) plastischer 
verk6rpert und der breiten Masse sicherlich mehr genfitzt Trotzdem soil dem Werk die 
Empfehlung nicht mangeln, zumal ffir eine gute Sache — fflrdernd und helfend — nie 
genug getan werden kann. Rud. M. Breithaupt 



Digitized by 



Google 




283 
BESPRECHUNGEN (MUS1KAL1EN) 




MUSIKALIEN 

168. Frank van der Stucken: Lieder und GesSnge fur eine Singstimme mit Be- 
gleitung des Pianoforte, op. 4, .Blumen* von H. Heine, vier Lieder. Verlag: 
Kistler, Leipzig, op. 5, Neun Gesinge nach deutscben und niederlftndischen 
Texten. Zwei Hefte. Ebenda. op. 16, Funf Liebeslieder. Verlag: J. Feuchtinger, 
Stuttgart, op. 17, Acht Lieder fur eine tiefe Stimme. Ebenda. op. 18, Zwei 
Konzertlieder. Verlag: Siege), Leipzig, op. 29, Drei Lieder. op. 30, Tragfidie. 
op. 31, Vier Lieder. op. 33, Funf volkstumliche Lieder und op. 34, Drei 
Lieder. Verlag: Breitkopf & Hftrtel, Leipzig. 
Ein Amerikaheft der .Musik" kann das Land des Sternenbanners nicbt durch- 
reisen, ohne in Cincinnati einzukehren, wo Frank van der Stucken den Dirigentenatab fiber 
ein grosses und angesehenes philbarmonisches Orcbester scbwingt. In einer Art Zugvogel- 
und Scbwalbensehnsucht geht er, wenn er seine dortige Saison rubmlichst bescblossen 
bat, fur ein paar Monate nach Deutschland und trinkt im Mai und Juni vom Born unserer 
Musik- und Tonkfinstlerfeste. Gar mancbem mag der liebenswerte Kunstler mit seinem 
geistvollen Geslcht, den klugen Augen, die durch eine goldene Brille schauen und die Welt 
in der Tat in optimistiscber Weltanschauung am liebsten im goldigen Lichte sehen, schon 
aufgefallen sein. Ihn den Lesern der .Musik" musikalisch vorzustellen, das bedarf es nicbt, 
dafur hat sein Name in der deutschen Musikwelt einen zu guten Klang. In folgendem set 
deshalb nur ein Blick auf seine verOffentlichten Lieder geworfen, freilich ein Blick wie von 
einem Blitzzuge aus auf vorfiberbaschende im Sonnenschein daliegenden Gel&nde, denn der 
Raum ist ffir diese Fahrt nur ganz kurz bemessen und auf Stationen anzubalten, auszusteigen 
und mit der Muse Stuckens zu dinieren, bleibt keine Zeit. Der in op 4 angegebenen Ent- 
stehungszeit nach (Leipzig 1879) umfassen diese Werke einen Zeitraum von ungeRhr25Jahren; 
die ersten Mien also wahrscheinlich an das Ende seiner Lehr- und den An fang seiner 
Wanderjahre; von op. 18 bis 29 Mien sie in das Mannesalter der Kfinstlerscbaft. Ob 
das die gesamte Liederausbeute seines Kfinstlertums ist, weiss ich freilich nicbt; an Zahl 
wiren es nicbt allzuviel, allein es sind bis etwa auf op. 18, das seinen Namen weiteren Kreisen 
zugetragen hat, well es starke Konzessionen an breite musikalische Majoritlten macht 
(.O, komm mit mlr in die Frfihlingsnacht"), Lieder, die man nicht zlblt, die man wlgt. 
Van der Stucken ist ein Liederkomponist mit sensibler Kfinstlerseele; er geh6rt zu 
jenen Tondichtern, die sich so in den Empflndungsgehalt der Gedichte hineinleben, 
dass ihre Wiedererweckung in der Welt der T5ne mit einer Art Naturnotwendigkeit ein- 
tritt. Und wie er musst', so konnt' er*s — das gilt ffir seine Art zu singen. In op. 4 
.Aus meinen Trinen spriessen" *) und .Die blauen Friihlingsaugen" von Heine macht sich 
noch ein stark dekoratives Element geltend; bedeutend ist aber gleich das Schlusslied, 
.Am Kreuzweg wird begraben" von demselben Dichter; sein Ausklang zugleich eine ganz 
originelle Onomatopoesie des Klavierklanges in Beziehung zum Armensfindergldcklein. In 
op. 5 ist .Siehst du das Meer* gehaltvoll und wirksam, .Wonne der Wehmut* eine kleine 
aber bedeutungsvolle Ehrung Goethes; .Kindertraum" und .Am Feuerherd" weisen schon 
auf op. 16 bin; „Wann die Rosen aufgebluht*, .Die Stunde sei gesegnet" (ein Cornelius- 
klang), .Mir ist, nun ich dich bab" und vor allem das hdchst liebenswfirdige, alien Singe- 
rinnen zu empfehlende .Wenn die VSglein sich gepaarr* sind Lieder, in denen Stucken 
anfingt, sein eigenstes Gesicht zu zeigen. Es ist eine Hinneigung zum musikalisch 
Einfacheren, ein Hinarbeiten auf eine also weniger komplizierte, aber deshalb gerade um 
so edler wirkende Linie, die in Melodie und Begleitung bevorzugt wird; es ist das Hervor- 
treten eines sinnigen, deutsch-gemfitlichen Zuges in feiner Form und lebendigem Inhalt, 



') .Die Musik« brachte dieses Lied als Musikbeilage in Jahrg. IV, Heft 2. 



Digitized by 



Google 




284 
DIE MUSIK IV. 16. 



»^^?P 



das zum Charakteristikum der Lieder wird. Margaretbas Lied (Scbeffel) Jetzt ist er 
hinaus in die weite Welt" aus op. 29, „ Mutter zum Bienelein: hut' dich vor Kerzen- 
schein 41 , ferner „So heimlicb* aus op. 31, „Horcb alles schlSft* (ein stimmungsvoh-tiefes 
Lied), weiter aus op. 33 „Maientag*, v Es war ein Tag im Maien*, w In der Fremde* und 
„Unter der Linde* gebCren bierher; auch „Unter den bluhenden Linden — weisst du 
noch* aus op. 33, ein Lied mit Maienzauber. In op. 30 »Entflieh mit mir und sei mein 
Weib,* der Schumann-Heink gewidmet, dann in op. 34 No. 1 „Leidenschaft*, „Komm, 
falsche Dime, lass dicb kussen* berrscht der grftssere, dramatiscbe Ton vor; bier ist 
aucb Leben und KOnnen, doch folge ich wenigstens dem Singer lieber auf jenen blumen- 
reicheren Pfaden; bier ist er auf dem eigentlicbsten Gebiete seiner Begabung, und die 
Gegenwart und Zukunft wird ibn, wenn er diese und Sbnlicbe Wege weiter geht, ferner 
reicb bedenken. Max Hasse 

169. Ernst von Dohn&nyi: Passacaglia fur Pianoforte, op. 6. Verlag: Ludwig 

Doblinger, Wien. 
In einer einleitenden Anmerkung betont der Komponist, dass das Stuck balladen- 
artig vorzutragen sei, dass das Thema nicbt besonders hervorgeboben werden soil, damit 
der ZuhSrer nicbt w fortwSbrend daran erinnert werde, dass er eine Passacaglia vor sicb 
babe*. Varum nannte Dobntnyi dann sein Stuck nicbt „Phantasie* Oder .Ballade*? 
Eine freie Passacaglia wollte er schreiben, ein iussert kompliziertes Klavierstfick ist 
daraus geworden, von einer geradezu immensen Schwierigkeit, nervCs, von unruhiger 
Cbromatik, aber gescbickt gearbeitet. Artbur Neisser 

170. J. F. Reichardt: Goetbes Lieder, Oden, Balladen undRomanzen. Zum Teil 

neu berausgegeben von Herm. Wetzel. Verlag: Eisoldt & Robkrlmer, Berlin. 
Aus der von Reichardt 1809 veranstalteten Ausgabe von 128 Kompositionen Goethe- 
scber Gedicbte, in der wir Reicbardts bedeutendstes Werk zu erblicken haben, erscbeinen 
bier 31 Vertonungen, neu und sorgfiltig durchgeseben. Die Verbesserungen bezieben 
sicb in erster Linie auf die Ausmerzung der vielen Flucbtigkeiten im Sticb der Vorlage; 
weitere Zusitze betreffen geringfugige Verdoppelungen und Ffillnoten in der Klavier- 
begleitung. Die feinsinnige Auswahl Dr. Wetzels ist besonders SSngern und SSngerinnen 
mit histori8cbem Programm zu empfeblen, die ihr Publikum mit dem Schaffen eines 
Meisters der Frubzeit des deutscben Kunstliedes bekannt machen und dazu beitragen 
wollen, »die ungerecbte, auf Unkenntnis seiner Leistungen berubende Gleicbgultigkeit 
mindestens in Acbtung zu verwandeln*. Willy Renz 

171. A. v. Othegraven: Drei Gesinge fur gemiscbten Cbor. op. 23. Verlag: F. E. 

C Leuckart, Leipzig. 
Die beiden ersten Cborlieder zeigen den feinen Sinn fur edlen Woblklang, den wir 
an alien Werken des KSlner Meisters wabrnebmen. Eine meisterhafte Stimmfubrnng 
bringt feines Klaogleben in seine Lieder und macht sie darum so beliebt. No. 3 .Ostein* 
ist ein Meisterstuck des a cappella-Gesanges. Nicbt eben leicbt — alles SctaSne will er- 
arbeitet sein — ist es doch von einer Leuchtkraft, die hinreissend wirkt. Der erste und 
dritte Teil auf ein der Wirklicbkeit abgelauschtes Glockenmotiv aufgebaut, umgeben einen 
Mittelsatz, der auf die Worte v das schaffende Licht es flammt and kreist* wabre Flammen- 
garben entfesselt. Schreiber dieser Zeilen bat die packende Wirkung dieses ganz eigen- 
artigen Gesanges mit dem eigenen Cbor erprobt. Der Lohn entsprach den aufgewandten 
MQhen reichlich. 

172. A. v. Othegraven: Gute Fugen, Scherzlied fur MSnnerchor. op. 24. Verlag: 

F. E. C. Leuckart, Leipzig. 
Der Schalk, den wir aus seinen berfihmten -Volksltedern kennen, bat ihm bier wieder 
die Feder gefubrt und ein Bildchen von feinster Komik geschaffen. Paul Hielscher 



Digitized by 



Google 




SIGNALE FOR DIE MUSIKALISCHE WELT (Leipzig) 1905, No. 25 u. 26. - 
Das erste der beiden Hefte entbftlt eine Besprechung von Dupuis' lyrischem Dnmi 
.Martille" durch Ernest Clossoo. — No. 26 prftsentiert sich als eine .Erste Aprii- 
nummer": ihren Eingang bildet ein Kapitel aus Georg Munzers komischem 
Musikanten- und Kritiker-Roman .Wunibald Teinert" — ; .Wunibalds Debut — wie 
der grimme Kritiker von Grossstftdtl, Dr. Wunibald Teinert, den Telramund singen 
musste und wie es ihm dabei erging." In Aufefttzen und Berichten, Notizen und 
Anzeigen treibt der Humor verschiedenste Bluten. 

BLATTER FOR HAUS- UND KIRCHENMUSIK (Langensalza) 1905, No. 6. - 
Das Heft entbftlt ausser dem Artikel „Kontrapunkt und Akkordik" von Dr. Hans 
Schmidkunz eine Lebens- und Schaffensstudie fiber .Felix Weingartner" von 
Emil Krause (.In Weingartners Wirken vereinigt sich mit dem Komponisten, 
Dichter, Dirigenten und Musikschriftsteller noch der bervorragend fihige Klavier- 
spieler, der namentlicb in den letzten Jahren als Interpret klassischer und eigener 
Kammermusikwerke wieder in der Offentlichkeit erschien"); ferner ein Gedenk- 
blatt .Wilhelmine Schrdder-Devrient" von August Wellmer, einen Bericht .Der 
ffinfte rheinisch-westflJische Organistentag in Bielefeld" von P. Teichfischer. 
Die beigegebenen Musikbeilagen bringen eine Reihe zeitgendssiscber Komposi- 
tionen von Scbillerscben Texten, vierstimmig gesetzt von Ernst Rabich. 

iFINSK MUSIKREVY (Helsingfors) 1905, No. 6. — Das Heft entbftlt an erster Stelle 
einen Aufsatz .Ett inlftgg i fr&gan om det bifvande konsertbuset i Helsingfors" 
von Paul Marsop, der bier seine Vorschlftge betrefls Errichtung eines modernen 
KonzertsaaU in Helsingfors sehr schdn auseinandersetzt. Es folgen ein mit .G. 
A. G." unterzeicbneter Artikel .En blick pa vart musiklif" und eine scbwediscbe 
Obersetzung von Ricbard Wagners Analyse der Neunten Sympbonie unter dem 
Titel .Beethovens IX. symfoni" (flbersetzt von Elis Lagos). 

TAGESFRAGEN (Bad Kissingen) 1905, No. 3. — Aus dem Inbalt des Heftes seien 
erwfthnt die Aufefttze .Der fibertriebene Liszt-Kultus in Mfinchen", .Noch eine 
schlimme Sorte von Musikmenschen" (gegen die PlagialjGnger, insonders diejenigen, 
die immer Vorbilder bei Wagner sucben) und .Neugebackenes Partiturelles" — in 
dem letztgenannten verurteilt Cyrill K is tier die gegen wftrtig von verschiedenen 
Seiten ausgebenden VorscbUge zu einer Partiturnotierungsreform. Er zeigt, wie 
viele Anderungen des schon bestebenden gedruckten Materials eine solche Reform 
netwendig macben wfirde und meint dann weiter: .Wire das nun gescbeben, dann 
frage icb, welchen Wert diese Geldverscbwendung bfttte? Dem Zuhdrer kann es 
gleicbgiltig sein, dass der Es-Trom peter C blftst und dieser Ton wie Es klingt. Es 
kommt immer dasselbe beraus. Wer eine alte Partitur nicbt lesen kann, der hdrt 
such geistig nicbt, was in einer reformierten Partitur steht, und das 1st der Kern- 
pun kt fQr den Musiker von Beruf: .Die Ffthigkeit, geistig das zu taSren, was er 
liest.« 

RHEINISCH-WESTFALISCHE ZEITUNG (Essen) 1905, 23.Mftrz.- Paul Bekkers 
Aufsatz .Felix Weingartner* behandelt Weingartners Eigenschaften als Dirigent und 



Digitized by 



Google 




286 
DIE MUSIK IV. 16. 




seine Verdienste urn das moderne Konzertwesen und bedauert nur seinen »Wahn, 
lum schtffenden Kunstler geboren zu seta", der inn sein ganzes Leben lang verfolge. 

FRANKFURTER ZEITUNG 1905, No. 88. - .Bernhard Scholz. Zum siebzigsteo 
Geburtstage" betitelt sich ein mit .g." unterzeichneter kleiner Artikel, der die Ver- 
dienste, die sich Scholz als Oirektor des Frankfurter Konservatoriums und als 
Leiter des Runlscben Gesangvereins urn die Pflege der Musik erworben hat, 
wfirdigt 

NEUE MUSIK-ZEITUNG (Stuttgart-Wien) 1905, No. 12. - Max Arend beklagt 
.Das Verschwinden Glucks von unserer Buhne" und sagt, es sei eine reiche 
Kuhuraufgabe unserer Theaterdirektionen, das klasslsche Musikdrama aus dem 
Staube der Vergessenheit zu Ziehen. .Die Aufgabe wird ebenso lohnend sein, wie 
sie erhaben 1st*. Die .Glossen zur Beethoven-Kenntnis" von Friedrich Kerst 
zeigen an sechs Beispielen, welche Fehler die .Beethoven- Kenner" in Wort und 
Bild beutzutage begehen. Mit dem Garcia-Jubilaum befassen sich die Artikel .Ein 
bundertjShriger Gesangmeister" von Adolph Kohut und .Die Familie Garcia" von 
Hugo Conrat. Marsops .Protest gegen die Amsterdamer Parstfai-Aufffihrung" 
fubrt neue Scharen ins Feld; Hugo GOhring widmet eine kleine Studie .Rudolf 
Ewald Zingel". 

MUSIKALISCHES WOCHENBLATT (Leipzig) 1905, No. 12. - .Drama und 
Libretto" von Kurt Mey. Eine sch5ne und gedankenreiche historische Darstellung 
der Entwicklung, die die Dichtung von Operntexten im Laufe der Zeiten ge- 
nommen hat. 

TOONKUNST (Amsterdam) 1905, No. 10 und 11. — Enthaltend die Aufsitze: 
.CoOperatie op muzikaal gebied", .Chromatische of pedaalharp?" von M. C. 
van de Rovaart, und .Opera*Plannen" von demselben. 

ZEITFRAGEN (Berlin) 1905, No. 13. - Karl Storck beklagt in dem Artikel 
.Musikalische Verarmung unseres Volkes*, dass wir vor der nahen v611igen Ver- 
armung des deutschen Volkslebens in musikalischer Hinsicht stehen. Die Ver- 
breiterung der MusikpBege im Hause bedeutet keinerlei Erweiterung oder gar Be- 
reicberung. Das Volk ist nicht mehr so sehr selbst musikalisch tfttig wie Miner, 
es bekommt aucb laoge nicht mehr so viel Musik zu hOren wie in vergangenen 
Zeiten. Lingst sind Postilion, Nachtwlcbter und T&rmer aus dem Leben ver- 
schwunden. ModernitSt, Vernuchterung des Landes, des Lebens und der Be- 
vftlkerung sind daran schuld; durch sie ist die SchOnheit immer mehr vertrieben 
worden. Die alten Volksfeste ganz besonders hitte man nicht bekftmpfen, sondern 
veredeln soil en, denn die Musik war der schftnste Schmuck dieser Feste als volks- 
tumlicher Einricbtungen. 

REVUE MUSIC ALE (Paris) 1905, No. 5. — Diese vollstindig dem Volkslied ge- 
widmete Nummer entbilt die Artikel: .Esquisse d'une bibliographie de la chanson 
populaire hors de France" von Pierre Aubry, .Note sur la chanson populaire 
espagoole" von J. Pedrell, .Chansons populaires de la Venetie" von E. 
Adaiewsky, .Chanson populaire armtnienne" von K. Proff-Kalfaian, .La 
chanson populaire georgienne" von Pierre Aubry, .La chanson populaire arabe* 
von Jules Rouanet. 

LA RfiVUE D'ART DRAMAT1QUE ET MUSICALE (Paris) 1905, 15. Man. - 
ErwShnenswert ist der Aufsatz: .Les anciens vaudevillistes: Du Mersan" von 
Charles Van Hasselt. 



Digitized by 



Google 




NEUE OPERN 

Fr. A.K6hler: „Die Hochzeit" betitelt sich eioe tragische Oper in drei Auf- 
ztigen von B. Lvovsky; der Handlung liegt der glelchnamige Opera- 
entwurf Richard Wagners zugrunde. 

Heinrich Reinhardt: »Krleg im Frieden", eine komische Oper von Julius 
Wilhelm nach dem gleichnamigen Lustspiel Franz 9 von Schdntban, soil 
Ende Oktober am Berliner Kdnigl. Opernhaose in Szene geben. 

Ferdinand Miroslav Weber: „Das verhlngnisvolle Schloss", eine vier- 
aktige Mlrchenoper, Dicfatung nach Baumbach von Annie Braunegger. 

Richard Winzer: ,Marienkind", eine MIrchenopcr, hat im Stadttheater in 
Halle ihre UrauffQhrung erlebt 

AUS DEM OPERNREPERTOIRE 

Braunschweig: Das Hoftheater bereitet in nlchster Zeit vor: „Irrlicht", Oper 
in drei Akten von Ludwig Fernanda Musik von Leo Fall. 

DOsseldorf: Dr. Otto Neitzels musikalisches Satyrspiel „Wallhall in Not* 
hatte, vorz&glich wiedergegeben und gut inszeniert, einen grossen Erfolg. 

Frankfurt a. M.: Als Solisten wirken in den Wagnerfestspielea a. a. mit 
von der Berliner Oper: Marie Gfttze (Adriano), Rudolf Be rger (Telramund), 
Theodor Bertram (Wotan), Paul KnQpfer (Landgraf). Hamburg entsendet: 
Katharina Fleischer-Edel (Senta und Elsa) und Ottilie Metzger-Froitz- 
heim (Ortrud); MQnchen: Margarete Preusse-Matzenauer (Brangine), die 
Herren Josef Gels (Beckmesser), Dr. Raoul Walter (Lohengrin), P. Bender 
(Marke) und Heinrich Knote (Walther Stolzlpg); ferner Wien: die Herren 
Leopold Demuth (Wolfram und Hans Sachs) und Richard Mayr (Hagen). 
Des weiteren sind zur Mitwirkung berufen Lina Morny-Kassel (Venus), 
Dr. Otto Briesemeister-Bayreuth (Loge), Karl Perron- Dresden (Hollander 
und Wolfram), Desider Zador-Prag (Alberich), Felia Litvlnne-Paris (Isolde), 
Fritz Rtmond-Karlsruhe (Siegmund), EJnar Porch hammer-Frankfurt (Sieg- 
fried), Max B&ttner- Karlsruhe (Telramund und Kurvenal). 

KONZERTE 

Amsterdam: Die Konzertdirektion „De Nieuwe Muziekbandel" in Amsterdam 
veranstaltet zu Pflngsten dieses Jahres ein f&nftlgiges Musikfest unter 
Leitung von Felix Weingartner. An Je zwei Tagen werden sowohl im 
Haag vie in Rotterdam Auff&hrungen von Berlioz' 9 Damnation de Faust* 
und ein „Beethoven-Konzerr* mit der ersten Symphonic, der dritten Leonoren- 
Ouvert&re und neunten Symphonic stattflnden. Das Fcst wird in Amster- 
dam beschlosscn mit der Auffuhrung von Berlioz 9 »Harold - Symphonic" 
und Beethovcns Neunter. Mitwirken werden' als Solisten Marcclla Pregl, 
Anna Kappel, Pauline de Haan-Manifarges, Jos. Tysscn Jan., 
Jos. M. Orelio, Jan Sol, F. H. van Duincn und Oscar Nedbal von 
Bftbmischen Streichquartett, im Haag der grossc Cher von „Toonkunst", 



Digitized by 



Google 




288 
DIE MUSIK IV. 16. 




• in Rotterdam die drei Vereine .Rotterdams gemischter Chor", „Minner- 
chor" und ,Toonkunst", in Amsterdam der Oratorienverein und ferner 
das verstirkte Utrechter Orchester. 

Berlin: Die Singakademie wird in der Saison 1005/06 folgende Werke zur Auf- 
fuhrung bringen: 20. Oktober (Abonnementskonzert) die Missa solemnis von 
Beethoven; 26. November Begribnisgesang, Gesang der Parzen, NSnie and 
das ^Deutsche Requiem* von Brahms; 22. Dezember Weibnachtsoratorium 
von Bach; 23. Februar (2. Abonnementskonzert) „Die Apostel"von Edward 
Elgar (zum erstenmal); 23. Marz (3. Abonnementskonzert) Haydns 
„Sch6pfung"; 12. und 13. April yMatthius-Passion" von Bach. 

Bonn: In den Tagen vom 28. Mai bis 1. Juni flndet das 7. Kammermusik- 
fest des Vereins „Beethovenbaus" statt. Ausser der Joachimscben 
Quartettvereinigung werden mitwirken die Pianisten Ferruccio Busoni- 
Berlin und E. v. Dohnanyt-Wien, die Soci6t6 des instruments a 
vents vom Pariser Konservatorium, und die Soci6t6 des instruments 
anciens aus Paris. 

Dnsseldorf: Fur das 82. niederrheinische Musikfest, das am 11., 12. und 
13. Juni unter Leitung des stftdtischen Musikdirektors Professors Julius 
Butbs stattfindet, ist folgendes Programm festgesetzt worden: Erster Tag: 
Sonate fur zwei Blaserchfire und Violine von G. Gabrieli; „Israel in 
Agypten", Oratorium von G. F. Hind el. Zweiter Tag: Symphonia fflr zwei 
F16ten und Streicborcbester von Wilb. Friedemann Bach (Urauff&hrung). 
Violinsolo. Kantate: .Also hat Gott die Welt geliebt" von Job. Seb. Bacb. 
Klavierkonzert No. 2 B-dur von Job. Brahms. Symphonie mit Soli und 
Chor No. 2 c-moll von Gust. Mahler. Dritter Tag: „Appalachia", sym- 
phonische Dichtung mit Cbor von Fr. Deli us. „La Canzone dei Ricordi" 
fQr Altsolo und Orchester von G. Martucci. Violinkonzert. „Till Eulen- 
spiegel" von Rich. Strauss. „Die Vitergruft" von P. Cornelius. Ge- 
sange Mr Basssolo. Duett aus w Gunl6d a fur Sopran und Tenor von 
P. Cornelius. Phantasie fur Pianoforte, Chor und Orchester von L. van 
Beethoven. — Als Solisten sind zur Mitwirkung gewonnen worden: Irene 
Abendroth-Dresden (Sopran); Muriel Foster-London (Alt); Paul Knupfer- 
Berlin (Tenor); Ernst von Doh n a nyi- Budapest (Klavier) und Fritz 
Kreisler-Wien (Violine). 

Lille: Die Musikgesellschaft bracbte unter Leitung von Maurice Maguets 
das Deutsche Requiem von Brahms und Telle aus dem Parsifal durch 
eine bewunderungswurdige Auff&hrung zu glSnzendster Wirkung. Als Solisten 
wirkten Louis Frdhlich und Eleonore Blanc mit. 

Weimar: Am 14. April veranstaltete Direktor E. Degner zu Ehren der ver- 
storbenen Grossherzogin Karoline, die eine buldvolle G5nnerin der Musik- 
schule gewesen, ein Kirchenkonzert, in dem durch das aus anderen Kreisen 
mannigfach verstirkte Personal der Musikschule (Chor und Orchester 225 
Mitwirkende) Brahms' deutsches Requiem zu einer sehr weihevollen, aus- 
gezeichneten Auffubrung gelangte. Frl. vom Scheldt und Herr Strath- 
man n vertraten in vorzuglicher Weise die Soli. 

TAGESCHRONIK 

Die dem Zentralverband Deutscher Tonkunstler und Tonkunstler- 
vereine angehdrenden Vereine haben beschlossen, diejenigen ihrer Mitglleder, 



Digitized by 



Google 





HENRY L. HIGGINSON 



IV. 16 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 




STEPHEN C. FOSTER 




IV. 16 



Digitized by 



Google 



Digitized by 



Google 




280 
UMSCHAU 




die von ihnen als Lehrer empfohlen werden wollen, einer Prufung zu unterwerfen, 
damit eine solche Empfehlung dem Publikum gegenGber einen wirklichen Wert 
hat Ober den Bestand der Prufung wird auf Verlangen ein Zeugnis ausgestellt 
AU enter Verein begann der .Berliner Tonkfinstler-Verein" mit Einf&hrung dieser 
Einrichtung am 1. April d. J. Die iibrigen Vereine, die dem Beschluss almtlich 
prinzipiell zustimmen, werden sich in k&rzester Zeit anschliessen. 

Nicolaus Rimsky-Korssakow wurde von der Direktion der Kais. russ. 
Mu8ikge8ell8chaft aus dem Professorenverbande des Konservatoriums aus- 
geschlossen, weil er sich ,offen mit der ganzen Autoritfit seines Namens mit der 
boykottierenden Jugend solidarisch erkUrte*. Empdrt fiber die Entlassung des Kora- 
ponisten reichten fast alle Professoren des Kaiserl. Konservatoriums, darunter 
Glazounow, Ljadow, Auer, Blumenfeld, Witatol, Wiersbielowicz, Mme. Essipoff und 
andere ihre Demission ein. Die bureaukratische Direktion muss es bitter be- 
reuen, so einen Leichtsinn begangen zu haben, und das ganze musikalische Russ- 
land ist erstaunt, wie der sonst so liberate, als Poet gefeierte Grossf&rst Konstantin 
die Entlassung hatte bestfttigen k5nnen. Der Direktor des Konservatoriums Prof. 
August Bernhardt erhielt ein von 19 Professoren unterzeichnetes Schreiben, in 
dem es hiess, dass es .die moralische Pflicht des Direktors sei, sein Amt nieder- 
zulegen a . Daraufhin gab Prof. Bernhardt der Direktion der Kais. russ. Musik- 
gesellschaft seine Demission. — Eine Sympathieadresse an Rimsky-Korssakow 
haben 200 Hochscbullehrer dem Komponisten fiberreicht, in der das Verhalten 
Rimsky-Korssakow's zu der allgemeinen Ausstandsbewegung gerfihmt wird und ihm 
die Hocbachtung als mutigem Burger und Professor ausgesprochen wurde, der die 
Bedeutung seiner Stellung und seines Standes wfirdig gewahrt babe. 

Die von der preussischen Volksvertretung bewilligten Mittel fur die Denk- 
miler deutscber Tonkunst werden innlicb wie fur ihr Vorbild, die Monumenta 
Germanise histories, im wesentlichen fur Honorierung von Musikforschern und 
Herausgebern verwandt. Die Verlagshandlung, die dem preussischen Kultus- 
ministerium die Abnahme einer bestimmten Zahl von Exemplaren zur Veneilung 
an dffentlicbe Bibliotheken verdankt, hat im ubrigen das besonders schwierige 
Unternehmen auf eigenes w*agnis durchzuf&hren. Ahnliches gilt f&r die Denk- 
miler der Tonkunst in Bayern. 

Usingen, die Vaterstadt August Wilhelmjs, will zum 6a Geburtstag des 
Kunstlers, 21. September d. J., an seinem Geburtshaus eine Gedenktafel anbringen. 

Ein Denkmal des Komponisten Robert Plan que tte ist in Paris auf dem 
Friedhof Pere-Lachaise enthfillt worden. 

Der Bau des neuen grossen Hamburger Musikpalastes soil im Herbst 
dieses Jahres im Rohbau vollendet sein. Hamburg erhilt damit eines der grdssten 
Konzertetablissements Deutschlands, das eine scharfe Konkurrenz zugleich fur die 
bestehenden Sfile, besonders des alten Konzertgartens, bedeutet Der Musikpalast 
wird zwei Sale f&r Konzertveranstaltungen erhalten. Einen grossen mit Rang 
und Galerie im Parterre, der 28 Meter lang und 20 Meter breit ist und f&r 1700 
Personen bestimmt ist. Ein zweiter, kleinerer, der sog. Quartettsal, liegt im 
ersten Stockwerk und fasst 500 Zuhdrer. Dazu kommen noch ein Obungssal, 
Kiinstler-Stimmzimmer, Verwaltungsriume usw. Ein grosses Foyer dient in Ver- 
bindung mit den umfangreichen Garderober&umen als Wandelhalle wfthrend der 
Konzertpausen. Das Hamburger Konzertetablissement dfirfte das erste sein, das 
f&r den Verkehr im Itinera neben seinen grossen Freitreppen auch Fahrstfihle 
erhftlt, von denen drei zu dem kleinen Sal und eine zur Galerie des grossen 
IV. 16. 19 



Digitized by 



Google 




290 
DIE MUSIK IV. 16. 




Konzertsales fGhrt. Auch fur den Transport der Konzertflfigel 1st ein Lastenaufzug 
vorgesehen. — Das Gebiude selbst, das am Holstenplatz liegen wird und eine 
neue Zierde dieses durch vornehme Bauwerke bevorzugten Stadtteils bilden d&rfte, 
wird im Barockstil errichtet, seine Faasaden in dunkelbraunem Ziegel. Die innere 
Ausstattang soil sich durch eine gewisse rahige und vornehme Eleganz aus- 
zeichnen, obne alien Prunk und von den |kQnstlerischen Darbietungen abienkenden 
ubermodernen Schmuck. Nicht vor dem Herbst des Jahres 1906 jedoch wird 
Hamburgs neuestes Musikgebaude seiner kunstlerischen Bestlmmung iibergeben 
werden kdnnen. 

Die Stadt Essen beabsichtigt neben dem bereits bestehenden Stadttheater 
ein zweites Theater zu erbauen, das ais Opernbaus dienen soil, da sich das 
vorhandene Haus neuerdings als zu klein erwiesen hat lm alten Theater sollen 
dann in Zukunft nur das Schauspiel und die Operette gepflegt werden, wfthrend 
im neuen Hause Opera- und volkstumliche Vorstellungen veranstaltet werden. 

Als Nachfolger Wilhelm Svedbom's wurde Oskar Bolinder zum Direktor 
der Kgl. Musikakademie und des Konservatoriums in Stockholm gewfthlt. 

Zum Kapellmeister des Vereins der Musikfreunde in Lubeck wurde Hermann 
Abendrotb aus Munchen gewihlt 

Als Diligent des Kurorchesters in Wiesbaden wurde Kapellmeister Ugo 
Afferni, bisber in Lubeck, ausersehen. 

Der st&dtische Kapellmeister Georg Rauchenecker in Elberfeld wurde 
zum Kdniglichen Musikdirektor ernannt. 

Der Grossherzog von Hessen hat dem Privatdozenten fur Musikwissenschaft 
an der Technischen Hochschule in Darmstadt, Dr. Vilibald Nagel, den Charakter 
als Professor erteilt. 

Mit dem 1. Mai d. J. ist der bisherige 1. Klarinettist der Kftnigl. Kapelle in 
Berlin, der K5nigl. Professor und Kammervirtuos Oskar Schubert, hinsichtlich 
seines herrlichen Tones, seines musikalischen und instrumental-technischen 
Konnens der Ersten einer seines Faches fn Deutschland, in den Pensionsstand 
getreten, 

David Popper erhielt das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens. 

Anlisslich des 75 jib ri gen Stiftungstages des Kdnigl. JVUnnergesangvereins 
„ Cecilia* in 'sGravenhage, empflng der Dirigent Henri Vdllmar den Orden 
Oranje Nassau. 

TOTENSCHAU 

Die einst beruhmte franzdsische Singerin Anna de Lagrange ist in Paris 
im Alter von 80 Jahren gestorben. 

Im Alter von 50 Jahren starb in Bergamo Angelo Mascheroni, einer der 
bedeutendsten Kapellmeister Italiens. 

GaStano Guidoboni, Kapellmeister an der Kathedrale zu Ferrara, 1st 
88 Jahre alt, verschieden. 

Der Kapellmeister und Komponist Karl Komzak (geb. 1850) ist am Oster- 
sonntag auf dem Bahnhof in Baden bei w*ien das Opfer eines Unglucksfalles ge- 
worden. 

Am 24. April verschied in Dresden Prof. Julius Kniese, seit 1882 Chor- 
leiter der Bayreuther Festspiele und Gesanglehrer der Bayreuther Stilbildungs- 
schule. Die ,Musik« wird in einem besonderen Artikel dem Wirken des Ver- 
storbenen eine Wflrdigung zuteil werden lassen. 



Digitized by 



Google 




201 
UMSCHAU 




EINGESANDT 

Herr Max Loewengard ereuctat uns am Aufnahme des Nachstehenden: Herr 
Heinrich Che valley- Hamburg regt in Jatargang IV Heft 14 der Zeitschrift 
.Die Musik* die Prage an, ob es wohl angingig sel, dass ich, .der aus Berlin ein- 
gewanderte Musikreferent des Hamburgischen Korrespondenten, gleichzeitig als 
Lehrer am Konservatorium wirke. Das Konservatorium unterstehe der Leitung 
des Herrn Max Fiedler und so besitze ich wohl nicht die Unabhftngigkeit von 
Herrn Fiedler, dem Dirigenten, die doch w&nschenswert scheine a . — Der vor 
einigen Jahren aus Leipzig eingewanderte Musikreferent des Hamburger Fremden- 
blattes, Herr Chevalley, spielt sich gern auf den Hamburger Autochthonen hinaus, 
Er hat noch keine Gelegenheit vorubergehen lessen, mir mit flberlegenem Licheln 
zu versichern: .Ja, Sie kennen eben die Hamburger Verhftltnisse noch nicht* 
Er war diesmal, so viel er sich auch auf seine Kenntnis der Hamburger Verhftltnisse 
zugute tut, schlecht unterrichtet, als er des Wftchteramtes im Hamburger Musik- 
leben glaubte walten zu mfissen. Ich bin nftmlich von Herrn Fiedler ebensowenlg, 
wie etwa Herr Fiedler von mir abhftngig; er 1st, wie ich selber, von der Inhaberin 
des Hamburger Konservatoriums, Frau von Bernuth, engagiert. Aber selbst 
wenn ich von Herrn Fiedler engagiert wftre, darf ich auf Grand meiner 
anderthalb Jahrzehnt in breitester Offentlichkeit gefibten kritischen Tfttigkeit 
fflr mich in Anspruch nehmen, dass ich fiber dem Verdacht stehe, als ob 
irgendwelche persdnliche Beziehungen mein Urteil in Kunstfragen beeinflussen 
kftnnten. Wer weiss — vielleicht wftre meine kritische Tfttigkeit in Hamburg 
Herrn Chevalley nicht so unbequem gewesen, wie sie es nach seinen Auslassungen 
doch offenbar 1st, wenn ich den Winken, die er mir mehrfach zu geben versuchte, 
mehr Beachtung geschenkt hfttte, als ich getan. Vielleicht hfttte er dann, die Un- 
abhftngigkeit meines Urteils zu verdftchtigen, keinen Grund gesehen* Wenn Herr 
Chevalley glaubt, dass irgend jemand in seinen Auslassungen etwa wirklich die 
Anregung einer prinzipiellen Frage sehen kftnnte, so fiberscbfttzt er — wie das den 
Leuten mit dem uberlegenen LScheln Sfters begegnet — die Leichtglftubigkeit seiner 
Mitmenschen urn ein Erkleckliches: keinerwird darin etwas anderes sehen, als die 
persdnliche Anrempelung eines unbequemen Kollegen. Es erubrigt deshalb, auf die 
vorgeschobene prinzlpielle Frage einzugehen. Die hat fiberdies ihre praktische Lftsung 
schon lftngst dahin gefunden, dsss in einer Doppeltfttigkeit des Kritikers auch sub- 
alternste Auffassung nichts bedenkliches sieht, wenn eben nur der Kritiker ein ehr- 
licher, anstftndiger Kerl ist Sogar Herr Chevalley flndet ja, .dass die Sache wesentlich 
anders zu beurteilen ist* — wenn es sich um einen anderen alt gerade urn mich 
handelt Dass er damit selber die Fiktion von einer prinzipiellen Frage aufgibt und 
ganz unverhohlen mich persdnlich verdftchtigr, hat er wohl nicht gemerkt Ich kenne 
die Hamburger Verhftltnisse vielleicht nicht so genau wie. Herr Chevalley, soweit 
aber kenne ich sie, um beurteilen zu kdnnen, dass nicht sie f&r die Art, in der 
Herr Chevalley hier Kunstwart zu spielen vorgibt, verantwortlich zu machen sind. 
Das ist Herrn Chevalleys allereigenste Eigenart: in der Journalistik gibt es kein 
Analogon und keinen Namen dafGr: der Kritiker des .Hamburger Fremdenblattes* 
erklftrt in einer auswftrtigen Musikzeitung, dass das, was der Kritiker des .Ham- 
burgischen Korrespondenten* schreibt, .kaum ernstlich beachtet werden kdnne*. 
Das ist Herrn Chevalleys ureigenste Eigenart, die ich ihm nicht neide; nur noch 
einen guten Rat mdchte ich — obschon eingewandert — Herrn Chevalley erteilen: 
er lese meine Kritiken nicht, ich lese seine auch nicht. Das stftrkt die Selbstftndig- 
keit des Urteils ganz ausserordentlich. Max Loewengard . 



19* 



Digitized by 



Google 



OPER 

BERLIN: Wolzogen-Oper: »Das Urteil des Midas", einaktiges Festspiel nach 
Wieland von Wolzogen; Musik von Hans Hermann. — »Die Bftder von 
Lucca*, komische Oper nach Heine von Wolzogen; Musik von Bogumil Zepler. 
,Wenn Sie wollen, baben Sie eine deutsche Kunst", sagte Richard Wagner einst stolz- 
bescheiden, als Bayreuth endlich Ereignis geworden war. Und „wir kdnnen, wenn wir 
nur wollen, in Oeutschland eine beitere Oper haben*, so ungefibr sagte der Freiherr 
Ernst von Wolzogen, als seine „neue* Opern-Idee im Berliner Thaliatbeater Ereignis 
geworden. In der Tat ist in Deutschland heute eine heitere Oper mSglich, wenn die 
Komponi8ten die Wagner-Mimicry endlich aufgeben und ihrer kleinen Begabung Ent- 
sprechendes leisten wollten. So einfach aber, wie Wolzogen die Sache sich zu denken 
scheint, ist sie denn doch nicbt. Die beiden Komponisten, die er als erste seinem 
Publikum empfahl, baben in ihrer Aufgabe durchaus versagt. Der ernster zu nehmende 
der beiden, Hans Hermann, bat einige sangbare und dankbare Lieder geschrieben und 
ist auch in anderen einfacheren Musikformen gut bewihrt. Als er aber vor einigen Jahren 
mit einem Quartett (die Grundthemen bauten sich auf den Noten B-E-G-AS auf) anruckte, 
war das Liebenswurdigste, das ihm gesagt werden konnte, die Anerkennung einer gewissen 
dekorativ-musikalischen Ffthigkeit. Diesmal wollte er musikdramatisch kommen. Er hat 
fleissig mit Wagnerscher Musik geleimt, urn etwas Einheitliches zusammenzubekommen. 
Aber auch fur das ungeubtere Ohr sonderte sich das Eigene und Fremde nur zu deutlich. 
Das Ganze fiel auseinander in eine Anzahl Oberbrettl-Nummern. War es nicbt eine ge- 
ffthrliche Symbolik, wenn Wolzogen gerade diese Sache an den Anfang stellte? — Die 
zweite Neuheit, die sich so frank und frei .komische Oper" nannte, war eine Operette 
mit alien Schauern und Schrecken, von dem Kompromissler Bogumil Zepler nach be- 
rfihmten Rezepten zusammengestellt. Das „Werk" schloss sehr sinnig damit, dass auf 
der Buhne die Lorelei gebrullt und im Orchester Kankan gespielt wurde. Wftren die 
beiden Stucke auf einer der vier Buhnen aufgefuhrt worden, die heute in Berlin Operetten 
bringen, so wurden sie kaum bemerkt worden sein. Der Name Wolzogen sicherte ihnen 
eine stlrkere Beachtung. Am ersten Abend gab es denn auch einen ganz netten Beifall. 
Aber der Beifall ging von bestimmten Zentren aus, und Wolzogen wird sich hoffentlich 
selbst sagen, dass man auf diese Art dauernde Erfolge nicbt erringen kann. — Ober die 
unau8geglichene Aufffihrung, die den Durchschnitt dessen bot, was man von den Vorstadt- 
theatern her gewohnt ist, soil nach diesem ersten Abend noch nicht im einzelnen ge- 
urteilt werden. Willy Pastor 

BRAUNSCHWEIG: Die Oper bewegte sich den ganzen Winter infolge der Krankheit 
unserer Altistin in engen Grenzen. Von den G&sten sind bemerkenswert Erika 
Wed e kind (Dresden), die diesmal aber nicht als Mignon, sondern als Carlo Broschi 
erschien; Mme. Thea Dor re* sollte an zwei Abenden (Santuzza, Azucena bzw. Carmen) 
auftreten, errang durch die meisterhafte Darstellung aber solch aussergewdhnlichen Erfolg, 
dass sie zu zwei weiteren Gastspielen und eines fur nlcbsten Winter verpflichtet wurde. 
Luise Belce-Reuss verkdrperte die Fricka (^Walkure") ganz vorz&glich. Vom Sobne 
unseres Regenten, Joachim Albrecht, Prinz v. Preussen, erhielten wir eine allerliebste 
Ballet-Pantomime ,Die Tanzstunde* mit einer Reihe flotter Tftnze. Ernst Stier 



Digitized by 



Google 




203 
KRITIK: OPER 




DARMSTADT: Wolf-Ferrari's .Neugierige Frauen* erlebten eine Reihe erfolgreicher 
Wiederholungen. Der Versuch, Heralds .Zampa* zu galvanisieren, erwies sich als 
vergeblich. In Lortzings .Waffenschmied" zeigte Georg Nieratzky als .Graf Liebenau* 
vlelversprechende stimmliche Beanlagung. Neu einstudiert sollen demnichst .Die 
kleinen Michus* trad .Der KSnig hat's gesagt* erscheinen. H. Sonne 

FRANKFURT a. M.: Von mehreren G&sten, die hier vorsprachen, kommt fur ein ab* 
schliessendes Urteil nur einer in Betracht, Marie Gdtze (Berlin), die uns die Dalila 
in der Oper von Saint-Safins denkwurdig schdn vorsang und aucb schauspielerisch ge» 
lungen verkdrperte. Leider war das nur ein ephemeres Ereignis; einige nicht unwichtige 
Fragen der Personalerg&nzung bleiben noch in der Schwebe. Hans Pfeilschmidt 

JOHANNESBURG: Johannesburg befindet sich in jeder Hinsicht im Entwicklungsstadium. 
Aus der Goldgrftberstadt entsteht langsam eine moderne Grossstadt, die jetrt un- 
gefihr 100000 weisse Einwohner zfthlt, aus den heterogensten Elementen aller Nationen 
zusammengesetzt. Ein Ziel ist ihnen alien gemeinsam: so rasch als mdglich viel Geld 
zu erwerben. Es 1st daher naturlich, dass die grdssere Anzahl dieser Leute kaum Inter- 
esse und nur wenig Verstlndnis fur die verschiedensten Kunstgebiete besitzt und wenn 
vor allem die musikalischen Darbietungen von kunstlerischem Werte sich eines guten 
Besuches erfreuen, so geschieht es eben in der Hauptsache aus dem Grunde, urn .da* 
gewesen* zu sein. Leider tut die Regierung hier auch nichts fur die musikalische Bildung 
der heranwachsenden Jugend und verweigerte sogar s. Zt, fur die Errichtung einer Musik* 
schule mit guten Krlften Geld herzugeben, mit der Begrundung, dass sie nur Mittel 
fur pftdagogische Zwecke zur VerfGgung hltte und Musikunterricht doch darunter nicht 
zu z&hlen sei!I Infolge dieses Mangels an musikalischer Erziehung steht der allgemeine 
musikalische Geschmack naturgem&ss auf einer sehr niedrigen Stufe. Leichte, ins Ohr 
fallende Musik, recht viele Walzer, Cake-walks, dazwischen irgendein sentimentalea 
Gewinsel — das ist alles, was verlangt wird. Daraus ergibt sich, dass in unseren 
Theatern die .Posse mit Gesang a — man kann nicht mal Operette sagen — an enter 
Stelle figuriert. .San Toy*, .Florodora", .Country Girl*, .Shop Girl*, .The Earl and 
the Girl" und andere .Girls" sind die beliebtesten in diesem Genre, die sich fortwfthrend, 
nur in anderer Reihenfolge, wiederholen, von verschiedenen Truppen dargestellt, yon 
denen selten auch nur ein Mitglied den Namen .Kiinstler* verdient Preis des Parketta 
10^0 Mk. Ein Ereignis verdient besonders hervorgehoben zu werden. In den letzten 
Wochen batten wir Gelegenheit, die .Moody Manners Opera Company* zu hftren, 
Wenn man die enormen Kosten und Schwierigkeiten berucksichtlgt, die hier ein Opera- 
ensemble-Gastspiel verursacht, so kann man den Unternehmern B. und F. Wheeler nur zu 
dem Erfolg gratulieren. Die hauptsftchlichsten Opern waren: .Troubadour*, .Maritana* f 
.Faust*, .Carmen*, .Bajazzo*, .Cavalleria Rusticana*, .Lohengrin* und .Tannnluser*, 
Die Krfifte waren teilweise befriedigend; besonders zu erwihnen wire die erste drama- 
tische Sftngerin Miss Coomber, sowie der Diligent Signor Sapio, welch letzterem liber* 
haupt der Erfolg der Tournle beizumessen ist. M. von Trutzschler-Sanders 

KOLN: Auch hier erzielten Ermanno Wolf-Ferrari's .Neugierige Frauen* bei 
der ersten Aufftihrung im neuen Stadttheater und einigen schnell aufeinanderfolgen- 
den Wiederholungen einen vollen Erfolg. Otto Lohse hat als Einstudierer und Diligent 
eine bewundernswerte Leistung geschaffen. Die solistische Besetzung fand sich hier 
ungemein glucklich zusammen, so dass man dem Wesen des reiz vollen Werkes nach 
keiner Richtung hin etwas schuldig blieb. Paul Hiller 

MAINZ: Die Oper steht im Zeichen der Benefizvorstellungen, und da gelangt dann 
alles Mdgliche und Unmdgliche zu Darstellungen, je nach der Wahl des Bene- 
flzianten. Zu den. erateren rechne ich Massenet's .Der Gaukler unaerer lleben Frau*. 



Digitized by 



Google 




294 
DIE MUSIK IV. 16. 




Das Werk 1st musikalisch reizvoll und rein in der Arbeit und vcrdient den guten Erfolg, 
der ihm zuteil wurde. AIs Schlussvorstellung sind die „Meistersinger" vorgesehen. 

Dr. Friti Volbach 

ZORICH: Durch die Gastspiele Fleischer-Edel und Ernst Kraus vcrbreitete aich 
ein Fluidum auch nach dem fibrigen Personal bin, so dass fiberraschende Auf- 
fuhrungcn zastande kamen. Vor allem wurde Wagner im allgemeinen mit Glfick kul- 
tiviert. Das Repertoire machte einige Versuche mit ilteren Werken, ohne sonderiichen 
Erfolg. Novitlten dagegen sind nach wie vor dunn gesftt. Durch die szenischen 
Leistungen der Direktion wird manche Schwftche des Personals zugedeckt. Unter ihm 
ragte der Tenorist Merter durch Stimme und Spiel hervor. Mit Fug bangt man indessen 
▼or dem durchwegs unbekannten Ersatz eines Grossteils der Mitglieder. 

W. Niedermann 

KONZERT 

BALTIMORE: Im Peabody gab es nach Weihnachten an vier Nachmittagen aus- 
schliesslich Klavierrecitals: Josef Hofmann, der grossen Erfolg hatte; Emmanuel 
Wad versteht es, jede einzelne Nummer seines Programme individuell zu beleben und 
einen Hauch yon Poesie daruber zu verbreiten; er interessiert immer, auch wenn man 
andrer Meinung 1st als er; das Techniscbe, das er vollkommen beherrscht, ist ihm 
Nebensache. Das gerade Gegenteil von ihm ist sein Kollege am Konsenratorium, Ernest 
Hutcheson, ein Techniker reinsten Wassers, fur den es tatslchlich keine Schwierig- 
keiten gibt, der aber weder HShen erklimmt, noch Abgrunde erschliesst. Er trat in dem 
Konzert von Fritz Kreisler fQr den erkrankten Harold Randolph ein und gab zwei 
Wochen spftter unter starkem Eeifall sein eigenes Konzert, in dem er auch Kom- 
positionen von sich spielte. Wladimir von Pachmann ist leider immer derselbe 
und macht hier in Amerika dieselben Mitzchen wie driiben; in einem Augenblick 
ist er unvergleichlich und im nlchsten — banal. — Fritz Kreisler war friiher Virtuose 
und suchte als solcher seinesgleichen; heute stehen ihm noch ebenso alle Hexenkfinste 
auf seiner Geige zu Gebote, aber er versteht es nun auch zu singen, zu klagen, zu 
jaucbzen, — er beherrscht die ganze Skala menschlicher Gef&hle. — Ausserdem traten 
in den Peabody-Konzerten noch auf die Geigerin Olive Meads, die Pianistin Marion 
Rons, letztere eine talentvolle Schulerin Harold Randolphs, die im vergangenen Jahre 
das Diplom am Konsenratorium erhielt; ferner die Singer David Baxter und Kelley 
Coll, sowie die Altistin Gertrud May-Stein. — Das Washington Symphonie- 
Orchester ist nicht mehr. Kurz bevor es hin&berschlummerte ins Reich der Ver- 
gessenheit, hat es sich noch ein Verdienst erworben: d 'Albert spielte unter seiner Be- 
gleitung das Beethovensche Es-dur Konzert, so wie eben nur er es spielen kann. Nicht 
einmal die schwache Leistung des Orchesters konnte den Eindruck schwftchen: es spielte 
Tschaikowsky's 5. Symphonie, d'Alberts Ouverture zum .Improvisator*, ein Scherzo yon 
Goldmark und v Zum GedXchtnis an Theodor Thomas* den Trauermasch aus der Eroica. 
— Ein zweites Mai war es uns vergdnnt, d'Albert zu hSren, als er mit dem Boston 
Symphonie-Orchester sein eignes prichtiges E-dur Konzert spielte, nach dessen 
unvergleichlicher Wiedergabe der Beifall sich nicht legen wollte. Ausserdem gab es 
in den drei Konzerten der Bostoner von Beethoven Symphonie c-moll und Leonoren- 
OuvertGre No. 3, Tschaikowsky's Manfred- Symphonie, Rimsky-KorsakofPs Symphonie- 
Suite 9 Sheherazade*, ferner die HolUnder-Ouverture, Goldmarks Ouverture v ln Italien* 
sowie »Die Aufforderung zum Tanz" in der Berliozschen Orchestrierung und einige 
Brahmssche Tftnze, von Gericke orchestriert. Muriel Foster sang im Januarkonzert 
mit hQbscher Stimme aber ohne Wfirme Werke von Bruch und Elgar. <Im letzten Konzert 



Digitized by 



Google 




205 
KR1TIK: KONZERT 



m^ 




trat der junge Solocellist des Orchesters, Rudolf Krasselt, mit dem undankbaren Volk- 
mannschen a-moll Konzert auf; er spielte mit kleinem Ton, doch musikalisch recht 
beachtenswert — Das Kneisel-Quartett spielte die Streichquartette op. 50 in F-dur 
und C-dur von Beethoven und DvoMks F-dur op. 96, mit Harold Randolph am Klavier, 
Brahms' Quintett in f-moll, Schumanns in Es-dur and Saint-SaSns' B-dur Quartett. Von 
Debussy's interessantem Streichquartett op. 10 g-moll bekamen wir leider nur zwei SItze 
zu hdren. Alwin Schroeder erfreute durch die klassische w*iedergabe der 2. Bachschen 
und einer Locatellischen Cellosonate. Edg. 

CHICAGO: In der Erdffnung der Saison, die durch Einweibung der neuen Orchester- 
halle und die damit verbundene Selbst&ndigmachung des grossen Orchesters einen 
besonderen Glanz erhalten hatte, flel der pldtzlich erfolgte Tod des Leiters dieses Unter- 
nehmen8 wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel. Theodor Thomas' Konzert- 
tltigkeit hier hat den Grundstein gebildet, auf dem sich das musikalische Wohl und Wehe 
Chicago's aufgebaut hat. Thomas' verdienstvollste Arbeit war Pionierarbeit; das grosse 
Orchester formend und heranbildend, pflanzte er dleGrundkeime musikalischen Geschmacks 
in Amerika, speziell im grossen Vesten. Als Bildner des musikalischen Verstftndnisses 
der amerikanl8chen Massen f&r die Musik an sich, als unentwegter Vorkftmpfer der Idee, 
das Volk zu einem hohen Ideal emporzuf&hren, anstatt zum Niveau der Tagesmode 
herabzusteigen, als herzvoller Interpret der Klassiker, denen er pietitvoll und mit feinem 
Verstftndnis gerecht wurde, zuletzt als Einf&hrer der allerneuesten Werke, gleichviel 
welcher Richtung, hat der Name .Thomas* dauernden Bestand in der erst in Entwicklung 
begriffenen Geschichte des amerikanischen Musiklebens sowohl als in der Musikgeschichte 
unsrer Zeit. Es ist hier nicht der On, ein Charakterbild jenes Mannes zu entwerfen, 
der viel bewundert und viel getadelt worden ist Geht man dabei vom allein richtigen 
Standpunkt aus, die Charakterentwicklung aus den Verhiltnissen der betreffenden Zeit 
und des betreffenden Landes heraus zu deuten, so wfirde dies eine Diskussion fiber die 
eigentfimlichen amerikanischen, der deutschen Stabilitlt so schwer verstlndlichen Ver- 
hlltnisse wachrufen, auf Grund derer die Gr&ndung eines grossen Orchesters und dessen 
Selbstlndigmachung gegenfiber pekunilren und sozialen Einflfissen abgeschfttzt werden 
muss. Es war Thomas' Persftnlichkeit, die das grosse w*erk schuf und wer die hiesigen 
Verhiltnisse genau kennt, wird anerkennen mfissen, dass der Nimbus des grossen Or- 
chesters — in seiner UnabhXnglgkeit vom flnanziellen Elnfluss und von der Tyrannei 
der Orchesterassoziation — hauptslchlich mit Thomas' energischer zielbewusster Bers9n- 
Hchkeit verbunden war, die aber bis zur R&cksichtslosigkeit schroff sein konnte, wo 
es sich etwa urn eine Beeinflussung, vollere HXuser durch populftre Programme heran- 
zuziehen oder dergleichen handelte. Man wird nun auch die Schwierigkeiten verstehen, 
unter denen die Nachfolger von Thomas zu arbeiten haben werden, mdgen sie nun von 
ausserhalb kommen Oder mag der Nachfolger aus dem Orchester herauswachsen. Bis- 
her hat der sehr tfichtige Friedrich Stock, frfiher Mitglied des Orchesters, den Taktstock 
geffihrt und Bedeutendes geleistet Noch ist die Nachfolgerfrage unentschieden. Hoffen 
wir, dass das Lebenswerk von Theodor Thomas, das er durch Bau einer eigenen Halle 
noch kurz vor seinem Tode krdnte, noch lange bestehe! Eugen Kftuffer 

JOHANNESBURG: Etwas erfreulicher als in der Oper sieht es bei uns in den 
KonzertsXlen aus. Hier ist vor allem der greise Otto von Booth zu nennen, einst 
Schfiler von Ernst und Sivori, der die Stelle des Primgeigers in Kammermusikkonzerten 
einnimmt Die anderen Stimmen sind meist von Dilettanten besetzt und man muss 
dankbar sein, wenn sie sich nach besten Kriften ihrer Aufgabe entledigen. Ein seltener 
musikalischer Genuss wurde den Johannesburgern vor einigen Monaten durch das Auf- 
treten Jean Gerardy's geboten; der ausgezeichnete Cellist erweckte auch hier allgemeine 



Digitized by 



Google 




206 
DIE MUSIK IV. 16. 



KM 



und nachbaltig wirkende Begeisterung. Erwfthnenswert wire nocfa das Konzert der 
jugendlichen Pianistin Bertha Fein hoi a, deren Talent zu den besten Hoffnungen f&r die 
Zukunft berechtigt, aber noch sehr der Vertiefung und Liuterung bedarf. — Ein kunst- 
lerisches Ereignis war die AuffQhrung des .Messias* von Handel unter der r&cbtigen 
Leitung von Mr. Glen don. Die CbSre waren vorziiglicb einstudiert, das Orchester 
jedoch verriet infolge zu weniger Vorproben oft grosse Unsicberheit. Von den Solisten 
verdient die Sopranistin Ada Forrest das mciste Lob; sie Qberrascbte durcb vortrcff- 
liche Stimmbildung und musikaliscbe Sicherbeit. M. von Tr&tzschler-Sanders 

LONDON: Die Konzerthochflut bat bereits eingesetzt, obne dass sie aber bisheretwas 
beaonder8 Hervorragendes gezeitigt hXtte, namentlich was Novititen betrifft. Unter 
den neuen Krftften, mit denen das Publikum wfthrend der letzten Wochen bekannt wurde, 
erregte das grdsste und berechtigste Aufsehen Miacha El man, der, nameiitlicb was Auf- 
fassung und Tonfulle anbelangt, die beiden ihm vorangegangenen Wunderknaben v. Vecsey 
und Florizel v. Renter Gbertrifft und ihnen in Technik und Reinheit der Intonation nicht 
nachstebt. Eine andere neue Kraft, mit der London bekannt wurde, war der Kapell- 
meister Franz Beidler, der bei dem vorwdchentlichen Symphoniekonzert f&r Dr. Hans 
Richter eintrat, den leider seine Unpftaslicbkeit noch immer davon abtafilt, den gewohnten 
Platz am Taktpult einzunehmen. Beidler machte unstreitig als Diligent durch aus- 
gesprochene Individualitlt Eindruck; seine Auffassung der „Eroica* fand auch allgemeinen 
und begeisterten Beifall; dasselbe lisst slch aber nicht in gleichem Masse von der 
Wagnerschen Musik, namentlich von dem Vorspiel zu „ Parsifal* sagen, der der Diligent 
nicht in vollem Masse gerecht zu werden schien. — Das Queen's Hall Orchester brachte 
Richard Strauss' ,Sympbonia domestics* zur AuffQhrung, die diesmal unter der 
Leitung des Komponisten zu einem ausgesprochenen Erfolge wurde und sich einburgern 
zu wollen scheint, was anfangs etwas zweifelbaft schien. Das Tonwerk, mit seinen 
grossen technischen Schwierigkeiten, war vorher von der vortrefflichen K&nstlerschar unter 
Leitung von J. Henry Wood vorziiglicb einstudiert worden und Richard Strauss hielt 
mit der Anerkennung dieser Leistung nicht zuruck. — Wilhelm Backhaus veranstaltete 
zur ,Feier seiner Grossjfthrigkeit* in Queen's Hall ein ftusserst erfolgreiches Konzert, 
in dem er u. a. das Beethovensche Es-dur und das Tschaikowsky'sche b-moll Konzert 
mit vollendeter Meisterschaft zu Gehdr brachte. Nfichst ihm ist Artur Friedheim zu 
nennen, der sich im Salle-Erard sehr vorteilhaft mit Liszts „Weimar*-Konzert und Chopin's 
b-moll Sonate einf&hrte. — The New Trio. In London stent das Trio auf schwachen 
Fussen und selten nur flndet man Gelegenheit, die einschllgigen klassischen Kompositionen 
in einer Weise zu hdren, die den Forderungen entsprechen wurde, die man an die Wieder- 
gabe dieser Meisterwerke zu stellen berechtigt ist. In dem „Neuen Trio* (Richard Ep- 
stein- Klavier, Louis Zimmerman-Violine und Paul Lud wig- Violoncello) iat uns 
endlich wieder nach viel zu langer Kunstpause die Verwirklichung eines lang gehegten 
Wunsches und zugleich einem herrschenden Mangel Abhilfe geschaffen worden. Diesen 
Eindruck gewann man bereits bei dem kfirzlich abgehaltenen ersten Konzert und er 
wurde durch das in der Aeolian-Hall abgehaltene zweite Konzert noch weiter in soicher 
Weise bestlrkt, dass der Wunsch naheliegt, das „Neue Trio* sich zu einer dauernden 
Institution entwickeln zu sehen. Auf dem Programm standen Beethovens Trio in Es-dur 
op. 70 No. 2 und Schuberts Trio in B-dur op. 99. Beiden Kompositionen wurde nach 
alien Richtungen voile Gerechtigkeit zuteil. Dazwischen erfreute Gertrude Griswold 
mit dem Vortrag von vier Liedern. A. R. 



MELBOURNE: Die verflossene Musiksaison hat uns Blanches Intereasante geboten. 
Das wicbtigste Ereignis war der Besuch Paderewski's, dessen Klavierabende in 
der Stadthalle trotz der hohen Preise von einer Guinea f&r den ersten und einer balben 



Digitized by 



Google 




297 
KRITIK: KONZERT 




Guinea f&r den zwelten Plate fiberaus gut besuctat waren. Er gab aucb ein Konzert mit 
Orchester, das Marshall Hall dirigierte. Das Program m bestand aus der Figaro- 
Ouvert&re, dem Es-dur Konzert von Beethoven, Chopin's f-moll Konzert, einer polnischen 
Phantasie Paderewski's u. a. Ein Abschiedskonzert im Ausstellungsgebftude wurde von 
fiber 10000 Personen besucht Wirklich fiberraschend war aber der sturmische Enthu- 
siasmus, den Paderewski's Spiel erregte und den man dem sonst so phlegmatischen 
und wohlanstftndigen Publikum hier kaum zugetraut hfttte. Es war ein erfreuliches 
Zeichen dafur, dass wahrhaft bedeutende Leistungen auch in Australien ihre Wirkung 
nicht verfehlen, und dass nicht nur vom finanziellen, sondern auch vora kunstlerischen 
Gesichtspunkt betrachtet ein Besuch dieses Landes „des Schweisses der Edlen wert* 1st. 
Der musikali8cbe Geschmack bildet sich an einem guten Muster schneller und sicherer als 
an hundert mittelmftssigen, und jene sind der Natur der Sache nach hier leider sehr rar. 
— Marshall Hall, dessen Bemfihungen die Ausbreitung des Verstftndnisses fur gute 
Musik hier fast ausschliesslich zuzuschreiben 1st, gab wieder eine Reihe von f&nf 
Orchesterkonzerten, die in jeder Beziehung erfolgreich waren. Folgendes kam zum 
Vortrag: Symphonieen von Beethoven (c-moll), Brahms (F-dur), Tschaikowsky (e-moll), 
Marshall Hall (Es-dur); Bachs Orchestersuite in D-dur mit Konzertmeister Franz Dierich 
als Sologeiger; von Ouverturen die zum Tannhftuser, den Meisterslngern, Brahms' Aka- 
demi8che, Wagners Faustouverture und Hamish Mc Conns „Land of the Mountain and 
Flood*; die Balletmusik aus Rosamunde, Berlioz' Sylphentanz und Rakozymarsch, 
Georg Schumanns ,Frfihlingsrau8chen a , Bizet's Arlesienne, Wagners Waldweben, Wal- 
kfirenritt und Kaisermarsch. Aus irgend einem Grunde muss in jedem dieser Konzerte 
etwas gesungen werden, selbst wenn die zur Verfugung stehenden Krifte offenbar ihren 
Aufgaben nicht entfernt gewachsen sind. So wurde auch diesmal von den Damen 
O'Brien, Mfiller und Henderson und Herrn Bottoms Figaro- und Fidelioarien, 
Schumanns ,Ganymed" (von einem hiesigen Musiker, Herrn Chanter, gut instru- 
mentiert) und Wolframs Gesang aus dem zweiten Akt des Tannhftuser vorgetragen. Die 
Betreffenden wurden von Verwandten und Bekannten unmftssig beklatscht und, zum 
grossen Vorteil der Blumenlftden , mit Striussen beschenkt Ohne diese Vokal- 
anstrengungen wftren die Konzerte jedoch viel genussreicher. — Weniger erfreulich war 
ein Orchesterkonzert, das der Klavlerpftdagoge W. Laver dirigierte. Das Program m 
bestand aus der Eroica, den Ouvertfiren zum Fliegenden Hollander und Tannhftuser, 
Leonorenouvertfire No. 3 und dem Vorspiel und der Einleitung zum dritten Akt vom 
Lohengrin. Das Orchester war nicht genfigend vorbereitet und ausserdem ist die Laversche 
Auflassung der vorgefuhrten Werke doch etwas zu — originell. — Frau Freid-Griselda, 
die sich die „kanadische Nachtlgall* nannte, gab zwei Konzerte, das erste mit Orchester, 
die fiberaus schlecht besucht waren. Sie sang Lieder von Brahms, Saint-SaSns, 
MacDowell u. a. mit guter Auffassung und noch angenehmer Stimme, die einmal gut 
gewesen sein muss. Unter Leitung eines jungen, begabten Viollnisten und Kapell- 
meisters, A. Zelman, wurden in dem ersten Konzert drei Sfttze von Tschaikowsky's 
Symphonic pathetique, die Ouvertfire zu den Meisterslngern und Fingalshdhle und der 
erste Satz von Griegs ,Peer;Gynf-Suite brav gespielt — Wfthrend der Anwesenheit von 
Paderewski kam der Klavierspieler Moritz Friedenthal und gab zwei Matineen vor 
leeren Bftnken. Er verdiente ein besseres Schicksal! Auch ging es leider dem aus- 
gezeichneten englischen Bassisten Watkin Mills, der vier oder f&nf Konzerte gab, nicht 
viel besser. Er sang Lieder und Arien von Hftndel, Beethoven, Schumann sowohl wie 
alte und neuere englische Lieder mit prftchtiger Stimme und kunstlerischem Vortrag, 
vorzfiglich begleitet von einem polnischen Pianisten E. Parlowitz. — Von den Kon- 
zerten einheimischer Musiker mdchte ich besonders die Liederabende der Damen 



Digitized by 



Google 




298 
DIE MUSiK IV. 16. 




Lucy Rowe und Lovie M filler erwfthnen. Die beiden Damen, frfihere Schfilerianen 
des Marshall Hallschen Konservatoriums, zeichneten sich durch ihren uberaus kfifist- 
lerischen Vortrag der verechiedenen Werke aus, aber ibre Stimmen, besonders die von 
Friulein Muller, sind, wie beinah alle in derselben Schule ausgebildeten, derartlg be- 
Oder misshandelt, dass es ebenso traurig fur die Singer wie fur die Zuhdrer 1st. Tre- 
mulando, ungenfigende Ausgleicbung der Register und hdcbst mangelhafte Vokalisation 
gebflrt zuf Regel. — Mit fortgesetztcn Studien kann Gertrud Alger, eine begabte und 
noch sehr junge Gelgerin, es noch recht weit bringen. Sie trat in der Stadthalle mit 
Konzerten von Spohr, Paganini und Vieux temps auf. — Frau Heath- Billings mit Bei- 
tritt von Herrn Z el man und der Orchesterklasse des Marshall Hallschen Konserva- 
toriums gab einen Klavierabend im Athenftum, wo sie die Bachsche d-moll Toccata und 
Fuge, Stflcke von Chopin und Schumann, Beethovens Es-dur Konzert und, mit Herrn 
Zelman, die Kreutzersonate spielte. — Doris Madden, eine jugendliche Klavierepielerin, 
die vor einigen Monaten nach dreijfthrigen Studien in Wicn wieder nach Melbourne 
zurfickgekehrt 1st und sich dauernd hier niedergelassen hat, gab eine Matinee in der 
Frelmaurerhalle. Sie spielte Beethovens Sonate op. 28, einen Satz cines Reinecke- 
schen Konzertes in D-dur und Stucke von Schumann, Wagner, Liszt, Rubinstein 
und Godard — alles mit sauberer Technik und gutem musikalischen Verstftndnis. 

— Das .Orpheus-Quartett", bestehend aus vler Schfilerinnen des Gesang- 
lehrers F. Clutsam, das einzige seiner Art in Melbourne, gab zwei Konzerte bei vdllig 
ausverkauftem Hause. Die Damen sangen Quartette von Brahms und Schumann, die 
letzteren nach einem vortrefflichen Arrangement von Clutsam, und zeichnen sich durch 
musterhaftes Ensemblesingen und in jeder Beziehung kfinstlerischen Vortrag aus. — Viel 
Neues gaben uns die verechiedenen Musikgesellschaften nicht. Die Programme der 
„Orpheuskonzerte" waren noch die interessantesten und am besten ausgeffihrt. So 
hdrten wir folgendes: Bachs Motette Jesu meine Zuversicht*, Purcells .Song of Victory*, 
Haydns Symphonie (mit dem Paukenschlag), und Cantate .Der Sturm 41 , Mozarts Requiem 
und Sanctus, Beethovens Prometheusouverture und .Elegischer Gesang", Mendelssohns 
.Meeresstille und glfickliche Fahrt", Schumanns .Nachtlied"; einen Chor aus Ponchielli's 
.Gioconda"; von Brahms eine Serenade und ,Vineta"; .Die Insel" von Clutsam; Macken- 
zie's Ouvert&re .From the North*. Von den Leistungen der Solisten waren in diesen 
Konzerten besonders die des belgischen Geigers Paans und die der S&ngerin Yetta Davis 
zu loben. — Die Melbourner Liedertafel gab nur eln Konzert von Interesse, in dem 
Werke von Glazounow, Borodin, Tschaikowsky, Brahms und eine Szene aus Schumanns 
.Faust* mit mlssigem Erfolg zur Auffuhrung kamen. — Die .Royal Metropolitan 
Liedertafel" beglfickte ihre Mitglieder mitSchuberts .Hymne an die Allmacht", einem 
Chor aus Mendelssohns .ddipus auf Kolonos" und einer Menge Kompositionen vierter 
und funfter Gute. — Die Philharmonische Gesellschaft gab ausser Coleridge 
Taylor's .Hiawatha* den .Elias" und H&ndels .Samson*. Der schon erwlhnte treffliche 
englische Singer Watkin Mills war fur die beiden letztgenannten Oratorien engagiert; 
da aber die anderen Solostimmen nicht annlhernd dasselbe kunstleriscbe Niveau erreichten, 
war der Gesamteindruck nicht besonders erbaulich. Ausserdem gab diese Gesell- 
schaft wie gewdhnlich am zweiten Weihnachtsfeiertag den .Messias" — zum 52. Male! 

— Das .Lyrische Orchester" nebst dem damit verbundenen Chor, beide aus 
Dilettanten bestehend und von einem Erzdilettanten, Herrn Levy, dirigiert, gaben eine 
Konzert-Vorstellung des Weberschen .Oberon* — ein Unding in jeder Beziehung: auch 
versuchten, oder vielmehr vers&ndigten sie sich an einer Haydnschen Messe. — Die 
beiden Konservatorien gaben die fiblicben Schulerkonzerte, und das Marshall-Hallsche 
ausserdem noch eine Opernvorstellung. — Im Universitfttskonservatorium sind 



Digitized by 



Google 




200 
KRITIK: KONZERT 



— ^»w* 



einige Verinderungcn im Lehrpersonal gemacht worden. Rudolf Himmer 1st wegen 
zugenommener Privatpraxis ausgeschieden, dagegen sind Herr Clutsaro und Anita 
Sutherland angestellt worden. Signora Bo em a war durch Professor Peterson ver- 
anlasst worden, um ihre Entlassung einzukommen. Da aber die Gesangschuierinnen dea 
Konsenratoriuni8 sftmtlich infolgedessen streikten und ein Scbuierkonzert in der Stadt- 
faalle daher ganz ohne Vokalmusik gegeben werden musste, wurde sie scfaleunigst wieder 
engagiert und damit alles friedllch beendet. Im Laufe des Jahres mussen die Universities* 
behdrden sicfa entscheiden, ob sie Professor Petersons Anstellung auf weitere ffinf Jabre 
erneuern wollen. Venn sie die Meinung irgend eines Sachverstftndigen in Melbourne 
dariiber einfaolen und befolgen, kann das Ergebnis nicht zweifelhaft sein. Wir wollen 
das beste hoffen! — In Ballarat, der zweitgrdssten Stadt in Victoria, werden seit 1880 
jfthrlich musikalische V/ettbewerbungen abgebalten, die funf Wochen dauern. Preise, die 
zusammen die stattllcfae Hdfae von 28000 Mk. erreichen, Ehrenbecber und Medaillen 
werden fBr Vokal- wie Instrumentalsoll, Chare, Orchester und Militftrmusik, und neben- 
bei auch fur — Gymnastik ausgeteilt, und bringen Tausende von Teilnebmern und Zu- 
8chauern nach Jener Stadt. Hjalmarjosephi 

MILWAUKEE: Die Konzertsaison setzte diesmal ein wenig splter ein. Es war vor- 
auszusehen. Das grosse Pest des Sftngerbundes des Nordwestens faatte im 
Hochsommer reicblich musikalische Genusse gebracbt An drei Tagen fanden funf 
Konzerte statt, die der Sache mefar das Anseben eines Musik- statt Sftngerfestes gaben. 
Das Orchester von Theodor Thomas war herangezogen worden, dazu Solisten :Schumann- 
Heink, Fish-Griffin, van Hoose und van Eweyk. Letzterer wurde leider durch 
Krankheit abgehalten, sein beabsichtigtes Program m durchzuf&hren. Die Bundeschdre 
unter Leitung von Theodor Kelbe boten tfichtige gesangliche Leistungen. Coleridge 
Taylors .Hiawathas Wedding Feast* dirigierte Daniel Protheroe und Bruchs ,G!ocke« 
Eugen Luening mit gewohnter Umsicht. Am wirkungsvollsten waren Massen-Kinder- 
chdre unter Leitung des Seminardirektors Max Griebsch. Die einzelnen Vortrige 
waren bei grosser Reinheit der Tdnc geschmackvoll kunstlerisch schattiert. — Die 
Konzertsaison begann eigentlicb mit einem Jubilftum. Das Orchester von Christoph 
Bach konnte die vlerzigste Saison seiner volkstHmllchen Konzerte ankflndigen, und 
gleichzeitig blickte ihr Leiter auf eine funfzigj&hrige Laufbahn als Musikdirektor zurQck. 
Christoph Bach 1st nicht nur fur unser musikalisches Leben von aussergewdhnlicher 
Bedeutung gewesen, verschiedene seiner Kompositionen haben auch den Weg nach 
Europe gefunden. — Weder quantitativ, noch qualitativ war fiber musikalische Genflsse 
zu klagen. Zunftchst gastierte Vladimir de Pachmann in einem Konzert des Mil* 
waukee-MXnnerchor, der unter seinem Dirigenten Albert Kramer immer erfreulichere 
Fortschritte macht De Pachmann bewlhrte sich diesmal nicht ausschliesslich als der 
bekannte Chopin-Interpret, er verstand auch an der Hand anderer Komponiaten das 
Klavierspiel in seiner idealsten Weise zu verwenden. Paderewski stellte sich eben- 
falls fur einen Abend ein. In jeder Hinsicht war gegen fruber kfinstlerische 
Steigerung zu bemerken. Noch ein dritter Rlaviervirtuose — Josef Hofmann — er- 
schien. Auch er fesselte durch den Zauber seiner eminenten Kunst, die ja kritisch 
genflgend anerkannt ist. — Eugene Ysaye trat auf, und der Abend gestaltete sich 
zu einem Saisonereignis. Im Vordergrund des Kunstgenusses stand das d-moll Konzert 
von Max Bruch und Guirand's „Rondo Caprice . Oberall die feinste empflndungs- 
vollste Ausgestaltung in Einzelheiten. Als guter Begleiter und Solist zeigte sich 
Pianist de Befve. Auch Franz von Vecsey war ffir eine Matinee vorgesehen. 
Sein aussergewdhnliches Talent mit verblfiffender Technik, dem aber tiefere Entwick- 
lung abgeht, ist ebenfalls oft genug erdrtert worden. — Unter den gastierenden 



Digitized by 



Google 




300 
DIE MUSIK IV. 16. 




Sftngerinnen von Ruf sind sodann zu nennen: Madame Melba mit ungetriibter Klang- 
8ch6nheit and subtiler Technik der Stimme in der Mittel- und Hdhenlage, aber leider 
nicht ganz einwandfreiem Programm. Dann Johanna Gadski gleicbfalls Lorbeeren 
erntend, mit einer wirksamen Liederzusammenstellung. — Zwei Gastspiele von 
Symphonieorcbestern fanden statt. Das Pittsburger konzertierte unter Emil Paurs 
stets voll gewurdigter Kunst und das Chicagoer zum ersten Male ohne seinen Leiter 
Theodor Thomas, der kurz zuvor aus dem Leben geschieden war. Die „Trauermusifc 
aus Gdtterd&mmerung" als Erdffnungsnummer zollte ihm einen Ehrentribut Den Takt- 
stock schwang Fred. A. Stock, ein langjfthriges Mitglied des Orchesters. Er erwies sich 
als pietfttvoller Nachfolger des Meisters. Besonders gelangen die DvoHk'sche „In der 
Natur«-Ouverture, die pathetische Sympbonie von Tschaikowsky, Elgar's Variationen und 
in einem zweiten Konzert Beethovens Pastoral-Symphonie, sowie .Tod und Verklftrung" 
▼on Strauss. Als Harfensolist fubrte sich vorteilhaft Enrico Tramonti ein. — Die 
Konzerte des einheimischen AschenbrSdel-Symphonie-Orchesters — es waren 
drei — erfreuten sich grossen Zuspruchs und boten wiederum sehr Gutes unter ibrem 
Leiter Hermann Zeitz. Neu waren Max Puchats symphonische Dichtung ,Euphorion", 
die sehr ansprach, und die nicht minder gelungene h-moll Sympbonie von Franz 
Neumann. — Auch fur Kammermusik war bestens gesorgt. In gewohnter Weise 
wirkten die einheimischen Krftfte: Bruning, Fink, Jaffe, Hundhammer und 
Bruckner. Wie alljlhrlich brachte auch das Milwaukee-Trio erlesene Genusse, 
darunter eine kunstlerische Wiedergabe des Es-dur Trio von Schubert. Oberall Proben 
des Kdnnens, die den gunstigsten Eindruck machten. — Der a cappella-Chor (Dili- 
gent Saalbach) zeigte, dass er auf dem Gebiete des volkstumlichen Liedes das Beste 
leistet. „0ber alien Wipfeln ist Ruh* von Kuhlau und Abts „Waldeinsamkeit* hatte 
den grdssten Erfolg. — Der Arion-Musical-Club (Dirigent Protheroe) hatte sich 
mit Saint-Safins' „ Sam son und Dalila* an eine grosse Aufgabe gewagt, und, wenn die 
Lftsung auch nicht den hdchsten Anforderungen entsprach, so waren doch weit mehr 
Licht-, als Scbattenseiten vorhanden. — Als sehr gelungen durfte eine Auffuhrung von 
Vier lings .Alarich* durch den Musi kve rein bezeichnet werden. Ein zweites Konzert 
brachte gut einstudierte Chorwerke neben exakt ausgefuhrten Orchesternummern. Der 
Dirigent Max Puchat trat als Solist auf und interessierte auch hier durch eine seiner 
Konipositionen, ein Klavierkonzert den Manen Liszts gewidmet Dem Kfinstler war 
nicht allzulange beschieden, dem Musikverein vorzustehen. Amerikam&de wird er sich 
im Laufe des Sommers wieder der alten Heimat zuwenden. Max Fischer 

NEW- YORK: Im siebenten Philharmonischen Konzert erschien Karl Panzner aus 
Bremen als Gast-Dirigent und rechtfertigte seinen vorzuglichen Ruf. Panzner ist 
ein ganz hervorragender Musiker, der nie gedankenlos musiziert, sondern geistvollen Vor- 
trag und Individuaiitftt geschickt zu verbinden weiss. Auch Temperament besitzt er 
reichlich. Am besten gefiel er mir im Vorspiel und Schluss aus .Tristan*, einer ganz 
melsterlichen Leistung, dann in Tschaikowsky's funfter Symphonic in e-moll. Webers 
Ouverture v Euryanthe w , obgleich sehr dramatisch aufgefasst, konnte wegen einiger sehr 
sonderbaren Tempi nicht voll befriedigen. Ysaye war der Solist und spielte Bruchs 
g-moll Konzert in ganz unmdglicher Auffassung! Ein solches Schleppen, Zerren, Wimmern 
ist mir noch nicht vorgekommen. Als Kfinstler bewihrte er sich dagegen im Bachschen 
Konzert mit zwei obligaten Fldten, die von den Herren Charles Kurth und William 
Schade trefflich geblasen wurden. — Es vergeht keine Woche, in der Ysaye nicht mindestens 
ein oder zwei Mai hier auftritt, mitunter an drei bis vier Tagen hintereinander. In einem 
seiner vielen Rezitals spielte er mit Jose" Vianna da Motta die Kreutzer-Sonate, worin 
sich hauptslchlich da Motta auszeichnete, da Ysaye zu viel den Solisten hervorkehrt. 



Digitized by 



Google 




301 
KRITIK: KONZERT 




da Motta hat gleichfalls recht hftufig sich hdren lassen. So spielte er im dritten Konzert 
▼on Sam Franko Mozarts A-dur Konzert ausserordentlich schdn und Beethovens Pbantaaie 
op. 80 mit Chor nicht weniger gut. Herr Franko hatte ein sehr interessantes Programm 
zusammengestellt, das ausserdem noch eine Ou venture, op. 101, von Hummel, einige 
Tftnze von Grttry, Mozarts Ave Verum und ein altdeutsches Volkslied fur gemischten 
Chor enthielt. Bei einer anderen Gelegenheit hatte da Motta einen riesigen Erfolg mit 
Beethovens Es-dur Konzert. — Die Kneiselianer spielten das c-moll Klavier-Quartett 
(Arthur Whiting) von Brahms, wle Beethovens Streich-Quartett op. 59 No. 1 herrlich. 
Alwin Schroeder feierte einen grossen Triumph mit einer Cello-Sonate von Locatelli. 

— Sein New-Yorker Debut machte das „Boston-Symphonie-Quartett*, das aus den 
Herren Willy Hess, Otto Roth, Emile Ferir und Rudolf Krasselt besteht. Das Pro- 
gramm war: Str.-Quartett op. 22 No. 2 von Tschaikowsky, Chaconne fur Violine-Solo von 
Bach, Str.-Quartett op. 59 No. 3 von Beethoven. Diese Vereinigung existiert erst seit 
wenigen Monaten. Zieht man dies in Betracht, so kann man ihr die hdchste Anerkennung 
nicht versagen. Aber doch schien es mir, als ob sich Herr Hess mit Kunstlern umgeben 
mfisste, die an seine eigene Kunstlerschaft n&her heranreichen. Seine Leistung steht so 
hoch fiber der seiner Kollegen, dass sein Spiel sich etwas zu solistisch abhebt Trotz- 
dem 1st er gerade so vorzuglich in der Kammermusik wie als Solist Als solcher gUtazte 
er in Bachs Chaconne, die Ysaye und Kreisler hier in dieser Saison schon mehrmals 
spielten. Hess war ihnen darin vdllig ebenburtig. — Franz Kaltenborn spielte mit 
Bessie Silberberg eine Violin-Suite op. 44 von Schutt und Streich-Quartette von Beet- 
hoven und Dittersdorf. — Im vierten Volks-Symphonie-Konzert unter Leitung von 
Franz X. Arens kam die beinahe in Vergessenheit geratene Leonoren-Symphonie von 
Raff zu einer sehr guten Wiedergabe. Ein neues Violin-Konzert von E. Herrmann, das 
manche Vorzfige zu haben schien, kam leider infolge des recht trockenen Vortrags durch 
H. von Dameck nicht zur Geltung. — In den beiden letzten Konzerten der „Ru88ischen 
Symphonie-Gesellschaft" unter Direktion des sehr begabten Musikers Modest Alt- 
seta uler standen Symphonieen von Kalinnikoff (nicht bedeutend) und die in c-moll von 
Taneiew (wenig originell) auf dem Programm. Ausserdem eine reizende Suite (No. 2) von 
Arenski und Kompositionen von Musorgski, Borodin, Konyus, Sibelius, Dargomyszski, 
Tschaikowsky und Rachmaninoff. — Frank Damrosch brachte mit der Oratorien- 
Gesellschaft das hier lange nicht gehdrte „Stabat Mater* von DvoHk und ,Tail- 
lefer* von Richard Strauss zur ersten Auffuhrung in New- York. DvoHk's Werk ist zum 
grdssten Teil sehr melodids gehalten, wirkt aber durch die Kurze der Motive, die sich 
oft wiederholen, etwas eintdnig, es fehlt ihm auoh, bis auf den Schluss-Chor, an einem 
packenden Klimax. Strauss' Opus verrit auf Schritt und Trltt seinen Autor, 1st aber recht 
kurzatmig gehalten, besonders die Deklamation des Textes geht zu schnell und eindrucks- 
k>8 voruber. Farbenpracht, Melodie, Lirm usw. ist im Oberfluss vorhanden. Die Auf- 
fuhrung bfttte wohl etwas besser vorbereitet sein kdnnen. — Kreisler und Ysaye 
spielten fur einen wohltfttigen Zweck zwei Mai das Doppel-Konzert von Bach. Josef 
Hofmann gab mit Fritz Kreisler wieder ein gemeinsames Konzert. — Auch d 'Albert 
gab noch ein gut besuchtes Rezital. — Zusammen konzertierten die sehr begabte Pianistin 
Edith Thompson und der Bariton Ferdinand Jaeger. Herr Jaeger ist ein Sohn des 
ehemaligen Wagner-Singers. Seine Mutter ist hier jetzt Leiterin der Conriedschen Opern- 
schule. Er ist noch juog, seine Stimme bedarf noch sehr der Entwicklung und Bildung, 
aber er zeigt schon jetzt starkes Talent fur Vortrag. — Einem gleichfalls noch sehr jungen 
Pianisten Albert von Doenhoff kann ich nur eine behende Fingerfertigkeit nachsagen. 

— Im Konzert des Geigers H. von End e gab es eine neue Violin-Suite von H. Gottlieb- 
Noren, ein Trio ffir 2 Oboen und Engl. Horn op. 87 von Beethoven usw. — Die 



Digitized by 



Google 




302 
DIE MUSIK IV. 16. 



mSSBb 



Philharmonische Gesellschaft beschloss Ibre Saison mit eincm nur aus Werken 
▼on Wagner und Liszt bestehendem Program m. Die OuvertQren zum Hollander nod den 
Meister8ingern, das Siegfried- Idyll und die Faust-Symphonie waren seine Bestandteile. 
Gustav F. Kogel aus Frankfurt a. M. war zum iweitenmal in einer Saison hierber be- 
rufen worden, um das von dem unterdessen verstorbenen Theodor Tbomas zu leitende 
Konzert zu ubcrnebmen. Er entledigte sich seiner Aufgabe in fa5cblicbst anzuerkennender 
Weise. Bei keinem seiner friiheren Besucbe hat Herr Kogel einen so vorziiglichen 
Eindruck binterlassen. Sein Bestes gab er im Siegfried-ldyli und in der Faust-Symphonie. 
Ob Liszt nicht doch sehr fibersch&tzt wird? Es wire tdrichf, die Anregungen abstreiten 
zu wollen, die er durcb seine Werke selnen Nachfolgern gab, aber ebenso unberechtigt 
1st es, zu bchaupten, dass Wollen und Kdnnen bei seiner Phantasie die ndtige Unter- 
stutzung fanden. Speziell die Faust-Symphonie, ein mir sehr vertrautes Werk, halte ich 
fur eines der langweiligsten seiner Art. — Auch das Kneisel-Quartett verabschiedete 
sich bis zum nlchsten Herbst. Mit Unterstutzung des Pianisten Ernest Schelling, der 
den Klavier-Part brillant spielte, gelangte das Quartett op. 41 von Saint-SaSns zur Auf- 
ffihrung. Dann gab es eine Wiederholung der in einem friiheren Konzert mit so grossem 
Beifall aufgenommenen „Italieniscben Serenade* von Hugo Wolf und schliesslich Schuberts 
C-dur Streich-Quintett in herrlicher AusfQhrung. Auch bei einer Wohltitigkelts-Ver- 
anstaltung wirkten die Kneiselianer mit und spielten das Streich- Quartett op. 96 von 
Dvottk. Mit Hermann Hans Wetzler am Klavier trugen Franz Kneisel und Alwin 
Scbroeder das sehr selten gehdrte Trio in Es-dur op. 70 No. 2 von Beethoven vor. 
In diesem Konzert trat auch eine amerikanische S&ngerin auf, die zu den ersten ihres 
Faches gehSrt, aber nur hin und wieder einmal in New- York erscheint, die Sopranistin 
Mary Hissem de Moss. — Franz X. Arens' funftes Volks-Symphonie-Konzert brachte 
gleichfalls die Hollfinder-Ouvertflre, dann die Mendelssohnsche Sommernachtstraum- 
Musik, Liszts »Les Preludes* und den ersten Satz des Beethovenschen Violin-Konzerts 
(Olive Mead). Sein letztes Programm hatte Herr Arens nur solchen Kompositionen ge- 
widmet, die auf den Friihling bezug nehmen. Die Auswahl hfttte aber charakteristischer 
sein k5nnen. Als Novitftt gab es eine sympboniscbe Phantasie des Dirigenten »Aus 
m eines Lebens Frublingszeit", in der sich viel Eigenart zeigt. Anklftnge sind sehr 
wenig vorhanden, heutzutage eine Seltenheit! Herr Arens fand viel Beifall. — Im 
Schlus8-Konzert der Russischen Symphonie-Gesellschaft gelangte Tschaikowaky's 
Symphonic .Manfred* zur allerdings recht mittelmassigen Aufiuhrung. Der Diligent 
Modest Altschuler hatte sich damit eine fur ihn zu schwierige Aufgabe gestellt. 
Wundervoll ist das von Tschaikowsky auf ein Thema von Mozart geschriebene Vokal- 
Quartett „Nacht", das wiederholt werden musste. Ausserdem gab es noch einige un- 
bedeutende Violin-Soli von Rubinstein (durch den Konzertmeister A. Saslavski vor- 
zQglich gespielt), einen Zwischenakt aus „Orestes* von Taneieff und Tschaikowsky's 
,OuvertGre 1812*. — lm letzten Arion-Konzert unter Julius Lorenz gab es eine Ent- 
tXuschung. Eugen d* Albert sollte der Solist sein, er war aber pldtzlich, ohne dass jemand 
eine Ahnung hatte, zwei Tage vorher nach Europa abgereist! An seine Stelle trat der 
immer bereite, ausgezeichnete Geiger Fritz Kreisler. Von d' Albert brachte Herr Lorenz 
die »Mlttelalterliche Venushymne" (Sopran-Solo: Frl. Rider-Kelsey) ganz prftchtig heraus. 
— Im Novitftten-Konzert des Violinisten Herwegh von Ende gab es eine Serenade f&r 
zwei Geigen und Klavier von Sinding, Lieder und ein Trio von Cornelius Rfibner. — 
Ernest Schelling gab mit gutem Erfolg ein Recital, in dem er fliessende Technik und 
schdnen Anschlag zeigte. — Ein v Ereignis* war das Beethoven- Recital von Eugen 
d'Albert In der riesigen Carnegie Hail gab es kaum einen freien Platz. Er spielte 
ausser den Sonaten op. 31 No. 3, op. 110 und op. Ill noch die 32 Variationen in c-moll 



Digitized by 



Google 




303 
KRITIK: KONZERT 




und zwei Rondi. Seine Vortrlge wirkten wie Offenbarungen. — Josef Hofmann und 
Fritz Kreisler verabschiedeten sich in einem gemeinsamen stark besucbten Recital in 
Carnegie Hali. — Franz von Vecsey spielte bei seinem Scbluss-Auftreten das Vioiin- 
konzert von Beethoven, den Teufelstriller von Tartini und Ballade und Polonaise von 
Vieuxtemps. Am uberraschendsten neben seiner tadellosen Tecbnik ist sein grosses 
Repertoire. Seinem Spiel, trotz grossen Tones, fehlt vorlftufig, wie naturlicb, noch alles, 
was den „Kfinstler« ziert, Seele, Verstftndnis, Scbattierung usw. — Ysaye's Manager 
veranstaltete einige weitere Zirkus-Konzerte. In dem einen wirkte die Slngerin Emma 
Eames mit, und seine Haupt - Attraktion war Gounod's „Ave Maria* von Eames 
und Ysaye vorgetragen! Das zweite Programm war noch bunter: es begann mit der von 
Ysaye und da Motta gespielten Kreutzer-Sonate, der die Phantasia Appassionata von 
Beethoven folgte mit der G-dur Romanze von Beethoven als Zugabe! Dann das von 
Hekking gespielte Cello-Konzert von Lalo, Duette fur 2 Violinen von Godard (Ysaye 
und seine Schulerin Frl. Zamels), Cello- Variation en von Boellmann, Klavier-Trio von 
Schumann (da Motta, Ysaye und Hekking). Das Konzert, das urn 8 l /i Uhr begann, 
endete urn lP/t Uhr. Ein echt „amerikanisches* Konzert! — Ein Fiasko ersren Ranges 
war das Recital des Baritonisten Philippe Coudert. Keine Stimme, keine Schulung, 
kein Verstlndnis. — Frank Damrosch fuhrte den „Elias* auf. — Auch Rafael Joseffy 
und Ignaz Paderewski gaben Konzerte. Arthur Laser 

YORK (Pa.): Das Mendelssohn Festival, das Josef Pache am Ostermontag hier 
veranstaltete, wurde zu einem wahren Festtag fQr die ganze Stadt. Zu beiden 
Konzerten war das Theater ausverkauft und der Beifall gross und spontan. Josef Pache, 
Dirigent der Baltimore Oratorio Society, wurde im vergangenen Jahr in gleicher Eigen- 
schaft nach York berufen und kann mit dem Erfolg schon jetzt recht zufrieden sein. Er 
fuhrte mit dem 250 Stimmen starken Chor den „Elias" auf. Die Chdre liessen zwar 
hinsichtlich der Akkuratesse bei den Einsltzen manchmal zu wfinschen ubrig, auch warea 
die dynamischen Schattierungen nicht immer genau beachtet worden, doch klangen die 
Stimmen frisch und klar, und man hdrte ihnen die Freude an der Sache an. Das 
Pittsburg-Orchester, das eigens fur die Feier verpfiichtet war, begleitete prichtig 
und gab am Nacbmittag ein Konzert unter Leitung seines Dirigenten Emil Paur, bei dem 
eben falls nur Mendelssohnsche Werke zur Aufffihrung kamdn. Der Konzertmeister 
Luigi von Kumto spielte das Violin konzert; ausserdem hdrten wir die Ruy Blas-Ouverture 
sowie die Musik zum Sommernachtstraum. Die Solisten im „Elias" waren: Corinne 
Rider-Kelsey (Sopran), Janet Spencer (Alt), Edward P. Johnson (Tenor), Giuseppe 
Cam pan art (Bariton). Edg. 



14 >\ 



Zu spit fQr das a Amerika-Heft* trafen ein die Berichte: Philadelphia, San Francisco (Oper); Chicago, Cincinnati, 
San Francisco (Konzert). — Wegen Raummangels muss ten fQr die nlchsten Hefte zurQckfestellt werden die Berichte: 
Bern, BrQnn, Coburg, Elbcrfeld, Frankfurt, KOnigsberg, LQbeck, Mannheim, MQnster, Paris, Petersburg, Prsg, 
Strsssburg, Stuttgart, Warachau (Oper); Antwerpen, Bayreuth, Berlin, Bern, Braunschweig, Bremen, BrQnn, 
BrQssel, Chemnitz, Coburg, C5then, Darmstadt, Elbcrfeld, Frankfurt, Haag, Hagen, Hannover, Karlsbad, KOIn, 
KOnigsberg* Kopenhagen, Leipzig, LQbeck, Madrid, Mainz, Mannheim, Mosksu, MQIheim, MQnchen, MQnster, 
NQrnberg, Paris, Petersburg, Pforzheim, Posen, Rhcydt, Riga, Rotterdam, Scbwerin, Sonderburg, Sondershauseir, 
Strassburg, Stuttgart, Warschau, Wiesbaden, ZDrich (Konzert). 



Digitized by 



Google 




ANMERKUNGEN ZU 
UNSEREN BEILAGEN 




Fast nocb schwieriger als die Bescbaffung passenden Materials f&r den Aufeatzteil des 
Amerika-Heftes war die Besorgung der dazugehbrigen Illustration en. Dem Charakter 
der Aufsatze entsprecbend bestehen die Kunstbeilagen lediglich aus Port rats und 
zwar ist ihre Reibenfolge durch den Inhalt der einzelnen Aufsatze bedingt Wir 
bringen die Bilder von: John Koowles Paine, Edward Mac Dowel 1, Edgar Sttlman 
Kelley, dem Kneisel-Quartett, ferner von Victor Herbert, Frank van der 
Stucken, David Bispham, Fannie Bloomfield-Zeisler, Henry L. Higginson, 
Stephen C. Foster. — Die Portrats von George ▼. Cbadwick, Horatio Parker, 
Arthur Foote und ein Gesamtbild des Bostoner Symphonie-Orchesters 
konnten leider fur das Amerika-Heft nicht metar beriicksichtigt werden, da sie zu 
spit eintrafen. 

Von fruher in der „Musik" erschienenen Bildern, die f&r das Amerika-Heft von Interesse 
sind, machen wir auf folgende aufmerksam: Walter Damrosch, Frank Damrosch, 
F. X. Arens (J^hrg. I, Heft 15/16); Leopold Damrosch (Jabrg. H, Heft 3 und 5); 
Gesamtbild des Orchesters der Philharmonischen Gesellschaft von 
New York, Carl Bergmann, Theodor Thomas, Adolph Neuendorff, Anton 
Seidl, Emil Paur, Gruppenbild der 1855 von Thomas gegrfindeten Kammer- 
musikvereinigung (Thomas, Matzka, Mosenthal, Bergmann, Mason), Victor 
Arnold (Jahrg. II, Heft 19). 

Pur die Auswahl der Musikbeilagen ist der Gesichtspunkt massgebend gewesen, dem 
Leser einigermassen einen Oberblick fiber Eigenart und Entwicklung der ameri- 
kanischen Musik zu ermdglichen: von einem Volkslied Fosters (deutsche Ober- 
setzung von A. Wolf) fiber zwei originelle Lieder Mac DowelPs zum Adagio 
einer grossangelegten Klaviersonate von Mac Dowel 1. 




Nachdruck nur mlt auedr&ckllcber Erlaubnle dee Verlafee gestattet 

Alio Rechte, Inabeaoadere das der Obereetzaaf, rorbebaltea. 

Fir die ZurHekaeaduag unrerlangter oder nlcbt angemeldeter Manugkripte, fella lhaea nleht teats*** 

Porto belllegt, Qbernlmmt die Redaktlon kelne Garantle. Scbwer leseiilebe Maouekrlpte werdea aageprftft 

ittrikckfeeandt 

Verantwortlicher Schriftleiter: Kapellmeister Bernhard Schuster 
Berlin SW. 11, Luckenwalderstr. 1. III. 



Digitized by 



Google 




H, 



DIE DROSSEL SINGT IM APFELBAUM 

(The Robin sings in the Apple-tree) 

Op. 47 Nr. 1 

DIE SEE 

(The Sea) 

Op. 47 Nr. 7 
Zwai Uader von 

EDWARD MAC DOWELL 



SO NATE Nr. 2 (Sonata eroica) 

Op. 50 
Dritter Satz 

von 

EDWARD MAC DOWELL 



Mit Genehmigung der Verlagsanstalt 
Breitkopf & Hartel in Leipzig und New York 






Schlafe mein Zjiebling- 

(Slumber my darling) 



Stephen C. Foster 





Poco adagio 












( 
















3gZ Pi £ d J J — * J 

nH « M ***- 






fatf -Jf 


P 1 T 1 ^ 




\ 








W P 








Schla-fe, mein Lieb -ling, die Mut-ter be-wacht 
Schla-f e, mein Lieb, bis der Hor-gen er-waeht, 




ft t f j p I M J' h > I l > h j ^^ 



all' del-ne Trau-me vor Schre-cken der Nacht, 
scheueht aus der Welt dann die Schat-ten der Nacht, 



Son - ne ging un - ter, das 
trau-me und schla - fe wohl, 




j> J> p j I p M E Ji* \ ^ i J - if Jp ^ 



s 



Zwie-licht ver-blasst, schla -fe mein Lieb- ling, die Nacht kommt mit Hast. Suss traume,ich 
fest nun und gut, bist ii - ber Nacht Ja in Miit - ter - chens Hut, die fer-nevom 




Digitized by 



Google 




bleitf bel dir, 
Bett - ehen dein 



Lieb- ling,gol-de - nes Herz, . 
Larm des Le-bens dir halt,. 



nicht 
da, 



lo-ckenmioh 
da bist so 




fort von hier Spiel der An-dern and Scherz. 

nn-sehaldsrein> bist meln Gluck,mei-ne Welt. 



Vog-lein im Laab bat zor 
Vttg-leln im Laab hat sop 




p r \> j I p r g 1 1 j p r — I Jn J> j j j. i 



Rah' sieh ge-setzt, 
Rah' sich ge-setzt, 



I 1 ' 1 pi n 



n&cht - li - cher Than schon die Blii-ten be- netzt, 
nacht - li - cher Thau sehon die Blii-ten be - netst, 



m jJ 



m a 




8chla-fe, mein Lieb -ling, leh de - eke dich zn, 
schla-fe, mein Lieb -ling, ich de - eke dich en, 



be - tend,daes Bng-leln dir 
be - tend,dass Eng-lein dir 



1,1 n n 



wm 



n a 




P i ji j> 



s 



sohir-men die Rohl 
sehir-men die Rohl 

rk = — * 




Digitized by 



Google 



Die Drossel singt im Ajp£ elbaum 

(The Robin sings in the Apple-tree) 



In massigemZeitmass, mit Gefuhl 
Moderately, with feeling 



Edward Mac Dowrll 




Die Dros - srl singt in dera A - pfel-baum, die 
The rob - in sin £8 in the ap - pie tree, The 



Am - sel sctawingtsich im 
black-bird swings on the 




poco ritard. 
p retard slightly 




Dora, 

thorn »__ 



der Tag ver-geht und Sehw<i-gen fallt- 
The day grows old and si - lenee falls r 



in mein ver- lass'- nes 
Leaving my heart for 





Digitized by 



Google 



s 




mei - ne, ach, 1st schwer von Wehj 

Yet mine is dark with woe; 



kann ich ver - ges - sen die 
Can I for - get the 





echo - ne Zeit, mei - ncr Lie - be hold Ge - flu 
days gone by When my love I whis-pered low?- 



ster? Dros-sel und da 
rob - in, and thou 





Am - sel klein, mein Lie - bes-lied 1st tot;. 
black- bird brave, My songs of love have died r 



moch-tet ihr sin - gcnwie 
Eow could you sing as in 




poco ritard. 
pp retard slightly 



PP 




einst im Lena, Lieb - chen mir znr Seit'._ 
bye gone days, When she was at my side.. 



(B. A.M.) 




Digitized by 



Google 



6 



Die See 

(The Sea) 



Breit, mit rhythmischem Schwung 
Broadly, with ryth mic swi ng 



Edward Mac Dowell 




Er se - gelt fort In die See, in die See, und Wt-i - r ncnd stent sie am 
One sails- a -way to sea, to — sea, One stands o n the shore— a nd 




Strand; das Sehiffgeht un - ter, die Welt und das Licht in den dun -Wen Was-serner- 
crtes^_ The ship goes doton the world, and the light On the sul - len — 




schloasen d em Wen ihr Mund; 
af-ter is $ - vil cheery 



Jammemd stand am Oe 
She shall stand on the 



i~U 



- sta-dedasWelb, 
shore and cry 



umsonst, 
in vain, 



m^^^^$ M ^^m^^ ^^ 



f 



p- 



[•■■* 



t-m-i 



p 



Digitized by 



Google 




umsonst, Jah - re lang, Jah - re 



Doch das statt-li-che, sehnell be . 




schwing-te Schiff he^tzer-schellt, liegt zer-spellt in dcr Tie-fej tief un - ten,8till im Ko - 
s hip Lies wrecked,Lies _ wrecked on the un - known deep; Far u n. der ,dead in his 





cresc. 
increase 



f^-s-M. x-tm 



pp 



breiter • 
broader 



*-±±±y ym 



ral - len-bott der Lieb - ste liegt im To - desschlafjtief un-ten, still im Ko • 
cor - al bed, Tke lov - er lies a sleep, Far un-der, dead in his 




retard 



PPP 




ral - lervbett der Licb-ste liegt im To 
eor - al bed, The lov - er lies a - sleep . 



dus - schlaf. 



in - scniar./ x 

> - sleep.W-™owe\l*) 




tSfefa iSi 




Digitized by 



Google 



8 



Sonate TS9 2 
(Sonata eroica) 

Dritter Satz 

Edward Hag Do well 
Sehr zart, sehnsuchtsvoll, doch mit Leidenschaft fJ»46 ) 
Tenderly, longingly, yet with passion 






Ijs-IJf" '»(^r 





Digitized by 



Google 



9 




i * 



Digitized by 



Google 



10 








Digitized by 



Google 



li 






A 1 "p^ 




, r~3P] .t—.i 




XT. "* 
pp 

Of i It. ^J J j^J J J ^ 




^ — ^ : 


r ^tpp v i 






-»-. 


-€*. 


1 *\ dt m — — f-' * ■■■* 


V- r 




Digitized by 



Google 



12 



4 



« 



r 



^ 



* 




*fi 



ipfl 







Stlch u. Drnck: Berliner Mutrikallen Druckerei G.m.b. H. Charlottooburi 

Digitized by ' 



>. H. Charlottooburg. 

Google 





DIE MUSIK 



£h 




"^ 



3Qg 



=^i 



=c? 



VIERTES 
TONKONSTLER-FEST-HEFT 



Manchmal erkennt das Vo(k das Recbte; docb feblt es manchmal. 
Wenn es die alteren Dichter allein lobpreist und bewundert, 
Gar nicbts uber sie steljt, noch vergleictabar erachtet, so irrt es, 



Arg ist's, dass man ein Werk btoss darum, veil es nocb neu 1st, 
Nicnt weil's plump und ohnc Geschmack, mis&acbtet, Fur tiles 
Nacbsicht nicht, nein, Ehre sogar und Preise beanspruchi. 

Horai, Epistp II, 1. 




IV. JAHR 1904/1905 HEFT 17 

Elites JuniheFt 

Herausgegeben von Kapellmeister Bernhard Schuster 

Verlegt bei Schuster & Loeffler 
Berlin und Leipzig 



IjNDLQrF 




Digitized by 



Google 




Digitized by 



Google 




ZUM 41. tonkOnstler-fest 

DES ALLGEMEINEN DEUTSCHEN 
MUSIKVEREINS IN GRAZ 



"3 



PROGRAMM: 

Mittwoch, 31. Mai abends, Opernvorstellung: 
Wilhelm Kienzl: „Don Quixote a . 

Donnerstag, 1. Juni vormittags, Hauptprobe fur das erste Orchesterkonzert. 

Donnerstag, 1. Juni abends, Erstes Orchesterkonzert. 

Roderich v. Mojsisovics: HI. Satz der Romantischen Phantasie fur die 
Orgel, op. 9. 

Guido Peters: Zwei Satze aus der II. Symphonie (e-moll). 

Gustav Mahler: Gesinge mit Orchester. 

Paul Ertel: Der Mensch. Symphonische Dichtung fur grosses Orchester 
und Orgel nach dem gleichnamigen Triptychon von Lesser Ury in 
Form eines PriUudiums und einer Tripelfuge, op. 9. 

Freitag, 2. Juni vormittags, Erstes Kammermusikkonzert. 
Max Reger: Variationen (Thema von Bach) fur Klavier. 
Rudolf Buck: Zwei MSnnerchSre. 

a) Gotenzug, op. 18 I, Gedicht von Felix Dahn. 

b) Wilde Jagd, op. 14 II, Gedicht von Otto Franz Gensichen. 
E. Jaques-Dalcroze: Serenade fur Streichquartett, op. 61. 

Otto Taubmann: Lieder. 

Max Reger: Variationen (Thema von Beethoven) fur zwei Klaviere. 

Freitag, 2. Juni abends, Zweites Orchesterkonzert. 
Otto Naumann: „Der Tod und die Mutter*. 
Richard Strauss: „Ein Heldenleben". 1 ) 
Max Schillings: ,Dem Verkl&rten". 



l ) Etnen umfangreichen Artikel liber dieses Verk brachte die Muaik* in ihrem 
Richard Strauas-Heft, Jahrg. IV, Heft 8 S. 102 ff. 

20* 



Digitized by 



Google 




308 
DIE MUSIK IV. 17. 




Samstag, 3.Juni vormittags, Vorstandssitzung und Hauptversammlung. 
Nachmittags : Ausflug. Abends: Orchesterprobe. 

Sonntag, 4. Juni vormittags, Zweites Kammermusikkonzert 
Felix Draeseke: Streichquintett. 1 ) 
Hugo Wolf: Lieder. 
Hans Pfitzner: Streichquartett 

Sonntag, 4. Juni abends, Drittes Orchesterkonzert. 
Franz Liszt: .Die Ideale". 

Siegmund v. Hausegger: Lieder der Liebe (mit Orchester). 
Julius Weismann: „Fingerhiitchen*. 
Ernst Boehe: .Odysseus' Heitnkehr". 
Theodor Streicher: Drei Mannerchore mit Blasorchester. 
Richard Wagner: „Kaisermarsch". 

Festvorstellungen der k. k. Hofoper in Wien 

Montag, 5. Juni abends. 
Richard Strauss: .Feuersnot". 

Dienstag, 6. Juni abends. 
Franz Liszt: .Die Legende von der heiligen Elisabeth*. 



') Eine eingehende Besprechung dieses Werkea flndet sich in Heft 11 des 
III. Jahrg. der „Mtisik« S. 360/61. 



DON QUIXOTE 

Eine musikalische Tragikomodie in drei Aufziigen. Dichtung und Musik 

von Wilhelm Kienzl op. 50 

Kienzl hat den Don Quixote -Stoff ins Deutsche und ins Dramatiache gewendet 
Ein geheilter Don Quixote, der fiber seine eigene Torheit llchelt und ala Phillster 
stirbt, befriedigt die romaniache Auffassung und macht sich vortrefflich im Roman; 
der Deutsche erkennt in der Geatalt des Don Quixote den Typus eines Idealiaten, 
deaaen Kraft bis zur pere5nlichen Selbatvernichtung geht, und der Dramatiker hat 
diesen Akt der Selbatvernichtung darzuatellen — nicht etwa bloss ala „M5glichkeit* 
zu verraten. Die bei der oberfllchlichen Lektftre des Romans vielleicht nur komisch 
wirkende Figur des nirrischen Ritters enthQUt im Drama Kienzls deutlich ihre innere 
Tragik; tragikomisch aber 1st es, daaa die idealistische Oberspanntheit dieses edlen 
und ruhrenden Menschen nicht auf dem Felde hoher geistiger Klmpfe und echter 
Kulturarbeit, sondern nur in den Niederungen gemeinen Aberwitzes und brutaler 
Geschmacklosigkeit ihr Schicksal flndet. 



Digitized by 



Google 




309 
41. TONKONSTLERFEST IN GRAZ 




Zu Beg inn des Dramas wird Don Quixote beim Lesen der Ritterbficher vom 
JRltterwahnsinn" erfasst. Er zieht aus, um Abenteuer zu beatehen und Air Dulcinea 
▼on Toboao zu fechten, Im weitcrcn Verlaufe des ersten und im ganzen zweiten 
Aktc wird nun mit dem UnglQckseligen, der den Hohn und Spott auch der Einttltigsten 
herausfordert, von reich und arm, hoch und nieder nichta als schlndlicher Ulk 
getrieben; eine Reihe der bekannteaten Szenen des Romans iat hier zum tollen Spiel 
verschlungen, das nur der traurige Held bitter ernst nimmt. Den Hflhepunkt erreicht 
dlese Gegensltzlichkeit am Schlusse des zweiten Aktes, wo das Unsinnige und 
Llcherlicbe des Treibens mit dem Verrfickten und seines verruckten Gebahrens selber 
uns nur mehr wie ein waster Traum peinigt, aus dem wir doch endlich erwachen 
mftchten. Das Erwachen bringt der dritte Akt. Don Quixotes Nichte und ihr Geliebter 
wollen den Ohelm „retten". Zuerst iff* und ernledrigt ihn Mercedes als .Dulcinea", 
dann besiegt ihn Carasco als rltterllcher Nebenbuhler und schenkt ihm das Leben 
unter der Bedingung, dass er dem Rittertum entsage und fortan ruhig aeinen Kohl 
baue. Gebrochen kehrt der Besiegte helm. Aber kann denn Don Quixote leben 
ohne seine ritterlichen I deal e? Sein Wahn, sein Streben war der Inhalt seines Os- 
seins, der Kern seiner PersSnlichkeit. Nun trigt er den Tod im Herzen. Er ver- 
brennt die Bucher, die den Wahn in ihm entzundet. Als die Flammen lodern, funlt 
er sein Ende nahen. Da erst ertthrt er durch einen Brief Carasco's, dass ihn nlch< 
nur die Bucher verfuhrt, sondern auch die Menschen betrogen haben, dass sein Wahn 
zugleich LQge war. Mit einem Fluche auf die BCcher und ihre Erdichter stirbt er. 
Mercedes und Carasco flnden den .Geretteten" entseelt Sancho aber, der den Wahn 
seines Herrn nie begriffen, weicht nicht von dem Toten. So klingt das Drama, das so 
reich an lustspielmlssigen und selbst an gewagt burlesken ZQgen 1st, rein menschlich 
ergreifend aus. 

Die Architektur des Dramas, dessen Handlung sich in drei Tagen abspielt, weist 
nicht Moss drei Akte, sondern — genau genommen — auch noch ein Vor- und ein 
Nachspiel auf. Das Vorspiel reicht bis zur ersten Verwandlung, zu „Don Quixotes 
phantastischem Ausritt"; das Nachspiel beginnt nach der letzten Verwandlung, mit 
,Don Quixotes trauriger Heimkehr". Die verbindenden Orchesterstucke, der ^Ausritt" 
und die ,Heimkehr«, zeigen uns in ihrer motivischen Verwandtschaft und Verschieden- 
heit die Entwicklung des Dramas. Diese Stucke treten aber nicht nur bedeutsam her- 
vor, sondern sind auch notwendige Glieder in der durchaus einheitlich gearbeiteten 
Partitur. Die Einheitlichkeit liegt zunlchat in der Treue des musikalischen Ausdrucks, 
der sich eng den Worten des Gedichts und den Vorgftngen auf der Buhne anschmiegt; 
des weiteren aber ergibt die Treue und Prlgnanz des Ausdrucks ganz von selbst eine Fulle 
von Leitmotiven, die eben nichts anderes sind als der aus der dramatischen Situation 
heraus glQcklich gefundene beste und unzweideutigste Ausdruck f&r gewisse hlufig 
wiederkehrende oder besonders wichtige dichterische Momente und dramatische Motive*. 
Das Charakteristische der v Don Quixote* -Partitur besteht nun hauptslchlich darin, 
dass sie einerseits ganz und gar nicht eine ruhelose .unendliche Melodic* und ein 
rortwlhrend aufgeregtes „malendes" oder „erkllreades« Orchester bringt, vielmehr in 
allem nach der leicht erkennbaren Geschlossenheit der Form strebt und an der ein- 
fachen Lied- und Tanzweise Gefallen flndet, wlhrend andererseits trotzdem ein sogar 
sehr konsequent durchgefuhrtes System von Leitmotiven und motivischen Ankllngen die 
Telle zum Ganzen flicht und den anmutigsten Schndrkeln ihre dramatische Bedeutung 
verleibt; ein Vorgang, der wohl nur Jenem Melodiker gelingen konnte, der wahren 
Sinn fur die Buhne hatte und schliessllch auch sein eigener Textdichter war — also 
Jedesmal genau wusste, worauf es ankam. Im zweiten Akt uberwiegen die geschlossenen 



Digitized by 



Google 




310 
DIE MUSIK IV. 17. 




Formen, das „Opernmftssige", am stXrksten; die leitmotivische Art der Behandlung 
rritt daneben auffallend zuriick; hier hat der Komponist — nach seinem eigenen Bo- 
kenntni8 — die Possen, die auf dem herzoglichen Schlosse mit Aufefigen, Tlnzen 
und allerlei Prunk und Llrm den verblendeten Ritter in Begeisterung versetzen, dazn 
benutzt, urn eine musikalische Satire auf die ,grosse Oper" zu tchreiben. Der dritte 
Akt, das Erwachen aus dem Traum, der Aufstieg znr Erkenntnis, itt dam v51Hg 
modern, „musikalisches Drama*, nicht bloat eine Reihe einzelner Szenen, sondern 
— musikalisch betrachtet — eine einzige grosse Szene Ton unnnterbrochener Steigening. 
Hier fehlen auch die in den beiden ersten Akten znr Kennzeichnung dea „Lokal- 
kolorites" verwendeten spanischen oder siidlichen Rhythmen and ▼eisen; hier, wo 
das rein Menschliche bestimmend wird, iat alios deutsch und gemfitvoll. Die ver- 
schiedenen Abstufangen und Verzweigungen dea Musikstiles dieser Tragikomddie sind 
ausnahmslos in dem Charakter der Dichtung begrGndet. So gelangen wir von der 
Farbigkeit der Telle wieder zur Einheitlichkeit dot Ganzen. 

Die bedeutungsvollsten Motive sind das acherzo-arrige Ritterspiel-Motiv: 



p4 m j 1 1 j nmiu 



daa sozusagen lisztisch ersonnene Ideal -Motiv: 



i^Nurr f | Ear j j r m i^ 



und daa den dritten Akt beherrschende, zuerst tastende und suchende, dann breit und 
machtvoll sich emporschwingende Motiv der KUrung: 



m 



•«i* *» 

=& 



^£ 



t- 



Die Benennung rGbit von Klenzl her. 

Diese drei Motive bilden daa Grundgerfist der vielgliedrigen Partitur: durch 
den Schein und Spuk dea Lebens fuhrt der unerschutterliche Glaube an daa Ideal 
von den wunderliehen Spielerelen achwirmerischer Torheit zur Klirnng und Befreiuag. 

Max Morold 

ZWEITE SYMPHONIE IN E-MOLL 
von Guido Peters 

Durch den ersten Satz der Symphonie 1 ) geht eine heroische Kampfes- 
stimmung, ein Ringen nach Licht und Befreiung, daa in den breitangelegten Schluss- 
sitzen zu Ende doe Werkes (letzte Teile des vierten Satzes) in erhdhtem Masse sich 
geltend macht und auch zur sieghaften, grdssten Kraftentfaltung der Persdnlichkeit 
ffihrt. Die Mittelsitze, die bei der Grazer Auffuhrung entfallen, geben die breite lyrische 
Basis, die von den Ecksltzen eingefasst wird. 

Die Hanptthemen sind so prlgnant, dass der Kurze halber Notenbeiapiele 
hierf&r entfallen mdgen. 

Das erste Thema (e-moll) ruft sofort durch sein rezitativisches Haupt- 
motiv (Blsse) zu Kampf und Auflehnung gegen finstere, feindliche Mlchte. Das 



') Das Werk 1st noch Manuskrlpt. 



Digitized by 



Google 




311 

41. tonkOnstlerfest in graz 



Ji 



ganze Orcheater fillt mit einem Aufschrei ein, dann folgt kurze Beruhigung auf dem 
G-dur Akkord, worauf ein fur den ganzen Satz charekteristischer (Nonen)-Akkord (pizz.) 
za neuem Ansturra eaffordert. Schon stud demit die das Theme beherraehenden 
Motive gegeben, die haapttlchlich den ganzen Sets aufbauen. Ein neuer Anlauf, 
wieder der Aufschrei and nun geht es sturmisch fort, bis der chsrekteristische Akkord 



(nan gehelten and sebwer) so erscheint: -9* K P . worsn sich eine splter 



w 



dfter verwendete hinendrlngende Viertelflgar schliesst und den Kampf weiterfflhrt. 
Wieder tritt der pizz.-Akkord auf mit einer Pauaen-^ (wie frfiher), worauf ein 
breiterer, milder Gesangaatz folgt, der innerlich ant dem Haaptthema (B&sse: 
piano ensdrucksvoll) hervorzugehen scheint. Nacb einem Oboe-Solo (zert) neuerllche 
Beweguog and wieder obige Viertelfigur, nun easmundend in den ersten shnungs- 
vollen Ruf kunftiger Befreiang: 6/4- Akkord von G-dur; in den Violinen Teile des 
Tbemes (zugleicb ein Tekt deaselben in der Erweiterung), dann in den Bllaern 

(Hftrnern) auffceregt der verminderte Septekkord f f f T" P ' worauf die 

Blase wieder mit dem Hauptthema losbrecben; nun leidenachaftlich-klagendes Ringen 
and endllch Berahigung im Klerinetten- (und FISten-) Solo: 



i 






*=#«= 




(Motiv eua dem Hauptthema), worauf bald das zweite Theme (G-dur Hornaolo) mit 
mlldverkllrtem Schluss folgt. Nun noch ein peer Tekte der Erregung und die Stufe 
G sinkt nech Fis-Peukentriller-ppp: Die Durchfuhrung beginnt, eingeleitet durch 
die fruher schon erwlhnte gewundene Achtelflgur (Motiv eus dem Hauptthema), wo- 
bei die Blsse bis Dis hinabateigen. Kedenz in fls-moll. Die geneoe Deteilierung 
des Durchfuhrungssetzes wGrde zu weitllufig werden. Er wird durch die Hauptmotive 
auagestaltet; wie ein ferner Weckruf (fanferenertig schon leise auf den letzten Setz 
hinweisend) t6nt des zweite Theme zweimel hinein. Hingewiesen sei euf die eufw&rts- 
drlngende Viertelflgar, die des zweitemel hinebfuhrt und heroisch in den Hdrnern 
er8chellt (Ges-dur). Es folgt ein b-moll Setz, der den Kempf erhitzter weiterfuhrt: 
des Theme I erscheint in der Verkehrung und zum Teil in der Erweiterung (Bliser), 
die Streicher fehren mit einer (schon frflher eufgetretenen) sturmischen Figur Sfter 
dezwischen — leise, etwes enschwellende Peukentriller — leidenscheftlich ringt die 
Persdnlichkeit mit den feindlichen Mlchten. Ces-dur: Blsse usw. (Teil des ersten 
Themes, verkehrt und erweitert) — oben die F15te (mit der gewundenen Achtelflgur) 
— mitten durch t5nen feierliche Trompetenkllnge, splter lebbeft-heroisch ein Motiv 
eus Theme II: debei mehrere Moduletionen. Motive eus dem Hauptthema treten 
immer deutlicher hervor und fQhren zu Jenem beruhigenden G-dur Akkord, der gleich 
zu Anfang des Setzes ertdnte; der pizz.-Akkord tritt wieder euf: men steht vor der 
Wiederkehr des Hauptthemes. Nun erscheint es nach der ** ale Sologesang 
der ersten Violine in seiner ganzen Bedeutung wieder, jedoch nicht sturmisch, 
8ondern einsam-klagend; die Fldte folgt (von Streichertremolo ppp begleitet), worauf 
der Nonenakkord (diesmel fls-moll) sich wieder unsenft geltend mecht Hiereuf der 
einseme Gesang in fls-moll in den Violen, denn wieder die Fldte — usw. Der Ge- 
sangsetz (e-moll) kehrt wieder, nur noch eindringlicher. Oboesolo (zert) — wieder 



Digitized by 



Google 




312 
DIE MUSIK IV. 17. 




,aufgeregt" — usw. Die hinandrlngende Viertelfigur auf dem Akkord: 



^^ 



ffihrt zur bcfreienden Stelle analog wie im ersten Teil (diesmal E-dur). 

Das weitere fthnlich wie dort, dann das Thema I (atatt in den Biaaen) wild in 
den Violinen, krampfhaft zuruckhaltend (Holz, usw.) — und nach zartem Obergang 
setzt das zweite Thema (pp E-dur) (Horn- and Trompetenaolo) ein und ffihrt mild- 
▼erkllrend zum H5hepunkt des ganzen Satzea, zum m&chtig-breiten Ausklingen 
dea Hanptthemaa in E-dur. Kaum scheint nun endlich der lichtvolle Sieg erreicht, 
breitet sich wieder Dftmmerung fiber die Seele aus, matt verainkt ale nach einigem 
kurzen Aufleuchten (C-dur— G-dur— B-dur— F-dur [Hfirner] usw.) in schmerzliche 
Schwennut: e-moll lisst sich wieder vernehmen und fiber einer zitternden Streicher- 
figur (worin man das Hauptthema, rhythmiach verindert, wiedererkennt), erklingen 
seufzend die Bllaer (Motiv aus dem Hauptthema) und raff en sich noeh zum letzten 




Aufachrei auf | A\ V r worauf dann nach dem letzten pizz.-Akkord (sff) und 

nach lingerer Pause ( yfs ) tiefste Resignation eintrltt: die Biase bringen das Haupt- 
thema, ferae Poaaunentdne erinnern an das zweite Thema; noch erschallen wehmfitige 
Klagelaute in den Holzbllsern (wie fiber Trauerkllngen) — und die Persfinlichkeit, 
die all das Ringen und die kurze, lichtroll-sieghafte Befreiung erlebt hat, bricht matt 
und kraftlos in sich zuaammen. Die Basse erreichen das tiefe E, zwei schattenhafte 
e-moll Akkorde beschliessen den Satz. 

Hinaus fiieht die verzweifelnde Seele, hinaus in die Natur. Waldeaduft saugt 
sie ein, urn sich darin geaund zu baden: Zweiter Satz (A-dur). Alles spriesst und 
grunt und ahnungsvoll schliesst dieser Satz mit einer lang ausgehaltenen Fldtenterz 




Der dritte Satz (cis-moll) 1st ein melodisch-breltes, dfister-leidvollea Adagio, 
nur von einigen trostbringenden Stellen (Mittelsatz usw.) durchwoben. Nur zweimal 
zeigt sich darin die unbezwlngbare heroische Kraft des ersten Satzes. Todestrauer 
breitet sich gegen Ende immer mehr aus, doch bringen Kllnge aus feraen Hfihen 
(Tromp. C-dur — dann Fag. — zuletzt breiter Dea-dur Schluss) erl5sende Verkllrung. 

Die Mittelsitze haben zwar nicht eigentlich thematische, aber dennoch tief- 
innerliche Beziehungen zu den Eckaltzen (so gibt es im zweiten Satz eine fifter er- 
scheinende kleine Fanfare [wie ein lieblicher Naturruf wirkend], die glelchsam als 
Vorllufer der grdsseren im letzten Satz erscheint). Doch genug hienron; das liebliche 
Idyll (zweiter Satz) und der duatere Trauergesang (dritter Satz) sind ja ffir die Auf- 
ffihrung beim Tonkfinstierfest gegenatandslos. 

Drum zum vierten (letzten) Satz (wild, trotzig, bacchantisch. e-moll). — Hinein 
wieder ins tolle Treiben und Leben! Die Kraft erprobt, gestlhlt! Wenn sie im 
Bacchanal sich nicht verliert, so winkt Ihr Jener Sieg, den sie einstmals (erster Satz) 
vergeblich featzuhalten suchte. 

Auch die verkllrenden Des-dur-Klinge (Ende des dritten Satzea) wirken nun 



unhelmlich-kontrastierend. Die zitternden Violinen 1 fiH T i r "T C 7 — u»w. Das 
faunische Getriebe beglnntl 




Digitized by 



Google 




313 
41. tonkOnstlerfest IN GRAZ 




Ans -fi W ""i — ;— schliesst sich das prSgnante Hauptthema (pp): 




Viol. I. -^ =zzcre$c: Schritt nach P. f-moll: Thema (Oboe-Solo). Zurfick nach 

e-moll (Thema, welter ausgestaltet) — pldtzlich Dur (Ten E-gis), nun Figur 

s 

f \ \ u 7 herab, worauf sich das Thema humonroll liber dem fibermissigen Drei- 



klang 4?* jjj = bewegt Eln sanfter Hfirnereintritt schliesst die Dlssonanz 



harmoniach auflfisend, dieses Intermezzo and Modalationen leiten (zuletzt stark zurfick- 
haltend) zum zweiten Thema (G-dur) fiber. Eine Fanfare erfiffnet es und wie elne 
sfisse weibliche Stimme (Oboe-Solo) tritt es beslnftigend in das wilde Treiben ein — 
mildes Licht verbreitend. Ofter tdnt die Fanfare hinein and imraer innlger wird die 
Stimme, als wollten beide der irrenden, strebenden Seele den splteren Sieg verkunden. 
Doch noch Hegt er ferae. Die Erscheinang verblasst and die faunlschen Geister 
8chlingen wieder ihren Reigen. Beginn der Durchffihrung: Oboe-Solo in C-dar (aus 
dem Hauptthema, Jedoch ver&ndert and neue kleinere Motive henrortreibend: a. a. 



wird 



i 



*,f 5 f 



usw. von Bedeutung fur den ganzen weiteren Satz). 



Das tolle Wesen setzt sich fort. Zu Ende der Durchffihrung steigen gedlmpfte 
Hfirner ppp in verminderten Septakkorden herab (auf dem Orgelpunkt H) und es 

PPP 
erfolgt die Wiederkehr des Hauptthemas (auf dem Orgelpunkt) l) y — geheimnis- 



▼oil, spukhaft) in den ersten Violinen (und zwei Klarinetten). Oben (kleine Fidte und 
Flfite) huscht eine charakteristische Triolenflgur (pp)> die Mittelstimmen bringen u. a. 



das frfiher erwlhnte A% J* s -p— usw. — was das faunische Element betriflt, wohl 
die Hauptstelle des Satzes. Mit einem Aufschrei in den Holzbllsern setzt sich dieser 
Hexensabbath fort und es erfolgt jetzt mittels 



^m 



der Schritt nach F. 



F-Hdrner: Thema (in der etwas verlnderten Gestalt) in f-moll usw. — hinaufstfirmende 
Triolenflguren (an derem Ende erster Beckenschlag) — und das Thema I 1st in 
wildestem ff wieder da (e-moll). Nun mittels Dur und elnigen Modulationen 



(mit JN [ usw.) nochmals zum zweiten Thema (diesmal C-dur). Wieder die 



Fanfaren und die sfisse weibliche Stimme (Oboe-Solo). Es gilt das frfiher Gesagte, 
nur verbreitet sich diesmal dieser Satz zu innigster Verkllrung (Stimmungsverwandt- 
schaft mit dem Des-Schluss des dritten Satzes) und klingt in einem yollen weichen 
C-Akkord aus (zugleich Triangelschlag [pp]> der einzige im ganzen Work). Wihrend- 
dessen tritt bedeutungsvoll das Hauptthema des ersten Satzes (pp in den 
Trompeten) ein, als der eigentliche Repr&sentant der alles erleb;nden Persftnlichkelt 
Diese. rastlos strebend, ist durch Jene Stimme gleichsam zum Sieg geweiht Dieser 



Digitized by 



Google 




314 
DIE MUSIK IV. 17. 




Moment mag als Haupt-Markstein der ganzen Symphonic gcltcn. Doch noch 
gilt es, die letzten grossen K&mpfe zu bestehen: das helle Licht verlischt und wieder 
beginnen die faunischen Elemente ihr Unwesen zu treiben. Doch das Thema vom 
ersten Satz scheint ihnen Halt gebieten zu wollen (in den Posaunen usw.). Die Bisse 
baben das Hauptmotiv aus dem Thema des vierten Satzes (rastlos-dahinsturmender 
Bass, iramer weiter ausgreifend), einen Orgelpunkt bilden Kontrafagott, zwel Pauken- 
paare usw. Es kommt zu einer grossen Steigerung, die mlt wuchtigem Ritenuto 
trugschlussmlssig in die Fanfaren tibergeht, die sich fiber A-dur— Cis-dur zu E-dur 
gewaltig verbreiten und triumphal den nahen Sieg verkfinden (dabei tdnt das Haupt- 
motiv aus dem I. Tbema des ersten Satzes 5fter hinein). 

Nun erscheint nach einer lebbaften Figur der Violinen (aus den Fanfaren 
genommen) unter dem Tremolo der letzteren das Hauptthema des ersten Satzes 
(Bisse C-dur),